Fanausschreitungen - Maßnahmen zur Eindämmung und Vermeidung von Zuschauergewalt im Fußballsport

Am Beispiel der UEFA EURO 2008™ in Österreich


Magisterarbeit, 2008

88 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG
1.1 Ausgangssituation
1.2 Problemdefinition
1.3 Zieldefinition
1.4 Methodik und Aufbau

2 DIE ENTWICKLUNG DES FUßBALLSPORTS ZUM ZUSCHAUERSPORT
2.1 Die Geschichte des Fußballsports
2.1.1 Die Vorboten des modernen Fußballs
2.1.2 Die Geburtsstunde des modernen Fußballs
2.1.3 Vom Gentlemen- zum Arbeitersport
2.1.4 Die internationale Ausbreitung des Fußballsports
2.2 Der Zuschauersport Fußball
2.2.1 Die Entwicklung zum Zuschauersport
2.2.2 Fußball als Zuschauersport in den 1980er Jahren
2.2.3 Fußball als Zuschauersport in den 1990er Jahren

3 DER FUßBALLZUSCHAUER
3.1 Die Motive des Fußballzuschauers
3.2 Ausdifferenzierung der Fußballzuschauer
3.2.1 Der konsumorientierte Typ
3.2.2 Der sportzentrierte Typ
3.2.3 Der erlebnisorientierte Typ

4 ZUSCHAUERAUSSCHREITUNGEN UND HOOLIGANISMUS
4.1 Die Entwicklung des Hooliganismus
4.2 Ursachen von Gewalt/Hooliganismus im Fußballsport
4.2.1 Die soziale Herkunft
4.2.2 Der zivilisationstheoretische Ansatz
4.2.3 Die Aggressionstheorie
4.2.4 Verlust der Selbstregulation
4.3 Merkmale des Hooliganismus
4.3.1 Gewalt
4.3.2 Vereinsidentifikation
4.3.3 Die Hierarchie
4.3.4 Der Ehrenkodex
4.3.5 Alkohol und Drogen
4.3.6 Die eigene Darstellung nach außen
4.4 Die aktuelle Hooligan-Situation

5 RISIKOMANAGEMENT ALS ANSATZ ZUR ERSTELLUNG PRÄVENTIVER SICHERHEITSMAßNAHMEN
5.1 Die Risikoidentifikation
5.2 Die Risikoanalyse
5.3 Die Risikobewertung
5.4 Die Risikohandhabung
5.5 Risikokontrolle

6 MAßNAHMEN ZUR EINDÄMMUNG VON ZUSCHAUERGEWALT IN ÖSTERREICH BEI DER UEFA EURO 2008™
6.1 Die Unterteilung der Sicherheitsbereiche
6.2 Möglichkeiten zur Verhinderung von Zuschauerausschreitungen
6.2.1 Das Bundesministerium für Inneres
6.2.2 Die EURO 2008 SA
6.2.3 Fanprojekte
6.2.4 Erfahrungswerte von vorangegangen Großveranstaltungen
6.3 Die Anwendung des Risikomanagement-Prozesses zur Gewährleistung der Zuschauersicherheit
6.3.1 Die Identifikation und Analyse der Risiken
6.3.2 Die Bewertung der Risiken
6.3.3 Die Bewertung der Zuschauer
6.3.4 Die Risikohandhabung
6.3.5 Vorfälle während der UEFA EURO 2008™
6.4 Der Wissenstransfer und die Nachhaltigkeit der UEFA EURO 2008™

7 SCHLUSSBETRACHTUNG

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Entwicklung der Zuschauerzahlen bei Pokalendspielen in England

Abbildung 2: Risikomanagement-Prozess

Abbildung 3: Risikosystematik

Abbildung 4: Risikomatrix

Abbildung 5: Organigramm Sicherheit bei der UEFA EURO 2008™

Abbildung 6: Flexible Fantrennungsmaßnahmen

Abbildung 7: Risiko-Checkliste

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 EINLEITUNG

1.1 Ausgangssituation

Aufgrund der freizeitorientierten Entwicklung der Gesellschaft erfreut sich der Sport kontinuierlich an größerer Beliebtheit und nimmt in der heutigen Zeit einen äußerst hohen Stellenwert ein. Durch den fortschreitenden Prozess der Professionalisierung und Kommerzialisierung des Sports rückt der Rezipient, der so genannte Sportzuschauer, vermehrt in das Zentrum des Interesses und das aktive Sporttreiben steht nicht mehr im alleinigen Mittelpunkt. Innerhalb eines Jahrhunderts konnte sich der Fußballsport zu einem weltweiten Massenphänomen entwickeln, dem heute innerhalb der Fülle an Sportarten die größte Beliebtheit und Beachtung zuteil wird und der in manchen Ländern und Kulturen gar als Teil der nationalen Identität angesehen wird. Woche für Woche versammeln sich Millionen von Zuschauern in den Fußballstadien oder vor den Fernsehbildschirmen, um entweder ihre Vereine bedingungslos anzufeuern oder unter dem einfachen Gesichtspunkt, ein attraktives Spiel erleben zu wollen. Der Zuschauer stellt weit mehr als nur den passiven Teil des Sporterlebens dar, denn durch den Applaus und die unermüdlichen Anfeuerungsrufe von den Rängen, nimmt das Publikum aktiv am Spielgeschehen teil.

Seit Anbeginn seines Bestehens wird der Fußballsport von gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Zuschauern begleitet, deren Ausprägungen und Ausmaße kontinuierlich neue Dimensionen annehmen. Waren zu Beginn des Fußballsports Ausschreitungen nur gelegentlich und am Rande von Fußballspielen festgestellt worden, bildete sich in den 1960er Jahren eine neue, organisierte Form der Gewalt - Hooliganismus. Anfänglich wurde es als rein englisches Phänomen behandelt, das erst durch die steigende Berichterstattung von diversen Vorfällen in nahezu allen Fußballligen der Welt, in das internationale Bewusstsein gerufen wurde. Aus dieser Erkenntnis entstand für die Verantwortlichen des Fußballsports Handlungsbedarf, die Ursachen und Ausprägungen dieses Phänomens zu eruieren, um in weiterer Folge gegen diese eminente Bedrohung vorzugehen. Weltweit arbeiten Fußballvereine und diverse nationale Verbände mit der Exekutive zusammen, um die entsprechende Sicherheit der friedlichen Masse zu gewährleisten und diese Gewalttaten zu bändigen.

