Die St. Bonifatius-Gemeinde in Hamburg-Wilhelmsburg zur Zeit des Pfarrers Krieter. 35 Zeitzeugen berichten

Die Jahre 1934 bis 1963


Studienarbeit, 2009

346 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Adamczyk, Irmtraud,

Bergmann, Renate

Chowanietz,Walter

Czys, Jürgen und Werner

Diedrich, Rudi,

Ernst, Joachim

Fittkau, Uwe

Greschek,Werner

Gross, Gerhard

Hölsken, Herbert,

Herbert Hölsken,

Herbert Hölsken,

Jonek, Werner

Kinne, Bernhard,

Kränkel, Christa

Kuhnigk, Monika

Lisiewicz, Albin

Matzat, Gertrud und Grytka, Johannes

Matuszczak , Ewald und Elke

Mlotek, Hilde

Müller, Marianne

Nowacki , Erna

Pachowiak , Karla

Schwalfenberg, Margret

Stryakowski, Anton

Swoboda, „Jonny“ und Martha Swoboda

Walczak , Peter

Wantoch, Waldemar von

Weichler, Manfred

Wellner, Karl-Heinz

Wesolowski, Gerhard

Wollersen, Hedwig

Die Auswahl der Zeitzeugen erhebt keinerlei Anspruch auf irgendwelche Vollständigkeit. Sie kam bei meiner Suche nach historischen Quellen zur Anfertigung einer Biografie des Pfarrers Karl-Andreas Krieter, im Laufe der Zeit und weitgehend zufällig zustande.

Sie resultierte

a) aus meiner persönlichen Bekanntschaft mit einigen Gemeindemitgliedern,
b) aus Hinweisen auf weitere Zeitzeugen, die ich durch meine Gesprächspartner erhielt,
c) aus literarischen Quellen, die mir in die Hände fielen und
d) - vor allem - aus der dankenswerten Bereitschaft der befragten Zeitzeugen, Zeit für ein

Gespräch aufzubringen oder mir zu schreiben.

Ulrich Krieter im November 2009

Adamczyk, Irmtraud, geborene Demus

geboren im Dezember 1924

wohnhaft zur Zeit des Gespräches in Hamburg-Harburg

Gespräch vom 20. 1. 2004

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die in Klammern geschriebenen Wörter / Texte ( ... ) sind zum besseren Verständnis des Lesers nachträglich eingefügt. Das Gespräch wurde mittels Diktiergerät aufgezeichnet.

Kt.: Am Anfang bin ich immer wenig vornehm. Ich frage nach dem Geburtsjahr.

A.: (lacht) Das ist überhaupt kein Problem. Ich bin im Dezember 1924 geboren, in Römerstadt, in der ehemaligen Tschechoslowakei.

Kt.: Sind Sie von dort aus nach Wilhelmsburg gekommen?

A.: Nein, nein, ich bin erst ... mein Bruder war (während der letzten Kriegsjahre) in der Luftfahrtsforschungsanstalt (in Braunschweig tätig), weil er Ingenieur war, und hat da gearbeitet. Er war von der Luftwaffe wegkommandiert worden, weil er bei irgendeinem Gerät - von einem abgestürzten englischen Flugzeug - eine Verbesserung gemacht hatte. Seine Adresse in Braunschweig war unsere einzige Anschrift in Deutschland. Ich kam im November 1945 dahin. Vorher war ich zusammen mit meiner Freundin unterwegs auf einem Lastwagen, der mit Fahrrädern und Lebensmitteln beladen war.

Die Tschechen haben uns alles weggenommen und uns über die Grenze geschafft. Dann habe ich bei Braunschweig meinen Bruder wieder getroffen. Danach habe ich bis 1948 in der Landwirtschaft auf dem Feld arbeiten müssen.

1948, im März, kam ich zur Vorstellung nach Hamburg, zum Herrn Dechant (Krieter). Mit meiner Anstellung als Lehrerin hat es geklappt.

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Abb. 4: Das Lehrerkollegium der Katholischen Schule Wilhelmsburg im Jahre 1951 ; Verabschiedung von Frl. Rahlfs. Vorne rechts: Dechant Krieter

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Der Dechant hat mit der Schulbehörde verhandelt, und dann bin ich zum 1. April 1948 eingestellt worden. Als ich mich vorgestellt habe, sagte der Dechant: „Und wissen Sie auch, dass das Ideal für eine katholische Lehrerin die Ehelosigkeit ist?“ Ich weiß nicht mehr, was ich darauf geantwortet habe.

Als ich mich dann später mit meinem Mann (der ebenfalls Lehrer an der Bonifatiusschule war) angefreundet habe, haben wir beiden uns nur abends - in der Dunkelheit - getroffen.

Wir sind an der Trasse der Reichsstraße, die damals im Bau war, spazieren gegangen. Der Dechant sollte zunächst nichts von uns erfahren. Aber irgendwie hat der Dechant es dann aber doch erfahren. Er hat dann wohl Rektor Nolte angesprochen: „ Ich glaube, da bahnt sich etwas an.“ Herr Nolte fand das aber wohl ganz gut und hat nichts zu uns gesagt.

Unser Kollegium, das war ein ganz altes Kollegium, wie Sie es auf dem Bild ja gesehen haben.

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Abb. 5: Das Lehrerkollegium der Katholischen Schule Wilhelmsburg im Jahre 1958 ; Verabschiedung von Frau Braumann , Frl. Kraushaar und Herrn Beirowski

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Es gab mehrere alte Kolleginnen, die nach dem Lehrerinnenideal der alten Zeit wirklich unverheiratet geblieben waren. Und da waren wir drei Jüngeren: Frl. Matzen, die kam aus Heide, Frl. Redepenning und ich. Wir drei mussten dann natürlich irgendwie untergebracht werden. Also da, das muss ich sagen, hat sich der Herr Dechant rührend um uns gekümmert. In der „Alten Schule“, ganz oben, unterm Dach, waren ein großer Raum und zwei Seitenzimmer. Dort wurden Frl. Matzen und ich untergebracht. Und Maria Redepenning hat irgendwo anders in diesem Haus einen Raum gekriegt. Unseren großen Raum konnte man nur schlecht beheizen. Es gab nur einen alten Ofen. Es war kalt, und dann konnten wir ins Pfarrhaus gehen und konnten uns Torf holen. Also da hat der Dechant schon sehr gut für uns gesorgt. Also wirklich, so uneigennützig! Er ist selbst zu uns heraufgestiegen und hat sich angeschaut, ob das alles gut ging.

Ich habe dann auch von irgendwoher eine Matratze gekriegt, und der Dechant hat für einen Tisch gesorgt. Den hat er über Herrn Ciuda, der in Wilhelmsburg eine Tischlerei hatte, angeschafft. Also der Dechant hat sich rührend um uns gekümmert! Das muss ich sagen! Und so habe ich ihn eigentlich in Erinnerung, so selbstlos und für sich selbst so bescheiden. Also, das sind meine Eindrücke bis heute. Später hatte ich ja mit ihm nicht mehr viel zu tun, höchstens durch den Religionsunterricht, wenn er in die Schule kam. Das wurde dann aber anders, als die Kapläne kamen und die Kapläne den Unterricht in der Schule übernahmen. Ansonsten war ja immer der Rektor, Herr Nolte, derjenige, der mit Herrn Dechant alles verhandelt hat.

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Abb. 6: Die „Alte Schule“ auf einem Foto aus dem Jahre 1933

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Kt.: Noch einmal zu der „Alten Schule“! Ganz unten war in dem Haus nach 1945 das Pfarrbüro.

A.: Ja, rechts unten, wenn man hineinkam, rechts!

Kt: Da wohnte und arbeitete die Pfarrsekretärin, Frau Spiegel. Zu der haben Sie wenig Kontakt gehabt?

A.: Im Gegenteil, viel Kontakt hatten wir! Wir haben damals doch noch unser Gehalt unten bei ihr abgeholt. Und Frau Spiegel! Also, was die immer so vom Herrn Dechant erzählt hat! Also „Herr Dechant, Herr Dechant, Herr Dechant!“, das waren ihre ständigen Worte. Sagen Sie `mal, lebt die Frau Spiegel noch?

Kt: Das ist unwahrscheinlich. Ich weiß gar nicht, wo sie geblieben ist. Ich weiß nur, dass Frau Spiegel 1961 in den Ruhestand gegangen ist, im selben Jahr wie Dechant Krieter.

A.: Später war es so, dass wir unser Gehalt überwiesen bekamen, auf unser Postscheckkonto. Aber davor haben alle Lehrkräfte ihr Gehalt bei Frau Spiegel abgeholt. Das hat gut geklappt.

Über dem Pfarrbüro wohnte in der „Alten Schule“ die Familie Nolte, gegenüber Dr. Heimann vom Krankenhaus „Groß-Sand“. Über Noltes haben zuerst zwei Nonnen gewohnt und, als die weg waren, wohnten da Frau Kraushaar und ihre Schwester. 1952 haben wir (Herr Johannes Adamczyk und Frau Adamczyk) geheiratet. Da haben wir die Wohnung über der Wohnung des Dr. Heimann bekommen. Dass der Hans und ich diese Wohnung gekriegt haben, dazu muss ich sagen, das haben wir auch dem Herrn Dechant und Herrn Nolte zu verdanken. Der Dr. Heimann hätte es nämlich gern gesehen, wenn die Wohnung an einen Arzt des Krankenhauses vergeben worden wäre.

Abb. 7 : Rektor Wilhelm Rohde

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Kt: War Herr Nolte eigentlich schon Rektor, als Sie an der Bonifatiusschule mit ihrer Tätigkeit als Lehrerin begonnen haben?

A.: Nein, da war noch Herr Rohde als Rektor da - ein Jahr lang oder etwas länger. Ganz genau weiß ich nicht, wann Herr Nolte gekommen ist.

Kt: Herr Nolte wurde von Dechant Krieter aus Hamburg geholt ...

A.: Ja, als Herr Nolte da war, hat der Dechant sich selbst nicht mehr so viel um die Schule kümmern müssen. Er hat immer mit Herrn Nolte verhandelt. Und ich glaube, Herr Nolte hat alles im Sinne vom Herrn Dechant gemacht. Damit war Herr Dechant sicher zufrieden, denn Herr Nolte hat ja sehr viel erreicht. Da ging es doch damals um die Lehrergehälter, um die 80 oder 90 Prozent (die von der Schulbehörde Hamburgs bezahlt werden sollten). Herr Nolte war damals der Vorsitzende des (katholischen) Lehrer-verbandes und hat sehr viel verhandelt. Ich glaube, da war der Dechant dem Herrn Nolte dankbar, dass der ihm das alles abgenommen hat. Aber die Wiedereröffnung der Katholischen Schule (nach der national-sozialistischen Zeit), das war ein Verdienst vom Herrn Dechant!

Dass die Katholische Schule vor dem Krieg schon bestanden hatte, das habe ich von meiner Kollegin, Frau Kraushaar, erfahren, (die schon vor dem Krieg Lehrerin an der Bonifatiusschule gewesen war).

Kt.: Kam der Dechant zum Religionsunterricht in die Schule?

A.: Am Anfang ja, später haben die Kapläne den Religionsunterricht gegeben.

Kt.: Ich habe im Jahre 1952 selbst die Bonifatiusschule besucht. Was mich damals sehr gestört hat, war, dass die Schüler gemeinschaftlich zum Beichten in die Kirche geführt wurden, während der Schulzeit! Das fand ich schrecklich!

A.: Ja, aber wissen Sie, da war Herr Dechant noch von der ganz alten Schule! Und auch die Lehrer noch! Da standen ja Frau Kraushaar und die anderen älteren Kolleginnen und Kollegen hundertprozentig dahinter! Aber das glaube ich, dass Sie das gestört hat.

Kt: War die Schulmesse eigentlich eine „Zwangsschulmesse“?

A.: Na, „Zwangsschulmesse“ würde ich das nicht nennen! Wir haben zweimal pro Woche eine Schulmesse gehabt. Und wir Lehrkräfte haben immer am Tag vorher auf die Schulmesse aufmerksam gemacht. Die Schulmesse fand immer um viertel nach sieben (Uhr) - vor dem Unterricht - statt, und das war schon ein bisschen früh! Von der Kirche sind wir (Lehrkräfte und die Schulkinder) dann gleich in die Schule gegangen. Der Besuch der Schulmesse war natürlich auch für die Lehrkräfte verpflichtend, denn man kann den Besuch der Schulmesse ja nicht von den Schülern verlangen, wenn man selbst nicht da ist. Ich selbst habe nicht nachgezählt, wer (aus meiner Schulklasse) zur Schulmesse gekommen ist. Es sollen aber einige Lehrkräfte ihre Schüler gezählt haben. Einige Lehrkräfte sollen auch abgefragt haben, wer sonntags in der Messe gewesen war und wer nicht hingegangen war.

Kt.: Ist der Dechant eigentlich bei Feiern des Lehrerkollegiums anwesend gewesen?

A.: Er hat `mal schnell reingeguckt. Wir haben damals mit Herrn Nolte vom Kollegium aus zum Beispiel Fasching gefeiert. Da hat der Dechant `mal reingeguckt und ist dann aber bald wieder gegangen. Er ist nie lange geblieben, aber immerhin, er ist da gewesen, doch, doch!

Kt.: Die Fronleichnamsprozessionen wurden sicher auch von der Schule vorbereitet und getragen.

A.: Ja, eigentlich ja! Damals waren die Feierlichkeiten nicht nur auf dem Schulhof. Wir sind noch über die Straße gegangen!

Da war noch das alte zerstörte Gemeindehaus da, in dem der (Hausmeister) Herr Czys mit seiner Familie wohnte. Dahin sind wir mit der Prozession hingezogen, über die Straße! Während der Prozession war auch Polizei da, die den Verkehr absperrte. Seit wann wir die Fronleichnamfeier in der Gemeinde nur noch auf dem Schulhof gefeiert haben, weiß ich nicht. Eine genaue Jahreszahl kann ich Ihnen (in diesem Zusammenhang) nicht sagen. Aber wie die Altäre vorbereitet wurden, und wie mein Mann geholfen hat beim Altaraufbau auf dem Schulhof, daran erinnere ich mich genau, z.B. wie das Zelt (über dem Altar) entworfen wurde und wie das Kreuz aussah. Das weiß ich noch ganz genau.

Kt.: Wie war in der älteren Zeit die Sitzordnung der Kinder und der erwachsenen Gläubigen während des Gottesdienstes?

A.: Na ja, damals hatten wir ja noch getrennte Schulklassen. Die Klasse, die Sie selbst in der Bonifatiusschule besucht haben, war ja auch noch eine reine Jungenklasse! Aber es gab auch schon eine gemischte Klasse, die hatte Frl. Redepenning. In der Kirche waren die Schüler auch getrennt! Die Mädchen saßen links, und die Jungen saßen rechts. Also das war schon so.

Kt.: Gab es bei den Erwachsenen auch eine Trennung?

A.: Das glaube ich nicht. Aber komischerweise setze ich mich (heute) in der Kirche auch immer links hin. (Frau A. lacht) Das steckt wohl so drin!

Kt.: Glauben Sie, dass die Organisation des Gottesdienstes durch den Dechanten und seine Pädagogik insgesamt etwas „vom alten Stil“ waren?

A.: Das glaube ich! Aber wissen Sie, er war für mich so ein natürlich frommer Mann. Also mich hat das nicht gestört!

Kt.: War Dechant Krieter ein besonders guter Redner?

A.: Also, ich hatte an seinen Predigten nichts auszusetzen, wenn ich jetzt so überlege. Er erschien mir da auch „menschlich“. Natürlich war er vielleicht ein bisschen „orthodox“ oder - wie man das heute nennen will - starr in seinen Ansichten. Aber das ist aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Er war ja auch nicht mehr so jung! (Dechant Krieter wurde im Jahre 1890 geboren.) Aber man hat bei ihm immer die „menschliche Seite“ gespürt. Auch - glaube ich - wenn er mit Eltern oder Müttern gesprochen hat, merkte man, dass er immer hilfsbereit war, selbstlos!

Kt.: Ein guter Sänger- beim Gottesdienst- war er wohl auch nicht.

A.: Das war er sicher nicht. Wissen Sie, er war ja überhaupt ein stiller Mann. Pathos lag ihm nicht, auch beim Predigen nicht! Aber das ist ja viel besser, natürlich und menschlich zu sein.

Kt.: Wissen Sie, ob der Dechant viel zu Besuch in die Familien gegangen ist?

A.: Wenn Erstkommunion war oder so etwas, dann hat er wohl Besuche in den Familien gemacht, das kann ich mir gut vorstellen; aber immer nur kurze Zeit, denn sonst wäre er ja überhaupt nicht überall hingekommen.

Kt.: Hat der Dechant Sie getraut?

A.: Ja! In der Krankenhauskapelle!

Kt.: Gab es da vorher „Brautunterricht“ durch ihn ?

A.: Daran erinnere ich mich nicht! Aber da fällt mir eine Sache ein, bei der er mir sehr geholfen hat. Ich musste doch die „Missio“ machen, weil ich an der Schule ja auch Religionsunterricht zu erteilen hatte. (Das Erlangen der „Missio“ ist eine Ausbildung mit anschließender Prüfung. Sie vermittelt die kirchliche Erlaubnis, katholischen Religionsunterricht erteilen zu dürfen.) Da hat er mir sehr geholfen. Das war zeitlich eine hohe Belastung für mich, neben meiner Unterrichtsarbeit auch noch so oft nach Hamburg zur Ausbildung fahren zu müssen. (Die Ausbildung fand durch Jesuitenpatres statt, die in Hamburg - Schlump - ihren Sitz hatten.) Außerdem kam ich mit dem Dozenten nicht gut aus, was bestimmt nicht meine Schuld war. Mein Mann, der Hans, hat das `mal dem Dechant erzählt. Da hat der Dechant gesagt: „ Schluss! Aus! Sie kommen zu mir! Sie werden bei mir die Ausbildung machen, und Sie kriegen dann von mir die „Missio“!“

Also das hat mir sehr geholfen. Ja, ein sehr „menschliches“ Verhalten, das war wohl typisch. So habe ich ihn in Erinnerung, immer hilfsbereit.

Kt.: Können Sie noch etwas zu den Vereinen in der Gemeinde sagen?

A.: Ich glaube, das Vereinsleben hat er sehr unterstützt. Da gab es doch den Verein, bei dem Frau Kraushaar Vorsitzende war.

Kt.: Den Elisabethverein?

A.. Ja, ich glaube, so hieß der. Aber da war ich zu jung, um da Mitglied zu sein. Wenn die Zusammenkünfte der Frauen des Elisabethvereins stattfanden, war der Dechant immer dabei! Das weiß ich von Frau Kraushaar. Und bei Kolping (Gesellenverein) hat er sich auch oft sehen lassen, obwohl da später die Kapläne den Vorsitz übernommen haben.

Kt.: Was wissen Sie vom Kirchenchor?

A.: Zuerst hat der Lehrer Dormeier den Kirchenchor geleitet. Der Herr Dormeier spielte auch die Orgel, und später hatte Herr (Lehrer) Proksch die Leitung des Kirchenchores.

Kt.: Gab es eigentlich zu Ihrer Zeit noch einen polnischen Verein?

A.: Nein, aber 1948, als ich nach Wilhelmsburg gekommen bin, da gab es noch die polnische Messe. Da wurde polnisch gesungen. Die Messe fand immer sonntags vor der Kindermesse statt, um 8 Uhr.

Kt.: Es gab noch 1952 einen polnischen Geistlichen, der in der Messe polnisch predigte. Das weiß ich, weil ich bei ihm oft Messdiener war. Damals waren auch die Schüler der Bonifatiusschule - am Namen konnte man das sehen - fast alle noch polnischer Abstammung.

A.: Ja, natürlich, das war so.

Kt.: Später hat es dann viele Spanier gegeben. Die hatten auch ihre eigene Messe und einen eigenen Geistlichen. Der spanische Geistliche, Euquerio Bragado, hat einige Zeit lang im Pfarrhaus gewohnt und ist dort verpflegt worden.

Kt.: Wissen Sie etwas über die Anfänge des Wilhelmsburger Krankenhauses „Groß-Sand“ ?

A. Ich weiß nur, dass mein Mann die Urkunde geschrieben hat, die bei der Grundsteinlegung eingemauert worden ist. (Die Grundsteinlegung erfolgte am 11. Mai 1949) Und bei der Eröffnung des Krankenhauses haben wir gesungen, meine Schüler und ich. (Die Einweihungsfeier fand am 15. Januar 1950 statt.)

Bergmann, Renate, geborene Deinert

geboren 1939

wohnhaft zur Zeit des Gespräches in Toppenstedt

Gespräch am 28. 11. 2006

B.: = Frau Bergmann Kt. = Ulrich Krieter

Die in Klammern geschriebenen Wörter / Texte ( ... ) sind zum besseren Verständnis des Lesers nachträglich eingefügt. Das Gespräch wurde mittels Diktiergerät aufgezeichnet.

