Die vorliegende Arbeit untersucht die Hintergründe der Besetzung der Falklandinseln durch Argentinien 1982, welche zu einer militärischen Auseinandersetzung mit dem Vereinigten Königreich geführt hat. Fraglich ist, aus welchen Gründen die argentinische Regierung einen Konflikt mit Großbritannien provozierte. Dies kann als Fallbeispiel zur Darstellung eines generellen Phänomens in der Kriegsursachenforschung dienen, nach welchem es zu analysieren gilt, wieso verhältnismäßig schwächere Mächte den Konflikt mit stärkeren Mächten riskieren.
Der Falklandkrieg ist als Fall insbesondere attraktiv, da zumindest intuitiv und oberflächlich betrachtet, keine ausgewogene Verhältnismäßigkeit zwischen den möglichen Gewinnen des Aggressors und den erwartbaren negativen Konsequenzen seines Agierens besteht. Die Annahme, die Regierungsführung Argentiniens habe aus purer Ignoranz oder Irrationalität gehandelt, erscheint retrospektivisch zwar eine einfache Antwort zu liefern, greift jedoch zu kurz und schließt die zeitgenössische Gesamtsituation aus. In diesem Sinne sei die Hypothese abzuleiten, dass komplexere Gründe, als auch strukturelle Zwänge, die Kriegshandlungen fundierten, und die Entscheidung zur Annexion aus argentinischer Perspektive ein wohl überlegtes und legitimes Mittel der Außenpolitik gewesen sei.
Diese Arbeit ordnet sich in die Debatte um die Hintergründe des Entschlusses der argentinischen Regierung zur Invasion der Falklandinseln ein und soll zu dieser konstruktiv beitragen. Dabei wird die Verbindung zweier Analyseebenen unterschiedlicher Theorien der Internationalen Beziehungen vollzogen. Die Methode des Theorietests- und vergleiches wird angewandt, da in einschlägiger Fachliteratur zu dem Falklandkrieg die Hintergründe des Kriegsgeschehens zwar historisch aufgearbeitet worden sind, eine Analyse der Zusammenhänge und Ursachen des politischen Kurses Argentiniens jedoch kaum multiperspektivisch oder auf mehreren Ebenen erfolgte.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Falklandkrieg
3 Erklärung der Entscheidung zur Invasion der Falklandinseln
3.1 Grundlagen des Neorealismus
3.1.1 Grundlagen des offensiven Neorealismus
3.1.2 Fallanwendung und Analytik
3.2 Grundlagen des Intergouvernementalismus
3.2.1 Rally-’round-the-Flag und Wag the Dog
3.2.2 Fallanwendung und Analytik
4 Schlussbetrachtung
5 Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Hintergründe der argentinischen Invasion der Falklandinseln 1982 und hinterfragt aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive, warum sich eine militärisch unterlegene Macht dazu entschließt, einen Konflikt mit einem stärkeren Gegner wie dem Vereinigten Königreich zu provozieren.
- Analyse der argentinischen Beweggründe unter Anwendung neorealistischer Theorien.
- Untersuchung der außenpolitischen Entscheidungsfindung durch den Intergouvernementalismus.
- Erforschung von "Rally-’round-the-Flag"-Effekten und "Wag the Dog"-Szenarien.
- Testung der Hypothese, dass strukturelle Zwänge und innenpolitischer Druck die Invasion als legitimes politisches Mittel motivierten.
- Vergleichende Analyse asymmetrischer Konfliktkonstellationen in der Kriegsursachenforschung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Grundlagen des Neorealismus
Als eine systemische Theorie verfolgt der Neorealismus das Ziel, Einflüsse auf die Akteure der internationalen Politik konzeptuell und analytisch präziser zu fassen als bisherige 3rd Image Theorien. Kenneth N. Waltz entwickelte die Theorie des Neorealismus in den 1970er Jahren unter Betrachtung der Grundzüge des klassischen Realismus und der Überwindung struktureller Diskrepanzen bestehender systemischer Theorien. Insbesondere durch den ausgewiesenen Strukturbegriff, „[…] composed of a structure and of interacting units“ (Waltz 1979, S. 79) ließen sind Phänomene in dem Verhalten von Akteuren in der internationalen Politik systematisch als Gesetzmäßigkeiten identifizieren (Auth 2014, S. 55). Ebenjene Struktur bestimme das Verhalten aller Akteure gleichermaßen, indem sie politische Ergebnisse zwar nicht selbst produziere, jedoch gute Entscheidungen von Akteuren honoriere, und falsche Entscheidungen durch negative Ergebnisse sanktioniere (Waltz 1979, S. 92; Auth 2014, S. 55). Motive innerhalb eines Staates, die menschliche Natur oder die institutionelle Umgebung bliebe nach Walz zur Analyse der Entscheidungsfindung politischer Akteure unbeobachtet. „[…] distinct from economic, social and other international domains“ (Waltz 1979, S.79). Diese fänden allgemein Anwendung in der ersten und zweiten Analyseebene (Auth 2014, S. 58, 59).