1.2 Problemdefinition

Angesichts der dynamischen Entwicklung des Fußballsports in den vergangenen Jahrzehnten wurden internationale Wettkämpfe, wie Fußball-Welt- und Europameisterschaften eingeführt, die sich längst zu ertragreichen Sportgroßereignissen entwickelt haben, deren Zuschauerzuspruch keine Grenzen zu haben scheint und die von Turnier zu Turnier größere Massen in ihren Bann ziehen. Österreich und die Schweiz haben sich in einem gemeinschaftlichen Projekt um die Austragung des drittgrößten Sportereignisses der Welt, der Fußball-Europameisterschaft, beworben und erhielten am 12. Dezember 2002 den Zuschlag, die UEFA EURO 2008™ auszurichten. Mit der Durchführung dieser Sportgroßveranstaltung bot sich den beiden Ländern die einzigartige Möglichkeit, sich der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Hunderttausende Fans und unzählige Journalisten aus aller Welt verfolgten von 07. bis 29. Juni 2008 dieses Großereignis vor Ort. Um einen weitestgehend reibungslosen Ablauf zu gewährleisten und etwaige Risiken vorab zu erkennen, bereitete man sich fünf Jahre akribisch auf die Durchführung der UEFA EURO 2008™ vor, wobei dem Bereich Sicherheit besonderes Augenmerk galt.

Durch Ausschreitungen gewaltbereiter Fans und terroristische Attacken in der Vergangenheit rückte der Sicherheitsaspekt bei Sportgroßveranstaltungen in den Fokus der Organisatoren. Die drohende Gefahr, die im Fußballsport und vor allem bei internationalen Turnieren, von Hooliganismus ausgeht, wurde in seinem Ausmaß unter anderem bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 erkannt, als deutsche Hooligans in Lens den französischen Polizisten Daniel Nivel beinahe zu Tode prügelten. Auch im Zuge der Fußball- Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wurden Vorfälle zwischen gewaltgeneigten Fußballfans, wie etwa Auseinandersetzungen zwischen polnischen und deutschen Hooligans, publik. Durch den Einsatz technischer Hilfsmittel, wie der Videoüberwachung in den Stadien, können die Täter ausgeforscht, in speziellen Datenbanken erfasst und mittels umfangreicher Auflagen sowie internationalen Stadionverboten vom Besuch eines Fußballspiels abgehalten werden. Durch die internationale Zusammenarbeit der Polizei und der Fußballverbände werden kontinuierlich neue Methoden erarbeitet, um der Gewalt im Fußballsport und Hooliganismus im Besonderen, vorzubeugen und entgegenzuwirken. Um in Österreich Ausschreitungen im Rahmen der UEFA EURO 2008™ einzudämmen, wurden knapp vor diesem Großereignis neue Gesetze erlassen, um gezielter gegen diese Problematik vorgehen zu können.

1.3 Zieldefinition

In dieser Arbeit wird die Entwicklung des Fanverhaltens im Fußballsport erläutert und es werden im Speziellen die Ursprünge, Merkmale und Auswirkungen des Phänomens Hooliganismus beleuchtet werden. Des Weiteren soll die Verwendung des Risikomanagement-Prozesses als Ansatz zur Erarbeitung präventiver Sicherheitsvorkehrungen verdeutlicht werden sowie jene Maßnahmen, die im Zusammenhang mit der UEFA EURO 2008™ von Seiten der Polizei und des Veranstalters Anwendung fanden, erläutert und deren Vorgehensweise mittels Beispielen veranschaulicht werden. Inwiefern die getroffenen Maßnahmen und die neuen Erkenntnisse im österreichischen Ligaalltag Verwendung finden, wird im Anschluss erarbeitet, um mit einem Ausblick auf die Entwicklung und Handhabung der Hooliganproblematik zu schließen.

1.4 Methodik und Aufbau

Die vorliegende Arbeit umfasst neben Einleitung und Schlussbetrachtung fünf Kapitel, die sich in einen theoretischen (Kapitel 2-5) und einen empirischen Teil (Kapitel 6) gliedern. Der Erstellung dieser Diplomarbeit liegt eine umfangreiche Literaturrecherche zugrunde, welche die Abklärung der theoretischen Grundlagen zum Ziel hat und die Wissensbasis für den darauf aufbauenden empirischen Teil bildet. Für die Erstellung der vorliegenden Arbeit dienen dem Autor zahlreiche Informationen aus persönlichen Gesprächen mit Mitgliedern des Organisationsteams der Fußball-Europameisterschaft, welche im Rahmen eines Praktikums von Januar bis Juli 2008 für die EURO 2008 SA, einer 100-prozentigen Tochterfirma der UEFA, die für die Organisation der UEFA EURO 2008™ in Österreich und der Schweiz verantwortlich zeichnete, geführt wurden. Darüber hinaus wurden ausführliche persönliche leitfadengestützte Experteninterviews mit den Sicherheitsverantwortlichen der EURO 2008 SA und dem Bundesministerium für Inneres sowie dem Geschäftsführer der beauftragten Arbeitsgemeinschaft der privaten Sicherheitsdienste geführt, um anhand ihrer Erfahrungswerte und Kenntnisse das angestrebte Forschungsergebnis zu erlangen.

Der theoretische Teil dieser Arbeit befasst sich zunächst in Kapitel 2 mit der Entstehung und internationalen Verbreitung des Fußballsports sowie mit seiner Entwicklung zum Zuschauersport in seiner heutigen Ausprägung. Um eine Einordnung der gewaltbereiten Fußballfans vorzunehmen, wird in Kapitel 3 eine Typisierung der Zuschauer vorgenommen und deren Merkmale erläutert, um in weiterer Folge in Kapitel 4 auf Zuschauerausschreitungen einzugehen und eine detaillierte Betrachtung der Entstehung, Ursachen und Merkmale von Hooliganismus vorzunehmen. Abgeschlossen wird der theoretische Teil mit der Erläuterung des Risikomanagement-Prozesses in Kapitel 5, da durch diese Vorgehensweise Gefahren frühzeitig erkannt und analysiert werden können, um in weiterer Folge entsprechende Gegenmaßnahmen zu planen, wodurch diese Methode zur Vermeidung von Zuschauergewalt angewendet werden kann.