Kt. Zu Beginn des Gespräches frage ich immer nach dem Geburtsjahr.

B.: Ich bin 1939 in Wilhelmsburg geboren.

Kt.: Hatten Sie Geschwister?

B.: Meine Eltern hatten 5 Kinder. Neben mir waren da noch mein ältester Bruder Dieter (1935), mein zweiter Bruder Georg (1937), meine jüngere Schwester Eva-Maria (1944) und noch ein Bruder Michael (1950).

Kt.: Wo haben Ihre Eltern gewohnt?

B.: Bonifatiusstraße 18, das war in der Mitte der Bonifatiusstraße.

Kt.: Wie hießen denn Ihre Eltern und wann sind die geboren?

B.: Meine Mutter, Johanna Deinert, geborene Krosse, ist 1909 geboren. Sie ist von Oberhausen nach Wilhelmsburg gekommen. Mein Vater, Paul Deinert, ist 1908 geboren. Er ist zusammen mit seinem Bruder Willi - eigentlich hieß der Valentin - so um 1918 / 1919 - aus Schlesien nach Wilhelmsburg gekommen. Mein Vater hatte 6 Brüder. Früher hieß die Familie meines Vaters Dej. Sie haben den Familiennamen auf Deinert umändern lassen. Sie lebten als Kinder in Schlesien auf einem kleinen Bauernhof. Mein Onkel Willi ist dann als Erster von dort weggegangen, weil er gehört hatte, dass man in Wilhelmsburg Arbeit finden könne. Da war ja die Wollkämmerei, und auch im Hamburger und Harburger Hafen gab es Arbeit. Onkel Willi hat dann aber Arbeit in der Mühle der Firma Georg Plange gefunden. Seitdem spielte die Firma Plange im Leben der Deinerts eine ganz große Rolle. Mein Onkel ist in dieser Firma Obermüller geworden und hat bis zu seiner Pensionierung dort gearbeitet. Der Onkel Willi hat es möglich gemacht, dass die anderen Geschwister aus Schlesien (Deinert / Geschwister des Vaters) und aus Oberhausen (Krosse / Geschwister der Mutter) ebenfalls nach Wilhelmsburg kommen konnten.

Onkel Willi hat in den Jahren 1928 bis 1930 das Haus in der Bonifatiusstraße gebaut, in dem unsere Familie gewohnt hat. Er und mein Vater haben zwei Schwestern geheiratet. Onkel Willi hat die ältere Schwester, Maria, geheiratet, und mein Vater die jüngere Schwester, Johanna. Es war ein großes Haus mit zwei Stockwerken. Damals wurde man zwar beim Hausbau vom Staat unterstützt, aber mein Onkel hatte ja eigentlich gar nicht genug Geld, um solch ein Haus zu bauen. Er musste einen großen Kredit aufnehmen. Meine Mutter hat immer geklagt: „Die Zinsen fressen uns auf.“ 22 Prozent Zinsen waren das! Sie hat mir mehrmals gesagt: „Ich musste wieder zu Pfarrer Krieter gehen und mir das Geld für die Zinsen leihen.“ Mein Onkel musste sich von der Firma Plange gelegentlich sein Gehalt im Voraus bezahlen lassen, um bei der Zinsenzahlung nicht in Verzug zu geraten. Um die Finanzierung des Hauses zu schaffen, war zunächst fast das ganze Haus vermietet.

Meine Eltern haben deswegen ganz oben, auf dem Dachboden, gewohnt, und Onkel Willi und Tante Maria wohnten in einer Dienstwohnung der Firma Plange, in der Trettaustraße 40.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.8: Die „Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei zu Reiherstieg- AG“, eine Abbildung aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Abb.9: Die Weizenmühle Georg Plange zu Beginn der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Damals gab es in Wilhelmsburg viele Montagearbeiter. Diese Männer wohnten bei uns „auf Kost und Logis“. Das bedeutete, dass meine Mutter für alle diese Leute waschen, putzen und kochen musste. Das war viel Arbeit! Außerdem war es ja auch schwierig, für alle diese Leute die Lebensmittel zu bekommen. Später hat dann mein Onkel Willi zwei weitere Brüder aus Schlesien nach Wilhelmsburg geholt und dazu noch aus Oberhausen seine Schwiegermutter - unsere Oma - und vier Geschwister seiner Frau. Auf diese Weise wurden die Montagearbeiter so nach und nach gegen die ganze „Sippe Deinert-Krosse“ ausgewechselt. Als wir Kinder geboren waren, war es im Haus sehr eng, aber alle waren ja verwandt und die Schwierigkeiten, die es wegen der Enge doch hin und wieder gab, wurden irgendwie behoben.

Kt.: War denn „die ganze Sippe“ katholisch?

B.: Ja, ja! Alle - auch die Oberhausener - waren erzkatholisch! So wurden auch wir Kinder erzogen. Es gab gar nichts anderes!

Kt.: Das heißt, dass Vater und Onkel von Anfang an Kontakt zur Bonifatiusgemeinde hatten? Wenn sie um 1918 nach Wilhelmsburg gekommen sind, dann haben sie die Pfarrer Algermissen, Dr. Offenstein und Schmidts erlebt.

B.: Pfarrer Schmidts hat meine Eltern am 10. 2. 1934 getraut. Meine Eltern - besonders meine Mutter - waren so eingestellt, dass das Wort des Geistlichen für sie das Evangelium war, auch politisch gesehen. Ein besonders guter Kontakt bestand später zum Kaplan Kruse. Der war ja in der Kriegszeit in der Gemeinde, als die schweren Bombenangriffe passierten. Damals wurden viele Dinge aus der Kirche und aus dem Pfarrhaus bei uns zu Hause aufbewahrt. Ich kann mich erinnern, dass bei uns zu Hause Messdienerkleidung gewaschen und genäht wurde. Meine Brüder und ich mussten sie dann zurückbringen, wahrscheinlich ins Pfarrhaus, denn die Sakristei ist ja damals durch einen Bombenabwurf zerstört worden. (Karsamstag, 31. 3. 1945) Das weiß ich noch gut.

Wegen der Bombenangriffe war damals für Kinder auch die so genannte „Frühkommunion“ möglich. 1944, als meine Schwester geboren wurde, war ich 5 Jahre alt. In diesem Alter bin ich schon zur Erstkommunion gegangen! Das hat Dechant Krieter damals erlaubt. Mein Bruder, der zwei Jahre älter war, hatte damals bei Dechant Krieter nachmittags Kommunionunterricht im Gemeindehaus. Zu diesem Unterricht bin ich immer mitgegangen. Das war ja auch so nah zu unserem Haus, mir hat es nichts ausgemacht, sondern ich habe das gern getan. Der Dechant hat das beobachtet und hat dann einmal zu mir gesagt: „Du kannst deine Mutter fragen, ob sie einverstanden ist. Wenn du willst und wenn du von zu Hause aus darfst, dann kannst du mit deinem Bruder gleichzeitig zur Erstkommunion gehen.“ Ich kann mich genau daran erinnern, wie ich mit dieser Nachricht nach Hause gekommen bin. Meine Mutter war in der Waschküche, die unten im Keller war, mit der Wäsche beschäftigt. Ich habe sie dann durch das offene Fenster - die Wäscheschwaden stiegen hoch - gefragt, ob ich, wie mein Bruder, auch zur Erstkommunion gehen dürfe. Na ja, das hat sie dann erlaubt.

Kt.: Dechant Krieter kannte natürlich Ihre Mutter?

B.: Also, die kannte er ganz genau!

Kt.: War er auch häufiger in der Familie zu Besuch?

B.: Nicht so häufig, aber man sah sich und kannte sich. Ich weiß zum Beispiel, dass ich als Kind einmal ins Pfarrhaus gehen musste, um Dechant Krieter zum Geburtstag zu gratulieren. Meine Oma hatte zu diesem Zweck ein Gedicht gemacht. Ich musste ein Geschenk bringen. Wir haben übrigens oft Geschenke gebracht. Mein Onkel hatte durch seine Arbeit bei Plange ja immer Mehl, das so genannte „Potentat“. Mehl und Eier haben wir oft ins Pfarrhaus gebracht. Wir hatten nämlich auch Hühner. Diese Geschenke wurden durch uns Kinder gebracht, weil das unauffällig war. Es sollte kein Gerede der Nachbarn entstehen.

Zum Geburtstag des Dechanten zurück! Ich musste also ein Geschenk bringen und das Gedicht meiner Oma aufsagen. Den Schluss erinnere ich noch:

„Er geb` dir Kraft, das schwere Amt

in seinem Weinberg zu verwalten!

Und trifft dich seine Hand auch schwer,

und weh´n die Stürme noch so kalt,

den Humor musst du dir erhalten!“

Den Schlussteil, die Sache mit dem Humor, sollte ich besonders betonen.

Kt.: Wie alt war die Oma zu dieser Zeit etwa?

B.: Ja, ... die Oma war immer eine Oma! Sie konnte nicht gehen; sie war für uns Kinder eigentlich immer alt. Sie hat immer gesessen - dabei zum Beispiel Kartoffeln geschält - aber sie war immer für uns da. Sie war so lieb! Sie hatte immer Zeit für uns. Meine Mutter dagegen war immer beschäftigt. Sie hatte zu viel Arbeit!

Kt.: Die Oma hat also das Gedicht gemacht, um Dechant Krieter zu erfreuen?

B.: Oma hat immer Gedichte gemacht, lustige und bedeutungsschwere. Dieses Gedicht hat sie gemacht, um den Dechanten zu ehren! Meine Oma und ihre Töchter haben die Priester - die „geistlichen Herren“ wie man sagte - ja noch sehr geehrt. Die Priester standen für sie jenseits von Gut und Böse. Meine Tante und meine Mutter hatten im Glauben ihren ganzen Halt. Und meine Oma war sicherlich eine ganz tief gläubige Frau, die kaum Zweifel (an ihrem Glauben) hatte. Ich empfand sie gelegentlich zwar auch als eine etwas ängstliche Frau. Sie hatte vor vielen Sachen große Angst, vielleicht hatte sie sogar Lebensangst, aber den Halt gab ihr der Glaube. Meine Tante, meine Mutter und die Oma haben zueinander ein sehr enges Verhältnis gehabt. Ich habe über die Religiosität der drei Frauen später oft nachgedacht, und diese Art von Frömmigkeit hat mich später dann auch geärgert, fast abgestoßen. Meine Tante hat mir zum Beispiel einmal einen Brief geschrieben, nachdem sie eine Primiz erlebt hatte. Sie schrieb, dass sie es als tiefes Erlebnis empfunden habe, „aus diesen neu geweihten Priesterhänden, die so nahe bei Gott sind“, die heilige Kommunion zu empfangen. So etwas mochte ich später nicht mehr hören!

Kt.: Welche Primiz war das, etwa die Primiz von Joachim Ernst?

B.: Nein, ich weiß es nicht genau. Aber die Primizianten aus Wilhelmsburg standen natürlich auch ganz oben, Joachim Ernst, Johannes Rataij, Wolfram Trojok, Karl-Heinz Schulz und allen voran natürlich Heinrich Pachowiak (der spätere Weihbischof) samt seiner Schwester Karla! Die Schwester Karla war mit den Priestern gleich zu stufen!

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.10: Zur Zeit des Pfarrers Krieter wählten fünf junge Männer der St. Bonifatiusgemeinde den Priesterberuf .Von links - aus der Sicht des Betrachters - sind zu sehen: Johannes Rataij (1958); Heinrich Pachowiak (1940); Wolfram Trojok (1957); Karl-Heinz Schulz (1956); Joachim Ernst (1953); ein Foto aus dem Jahr 1958 ; Die Jahreszahlen in Klammern zeigen das Jahr der jeweiligen Primiz an.

Als Pfarr-Referentin hatte Frl. Pachowiak sozusagen auch die Weihen! Für meine Tante waren alle diese Leute ganz großartig.

Kt.: Haben eigentlich die Männer der Familien Deinert / Krosse die „geistlichen Herrschaften“ ebenso verehrt wie die Frauen das getan haben?

B.: Also, mein Vater wollte das eigentlich nicht so mitmachen! Ich weiß auch, dass meine Mutter ihn zur Beichte „gejagt“ hat. Mein Onkel Willi wurde von seiner Frau auch immer so gedrängelt. Das hat uns als Kinder manchmal richtig amüsiert. Mein Vater hat sich oft geärgert, dass er in religiösen Dingen nicht mitreden konnte, dass er nicht gefragt wurde, dass er nichts dagegen sagen sollte. Mein Vater ist bei der Arbeit im Hafen auch mit Kommunisten zusammengekommen. Eine Zeit lang hat er sich - wie meine Mutter sagte - bei den Kommunisten „herumgetrieben“. Das war in der Nachkriegszeit, als er aus der Gefangenschaft zurückgekommen war. Er hat bei seiner Arbeit von den Kommunisten wohl allerhand gehört, was er dann gelegentlich auch zu Hause anbringen wollte. Das lief dann so ab: Mein Vater holte tief Luft, und wollte gerade etwas sagen, da kam meine Mutter ihm schon zuvor: „Paul, sei ruhig! Bist du ruhig!“ Er sollte nichts sagen. Was gegen die Kirche war, das sollte gar nicht erst gesagt werden!

Kt.: Wie war die Beziehung Ihrer Mutter zum Dechant Krieter?

B.: Ich erinnere nichts Besonderes. Der Dechant gehörte einfach zur Kirche. Er gehörte so zu der Kirche wie der Kirchbau selbst oder wie die Bäume vor der Kirche. Der blieb! Nur die Kapläne wechselten und brachten gelegentlich etwas Unruhe, auch Trauer, wenn sie sich von der Gemeinde verabschiedeten. - Der Dechant war einfach da. An dem gab es nichts zu kritisieren.

Schwieriger war das mit seiner Schwester; Therese hieß seine Schwester, glaube ich. Jedenfalls hieß eine Schwester so. Später war noch eine andere Schwester im Pfarrhaus (Agnes). Die war anders! Wer aber von den Schwestern im Pfarrhaus etwas zu sagen hatte, das war Therese. Wenn man an der Tür des Pfarrhauses klingelte, hat man gedacht: „Hoffentlich kommt nicht Therese an die Tür!“ Aber sie kam natürlich! Sie machte die Tür auf, und dann wusste man, dass man ungelegen kam. Man wurde von ihr nicht direkt zum Kaplan oder zum Dechant gelassen, sondern man wurde ins Empfangszimmer (rechts neben der Eingangstür) gebracht. Wenn alles gut ging, wurde man dann vom Geistlichen in dessen eigenes Zimmer geholt. Man fühlte sich durch Therese kontrolliert. Die Schwester des Dechanten sah das wohl als ihre Aufgabe an. Sie wollte bestimmt den Dechanten schützen.

Kt.: Vor Arbeitsüberlastung?

B.: Das wohl nicht. Ich nehme an, dass sie ihn vor seiner eigenen Gutmütigkeit schützen wollte. Man ist ja früher ganz oft ins Pfarrhaus gegangen und hat dort seine Not und sein Elend geklagt. Es war ein gängiger Weg ins Pfarrhaus, und der Dechant hat den Leuten immer geholfen. Er hat auch unserer Familie geholfen. Zum Beispiel hat er uns zu Frau Pachowiak geschickt (der Mutter von Heinrich und Karla Pachowiak, der Vorsitzenden des Elisabethvereins und Leiterin der Pfarrcaritas). Da bekamen wir Kleidungsstücke. Man konnte mit vielen Nöten zum Pfarrer gehen! Und Therese hatte wohl tatsächlich Angst, dass ihr Bruder zu mildtätig sei.

Ich selbst habe mit Therese ja erst als Jugendliche häufiger zu tun gehabt. Wenn ich als junges Mädchen ins Pfarrhaus kam, hat Therese auf mich den Eindruck gemacht, als habe sie Angst um die Moral der Kapläne. Sie hat bestimmt gedacht, wir als junge Mädchen würden den Kaplänen nachlaufen. Das wollte sie wohl verhindern. Wenn ich es heute richtig bedenke, könnte es auch sein, dass die Kapläne selbst - durch Bemerkungen oder Handzeichen - ihr das Gefühl gegeben haben, wir Jugendlichen müssten an der Tür abgewimmelt werden. Wie auch immer, wenn man zum Dechant oder zu den Kaplänen wollte, musste man Therese umgehen.

Kt.: Ja, sie war die „Alte Schleuse“. (Beide Gesprächspartner lachen, denn „Alte Schleuse“ hieß - damals wie heute - eine Straße in der Nachbarschaft des Pfarrhauses.)

B.: Zur Schwester Therese noch eine andere Sache! Bei uns zu Hause gab es immer den Satz: „Die Kapläne bekommen im Pfarrhaus nicht genug zu essen!“ In unserem Hause spielte das Essen dagegen immer eine ganz große Rolle, weil eigentlich alle Bewohner schon einmal gehungert hatten. Andererseits ging es uns besser als anderen. Bei uns gab es Hühner und Karnickel, wir hatten Mehl und Eier, wir konnten Kuchen backen. Darum kamen die Kapläne gern, und Mutti hat denen immer etwas zu essen gemacht. Das haben übrigens nicht alle Kapläne uns gedankt. Der Kaplan Hölsken zum Beispiel hat später einmal bei anderen Leuten gesagt: „Zu Deinerts gehe ich nicht mehr, bei denen muss ich immer essen!“

Kt.: Jedenfalls stand die Haushälterin Therese in dem Ruf, den Kaplänen das Essen im Pfarrhaus recht schmal zu gestalten.

B.: So ist es. Sie konnte aber auch ganz nett sein. Ich erinnere mich, dass mein Bruder und ich von ihr die Erlaubnis bekommen haben, im Vorgarten des Pfarrhauses Löwenzahn zu stechen, das Futter für unsere Karnickel.

Kt.: In welchem Vorgarten? In dem Vorgarten, der sich neben der Sakristei der Kirche befand? Da hatte sie zwei Apfelbäume stehen und da baute sie auch Gemüse an.

B.: Nein, da nicht! Da durfte niemand hinein! Wir haben den Löwenzahn im anderen Vorgarten gestochen. Der lag zu der Seite des Nachbarhauses hin, zu dem Haus, in dem Dr. Gebauer wohnte (Chefarzt des Krankenhauses Groß-Sand).

Kt.: Nun noch einmal zurück zu Ihrer eigenen Person. Getauft sind Sie also in Wilhelmsburg, von Pfarrer Krieter. Und Pfarrer Krieter hat auch Ihren Kommunionunterricht gehalten, nicht wahr?

B.: Ja, ich weiß auch noch, was er immer zum eucharistischen Brot gesagt hat: „Es sieht aus wie Brot, es schmeckt wie Brot, es fühlt sich an wie Brot, und es ist doch kein Brot!“ Das hat er immer wiederholt, und wir haben es im Chor nachgesprochen. „Es sieht aus wie Brot, es schmeckt wie Brot, es fühlt sich an wie Brot und ist doch kein Brot!“ In der Schule - später - als er einmal den Kaplan im Religionsunterricht vertreten hat, hat er sich ans Fenster gestellt, aus dem Fenster geguckt und gesagt: „Sämtliche Reisen des Apostels Paulus begannen in Antiochia. Sämtliche Reisen des Apostels Paulus begannen in Antiochia!“ Diesen Satz mussten wir dann im Chor wiederholen. Das war seine Lehrmethode, bestimmte Lehrsätze richtig einzupauken. So schlecht war diese Lehrmethode gar nicht! Die Sätze kenne ich heute immer noch.

Kt.: Wissen Sie sonst noch etwas über seinen Religionsunterricht?

B.: Über den Religionsunterricht eigentlich nicht. Aber ich habe noch eine andere Erinnerung. Mit Dechant Krieter als wichtigsten Geistlichen fand alle Jahre nach Weihnachten - am „Fest der unschuldigen Kinder“ - die „Kindersegnung“ statt. Ich kenne den Brauch der „Kindersegnung“ seit meiner frühesten Kindheit.

Bevor ich aber auf die „Kindersegnung“ zu sprechen komme, muss ich noch etwas vorweg erzählen: Meine Brüder - Dieter und Georg - waren Messdiener, und ein Messdiener durfte immer den „Tritt“ bereit stellen, wenn über dem Tabernakel die Monstranz aufgestellt werden sollte oder wenn die Monstranz nach der Anbetung aus dem Sakramentshäuschen wieder herunter geholt werden musste. Der Dechant war ja verhältnismäßig klein. Wenn die Monstranz da oben auf dem Hochaltar stand, konnte er die Monstranz gar nicht herunterheben ohne den „Tritt“ zu benutzen. Der „Tritt“ hatte zwei Stufen. Auf die musste der Dechant steigen, wenn er an die Monstranz heranreichen wollte. Wir Kinder haben immer ganz gespannt beobachtet, ob wohl alles gut gehen würde; ob der Dechant wohl einmal mitsamt der Monstranz vom „Tritt“ herunterfallen würde. Er ist nie gefallen!

