Westeuropäische Einwanderer in einem Schwellenland: Interkultureller Austausch als Lernprozess? Eine Fallstudie in Puebla, Mexiko


Magisterarbeit, 2002
348 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

INHALT

Teil 1
1. Einführung in die Ziele der Studie
2. Was ist eigentlich "interkulturell"?
3. Arbeitsdefinition des Begriffs "Kultur"
4. Wanderbewegung von den Peripherien in die Zentren des Kapita- lismus: ungünstige Bedingungen für interkulturellen Austausch
5. Wanderbewegung von Industrieländern in ein Schwellenland: Die Zielgruppe der Studie
6. Einwanderer in Mexiko: kurzer Überblick
6.1 Geschichte
6.2 Rechtslage der Ausländer in Mexiko
6.3 Einwanderungsstatistiken
6.4 Die Stadt Puebla
7. Kriterien zur Bewertung von interkulturellen Lernprozessen
bei der Untersuchungsgruppe
8. Methodische Erläuterungen

Teil 2
9. Besonderheiten der Zielgruppe
10. Zum Wahrheitsgehalt der Interviewaussagen
11. Nationale oder kulturelle Bezugsrahmen im Sprachgebrauch
der Befragten
12. Auswanderungsmotive der Befragten
13. Integration in die Aufnahmegesellschaft
13.1 Wirtschaftliche und berufliche Integration
13.2 Soziale Integration
13.1 Fremdkulturelle Elementen im Alltagsleben der Befragten
14. Kulturelle Identität: Dialektik zwischen Prägung und
Eigenständigkeit
14.1 Beziehungen zum Herkunftsland
14.2 Auswanderung im Kommunikationszeitalter
14.3 Zweisprachigkeit der Kinder als Ausbildungsvorteil
14.4 Bewahren von Grundwerten bei Einstellungs- und
Verhaltensänderung
15. Werturteile und Stereotype bei den Befragten
16. Interaktion mit Personen der Aufnahmekulturen
16.1 Grenzen der Verständigung
16.2 Westeuropäer mit einer sehr direkten Art schockieren
16.3 Selbsteinschätzung der Befragten bezüglich ihres Einflusses
auf Menschen der Aufnahmekulturen
17. Auseinandersetzung mit den Aufnahmekulturen
18. Lernphasen

Teil 3
19. Zusammenhänge zwischen den Untersuchungskkriterien
19.1 Korrelation zwischen Ausbildungsstand, theoretischer Ausein-
andersetzung mit der Aufnahmegesellschaft und Lernprozess
19.2 Einteilung der Befragten in drei verschiedene Gruppen und
Bewertung der Lernprozesse
20. Zusammenfassung der Ergebnisse
Bibliographie

Tabelle: Nähe oder Distanz der Befragten zu den Aufnahmekulturen

Die Transkriptionen der Interviews befinden sich als Anhang in einem gesonderten Band.

Wenn ich im Folgenden männliche Pluralformen (wie z.B. Einwanderer) verwende, dann sind mit dem Ziel der besseren Lesbarkeit der Arbeit immer auch die weiblichen Personen mitgemeint. Ebenso verhält es sich mit Singularformen, dort wo sie verallgemeinernd gebraucht werden und nicht auf eine bestimmte männliche Person bezogen sind.

TEIL 1

1. Einführung in die Ziele der Studie

Als Gott Mexiko erschuf, gelang ihm besser als er es sich selbst hätte träumen lassen: Wuchtige Gebirgsketten umgaben weitläufige Ebenen, schneebedeckte Vulkane ragten hoch in den Himmel, frisches Quellwasser sprudelte vielerorts aus dem Boden, eine artenreiche Faune und Flora machte sich breit, Gold und Silber warteten unter der Erde, zwei große Ozeane mit reichlich Erdöl, Fischen und wunderschönen Stränden umrahmten das Land und ein fast das ganze Jahr über mildes Klima schaffte ideale Bedingungen für ein angenehmes Leben. Da fand Gott, dass er zuviel des Guten getan hatte und um das auszugleichen, setzte er die Mexikaner ins Land...

Als mir –frisch in Mexiko angekommen– diese Anekdote von einem deutschen Einwanderer erzählt wurde, kam mir sofort in Erinnerung, dass ich ebendiese Geschichte, in entsprechend abgewandelter Form, auch von Arabern in Frankreich und Lateinamerikanern in Deutschland gehört hatte, die "Paradiesverschandler" waren natürlich jeweils die Franzosen bzw. die Deutschen.

Alltagsgespräche mit Einwanderern und deren Bekannten in verschiedenen Ländern haben diesen Eindruck immer wieder bestätigt. Wenn irgendwo mehrere Fremde zusammenkommen, beschwert man sich meistens über die Mängel der Aufnahmegesellschaft und ihrer Bewohner. Werden persönliche Misschläge im Leben als Problem der fremden Umgebung interpretiert, wobei man schnell vergisst, dass man auch "zu Hause" mit vielem unzufrieden war? Sind manche Migranten von der Situation, in einer fremden Umgebung und Kultur zu leben, einfach überfordert, so dass das Kritisieren derselben ein notwendiger Schutzme-chanismus ist, der unbewusst dazu dienen soll, die durch die fremde Kultur in Frage gestellte Identität abzugrenzen, oder handelt es sich schlichtweg um Beispiele für misslungenen interkulturellen Austausch?

Seit einigen Jahren werden in Industrieländern verschiedentlich pädagogische Hilfestellungen für die Bewältigung multikulturellen Zusammenlebens angebo-ten, sei es in Form von Modellen interkultureller Erziehung in Schulen, oder aber als Kurse zur Erlangung interkultureller Handlungskompetenz von Privatanbietern, meistens für Zielgruppen aus der Wirtschaft. Die große Mehrheit der Menschen aber, die für eine kurze oder lange Zeitspanne ihre Herkunftskultur verlassen, kön-nen auf keinerlei pädagogische Unterstützung zurückgreifen. Auch sie durchlaufen Lernprozesse, denn sie müssen ihr Verhalten in irgendeiner Form auf die neue Umgebung abstimmen, und werden wahrscheinlich auch Vorstellungen bezüglich ihrer eigenen oder der Aufnahmekulturen verhärten oder verändern. Doch diese Lernprozesse sind weder formalisiert noch strukturiert.

In der vorliegenden qualitativen Studie habe ich 10 westeuropäische Migranten in der Stadt Puebla (Mexiko) interviewt, mit dem Ziel, an den besagten Personen zu untersuchen, inwieweit solche informellen Lernprozesse zu "interkulturellem Aus-tausch" führen können. Es ging mir auch darum, an dieser relativ heterogenen Mi-grantengruppe Gemeinsamkeiten in ihrer Migrationsbiographie auszumachen, d.h. ähnliche Entwicklungen aufzuspüren und zu interpretieren.

Um die Ziele der Studie noch detaillierter zu umreissen, ist es zunächst einmal notwendig, etwas weiter auszuholen und Überlegungen zu den Begriffen "inter-kulturell" und "Kultur", sowie zu "Migrationsbewegungen" vorzuschieben, was ich in den folgenden drei Kapiteln tun werde. Im fünften Kapitel gehe ich dann genauer auf die Zielgruppe ein, aus der ich 10 Vertreter auswählte und interviewte. Im sechsten Kapitel beschreibe ich die Aufnahmegesellschaft (Mexiko) im Hin-blick auf die Situation von Einwanderern. Das siebte Kapitel ist dann Ausfüh-rungen zu "interkulturellen Lernprozessen" gewidmet, sowie der Aufstellung von Kriterien, die als Kategorien in den Interviewleitfaden eingegangen sind.

Im zweiten Teil der Arbeit werden die Antworten der Leitfadeninterviews vergli-chen und beschrieben, im dritten werden die Ergebnisse noch einmal zusammen-gefasst und die Lernprozesse bewertet.

2. Was ist eigentlich "interkulturell"?

Ein Blick in die Medien zeigt es: Von der interkulturell vergleichenden Stadtent-wicklung, dem interkulturellen Berufsvorbereitungsjahr und der interkulturellen Suchthilfe, über die interkulturelle Sexualpädagogik, dem Institut für Interkultu-relle Kommunikation (früher einfach: Sprachenschule genannt) bis hin zum inter-kulturellen Schwulen Coming–Out gibt es gegenwärtig kaum etwas, was nicht mit dem Prädikat "interkulturell" versehen werden könnte. Das "Interkulturelle" hat Hochkonjunktur in Zeitschriften, Werbungen, Institutionen, Kursangeboten, Curricula und einer Flut von Publikationen der verschiedensten Sparten.

