Funktionaler Analphabetismus - ein Problem und seine Ursachen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Funktionaler Analphabetismus: Begriff – Ausmaß – Problembewältigung der Betroffenen

2. Ursachen für funktionalen Analphabetismus

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland.

Das erste Kapitel setzt sich mit dem Analphabetismus im allgemeinen und in welcher Form dieser in Industriegesellschaften auftritt auseinander. Es klärt den Begriff des funktionalen Analphabetismus, der von dem natürlichen oder reinen Analphabetismus zu unterscheiden ist. Weiterhin geht es der Bedeutung von Schrift für das Berufs- und Alltagsleben nach, zeigt Gründe für eine Teilnahme sowie Nichtteilenahme an einem Alphabetisierungskurs auf und behandelt abschließend den Umgang der Betroffenen mit ihrem Defizit.

Mit den Ursachen für funktionalen Analphabetismus befasst sich das zweite Kapitel. Hier wird auf Faktoren eingegangen, die eine entscheidende Rolle für die Schwierigkeiten im Erwerb des Lesens und Schreibens eines Kindes, spielen. Diese können sehr vielfältig sein, betreffen jedoch überwiegend das Lebensumfeld (mit seinen Personen), in dem ein Kind aufwächst.

Für beide Kapitel wurden unterstützend und zur Veranschaulichung Beispiele mit Aussagen funktionaler Analphabeten herangezogen, die zum größten Teil den Arbeiten Stiefkinder des Bildungssystems von Lisa Namgalis, Barbara Heling, Ulf Schwänke und Biographische Muster „funktionaler Analphabeten“ von Birte Egloff entnommen wurden.[1]

1. Funktionaler Analphabetismus: Begriff – Ausmaß – Problembewältigung der Betroffenen

„Die Funktion von Sprache liegt im Verstehen: Selbstverstehen, Verstehen von Welt, Verstehen der Mitmenschen.“[2] Das Verstehen durch den Erwerb von Wissen über die Sprache ist kein Privatvorgang, sondern Gemeinschaftssache. Der Austausch, die Aneignung von Weltwissen - Wissen über den Menschen, Wisssen über Vorgänge in der Welt - geschehen zum großen Teil über gesprochene und geschriebene Sprache.[3] Für diese Art Wissenserwerb ist Sprache demnach Voraussetzung. Im folgenden geht es um Menschen, die keinen Zugang zur Schriftsprache besitzen. Von der Wissensvermittlung über die Schriftsprache sind Analphabeten ausgeschlossen. Sie haben nur die Möglichkeit des Mündlichen. Die sie umgebenden schriftlichen Äußerungen, die ihnen in ihrem Alltag begegnen, nehmen sie anders bzw. gar nicht wahr im Gegensatz zu Menschen, die die Schriftsprache beherrschen, das heißt der Inhalt der Äußerungen bleibt ihnen verschlossen, sie können ihn nicht aufnehmen.

„Ist von `Analphabetismus` die Rede, so unterscheidet man zunächst grundsätzlich zwischen dem `natürlichen` und dem `funktionalen Analphabetismus.`“[4] Natürlicher oder reiner Analphabetismus entsteht, wenn die Betroffenen keine Möglichkeit hatten, eine Schule zu besuchen. Diese Form des Analphabetismus kommt daher überwiegend in Entwicklungsländern vor. Funktionaler Analphabetismus meint hingegen „die Unterschreitung der gesellschaftlichen Mindestanforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache, deren Erfüllung Voraussetzung ist zur sozial streng kontrollierten Teilnahme an schriftlicher Kommunikation in allen Arbeits- und Lebensbereichen.“[5] Was aber sind Mindestanforderungen? Das Schreiben des eigenen Namens, der Adresse und das Lesenkönnen einiger Wörter sind nicht ausreichend, um Situationen in verschiedenen Arbeits- und Lebensbereichen gewachsen zu sein, auch wenn dies zu anderen Zeitpunkten und/oder in anderen Gesellschaften ausreichend gewesen sein sollte. Die Grenze zwischen funktionalem Analphabetismus und funktional Alphabetisierten ist daher nicht statisch; sie ist kulturabhängig und historisch wandelbar.[6]

Zu den derzeitigen Mindestanforderungen gehören beispielsweise das Ausfüllen eines Bankformulars oder Stundenzettels, das Lesen von Fahrplänen, Straßenschildern, die Namensuche im Telefonbuch, Waren- und Preisvergleich beim Einkauf. „Wo früher ein Mensch hinter dem Fahrkartenschalter Auskunft gab, steht heute eine verwirrende Maschine mit komplizierten schriftlichen Instruktionen und Fahrplänen. Und wenn man auch leseunkundig durch einen Supermarkt findet und Salz mit Zucker kaum verwechselt, so gibt es aber keine Verkäuferin mehr, die beim fachgerechten Waren- und Preisvergleich hilft.“[7]