Aber nun zur „Kindersegnung“! Bei der Kindersegnung war in dem Sakramentshäuschen über dem Tabernakel statt der Monstranz ein rotes Samtkissen ausgelegt. Darauf lag in einem weißen Hemdchen ein „Jesuskind“ mit ausgebreiteten Armen. Dieses „Jesuskind“ sollte in einer Prozession der Kinder durch die Kirche getragen werden.

Ja, und mein Bruder - diesmal war es Georg - musste nun auf den „Tritt“ und dann noch mit einem Knie auf den Altar steigen, um das „Jesuskind“ samt Kissen für die Prozession aus dem Sakramentshäuschen herunter zu holen. Das war spannend! Nachdem das gelungen war, setzte sich eine ganz große Prozession in Bewegung. Stellen Sie sich das einmal vor! Die ganze Kirche war gefüllt mit Kindern! Es gab ja so viele Kinder! So viele Kinder gibt es heute gar nicht mehr. Die ganz kleinen Kinder waren natürlich in Begleitung ihrer Mütter da. Aber, wie gesagt, zur Kindersegnung, am 28. Dezember, war die Kirche immer total voller Kinder! Bei der Prozession waren die Prozessionsfahnen dabei, große und kleine, alle Messdiener gingen mit und - das war das Schönste - auch alle Kinder gingen hinter dem „Jesuskind“ her. Man musste als Kind nicht in der Bank sitzen bleiben, sondern konnte mitgehen, konnte sich bewegen. Bei der Prozession wurde natürlich auch gesungen. Ich weiß noch heute das Lied, das immer gesungen wurde:

„Bei deiner Fahn`, o Jesulein, da wünsch` ich mir, Soldat zu sein.

Möcht` retten gar so gerne, die Kindlein in der Ferne.

Die Heidenkinder arm und klein, dass sie doch nicht verloren sei´ n!

Die Heidenkinder, arm und klein,

dass sie doch nicht verloren sei` n!

Es gibt auch noch eine zweite Strophe:

„Und bist du auch noch jung und klein, kannst doch du schon Apostel sein,

Gebet und Opfer spenden, den Heiden hinzusenden.

Damit manch´ armes Heidenkind den Weg zum schönen Himmel find`!

Damit manch´ armes Heidenkind,den Weg zum schönen Himmel find`!“

Schön, nicht? Das haben wir ganz laut gesungen, ja richtig voller Inbrunst und aus voller Kehle. (Frau Bergmann lacht herzlich)

Kt.: ( auch lachend) Ach ja, und dann war sicher auch der `Nickneger´ dabei. (`Nickneger`, diesen Namen gab man unter katholischen Jugendlichen einer Gipsfigur, die Geldspenden aufnehmen konnte. Die Figur stellte einen niedlichen, schwarzhäutigen Jungen dar. Der Kopf des Kindes war beweglich. Das „Negerkind“ bedankte sich durch ein Kopfnicken, wenn eine Münze in die Spardose zu seinen Füßen geworfen wurde. Diese Figur stand noch in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in nahezu jeder katholischen Kirche vor der Krippe, die während der Weihnachtszeit aufgebaut war. Die Spenden kamen der „Heidenmission“ zugute.)

B.: Ja, die Prozession kam an dem „Negerkind“ vorbei. Die Figur stand ja vor der Krippe. Da wurde gespendet, und das „Negerkind“ bedankte sich durch Kopfnicken.

Kt.: Wo fand die eigentliche „Kindersegnung“ statt?

B.: Die Kinder mussten sich an der Kommunionbank in Reihen nebeneinander aufstellen und dann wurden sie (durch Handauflegen auf den Kopf und ein Kreuzzeichen auf der Stirn) abgesegnet.

Kt.: Den Segen erteilte der Dechant allein?

B.: Nein, auch die beiden Kapläne teilten den Segen aus. Die Geistlichen waren also zu dritt. Es waren ja enorm viele Kinder, die gesegnet werden sollten.

Kt.: Es waren also nicht nur die Ganz kleinen Kinder, die gesegnet wurden?

B.: Nein, nein! Alle Kinder der Gemeinde waren da. Das war für die Kinder eine sehr stimmungsvolle Veranstaltung, und für die Mütter bestimmt auch. Ich weiß, dass die Mütter diese Segnung ganz wichtig nahmen.

Ach, beim Stichwort „stimmungsvoll“ fallen mir die Theaterstücke ein, die in der Gemeinde aufgeführt worden sind. Das waren richtig große Mysterienspiele! Ein Spiel hatte den Titel: „Die heilige Elisabeth.“ Dieses Spiel hat Frl. Pachowiak eingeübt. Bei einem anderen Spiel hat meine Schwester, die damals ein Baby war, mitgespielt. Sie war das „Jesuskind“. Das Spiel wurde 1945 oder 1946 aufgeführt. Da war doch alles kaputt; die Kirche und vor allem auch das Gemeindehaus. In dem Spiel sollte die Muttergottes, also Maria mit dem Kind, still wie eine Statue dastehen. Sie sollte sich überhaupt nicht bewegen. Die erwachsene Spielerin, die Maria, konnte ja so still und ohne Bewegung stehen, aber für das Baby war das natürlich problematisch. In dem Stück kam ein Vagabund mit einer Geige zur Maria. Als er spielte - daran kann ich mich so genau erinnern! - hat meine kleine Schwester mit den Füßen gewackelt. Davon hat man später noch erzählt! - Aber, auch bei diesen Mysterienspielen war die Kirche immer überfüllt. Die Theaterstücke wurden in der Kirche aufgeführt. Das war damals der einzige große Raum, der zur Verfügung stand. Später, als das neue Gemeindehaus erbaut war (die Einweihung geschah am 26. Februar 1956), wurde immer noch viel Theater gespielt. Da habe ich auch mitgemacht. Davon habe ich noch Fotos.

Kt.: Fällt Ihnen noch etwas anderes zur Gemeinde ein, vielleicht zu Besonderheiten der Gottesdienste?

B.: Also, ich weiß noch gut, wie der Dechant seine Predigten an den Festtagen immer angefangen hat: „Meine liebe, zum Fest so und so versammelte Gemeinde.“ So fing er immer an. Darauf haben wir regelrecht gewartet.

Kt.: Haben Sie zu seinen Predigten besondere Erinnerungen?

B.: Das kann ich gar nicht mehr beurteilen. Wir haben auch zu Hause nie etwas kritisiert. Wir Kinder, Mutter und Tante haben den Predigern einfach zugehört. Wir kritisierten höchstens, dass die Predigt zu lange gedauert hatte. Nur mein Vater war da eine Ausnahme. Der hat sich gelegentlich über Predigten geärgert, weil er gern etwas dazu gesagt hätte. Meine Mutter dagegen hat alles in Demut angehört und gesagt: „Aus jeder Predigt kann man etwas entnehmen!“ Meine Mutter wollte nichts gegen die Priester hören.

Kt.: Wissen Sie noch etwas zu den Schulmessen?

B.: Ja, es gab zweimal in der Woche so genannte „Schulmessen“ für die Schulkinder, vor Unterrichtsbeginn. Da bin ich oft hingegangen, denn unsere Lehrerin, Frl. Kraushaar, hat das ja kontrolliert. Sie hat sich (in ihrem Heft) für das Fach Religion einen Strich (hinter dem Schülernamen) gemacht, wenn man zum Schulgottesdienst erschienen war. Wenn man häufig kam, stand man schon etwas besser bei ihr da. Außerdem durfte ich nach der Schulmesse im Unterricht ein Butterbrot essen, weil ich ja zur Kommunion gegangen (und deswegen noch nüchtern) war.

Kt.: Wie war es mit dem Beichten?

B.: Wenn man zum Dechanten zur Beichte ging, hatte man gar keine Probleme.

Kt.: Also, wenn man es sich mit dem Beichten einfach machen wollte, dann ging man zum Dechanten?

B.: Der Dechant war gütig! Der war überhaupt immer gütig! Ich habe nie erlebt, dass der Dechant einmal wütend gewesen wäre, dass er uns angeschnauzt oder uns weggejagt hätte. Das gab es nicht! Entsprechend war er beim Beichtehören. Er hörte sich die Beichte in Ruhe an und sagte dann etwas Begütigendes. Bei den anderen Geistlichen war es doch schon `mal so, dass mit Druck nachgefragt wurde oder dass einem das Gefühl vermittelt wurde, man müsse sich schämen.

Also, ich finde, dass das Wort „gütig“ am besten zum Verhalten des Dechanten als Beichtvater passt.

Kt.: Erinnern Sie sich an die Fronleichnamfeste in der Gemeinde?

B.: Ja, für die Fronleichnamsaltäre wurden von überall her Blumen gesammelt. Auch von uns hat man Blumen geholt; besser gesagt, meine Geschwister und ich mussten die Blumen zum Pfarrhaus schleppen. Wannen voller Blumen! Meine Schwester hat mir gerade noch vor kurzer Zeit gesagt, wie sehr sie sich von Kindheit an darüber geärgert hat, dass den Blumen einfach der Kopf abgerissen wurde, weil man die Blumenköpfe für die Altäre oder gar zum Blumenstreuen während der Prozession verwenden wollte. Mich selbst hat das nicht so sehr geärgert, aber dass es eigentlich schade um die schönen Blumen war, das ist auch mir bewusst gewesen. Andererseits waren die Kinder (bei den Lehrkräften) gut angeschrieben, die möglichst viele Blumen gebracht haben.

Kt.: Wer hat denn die Blumen entgegengenommen und die Altäre geschmückt?

B.: Die Lehrer und Lehrerinnen der Katholischen Schule. Die Schule war auch für das Schmücken der Altäre zuständig.

Kt.: Nach der kirchlichen Feier von Fronleichnam war nachmittags die weltliche Feier, nicht wahr?

B.: Ja, die fand (in den ersten Jahren nach dem Krieg) bei Witt, in Stillhorn statt. Das war das größte Gemeindefest. Nachmittags veranstalteten die Lehrkräfte der Schule dort für die Kinder Spiele. Es gab auch etwas Gutes zu essen. Abends war für die Erwachsenen Tanz. Für mich ist heute erstaunlich, dass so viele Leute hinaus nach Stillhorn gekommen sind. Das war ja ein sehr weiter Weg, den die meisten Leute zu Fuß machen mussten. Die meisten Leute hatten damals noch kein Auto. Trotzdem war es bei Witt immer brechend voll. Viele, viele Leute waren da!

Kt.: Gab es noch ein anderes weltliches Fest, das die Gemeinde gefeiert hat?

B.: Ja, zu Fasching gab es ein Maskenfest, in Stübens Gaststätte.

Kt.: Ich möchte gern noch etwas über die Katholische Schule und die Lehrkräfte zu Ihrer Zeit hören. Haben Sie an eine Lehrkraft besondere Erinnerungen?

B.: Ja, an Frl. Kraushaar. Die war sehr streng. Wir hatten sie acht Jahre lang. Später haben wir „Prokschepaul“ (= Paul Proksch) gekriegt. Der war noch ein Mensch! Bei ihm kamen auch Jungen in unsere Klasse. Vorher waren wir immer eine reine Mädchenklasse gewesen. Bei Frau Adamczyk hatten wir Hauswirtschaft. Die war sehr lieb und freundlich. Und dann hatten wir auch Frl. Redepenning. Von Frl. Redepennig ist mir am besten in Erinnerung, dass sie immer zum „Father“ gegangen ist. („Father“ ließ sich der Kaplan Goedde gern nennen. Bevor er im Jahre 1951 in Wilhelmsburg auf eine Kaplanstelle kam, war er jahrelang in Kanada Pfarrer gewesen. Wie der mit Kaplan Goedde gleichzeitig in Wilhelmsburg tätige zweite Kaplan, Hölsken, in einem Interview am 27. 7. 2004 erzählte, ist die Bezeichnung „Father“ von K.-A. Krieter erfunden worden. Mit dieser Bezeichnung sollte das Problem umgangen werden, dass es in einer Pfarrei nicht zwei Pfarrer zugleich geben konnte.) Im Zimmer des „Father“ Goedde, im Pfarrhaus, trafen sich regelmäßig einige Frauen der Marianischen Kongregation. Die beteten den Rosenkranz und führten fromme Gespräche. Über diesen Verein haben wir immer gelacht. Aber Frl. Redepenning hat für die Marianische Kongregation geworben. Wir sollten auch kommen! Und dann bin ich mit anderen jungen Mädchen auch einmal hingegangen. Da hat uns eine Standarte besonders beeindruckt, die da stand. Darauf war eine Taube abgebildet, die den Heiligen Geist symbolisieren sollte. Die Taube hatte ihre Schwanzflügel nach unten ausgebreitet. Zu diesem Bild haben wir jungen Mädchen dann gesagt: „Das ist der Heilige Geist mit Rückstrahler!“ (Frau Bergmann lacht.) Aber die frommen Gespräche und das Beten des Rosenkranzes, das war überhaupt nichts für uns! Die Frauen von der Marianischen Kongregation nahmen sich auch so wichtig. Das war alles ein bisschen elitär. Wie gesagt, schließlich haben wir über diesen Verein gelacht. Aber Frl. Redepenning hat weiter geworben. Sie hat uns auch nahe gelegt, nach der Schule in die Kirche zu gehen und da den Rosenkranz zu beten. Manchmal, um ihr zu gefallen, haben wir das auch getan.

Zuerst mochte ich Frl. Redepenning ganz gern. Aber dann hatte sie bei mir plötzlich vollkommen verspielt. Das hing mit unserem Sportunterricht zusammen. Den hatten wir in der Schule am Rotenhäuser Damm, in der Turnhalle des Gymnasiums. Das Gymnasium hatte damals gerade neue sanitäre Einrichtungen bekommen. Und plötzlich verlangte Frl. Redepenning von uns Mädchen, dass wir uns nach dem Sport alle nackt ausziehen und duschen sollten. (Frau Bergmann lacht.) Das hatte es ja noch nie gegeben! Ich habe gedacht, für mich bräche die Welt zusammen. Wie konnte diese Frau auf der einen Seite sagen, wir sollten den Rosenkranz beten, und auf der anderen Seite, wir sollten gemeinsam nackt duschen. Also, solch eine „Sauerei“ hatte ich nicht erwartet! (Frau Bergmann lacht.) Die Frau hatte bei mir verspielt. Der konnte ich nichts mehr glauben.

Ach, und dann hat sie uns auch noch den so genannten `lebenskundlichen Unterricht´ erteilt. So hieß die angebliche sexuelle Aufklärung. Da wurden Jungen und Mädchen getrennt. Wir Mädchen gingen für diesen Unterricht in das kleine (1948 gebaute, einräumige) Kolpingheim. Das war ja nun auch ein kleiner, besonderer Raum. Wir saßen da so schön eng beisammen! Frl. Redepenning verbreitete eine richtig schöne Stimmung und dann hat sie uns aus einem Buch vorgelesen. „Das heimliche Königreich“ war der Titel. Das Buch würde ich heute zu gerne noch einmal lesen! (Frau Bergmann lacht.) Von sexueller Aufklärung stand nichts darin. Es war nur alles so geheimnisvoll! So geheimnisvoll!! Man mochte sich gar nicht bewegen! Was man mitbekam, war nur: Man konnte „die Reinheit verlieren“. Man sollte aufpassen. „Mädchen, achte! Du kannst deine Reinheit verlieren!“ Ich wusste gar nicht, was damit gemeint war. Aber dass es gefährlich war, „die Reinheit zu verlieren“, das habe ich gemerkt. Später habe ich mich über diese Art von Aufklärungsunterricht geärgert.

Kt.: Vielleicht noch ein Wort zum Rektor Nolte?

B.: Bei Noltes war ich ja so gut wie zu Hause, vor allen durch Margret, seine jüngste Tochter; auch durch Elisabeth, die etwas ältere Tochter. Ich mochte Herrn Nolte gerne. Der hat mir manchmal über die Haare gestrichen und zu mir gesagt: „Na, du schwatter Düvel, wie geht es dir?“ Er war zu mir sehr väterlich, wirkte auf mich aber auch stark. Das hat mir gut getan, denn meinen eigenen Vater hatte ich ja bei meiner so dominanten Mutter immer als schwach erlebt. Ich habe mir immer gewünscht: „So müsste dein eigener Vater sein, wie der Herr Nolte!“ Der hatte etwas zu sagen, der war anerkannt.

Kt.: Wie haben Sie ihn als Schulleiter erlebt?

B.: Ja, dass er ein strenges Regiment führte, dass er im Treppenhaus der Schule „grölen“ konnte und dass er wegen dieses „Grölens“ allgemein gefürchtet war, habe ich wohl erlebt. Er konnte ja auch so ein „bulliges Gesicht“ ziehen. Aber ich, weil ich ja bei Noltes zu Hause verkehrte, ich kannte ihn ganz anders. Ich hatte überhaupt keine Angst vor ihm! Er hat uns oft, wenn er bei Hochzeiten die Orgel spielen musste, zum Singen geholt. Das war immer ganz lustig. Meine Freundin Margret kam dann zu uns nach Hause gelaufen: „Komm schnell zum Singen, da ist wieder eine Hochzeit.“ Dann wurden schnell die Hände gewaschen, und los ging es. Seine Töchter und ich, wir haben so einen kleinen Chor gebildet. Da wurde der Blasebalg der Orgel noch getreten ! „Segne, du Maria...“ und „So nimm denn meine Hände…“ wurde von uns gesungen. Das waren die Standardlieder. Die Hochzeitsleute haben Herrn Nolte für das Orgelspiel und das Singen Geld gegeben, und wir haben auch ein paar Groschen abbekommen.

Kt.: Den Hauptanteil des Geldes hat er behalten?

B.: Na klar! Wir haben von ihm ein paar Groschen bekommen.

Kt.: Zum Schluss erzählen Sie mir bitte noch etwas über Ihre Beziehung zur Gemeinde während der Zeit, als Sie Jugendliche waren.

B.: Ich war Pfarrjugendführerin des BDKJ (Bund der deutschen katholischen Jugend), natürlich nicht von Anfang an.

Ich bin in dieses Amt hineingewachsen, weil ich von klein auf in der Gemeindejugend war. Das Leben der Kinder unserer Familie spielte sich zwischen Schule und Kirche ab. Etwas anderes gab es nicht! Wir lebten wie auf einer katholischen Insel. Mit evangelischen Leuten wollte meine Mutter gar nicht erst in Berührung kommen. Als ich älter wurde, bin ich in meiner Freizeit zur „Gruppe“ des BDKJ ins Gemeindehaus gegangen.

Ach, während wir so über die Jugendgruppen sprechen, erinnere ich mich plötzlich an die Zeit, als ich noch ganz jung war. Da ging ich noch nicht zur Schule. Da hieß die Mädchengruppe noch „Lioba“. Die Mädchen haben sich damals in der Wohnung der Gruppenführerin getroffen. (Das Gemeindehaus war seit dem 31. 3. 1945 zerstört.) Sie wohnte in der Nähe der Straße „Alte Schleuse“. Man musste bei der Schmidtstraße nach links und anschließend die Brücke über den Veringkanal überqueren. Im ersten Haus nach der Brücke hat die Gruppenführerin gewohnt. In ihrem privaten Zimmer haben sich die Mädchen von „Lioba“ getroffen. Das war die jüngere Gruppe der „Marianischen Kongregation“. Aber das war alles vor meiner Zeit als Jugendliche. Ich selbst bin zur Gruppe des BDKJ gegangen.

Kt.: Die Gruppen des BDKJ waren nach Jungen und Mädchen getrennt?

B.: Die jüngeren Gruppen waren getrennt, die älteren Gruppen haben viel gemeinsam gemacht.

Kt.: Dann waren Sie also „Pfarrjugendführerin“ gemeinsam mit dem „Pfarrjugendführer“ Gerd Wesolowski?

B.: Ja, gemeinsam mit Gerd Wesolowski. Von den männlichen Jugendlichen habe ich neben Gerd Wesolowski die Namen Bernhard Krystkowiak und Bernhard Kinne in Erinnerung. Die waren alle etwas älter als ich. Bei den weiblichen Jugendlichen waren da Elisabeth und Margret Nolte, Maria Poprawa, Maria Piochacz und viele, viele andere. Annemarie Poprawa war eine Zeit lang meine Gruppenführerin.

Ich habe mich für die Arbeit als Pfarrjugendführerin sehr begeistern lassen, auch von den Kaplänen! Zu meiner Zeit war das besonders Kaplan Hölsken. Meiner Mutter hat mein Engagement für die katholische Jugendarbeit gefallen. Sie hat gedacht, da sei ich in guten Händen, da sei ich nicht in der „bösen Welt“. Sie war froh, dass ich nicht „auf verrückte Gedanken“ kam.

Wir Jugendlichen haben dann erlebt, wie der Saal des neu erbauten Gemeindehauses (Einweihung im Februar 1956) genutzt werden konnte. Wir haben darin die ersten Feste veranstaltet, auch Laienspiele haben wir aufgeführt. Die Küche im neuen Gemeindehaus haben wir genutzt und natürlich auch die neuen Gruppenräume. Das neue Gemeindehaus hat das Leben der Gemeinde enorm erneuert und vorangetrieben.