Jeder scheint zu wissen, was damit gemeint ist: irgendwie hat es mit dem Zusam-mentreffen oder zumindest der Kommunikation von Menschen aus verschiedenen Kulturen zu tun. Ein präziserer gemeinsamer Nenner lässt sich in Bezug auf die Begriffsbedeutung im Alltagsgebrauch kaum ausmachen. Wollte man es bei dieser diffusen Definition belassen, dann würde der Terminus also jeglichen persönlichen oder medialisierten Kontakt zwischen Menschen verschiedener Kulturen (alltags-prachlich oftmals mit Staatsangehörigkeit gleichgesetzt) umfassen. Dann wären z.B. internationaler Tourismus, transnationale wirtschaftliche Expansion, Migra-tion, ja sogar Kolonisation grundsätzlich interkulturelle Akte. Kaum jemand wird hier rückhaltslos zustimmen wollen.

Vielleicht sollten wir bei der Wissenschaft Hilfe suchen, denn auch diese hat seit wenigen Jahrzehnten die verschiedensten "interkulturellen" Teildisziplinen her-vorgebracht, z.B. die Interkulturelle Philosophie, die Interkulturelle Erziehungs-wissenschaft, die Interkulturelle Kommunikationswissenschaft oder die Interkul-turelle Literaturdidaktik, um nur einige wenige zu nennen. Tatsächlich gibt es aber selbst in wissenschaftlichen Schriften keinen einheitlichen Gebrauch des Begrif-fes, es "besteht trotz einer breiten und kontrovers geführten Diskussion um inter-kulturelle Konzepte bis heute keine einheitliche, präzise oder formale wissen-schaftliche Definition für den Begriff 'interkulturell', ebenso fehlt eine ausgearbei-tete Theorie zur 'Interkulturalität'"[1] [2]. Das bedeutet, dass eine eigene Arbeitsde-finition für jede wissenschaftliche Arbeit in diesem Bereich unterlässlich ist. Dies möchte ich annäherungsweise in diesem und dem folgenden Kapitel leisten.

Der Begriff "interkulturell" enthält das lateinische Präfix "inter", was so viel wie "zwischen" bedeutet. Aus weiteren Komposita mit "inter" (Interaktion, Interdepen-

denz u.a.), wird schnell ersichtlich, dass es sich dabei nicht um ein bezugloses Dazwischen handelt, sondern dass es um eine wechselseitige Beziehung, ein auf-einander Bezogensein geht. "Interkulturell" verweist also auf einen Schnittpunkt zwischen verschiedenen Kulturen, wobei mir der Begriff "Austausch" in diesem Zusammenhang zutreffend erscheint, denn er beinhaltet –wie auch schon "inter-kulturell"– die Idee der Reziprozität (während "Kommunikation" unter Umständen auch einseitig erfolgen kann, aus diesem Grund verwende ich den Terminus im hiesigen Zusammenhang nicht).

Damit haben wir ein wichtiges Kriterium bei der Hand, um Kontakte zwischen Kulturen, die durch allzu einseitige Machtverhältnisse gekennzeichnet sind, aus unserem Verständnis von "interkulturellem Austausch" auszuschließen. Die gewaltsame Eroberung fremder Völker und ihrer Gebiete, die oftmals auch ein Aufoktroyieren der siegreichen Kultur, Sprache, Religion, mit sich bringt, aber auch z.B. die mit politischen Mitteln angestrebte Assimilation einer autochtonen oder allochtonen Minderheit fallen nicht in unseren Interessenbereich, da hier der Anspruch der Gegenseitigkeit nicht erfüllt ist.

Nun ist allerdings zu fragen, ob völlig ausgeglichene Machtverhältnisse (etwa im Sinne von der idealen Kommunikationssituation nach Habermas) überhaupt jemals existieren. Faktoren wie z.B. politisch–wirtschaftliches Gewicht oder Prestige der Herkunftskultur, Sprachkenntnisse der Austauschpartner, aber auch Ort, Zweck oder Medium des Austausches werden das Machtpendel praktisch immer auf die eine oder andere Seite ausschlagen lassen. Um überhaupt von "interkulturellem Austausch" sprechen zu können, möchte ich im Rahmen dieser Arbeit lediglich Formen grober physischer oder struktureller Gewalt und ein völlig einseitiges machtüberlegenes Agieren aus meiner Definition ausschließen.

Der Begriff "interkulturell" ist nicht nur alltagssprachlich, sondern auch in wissen-schaftlichen Arbeiten durchweg positiv besetzt, meist werden hohe Ziele damit verbunden, wie "Toleranz", "Kampf dem Rassismus", "Abbau von Vorurteilen", "Fremdverstehen", oder auch "friedliches Zusammenleben der Völker oder der Bürger einer multikulturellen Gesellschaft". Dass diese Ideale gerade auch in Europa bis heute weithin Utopie geblieben sind, liegt auf der Hand angesichts der Häufigkeit rassistisch motivierter Agressionen physischer und verbaler Art, aber auch der "Normalität" von Vorurteilen und Stereotypen aller Art. Der Weg zur zu-mindest teilweisen Überwindung dieses Missstandes wird in der Erziehung gesucht. Man nimmt an, dass die oben angesprochenen Ziele durch spezielle päda-gogische Arrangments erreichbar sind, dass Menschen also Lernprozesse durch-laufen können, die sie zu einem "interkulturellen Austausch" befähigen.

Halten wir also fest, dass "interkulturell" einen wechselseitigen Kontakt zwischen verschiedenen Kulturen impliziert, den ich in dieser Arbeit "Austausch" nennen möchte, ferner dass dieser Austausch aus zumindest annähernd machtgleichen Po-sitionen heraus erfolgen sollte um die Reziprozität zu gewährleisten und schließ-lich, dass die Fähigkeit zu diesem Austausch möglicherweise in einem Lernpro-zess erworben werden kann. Damit dieser Austausch fruchtbar verläuft, müssen einige weitere Voraussetzungen gegeben sein oder erworben werden: eine Hal-tung, die den anderen grundsätzlich als gleichwertigen Partner anerkennt, sowie Offenheit für Denk– und Verhaltensweisen, die sich von den eigenen unterschei-den. Das wiederum impliziert die Fähigkeit, die eigenen und die fremden Normen und Wertvorstellungen in ihrer Relativität wahrzunehmen. Georg Hansen[3] spricht in diesem Zusammenhang von einem "Perspektivwechsel – nicht nur im Blick auf die anderen, sondern eben gerade auch mit Blick auf sich selber und diejenigen, die der eigenen Gruppe zugerechnet werden. [...] Die Messlatte für die Einlösung des interkulturellen Anspruchs ist dieser doppelte Perspektivwechsel".

In Hinsicht auf die hier untersuchte Zielgruppe ist es mir allerdings nur möglich, eine Seite –die der Einwanderer– in ihren Wechselbeziehungen zum Aufnahme-land zu untersuchen. Einflüsse, die die Einwanderer möglicherweise auf die Aufnahmegesellschaft ausüben, kommen kaum ins Blickfeld.