Anfänglich wird im empirischen Teil eine Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Sicherheit vorgenommen, um in weiterer Folge die Aufgaben und Möglichkeiten zur Verhinderung von Ausschreitungen der jeweiligen Instanz näher zu erläutern. Darüber hinaus werden schließlich die gesetzten Schritte der beteiligten Organisationen in den verschiedenen Phasen des Risikomanagement-Prozesses sowie einige Vorfälle, die sich im Rahmen der UEFA EURO 2008™ ereigneten, beschrieben, bevor der nachhaltige Nutzen des generierten Wissens betrachtet wird.

Abschließend sei noch erwähnt, dass sich alle in dieser Diplomarbeit verwendeten personenbezogenen Bezeichnungen, sollten sie nicht in Form einer aufeinander folgenden Nennung beider Geschlechter verwendet werden, auf das weibliche und männliche Geschlecht in gleicher Weise beziehen.

2 DIE ENTWICKLUNG DES FUßBALLSPORTS ZUM ZUSCHAUERSPORT

Mehr denn je fasziniert Fußball die Bevölkerung auf allen Kontinenten und ist eine der meistverbreiteten und beliebtesten Sportarten der Welt[1]. Statistiken von vergangen Fußballgroßereignissen zeigen deutlich, dass sich Fußball nicht nur bei aktiven Sporttreibenden, sondern auch beim Publikum ständig wachsender Beliebtheit erfreut und kontinuierlich neue Superlativen erreicht werden. Dies wird durch TV-Einschaltquoten der UEFA EURO 2008™ verdeutlicht, wonach jedes Spiel des Turniers von zumindest 155 Millionen Fernsehzusehern live mitverfolgt wurde[2]. Doch wie hat sich der Fußballsport im Laufe der Zeit zu diesem wahrhaft globalen Spiel entwickelt und woher rührt diese Popularität? Im folgenden Kapitel sollen zunächst die Ursprünge des Fußballsports und im Weiteren seine Entwicklung zum Zuschauersport erläutert werden.

2.1 Die Geschichte des Fußballsports

Viele Autoren berichten von fußballähnlichen Spielen, die bereits vor Jahrhunderten in verschiedenen Kulturen in Erscheinung traten. Ob diese tatsächlich die Ursprünge des modernen Fußballs darstellen ist umstritten. Das folgende Kapitel befasst sich zunächst mit frühen Erscheinungsformen dieses Spiels und beschäftigt sich in weiterer Folge mit der Entstehung des modernen Fußballs, seiner Entwicklung sowie mit der globalen Ausbreitung dieses Sports.

2.1.1 Die Vorboten des modernen Fußballs

Aus einer Vielzahl von Büchern, die sich mit der Thematik Fußball und dessen geschichtlichem Hintergrund befassen, geht hervor, dass der Mensch schon seit Tausenden von Jahren komplexe Bewegungsvorgänge mit Fuß und Ball betreibt[3]. So praktizierte der florentinische Adel zur Zeit der Medici ein Spiel namens Calcio, weiters existierte das russische Lapta, in Japan spielte man Kemari, bei den Eskimos gab es das Kalagut-Spiel, in der Schweiz Hornussen; auch aus dem alten Ägypten und aus China gibt es Überlieferungen und selbst aus der Zeit der Azteken, wie auch der Römer, existieren Dokumente über solch fußballähnliche Spiele[4]. Eine genaue Chronologie kann heute nicht mehr erstellt werden, da in vielen Kulturen lediglich die Existenz antiker Spiele mit einem Ball überliefert ist[5]. Eine bestehende Verbindung zwischen diesen althergebrachten Formen der Ballspiele und dem modernen Fußball muss negiert werden, da diese meist nur auf bestimmte soziale Gruppen beschränkt waren und auch das Betreiben von Sport vor der klaren Trennung von Arbeit und Freizeit in der modernen Industriegesellschaft nur eine untergeordnete Rolle spielte[6].

Hinsichtlich der Bezeichnung Englands als Mutterland des Fußballs, ist ein Blick auf die Historie dieses Landes unabdingbar. Tatsächlich lassen sich die Ursprünge des Fußballspiels in England bis in das 10. Jahrhundert zurückverfolgen, wobei die damaligen Varianten nur wenig mit dem heutigen, modernen Fußball gemein haben, da es ohne genauerer Regelauslegung, präzisen Begrenzungen des Spielfelds, der Spieldauer und der Zahl der Teilnehmer auskam[7]. In dieser Zeit spielten ganze Ortschaften gegeneinander, wobei sich das Spielfeld nicht selten über ein komplettes Stadtgebiet oder die Wälder zwischen zwei Dörfern erstreckte und die Spiele erst mit Einbruch der Dunkelheit endeten[8]. Es handelte sich um ein äußerst raues Spiel, bei dem zuweilen Tote zu beklagen waren[9]. Bei den Teilnehmern an diesen Volksfußballspielen handelte es sich vorwiegend um Personen aus niederen Gesellschaftsschichten[10]. Der Niedergang dieses Spieltypus war mit dem Einsetzen der Industrialisierung verbunden, da die unteren Klassen zur Arbeit in den Fabriken gedrängt wurden und sich somit keine Gelegenheit mehr bot, dieses Volksspiel zu praktizieren[11].

2.1.2 Die Geburtsstunde des modernen Fußballs

Aufgrund seiner Brutalität verschwand Volksfußball durch gewaltsame Unterdrückung des Staates beinahe vollständig[12]. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte sich dieses Spiel lediglich an den Public Schools, den Ausbildungsstätten der zukünftigen britischen Elite, weiterentwickeln, da hier keine Gefährdung des Eigentums und der öffentlichen Ordnung bestand[13]. Dieser sportliche Wettkampf diente zum einen um eine Hierarchisierung zwischen den älteren und jüngeren Schülern zu schaffen und zum anderen als bewusste Provokation gegenüber dem Lehrkörper, der bei der vornehmlich bürgerlichen und aristokratischen Jugend einen geringen Stellenwert genoss[14].