Im Zentrum der Waltzschen Theorie steht also das Bemühen, das internationale System als eine eigenständige Analyseebene zu etablieren und den Zusammenhang zwischen dem strukturellen Aspekt der internationalen Politik und dem Außenverhalten von Staaten systematisch zu entwickeln (Masala 2017, S. 156).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Definition der Forschungsfrage und Einordnung des Fallbeispiels Falklandkrieg in die Theorien der Internationalen Beziehungen.
2 Der Falklandkrieg: Historischer Abriss des Falklandkrieges 1982 sowie eine Darstellung der militärischen und wirtschaftlichen Akteurskapazitäten.
3 Erklärung der Entscheidung zur Invasion der Falklandinseln: Theoretische Analyse der Invasion durch die Linsen des Neorealismus und Intergouvernementalismus unter Berücksichtigung systemischer und innenpolitischer Faktoren.
3.1 Grundlagen des Neorealismus: Erörterung der systemischen Auswirkungen von Anarchie auf Staaten und deren Streben nach Machtmaximierung.
3.1.1 Grundlagen des offensiven Neorealismus: Analyse des Übergangs von Sicherheitsmaximierung zur offensiven Machtmaximierung.
3.1.2 Fallanwendung und Analytik: Anwendung des Neorealismus auf das Verhalten der argentinischen Militärjunta.
3.2 Grundlagen des Intergouvernementalismus: Untersuchung der Rolle von Regierungen und nationalen Interessen bei der außenpolitischen Gestaltung.
3.2.1 Rally-’round-the-Flag und Wag the Dog: Analyse der Phänomene zur innenpolitischen Absicherung der Regierung mittels konfrontativer Außenpolitik.
3.2.2 Fallanwendung und Analytik: Untersuchung, wie die Junta durch das Wag the Dog Szenario versuchte, innenpolitische Stabilität durch den Krieg zu erzeugen.
4 Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Bestätigung der aufgestellten Hypothesen.
5 Literatur: Auflistung der im Werk verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Referenzen.
Schlüsselwörter
Falklandkrieg, Neorealismus, Intergouvernementalismus, argentinische Militärjunta, Machtmaximierung, Sicherheitsdilemma, Rally-’round-the-Flag, Wag the Dog, Außenpolitik, Kriegsursachenforschung, strukturelle Zwänge, asymmetrische Konflikte, internationale Politik, nationale Interessen, Galtieri.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Gründe für die argentinische Invasion der Falklandinseln 1982 und analysiert, warum ein militärisch schwächerer Staat einen Konflikt mit einem stärkeren Gegner riskiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die Theorien des Neorealismus, der Intergouvernementalismus sowie die Phänomene der innenpolitisch motivierten Außenpolitik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, eine generalisierte Antwort darauf zu finden, unter welchen Bedingungen rationale Akteure in asymmetrischen Machtverhältnissen militärische Konfrontationen in Kauf nehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode des Theorietests und -vergleichs, indem sie historische Ereignisse auf Basis unterschiedlicher Analyseebenen der Internationalen Beziehungen bewertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine neorealistische Analyse der systemischen Anarchie und eine intergouvernementalistische Untersuchung der Regierungsentscheidungen unter innenpolitischem Druck.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Neorealismus, Rally-’round-the-Flag, regionale Hegemonie, die Miscalculation-Thesis und der Intergouvernementalismus.
Welche Rolle spielt die Militärjunta bei der Entscheidung zur Invasion?
Die Junta agierte unter dem Zwang, durch nationale Interessen und innenpolitischen Unmut Außenpolitik zu betreiben, um ihren Fortbestand als Regierungsmacht zu sichern.
Was besagt die sogenannte "diversionary-war-thesis"?
Diese These besagt, dass politische Führer militärische Gewalt nach außen einsetzen, um von innenpolitischen Schwierigkeiten oder Missständen in der eigenen Bevölkerung abzulenken.
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- Michael Wagner (Author), 2022, Politische Gründe zur Besetzung der Falklandinseln 1982. Ein Theorietest- und vergleich unter Anwendung der Leitsätze des Neorealismus und des Intergouvernementalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1391414