Durch die Jugendarbeit bin ich übrigens dazu geführt worden, ins Kloster, zu den Germeter Schwestern bei Warburg, zu gehen. Die haben da ein Säkularinstitut für Seelsorgehilfe und Familienpflege. Da wurde ich ausgebildet als Seelsorgehelferin. Der Nachfolger von Kaplan Hölsken, Kaplan Schmidt, hatte erlebt, wie sehr ich mich für die Jugendarbeit engagierte. Darauf hat er mir nahe gelegt, zu den Germeter Schwestern zu gehen. Da könnte ich dieselbe Arbeit wie in der Bonifatiusgemeinde beruflich tun. Ich habe dann ein Praktikum bei den Schwestern gemacht, habe mir noch einige Bedenkzeit genommen, wurde aber von den Kaplänen (der St. Bonifatiusgemeinde) Schmidt, Kobold und Stechmann stark in dem Beschluss gestärkt, zu den Schwestern zu gehen. Tatsächlich bin ich dann auch 13 Jahre lang Schwester gewesen.

Danach bin ich (aus der Schwesterngemeinschaft) ausgetreten. Heute bin ich glücklich verheiratet. Ich weiß noch, wie der Dechant reagiert hat, als er hörte, dass ich zu den Schwestern gehen wollte. Ich brauchte nämlich von ihm ein Führungszeugnis. Ich habe ihn also vor der Kirche daraufhin angesprochen und habe gedacht, er werde von meinem Entschluss (zu den Germeter Schwestern zu gehen) genauso begeistert sein wie die Kapläne. Seine Reaktion war aber ganz anders: „Ach, du Schreck, auch das noch!“, hat er gesagt. Da war ich ganz geplättet. „Jetzt passiert nun auch noch so etwas!“, schien er zu denken. Ich bin dann ganz niedergeschlagen hinter ihm her zum Pfarrbüro getrottet, zur „Alten Schule“, Groß-Sand 2. Da hat er mir dann mein Führungszeugnis ausgestellt. Er hat mich auch noch so einiges gefragt, aber ich weiß nicht mehr, was er gefragt hat. Aber der Schreck darüber ist haften geblieben, dass der Dechant von meinem Entschluss so gar nicht begeistert war, dass er nicht gesagt hat: „Schön! Du wirst bestimmt einmal eine gute Schwester!“ Er hat mich nicht freudevoll angeguckt.

Kt.: Nun ja, er wusste, dass seine Schwester Anna, als Nonne bei den Vinzentinerinnen, nicht besonders glücklich war. Zusätzlich war seine jüngste Schwester, Agnes, aus dem Orden der Vinzentinerinnen ausgetreten und er hatte sie in Wilhelmsburg im Pfarrhaus aufnehmen müssen. Im Pfarrhaus sind auch Sie selbst seiner Schwester Agnes begegnet, nicht wahr?

B.: Richtig, sie war die freundlichere der beiden Schwestern des Dechanten.

Kt.: Haben Sie sonst noch eine Erinnerung an Dechant Krieter?

B.: Meine Freundin, Margret Nolte, und ich hatten immer einen Spitznamen für ihn. „Kalle“ haben wir ihn genannt. Wir haben ja oft zwischen Kirche und dem Haus Groß-Sand 2, wo Noltes wohnten und wo unten auch das Pfarrbüro war, in den Trümmern und später im Bausand gespielt. Da kam der Dechant oft vorbei, und immer hatte er einen weißen Schal um den Hals gelegt. Er musste ja vom Pfarrhaus ins Büro gehen. Das war nur ein kurzer Weg. Darum hat er keinen Mantel angezogen, aber er trug immer einen Schal. Wir haben dann immer gesagt: „Kalle kommt!“ Wir haben ja gern Rad geschlagen und Handstand gemacht; ohne Unterbrechung, immer wieder. Ich weiß noch, wie eine Nonne aus dem Krankenhaus „Groß-Sand“ uns einmal dabei beobachtet hat und zu uns gesagt hat: „O Gott, wenn das die liebe Muttergottes sieht! Diese nackten Beine!“ Handstand und Radschlagen haben wir natürlich nicht weiter gemacht, wenn der Dechant ankam. Dann hieß es immer: „Kalle kommt!“ Einmal hat er uns dann daraufhin angesprochen. Da waren wir ganz perplex. Da hat er nett mit uns gesprochen, in seiner freundlichen Art, und dann hat er zum Schluss gesagt: „Ihr müsst aber nicht immer „Kalle“ von mir sagen!“ Da kannte er seinen Spitznamen also längst! Und wir haben uns so geschämt! Aber er war gar nicht böse mit uns. Ganz lieb hat er zu uns gesagt: „Ihr müsst aber doch nicht immer „Kalle“ von mir sagen!“ Also, er war alles andere als ein Kinderschreck! Er kannte auch alle Kinder mit Namen und wusste genau, zu welchen Familien sie gehörten. Und man hatte eigentlich großen Respekt vor ihm, aber man mochte ihn auch gern. Er kannte jeden. Er kannte Wilhelmsburg.

Chowanietz,Walter

und Chowanietz, Gertrud, geborene Poprawa

geboren 1933 und 1935

wohnhaft zur Zeit des Gespräches in Hbg. -Wilhelmsburg

Gespräch am 8. 2. 2005

WCh. = Walter Chowanietz GCH. = Gertrud Chowanietz

Kt. = Ulrich Krieter

Die in Klammern geschriebenen Wörter / Texte ( ... ) sind zum besseren Verständnis des Lesers nachträglich eingefügt. Das Gespräch wurde mittels Diktiergerät aufgezeichnet.

Kt.: Ich beginne das Gespräch immer mit der Frage nach den Geburtsdaten.

WCH.: Ich heiße Walter Chowanietz und bin 1933 geboren.

GCH.: Ich heiße Gertrud Chowanietz, bin eine geborene Poprawa und bin 1935 geboren.

Kt.: Walter, du bist hier in Wilhelmsburg geboren?

WCH.: Ja, in der Veringstraße, und ich bin bis zum heutigen Tag immer in Wilhelmsburg geblieben. Meine Eltern sind aus Oberschlesien. Sie sind 1928 nach Harburg-Wilhelmsburg gekommen. Sie haben in Wilhelmsburg gewohnt. Mein Vater hat in seinen letzten Berufsjahren in der Kupferhütte, im Freihafen, gearbeitet. Bis zur Ausbombung hat unsere Familie am Kleinen Kanal gewohnt. Meine Eltern waren katholisch und waren fest in die Bonifatiusgemeinde eingebunden.

GCH.:. Meine Großeltern sind um die Jahrhundertwende nach Wilhelmsburg gekommen, als so Viele aus dem Osten nach Wilhelmsburg gekommen sind. Mein Vater ist schon hier in Wilhelmsburg geboren, im Jahre 1903. Meine Mutti ist 1905 geboren. Sie ist mit ihren Eltern zugezogen. Meine Großeltern mütterlicherseits hatten sich nach dem 1. Weltkrieg für Deutschland entschieden. Sie kamen aus Gnesen in Posen. Mein Großvater war Eisenbahner. Ich selbst und alle meine Geschwister, wir sind hier in Wilhelmsburg geboren. Auch ich habe immer hier - in Wilhelmsburg - gewohnt.

Kt.: Wie war es mit euren beruflichen Laufbahnen?

WCH.: Sieben Jahre habe ich die Schule am Reiherstieg besucht. Die Bonifatiusschule gab es zur Zeit meiner Einschulung (1939) als katholische Schule (Bekenntnisschule) nicht mehr. Als die Bonifatiusschule nach dem Krieg wieder eröffnet wurde, war ich während meines achten und neunten Schuljahres dort. 1946 ist die Katholische Schule wieder aufgemacht worden. 1948 bin ich schulentlassen worden und dann in die Lehre gegangen. Ich habe den Beruf des Elektrikers erlernt, habe in dem Beruf meinen Meister gemacht, war dann 21 Jahre auf der Kupferhütte und danach 23 Jahre beim Hamburger Staat, als technischer Angestellter im Bauamt.

GCH.: Ich habe den Beruf „Kaufmännische Angestellte“ erlernt. Während meiner ersten 4 Schuljahre habe ich die Schule II besucht, danach die Schule Bonifatiusstraße, von 1946 bis 1950. 1950 bin ich aus der Schule entlassen worden. Nach der Lehre habe ich im Büro gearbeitet. Nach der Heirat habe ich noch so lange gearbeitet, bis die Kinder kamen. Danach war ich Hausfrau, Mutter, Altenpflegerin, alles!

Kt.: Ihr seid also beide gleich im Jahre 1946 , kaum dass die Katholische Schule wieder eröffnet war, zur Bonifatiusschule gewechselt. Wie kam das eigentlich?

WCH.: Ganz einfach, weil wir Katholiken waren und sind. Als wir noch zur Schule Fährstraße gegangen sind, hatten wir ja die Erstkommunion in der Bonifatiuskirche. Da gab es in unserer Wohngegend aus der Gemeinde die Frau Kinne. Die hat die Schäfchen der Gemeinde zusammengehalten. Als Kinder bekamen wir monatlich ein Zettelchen. Darauf mussten wir unseren Namen schreiben, und der Pastor oder der Kaplan konnte dann sehen, ob wir zur Kommunion gegangen waren oder nicht.

Kt.: Das ist ja eine interessante Geschichte!

WCH.: Ja, das war so! Wir katholischen Kinder waren ja weit verstreut. Wir hatten zwar im Gemeindehaus Religionsunterricht, aber das war auf freiwilliger Basis. Als dann das Gemeindehaus und die Kirche ausgebombt waren, hat sich das natürlich auch negativ auf dem Religionsunterricht ausgewirkt. Da haben wir nicht mehr so viel Unterricht gehabt. Wir haben „Steine gekloppt“, damit das Seitenschiff der Kirche zugemauert werden konnte.

Kt.: Wer hat den Religionsunterricht gehalten, Pater Jussen oder Pater Kruse?

WCH.: Nein, das war Dechant Krieter selbst. Wir waren ja auch nicht viele Kinder. In Sachen Kapläne erinnere ich den Namen Rademacher. Der war unser Präses im Kolpingverein (von 1946 bis 1949).

GCH.: Nach Rademacher kamen als Kapläne Goedde und Hölsken. Das ist so meine Zeit gewesen!

Kt.: Bitte noch einmal zurück zum Religionsunterricht. Wie oft fand der statt?

WCH.: Einmal die Woche.

Kt.: Mich interessiert noch einmal die Geschichte mit der Frau Kinne.

WCH.: Ja, die war im Elisabethverein und hat sich wirklich für die Gemeinde eingesetzt. Nach dem Krieg, als die CARE-Pakete kamen, war sie auch bei der Verteilung der Pakete engagiert.

Kt.: Mich interessiert besonders dieser Zettel, mit dem die Teilnahme an der Kommunion kontrolliert wurde.

WCH.: Auf dem Zettel konntest du oben deinen Namen eintragen. Der Zettel wurde von der Frau Kinne ins Haus gebracht. Einmal im Monat war „Gemeinschaftskommunion“ für die Kinder. Wenn wir zum Empfang der Kommunion an die Kommunionbank gingen, haben wir den Zettel darauf abgelegt.

Kt.: Galt das Verfahren für die Mädchen auch?

GCH.: Ja, das war ja wohl auch für statistische Zwecke gut. Da stand in der Nähe der Kommunionbank ein Körbchen, und wenn du vom Empfang der Kommunion zurückgingst - das geschah damals ja noch alles in Reih und Glied - dann hast du dein Zettelchen in dieses Körbchen gelegt. Jetzt, Walter, wo du das erzählst, erinnere ich mich auch daran.

Kt.: Walter, deine Erstkommunion muss so um das Jahr 1942 gewesen sein.

GCH.: Walter, hast du dein Kommunionbild nicht mehr, das wir von der Gemeinde zur Erstkommunion bekommen haben? Da steht das Datum drauf. Meine Erstkommunion war am 16. April 1944.

WCH.: Ja, dann muss meine Erstkommunion 1942 gewesen sein. Ich erinnere mich auch an das Bild, das man zur Erstkommunion von der Gemeinde geschenkt bekam. Das war ein Foto vom Innenraum der Kirche vorne, vom Hauptaltar der Kirche.

Kt.: Ihr seid während des Krieges zur Erstkommunion gekommen. Das war eine schwere Zeit.

GCH.: Ja, damals war es schwierig, die weißen Kommunionkleider der Mädchen zu bekommen. Da hat Pastor Krieter dafür gesorgt, dass fast alle Mädchen weiße Kommunionkleider bekamen. Da hat er wohl Beziehungen gehabt, oder er hat dafür gesorgt, dass Kleider weitergegeben wurden, die im Vorjahr benutzt worden waren. Ich selbst hatte auch kein eigenes Kommunionkleid. Ich habe das Kleid meiner älteren Schwester getragen. Und ich weiß, dass ich braune Halbschuhe tragen musste! Neben mir saß bei der Erstkommunion ein Mädchen, das trug ein kariertes Kleid. Also, manche Eltern konnten sich das weiße Kleid für ihr Mädchen wirklich nicht leisten.

Kt.: Also konnte man sich nicht so schön machen, wie man es gern gehabt hätte?

GCH.: Nein, aber das spielte auch keine große Rolle! Wir und die Eltern waren froh, dass wir überhaupt Erstkommunion feiern durften. Das war ja damals ganz anders als heute.

WCH.: Und wir Jungen haben noch die kurzen blauen Hosen angehabt, also Kommunionanzüge mit kurzen Hosen, keinen „Frack“ wie manche Jungen heute. Einen Kommunionanzug zu bekommen, war bei den Jungen auch ein großes Problem. Die meisten Jungen trugen geliehene Sachen. Ich selbst hatte das Glück, einen eigenen Anzug zu haben.

Kt.: Ist vom Kommunionunterricht etwas zu berichten?

GCH.: Da habe ich gar keine Erinnerung.

WCH.: Ich auch nicht! Das ist ja auch lange her.

GCH.: Wir gingen ja in die Schule II . Ich weiß gar nicht, wie sie von der Gemeinde aus an uns herangekommen sind.

WCH.: Wir haben doch einmal pro Woche den Religionsunterricht gehabt. Es waren ja auch nicht so viele Kinder. Die meisten waren mit der Kinderlandverschickung weg. Es waren doch nur die Wenigen, die in Wilhelmsburg geblieben waren, die nicht mit ihren Schulklassen weggefahren waren. Da hatte der Pastor schon die Übersicht.

GCH.: Vom Religionsunterricht erinnere ich besonders den Katechismus-unterricht. Wir mussten alle Fragen und Antworten auswendig lernen. Frage 1: „Wozu sind wir auf Erden?“ Antwort: „Wir sind auf Erden, um den Willen Gottes zu tun und dadurch in den Himmel zu kommen.“ Also, wir haben das auswendig gelernt, dass wir es nur so herunterrattern konnten! Wo der Religionsunterricht aber stattgefunden hat, daran kann ich mich einfach nicht erinnern.

Kt.: Wo befand sich denn nun die Schule II genau?

GCH.: In der Georg-Wilhelm-Straße, da beim Bunker.

WCH.: Meine Schule war in der Fährstraße, Nummer 90. Das war die Schule III. Da sind wir eingeschult worden. Mein Bruder war zuerst in der Katholischen Schule in der Bonifatiusstraße gewesen und ist dann zur Fährstraße gekommen. Er gehört zum Jahrgang 1928. Ich hatte dann in der Schule Fährstraße aber eine katholische Lehrerin, das war Frl. Neugebauer. (Sie war vorher Lehrerin in der Katholischen Schule gewesen) Und Frl. Sittkus war eine sehr gläubige, evangelische Lehrerin. Die hat uns daran erinnert, zum katholischen Religionsunterricht in unsere Gemeinde zu gehen. Auch wenn Sammlungen stattfanden, dann sorgte sie dafür, dass das auch den Kirchen zugute kam, auch der katholischen. Das war etwas Besonderes, deswegen erinnere ich mich daran. Die hat mehr dahinter gestanden als so mancher Katholik.

Kt.: Was für eine Sammlung war das denn, das Winterhilfswerk?

WCH.: Das Winterhilfswerk sowieso! Nein ich meine andere Sammlungen, Zeugsammlungen und manchmal auch Geldsammlungen. Wie gesagt, das kam den Kirchen zugute. Wir sind dann zum Gemeindehaus der Emmaus-Gemeinde gegangen und haben die Sachen dort abgegeben. Zu mir hat Frl. Sittkus gesagt: „Walter du bist ja katholisch, du gibst das dann in der katholischen Gemeinde ab.“

Kt.: Das ist außergewöhnlich, denn ansonsten achtete die NSDAP doch streng darauf, dass Sammlungen nur unter ihrer Regie stattfanden.

WCH.: Ja, aber es ist wirklich so, dass in Wilhelmsburg das Wirken der NSDAP gar nicht so ausgeprägt war. In Wilhelmsburg konnte man zum Beispiel „Guten Morgen“ sagen, wenn man in einen Laden ging. In Schlesien war das ganz anders! Als ich dort war, habe ich erlebt, dass man nichts verkauft bekam, wenn man beim Betreten des Ladens nicht „Heil Hitler“ gesagt hatte. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass in Wilhelmsburg in der Schule etwas Besonderes in Sachen Nationalsozialismus gelaufen ist. Natürlich waren wir in der DJ. Da mussten wir natürlich mit „Heil Hitler“ grüßen. Aber in der Schule war das nicht so, dass wir mit „Heil Hitler“ stramm stehen mussten! Es gab einige wenige Lehrkräfte, die darauf bestanden haben, zum Beispiel bestand der Schulleiter darauf.

Kt.: Flaggenappelle, gemeinsames Hören von Radio-Ansprachen der Parteigrößen, gab es das nicht?

WCH.: Ja, so zum 1. Mai etwa, gab es so einen Flaggenappell, aber sonst weiß ich nichts davon. Das ist nicht mehr in meiner Erinnerung.

GCH.: Ich war sowieso noch zu jung. Ich habe überhaupt nichts mitgekriegt.

Kt.: Walter, du warst in der DJ.

WCH.: Ja, man war da Mitglied, weil man dadurch Beschäftigung hatte, keine Langeweile. Man war dadurch von der Straße weg. Das hat sich auch nicht überschnitten mit dem Religionsunterricht.

Kt.: Was wurde bei der DJ gemacht?

WCH.: Geländespiele, wir mussten auch „stramm stehen“, also Erziehungs-maßnahmen fanden statt, aber ... ach Gott ... Wir haben auch mit Holz-Handgranaten „gekämpft“. Im Grunde genommen war es „Krieg-Spielen“.

Kt.: Wer hatte die Führung?

WCH.: Der „Stamm-Jugendführer“ hieß Busse. Der trug eine schicke, weiße Kordel. Das war mir aber alles nicht so wichtig. Wenn du von zu Hause aus nicht so auf die Nazi-Sache eingeschworen warst, dann hast du das alles nicht so wahrgenommen, nicht ernst genommen. Ich weiß noch, wie mein Vater am Fenster stand und mit der „Goebbels-Schnauze“ (dem „Volksempfänger“ = Radio-Apparat) den englischen Sender BBC hörte. Wenn jemand an die Tür klopfte, wurde der Apparat natürlich ausgestellt. Es sind ja manche verpfiffen worden, dass sie den englischen Sender gehört hätten. Aber auf diese Weise hat man manche Sachen gehört, die man sonst nicht hörte. Auch vor Luftangriffen war man eher gewarnt. Oder man hörte, wo Bomben gefallen waren. Man konnte vergleichen, was der deutsche Sender und was BBC sagte. Wir (Deutschen) waren noch dauernd am Siegen, da haben die anderen schon gesagt, dass etwas von ihnen zurück gewonnen sei. Aber so richtig mitbekommen hast du das alles als Kind ja noch nicht.

Kt.: Aber war es nicht aufregend, wenn BBC angestellt war?

WCH.: Ja, dass den Eltern die Angst im Nacken saß, dass irgendjemand das Abhören von BBC mitbekam, haben wir schon gemerkt. Auch, dass wir Kinder das Radio nicht einschalten und dass wir nicht alleine BBC hören durften, war klar! Es war ja immer die Gefahr gegeben, dass wir Kinder gefragt wurden: „Was habt ihr in den Nachrichten gehört?“

Kt.: Könnt ihr mir etwas von euren Erlebnissen in der Kriegszeit erzählen? Wart ihr während der Luftangriffe im großen Bunker?