3. Arbeitsdefinition des Begriffs "Kultur"

Oftmals werden vermeintliche oder real existierende Unterschiede zwischen den Menschen mit den Begriffen "Rasse" und "Ethnie" beschrieben. Doch wissen-schaftlichen Untersuchungen haben diese Konzepte nicht standgehalten, denn laut biologisch–anthropologischen Erkenntnissen gibt es keine Rassen[4], und "wie schon die Definition von Max Weber andeutete, besteht in der Literatur Einigkeit darüber, dass es sich bei dem Begriff Ethnos nicht um eine objektive wissen-schaftlich begründete Tatsache, sondern um einen Ursprungsmythos handelt [...]"[5]. Wie aber können wir uns behelfen, um die doch offensichtlichen Unterschiede zwischen menschlichen Gruppen begrifflich zu fassen? Ich greife hier auf den Terminus "Kultur" zurück, der die Differenzen nicht biologisch zu greifen sucht, wohlwissend, dass auch er vielfältigen Deutungen ausgesetzt ist, weswegen eine Arbeitsdefinition unerlässlich ist. Mit Clarke[6] bin ich der Meinung, dass die Kultur

einer Gruppe oder Klasse die besondere und distinkte Lebensweise dieser Gruppe oder Klasse [ist], die Bedeutungen, Werte und Ideen, wie sie in den Institutionen, in den gesellschaftlichen Beziehungen, in Glaubenssystemen, in Sitten und Bräuchen, im Gebrauch der Objekte und im materiellen Leben verkörpert sind. Kultur ist die besondere Gestalt, in der dieses Material und diese gesellschaftliche Organisation des Lebens Ausdruck findet. [...] So bilden die bestehenden Muster eine Art historisches Reservoir – ein vorab konstituiertes 'Feld der Möglichkeiten', das die Gruppen aufgreifen, transformieren und weiterentwickeln.

Auernheimer[7] kennzeichnet Kultur auch als ein "Orientierungssystem", hinzuzufü-gen wäre, dass sie auch einen Kommunikationsrahmen stellt.

Es herrscht in der Wissenschaft weitgehend Einigkeit darüber, dass Kultur kein statischer Zustand ist, sondern dynamisch. Kulturen verändern sich im Zusammen-spiel mit anderen Kulturen, aber auch aus sich selbst heraus, d.h. "aus dem Zwang der Subjekte, sich mit materiell bedingten Strukturveränderungen, [...] auseinan-derzusetzen"[8]. Für Migranten bedeutet das aber, dass sie unter Umständen von Entwicklungen in ihrer Herkunftskultur ausgeschlossen bleiben, was bei Reisen in ihr Herkunftsgebiet Entfremdungsgefühle verursachen kann, bzw. dass ihr kultu-relles Selbstbild an einem zeitlich früheren Stand der Herkunftskultur orientiert bleibt. Im Rahmen dieser Studie werde ich deshalb auch die Beziehungen der Befragten zur Letzteren untersuchen.

In einer bestimmten Kultur aufzuwachsen und in dieser erzogen und sozialisiert zu werden, bedeutet eine Prägung des Individuums, ist aber "nicht im Sinne einer ein-deutigen und einseitigen Determinierung aufzufassen"[9]. Vielmehr bildet die Kultur den Rahmen für individuelle Entwicklungen, die Individuen können wiederum verändernd auf diese Kultur einwirken. Diese Dialektik von Prägung und Eigen-ständigkeit hat wiederum weitreichende Folgen für den interkulturellen Austausch. "Eine Neuorientierung, wie sie mit der radikalen Veränderung der Lebensweise aufgrund von Migration [...] immer erforderlich wird, ist ohne die Anknüpfung an kulturelle Traditionen ebensowenig zu leisten wie ohne deren Transformation" schreibt Auernheimer[10]. Einerseits "werden die Wahrnehmungen durch die gesell-schaftlichen Bedeutungen gebrochen, die in der jeweiligen Kultur vergegenständ-licht sind"[11], andererseits aber ermöglicht erst dieser individuelle Spielraum zu dem von der interkulturellen Erziehung geforderten Perspektivwechsel überhaupt in der Lage zu sein.

Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur ist identitätsbildend, Auernheimer schlägt in diesem Zusammenhang den Begriff "kulturelle Identität"[12] vor, unter Rückgriff auf "gruppenspezifische kulturelle Codes, die für die Identitätsarbeit bedeutsam" sein können. Gefragt wird "nach den kulturellen Inhalten und Formen, die für die persönliche Sinn– und Motivbildung herangezogen werden". In der Migration wird diese individuelle Identität aber einem Druck auf Änderungen ausgesetzt sein. Anhand meiner Umfragen möchte ich unter anderem versuchen, solche Transformationen ins Blickfeld zu bekommen.

Es ist inzwischen schon längst zum wissenschaftlichen Allgemeinplatz geworden, dass Kultur nicht mit Nationalkultur gleichzusetzen ist, d.h. dass Letztere ein blos-ses ideologisches Konstrukt darstellt, da nirgendwo Staatsgrenzen mit einem ein-heitlichen Kulturraum deckungsgleich sind. Ich gehe allerdings davon aus, dass

ein über Generationen gemeinsam erfahrener, geschichtlich gewachsener poli-tisch–wirtschaftlich–institutioneller Rahmen auch verschiedene kulturelle Ele-mente hervorbringt, die trotz aller Unterschiede von vielen Integranten dieses ge-meinsamen Raumes geteilt werden[13]. Claus Altmayer formuliert das wie folgt:

Kultur ist in sich vielfach differenziert, gegliedert und geschichtet; es gibt beispiels-weise nicht die deutsche Kultur, sondern ein differenziertes Gefüge unterschiedlicher kultureller Prägungen, abhängig von regionalen, sozialen und ökonomischen Gegeben-heiten und Unterschieden innerhalb einer Staatsgesellschaft; darüber hinaus aber gibt es auch solche kulturellen Prägungen, die Deutsche (aufgrund der nationalspezifischen Unterschiede in der politischen und sozio–ökonomischen Entwicklung) mehr oder weniger gemeinsam haben und die sie von Angehörigen anderer Staatsgesellschaften unterscheiden.[14]

In Bezug auf die von mir untersuchte Migrantengruppe hat das folgende termino-logische Konsequenzen: Ich erlaube mir, die Befragten nach Nationalitäten zu kennzeichnen, ebenso wie ich von "Mexikanern" sprechen werde, ohne dabei jeweils eine homogene kulturelle Ausgangssituation (der Deutschen, Franzosen, Mexikaner usw.) unterstellen zu wollen. Es ist im Rahmen dieser Arbeit unmög-lich, den jeweils spezifischen Sektor kultureller Zugehörigkeit der Einzelnen aus-loten zu wollen, weswegen ich auf übergreifende Zuschreibungsmerkmale ange-wiesen bin. Wenn ich mich auf das gesamtgesellschaftliche Gefüge des National-staates Mexiko bzw. der Stadt Puebla beziehe werde ich von "Aufnahmeland", "Aufnahmegesellschaft" bzw. "mexikanischer" oder "poblanischer" Gesellschaft sprechen, wobei ich wiederum davon ausgehe, dass in dieser "Aufnahmegesell-schaft" verschiedene Teilkulturen miteinander verzahnt sind, die sich insgesamt wesentlich von den Herkunftskulturen der Befragten unterscheiden. Aus der Erkenntnis, dass es keine einheitliche mexikanische Nationalkultur gibt, ebenso-wenig wie eine einheitliche Kultur der Stadt Puebla, folgt aber auch, dass die Begriffe "Aufnahmekultur" oder "Fremdkultur" in den Plural zu setzen sind. Aus-sagen bezüglich der Interaktion der Befragten mit der Aufnahmegesellschaft und deren Integranten sind immer auch Aussagen zur Interaktion mit den Fremdkul-turen, die von dieser Gesellschaft umfasst werden, wobei weder ausgesagt ist, dass die Gesamtgesellschaft mit einer bestimmten Kultur deckungsgleich sei, noch dass bestimmte Kulturen nur innerhalb dieser Gesellschaft existieren würden.

Wichtig erscheint mir auch noch Folgendes:

'Kulturen' stehen einander nicht wie erratische Blöcke gegenüber, sondern durch-dringen und beeinflussen sich auf höchst vielfältige Weise gegenseitig, sind einseitig oder wechselseitig voneinander abhängig, wobei solche kulturellen Beziehungen meist eine Folgeerscheinung politischer und ökonomischer Machtverhältnisse sind.[15]

Hierauf basierend möchte ich den von mir befragten Westeuropäern trotz aller Heterogenität infolge der engen Kontakte der europäischen Völker in Geschichte und Gegenwart und ähnlich verlaufenden gesellschaftlichen Entwicklungen auch gewisse Gemeinsamkeiten unterstellen, die ich zugegebenermaßen etwas vage als "Zugehörigkeit zum westeuropäischen Kulturkreis" bezeichnen werde und die –so vermute ich zumindest– zu Ähnlichkeiten im Verlauf der Auseinandersetzung mit der mexikanischen Gesellschaft führen können. Darüber hinaus wird dem europäi-schen Einwanderer in Mexiko –zumindest auf den ersten Blick– auch vieles ver-traut erscheinen, denn Mexiko ist seit Jahrhunderten europäischen Einflüssen ausgesetzt und nicht zuletzt auch an international greifende Modernitätsprozesse angebunden, die weltweit kulturenhomogenisierende Wirkung zeigen.