Anfänglich wurde das Spiel lediglich gebilligt, um die Jugendlichen unter Kontrolle zu halten, doch in weiterer Folge befanden Pädagogen, dass sich das Spiel hervorragend zur Charakterbildung der heranwachsenden Jugend eignete, da es als Spiegel der Gesellschaft verstanden wurde und in weiterer Folge zu einem fixen Bestandteil des Unterrichts deklariert wurde[15]. Jede Schule hatte ihr eigenes Regelwerk, doch zeigten sich mit dem kicking game und dem handling game zwei Grundströmungen, die sich in späterer Folge in eine Soccer- und in eine Rugby-Variante des Fußballs entwickeln sollten[16]. Da die unterschiedlichen Spielvarianten einerseits direkte Vergleiche unter den Schulen verhinderten und andererseits Absolventen, die weiterhin das Spiel ausüben wollten, sich lediglich mit jenen Personen messen konnten, denen das gleiche Reglement bekannt war, ergab sich die Notwendigkeit, eine einheitliche Spielweise zu kreieren[17].

Diesem Verlangen kam man am 26. Oktober 1863 nach, als sich elf Vertreter von Londoner Klubs und Schulen in der Freemason’s Tavern mit der Absicht trafen, das Regelwerk zu vereinheitlichen, um sportliche Wettkämpfe untereinander durchführen zu können[18]. So wurde beschlossen, dass anstatt eines eiförmigen ein runder Ball eingesetzt wird, der Ball nur mit dem Fuß weitergegeben werden darf, es eine vorgegebene Spielzeit und Feldgröße gibt, Schiedsrichter eingesetzt werden, um die Einhaltung der Regeln zu gewährleisten und es keine Festlegung sozialer Teilnahmekriterien gibt[19]. Im Zuge dessen wurde die Gründung des weltweit ersten Fußballverbandes, der Football Association (FA), beschlossen[20].

2.1.3 Vom Gentlemen- zum Arbeitersport

Association-Football oder Soccer, wie die Sportart unter den Studenten genannt wurde, breitete sich durch die vorhin genannten Ereignisse schnell in England aus. Die Einführung des FA-Cup, eines nationalen Pokals, trug ein Vielfaches zur Steigerung der Bekanntheit dieses Sports bei[21]. Durch die flächendeckende Verbreitung änderte sich auch die soziale Struktur, denn waren die Gründer der FA vorrangig aus der Oberschicht, so interessierte sich nun auch die Mittel- und Unterschicht für diesen Sport[22]. Innerhalb weniger Jahre hatte sich das Spiel vom Gentlemensport zu einem Spiel der Arbeiterklasse entwickelt. Am Ende des 19. Jahrhunderts spielten 80 Prozent der beschäftigten Arbeiter Fußball, was vor allem an der fortschreitenden Industrialisierung und des damit erwirkten freien Samstagnachmittages für die Arbeiterschaft in den 1860er und 1870er Jahren lag[23]. Durch die Errungenschaft von vermehrter Freizeit konnten sich nun auch die Arbeiter diesem Sport hingeben. Während Mannschaften der oberen Schicht vorwiegend auf Dribblings und vornehme Gefühlskontrolle Wert legten, zeichnete die Industriearbeiter vor allem Teamwork, solidarisches Handeln und Kampf aus, wodurch sich ableiten lässt, dass die Arbeiterschicht das Leistungsprinzip wesentlich ernster nahm[24]. Einen historischen Sieg erlangten die Blackburn Rovers im Jahr 1883, da sie als erste Mannschaft der Arbeiterklasse den englischen Pokal gewannen[25]. Einige Klubs begannen nun, ihren vermehrt aus der Arbeiterklasse stammenden Spielern mehr als nur die Spesen zu ersetzen, wodurch in England 1885 offiziell der Berufsfußball eingeführt und 1888 eine Profiliga gegründet wurde[26]. Nach Auffassung der Oberschicht hatte der Sport mit der Herausbildung des Profifußballs und der zunehmenden Proletarisierung seine Exklusivität eingebüßt und sich zunehmend zu einem Unterhaltungsmedium der unteren Schichten entwickelt, wodurch sich das Bürgertum und die Aristokratie vom Fußball ab- und wieder dem Individualsport zuwandten[27]. In diesem Zusammenhang entwickelte sich der Fußballsport zu einem populären Zuschauersport, der vorwiegend untere Klassen in großen Mengen anzog[28]. Der Fußballsport, der in seiner Form und Struktur bis heute gleich geblieben ist, breitete sich nun ausgehend von England auf dem europäischen Kontinent aus[29].

2.1.4 Die internationale Ausbreitung des Fußballsports

Der Sport schwappte über die Grenzen Englands und breitete sich zunächst in Schottland, Wales und in weiterer Folge in Irland rasant aus, wo auch die vier ältesten Nationalverbände der Welt beheimatet sind[30]. Bedingt durch den britischen Imperialismus, dehnte sich Fußball binnen einer Generation auf den gesamten Globus aus[31].

Einen groben Überblick über die rasante Ausdehnung dieser Sportart liefern die Ausführungen von Christiane Eisenberg, welche auf den folgenden Seiten gekürzt wiedergegeben werden.

Nach Eisenberg (1997, S. 11 ff.) lässt sich die internationale Entwicklung des Fußballsports in drei Phasen einteilen:

- Die erste Phase umfasst die Zeit zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg, in der das Spiel an Bekanntheit gewinnt.
- In der zweiten Phase entwickelt sich der Sport dort, wo er sich vor 1914 durchsetzen konnte, zu einem Massenphänomen. In dieser Periode, die entweder während oder direkt nach Kriegsende einsetzte und in den 1960er Jahren endete, bildeten sich länderspezifische Traditionen und das Spiel entwickelte eine starke Eigendynamik.
- In die dritte Phase fällt der aktuelle Fußballboom, der bis dato keinen Abbruch erfuhr.

1. Phase:

Die Ausbreitung des Sports erfolgte während der Jahrhundertwende durch britische Unternehmer, Geschäftsleute und Techniker, die sich in den Hauptstädten und Handelszentren niederließen oder ersatzweise durch einheimische Studenten, die das Spiel während ihres Englandaufenthalts kennenlernten.