WCH.: Meine Familie hat ja am Kleinen Kanal gewohnt. Da stand in der Nähe ein kleiner Bunker, wie es sie überall gab. Allerdings, an dem Tag, an dem wir ausgebombt wurden, da waren wir zufällig im großen Bunker gewesen. Als wir vom Bunker zurückkamen, sahen wir, dass unser Haus zerbombt war. Da hat man eben in den Trümmern gebuddelt, um noch Habseligkeiten heraus zu graben. Es hatte zum Glück nicht gebrannt. Das Haus war nur zerschlagen worden. Weil in der Nähe die Firma Jung war, sind da auch Brandbomben gefallen, richtige, so sechseckige Phosphordinger. Die sind dann nicht alle hochgegangen. Wir Kinder haben die Reste ins Wasser geworfen. Da haben sie dann im Wasser losgelegt. Wir wussten ja gar nicht, in welche Gefahr wir uns begeben haben. Also, nach der Ausbombung am Kleinen Kanal haben wir in der Fährstraße ein Zimmer und eine Küche gekriegt. Da sind wir aber auch ausgebombt worden. Eine Bombe ist dort hinten ins Haus gefallen, nur die Front des Hauses stand noch. An diesem Tag waren wir, meine Mutter und ich, während des Luftangriffs im Keller. Mein Bruder war zu dieser Zeit schon zum Wehrdienst eingezogen. Er ist ja vier Jahre älter als ich. Sonst haben wir bei Luftangriffen immer in einem Raum in der Wohnung gesessen. Weil dieser Angriff am Tage war, waren die Männer zur Arbeit. Da haben wir uns in den Keller geschleppt, meine Mutter und ich. Wären wir in dem Raum geblieben, wäre es für uns vorbei gewesen. Deswegen sage ich immer, dass ich damals ein zweites Leben bekommen habe. Ich habe Glück gehabt, dass im Keller neben der Tür eine Bank gestanden hat. Unter der lag ich dann, über mir Schutt. Ich höre meine Mutter heute noch, wie sie geweint hat. Aber man konnte ja nicht antworten. Ach, wenn man davon erzählt, kommen einem alle die Erinnerungen hoch. Als ich später in der Lehre war, und es bei der Arbeit viel Staub gab, habe ich zuerst gedacht, ich müsste die Lehre abbrechen. Ich konnte, nachdem ich so verschüttet gewesen war, keinen Staub vertragen. Eigentlich war es mit dem Staub auf der Arbeit gar nicht so schlimm, aber mein Unwohlsein kam von innen. Das kannst du nicht steuern. Erst nach einiger Zeit habe ich mich an Staub gewöhnt.

Nach der Ausbombung in der Fährstraße haben wir in der Rudolfstraße gewohnt. Da war eine Betriebswohnung der Kupferhütte, in der mein Vater ja arbeitete, frei geworden.

Kt.: Gertrud, gab es auch bei dir besondere Erlebnisse?

GCH.: Ach, die möchte ich eigentlich gar nicht erzählen! Man leidet ja heute noch daran! Diese Bunkerzeit! Wir haben ja von Anfang an Angst vor den Angriffen gehabt. Erst sind wir in den Keller gegangen. Als der Bunker dann fertig war, haben wir im 2. Stock (des Bunkers), Zimmer 17, unseren Platz gehabt. In den letzten Jahren haben wir oben im 6. Stock des Bunkers Tag und Nacht verbracht. Ich möchte davon nicht weiter erzählen, weil ich heute noch darunter leide. Es war schrecklich zu sehen, wie die vielen Flugzeuge herangeflogen kamen, dann im Bunker das Fallen der Bomben und das Schießen der eigenen Flak (= Flugabwehrkanonen) zu erleben. Im Bunker ging manchmal das Licht aus, alles war dunkel, und dann diese Enge! Ich versuche, die Erinnerungen an die Kriegszeit zu verdrängen, aber je älter man wird, je mehr kommt das hoch, wenn man zur Ruhe kommt. Man kann das wirklich nicht steuern.

WCH.: Also, den Bau des Bunkers habe ich auch miterlebt.

(„In den Jahren 1942 / 43 wurden die beiden Flakbunker auf der Spülfläche an der Weimarer Straße gebaut. Sie boten Tausenden Wilhelmsburgern Schutz und Zuflucht bei den Luftangriffen. Von allen Seiten, sogar von Neuhof, aus dem Osten der Insel und dem Bahnhofsviertel strömten Frauen und Kinder in die Bunker.“ Zitat aus: Keesenberg, Hermann, Wilhelmsburg während des 2. Weltkrieges und nach demselben, In: Reinstorf, E. Geschichte der Elbinsel Wilhelmsburg von Urbeginn bis zur Jetztzeit, Verlag Buchhaus Wilhelmsburg, Georg Romanowski, Hamburg, 1955, S.327) Da, wo jetzt die Wiese ist, war ja einmal das Wilhelmsburger Stadion. Ich erinnere mich besonders an ein Spiel darin, das Spiel Hamburg gegen Berlin. Auf dem Stadiongelände wurden dann Baracken aufgestellt. Als Kinder haben wir zugeschaut, als die Baugruben für die beiden Bunker ausgeschachtet wurden. Das kindliche Auge sieht die Dinge ja anders als das Auge eines Erwachsenen. Ich habe damals immer das Gefühl gehabt, dass der große Bunker genauso tief war wie er hoch ist. Und die Masse Menschen, die da beim „Schippen“ war, die Mischmaschinen, die Massen von Eisen! Damals wurde ja noch alles mit der Hand vor Ort gemacht. Ich habe in meinem Leben gesehen, wie die beiden Bunker aufgebaut wurden, wie die Bunker gesprengt werden sollten - der kleine Bunker ist ja erfolgreich gesprengt worden - und ich habe gesehen, wie der große Bunker nach dem Kriege innen aussah. Als ich bei der Baubehörde gearbeitet habe, musste ich in den Bunker rein, weil der Plan bestand, den Bunker oben zu begrünen. Innen sah es wie in einer Kraterlandschaft aus. Die Treppenhäuser, alles, alles war zerstört! Es war schon ein seltsames Gefühl, diesen Bunker in diesem Zustand zu sehen. Man hatte ja sozusagen das ganze Leben des Bunkers miterlebt!

Kt.: Ich habe eine Frage zur ersten Bauphase der Bunker. Haben nur Bauarbeiter von Firmen die Bunker gebaut?

WCH.: Es waren auch sehr viele Kriegsgefangene eingesetzt, man hat auch Strafgefangene gesehen. Der große Bunker ist ja nie ganz fertig geworden. Deswegen durfte nur die normale Bevölkerung den Bunker nutzen, die Strafgefangenen mussten draußen bleiben. Es gab von der Veringstraße aus so eine Art Schützengräben zum Bunker. Darin mussten die Kriegsgefangenen und Strafgefangenen bleiben. Das war schon grausam! Erst wenn die Gänge im Bunker von der Normalbevölkerung frei waren, durften auch diese Gefangenen in den Bunker. Sie mussten dann aber in den Gängen unten bleiben.

GCH.: Im Bunker waren in den Räumen unten Bänke aufgestellt. In den oberen Stockwerken gab es Säle mit Etagenbetten. Die Säle wirkten auf mich als Kind riesig groß. Die Zimmer wurden entsprechend den Wohnblöcken zugeteilt, damit man die Leute finden konnte und damit jeder wusste, wohin er sich zu begeben hatte. Das Schlimmste an der ganzen Situation, wenn es wieder hieß zum Bunker zu flüchten, war die Angst, wenn die Sirenen losheulten. Ich nahm dann immer meinen kleinen Bruder an die Hand, und Mutti musste mit der Lütten (= der jüngeren Schwester) hinterher. Meine ältere Schwester war in der Kinderlandverschickung. Ich war ja nicht zu halten, wenn Alarm war. Einmal kamen wir auf dem Weg zum Bunker an der Schule II vorbei. Und dann fielen auch schon die Bomben. Jemand rief uns zu, wir sollten in ein Haus flüchten. Ich habe aber meinen Peter (= den jüngeren Bruder) genommen und bin weiter zum Bunker gerannt. Als wir später aus dem Bunker zurückkamen, war dieses Haus, in das wir flüchten sollten, total zerstört. Darin wären wir umgekommen. Viele Menschen hatten sich in dieses Haus geflüchtet, weil darin die Kellerräume als Schutzräume ausgebaut waren. Im Zusammenhang mit einem anderen Alarm kann ich mich auch an diese Strafgefangenen erinnern. Bei denen waren auch Pferde und Wagen. Als wir aus dem Bunker herauskamen, war vor dem Bunker ein Bombentrichter voller Toter. Ich habe noch in Erinnerung wie ein totes Pferd mit verdrehten Augen da lag. Diese Bilder habe ich noch so deutlich vor mir! Allein diese Sache, dass nur wir noch in den Bunker hinein durften, die Gefangenen aber nicht!

Und der ganze Bunker wackelte, wenn die Bomben fielen! Und dann war es im Bunker dunkel! Wir klammerten uns so an unsere Mutter! Auch sie muss ja Angst gehabt haben. Ringsum hörte man nur Geschreie! Es war einfach grausig!

Alles war dunkel, und diese hässlichen Betonwände! Noch heute bewirken diese Kriegserlebnisse bei mir Phobien!

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 11: Der große Bunker im Jahre 1945

Kt.: Der Luftangriff auf die Bonifatiuskirche war am 31. 3. 1945. Dabei wurde das Seitenschiff total zerstört.

WCH.: Ja, danach haben wir „Steine gekloppt“, damit die Seitenwand der Kirche wieder aufgebaut werden konnte. Einige Zeit lang war unter der Orgelempore der Hauptaltar, bis dann die Kirche wieder zugemauert war. Ich weiß nicht, wie lange das gedauert hat. Ich weiß nur, dass wir später, als der Altar wieder vorn war, oft den Blasebalg der Orgel treten mussten. Das hat dann oft nicht so gut geklappt. Manchmal haben wir beim Treten auch mit Absicht eine Pause gemacht. Dann blieb der Orgel die Luft weg, und die Leute haben gefragt: „Wer hat denn da nun wieder geörgelt?“

Abb. 12: Die Luftbildaufnahme aus dem Jahre 1945 zeigt die Schäden am Wasserturm, an der Bonifatiuskirche und am Dach der Schule Bonifatiusstraße. (Aus Sicht des Betrachters ist die Schule das große Gebäude ganz rechts am Bildrand.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kt.: Wer hat die Orgel gespielt?

WCH.: Erst war das der Lehrer Dormeier, dann der Lehrer Rohde und später war es der Rektor Nolte.

GCH.: Nein, Herr Rohde hat die Orgel nicht gespielt! Der war nach dem Krieg kurze Zeit Schulleiter der Katholischen Schule. Danach war Nolte der Rektor. Der hat auch die Orgel gespielt, aber der Herr Rohde nicht!

WCH.: Du hast Recht, Herr Rohde hat die Orgel nicht gespielt. --- Küster waren nach dem Krieg der Herr Zagorski und danach Valentin Greschek.

Kt.: Walter, du hattest an der Schule Fährstraße die Lehrerin Neugebauer, die katholisch war. Ist sie nach Wiedereröffnung der katholischen Schule zur Bonifatiusschule zurückgegangen?

WCH.: Nein, die hat uns zwar gesagt, dass wir katholischen Schüler zur Bonifatiusstraße wechseln könnten. Sie selbst ist aber geblieben.

GCH.: Ich hatte an der Schule II auch eine Lehrerin, die katholisch war. Die ist aber auch nicht zur Bonifatiusstraße gegangen.

Kt.: Zuerst war die Bezahlung der Lehrer an der Schule Bonifatiusstraße noch nicht endgültig geklärt. Vielleicht sind die beiden Lehrerinnen deswegen nicht zur Bonifatiusstraße gegangen und deswegen war es in den ersten Jahren gar nicht leicht, Lehrer und Lehrerinnen für die Katholische Schule in Wilhelmsburg zu bekommen.

WCH.: Ich habe Nolte noch als Lehrer gehabt. Aus der Schule entlassen wurde ich vom Schulleiter Rohde.

Kt.: Wisst ihr etwas vom Neubau des Gemeindehauses?

WCH.: Da waren erst einmal das Beseitigen des Schutts und das „Steine- Kloppen“ für den Bau des Kolpingheimes angesagt. Die beiden Geschäftsleute von Prodzinski und von Wantoch hatten wegen ihrer Firmen Lastwagen. Die haben den Schutt weggefahren und Baumaterial für das Kolpingheim herangefahren. Ein- oder zweimal pro Woche haben wir für das Kolpingheim gearbeitet. Für unser leibliches Wohl hat dann der Bäcker Alfons Ballhausen gesorgt. Der brachte Backwaren vorbei, denn wer arbeitet, muss ja auch etwas essen.

GCH.: Übrigens hat der Alfons Ballhausen auch bei Festen der Gemeinde für das leibliche Wohl gesorgt, Kuchen gespendet. Der hatte seine Bäckerei am Wilhelmsburger Bahnhof. Auch den Tischler Ciuda in der Veringstraße muss man erwähnen. Der hat auch viel für die Gemeinde getan! Es wurde in der Gemeinde ja wirklich viel ehrenamtlich gemacht. Der Zusammenhalt war großartig.

WCH.: Die drei Genannten waren ja im Gesellenverein, später „Kolping“ genannt. Aus den Gesellen sollen Meister werden, das war` s doch! Der von Prodzinski als Fahrradhändler, von Wantoch als Kohlenhändler, der Tischler Ciuda, Alfons Ballhausen als Bäcker, alle haben ihre Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinde gestellt; auch der Martinus Press, der Bauingenieur und Polier bei der Baufirma Harriefeld war. Die waren damals in der Kolpingfamilie und in der Gemeinde die Elite. Alfons Ballhausen und Martinus Press waren im Kirchenvorstand, Press auch im Bauausschuss und im Elternrat der Schule. Ich selbst war auch im Bauausschuss, als die Kirche unter Pfarrer Franz erneuert wurde. Deswegen weiß ich Etliches davon.

GCH.: Diese Leute waren auch Vorbilder. Sie haben die Jüngeren zur Mitarbeit herangezogen, und schon war man mitten drin in der Gemeindearbeit! Zum Thema Neubau des Gemeindehauses fällt mir ein, dass wir losgezogen sind und in der Gemeinde so genannte „Bausteine“, also regelmäßige, kleinere Spenden für den Bau des Gemeindehauses gesammelt haben. Zwei oder drei Mark monatliche Zahlung als „Bausteine“.

Kt.: Sagt euch der Name Paul Ulitzka etwas?

WCH.: Der ist der Rendant der Gemeinde gewesen. Den habe ich selbst noch im Kirchenvorstand erlebt. Ich bin 1963, mit dreißig Jahren, unter Pfarrer Großstück, in den Kirchenvorstand gekommen. Da war Herr Ulitzka noch Mitglied. Der hat in den ganz weit zurückliegenden Jahren die Kirchensteuer im Gemeindehaus eingesammelt.

GCH.: Da fällt mir auch die Frau Spiegel im Kirchenbüro, in der Alten Schule, ein. Bei der musste zu Anfang noch die Kirchensteuer eingezahlt werden. Mutti hat mich gelegentlich mit einem Briefumschlag zu Frau Spiegel geschickt.

WCH.: Da fällt mir ein, dass dein Onkel (= Karl-Andreas Krieter) unserer Familie manchmal Einiges von der fälligen Zahlung der Kirchensteuer abgelassen hat: „Ach, lasst das man!“, hat er gesagt. Er hat gesehen, wer zahlen konnte und wem es schwer fiel.

Kt.: Ich möchte zum Abschluss nach euren persönlichen Erinnerungen an Pastor Krieter fragen. Walter, fällt dir da etwas ein?

WCH.: Wie gesagt, er war großzügig. Als ich als Kind damals meinen Vater zur Zahlung der Kirchensteuer begleitet habe, hin zur Frau Spiegel, da hat er zu meinem Vater gesagt: „Ach, Herr Chowanietz, dann zahlen Sie eben ´mal nur so viel, wie Sie gerade können!“

Ansonsten habe ich Pastor Krieter wie einen Vater erlebt. Da fällt mir ein Erlebnis in der Schule Bonifatiusstraße ein. Wenn jemand wegen irgendeiner Dummheit vor der Tür des Klassenzimmers stand, aus dem Unterricht rausgeschmissen worden war, dann hat er uns beigestanden. Er hat beim Lehrer vermittelt. Er hat zum Lehrer gesagt: „Der ist ja nicht so schlecht der Junge, nimm ihn doch wieder rein!“

Kt.: Hat Pastor Krieter dich denn persönlich gekannt?

WCH.: Ja. Er wusste natürlich, dass ich der Walter war. Unsere Familie ist ja auch immer der Kirche treu gewesen. Da kannte er uns schon! Er kam ja auch ´mal zu uns ins Haus, als wir noch am Kleinen Kanal gewohnt haben.

Kt.: Kannte Pastor Krieter auch die Familie Poprawa persönlich?

GCH.: Ja, er kannte jeden von uns. Durch unser „Kirchegehen“ und durch Not und Sorge (unserer Familie) , um die er sich gekümmert hat. Unsere Mutti hat er immer mit ihrem Vornamen Anna angesprochen. Später kannte er die Kinder von uns beiden auch mit Namen.

W.CH.: Eine persönliche Erinnerung an Pastor Krieter habe ich noch! Als wir Kinder nach der Zerstörung des Seitenschiffs der Kirche die Steine „gekloppt“ haben, da kam er hin und wieder und brachte Getränke für uns. Er hat sich darüber gefreut, dass wir uns so eingesetzt haben. Zu unserer Gruppe gehörten Timmermann, Berni Nawrot und wohl auch Bernhard Kinne, aber der war jünger.

GCH.: Später hatte er ja immer zwei Kapläne. An die hat er Trauungen, Taufen, Beerdigungen usw. abgegeben. Er selbst hat dann andere Arbeiten gemacht, so dass man nicht mehr so viel Kontakt zu ihm persönlich hatte.

WCH.: Also, den Brautunterricht, den hat aber er uns gegeben!

GCH.: Da haben wir im Pfarrhaus in dem dunklen Zimmer (seinem Arbeitszimmer) gesessen. Auch an das Sofa in diesem Zimmer kann ich mich noch erinnern und an ein großes Bild. Wir hatten aber nicht viel Unterricht. Dass wir über längere Zeit Brautunterricht gehabt hätten, etwa ein halbes Jahr lang, oder drei- viermal, wie das heute ist, das war nicht der Fall. Ich erinnere mich nur an ein einziges Mal!

WCH.: Er hat sich damit unheimlich schwer getan. „Ihr wisst ja Bescheid. - Ihr habt ja gute Vorbilder. - Ihr kommt ja aus einem christlichen Hause“, davon hat er gesprochen. Aber auf konkrete Probleme ist er nicht eingegangen.

Kt.: Eigentlich hättet ihr euch den Brautunterricht also sparen können?

WCH.: Ja, schon, aber das war ja Pflicht.

Kt.: Hat er selbst euch getraut oder einer seiner beiden Kapläne? ( Pfarrer Gödde und Kaplan Hölsken )

GCH.: Nein, ich war ja in der Marianischen Kongregation, und für die war Pfarrer Gödde zuständig. Der hat uns getraut.

Kt.: Hat Pastor Krieter vielleicht eure Eltern beerdigt?

GCH.: Daran erinnere ich mich nicht. Aber ich weiß, dass Pastor Krieter meinen Bruder Bernhard beerdigt hat. Bernhard war ein Jahr älter als ich. Der ist 1941 von dem Anhänger eines Lastwagens überrollt und getötet worden. Von der Beerdigung gibt es ein Foto. Mein Vati ist darauf als Soldat in Uniform zu sehen. Ich selbst war bei der Beerdigung nicht dabei. Ich war ja erst fünf Jahre alt.

Kt.: Wie habt ihr Pastor Krieter als Prediger in Erinnerung.

WCH.: Er hat für den „kleinen Mann“ gesprochen. Fremdwörter hat er nie gebraucht. Es waren keine hoch theologischen Predigten. Er hat für das Volk geredet.

GCH.: Er hat für jeden Menschen ein offenes Ohr gehabt und war zu jeden Menschen hilfsbereit. Heute kann ich sagen: Er war gütig! Man hatte Vertrauen zu ihm. Man hat ihm alles erzählt, und er hörte auch zu. Er hat getröstet. Man konnte mit allen Anliegen zu ihm kommen. So habe ich ihn schon als Kind empfunden. Ich habe großes Vertrauen zu ihm gehabt. Für mich war er - ja, ... die Person!

WCH.: Er hat das, was ein Priester sein soll, auch wirklich gelebt! Er hat sein letztes Hemd hergegeben.

GCH.: Ja, so haben wir ihn jedenfalls erlebt.

Kt.: Wie war es mit dem Beichten?

GCH.: Wir sind alle vier Wochen sonnabends zur Beichte gegangen.

WCH.: Ja, das war so in dieser Zeit. Heute sagt man: „Ich habe gar keine Sünden!“ Damals hat man nach seinen Sünden gesucht. Es war Gewohnheit, dass man alle vier Wochen zur Beichte ging.