Zum Schluss des Kapitels noch kurz ein paar Worte zu meiner eigenen Stellung im Forschungsprozess. Die Tatsache, dass ich selbst westeuropäische Immigrantin in Puebla bin und insofern "im Forschungsfeld lebe", hat den Vorteil, dass ich auf Grund von eigenen Erfahrungen und regelmäßigem Erfahrungsaustausch mit anderen Migranten für diese spezielle Lage sensibilisiert bin und gezielter Fragen stellen kann. Andererseits besteht die Gefahr, meine eigene subjektive Sicht in die Interpretation einzubringen. Dieser Gefahr kann ich sicher nicht völlig entgehen, allerdings liegt hierin ein Grundproblem jeder wissenschaftlichen Forschung. Als

Interviewpartner habe ich bewusst Personen gewählt, die ich nur sehr flüchtig oder überhaupt nicht kenne (bis auf eine Ausnahme), das bedeutet aber, dass ihre Antworten auf die Interviewfragen für mich kaum vorhersehbar sind und das Prinzip der Offenheit des Forschungsgegenstandes gewährleistet ist.

4. Wanderbewegung von den Peripherien in die Zentren des Kapitalismus: ungünstige Bedingungen für interkulturellen Austausch

Es sind viele Szenarien für ein Zusammentreffen verschiedener Kulturen denkbar: Politiker, Wissenschaftler oder Geschäftsleute tauschen sich weltweit mit Kolle-gen aus, Schulen und Universitäten organisieren Austauschprogramme, Touristen strömen in alle Erdteile und das Internet ermöglicht es, mit Menschen von überall Kontakt aufzunehmen. Die Diskussion um die Interkulturalität ist aber vor allem rund um die Migrationsbewegungen in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ent-standen. Die Präsenz von Mitbürgern aus allen Weltteilen und die Notwendigkeit, diese Vielfalt in Politik und Alltag zu steuern, hat in einigen Einwanderungs-ländern etwa seit den 80–er Jahren die Begriffe "multi–" oder "interkulturell" auf den Spielplan gebracht. In deren Umfeld ist eine Vielzahl an Forschungsarbeiten zum Themenkomplex Migration entstanden. Die große Mehrheit dieser Arbeiten beschäftigt sich allerdings mit Migration aus wirtschaftlichen Peripherien oder politischen Krisengebieten in hochentwickelte Wirtschaftszentren, die Tatsache, dass auch jährlich Tausende aus den besagten Zentren in Schwellen– und Entwick-lungsländer abwandern (wobei ich mich hier auf alteingesessene Bewohner der Gebiete beziehe und Rückwanderer nicht mit einbeziehe), findet kaum Beach-tung[16]. Nur die Auslandsaufenthalte einiger berühmter Persönlichkeiten der euro-päischen Literaturgeschichte (z.B. was Mexiko angeht: Malcolm Lowry oder Anna Seghers) werden gelegentlich in einschlägigen Schriften behandelt. Nun stellen solche Wanderbewegungen, die aus politischer oder wirtschaftlicher Not in Gang gesetzt werden, meiner Meinung nach eine denkbar ungünstige Voraussetzung für "interkulturellen Austausch" dar, denn:

1. Diese Migranten fliehen vor etwas, d.h. die Aufnahmekulturen sind für sie in erster Linie ein "Mittel" zur Verbesserung der (Über–)Lebenschancen, und kein "Zweck" im Sinne von intellektuellem Interesse und Offenheit für die Aufnahmegesellschaft (wie soll es da zu "doppeltem Perspektivwechsel" kom-men!).
2. Ansprüche wie "Toleranz" oder "Fähigkeit zum Perspektivwechsel" wenden sich an bildungsbürgerliche Mittelschichten, können aber nur schwer an Ange-hörige der unteren Schichten traditionell geprägter Gesellschaften heran-getragen werden, die oftmals kaum eine Schulbildung erhielten. Diese Perso-nengruppen stellen aber das Gros der klassischen Wirtschaftsmigranten, sowie einen Teil der politischen Flüchtlinge.
3. Das Machtverhältnis zwischen Migranten und Aufnahmegesellschaften ist in der Regel extrem ungleich. Die Einwanderer unterliegen strengen rechtlichen Bestimmungen (Aufenthaltsrecht, Arbeitserlaubnis, kein politisches Mitspra-cherecht), außerdem erschweren unzureichende Sprachkenntnisse und Hand-lungskompetenz in den fremden Kulturen die Wahrnehmung von Rechten. Darüberhinaus herrscht in vielen wirtschaftlich hochentwickelten Aufnahme-ländern der Gegenwart ein Klima der latenten oder offenen Ablehnung der Einwanderer, sowohl im öffentlichen Leben, aber auch in dem von den Eliten produzierten politischen Diskurs, wie van Dijk[17] am Beispiel der Niederlande zeigt.

Diese drei Punkte, die ich lediglich auf die erste Generation von Einwanderern beziehen möchte, belegen schon eindringlich, dass bei den hier angesprochenen Gruppen die beiden oben angesprochenen Kriterien von "annähernder Macht-gleichheit" und "Gegenseitigkeit" nur in geringem Ausmaß, wenn überhaupt, gegeben sind.

5. Wanderbewegung von Industrieländern in ein Schwellenland: die Zielgruppe der Studie

Mein Ziel ist es nun, Migranten zu untersuchen, bei denen nicht von vorneherein die in den eben genannten Punkten angesprochenen Hemmnisse für einen interkul-turellen Austausch zum Tragen kommen. Diese Zielgruppe möchte ich folgender-maßen beschreiben:

1. Es geht um Personen, die auf Grund einer völlig freiwilligen Entscheidung, d.h. weder aus politischem, religiösem noch wirtschaftlichem Zwang ihre Her-kunftsgesellschaft verlassen haben. Dafür scheinen mir Bürger (alteingesesse-ne Mehr– oder Minderheiten) aus den westeuropäischen Ländern geeignet, da diese dort gegenwärtig in der Regel keiner Verfolgung aus politischen oder re-ligiösen Gründen ausgesetzt sind[18]. Bei dieser Personengruppe nehme ich an, dass sie von vorneherein ein gewisses Interesse für das Aufnahmeland mit-bringen, da sie dieses aus freien Stücken zu ihrem ständigen Wohnsitz gewählt haben. Als Mindestaufenthaltsdauer im Ausland setze ich 5 Jahre an. Die Nachkommen dieser Migranten (deren Lage sich grundsätzlich von der Eltern-generation unterscheidet) sind für mich nur im Hinblick auf die elterlichen Entscheidungen (Spracherwerb, Bildungsgang, Aufenthaltsort) interessant. Zu Westeuropa zähle ich alle europäischen Länder, die nicht dem ehemaligen Ostblock angehörten.
2. Die Personen meiner Zielgruppe sind einzelne Einwanderer, d.h. sie sind allein oder mit einer Kleinfamilie gekommen und nicht als geschlossene Gruppe. Angehörige ausländischer Konzerne mit Vertrag aus dem Herkunftsland, die sich in der Regel befristet im Ausland aufhalten und oftmals dort in einem Ghetto von Mitgliedern der Eigengruppe leben, schließe ich aus meinen Betrachtungen aus, um sicherzustellen, dass es sich bei den Interviewpartnern um Personen handelt, die sich auf Grund ihrer Lebenssituation zwangsweise intensiv mit den Aufnahmekulturen auseinandersetzen müssen.
3. Die Interviewpartner stammen aus verschiedenen Gegenden Westeuropas, dort wiederum aus verschiedenen sozialen Schichten (mehrheitlich aber aus den städtischen Mittelschichten), d.h. von einer einheitlichen Ausgangslage in Be-zug auf Sozialisation und Erziehung kann ich nicht ausgehen. Es wäre ohnehin kaum möglich, diese Faktoren in einer einmaligen Interviewsituation, die ja nur eine zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgenommene Eigeneinschätzung der Interviewten wiedergeben kann, umfassend ins Blickfeld zu bekommen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie aus hochdifferenzierten und wirtschaftlich erfolgreichen Gesellschaften stammen, und in ein –an Modernitätskriterien gemessen– strukturell schwächeres Schwellenland abwandern. Ich setze bei dieser Personengruppe auch einen Mindestbildungsstand voraus, das heißt, sie ist in der Muttersprache alphabetisiert, in der Lage, die Landessprache des Aufnahmelandes in Wort und Schrift zumindest annähernd zu erlernen, sowie ihre Migrantensituation theoretisch zu reflektieren, d.h.sie gehören im weiten Rahmen zu den Mittel– oder Oberschichten der Herkunftsgesellschaft.
4. Natürlich kann auch in Bezug auf diese Gruppe nicht von völliger Macht-gleichheit ausgegangen werden. Die Einwanderer unterliegen den Migrations-gesetzen des Nationalstaates Mexiko. Jegliche Einmischung in politische Angelegenheiten Mexikos ist ihnen unter Androhung der Ausweisung unter-sagt.[19] Es herrscht aber eine allgemeine Akzeptanz von europäischen Einwan-derern, da diese zum einen zahlenmäßig kaum ins Gewicht fallen, aber auch infolge des mexikanischen "Malinchismus" (d.h. das Fremde wird höher bewertet als das Eigene) von vorneherein Prestige besitzen. Direkten Anfein-dungen werden sie kaum jemals ausgesetzt sein.[20] Der Spielraum für indivi-duelle private und wirtschaftliche Aktivitäten der Einwanderer ist relativ groß.
5. Von einer Machtüberlegenheit der Einwanderer (im Sinne von Gramscis kul-tureller Hegemonie) möchte ich im Hinblick auf die Zielgruppe nicht ausge-hen, da diese –wie oben schon angedeutet– politisch einflusslos sind und als Einzelne nicht die Möglichkeit haben, tiefgreifend in die sie umgebenden Kul-
turen einzugreifen. Eine Gruppe stellen sie nur in den Statistiken bzw. in dieser Arbeit dar, in Wirklichkeit bestehen aber nur geringe Berührungspunkte zwi-schen ihren Integranten. Wohlwissend, dass interkulturelle Kompetenz nicht nur individuell verursacht wird, sondern auch auf Sozialisations– und Erzie-hungsprozessen in der Herkunftskultur aufbaut, sowie in (hier eher schwach ausgeprägten) Peer–Gruppen geformt wird, kann ich diese in der vorliegenden Studie nur individuell fassen, da Gruppenprozesse (vor oder nach der Aus-wanderung) sich mittels der Einzelinterviews schwerlich ins Blickfeld bringen lassen.
6. Die Untersuchung einer homogenen Gruppe kann ich im Rahmen dieser Arbeit nicht leisten. Weder eine Trennung nach Nationalitäten, noch nach Geschlecht würde eine solche homogene Gruppe darstellen, da auch innerhalb dieser Kate-gorien bedeutende Unterschiede (regionale Unterschiede, soziale Herkunft, Geschlecht, Ausbildung, Familienstand, Kinder u.a.) existieren. Dies ist aber für meine Zwecke auch gar nicht notwendig, da ich auf Grund von Alltags-beobachtungen im Forschungsfeld von der Hypothese ausgehe, dass trotz hete-rogener Ausgangslagen der Migranten Ähnlichkeiten im Verlauf des Lebens in der Migration (in Hinsicht auf Lernprozesse, subjektive Einschätzung des Lebens in der Migration, Stereotypenbildung) festzustellen sind. Die Inter-views möchte ich folglich daraufhin untersuchen, ob sich solche Prozesse bzw. spezifische Phasen in den Migrantenbiographien beschreiben lassen.

6. Einwanderer in Mexiko: Kurzer Überblick

6.1 Geschichte

Über 300 Jahre dauerte die spanische Herrschaft auf dem Gebiet des heutigen Nationalstaates "Estados Unidos de México", der 1821 seine Unabhängigkeit von Spanien erklärte. Schon während dieser Periode kam es zu ethnischen und kultu-rellen Verschmelzungen: Zwar war die Bevölkerung lange Zeit streng in "Kas-ten[21] " unterteilt, doch eine zunehmende Vermischung der verschiedenen indigenen Gruppen Mexikos mit den Spaniern (und vereinzelt auch anderen Europäern), aber auch mit den aus Afrika eingeschleppten Sklaven war unaufhaltsam. Nach und nach entstand so die heutige Mestizengesellschaft, ein Amalgam der verschiedens-ten ethnischen und kulturellen Einflüsse. Auch gegenwärtig gibt es noch indigene oder zugewanderte Gruppen (z.B. Mennoniten) mit einer eigenen Sprache und Kultur, sie führen ein Randdasein in der mexikanischen Gesellschaft und leben vorwiegend in ländlichen Gegenden. Von "einer mexikanischen Kultur" sprechen zu wollen, macht wenig Sinn, tatsächlich existieren auf mexikanischem Boden eine Vielzahl an Kulturen.

Die Stadtgesellschaft ist mestizisch, wobei die Mitglieder der Eliten in der Regel weißer Hautfarbe sind. Nicht nur in den verschiedenen Öko–Systemen des Landes (fast alle auf der Erde existierenden Öko–Systeme sind hier vertreten), sondern auch in dem engen Nebeneinander von Geschichte (archäologische Stätten!), Tra-dition und Moderne liegt sicherlich die Anziehungskraft begründet, die das Land auf viele Touristen und Einwanderer ausübt. Doch wer glaubt, sich bequem im modernen Sektor ansiedeln zu können, um von dort aus gelegentliche Ausflüge in die traditionelle, ländliche Welt zu unternehmen, täuscht sich. Denn diese Kultu-ren sind nicht streng von einander abgetrennt, sondern haben fließende Übergän-ge. Hinter einer Fassade der Modernität –breit gefächertes Bildungssystem, differenziertes Verwaltungswesen, moderne Industrien– die ihrem Anspruch nach der Wirtschaftlichkeit und Effizienz verschrieben ist, wirken ältere Traditionsli-nien weiter, die diesem Anspruch diametral entgegenlaufen und ihn auch immer wieder unterlaufen. So ist zum Beispiel "Vetternwirtschaft" auch heute noch in Firmen und sonstigen Institutionen gang und gäbe.

Auch nach der Unabhängigkeit Mexikos kamen weiterhin Einwanderer ins Land, doch

Im Gegensatz zu einer in Lateinamerika landläufigen, oft aus chauvinistischen Grün-den verbreiteten Vorstellung muss klargestellt werden, dass die ausländische Einwan-derung, und darunter die deutsche, gemessen an der Bevölkerung der Republik, ver-schwindend gering war. Als im 18. Jahrhundert, in den letzten Jahrzehnten des 19. und Anfang des 20. große Auswanderungsströme aus Europa nach Amerika zogen, kam nur ein kleiner Bruchteil nach Mexiko.[22]

Grund dafür waren die extrem unsicheren politischen Verhältnisse (Kriege, Besat-zungen, Regierungswechsel), die auch eine konsequente Einwanderungspolitik un-möglich machte, denn erlassene Gesetze und Zusicherungen von Land oder Privi-legien wurden regelmäßig wieder zurückgenommen, so dass wiederholt ganze Siedlerkolonien nach Europa zurückkehren mussten, oder aber geplante Siedlungs-projekte nicht zur Durchführung kamen[23]. Dabei bestand durchaus ein Bedarf an Einwanderung, weite Landstriche waren nur sehr dünn besiedelt, und viele Politi-ker sahen die Einwanderung als notwendiges Mittel für wirtschaftliche und gesell-schaftliche Entwicklung an. Doch "Immer wenn die liberale Partei eine forschritt-liche Regierung zusammenstellen konnte und Gesetze zugunsten ausländischer Einwanderung, Religions– und Pressefreiheit durchzusetzen versuchte, verlor der Klerus keinen Augenblick, um einen Aufstand gegen diese Regierung anzuzet-teln"[24]. Auch die Bevölkerung war häufig sehr negativ den Fremden gegenüber eingestellt, aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird Folgendes berichtet:

In Mexico schließlich trafen die Einwanderer auf eine von religiösen Vorurteilen ständig geschürte Fremdenfeindlichkeit, die sich in Schimpfreden und Steinwürfen und sogar in Brandstiftung in den Minen äußert. So leben in Puebla nur wenige nichtspa-nische Europäer, weil sie als Ketzer verhasst sind und von 'dem von oben herab dazu aufgeregten Pöbel', den 'léperos' beschimpft werden. Ein zu Wohlstand gekommener Ausländer wird 'Jude' genannt.[25]

Auch in der zweiten Jahrhunderthälfte hatte sich die Lage kaum geändert: "'Tod den Fremden' und 'Ihr werdet höchstens von Weibern und Hunden gern gesehen' waren nach Friedrich von Hellwald Äußerungen, welche jeder Europäer zu hören Gelegenheit hatte"[26]. Das alles war aber kein Hindernis für wirtschaftliche Aus-beute des Landes, denn

1857 kontrollierten tatsächlich oder rechtlich die verschiedenen ausländischen Grup-pen die wichtigsten wirtschaftlichen Tätigkeiten im Lande. [...] in Modeartikeln hatten die Franzosen ein Monopol, in Nahrungsmitteln die Spanier und in Eisenhandel und Maschinen die Engländer und die Deutschen. Alle von ihnen investierten im Lande wenig oder gar nichts von ihren Gewinnen, die meist in ihre Heimatländer flossen.[27]

Unter dem Präsidenten Benito Juárez wurde nicht nur ausländischer Besitz konfis-ziert und Dekrete gegen Ausländer erlassen, "die den völligen Ruin zahlreicher ausländischer Familien, besonders der Franzosen, zur Folge hatten"[28], sondern 1859 auch ein Gesetz zur Nationalisierung der kirchlichen Güter verabschiedet und die Trennung von Kirche und Staat verordnet. Zwar konnte der Diktator Porfi-rio Díaz diese Gesetze vorübergehend wieder aufheben, doch mit der Mexikani-schen Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der politischen und wirt-schaftlichen Macht der Kirche in Mexiko endgültig ein Ende gesetzt. Diese Rück-drängung der kirchlichen Macht führte langfristig auch zu einer anderen Haltung in Hinsicht auf Ausländer. Heute sind zwei Tendenzen am Wirken: einerseits gibt es bei Teilen der mehrheitlich katholischen Bevölkerung sicher noch einiges Miss-trauen vor allem nicht katholischen Ausländern gegenüber, andererseits kommt aber auch der "Malinchismus"[29] zum Tragen, der Fremdes höher bewertet als Eigenes. Auf Nachfragen bestätigen mir mexikanische Bekannte immer wieder, dass europäische, aber auch nordamerikanische Ausländer in der Regel hohes Ansehen genießen und durchaus gerne im Land gesehen werden. Von offenen Anfeindungen oder fremdenfeindlichen Aktionen kann, meines Wissens nach, in Bezug auf die Gegenwart keine Rede mehr sein.

6.2 Rechtslage der Ausländer in Mexiko

Die rechtliche Situation der Ausländer ist im Código de Extranjería festgelegt. Wer nur für wenige Jahre ins Land kommt –das ist wohl die Mehrheit der hier lebenden Europäer, die befristet in einer Firma oder sonstigen Institution ihres Landes (Schule, Kulturzentrum) arbeiten– bekommt eine Aufenthalts– und Arbeitsgenehmigung für 1 Jahr, die auf maximal 5 Jahre verlängert werden kann (FM3). Wer länger bleiben will, kann den Status eines "Inmigrante" (FM2), wört-lich "Einwandernder", beantragen, der mehr Rechte einräumt und wiederum wäh-rend 5 Jahren jährlich verlängert werden muss. Dieser wird für Akademiker, Nichtakademiker, Inversionisten, Rentner, Familienangehörige oder Künstler und Sportler gewährt, die beiden ersteren benötigen –falls sie nicht selbständig tätig sind– eine Firma oder Institution, die ihren Antrag deckt. Die Arbeitsstelle darf dann nicht ohne ausdrückliche Genehmigung gewechselt werden. Gefordert wird von den Einwanderern, dass ihre Tätigkeit positiv für das Land ist. Bevorzugt wer-den diejenigen, die nachweisen können, dass ihr Tätigkeitsbereich nicht in ausrei-chendem Maß von Mexikanern gedeckt wird. Mexikanische Firmen dürfen nicht mehr als 10% Ausländer einstellen.

Die letzte Etappe ist dann der "Inmigrado", wörtlich der "Eingewanderte"[30]. Die-ses definitive Aufenthaltsrecht erhält derjenige, der alle legalen Forderungen erüllt und beweisen kann, dass seine Tätigkeit ehrenhaft und sozial positiv ist. Nun kann man Grund– und Immobilienbesitz erwerben und ohne ausdrückliche Erlaubnis den Arbeitgeber wechseln. Doch auch der "Inmigrado" erhält kein Wahlrecht, darf sich –unter Androhung der Ausweisung– nicht in politische Angelegenheiten des Landes mischen, und kann sein Aufenthaltsrecht wieder verlieren, falls er gegen mexikanische Gesetze verstößt. Weiterhin muss er die Autoritäten um Erlaubnis bitten, wenn er eine/n mexikanische/n Staatsbürger/in heiraten will.

Die vorigen Ausführungen machen deutlich, dass sich der mexikanische Staat durchaus vor einer unkontrollierten Einwandererung zu schützen sucht, ebenso schützt er einheimische Interessen (Arbeitsplätze!) vor ausländischen. Dennoch ist es gegenwärtig nicht sonderlich schwer für einen Europäer, eine Aufenthalts– und Arbeitserlaubnis zu erhalten, solange er von einem Arbeitgeber gedeckt wird.

6.3 Einwanderungsstatistiken

Die statistische Erfassung von ausländischer Einwanderung ist äußerst unbefrie-digend, was darauf schließen lässt, dass ihr von politischer Seite wenig Bedeutung zugemessen wird. Zwei Institutionen befassen sich mit der Thematik: das Instituto Nacional de Migración und das INEGI[31]. Ersteres ist die Zweigstelle der Regie-rung, die Aufenthaltsgenehmigungen für Ausländer erteilt. Die Delegación Regio-nal Puebla (Zweigstelle des Bundesstaates Puebla) konnte mir lediglich eine nach Nationalitäten aufgegliederte Tabelle mit der Gesamtanzahl derzeit dort gemelde-ter Ausländer zur Verfügung stellen (Stand: Mai 2002). Weitere statistische Daten (Aufenthaltsdauer, Aktivitäten, Geschlecht Familienstand usw.) existieren nicht. Die einzelnen Dossiers sind bis jetzt nicht diesbezüglich aufgearbeitet worden. Folgende westeuropäische Einwanderer befinden sich gegenwärtig im Bundesstaat Puebla: 1819 Deutsche, 529 Spanier, 431 Franzosen, 161 Italiener, 114 Briten, 74 Schweizer, 51 Österreicher, 39 Holländer, 34 Belgier, 18 Dänen, 17 Schweden, 11 Portugiesen, 10 Norweger, 9 Liechtensteiner, 7 Finnen, 5 Irländer, 3 Griechen und 1 Isländer, insgesamt sind das 3333 Personen. Hier wird schon deutlich, wie gering diese Anzahl angesichts der Gesamteinwohnerzahl des Bundesstaates (5.076.686[32] ) ist. Anzunehmen ist, dass von diesen 3333 Personen die meisten nur wenige Jahre im Land bleiben, so dass die Anzahl an Personen, die mehr als 5 Jah-re im Land weilen, weniger als die Hälfte davon sein dürfte. Nachfahren von Ein-wanderern, die die mexikanische oder eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen, sowie eingebürgerte Personen sind allerdings hier nicht erfasst.

Auch die Dossiers bezüglich der Einbürgerungen sind im Bundesstaat Puebla (Sec-retaría de Relaciones Exteriores) nicht aufgearbeitet worden, so dass keine Statis-tiken darüber existieren. Jährlich stellen dort rund 5–7 Europäer einen Einbürge-rungsantrag, wobei nicht allen Anträgen stattgegeben wird. Einbürgern lassen kann sich unter anderem, wer mindestens fünf Jahre legal im Land gelebt, einen mexikanischen Ehepartner oder ein mexikanisches Kind hat (es gilt das ius solis) bzw. ein solches adoptiert.