Konflikte mit traditionellen Varianten des Spiels gab es keine, da diese in den Metropolen bereits ausgestorben und vergessen waren. Jedoch gab es Gebiete, wo sich Fußball gegenüber länger etablierten Sportarten, wie dem Radsport in Frankreich oder dem Turnen in Deutschland, nicht durchzusetzen vermochte. Der Umstand, dass sich Soccer in den USA und Australien nicht durchsetzte, ist darauf zurückzuführen, dass die hiesigen Eliteuniversitäten ihren englischen Vorbildern Oxford und Cambridge folgten und sich für Rugby entschieden. In jenen Ländern, in denen sich Fußball etablieren konnte, verbreitete sich das Spiel zunächst durch jene Personen, mit denen die Briten direkt in Kontakt standen, wie Geschäftspartner, Manager, Adelige und Studenten. Der Sport fand ebenso Anklang bei Angehörigen der neuen bürgerlichen Klasse und bei Angestellten, die nach sozialem Anschluss suchten.

Während sich in England der Fußballsport innerhalb weniger Jahre vom Gentlemen- zum Arbeitersport wandelte, belegen Studien, dass es sich in anderen Nationen widersprüchlich verhielt. So behielt Fußball in vielen Ländern teilweise bis weit ins 20. Jahrhundert seinen bürgerlichen, elitären Charakter, was mehrere Gründe hatte. Ein Grund lag in der starken Ausprägung des Klassenkonflikts, weshalb die obere und untere Schicht auch im Sport nicht miteinander verkehrten. Weitere Gründe waren das fehlende Interesse der Arbeiter, die es bevorzugten, an den traditionellen Bewegungen wie dem Turnen festzuhalten sowie auch der frühe Entwicklungsstatus der Industrialisierung in der restlichen Welt.

Für die bürgerlich-elitäre Klasse verkörperte Fußball einen modernen, aufgeschlossenen Lebensstil. Damit sich der Sport jedoch längerfristig in der Gesellschaft integrieren konnte, musste dem Fußball ein gewisser Sinn verliehen werden - und diesen erlangte das Spiel vor allem durch einen hohen Grad an nationalistischer Ausprägung und der damit verbundenen Rivalität mit englischen Lehrmeistern. Trugen zu Beginn die meisten Verbände und Fußballklubs englische Bezeichnungen, so wurden diese in der Phase vor dem Ersten Weltkrieg durch Namen in den jeweiligen Landessprachen ersetzt.

2.Phase:

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs entwickelte sich Fußball in jenen Ländern, wo er sich bereits zuvor etabliert hatte, zu einem Massenphänomen. Außerhalb von Europa durch das Einsetzen der Industrialisierung, während in Europa der Krieg selbst förderlich war, da Fußball während der Zeit des Stellungskriegs zur Steigerung der Truppenmoral eingesetzt wurde.

Als Folge der Ausbreitung dieses Sports verlor das Spiel seinen geselligen Charakter, es wurden verschiedene Leistungsniveaus eingeführt und in den urbanen Gebieten bildeten sich rivalisierende Mannschaften. Weiters fanden auch jene, die nie aktiv gespielt hatten Interesse daran und die Zuschauerzahlen explodierten, da zehntausende Besucher zu den Spielen kamen. Während dieser Blütezeit entstanden vielerorts Stadien, die heute noch Weltruhm genießen. Fußballklubs luden Teams aus der ganzen Welt ein und gingen selbst auf Auslandstourneen. In weiterer Folge wurden internationale Wettbewerbe ins Leben gerufen. So spielen die Länder in Südafrika bereits seit 1922 um die Südamerikanische Meisterschaft und in Europa organisierten sich die von den Siegermächten boykotierten Verliererstaaten und spielten ab 1927 um den Mitropa-Cup.

Seit Mitte der 1920er wurde über Berufsfußball diskutiert. Die Spieler sahen die steigende Inanspruchnahme von Seiten der Vereine und wollten an den Einnahmen beteiligt werden. Die Führungsebene der Vereine wiederum wollte die Amateurebene beibehalten, um sich Kosten zu sparen und dem Zuschauer weiterhin den Fußball in idealisierter Form zu präsentieren. Anfang der 1930er Jahre, rund 40 Jahre später als in England, setzte sich der Berufsfußball international durch. Die 1904 gegründete Fédération Internationale de Football Association (FIFA) zeichnet dafür auch verantwortlich, denn durch die Austragung der ersten Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 1930 wurde der Professionalismus gefördert. Bereits das erste Turnier hatte, nicht zuletzt wegen dem sportlichen Nationalismus, die Fußballnationen begeistert.

Das Spiel entwickelte sich in den 1920er/1930er Jahren zu einem Phänomen sui generis. Gerade in den europäischen und südamerikanischen Ländern, in denen autoritäre Regime oder Diktaturen herrschten, spielte der Fußball eine wichtige Rolle. Das Spiel florierte nicht nur trotz, sondern wegen der Intervention von Oben. So wurden Stadien gebaut, öffentliche Mittel für Trainingslager verwendet und Zuschauermassen mobilisiert. Jene Länder, die in der Zwischenkriegszeit demokratisch geblieben waren, wurden an den Rand des Weltfußballs gedrängt. Fußball entwickelte sich in seiner Eigenwelt zwischen 1940 und 1970 kontinuierlich weiter, jedoch blieben neue Entwicklungsschübe aus.

3. Phase:

Der Beginn dieser Phase war um 1960 und zeichnete sich vor allem durch die Umstrukturierung der Finanzierungsbasis des Spitzensports aus. Eintrittsgelder spielen nur mehr eine untergeordnete Rolle und machen einen vergleichsweise kleinen Einkommensanteil der Fußballklubs aus. Die großen Summen werden durch den Verkauf von Fernsehrechten und durch Merchandising, dem Verkauf des Logos gegen Lizenzgebühr, erzielt. Höchstgehälter und Transferregelungen wurden gestrichen und der Beruf Fußballprofi gewinnt an neuer Qualität. Zwar ist er noch immer für einen Klub beschäftigt, doch werden den Spielern horrende Summen angeboten und so sind zumindest die Spitzensportler auch Unternehmer in eigener Sache. Sie verkaufen gemeinsam mit den Klubs Erlebnisse und sind selbst Akteure des Showbusiness. Auch das Fußballpublikum hat sich vom lokalen Klubanhänger zum fußballinteressierten Konsumenten gewandelt und der Frauenanteil ist bis dato im Steigen begriffen.

