In dieser Arbeit soll es um das Werk „Das Urteil“ von Franz Kafka gehen. Die Erzählung, die in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 von Kafka verfasst und im folgenden Jahr veröffentlicht wurde, bekam viel Aufmerksamkeit, bewegte das Interesse der Sprach- und Literaturwissenschaftler und stand im Mittelpunkt ganz vieler literarischen Untersuchungen. Ich werde in dieser Arbeit die Erzählung aus einer psychoanalytischen Sicht interpretieren, indem ich die freudsche Theorie zur Psychoanalyse zum Einsatz bringe, um die Erzählung zu verstehen.
Jedes literarische Werk ergibt sich nach einer psychologischen Aktivität und ist somit ein Gegenstand der psychologischen Forschung. Man geht deshalb bei literaturpsychologischen Ansätzen von einer engen Beziehung zwischen Literatur und Psychologie aus. Also genauer gesagt, man spricht von einer festen Verbindung von psychologischer Deutung und literaturwissenschaftlicher Interpretation.
Das ist vor allem in der Literaturwissenschaft kein neues Phänomen, da psychoanalytische Literaturinterpretationen so alt sind, wie die Psychoanalyse selbst. In der ersten Linie betrachtet die Psychoanalyse das literarische Werk als psychisches Produkt eines Menschen in einer bestimmten gesellschaftlichen und historisch-kulturellen Situation. Ein Produkt, das aus Phantasie und Abwehr besteht. Die Literaturwissenschaft sieht das literarische Werk als ästhetisch-formales Gebilde, das sich in eine gattungsgeschichtliche Position einordnen lässt. Beide Seiten beschränken sich aber nicht streng auf die genannten Gesichtspunkte.
Die Psychoanalyse versucht, Sinnzusammenhänge zu betrachten. Sie fragt also nach der Entstehung dieser Zusammenhänge. Das Werk wird nach der Lebensgeschichte, nach den Kindheitserlebnissen und den Lebensumständen des Autors interpretiert. Ein weiterer Aspekt der Psychoanalyse besagt, dass sie das literarische Werk als Produkt eines psychischen Konflikts zwischen bewussten und unbewussten Wünschen und als Kompromissbildung aus Strebungen nach Mitteilung und Befriedigung versteht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundannahmen der Psychoanalyse nach Freud
3. Die psychoanalytische Literaturwissenschaft
4. Der Psychoanaltische Ansatz und Kafka
4.1. „Das Urteil“ aus einer psychoanalytischen Sicht
4.2. Das Verhältnis Georgs zu den anderen Figuren
4.3. Ödipuskomplex in „das Urteil“
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, Franz Kafkas Erzählung „Das Urteil“ mithilfe der psychoanalytischen Theorien Sigmund Freuds zu interpretieren. Dabei steht insbesondere die Untersuchung der Figurenkonstellation und der zugrunde liegenden psychischen Konflikte im Fokus, um die narrative Struktur als Ausdruck unbewusster Prozesse zu verstehen.
- Grundlagen der psychoanalytischen Literaturwissenschaft
- Analyse der Vater-Sohn-Beziehung bei Kafka
- Die Bedeutung von Schuldgefühlen im literarischen Werk
- Anwendung des Ödipuskomplexes auf „Das Urteil“
- Untersuchung der Erzählung als traumähnliches Gebilde
Auszug aus dem Buch
4.1. „Das Urteil“ aus einer psychoanalytischen Sicht
Franz Kafka lebte ungefähr in der Zeit von Freud und das war die Zeit einer Revolution in der Psychologie. Kafka ließ sich bestimmt mehr oder weniger von der Psychoanalyse beeinflussen.
In der Nacht zum 23. September hat Kafka also seine Erzählung „Das Urteil“ in einem Zug geschrieben. An demselben Tag notierte Kafka in sein Tagebuch: „Gedanken an Freud natürlich“, was sehr viele Interpreten interessiert hat und sie haben darin eine Rechtfertigung gesehen, Kafkas Werke und insbesondere „Das Urteil“ aus einer psychoanalytischen Sicht zu betrachten. Diese Notiz ist aber vage und lässt noch lange nicht sagen, ob Kafka beabsichtigt hätte, die Erzählung mit Acht auf die freudsche Psychoanalyse und ob er beim Verfassen der Erzählung überhaupt an Freud gedacht hätte. Und wenn ja, wir wissen nicht, woran er genau gedacht hätte. Wir wissen also nicht, ob Kafka vor, bei oder nur nach dem Schreiben von „Das Urteil“ an Freud dachte.