GCH.: Man konnte im Beichtstuhl bei Dechant Krieter alles sagen, was einen belastete. Er hat auch nachgefragt. Aber er kannte uns ja auch. Er hat mich im Beichtstuhl mit meinem Namen Gertrud angesprochen und mir zum Schluss der Beichte gesagt: „Grüß deine Mutti auch!“

Kt.: Ich wollte noch nach der Feier besonderer kirchlicher Feste fragen.

WCH.: Das Fest, das den stärksten Eindruck machte, war ohne Frage Fronleichnam. Da waren so große, schöne Altäre aufgebaut.

GCH.: Aber Walter, zu Pfingsten war doch die Kirche auch besonders schön geschmückt! Die Kirche war überhaupt immer schön geschmückt, auch der Marienaltar. Das ist mir als Kind immer besonders aufgefallen. Die Kirche war für mich immer schön! Immer waren viele Blumen da, so kannte ich die Kirche. Zu den Festtagen hingen Girlanden von der Decke der Kirche herab zu den Seitenwänden. Davon gibt es ja auch Fotos. Ich fand das immer schön, auch den Baldachin und die Fahnen bei Prozessionen. Ich selbst war ja auch Fahnenträgerin der Marianischen Kongregation.

WCH.: Der Kolpingverein hatte natürlich auch seine Fahne. Es gab 4 Banner, die bei großen Gottesdiensten vorn am Altar standen. Das Banner der männlichen Jugend, das Banner der Marianischen Kongregation, das Kolpingbanner und ein Banner ganz alter Form, vielleicht vom Stanislausverein.

GCH.: Dieses letzte Banner gab es nicht mehr, als ich junges Mädchen war. Da gab es nur noch 2 Jugendbanner und das Banner von Kolping.

Kt.: Fällt euch etwas zum Stichwort „Maiandachten“ ein?

WCH.: Die fanden im Mai täglich statt.

GCH.: Ja, jeden Abend. Die waren auch ein schöner Anlass für die Jugend, sich zu treffen.

WCH.: Auch am Sonntagvormittag, nach der Messe, hat sich die Jugend im Gemeindehaus getroffen. Da fand vor dem Gemeindehaus auch ein gemeinsames Singen der Jugend statt, das von Gerd Wesolowski geleitet wurde. Der war Jugendführer. Ich selbst war ja im Kolpingverein. Da konnte nicht jeder einfach so eintreten. Man musste vorher etwas leisten, ganz einfach, man musste der Aufnahme würdig sein.

Kt.: Ist Pastor Krieter eigentlich in den Vereinen oder bei Treffen der Jugend aufgetaucht?

WCH.: Zu den Generalversammlungen von Kolping kam er immer. Wenn er auch nur kurze Zeit blieb, er kam immer. Er war ja auch Ehrenpräses. Er war wie ein Vater. Ohne ihn ging es nicht!

Kt.: Aber große Auftritte hat er bei Kolping nicht gehabt?

WCH.: Nein, dafür hatten wir ja zum Beispiel den Rektor Nolte, der politische Vorträge hielt, oder andere Redner. Dechant Krieter kam einfach zwischendurch ´mal dazu, man musste jederzeit mit ihm rechnen. Er kam, wie es seine Zeit erlaubt hat.

GCH.: Ich meine, dass er die Fäden im Hintergrund gezogen hat und seine Leute ihre Sache machen ließ. Dieses Gefühl habe ich gehabt.

WCH.: Bei den Gemeindevergnügen war er übrigens auch dabei, zum Beispiel bei der Rosenmontagsfeier in Stübens Gesellschaftssälen am Vogelhüttendeich. Auch bei den Kinderfesten an Fronleichnam in Stillhorn, Gaststätte Witt, und abends beim Tanzvergnügen der Erwachsenen. Später fanden die Gemeindevergnügen dann im neu erbauten Gemeindehaus statt.

GCH.: Was ich noch sagen will, Pastor Krieter ging auch viel in die Familien zu Besuch. Er hat sich um seine Gemeinde sehr gekümmert. Er ging in die Familien, und deshalb wusste er auch Bescheid, ob jemand Hilfe brauchte oder ob jemand der Gemeinde helfen konnte. Er wusste, wo er Hilfe für die Gemeinde bekam und wo er selbst helfen musste. Bei den reicheren Gemeindemitgliedern hat er dann auch bekommen, was er haben wollte. Zu den Geschäftsleuten hatte er ein gutes Verhältnis. Das war ja auch wichtig, solche Leute zu haben.

Kt.: Aber er ist nicht nur zu den reicheren Leuten gegangen, oder ?

GCH.: Nein, gerade die Leute, die ärmer waren, die Sorgen hatten und Hilfe brauchten, die hat er besucht.

Czys, Jürgen und Werner

geboren 1940 und 1937

wohnhaft zur Zeit des Gespräches in Hbg.-Wilhelmsburg

und in Neu-Wulmstorf

Gespräch am 7. 8. 2007

JCy.: =Jürgen Czys ; WCy.: Werner Czys

Kt. = Ulrich Krieter

Die in Klammern geschriebenen Wörter / Texte ( ... ) sind zum besseren Verständnis des Lesers nachträglich eingefügt. Das Gespräch wurde mittels Diktiergerät aufgezeichnet.

Kt.: Zu Beginn des Gespräches frage ich immer nach den Geburtsjahren.

WCy.: Ich bin 1937 geboren, und zwar im Krankenhaus der Wollkämmerei Wilhelmsburg. Das Krankenhaus ist im Krieg zerstört worden.

Kt.: Vor der Zerstörung war in diesem Krankenhaus Dr. Gebauer als Chefarzt.

WCy.: Das habe ich nicht gewusst. Ich weiß nur, dass Dr. Gebauer später Chefarzt im Krankenhaus „Groß-Sand“ war und dass er außerdem eine Praxis im Haus Bonifatiusstraße 3 hatte.

Kt.: Jürgen, wann sind Sie geboren? JCy.: Ich bin im Januar 1940 geboren.

Kt.: Werner, Sie sind in Wilhelmsburg aufge-wachsen?

Wcy.: Ja, mit einer Unterbrechung von andert-halb Jahren. Vom Mai 1944 bis zum Oktober 1945 war ich nämlich bei meiner Großmutter im Hildesheimer Raum und habe da den Krieg relativ schadlos überstanden. Mein eindrucksvollstes Kriegserlebnis in dieser Zeit war die Bombardierung Hildesheims. In zehn Kilo-meter Entfernung von der Stadt haben wir am Straßenrand gestanden und zugeschaut, wie Hildesheim abgebrannt ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 13: Betreuungskarte für den „Fliegergeschädigten“ Theodor Czys.

Im Oktober 1945 haben mich meine Eltern dann wieder zurückgeholt. Sie waren zwischenzeitlich
ausgebombt.

Der Angriff (der zur Ausbombung unserer Wohnung führte) muss ein oder zwei Tage vor Ostern 1945 erfolgt sein.

Kt.: Am Karsamstag 1945 - das war der 31. 3. 1945 - sind auch die Bonifatiuskirche und das Gemeindehaus von Bomben erheblich getroffen worden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 14 : Nach der Ausbombung in der Rotenhäuserstraße bekam die Familie Czys in der Eichenallee 63 II für drei Personen ein Zimmer mit Küchennutzung zur Untermiete zugewiesen.

Wcy.: Das war wohl der Angriff, von dem auch unsere Wohnung in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Wir haben in der Nähe der Kirche, in der Rotenhäuser Straße, gewohnt.

JCy.: Alle Wohnblocks in der Nähe haben damals etwas abbekommen. Die Endhäuser waren alle vollständig zerstört.

Wcy.: Als ich im Oktober 1945 nach Wilhelmsburg zurück gekommen bin, wohnten meine Eltern in der damaligen Eichenallee - jetzige Peter-Beenck-Straße - in einem Zimmer zur Untermiete. Das waren natürlich für 4 Personen sehr beengte Wohnverhältnisse. Kt.: Waren Sie nicht fünf Personen? Sie haben doch eine Schwester.

Wcy.: Unsere Schwester (Maria Czys) ist erst 1949 geboren. Anfang 1946 sind wir dann in das ziemlich zerstörte Gemeindehaus umgezogen. Im Keller, da wo die ehemaligen Küchenräume gewesen waren, hatten wir anfangs zwei Räume. Später wurden dann noch zwei weitere Räume - ebenfalls im Bereich der ehemaligen Kücheneinrichtungen - ausgebaut. Allerdings konnte man den letzten Raum nicht richtig bewohnen, weil die Wände voller Schimmelpilz waren, und im Winter war Eis an der Wand. Ich glaube, dass dieser Raum auch gar kein Fenster hatte.

JCy.: Doch, ein Fenster war da. Aber der Raum war trotzdem nicht bewohnbar. Die Fenster (unserer Wohnung in der Ruine des Gemeindehauses) waren übrigens allesamt vergittert. Unsere Familie hat also jahrelang „hinter Gittern“ gewohnt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 15 : Am Heiligen Abend 1945 bekam das Ehepaar Czys für sich und ihre beiden damals 6 und 8 Jahre alten Kinder zwei Räume im Haus Bonifatiusstraße 6 (= in der Ruine des Gemeindehauses) zugewiesen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 16: Die Ruine des Gemeindehauses; vor der Ruine stehen Frau Czys und ihre Kinder Maria und Jürgen.

Wcy.: Der Eingang zu unserer Wohnung war ein herausgenommenes Fenster. Zum Eingang führte eine provisorisch eingefügte Treppe, die fünf Stufen hatte. Kt.: Lag dieser Eingang in Richtung Bonifatiusstraße?

JCy.: Nein, in Richtung Schulhof (der Katholischen Schule).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 17: Die Wohnung der Familie Czys und der Eingang zum erhaltenen Saal in der Ruine. Die Ruine ist gegen Regen durch ein notdürftiges Dach abgesichert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 18: Immerhin konnten die Czys-Kinder im Garten der Gemeindeshausruine mit Freunden Indianer spielen.

Kt.: Jürgen, Ihr Bruder hat vom brennenden Hildesheim berichtet. Erinnern Sie auch Kriegserlebnisse? Sie waren damals ja noch ziemlich jung.

JCy.: Nur die wenigen Dinge, die ein so kleiner Junge in Erinnerung behält. Zum Beispiel konnten wir von unserem Fenster (in der Rotenhäuser Straße) aus sehen, wie die Kneipe „Schultes Eck“ abgebrannt ist. Die Kneipe war an der Ecke Georg-Wilhelmstraße - damals Hindenburgstraße - und Rotenhäuser Straße, gegenüber vom Sportplatz. Wenn Alarm (wegen bevorstehender Luftangriffe) gegeben wurde, ist meine Mutter mit mir an der Hand zum Bunker gelaufen. Wenn „Tannenbäume“ am Himmel waren, dann musste ich mich immer auf den Boden legen. Ich wusste gar nicht, warum ich mich hinlegen sollte. Ich fand das doch so „schick“, was da am Himmel passierte. Wir sind aber immer heil zum Bunker gekommen. Da war dann ein ziemliches Gedränge. Wenn die Sprengbomben herunterfielen, dann schaukelte der Bunker ein bisschen. Der Bunker hatte ja keine besonderen Fundamente, sondern war als ein Betonklotz einfach so hingestellt worden.

Kt.: Sie waren im großen Bunker, nicht wahr?

JCy.: Nein, wir waren im kleinen Bunker. Es standen ja zwei Bunker nebeneinander. Der kleinere Bunker ist nach dem Krieg gesprengt und abgetragen worden. Wir sind zum kleinen Bunker gelaufen.

Kt.: Der kleine Bunker war doch der so genannte „Befehlsbunker“, oder?

Wcy.: Nein, da war noch ein dritter Bau. Es war ein relativ kleines Gebäude, in dem wohl die Feuerleittechnik (der Flugabwehr) untergebracht war.

Kt.: Drei Gebäude?

Wcy.: Ja, da war der große Bunker, den man nach dem Krieg erfolglos zu sprengen versucht hat, außerdem waren der kleine Bunker und das Befehlsgebäude da. Dieses dritte Gebäude lag zur Weimarer Straße hin. Es muss wohl auch abgeräumt worden sein, als der kleine Bunker nach dem Krieg erfolgreich gesprengt worden ist. Ich meine, dass man das kleine Gebäude nicht gesprengt, sondern „in Handarbeit“ abgetragen hat.

Kt.: Wann sind eigentlich diese Abräumarbeiten durchgeführt worden?

JCy.: Das muss zur Zeit des Korea-Krieges (1950 - 1953) gewesen sein, denn es hieß damals, dass man das Eisen gut gebrauchen könnte, das in den Bunkern verbaut worden war. Stahl und Eisen brachten zur Zeit des Korea-Krieges gutes Geld!

Wcy.: Also, ich glaube, dass die Abbrucharbeiten vor 1952 geschehen sein müssen. Ich bin nämlich 1952 aus der Schule entlassen worden. Als der Bunker gesprengt wurde, waren wir (wir = Werner Czys und Kinder aus seinem Bekanntenkreis) am Reiherstieg und haben aus der Ferne zugeguckt. Wir haben da gesehen, wie sich der Bunker (bei der Sprengung) zuerst in der Mitte gehoben hat und wie er dann an den Seiten weg gebrochen ist. Im Grunde genommen haben sie den Bunker (bei der Sprengung) gevierteilt. Anschließend wurden die Trümmer „in Handarbeit“ beseitigt. Bei dem Versuch, den großen Bunker zu sprengen, haben wir auch zugeguckt, Aber da sind nur die Türen aufgesprungen und die Sandsäcke herausgeflogen, aber das war es dann auch.

Kt.: Ich selbst bin 1952 nach Wilhelmsburg gekommen. Die Bunkersprengung ist wohl früher erfolgt. Von einem so spektakulären Ereignis hätte ich bestimmt etwas mitbekommen. - Jürgen, gibt es noch mehr Kriegserlebnisse?

JCy.: Nach dem Krieg sind wir „nach Brot gelaufen“. Am Bunker wurde Brot verteilt. Es gab da so einen „Kanten Schwarzbrot“. Trinkwasser mussten wir eimerweise von einer Pumpe holen, die in der Nähe des Gymnasiums war. Da wohnten wir noch in der Rotenhäuser Straße in einem Zimmer von Leuten in der Nachbarschaft, zwei Eingänge entfernt von unserer vorherigen Wohnung. Im April 1945 sind wir dann zur Eichenallee gezogen.

Kt.: Ich wollte gern noch etwas über Ihre beruflichen Laufbahnen hören, das heißt auch etwas von Ihrer Schulzeit.

WCy.: Ich bin 1943 in die Bonifatiusschule eingeschult worden. Das war damals aber keine katholische Schule mehr. Bis Mai 1944 war ich in dieser Schule, und dann bin ich - wie gesagt - „aufs Dorf“ in die Nähe von Hildesheim gekommen. In der Dorfschule wurden in einer Klasse 8 Jahrgänge zugleich unterrichtet! Nachdem ich nach Wilhelmsburg zurückgekommen war, habe ich ein Jahr lang die Schule „Licht, Liebe, Leben“ (am Kurdamm) besucht. Ostern 1946 wurde die katholische Schule ja wieder eröffnet, und dann hatte ich den kürzest denkbaren Schulweg.

Kt.: Das war wirklich ein Vorteil (im alten Gemeindehaus zu wohnen), weil man zur Schule nur über den Schulhof zu gehen hatte.

WCy.: Von der vierten Klasse ab war ich also in der Bonifatiusschule. 1952 bin ich aus der Schule entlassen worden und habe dann eine Lehre als Maschinenschlosser absolviert.

Kt.: Welche Lehrer hatten Sie an der Bonifatiusschule?

WCy.: Mein Klassenlehrer war alle Jahre Heinrich Dormeier. Englisch hatten wir bei Frl. Even und Frl. Heidenreich. Werken hat Herr Adamczyk gegeben. Vertretungsweise hatten wir auch ´mal den Rektor Rohde und später Rektor Nolte.

Kt.: Jürgen, wie war es bei Ihnen mit der Schule?

Abb.19: Vorderseite des Erinnerungsbildchens an die Einkehrwoche der „Jünglinge und Jungmänner“ der St. Bonifatiusgemeinde im Jahre 1927

JCy.: Relativ einfach. Als 1946 die katholische Schule aufgemacht worden war, bin ich dort gleich eingeschult worden. 1955 bin ich dann entlassen worden. Die ersten vier Jahre hatte ich als Lehrerin Frl. Rahlfs.

Die wohnte damals Birkenweg 8, also in der direkten Nachbarschaft. Die nächsten zwei Jahre hatte ich Dr. Rada. Die letzten drei Jahre hatten wir Erich Matussek. Der war damals gerade neu an die Schule gekommen. Nach der Schule habe ich eine Lehre als Betriebsschlosser absolviert. Auf zwei Stellen habe ich kurze Zeit als Geselle gearbeitet. Dann bin von Juli 1961 bis Dezember 1962 bei der Bundeswehr gewesen. Anschließend bin ich bei (der Firma) Merkel als Betriebsschlosser angefangen. Da war ich dann bis zum März 1971. Danach bin ich anderthalb Jahre lang zur Technikerschule gegangen und habe dann - wieder bei Merkel - im Konstruktionsbüro gearbeitet. Da war ich bis 2003 tätig.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 20: Rückseite des Erinnerungsbildchens ; Liste der Teilnehmer an der Einkehrwoche für „Jünglinge und Jungmänner“ der Bonifatiusgemeinde im Jahre 1927"

Kt.: Jetzt wäre es sinnvoll, über Ihre Eltern zu sprechen.

WCy.: Mein Vater, Theodor Czys, stammt aus Oberschlesien. Er ist 1903 geboren. 1925 ist er nach Wilhelmsburg gekommen. Und unsere Mutter stammt aus dem Hildesheimer Raum und war um einige Jahre jünger als unser Vater. Sie hat bei den Schwestern im Wilhelmsburger Gemeindehaus vom 1. 12. 1931 bis zum 1. 12. 1932 eine einjährige Ausbildung als Köchin absolviert. Dort hat sie also gearbeitet, und dort haben sich meine Eltern kennen gelernt. Damals gab es ja sehr viele Arbeitslose, und im Gemeindehaus wurde - ich sag das `mal so - eine „Armenverpflegung“ ausgegeben. Mein Vater ist da wohl hingegangen.

Kt..: Sind Ihre Eltern in der Bonifatiusgemeinde aktiv gewesen?

WCy.: Vater hat sich aktiv am religiösen Leben der Gemeinde beteiligt. Ich habe da ein Erinnerungsbildchen an eine „Einkehrwoche“ mitgebracht. Diese „Einkehrwoche“ für Männer der Gemeinde hat im Jahre 1927 vom 5. bis zum 11. Dezember stattgefunden. Auf der Rückseite des Erinnerungsbildchens sind alle Teilnehmer des Einkehrtages verzeichnet. Unser Vater ist dabei.

JCy.: Unser Vater war ja auch ein ziemlich aktives Mitglied der Kolpingfamilie.

Und unsere Mutter war Mitglied im Elisabethverein. Da hat sie fleißig mitgewirkt. Als unsere Mutter Rentnerin war, hat sie - wohl in Eigeninitiative -zusammen mit drei anderen Frauen regelmäßig Besuche bei den alten Leuten im Altenheim am Reinstorfweg, gemacht, etwa 15 Jahre lang. Die anderen Frauen hießen Celmer, Furmanek und Waschkowski.

WCy.: Dadurch, dass wir im (größtenteils zerstörten) Gemeindehaus wohnten, hat unser Vater auch die „Hausverwaltung“ dort übernommen. Es war (in der Ruine) noch ein Saal brauchbar geblieben. Der wurde dann von der Gemeinde intensiv genutzt, und es ergaben sich für unseren Vater die entsprechenden Arbeiten wie Auf- und Abschließen, Reinigung des Saales, das Anheizen des Ofens im Saal, Getränkeverkauf, Grundstückspflege und so weiter.

JCy.: Ich weiß noch, dass Vater einmal ein kleines Problem mit den beiden Nonnen hatte, die kurz nach dem Krieg in der „Alten Schule“ wohnten. Vater hatte wohl am Samstag nicht gearbeitet, dafür aber am Sonntag. Er hatte wohl am Sonntag den Hof vor der Ruine des Gemeindehauses gefegt oder so etwas Ähnliches gemacht. Die Nonnen meinten, dass er mit seiner Arbeit den Sonntag „schänden“ würde. Vater hat Ihnen dann geantwortet: „Es steht in der Bibel geschrieben: Gedenke, dass du den Sabbat (= Samstag) heiligest!“ Die eine Nonne - es war wohl Schwester Loyola - hat ihn dann gefragt: „Ja, ist Er denn ein Jude?“

Kt.: Eine lustige Geschichte! Die beiden Nonnen waren ja nach dem Krieg allein von dem Nonnenkonvent übrig geblieben, der vor dem Krieg im Gemeindehaus gelebt hatte. (1933 wohnten sieben Nonnen im Gemeindehaus) Die Nonnen gehörten zum Orden „Barmherzige Schwestern des Heiligen Vinzenz von Paul“. Die letzten beiden sind von ihrem Orden dann aber auch bald aus Wilhelmsburg abgezogen worden. (nach 1948)

WCy.: Richtig, die Nonnen, die ab 1950 im Krankenhaus „Groß-Sand“ gearbeitet haben, gehörten zu einem anderen Orden. (zum Orden der Heiligen Katharina von Alexandria)

Kt.: Das stimmt. Aber zurück zu Ihrem Vater! Wie kam es eigentlich, dass Ihr Vater die Wohnung im zerstörten Gemeindehaus und die Hausverwaltung dort übernehmen konnte?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ab. 21: Theodor Rademacher, von 1946 bis 1949 Kaplan in St. Bonifatius, unterzeichnet als Präses gemeinsam mit dem damaligen Senior (der Name ist unleserlich) diesen Ehrenbrief der Kolpingfamilie.