In Europa zeigt sich dieser Modernisierungstrend vor allem bei jenen großen Fußballnationen, die als Ausrichter eines Fußballgroßereignisses auftraten. Eines der vielen Modernisierungsmotive war es, der allgemeinen Entwicklung hin zur Dienstleistungsgesellschaft gerecht zu werden. Der Kommerzialisierungsprozess des Fußballsports findet bei einem Großteil der involvierten Personen eine durchaus kritische Betrachtung. Fußballvereine bemängeln die fehlende Identifikation der Zuschauer mit ihren Vereinen. So wird in den Stadien vermehrt ein neues Publikum wahrgenommen, dass die Leistungen eines Fußballklubs äußerst kritisch betrachtet und sich im Gegensatz zu früheren Zeiten, bei ausbleibenden Erfolg vom alten Verein ab- und einem neuen Verein zuwendet.

Zweifel an der Zukunft des Sports bestehen in Europa und Südamerika keine, jedoch aber in jenen Ländern, wie den USA und Australien, wo der Fußball den Spagat zwischen Historie und Kommerz nicht geschafft hat.

2.2 Der Zuschauersport Fußball

Nach der Darstellung der Entwicklung des Fußballs zu einem globalen Sport, soll im Folgenden die Entwicklung des Zuseherinteresses beleuchtet werden, wobei die Veränderungen während der 1980er und 1990er Jahre etwas genauer betrachtet werden sollen.

2.2.1 Die Entwicklung zum Zuschauersport

Als Konsequenz der Gründung der englischen Profifußballliga 1888/89, gewannen die Spieler an Praxis, das Spielniveau stieg an und die Qualität steigerte sich, wodurch der Fußballsport auch für den Zuschauer an Bedeutung gewann, was sich deutlich am steigenden Zuseherinteresse zeigt[32]. Waren es zu Beginn der Liga 1888/89 noch 4.600, so waren es während 1905/06 bereits 13.200 und in der Saison 1913/14 gar durchschnittlich 23.100 Besucher, die den Spielen in England beiwohnten[33]. Abbildung 1 verdeutlicht den Zuschauerzuspruch anhand der Entwicklung der Besucherzahlen der englischen Pokalendspiele.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Entwicklung der Zuschauerzahlen bei Pokalendspielen in England (Eigene Darstellung, Daten entnommen aus Bausenwein, 2006, S. 280 f.)

Verfolgten lediglich 2.000 Zuseher das Pokalfinale 1872, so waren es 1892 bereits 25.000, 1897 66.000, 1901 110.820 und 1913 gar 122.000 Zuschauer[34]. Als Resultat des steigenden Zuschauerinteresses wurden in England flächendeckend Sportstätten und neue, größere Fußballstadien erbaut[35].

Doch auch der Anstieg an Fußballklubs ist bemerkenswert. Zählte die FA 1871 noch 50 Mitgliedsvereine, waren es 1905 bereits 10.000 Vereine, die in der ersten und zweiten Profiliga, wie auch in diversen Amateur- und Jugendligen spielten[36]. Im Zuge der florierenden Fußballindustrie wurden die meisten Fußballklubs in Geschäftsbetriebe umgewandelt und Sekundärunternehmen -wie Wettgeschäfte, Sportpresse, Sportbekleidung und das Werben mit bekannten Sportlern als Testimonials - wurden ins Leben gerufen[37].

Ursachen des sprunghaften Zuschaueranstiegs sind einerseits auf den rasanten Anstieg der Stadtbevölkerung zurückzuführen, anderseits auf die Besserstellung der Arbeiter, die durch die Gewerkschaften nicht nur den freien Samstag und somit mehr Freizeit erwirkten, sondern auch durch die Erhöhung der Löhne, wodurch den Arbeitern mehr Geld zur Verfügung stand, das sie wiederum in ihre Freizeit investieren konnten[38]. Die Eintrittskarten für die Spiele waren entsprechend billig und boten einen Ausgleich zum monotonen Arbeitsalltag. Der Schienenverkehr wurde in England, mit Blick auf die Arbeitermassen, flächendeckend ausgebaut, wodurch Tausende zu Fußballspielen anreisen konnten und somit auch Auswärtsspiele besucht werden konnten[39].

Der Fußballsport gewann in England immer mehr an Bedeutung und so wurde das alljährliche Pokalfinale von der Presse sogar zu einem nationalen Sportereignis hochstilisiert[40]. Durch das gemeinsame Erleben im Stadion und das Mitfühlen und Mitfiebern mit der eigenen Mannschaft entwickelten sich rasch Rivalitäten zwischen Klubs, Städten und Dörfern, weshalb dieser Prozess auch als Ursprung der Entstehung von Fankultur betrachtet werden kann[41].

Auf dem europäischen Kontinent nahm der Fußballsport mit ähnlicher Geschwindigkeit derartige Dimensionen an. Die sprunghafte Zuschauerentwicklung in Österreich kann paradigmatisch für ganz Europa gesehen werden[42]. Kamen um 1900 knapp 2.000 Zuseher zu Vereinsspielen, so waren es 1922 bereits 85.000 Zuseher, die ein Länderspiel der Österreichischen Mannschaft auf der Hohen Warte verfolgten, wobei auch Meisterschaftsspiele der großen Wiener Vereine ähnliche Massen mobilisierten[43]. Durch die Gründung der Union des Associations Européenness de Footbal (UEFA) 1954 und der Einführung der Europacup-Bewerbe sowie in weiterer Folge der Fußball- Europameisterschaft, kam es zu einer rasanten Entwicklung des Fußballs[44]. Verursachten in den 1950er Jahren erste Fernsehübertragungen von Fußballspielen einen vorübergehenden Einbruch der Zuschauerzahlen in den Stadien, konnte sich der Sport erst durch dieses Medium zu einem wahren Massenphänomen entwickeln[45]. So löste bereits die Fernsehberichterstattung von der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 einen wahren Boom aus, der noch keinen Abbruch erfuhr und sich heute gar Milliarden Fernsehzuseher zu Endspielen von Fußball-Welt- und Europameisterschaften vor den TV-Geräten versammeln[46]. Ungefähr 800 Millionen Zuschauer verfolgten bereits die Fußball- Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko am Bildschirm, wodurch sich der Sport endgültig seinen Platz im Fernsehprogramm sicherte[47]. Jedoch hatte auch das Fernsehen seinen Einfluss auf den Fußball und begann ihn zu diktieren. Einige Spiele der FußballWeltmeisterschaft 1970 in Mexiko wurden zeitlich verschoben und somit in der brütenden Mittagshitze ausgetragen, da die europäischen Fernsehstationen hohe Einschaltquoten erzielen und zu einer besseren Sendezeit übertragen wollten[48]. Klubmannschaften und Verbände haben schnell erkannt, dass mit dem Verkauf von Fernsehübertragungsrechten eine neue Einnahmequelle geschaffen wurde, durch die heute bereits ein Großteil der Einkommen der Bundesligaklubs generiert werden[49].

