Einigen ist Aristoteles als Lehrer Alexanders des Großen bekannt, wogegen er dem Gros als einer der wenigen Urväter der griechischen, antiken Philosophie ein Begriff ist.
Aristoteles (384-324 v. Chr.), Schüler von Platon, war einer der einflussreichsten Denker der Antike. Die Tragweite seines Denkens findet sich in den unterschiedlichsten Modifikationen in verschiedenen Schulen wieder und wird auch in der heutigen Zeit stets nachhaltig von Philosophen ihrer Bedeutung wegen betont. Grundsätzlich ist zu differenzieren zwischen den esoterischen und exoterischen Schriften des Aristoteles. Die esoterischen Schriften, die das Corpus Aristotelicum bilden, sind grob zu unterteilen in Organon (logische Schriften), Metaphysik, Ethik, Poetik und naturwissenschaftliche Werke. In seinem Buch De Anima, das den naturwissenschaftlichen Werken zuzuordnen ist , befasst sich Aristoteles mit der Seele als einem Vermögen, welches grob vereinfacht aus verschiedenen Teilen besteht und immateriell ist. Die Seelenlehre des Aristoteles darf trotz der aktuellen, geisteswissenschaftlichen Auffassung nach durchaus mehr dem psychologischen als dem philosophischen Moment zugeordnet werden.
[...]Die Seele ist nach Aristoteles durch zwei Unterschiede bestimmt: Ortsbewegung und vernünftiges Erfassen sowie Unterscheiden und Wahrnehmen. Im Zuge dieser Argumentation unterscheidet er zwischen phantasia, aisthesis und Vernunft (dianoia). Er gelangt zu dem Schluss, dass die Vernunft (to noein) etwas anderes ist als Wahrnehmung und stellt die These in den Raum, dass die Vernunft teils aus Vorstellung, teils aus Annahme (hypolepsis) zu bestehen scheint. Das ist gewissermaßen der Ausgangspunkt der phantasia-Untersuchung: Da die phantasia Bestandteil der Vernunft ist und das vernünftige Erkennen den Großteil der seelischen Operationen darstellt , ist deren Untersuchung angebracht und notwendig, um so einen tragfähigen Begriff der einzelnen Bestandteile der Vernunft und deren Zusammenspiel generieren zu können.
Aufgrund der Relevanz dieses Gedankengangs für die Untersuchung der Seele ist dieser Abschnitt Gegenstand dieser Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Protreptik
3. Abgrenzung der Vorstellung (phantasia) von
3.1. Wahrnehmung (aisthesis)
3.2. Meinung (doxa)
3.3. Bewegung (kinesis)
4. Bestimmung der phantasia
5. Reflexion
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, den Begriff der „phantasia“ in Aristoteles' Werk „De anima“ präzise abzugrenzen und zu bestimmen. Dabei wird insbesondere untersucht, wie sich die Vorstellungskraft von den kognitiven Vermögen der Wahrnehmung, der Meinung und der Bewegung unterscheidet, um die Rolle der Phantasie als notwendiges Bindeglied zwischen Wahrnehmung und Vernunft zu verdeutlichen.
- Systematische Abgrenzung der phantasia von aisthesis, doxa und kinesis.
- Analyse der argumentativen Struktur in Buch III, Kapitel 3 von „De anima“.
- Untersuchung der Funktion der Vorstellung als Teil der Vernunft und Wahrnehmung.
- Reflexion über die erkenntnistheoretische Bedeutung der Phantasie für den Menschen.