Das INEGI führt alle fünf Jahre eine Volkszählung durch und gibt einen eigenen Sonderband zu Wanderbewegungen heraus. Doch auch diesen Daten lässt sich nur sehr wenig zu ausländischen Einwanderern entnehmen, sie beziehen sich haupt-sächlich auf innerstaatliche Wanderungen bzw. auf Wanderbewegungen zwischen Mexiko und den USA, sind zudem oftmals in sich widersprüchlich und es wird nicht immer klar definiert, welche Personengruppen in den einzelnen Statistiken aufgenommen wurden und welche nicht.

Eine neuere, historisch angelegte Studie des INEGI[33] zeigt folgende Daten: Im Ausland geborene Gebietsansässige in Mexiko: Diese Personengruppe ist mit eini-gen Schwankungen (vor allem 1940, wo sie stark sank) allmählich angestiegen in Bezug auf ihre Gesamtanzahl. Einen Höchststand erreichte sie 1992 mit 463.098 Personen, 1997 (dem letzten Erhebungsjahr) lag sie bei 462.280 Personen, insge-samt hat die Anzahl also seit 1930 (dem ersten Erhebungsjahr) nie die Grenze von einer halben Million erreicht. Prozentual an der Gesamtbevölkerung gemessen lie-gen die Ausländer in den meisten Jahren bei 0,4 oder 0,5 %, wobei der Bevölke-rungsanstieg Mexikos berücksichtigt werden muss. Insgesamt lässt sich aber fest-stellen, dass die Zahl der ausländischen Gebietsansässigen immer schwindend gering war. Rückwanderungen sowie Verweildauer werden in dieser Statistik nicht angegeben. In Puebla lebten 1990 5973 Ausländer, 3167 (ca. 53%) davon Männer (2002 sind es insgesamt 8698 Ausländer). Auf die Bevölkerung der einzelnen mexikanischen Bundesstaaten bezogen liegt der Prozentsatz an Ausländern nir-gends höher als 2% (Baja California, 2%, Quintana Roo 1,6%), im Distrito Federal gibt es lediglich 0,7% Ausländer, in Puebla liegt der Prozentsatz unter 0,6%.

Bezüglich der Aktivitäten der Einwanderer kann ich nur auf meine Alltagsbeo-bachtungen zurückgreifen. Sie sind größtenteils selbständig (Kleinunternehmer) oder im Bildungsbereich tätig (viele Institutionen verlangen keine einschlägige Ausbildung für Sprachlehrer). Die Kategorie der (fast durchweg männlichen) lei-tenden Angestellten bei Auslandsvertretungen mittlerer und großer europäischer Firmen (und ihrer Ehefrauen) ist in der Regel nur befristet vor Ort. Wenige arbei-ten im Angestelltenverhältnis mit lokalem Vertrag (z.B. Sekretärinnen) bei Firmen ihres Herkunftslandes.

Wichtige Einwanderergruppen in Puebla und umliegenden Gemeinden sind: Libanesen christlichen Glaubens[34]: in ganz Mexiko rund 500.000, in Puebla unge-fähr 2000–2500 Familien (Nachfahren libanesischer Einwanderer). Sie kamen ab 1860, als ein religiös motivierter Zivilkrieg im Libanon ausbrach und beschäftig-ten sich seit Beginn ihrer Einwanderung in der Textilbranche; auch heute ist ein Großteil der Textilbranche von Puebla noch in "libanesischen" Händen, inzwi-schen sind sie aber auch in vielen anderen Sektoren tätig, unter anderem im künst-lerischen Bereich (zu nennen wären in diesem Zusammenhang die Schriftsteller Jaime Sabines und Héctor Azar, der Regisseur Jaime Zaccarías oder die Schau-spielerin Salma Hayek). Einzelne Vertreter der Kolonie sind in politisch oder wirt-schaftlich bedeutende Positionen aufgestiegen. Die arabische Sprache und sonstige kulturelle Eigenheiten haben sie weitgehend verloren, eine Neueinwanderung findet auf Grund der in den letzten Jahrzehnten restriktiven Politik der mexika-nischen Regierung in dieser Hinsicht praktisch nicht mehr statt.

Im Dorf Chipilo, rund 10 km von Puebla gelegen, leben die Nachfahren von 53 italienischen Familien (aus der Gegend von Venetien, ihr Dialekt heißt "Veneto"), die 1882 ins Land kamen. Die Chipileños widmen sich der Viehhaltung, sowie der Herstellung von Milchprodukten (Butter, Käse u.a.). Laut Angaben eines Bewoh-ners von Chipilo handelt es sich hier um die einzige italienische Kolonie außer-halb Italiens, die über einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren ihren Dialekt erhalten konnte. Heirat mit Personen von außerhalb ist verpönt bei den Chipi-leños. Auch heute noch sind sie mehrheitlich hellhäutig, blond und blauäugig. Das Dorf zählt gegenwärtig 2965 Einwohner[35], die meisten davon italienischstämmig.

Japaner: Rund 100 Nachfahren japanischer Einwanderer sowie ungefähr 50 japani-sche Neueinwanderer leben in der Stadt Puebla. Ein japanisches Kulturzentrum widmet sich unter anderem der Pflege von kulturellen Eigenheiten dieser Gruppe und bietet Japanisch–Unterricht an. Seit Ende des 19. Jahrhunderts kamen japani-sche Einwanderer auf Grund eines Auswanderungsvertrages zwischen Mexiko und Japan hauptsächlich in südliche und nördliche Teile des Landes. Japan versuchte auf diese Weise einen Bevölkerungsüberschuss abzustoßen, Mexiko brauchte Landarbeiter für dünn besiedelte Agrarlandschaften. Mit dem Zweiten Weltkrieg endete diese gezielt organisierte Einwanderung. Nach und nach wanderten Inte-granten der japanischen Kolonien in andere Bundesstaaten ab, seit den 50–er Jahren siedelten sich einige japanische Familien in der Stadt Puebla an.

Puebla zählt auch rund 650 südkoreanische Einwanderer. Diese kamen seit den 90–er Jahren des vorigen Jahrhunderts und sind hauptsächlich im Textilbereich (Textilfabriken, Import, Kleidungsgeschäfte) tätig. Eine diplomatische Vertretung oder ein Kulturzentrum betreiben sie nicht im Bundesstaat.

In der Stadt Puebla unterhalten die folgenden westeuropäischen Länder Honorar-konsulate: Spanien, Deutschland, Frankreich, Belgien und Italien. Die Honorar-konsule verfügen über keine statistischen Daten bezüglich der Nationalitätengrup-pen, die sie betreuen. Über die hier bereits angeführten Daten hinaus erhielt ich von ihnen noch folgende Informationen:

Neben den 529 Neueinwanderern aus Spanien gibt es rund 5000 Nachfahren spanischer Einwanderer im Bundesstaat, sie sind vor allem im Handel und in Kleinunternehmen tätig.

Im Bundesstaat Puebla leben rund 250 eingebürgerte Belgier bzw. deren Nachfahren. Sie sind im industriellen sowie im landwirtschaftlichen Bereich tätig (Feingemüse, Salat, Kaffeeanbau).

Die Italiener in Puebla (die Chipileños sind hier nicht einbegriffen) sind haupt-sächlich in Handel und Kleinunternehmen tätig (Restaurants, Läden, sonstige Handelskativitäten). Es gibt auch 4 oder 5 italienische Firmen (Zulieferer von VW de México), das größte Unternehmen davon ist Brembo Rassini (Bremsen).

Ein Verzeichnis von deutschen Firmen in Puebla enthält 36 Eintragungen (haupt-sächlich der Automobilzulieferbranche). Neben den Neueinwanderern gibt es auch eine kleine deutsche Kolonie der 2., 3. und 4. Generation, von der einige Integran-ten noch vorwiegend Deutsch sprechen und sich der "deutschen Kultur" verbunden fühlen. Die ersten Einwanderer kamen um die Jahrhundertwende, 1911 wurde die Deutsche Schule in Puebla gegründet.