In dieser Erzählung können wir Verbindungen zu Kafkas biographischem Hintergrund ziehen. Kafka selbst schrieb im Februar 1913: „Georg hat so viele Buchstaben wie Franz. [...] Bende aber hat ebensoviele Buchstaben wie Kafka und der Vokal e wiederholt sich an den gleichen Stellen wie der Vokal a in Kafka.“
In „Das Urteil“ erkennen wir noch den Ödipuskomplex und den Vater-Sohn-Konflikt zwischen Georg und seinem Vater, den wir auch in anderen Werken von Kafka auch finden können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Das Kapitel führt in die literaturpsychologischen Ansätze ein und definiert die methodische Zielsetzung, Kafkas „Das Urteil“ unter psychoanalytischen Gesichtspunkten zu betrachten.
2. Grundannahmen der Psychoanalyse nach Freud: Hier werden die Parallelen zwischen dem Prozess des Schreibens und der Traumdeutung erläutert und die Bedeutung unbewusster Wünsche für literarische Texte dargelegt.
3. Die psychoanalytische Literaturwissenschaft: Dieser Abschnitt thematisiert die Rolle des Autors und dessen psychische Motivationen sowie die wissenschaftliche Relevanz biografischer Forschung in der Literaturwissenschaft.
4. Der Psychoanaltische Ansatz und Kafka: Das Kapitel verknüpft die theoretischen Grundlagen mit Kafkas Werk und untersucht die Figuren sowie das Urteilsgeschehen hinsichtlich ödipaler Muster.
4.1. „Das Urteil“ aus einer psychoanalytischen Sicht: Es wird die Entstehungsgeschichte der Erzählung beleuchtet und die Relevanz des biographischen Bezugs sowie der freudschen Theorie für die Interpretation erörtert.
4.2. Das Verhältnis Georgs zu den anderen Figuren: Die Analyse konzentriert sich auf die Dynamik zwischen den Charakteren, insbesondere auf die Rolle des Freundes als „alter ego“ und Georgs Abhängigkeit vom Vater.
4.3. Ödipuskomplex in „das Urteil“: Dieses Kapitel vertieft die Interpretation der Vater-Sohn-Konflikte als Ausdruck ödipaler Spannungen sowie verdrängter homoerotischer Begehrensstrukturen.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Das Urteil, Psychoanalyse, Sigmund Freud, Ödipuskomplex, Literaturwissenschaft, Vater-Sohn-Konflikt, Unbewusstes, Traumdeutung, Schuldgefühle, Literaturpsychologie, Interpretation, Figurenkonstellation, Sozialpsychologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Kafkas Erzählung „Das Urteil“ aus der Perspektive der psychoanalytischen Literaturwissenschaft nach Sigmund Freud.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Schwerpunkte sind der Vater-Sohn-Konflikt, die Struktur des Unbewussten im Text, die Bedeutung von Schuldgefühlen und die Identität der literarischen Figuren.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die narrative Gestaltung des „Urteils“ als Ausdruck psychischer Konflikte, insbesondere des Ödipuskomplexes, verständlich zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit bedient sich psychoanalytischer Interpretationsmethoden, die literarische Texte als psychologische Produkte behandeln, basierend auf Freuds Theorien zur Traumdeutung und zum Unbewussten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der psychoanalytischen Literaturwissenschaft und eine konkrete Anwendung dieser Theorien auf Kafkas Erzählung, inklusive der Analyse der Figurenbeziehungen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Ödipuskomplex, Traumdeutung, Vater-Sohn-Konflikt, Schuld und das Unbewusste.
Wie deutet der Autor die Figur des Freundes in Russland?
Der Freund wird als „altes Kind“ und „alter ego“ Georg Bendemanns interpretiert, welches seine Kindheitsphase repräsentiert, von der sich Georg lösen will.
Warum spielt der Ödipuskomplex eine so wichtige Rolle in der Analyse?
Da das Werk „Das Urteil“ zentrale Aspekte wie das kindliche Begehren nach der Mutter und die damit verbundene mörderische Rivalität zum Vater aufweist, ist das Modell des Ödipuskomplexes für die psychoanalytische Deutung essenziell.
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- Samer Najjar (Author), 2020, Die Figurenkonstellation in Kafkas "Das Urteil". Eine psychoanalytische Untersuchung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1404959