Auszug aus dem Buch
3.3. Abgrenzung der phantasia von der Bewegung (kinesis)
Zu Beginn des dritten Kapitels in Buch III von De Anima bestimmte Aristoteles die Seele unter anderem durch die Ortsbewegung (siehe Punkt 2). Dieses Charakteristikum greift er nun im Zuge der Bestimmung der phantasia wieder auf:25 Die Vorstellung scheint eine Bewegung zu sein und der Wahrnehmung ähnlich. Bewegung entsteht durch die Realisierung von Wahrnehmung. Nun kann nach Aristoteles allerdings die Wahrnehmung von spezifischen Eigenschaften der Dinge nur wahr sein – hier ist jeglicher Irrtum relativ ausgeschlossen. Richtet sich die Wahrnehmung jedoch auf die Eigenschaften, die diesen Objekten zukommen, so ist an dieser Stelle bereits Irrtum möglich. Der größte Irrtum zeigt sich allerdings, wenn sich die Wahrnehmung auf die Verknüpfungen der Eigenschaften der Objekte richtet wie z.B. Bewegung und Größe. Die von diesen drei Wahrnehmungsarten stammende Bewegung muss sich nun von diesen notwendig unterscheiden, da sie durch die Verwirklichung der Wahrnehmung entsteht.26
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die aristotelische Seelenlehre und die methodische Herangehensweise zur Untersuchung des Vermögens der Seele.
2. Protreptik: Kritische Auseinandersetzung mit antiken Vorstellungen über das Verhältnis von Wahrnehmung und Denken zur Vorbereitung der eigenen Begriffsbestimmung.
3. Abgrenzung der Vorstellung (phantasia) von: Detaillierte Differenzierung der phantasia gegenüber Wahrnehmung, Meinung und Bewegung, um deren spezifische Eigenart herauszuarbeiten.
4. Bestimmung der phantasia: Zusammenführende Bestimmung der phantasia als Vermögen zur Produktion von Vorstellungsbildern und deren Funktion in der menschlichen Kognition.
5. Reflexion: Kritische Würdigung der aristotelischen Argumentationsweise und Einordnung der Ergebnisse unter Berücksichtigung von Übersetzungsschwierigkeiten und zeitlicher Distanz.
Schlüsselwörter
Aristoteles, De anima, Phantasia, Vorstellung, Wahrnehmung, Aisthesis, Meinung, Doxa, Bewegung, Kinesis, Vernunft, Erkenntnistheorie, Seelenlehre, Philosophie, Phantasmen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Untersuchung des Begriffs „phantasia“ (Vorstellung) in Aristoteles' Werk „De anima“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Abgrenzung der Phantasie von anderen seelischen Vermögen wie Wahrnehmung und Meinung sowie deren Rolle als Brücke zwischen Wahrnehmung und Vernunft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, durch eine strukturierte Analyse den Begriff „phantasia“ scharf von verwandten kognitiven Begriffen abzugrenzen und seine funktionale Bestimmung innerhalb des aristotelischen Systems aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine textanalytische Methode, die auf der kritischen Untersuchung des Primärtextes „De anima“ (Buch III, Kapitel 3) und dem Rückgriff auf relevante Sekundärliteratur basiert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine einleitende Kritik antiker Theorien, die schrittweise Differenzierung der Vorstellung von Wahrnehmung, Meinung und Bewegung sowie die abschließende Definition der Phantasie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Phantasia, Aisthesis, Doxa, Kinesis, Vernunft und das aristotelische Modell der Seelenvermögen.
Warum ist die Abgrenzung von der Wahrnehmung für Aristoteles so wichtig?
Weil Aristoteles zeigen möchte, dass das Phänomen des Irrtums existiert, welches mit einer reinen, immer wahren Wahrnehmung allein nicht erklärt werden könnte.
Inwiefern spielt der Irrtum eine zentrale Rolle in der Argumentation?
Der Irrtum dient als notwendiges Indiz dafür, dass Wahrnehmung und Einsicht nicht identisch sein können, was die Einführung eines eigenständigen Begriffs wie der „phantasia“ erzwingt.
- Quote paper
- Marcus Gießmann (Author), 2009, Abgrenzung und Bestimmung des phantasia-Begriffs in Aristoteles´ De anima, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139918