6.4 Die Stadt Puebla

Puebla de los Ángeles (ofiziell 1.346.916 Millionen Einwohner, nach inofiziellen Schätzungen aber mehr als 2 Millionen) ist die viertgrößte Stadt Mexikos. Ihr mil-des Klima und die günstige Lage (zwischen dem Ausfuhrhafen Veracruz und der Hauptstadt Mexiko gelegen) trugen sicher dazu bei, dass sie sich in den letzen Jahrzehnten zu einem Industrieknotenpunkt mit zwei großen Industrieparks und vielen weiteren Kleinunternehmen, hauptsächlich der Automobilbranche (Volks-wagen de México hat hier seinen Sitz) entwickelte. Die ehemals bedeutende Textilbranche ist allerdings im Niedergang begriffen. Nicht nur die ausländischen Tochtergesellschaften vor allem deutscher (ungefähr 36), aber auch einiger franzö-sischer Firmen (ca. 8 Firmen der Automobil– und Plastikbranche) bieten die ein oder andere Arbeitsmöglichkeit für Europäer (es wird vorwiegend mit lokalem Personal gearbeitet, leitende Angestellte kommen aber in der Regel aus Europa), auch mehrere größere private und öffentliche Universitäten bieten sich als Arbeit-geber für Europäer an.

Vor der Eroberung war Cholula (ca. 15 km von Puebla gelegen) ein bedeutendes indianisches Zeremonialzentrum. Dessen Zerstörung musste eine besonders inten-sive Präsenz der neuen, katholischen Religion folgen. So wurde das nahegelegene Puebla 1539 zum Bischofssitz erklärt. Sowohl Cholula als auch Puebla gelten heute noch als die Orte mit den meisten Kirchen in ganz Mexiko.

In ganz Mexiko haben die Poblaner auch in der Gegenwart noch den Ruf, beson-ders religiös, verschlossen und scheinheilig zu sein. Inwieweit das zutrifft, möchte ich nicht beurteilen, ich erwähne das deshalb, weil Ortsfremde immer wieder Bezug darauf nehmen.

[...]


[1] In den Fussnoten erscheinen als bibliographische Angaben Autor, Jahr, Kurztitel und Seite des Zitats. Alle weiteren Daten sind in der Bibliographie am Ende dieser Arbeit einzusehen.

[2] Vgl. Albrecht, Susanne (1999): "Überlegungen zum Konzept der Interkulturalität", S. 116, zit. nach: Katja Faulstich (2001): Interkulturelles Lernen, S. 6.

[3] Georg Hansen (1994): Einführung in interkulturelle Studien, S. 62.

[4] Vgl. Heinz Müller (1993): "Rasse, Ethnos, Kultur und Nation", S. 55.

[5] Ebd., S. 58.

[6] Clarke u.a. (1979): "Subkulturen, Kulturen und Klasse", S. 40f. Zit. nach: Marianne Krüger-Potratz (1994): Interkulturelle Erziehung, S. 55.

[7] Georg Auernheimer (1996): Einführung in die interkulturelle Erziehung, S. 111.

[8] Ebd.

[9] Claus Altmayer (1997): "Zum Kulturbegriff des Faches Deutsch als Fremdsprache", S. 12.

[10] Auernheimer, S. 113.

[11] Ebd., S. 111.

[12] Ebd., S.109.

[13] Norbert Elias (41999): Die Gesellschaft der Individuen, S. 203, spricht in diesem Zusammenhang von "sozialem Habitus" (vgl. S. 244f.) und unterstellt ein gemeinsames Grundschema der Persönlichkeitsstruktur infolge einer gemeinsamen nationalen Tradition.

[14] Altmayer, S. 12.

[15] Ebd., S. 8.

[16] Es lässt sich auch kaum Bibliographie zu dieser Wanderbewegung auffinden. Als neuere deutschsprachige Titel sind diesbezüglich neben Studien über Literaten in der Emigration (z.B. Marcus Patka (1999): Zu nahe der Sonne) und Hartmut Fröschle (Hrg.) (1979): Die Deutschen in Lateinamerika, aus dem ich weiter unten den Artikel von Oeste de Bopp zitiere, lediglich Klaus Bade (Hg.) (1992): Deutsche im Ausland - Fremde in Deutschland: Migration in Geschichte und Gegenwart, zu nennen, ein Titel, den ich für die vorliegende Arbeit allerdings nicht zu Rate ziehe, da er nur wenige Seiten der Auswanderung nach Mexiko widmet.

[17] T.A. van Dijk (1992): "Der Diskurs der Elite", S. 291.

[18] Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen, wie z.B. im Falle von Angehörigen militanter Separatis-tenbewegungen, wie der ETA. Diese Personengruppen habe ich nicht als Interviewpartner gewählt.

[19] Nach Artikel 33 der mexikanischen Verfassung, der in den letzten Jahren unter anderem in Zusammenhang mit dem Zapatistenaufstand mehrmals angewendet wurde.

[20] Ich beziehe mich hier nicht auf Agressionen vom Typ "Diebstahl" oder "Überfall". Eine Aus-nahme mögen auf Grund der Kolonialgeschichte die spanischen Einwanderer bilden.

[21] In den bei Gonzalo Aguirre Beltrán (1972): La población negra de México, veröffentlichten Volkszählungen werden nach rassischen Kriterien (Europäer, Afrikaner, Indígenas u. deren Mischungen) sechs verschiedene Kasten unterschieden.

[22] Josef Silva (1944): Consideraciones demográficas, (ohne Seitenangabe), zit. n. Marianne Oeste de Bopp (1979): "Die Deutschen in Mexico", S. 488.

[23] Vgl. Oeste de Bopp (1979): "Die Deutschen in Mexico", S. 478-488.

[24] Ebd., S. 482.

[25] Ebd., S. 480, zitiert in dieser Passage Stellen von: J. Burkart (1836): Aufenthalt und Reisen in Mexiko... und C.C. Becher (1834): Mexiko in den ereignisvollen Jahren 1832/33..., (ohne Seitenangabe), wobei nicht genau unterscheidbar ist, welche Textstellen Zitate sind.

[26] Ebd., S. 484, zitiert in dieser Passage Stellen von Friedrich von Hellwald (1869): Maximilian I Kaiser von Mexiko, ohne Seitenangabe.

[27] Ebd., S. 504.

[28] Ebd., S.505.

[29] Malinche war die indianische Dolmetscherin des Eroberers Cortéz. Als "Malinchist" werden Per-sonen bezeichnet, die das Fremde höher bewerten als das Eigene. Vgl. auch Octavio Paz (1972): El laberinto de la soledad, S. 78.

[30] In den Fragebögen habe ich diesen Status fälschlicherweise als FM1 bezeichnet, die Betroffenen behalten aber ihren FM2, in den der Status des "Inmigrado" eingetragen wird.

[31] INEGI steht für Instituto Nacional de Estadísticas, Geografía e Informática.

[32] INEGI (2002): XII Censo General de Población y Vivienda 2000.

[33] INEGI (2001): Indicadores Sociodemográficos de México (1930 – 2000), S. 82.

[34] Die Informationen zur libanesischen Einwanderung stellte mir freundlicherweise Antún Nakad Bayeh, Präsident des Centro Mexicano Libanés de Puebla, A.C. zur Verfügung.

[35] INEGI (2002). Das Dorf heißt vollständig: Chipilo de Francisco Javier Mina.

Ende der Leseprobe aus 348 Seiten

Details

Titel
Westeuropäische Einwanderer in einem Schwellenland: Interkultureller Austausch als Lernprozess? Eine Fallstudie in Puebla, Mexiko
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Interkulturelle Erziehungswissenschaft)
Note
1,6
Autor
Jahr
2002
Seiten
348
Katalognummer
V14000
ISBN (eBook)
9783638195119
ISBN (Buch)
9783638796590
Dateigröße
1552 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Veröffentlichungsdatum: Mai 2003. Die Autorin ist Lehrkraft an der Benemerita Universidad Autonoma de Puebla, Mexiko. 108 Seiten + 240 Seiten Anhang (Interviews)
Schlagworte
Einwanderer, Schwellenland, Austausch, Lernprozess, Fallstudie, Puebla, Mexiko, interkulturell, Migration
Arbeit zitieren
Magister Artium Dorit Heike Gruhn (Autor), 2002, Westeuropäische Einwanderer in einem Schwellenland: Interkultureller Austausch als Lernprozess? Eine Fallstudie in Puebla, Mexiko, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14000

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