2.2.2 Fußball als Zuschauersport in den 1980er Jahren

Bevor es zum großen Durchbruch der Kommerzialisierung des Fußballsports kam und einige Änderungen am und um das Spielfeld herum gemacht wurden, trat in den 1980er Jahren die bisher größte Krise in der Geschichte dieses Sports auf[50]. Im gesamten europäischen Raum verlor der Sport in dieser Zeit an Attraktivität und das Zuschauerinteresse nahm in allen Ländern überdurchschnittlich ab[51]. Während die Spiele zunehmend an Niveau verloren und von taktischen Zwängen diktiert wurden, warf man den Spielern vermehrt lustlose Angestelltenmentalität vor[52]. Ein weiterer Grund, warum sich der Stellenwert des Fußballs in der Gesellschaft verschlechterte, bestand in einer Veränderung der Freizeitgewohnheiten und der Zuwendung zu Sportarten wie Tennis, die kurzweilig einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft genossen[53]. Das Bild der Fußballanhänger war in der Bevölkerung negativ behaftet und es wurde nur wenig Verständnis für das emotionale Mitleben mit einem bestimmten Verein entgegengebracht[54].

Ebenso trugen Ausschreitungen in den Stadien und spektakuläre Katastrophen zu einem weiteren Imageverlust bei. Keine andere Sportart forderte mehr Todesopfer unter den Zusehern als der Fußballsport. Seit den 1970er Jahren nahmen die Vorfälle stark zu und es kam im Ibrox-Park von Glasgow sowie im Lenin-Stadion von Moskau zu verheerenden Unglücken, die erst Jahre später gegenüber der Öffentlichkeit zugegeben wurden[55]. Am 11. Mai 1985 brach während eines Spiels im Stadion des englischen Vereins Bradford auf einer Holztribüne Feuer aus, bei dem 56 Menschen ums Leben kamen[56]. Später stellte sich heraus, dass unter der Tribüne Müll gelagert wurde, der durch eine achtlos weggeworfene Zigarette Feuer fing[57].

Nur wenige Tage später, am 29. Mai 1985, ereignete sich im Brüsseler Heysel-Stadion eine weitere Katastrophe. Noch bevor das Europapokalendspiel zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin ausgetragen wurde, verursachten randalierende englische Fans eine Massenpanik bei den italienischen Anhängern, wodurch eine Begrenzungsmauer einstürzte und 39 Menschenleben forderte[58]. Ein Hauptgrund dieses Ereignisses waren die unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen sowie der baufällige und veraltete Zustand des Stadions[59]. Selbst bei der Besichtigung des Stadions seitens eines UEFA-Delegierten, wurde das Stadion trotz seines Zustandes für die Austragung des Spiels als für geeignet eingestuft[60]. Da diese Mängel bei den Sicherheitsvorkehrungen erkannt wurden, musste sich der Generalsekretär der UEFA vor Gericht verantworten und wurde für mitschuldig empfunden und verurteilt[61]. Beide Katastrophen haben ihren Ursprung im Desinteresse für die Masse der Fans, die unnötig Sicherheitsrisiken ausgesetzt wurden[62]. Durch Vorfälle wie diese, geriet der Fußballsport immer mehr in die Kritik und folglich waren die Zuschauerränge in den Stadien aus Angst vor möglichen Katastrophen und Ausschreitungen nur spärlich besucht.

Man hatte aber aus den Ereignissen nicht gelernt und es wurden kaum Änderungen erwirkt. Am 15. April 1989 ereignete sich die größte Katastrophe der westlichen Fußballgeschichte. Beim Halbfinalspiel um den FA Cup, zwischen Liverpool und Nottingham Forest, fanden im Stadion von Hillsborough in Sheffield 95 Anhänger von Liverpool den Tod und weitere 200 wurden verletzt[63]. Dies geschah offenbar aufgrund der Tatsache, dass die Verantwortlichen die Zuschauermassen nicht unter Kontrolle halten konnten. Hunderte Liverpool-Fans drängten ohne gültiger Eintrittskarte auf eine überfüllte Tribüne, wobei die Besucher in den vorderen Reihen erdrückt wurden[64]. Eine Flucht war wegen der hohen Zäune, die zur Sicherheit der Spieler dienen sollten, nicht möglich[65]. Nach diesem Ereignis reagierten nun endlich auch Politik und Fußballvereine. Man fing an, anhand diverser Sicherheitskonzepte gegen gewaltbereite Fußballfans vorzugehen und renovierte eine Vielzahl von Stadien oder beschloss Neubauten[66]. Die meisten europäischen Fußballstadien wurden nun von Stehplatz- vorwiegend zu Sitzplatzstadien umgebaut und auch auf Zäune zur Trennung der Fangruppierungen wurde zunehmend verzichtet. Diese Änderungen verursachten einen erheblichen Kartenpreisanstieg, wodurch die unteren Einkommensschichten weitgehend aus den Stadien vertrieben wurden und neue zahlungsfähigere Kunden angezogen wurden[67].

2.2.3 Fußball als Zuschauersport in den 1990er Jahren

Fußball entwickelte sich weg vom proletarischen Zuschauersport und zog wieder mehr Personen aus der Mittel- und Oberschicht an. Dies resultierte einerseits aus den bereits erwähnten Umbauten der Spielstätten mit deutlich mehr Sitzplätzen und dem damit einhergehenden Preisanstieg, andererseits durch die neuartige Inszenierung des Spiels selbst. Ebenso wichtig wie der Kampf um Tore, wurden nun auch die Darstellung der Spannung, so wie die Präsentation des Ereignisses als solches wesentliche Faktoren, was den Fußballsport zu einem fixen Bestandteil der Konsum-, Freizeit- und Unterhaltungsindustrie verwandelte, bei dem die Fußballspieler als Stars gefeiert werden[68].