JCy.: Den genauen Hintergrund kennen wir nicht. Vermutlich war die Zugehörigkeit zur Kolpingfamilie die Ursache. Beide Eltern waren ja mit der Gemeinde verbunden und dem Pfarrer gut bekannt. Vater hat wohl mit Pfarrer Krieter gesprochen. Die Wohnsituation in der Eichenallee war für unsere Familie wirklich nicht sehr erbaulich. Von daher war der Umzug in das zerstörte Gemeindehaus für uns eine deutliche Verbesserung, auch für uns Kinder! Nachdem wir dort eingezogen waren, haben wir unsere Mutter gefragt: „Dürfen wir jetzt auch wieder Krach machen?“ Und dann haben wir erst einmal ordentlich geschrieen und getrampelt.

Kt.: Welchen Beruf hatte Ihr Vater eigentlich?

WCy.: Er war Maschinenschlosser. Solange Vater Arbeit hatte, hat er die Arbeit im Gemeindehaus nebenberuflich gemacht.

Als wir größer waren, haben wir Söhne ihm bei den Arbeiten im Gemeindehaus geholfen. Es gab da schon viel zu tun. Vater war hauptberuflich bei einer Werft - Wilhelm Bauer - tätig. Irgendwann ist die Werft dann pleitegegangen, und Vater war eine Zeit lang arbeitslos. Da hat er natürlich mehr im Gemeindehaus und auch im Garten des Gemeindehauses gemacht.

JCy.: Im Mai 1953 bekam Vater dann aber wieder Arbeit (in seinem erlernten Beruf). Und dann wurde ihm die Arbeit im Gemeindehaus zu viel. 1957 sind wir aus dem Gemeindehaus ausgezogen.

Kt.: Da war das neue Gemeindehaus aber schon fertig. (Einweihung am 26. 2. 1956)

WCy.: Richtig! Eine kurze Zeit nach der Einweihung haben wir noch im neuen Gemeindehaus gewohnt. Da war ja unten eine Wohnung. Heute ist darin die Kleiderkammer. Im Februar 1957 sind wir zur Georg-Wilhelm-Straße gezogen.

Kt.: Ihr Vater hat die Hausmeistertätigkeit im neuen Gemeindehaus also nebenberuflich nicht schaffen können?

JCy.: Richtig, das war nicht mehr zu schaffen. Es war so, dass im neuen Gemeindehaus auch Schulbetrieb war. Die Katholische Schule hatte im Gemeindehaus vier Klassenräume in Benutzung und dazu den Saal für den Turnunterricht und unten die Küche. Auch die Heizung musste bedient werden. Es war ja eine Koksheizung installiert. Im Jahre 1957 war unser Vater 54 Jahre alt. Das war zu viel Arbeit!

Kt.: Gibt es noch eine andere Erinnerung über die Beziehung Ihrer Eltern zur Bonifatiusgemeinde?

JCy.: Ich erinnere mich, wie meine Mutter und ich nach dem Krieg neben der Kirche „Steine geklopft“ haben. Das Seitenschiff der Kirche war ja zerstört. Meine Mutter ist hingegangen und hat geholfen, die noch brauchbaren Steine vom Mörtel frei zu machen. Die sollten zum Wiederaufbau verwendet werden. Ich bin mitgegangen und hatte ein kleines Hämmerchen. Ich musste ja irgendwo bleiben. Alleine zu Hause konnte ich nicht sein. So habe ich eben mit meinem Hämmerchen „gepickert“ und so beim „Steineklopfen“ der Erwachsenen geholfen. Viel geschafft habe ich sicherlich nicht.

Kt.: 1948 ist auch das kleine Kolpingheim neben dem Gemeindehaus gebaut worden, nicht wahr?

JCy.: Ja, daran erinnere ich mich gut. Das haben die Kolpingbrüder in Eigenhilfe erbaut.

Kt.: Zum Bau des Kolpingheimes sollen auch Steine aus der Ruine des Gemeindehauses „geklopft“ worden sein.

JCy.: Das kann gut sein, denn da lagen ja genug Steine herum.

Kt.: Wir sind jetzt schon bei Ihren persönlichen Beziehungen zur Gemeinde. Sie waren Messdiener, nicht wahr?

WCy.: Ja, ich bin 1946 zur Erstkommunion gegangen und anschließend war ich Ministrant. Mir ist ein Erlebnis als „Jungmessdiener“ in Erinnerung. Bei einer Messe war ich der einzige anwesende Messdiener. Das Problem war, dass ich das „Suscipiat“ (lateinisches Messgebet, das der Messdiener zu sprechen hat) noch nicht gelernt hatte. Ich habe dann den Anfang gemurmelt, aber dann hat der Dechant für mich das „Suscipiat“ laut und deutlich gesprochen. Danach habe ich mir vorgenommen: „Nun musst du das „Suscipiat“ wohl doch einmal richtig und endgültig lernen.“

Kt.: Jürgen Sie waren auch Messdiener?

JCy.: Ja, ich bin 1948 zur Erstkommunion gegangen und bin dann auch Messdiener geworden. 1955, als ich aus der Schule entlassen wurde, bin ich ausgeschieden.

Kt.: Gab es noch andere Kontakte zum Gemeindeleben, abgesehen vom Ministrantendienst?

WCy.: Ja, Jochen Ernst und Wolfram Trojok haben sich eine Zeit lang sehr um die Jugendarbeit bemüht. Sie sind dann aber ins Priesterseminar gegangen, und dann verflachte die Jugendarbeit, jedenfalls für meinen Jahrgang.

JCy.: Ich war auch eine kurze Zeit in einer Jugendgruppe. Die ist dann aber auch eingegangen. Später habe ich einen Anlauf genommen, bei Kolping einzusteigen. Die Kolpingfamilie hatte aber zu diesem Zeitpunkt wohl gerade eine schwache Zeit. So ist es mit meiner Mitgliedschaft bei Kolping nichts geworden.

Kt.: In den Jahren 1948 bis 1959 - zu Zeiten des Rektors Nolte - war die Kolpingfamilie wohl recht aktiv.

WCy.: Richtig, die Kolpingbrüder haben das neue Gemeindehaus nicht so intensiv genutzt (wie andere Gruppen der Gemeinde), weil sie ja im Kolpingheim ihre eigene Bleibe hatten. Ich erinnere mich daran, dass im Kolpingheim regelmäßig Veranstaltungen waren, die gut besucht wurden.

Kt.: An welche Gemeindefeste erinnern Sie sich?

JCy.: Ich erinnere mich an die Fahnen, die von den polnischen Vereinen - Hedwigverein und Josefverein - bei der Fronleichnamprozession mitgeführt wurden.

Kt.: Nach dem Kriege noch? Das ist interessant.

JCy.: Ja, noch nach dem Krieg waren die aktiv. Zu Fronleichnam traten sie mit ihren Fahnen auf. Die Fahnen waren rechteckig und an einer Querstange befestigt. Es waren keine Banner.

WCy.: Weltlich wurde Fronleichnam nachmittags im „Schützenhof Witt“ in Stillhorn gefeiert, solange das neue Gemeindehaus noch nicht gebaut war.

Kt.: Sollten wir noch irgendetwas Anderes ansprechen? Nein? Dann beenden wir jetzt unser Gespräch. Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, nach Harburg zu kommen und mit mir so ausführlich über die vergangenen Zeiten zu sprechen.

Diedrich, Rudi,

geboren im Jahre 1921

zur Zeit des Gespräches wohnhaft in Hilkerode

Gespräch am 31. 3. 2004

Di. = Herr Diedrich Kt. = Ulrich Krieter

Die in Klammern geschriebenen Wörter / Texte ( ... ) sind zum besseren Verständnis des Lesers nachträglich eingefügt. Das Gespräch wurde mittels Diktiergerät aufgezeichnet.

Kt.: Herr Diedrich, wissen Sie etwas über das Geburtshaus von K.-A. Krieter?

Di.: Die erste Bäckerei in Hilkerode war die Bäckerei der Familie Andreas Krieter, die auch schon einen Kolonialwarenladen betrieb. Sie lag an der Straßenkreuzung Hilkeröder Straße / Im Ellertal und Pfingstanger. Das alte Haus, das vor dem Kriege (1. Weltkrieg) abbrannte, stand weiter abseits von der Straße. Dort befand sich auch das Backhaus. Dieses alte Haus haben nicht die Krieters selbst gebaut. Sie haben es von einem Handelsmann namens Ballhausen gekauft, der nach Mecklenburg-Schwerin „ausgewandert“ ist, wahrscheinlich nach Ludwigslust. Das Grundstück, auf dem die hinteren Gebäude des Gasthauses „Wiener Hof“ - Stallungen und Nebengebäude - standen, war Eigentum der Familie Krieter gewesen. Das neue, heute noch stehende Haus wurde im Jahre 1908 unmittelbar an der Straße gebaut. Ich habe auch die Feuerwehrchronik von Hilkerode geschrieben. Da habe ich diesen Brand auch erwähnt. Das wäre das, was ich von dem Haus weiß.

Kt.: Wann hat die Familie Krieter die Bäckerei aufgegeben?

Di.: Otto Krieter, der Bruder von Pastor Krieter, hat noch Bäcker gelernt. Er hat es dann aber aufgegeben und sich mehr der Landwirtschaft gewidmet. Er hatte aber neben dem Kaufmannsladen auch noch einen Kohlenhandel. Sein Sohn - Karl-Otto Krieter, der im Kriege (2.Weltkrieg) geblieben ist - hat schon mit zwei Pferden Landwirtschaft betrieben. Er ist eine kurze Zeit lang auf dem Gymnasium gewesen. Das hat ihm aber wohl nicht behagt. Ich bin beim Fußballspielen immer mit ihm zusammen gewesen, obwohl der Altersunterschied sehr groß war. Er war ein lustiger Vogel und hat mich immer gern aufgezogen. „Szepan“ hat er mich immer genannt.

Kt.: Was wissen Sie sonst noch bezüglich Karl-Andreas Krieter?

Di.: Ich bin Jahrgang 1921, bin also im Jahre 1928 in die Schule gekommen. So weit ich mich erinnere, kam der Pastor Krieter in der schweren Zeit der Arbeitslosigkeit, noch vor der Nazi-Zeit, jedes Jahr einmal nach Hilkerode. Er bekam dann wohl auch eine Kollekte. Mein Vater hat gesagt: „ Ha bruket wedder Jeeld.“ Die Kollekte war dann wahrscheinlich auch nicht schlecht. Pastor Krieter predigte nämlich immer über „die 7 Werke der Barmherzigkeit“. Das war seine Standardpredigt. Durch Pastor Krieter sind mir „die 7 Werke der Barmherzigkeit“ bekannt geworden. Ich war mit Leib und Seele Messdiener und habe oft bei ihm die Messe gedient. Damals war Karl Voss hier in Hilkerode Pfarrer. Die beiden, Pfarrer Voss und Pastor Krieter, müssen sich gut gekannt und wohl auch gemocht haben. Verglichen mit Pfarrer Voss kam mir Karl-Andreas Krieter sehr „trocken“, sehr „sachlich“ vor. Er sprach auch ziemlich eintönig. Natürlich sind das alles kindliche Erinnerungen aus lange vergangener Zeit.

Kt.: Charakterisieren Sie bitte einmal den Pfarrer Voss?

Di.: Pfarrer Karl Voss hat als Seelsorger in Hilkerode sehr große Verdienste, insbesondere für „die liturgische Bewegung“. Karl Voß hat dafür gesorgt, dass man in Hilkerode von der alten Form der „stillen Messfeier“ abgekommen ist, die vom Geistlichen lateinisch gehalten wurde, während die Gläubigen still den Rosenkranz beteten. Er hat die Gemeinschaftsmesse[1] und den „Schott“ - ein Messbuch für die Hand der Gläubigen, mit deutscher Übersetzung der lateinischen Messtexte - in Hilkerode eingeführt. So war Hilkerode - das haben wir als Kinder schon empfunden - in dieser Beziehung den Nachbardörfern Rhumspringe und Rüdershausen weit voraus. Bei uns wurden in diesen Gemeinschaftsmessen die „Wandlungsworte“ schon laut auf Deutsch gesprochen - während der Geistliche sie leise lateinisch betete. Meistens war es ein Mädchen, das als Vorbeterin fungieren durfte. Die Mädchen hatten eine bessere Stimme und eine bessere Aussprache als die Jungen. Die sprachen dann laut während der Wandlung: „ Am Abend vor seinem Leiden nahm er Brot in seine heiligen und ehrwürdigen Hände ...“. Sie sehen daran, wie modern der Pfarrer Voß schon gewesen ist. Pfarrer Voß rief zur damaligen Zeit auch die so genannten „Standessonntage“ - für Kinder, Jugendliche, Männer und Frauen - ins Leben. Er war vorher im Konvikt in Duderstadt tätig und dort als Lehrer für die Schüler zuständig. Vermutlich ist er nach dem 1. Weltkrieg ans Konvikt gekommen. Das müsste man in den Unterlagen des Konvikts überprüfen. Von 1927 bis 1936 hat er hier in Hilkerode gewirkt.

Kt.: Vor Pfarrer Voss war in Hilkerode Pfarrer Ring tätig, nicht wahr?

Di.: Ja, der Geistliche in Hilkerode zur Jugendzeit von K.-A. Krieter war Pfarrer Ring. Er war zunächst Kaplan, aber nur für Hilkerode zuständig. Damals wohnte er wohl noch in Rhumspringe. Dann ist er der erste Pfarrer hier in Hilkerode geworden und bis 1927 Pfarrer in Hilkerode geblieben. Pfarrer Ring war sehr beliebt. Da K.- A. Krieter hier in Hilkerode zur Volksschule gegangen ist, hat er Pfarrer Ring als seinen ersten Pfarrer erlebt. Pfarrer Ring hat dem Karl-Andreas Krieter wahrscheinlich auch - wie das damals so üblich war- zusammen mit dem damaligen Hauptlehrer der Schule, Georg Muth, ersten Lateinunterricht gegeben. Das war früher so üblich! Hilkerode hat ja sehr viele Geistliche hervorgebracht. Der Hauptlehrer suchte die begabten Jungen heraus und - gemeinsam mit dem Pfarrer - förderte er diese Jungen nachmittags. Das war sogar bei mir noch so! Mein Hauptlehrer – Rittmeyer - konnte sogar selbst Latein! Wir hatten morgens den Volksschulunterricht und nach dem Mittagessen - gegen ein oder zwei Uhr - sind wir dann wieder angetreten zum Lateinunterricht.

Kt.: Nach der Volksschule hat Karl-Andreas Krieter in Duderstadt das Gymnasium besucht. Wahrscheinlich hat er in dieser Zeit auch in Duderstadt gewohnt, denn es gab damals ja noch keine öffentlichen Verkehrsmittel nach Duderstadt, und zu Fuß war der Weg nicht täglich zu schaffen.

Di.: Ich kenne etliche Jungen aus Hilkerode, die in Duderstadt im Konvikt gelebt haben. Vermutlich hat auch Pastor Krieter während der Gymnasialzeit im Konvikt gelebt. Fahrräder sind in Hilkerode erst nach dem 1. Weltkrieg aufgekommen. Seit dieser Zeit sind die meisten Schüler aus Hilkerode nach Duderstadt mit dem Fahrrad gefahren.

Kt.: Karl-Andreas Krieter hat schon 1910 das Abitur gemacht. „Konvikt“ ist ja auch nicht gleich „Progymnasium“. Karl- Andreas Krieter hat zunächst das Progymnasium in Duderstadt besucht.

Di.: Es gibt ja eine Chronik des Gymnasiums Duderstadt, die meine Kollegin Bormann geschrieben hat. Die müssten Sie sich besorgen. (Irene Bormann, Keine Schule wie jede andere, Geschichte des Staatlichen Gymnasiums in Duderstadt 1876- 2001, Duderstadt, 2001)

Kt.: Das werde ich tun. Zunächst bleibt aber die Frage, wo er in Duderstadt gewohnt hat und wer die Kosten getragen hat. Die Familie Krieter selbst war eigentlich nicht vermögend genug. Meine Cousinen Hedwig und Marianne meinen gehört zu haben, dass Pfarrer Ring den Karl- Andreas Krieter unterstützt habe.

Di.: Das weiß ich nicht. Zu Pfarrer Ring möchte ich noch sagen, dass er in seinen letzten Jahren krank gewesen ist und durch einen Kaplan vertreten wurde. Das habe ich selbst als ganz kleiner Junge erlebt.

Kt.: Können Sie noch einmal eine Aussage zu ihrem persönlichen Eindruck von Pfarrer Karl-Andreas Krieter machen?

Di.: In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, als ich hier in Hilkerode Gelegenheit hatte, mit ihm ein wenig zu sprechen, erschien er mir als ein Mann, der wusste, was er wollte. Er wirkte auf mich sehr zielbestimmt, sehr agil, sehr praktisch orientiert. Dieser Eindruck passt ja auch zu der Tatsache, von der ich gehört habe, dass er in Harburg-Wilhelmsburg etliche Häuser gebaut hat. Hier in Hilkerode hat er ja auch sein „Ruhestandshaus“ gebaut. Er ist einmal an mich herangetreten, als wir hier im Holztal noch keine feste Straße, sondern nur Feldwege hatten, und hat zu mir gesagt: „Mensch, Diedrich, hier muss doch `mal eine richtige Straße her!“ Damals standen aber hier noch ganz wenige Häuser. Er ist diesbezüglich wohl auch an die Gemeinde herangetreten.

Kt.: Haben Sie zu Karl-Andreas Krieter weiteren Kontakt gehabt, als er in Hilkerode im Ruhestand lebte?

Di.: Eigentlich nicht. Wenn man sich zufällig traf, aber sonst eigentlich nicht.

Kt.: Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Ernst, Joachim
Pfarrer im Ruhestand

geboren 1922

wohnhaft zur Zeit des Gespräches in Duderstadt

Gespräch am 1. 4. 2004

Pf. E. = Herr Pfarrer Ernst Kt. = Ulrich Krieter

Die in Klammern geschriebenen Wörter / Texte ( ... ) sind zum besseren Verständnis des Lesers nachträglich eingefügt. Das Gespräch wurde mittels Diktiergerät aufgezeichnet.

Pf. E.: Das Einzige, das mir aus meiner Zeit vor Beginn des Krieges, vor meiner Einberufung (zum Militärdienst), aus meiner Zeit in Wilhelmsburg in Erinnerung geblieben ist, ist das neue Gemälde in der Kirche (auf der Wand hinter dem Hochaltar, das Pfarrer Krieter 1938 / 1939 malen ließ). Dieses Gemälde hat uns imponiert und hat uns wirklich etwas gegeben. Diese nordischen Figuren, der blonde Ansgar!

Kt.: In der Pfarrchronik findet sich übrigens eine schriftliche Erläuterung des Gemäldes, die von Pfarrer Krieter für die Gemeinde selbst verfasst worden ist.

Pf.E.: Ach ja? Das ist ja interessant.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 22: Das Gemälde auf der Wand hinter dem Hochaltar der St. Bonifatiuskirche; fertig gestellt im Jahre 1939

Pf.E.: Etwas fällt mir doch noch ein. Es war vor meiner Einberufung zum Militär! Pfarrer Krieter hat - wie das damals wohl so üblich war - Patres besorgt, die für alle, die eingezogen werden sollten, „Besinnungstage“ machten. Das war ihm ein wirkliches seelsorgliches Anliegen. Aber diese Ausmalung und die Renovation der Kirche im Jahre 1939, das war wohl etwas, was ihm mehr lag. Das ist mir später so klar geworden. Später beim Wiederaufbau der Kirche, bei der Beseitigung der Kriegsschäden (am Gebäude) der „Alten Schule“, der Krankenhausbau und alle diese Dinge, da hat er viel investiert an Zeit und Überlegung und guten Willen, und von daher verstehe ich auch, dass er für Manches dann nicht mehr die Kraft hatte.

