Bei der Betrachtung von Brechts Gedicht Das Schiff zeigt sich, wie widersprüchlich sich dessen Naturlyrik zur eigentlich der Lyrik übergeordneten Kategorie des Apollinischen verhält, sodass an dieser Stelle die Frage nach einer passenderen Kategorie erwächst. Auf der Suche nach einer solchen fällt der von Nietzsche in selbiger Schrift dem Apollinischen gegenübergestellte Begriff des Dionysischen in den Blick. Ist es möglich zentrale Elemente aus Brechts Naturlyrik, dem eingangs zitierten Gedicht widersprechend, dem Dionysischen zuzuordnen?
Inhaltsverzeichnis
1. Das Dionysische in Bertolt Brechts Naturlyrik
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern sich zentrale Elemente der Naturlyrik von Bertolt Brecht als Ausdruck des dionysischen Prinzips interpretieren lassen, wie es Friedrich Nietzsche definiert hat. Hierbei wird Brechts Lyrik einer Analyse unterzogen, die den Gegensatz zum apollinischen Modell beleuchtet und die Bedeutung von ekstatischer Selbsterfahrung sowie Grenzauflösung herausarbeitet.
- Vergleich der Schifffahrtsmetaphorik bei Schopenhauer/Nietzsche und Brecht
- Einführung in Nietzsches Konzepte des Apollinischen und Dionysischen
- Analyse der Rauschthematik und Einheitserfahrung in Brechts Gedichten
- Untersuchung von Bewegungsabläufen wie "Sinken", "Fallen" und "Wiegen"
- Die Funktion der Lyrik als Lehrgedicht und Anweisung zur Lebenshaltung
Auszug aus dem Buch
Das Dionysische in Bertolt Brechts Naturlyrik
Dieses Gedicht von Hans Sachs gibt Friedrich Nietzsche in seiner Schrift Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik wieder, um hieran die Parallelen vom Traum zur apollinischen Seite der Kunst aufzuzeigen. In der Traumwelt, so Nietzsche, liegt die Voraussetzung aller bildenden Kunst, wozu er, mittels des angebrachten Gedichts, auch die Poesie zählt. Der Dichter wird folglich zum mimetischen Künstler zugeordnet, der, ganz im Sinne der griechischen Kunstgottheit Apollon, versucht, den Schein der Welt mit seinen Worten zu begreifen und festzuhalten.
Diese Facetten des apollinischen Prinzips fasst Nietzsche mittels einer von Schopenhauer eingeführten Schiffsmetapher: „Wie auf dem tobenden Meere, das, nach allen Seiten unbegrenzt, heulend Wellenberge erhebt und senkt, auf einem Kahn ein Schiffer sitzt, dem schwachen Fahrzeug vertrauend; so sitzt, mitten in einer Welt von Qualen, ruhig der einzelne Mensch, gestützt und vertrauend auf das prinzipium individuationis.“ Die Schiffsfahrt gleicht in dieser Metapher der sich zuspitzenden, zielgerichteten Individualisierung des Menschen im Laufe seiner Biographie. Im wilden Ozean des Lebens findet der Kahn doch seinen Weg, trotzt den Widrigkeiten und führt seinen Schiffer in den sicheren Hafen des „Selbst“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Dionysische in Bertolt Brechts Naturlyrik: Das Kapitel führt in die theoretischen Grundlagen des dionysischen und apollinischen Prinzips ein, kontrastiert Brechts Bild der Schifffahrt mit traditionellen Metaphern und analysiert anhand ausgewählter Naturlyrik die Motive von Rausch, Einheitserfahrung und passiver Selbstvergessenheit.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Friedrich Nietzsche, Naturlyrik, Dionysisches, Apollinisches, Schifffahrtsmetapher, Einheitserfahrung, Rausch, Selbstvergessenheit, Transzendenz, Hauspostille, Lehrgedicht, Identitätsdiffusion, Mimesis, Passivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Verbindung zwischen Nietzsches philosophischem Begriff des Dionysischen und der frühen Naturlyrik von Bertolt Brecht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Analyse konzentriert sich auf Konzepte wie Rausch, Einheitserfahrung, Grenzauflösung zwischen Subjekt und Objekt sowie die Rolle der Leiblichkeit in Brechts Gedichten.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu belegen, dass Brechts Naturlyrik entgegen dem apollinischen Streben nach Form und Ordnung wesentliche dionysische Züge aufweist, die eine passive Selbsterfahrung des lyrischen Ichs implizieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die philosophische Begrifflichkeiten von Nietzsche auf spezifische lyrische Texte Brechts anwendet und diese interpretatorisch gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung (Nietzsche), die Analyse der Schiffsmetapher, die Untersuchung von Bewegungen wie "Sinken" und "Wiegen" sowie die Interpretation der Gedichte als Lehrgedichte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Dionysisches, Einheitserfahrung, Identitätsdiffusion, Hauspostille und Passivität.
Wie unterscheidet sich Brechts Schifffahrtsmetapher von der Schopenhauers?
Während bei Schopenhauer der Schiffer aktiv auf sein Individuum vertraut, zeichnet sich Brechts Schiffsbild durch Ziellosigkeit, Haltlosigkeit und ein kampfloses Aufgehen im Meer aus.
Welche Bedeutung hat die Form des Lehrgedichts für Brechts Naturlyrik?
Die Form des Lehrgedichts dient dazu, den Rezipienten nicht nur visuelle Mimesis zu vermitteln, sondern ihn zur praktischen Selbsterfahrung und zur Übernahme einer spezifischen Lebensanschauung anzuregen.
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- Anonym (Author), 2021, Das Dionysische in Bertolt Brechts Naturlyrik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1391367