Auf dem Weg zum Imagewandel spielte die Fußball-Weltmeisterschaft 1990 in Italien eine äußerst wichtige Rolle. Fußball wurde wieder von Millionen von Fernsehzusehern verfolgt und es zeigte sich, wie sich eine ganze Nation mit diesem Spiel identifizierte und dies so selbstverständlich, wie nirgendwo anders, als Bestandteil der Gesellschaft angesehen wurde[69]. In Europa wurde Fußball nun vermehrt auch von Frauen verfolgt, was als Nebeneffekt des Werbens um ein neues Publikum gesehen werden kann[70].

Die Kommerzialisierungsabsichten des Fußballs zeigten sich in der Entscheidung der FIFA, die Fußball-Weltmeisterschaft 1994 in den USA, einem Land ohne nennenswerten Fußballhintergrund, durchzuführen.

[...]


[1] Vgl. Eisenberg, 1997, S. 7

[2] Vgl. URL: http://www.euro2008.uefa.com/MultimediaFiles/Download/MediaRelease/Competitions/Media Services/73/54/28/735428_DOWNLOAD.pdf [20.10.2008]

[3] Vgl. Bausenwein, 2006, S. 169

[4] Vgl. Eisenberg, 2004a, S. 45, Eisenberg, 2004b, S. 11 ff., Bausenwein, 2006, S. 169

[5] Vgl. Eisenberg, 2004b, S. 12

[6] Vgl. Eisenberg, 2004b, S. 14

[7] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 11

[8] Vgl. Schulze-Marmeling, 1992, S. 15, Schulze-Marmeling 2000, S. 12

[9] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 12

[10] Vgl. Schulze-Marmeling, 1992, S. 15

[11] Vgl. ebenda

[12] Vgl. Dunning, 1998, S. 42

[13] Vgl. Dunning, 1998, S. 42, Bausenwein, 2006, S. 238

[14] Vgl. Väth, 1994, S. 49, Dunning, 1998, S. 42

[15] Vgl. Bausenwein, 2006, S. 242

[16] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 23

[17] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 23 f., Bausenwein, 2006, S. 250

[18] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 25, Eisenberg, 2004a, S. 46

[19] Vgl. Vamplew, 1988, S. 59, Eisenberg, 1997, S. 8 f.

[20] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 25, Eisenberg, 2004a, S. 46

[21] Vgl. Mason, 1997, S. 26

[22] Vgl. ebenda

[23] Vgl. Vamplew, 1988, S. 53, Schulze-Marmeling, 2000, S. 30

[24] Vgl. Väth, 1994, S. 51

[25] Vgl. Bausenwein, 2006, S. 261

[26] Vgl. Eisenberg, 2004a, S. 47, Väth, 1994, S. 52

[27] Vgl. Schulze-Marmeling, 1992, S. 24

[28] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 33

[29] Vgl. Horak/Marschik, 1995, S. 17

[30] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 44 ff.

[31] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 46

[32] Vgl. Mason, 1997, S. 28

[33] Vgl. Vamplew, 1988, S. 63

[34] Vgl. Bausenwein, 2006, S. 280 f.

[35] Vgl. Vamplew, 1988, S. 54

[36] Vgl. Bausenwein, 2006, S. 280

[37] Vgl. Väth, 1994, S. 52

[38] Vgl. Bausenwein, 2006, S. 281

[39] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 34

[40] Vgl. Eisenberg, 2004b, S. 34

[41] Vgl. Bausenwein, 2006, S. 284

[42] Vgl. Horak/Marschik, 1995, S. 32

[43] Vgl. Horak/Marschik, 1995, S. 32

[44] Vgl. Bausenwein, 2006, S. 314 f.

[45] Vgl. Horak/Marschik, 1995, S. 34 f., Schulze, 2004, S. 186

[46] Vgl. Bausenwein, 2006, S. 492 f.

[47] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 169

[48] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 170

[49] Vgl. Schulze, 2004, S. 187

[50] Vgl. Bausenwein, 2006, S. 316

[51] Vgl. Horak/Marschik, 1995, S. 127 ff.

[52] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 201

[53] Vgl. Bausenwein, 2006, S. 317

[54] Vgl. Becker/Pilz, 1988, S. 33

[55] Vgl. Bausenwein, 2006, S. 317

[56] Vgl. ebenda

[57] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 202

[58] Vgl. Becker/Pilz, 1988, S. 139 f.

[59] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 201

[60] Vgl. Becker/Pilz, 1988, S. 145

[61] Vgl. Anlage 1: Expertengespräche

[62] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 202

[63] Vgl. Bodin/Robène/Héas, 2005, S. 68

[64] Vgl. Bodin/Robène/Héas, 2005, S. 68

[65] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 205 f.

[66] Vgl. Bausenwein, 2006, S. 317

[67] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 209 f.

[68] Vgl. Bausenwein, 2006, S. 481

[69] Vgl. Schulze-Marmeling, 2000, S. 214

[70] Vgl. ebenda

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Fanausschreitungen - Maßnahmen zur Eindämmung und Vermeidung von Zuschauergewalt im Fußballsport
Untertitel
Am Beispiel der UEFA EURO 2008™ in Österreich
Hochschule
Fachhochschule Kufstein Tirol
Note
2
Autor
Jahr
2008
Seiten
88
Katalognummer
V139173
ISBN (eBook)
9783640472710
ISBN (Buch)
9783640472369
Dateigröße
1323 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sportveranstaltung, EURO, UEFA, EURO 2008, Sportgroßereignisse, Sicherheit bei Sportgroßveranstaltungen, Sportgroßveranstaltungen, Fußball, Europameisterschaft, Fußballeuropameisterschaft, Risikomanagement, Risikomanagement bei Sportveranstaltungen, Hooligan, Hooliganismus, Gewalt im Fußball, Zuschauerausschreitungen, Fanausschreitungen, Fanverhalten, Zuschauerverhalten, Ausdifferenzierung der Fußballzuschauer, Gewalt, Entwicklung Hooliganismus, Ursachen Hooliganismus, Risikohandhabung Fußball, UEFA EURO 2008, EURO 2008 SA, Gewalt im Sport, Ausschreitungen, Ausschreitungen Fußball, Zuschauersport Fußball, Fanprojekte, Entwicklung Fußball
Arbeit zitieren
Andreas Koschutnig (Autor), 2008, Fanausschreitungen - Maßnahmen zur Eindämmung und Vermeidung von Zuschauergewalt im Fußballsport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139173

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