Eine Bestimmung mit Minimalanforderungen in Form eines Katalogs existiert nicht; ebenfalls wurden keine Erhebungen zur Lese- und Schreibkompetenz der erwachsenen Bevölkerung vorgenommen. Es ist daher auch schwierig, Aussagen über das Ausmaß des funktionalen Analphabetismus zu machen. Die Angaben reichen von knapp 400 000 Menschen bis etwa drei Millionen für die alten Bundesländer.[8]

Erst vor etwa dreißig Jahren wurde das Problem des Analphabetismus öffentlich wahrgenommen, was sicher unter anderem mit den veränderten Anforderungen zusammenhängt, da diese den Analphabetismus sichtbar machen. Funktionale Analphabeten haben mittlerweile die Möglichkeit, einen Kurs an einer Volkshochschule zu besuchen, um sich Schreib- und Lesekenntnisse anzueignen. Nur eine geringe Zahl – 1993 waren es 15 000 Lernende – nimmt jedoch an derartigen Kursen teil, da das Angebot der Kurse in manchen Gegenden entweder nicht vorhanden ist, die Betroffenen Personen nicht genug motiviert sind, sie Angst vor Versagen während einer Teilnahme haben, ihnen schlicht die Information über die Existenz von Alphabetisierungskursen fehlt oder sie im ländlichen Raum fürchten, ihre Anonymität nicht wahren zu können.[9]

Die Kenntnisse funktionaler Analphabeten sind sehr unterschiedlich. Es gibt Personen, die zwar lesen aber nur sehr mangelhaft schreiben können, Personen, die mühsam Texte lesen, jedoch nicht schreiben können und es gibt Personen, die nur in der Lage sind, ihren Namen zu schreiben und einzelne Buchstaben zu erkennen. Daher werden zumeist verschiedene Kurse wie Grundkurs, Aufbaukurs und Vertiefungskurs an Volkshochschulen angeboten.

[...]


[1] Lisa Namgalis / Barbara Heling / Ulf Schwänke, Stiefkinder des Bildungssystems. Lern- und Lebensgeschichten deutscher Analphabeten (Hamburg 1990); Birte Egloff, Biographische Muster „funktionaler Analphabeten“. Eine biographieanalytische Studie zu Entstehungsbedingungen und Bewältigungsstrategien von „funktionalem Analphabetismus“ (Frankfurt am Main 1997).

[2] Elisabeth Fuchs-Brüninghoff, „Das Beratungsgespräch als methodisches Instrument zur Ermittlung von Lernerfolg“ in: Unterrichtswissenschaft. Zeitschrift für Lernforschung, 1990, Heft 2, S. 104.

[3] Eine andere Art der Aneignung von Wissen kann durch Beobachtung, d.h. Erfahrung mit Hilfe der Sinne erfolgen.

[4] Egloff, Biographische Muster „funktionaler Analphabeten“, S. 114.

[5] Frank Drecoll, „Funktionaler Analphabetismus – Begriff, Erscheinungsbild, psychosoziale Folgen und Bildungsinteressen“ in: Frank Drecoll / Ulrich Müller (Hg.), Für ein Recht auf Lesen. Analphabetismus in der Bundesrepublik Deutschland (Frankfurt; Berlin; München 1981), S. 31.

[6] Vgl. ebd., S. 30.

[7] Ebd., S. 31.

[8] Vgl. hierzu Peter Hubertus, „Wo steht die Alphabetisierungsarbeit heute?“ in: Hans Brügelmann / Heiko Balhorn / Iris Füssenich (Hg.), Am Rande der Schrift. Zwischen Sprachenvielfalt und Analphabetismus (Lengwil am Bodensee 1995), S. 253 sowie Ulla Harting, „Analphabetismus unter deutschen Erwachsenen“ in: Wolfgang Hoffmann / Bettina Lübs / Jochen Motschmann (Hg.), Analphabetismus. Das Recht auf Lesen und Schreiben für Erwachsene (Frankfurt am Main 1992), S. 55f. Funktionaler Analphabetismus ist ebenfalls in den östlichen Bundesländern vorhanden.

[9] Vgl. zu den Zahlen der Lernenden und zu den Gründen einer Nichtteilnahme an Kursen Hubertus, „Wo steht die Alphabetisierungsarbeit heute?“ in: Brügelmann / Balhorn / Füssenich, Am Rande der Schrift, S. 258 und Harting, „Analphabetismus unter deutschen Erwachsenen“ in: Hoffmann / Lübs / Motschmann, Analphabetismus. Das Recht auf Lesen und Schreiben für Erwachsene, S. 63f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Funktionaler Analphabetismus - ein Problem und seine Ursachen
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Didaktik der deutschen Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V13952
ISBN (eBook)
9783638194716
ISBN (Buch)
9783640788750
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Funktionaler, Analphabetismus, Problem, Ursachen, Hauptseminar
Arbeit zitieren
MA Angela Exel (Autor:in), 2001, Funktionaler Analphabetismus - ein Problem und seine Ursachen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13952

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