Zum Beispiel hat er uns Gymnasiasten ja auch Religionsunterricht gegeben, weil wir an staatlichen Schulen keinen Religionsunterricht mehr hatten. Wir wurden von ihm einmal in der Woche - abends - zum Religionsunterricht eingeladen; zum Privatunterricht also, für meinen Bruder und mich und für die spätere Oberstudienrätin Walburga Rohde. Er saß dann in seinem Arbeitszimmer im Sessel und mehrmals ist er dann eingeschlafen. Der Religionsunterricht war so schlecht - das habe ich so in Erinnerung und das war für mein Leben damals auch so -, dass er sich diesen Unterricht wirklich hätte schenken können. Er benutzte ein Buch von einem Jesuiten namens „Klug“, das damals hoch gepriesen wurde. Es hieß „Glaubenslehre“. Das Buch war eigentlich damals schon völlig überholt, zum Beispiel was das Thema `Gottesbeweise´ anging. Eigentlich war das Buch untragbar. Aber Pfarrer Krieter lebte darin und pries das Buch immer wieder. Doch das Einzige, was bei diesen Abenden herauskam, war, dass wir zum Unterricht kamen, das Buch aufgeschlagen und gelesen haben, und dass er - sehr oft! - dabei eingeschlafen ist. Es gab also kein Gespräch oder so etwas, in keiner Weise! Wenn ich von zu Hause her nicht religiös gefestigt gewesen wäre, hätte dieser Unterricht überhaupt nichts gebracht. Damals haben wir uns mokiert und gesagt: `Was soll das, dass wir hierher kommen? Lesen können wir auch zu Hause´! Aber heutzutage sage ich mir, nachdem ich selbst diese Jahre der Müdigkeit durchlebt habe, dass ihm eigentlich gar nichts anderes möglich war. Er hatte so viel um die Ohren! Er war ja auch - die ganze Kriegszeit über - immer in der Gemeinde präsent. Ich verstehe nicht, wie er das physisch und psychisch durchhalten konnte.

Kt.: Wann war dieser Religionsunterricht ungefähr, in welchen Jahren?

Pf.E.: Das war schon in der Kriegszeit, in der Zeit, bevor ich eingezogen wurde. Der Unterricht hat dann aufgehört, als ich eingezogen wurde, zum Luftschutzdienst usw. Also, als der Religionsunterricht aufhörte, war das für ihn eine Befreiung und für uns auch.

Kt.: Wie alt waren Sie zu diesem Zeitpunkt?

Pf.E. : Ja, so 16, 17 Jahre alt.

Kt.: Der Religionsunterricht fand also abends im Pfarrhaus statt?

Pf.E.: Ja, abends, in seinem Arbeitszimmer. Er saß dann in seinem Sessel und - wie gesagt - mehrfach ist er dann eingeschlafen.

Kt.: So ganz jung war er zu dieser Zeit ja auch nicht mehr. (Pfarrer Krieter ist 1890 geboren.)

Pf.E.: Ja, sicher, damals haben wir uns zwar mokiert und gesagt: „Was soll das, dass wir hierher kommen? Lesen können wir auch zu Hause!“, aber heutzutage sage ich mir, nachdem ich selbst diese Jahre der Müdigkeit durchlebt habe, dass ihm eigentlich gar nichts anderes möglich war.

Kt.: Mich wundert ja, dass er diesen Unterricht nicht an einen Kaplan delegiert hat.

Pf.E.: Das stimmt. Tatsächlich hatte der Kaplan Wosnitza, der lange Zeit in der Gemeinde und für die Polen zuständig war, jahrelang auch uns den Religionsunterricht gegeben. Aber der kam dann ja weg und musste die Gemeinde und Kirche in Salzgitter aufbauen. Danach hat dann der Dechant den Unterricht übernommen. Das war eine Sache, die später immer wieder geschehen ist. Er ist immer eingesprungen! Er war immer sofort da! Ich weiß noch wie es war, als Karl-Heinz Schulz Primiz hatte. Das war natürlich viel, viel später. (1956) Da hatte er einen Festprediger besorgt. Aber der kam nicht. Da hat der Dechant einfach gesagt: „Na, dann mache ich die Ansprache.“ Der war sofort bereit und machte das alles. Das war dann zwar nichts Besonderes, nicht alle Welt, was dabei herauskam, aber immerhin!

Kt.: Der große Prediger war er, glaube ich, sowieso nicht.

Pf.E. : Ja, ja.- Also, das ist das, was ich so noch erinnere. Übrigens, damals lebte mein Vater ja noch. Der arbeitete zusammen mit Herrn Rohde, der später Rektor geworden ist, an der Lernbehindertenschule, heute würde man sagen „Sonderschule“. (Die katholische Schule Bonifatiusstraße hatte eine - ebenfalls katholische - Abteilung für lernbehinderte Kinder.) Diese Abteilung der katholischen Schule war dann nach Harburg verlegt worden. Dann musste Vater mit den Kindern zur Kinderlandverschickung, und das alles, diese Sorgen, hat der Dechant menschlich verfolgt, im Auge gehabt. Von daher ist die Verbindung unserer Familie zu ihm da gewesen, wie zu seinem Vorgänger auch, zu Pfarrer Schmidts. Die Verbindung zu Pfarrer Schmidts war sogar noch stärker. Meine Mutter kannte den Pfarrer Schmidts von zu Hause. Unsere Familie war zu der Zeit von Pfarrer Schmidts im Pfarrhaus sozusagen zu Hause. Das war bei Krieter nicht mehr so. Aber das war natürlich kein Problem.

Allein vom Beruf meines Vaters her ergab sich ja die Verbindung auch zu Pfarrer Krieter. Und später hat der Dechant einmal zu mir gesagt: „Also, wenn dein Vater noch lebte, dann müsste er die Rektorstelle übernehmen.“ Herr Rohde ist dann der Rektor geworden, weil der als Einziger von der alten Lehrergarde den Krieg überlebt hatte. Ja, - das ist dann das große Verdienst von Krieter nach dem Krieg, oder auch während des Krieges, der Aufbau, die Reparaturen der Bombenschäden.

Kt.: Können wir gleich auf dieses Thema zurückkommen? - Der Lehrer Rohde und ihr Vater haben also einen Teil der katholischen Schule - auch räumlich - mit der Sonderschulgruppe eingenommen?

Pf. E.: Ja, da war hinter der Schule ein Barackenbau mit zwei Räumen. In dem einen war Herr Rohde, in dem anderen mein Vater. Da waren die zusammen. Und durch die Nazis wurde die Behindertengruppe, glaube ich, aufgelöst. (Die Harburger Anzeigen und Nachrichten berichteten am 18. November 1933: „Weitere beachtenswerte Einsparungen traten durch die Auflösung der katholischen Hilfsschule in Wilhelmsburg ein.“) Und dann wurde die ganze Sonderschule nach Harburg verlegt. Wohin genau, das habe ich nicht so verfolgt. Darüber haben wir zu Hause auch nicht gesprochen. Das war einfach so, und wir haben uns gefügt. Die gesamte katholische Schule ist dann ja 1939 aufgehoben worden. Nach dem Krieg wurde die katholische Schule nach einer großen Unterschriftenaktion, die der Dechant bei den Eltern durchgeführt hatte, wieder aufgemacht, und Herr Rohde wurde erster Rektor.

Kt.. Nach dem Herrn Rohde wurde dann Andreas Nolte aus Hilkerode Rektor der Bonifatiusschule.

Pf.E.: Ja, das war ein guter Griff, den der Dechant da getan hat. Zum Rektor Nolte hatte ich persönlich eine sehr gute Beziehung. Ich habe ihn nach dem Krieg kennen gelernt. Ich kannte seine Kinder gut, von den Jugendgruppen her. Dann war da auch noch Karla Pachowiak. Wir alle waren wie ein Pott und ein Deckel. Und Rektor Nolte war auch Organist.

In dieser Zeit habe ich es als Manko des Dechanten empfunden, dass er für liturgische Dinge so gar kein Gespür hatte. Das war damals die Zeit, als ich aus der Kriegsgefangenschaft gekommen war und zunächst noch gar nicht so recht wusste, was ich beruflich machen wollte, und als mir dann so allmählich Theologie und Priestertum als Berufsziel klar wurden. Also, in dieser Zeit habe ich sein fehlendes Gespür für die Liturgie als Mangel empfunden. Ich weiß noch, wir hatten damals den Kaplan Rademacher, der aus Köln kam. Das war natürlich ein ganz anderer Typ. Mit dem war ich dann eng zusammen, in der Jugendgruppe, und vom Alter her sowieso. Ich weiß noch, wie der mir einmal entsetzt sagte - es war so um die Jahreszeit wie jetzt: „Mein Gott, da macht der Pastor Krieter doch tatsächlich am Gründonnerstag vormittags eine Trauung!“ Als der Kaplan das so entsetzt sagte, fand ich das damals gar nicht so problematisch. Aber später ist mir das klar geworden, dass in der Karwoche, wenn man sie richtig versteht, die Durchführung einer Trauung im Grunde genommen unmöglich ist.

Kt: Das verstehe ich allerdings nicht, warum das unmöglich sein soll.

Pf. E.: Aber man kann in der Karwoche doch keine Trauung machen! Am Gründonnerstag, Karfreitag schon gar nicht! Karsamstag auch nicht! Da sind nur die Hauptgottesdienste der Gemeinde möglich!

Kt.: Na, aber es wird ja keine großartige Trauungsfeierlichkeit gewesen sein, oder?

Pf. E.: Richtig, es war schon so eine stille Trauung, die zwischendurch eingeschoben wurde. Erst hinterher habe ich mir gesagt. „Mein Gott, das geht doch nicht!“

Kt.: Also ehrlich gesagt, ich verstehe diese Bedenken nicht.

Pf.: Nein?

Kt.: Warum soll das nicht möglich sein?

Pf. E.: Es ist eine liturgische Frage. Genauso ist es unmöglich, an einem Sonntag ein schwarzes Amt als Sterbeamt zu halten und anschließend die Beerdigung zu machen.

Das passt einfach nicht zusammen! Liturgisch nicht! Karfreitag, am Todestag Christi, wo nicht einmal eine Messe gefeiert wird, kann man keine Trauung machen! Das ist natürlich auch eine Verständnisfrage, nicht wahr, wie man die Karwoche und das Kirchenjahr einschätzt.

Kt.: Gut, dann war das ein Verstoß gegen die Liturgie. Wie war es aber ansonsten mit seiner Offenheit für neue liturgische Formen? Er selbst hat in der Chronik von St. Bonifatius geschrieben, dass er den Kaplänen sehr viel Freiheit gelassen und deren Anregungen übernommen hat.

Pf. E.: Ja, das wollte ich nun auch sagen. Ich habe mich, als ich aus der Gefangenschaft gekommen war, in der Gemeinde sehr stark engagiert, auch in Tagen vor dem Osterfest. Da hat er durchaus mitgemacht, am Karsamstag, oder am Karfreitag, wenn wir mit verteilten Rollen die Passion gelesen haben. Ich hatte eine Jugendgruppe, die machte gut mit. Der Trojok, der spätere Dechant von Braunschweig, der so plötzlich gestorben ist, war dabei. Alles, was wir gemacht haben, hat Dechant Krieter toleriert. Auch die so genannten Gemeinschaftsmessen, die im Kriege schon üblich waren, in denen vorgebetet wurde, all dies hat er durchaus aufgenommen, durchaus!

Kt.: Ich glaube schon, dass Dechant Krieter konservativ gewesen ist. Ich finde es aber anerkennenswert, dass er das Wollen und Tun junger Leute, also zum Beispiel das der Kapläne Bank, Wosnitza und Holling, zugelassen und aufgegriffen hat.

Pf.E. : Das stimmt! Das war eine großzügige Haltung. Das habe ich ihm auch hoch angerechnet. Dadurch ist in der Gemeinde viel geworden! Allerdings, manchmal fehlte uns doch einiges! Ich erinnere mich noch an eine Osternacht in Harburg, in St. Franz-Josef. Da war der Pfarrer Hellmold - einer seiner Nachfolger in der Franz-Josef-Gemeinde, der feierte die Osterliturgie so wie wir uns das wünschten. Da sind wir in der Osternacht von Wilhelmsburg zu Fuß nach St. Franz-Josef gezogen, haben die Osternacht gefeiert und sind zu Fuß wieder zurückgegangen. Da haben wir wirklich erlebt, wie Osterliturgie gefeiert werden kann. Das hatten wir so noch nicht erlebt und haben es so auch noch nicht machen können, trotz aller Freiheit, die Krieter ließ. Es ist sicher anerkennenswert, dass er bei dem, wozu er nicht so richtig „den Draht“ gehabt hat - auch offenbar nicht das Gespür dafür, was man alles machen konnte - dass er dann doch sagte: „Gut, macht das `mal!“

Das war dann später auch so, nach der Kriegszeit, noch vor der Währungsreform, dass er einfach sagte: „Gut, macht das `mal!“ So wurde es üblich, dass die Jugend alle vier Wochen ihre Gemeinschaftsmesse und am Abend vorher die Komplet hatte. Da war (Kaplan) Rademacher natürlich mit ganzem Herzen dabei. Er hat (während der Komplet) eine große Ansprache gehalten, ja, und da kam eines Tages Dechant Krieter und sagte: „Könnt ihr nicht einfach nur den Rosenkranz beten, dann brauchen wir kein großes Licht (in der Kirche) einschalten.“ Ich glaube, er hatte da Bedenken wegen der Nachbarn, die sahen, dass die Kirche schon wieder erleuchtet war, während sie selbst keinen Strom hatten. Da rastete es bei mir auch aus und ich sagte mir: „Mein Gott, die paar Minuten!“

Ja, na gut, schließlich war der Dechant damit einverstanden, dass wir großes Licht anhatten. Aber das war eben seine, - wie ich finde, übertriebene - Rücksichtnahme auf die Umgebung.

Was mir dabei einfällt, ist etwas anderes. Als ich aus der Kriegsgefangenschaft zurückkam, da war die Kirche noch total zerstört. Trotzdem hat er dafür gesorgt, dass der Gottesdienst für die Polen wieder anfangen und in dem Kino, in der „Filmburg“ gehalten werden konnte. Dahin bin ich sonntags zunächst immer zum Gottesdienst gegangen, weil es mir gesundheitlich „saumäßig“ ging. Da - in der „Filmburg“ - war es wenigstens warm.

Übrigens, wo ich gerade darüber spreche, dass ich woanders zum Gottesdienst gegangen bin. Mein Bruder und ich, der jüngere Bruder - der andere Bruder, der gefallen ist, machte das aber auch schon - wir sind vor dem Krieg viel auf der Veddel zum Gottesdienst gegangen und haben da auch Messe gedient. Da war der Pater Nathem, der dort für die Auswandererbetreuung zuständig war. Zur Veddel sind wir durch einen Bekannten meines Bruders gekommen, der dort Ministrant war. So ergab sich das einfach, dass wir jeden Sonntag und an den Festtagen zu Fuß zur Veddel gingen und da ministrierten. Da hat mir der Dechant auch einmal gesagt: „Mensch, dass ihr immer zur Veddel geht! Ihr könnt doch auch hier zur Messe gehen!“ Das war ihm also nicht so recht. Aber wir waren da einfach beheimatet. Nach dem Krieg war das natürlich vorbei. Während des Krieges wurden die Auswandererunterkünfte ja durch SS belegt.

Kt.: Wussten Sie, dass Dechant Krieter mit dem Pater Nathem sehr eng befreundet war?

Pf.E. : Ja? Das wusste ich gar nicht!

Kt.: Auf der Veddel war dann eine SS-Kaserne?

Pf. E.: Ja, vorher gab es da eine eigene Kapelle, die für die Auswanderer gebaut worden war. Die war so schön zurechtgemacht! Dann wurde zuerst ein Zaun gezogen, dass nur noch der Zugang frei war, und eines Tages wurde die Kapelle geschlossen und wir mussten in eine Baracke umziehen. Da konnte nur noch notdürftig Gottesdienst gehalten werden, und dann wurde der Gottesdienst auf der Veddel ganz eingestellt. Das war dann, als die SS-Leute in die Unterkünfte einzogen. Ja, dann war alles „Aus und vorbei“, und wir haben uns gefügt. Wie wir uns mit allem anderen auch gefügt haben. So haben wir es ja auch hingenommen, dass die Sonntagsgottesdienste während des Krieges - wegen der Fliegerangriffe - erst um 10 Uhr anfangen durften.

Da kam dann auch die Frage auf, die heute gar keine Frage mehr ist: Wie ist es denn mit dem Nüchternheitsgebot, wenn wir zur Kommunion gehen wollen? Das Nüchternheitsgebot spielte damals noch eine große Rolle. Das galt sogar noch, als ich Kaplan war. Um sechs Uhr morgens war die erste Messe, um halb zwölf die letzte Messe. Jeder (Geistliche ) hatte drei Gottesdienste zu halten, nüchtern! Wer die Messe um halb zwölf hatte, kam um halb 1 Uhr zum Essen und um zwei Uhr ging es dann weiter mit der Kinderkatechese. Später gab es die Erleichterung, dass man „Flüssiges“ zu sich nehmen durfte.

Kt.: Das war offiziell erlaubt? Ich weiß, dass Dechant Krieter, als er körperlich nicht mehr so gut beisammen war (nach 1952), sonntags nach der ersten Messe von seiner Schwester ein Ei in Rotwein gequirlt bekam.

Pf. E.: Genau! Das schlürfte man dann runter und ging völlig verquirlt in den nächsten Gottesdienst.

Kt.: Das Nüchternheitsgebot galt damals natürlich auch für die Gläubigen.

Pf.: Ja, richtig. Das war eigentlich ja auch sinnvoll begründet: Die erste Speise, die man zu sich nimmt, soll das eucharistische Brot sein. Als dann die Abendmessen eingeführt wurden, ergab sich natürlich die Frage, wie man es nun machen solle. Ja, sollte dann niemand mehr zur Kommunion gehen? Früher, das habe ich selbst bei meinem Onkel, der bei Hildesheim Pastor war, noch erlebt, teilte man im Hochamt um 10 Uhr tatsächlich die Kommunion gar nicht aus!

Kt.: Die Vorschriften oder Erleichterungen wurden also zentral erlassen, von Hildesheim aus?

Pf.E.: Nein, das war allgemeines Kirchengebot, von Rom erlassen. Die einzelnen Bischöfe hatten damals dazu überhaupt nicht die Vollmacht, selbst die Bischofskonferenz nicht! Das Nüchternheitsgebot war einfach eine Vorschrift, so wie auch für die gesamte Welt die Erleichterung galt, dass flüssige Nahrung - in Klammern gesagt: kein Alkohol ! - aufgenommen werden durfte. Wir haben wirklich im liturgischen Bereich und auch im Bereich der kirchlichen Rechtsvorschriften eine Zeit erlebt, die einmalig war. Da können Sie sich vorstellen, wie sehr wir die Liturgiereform ersehnt haben! Allein um solcher Dinge wegen.

Übrigens muss ich im Zusammenhang mit den Reformen, die im Konzil dann vorgenommen wurden, etwas zu Dechant Krieter sagen. Durch das Konzil bekam der Wortgottesdienst in der Messfeier ja eine eigene Gewichtigkeit. (Gemeint ist das „Zweite Vatikanische Konzil“, das von 1962 bis 1965 in vier Sitzungsperioden tagte.) Das hat Dechant Krieter schon sehr früh erkannt. Lange, lange vor dem Konzil hat er diesen Gedanken aufgegriffen, indem er nicht nur Evangelium und Lesung nach dem lateinischen Vortrag durch die Vorbeter auf Deutsch vortragen ließ, sondern indem er sich dann vom Altar zu den Gläubigen umdrehte und aus einem Buch eine Betrachtung vorlas. Es lag ihm also wirklich am Herzen, nicht nur die Worte der Liturgie den Gläubigen nahe zu bringen, sondern auch eine Erklärung dazu zu geben. Dass es ganz sicher nicht möglich war, diese Erklärungen einzeln selbst jedes Mal vorzubereiten, wie das heute üblich ist, das ist klar. Deswegen hat er einfach ein Buch genommen, nicht wahr? Ich glaube, es hieß: „Gottes Wort im Kirchenjahr“. Daraus hat er vorgelesen. Das war so der erste Schritt zur Erneuerung der Messfeier, dass der Wortgottesdienst mehr Gewicht bekam. Das hat er tatsächlich gemacht, von sich aus!

Kt.: Diese größere Gewichtigkeit ist doch dem Wortgottesdienst erst durch das letzte Konzil gegeben worden, nicht wahr, unter Johannes XXIII. ?

Pf. E.: Genau. Da ist es angestoßen worden, das ist nun 20 oder 25 Jahre her, und dann kam die Liturgiereform in Gang.

Kt.: Und Sie meinen, dass Dechant Krieter diese Betonung des Wortgottesdienstes - in Ansätzen - aus eigenem Antrieb begonnen hat?

Pf. E.: Ja, er hat wohl gespürt, dass ein Gottesdienst ohne ein persönliches Wort nicht ausreicht. Heute ist das ja auch selbstverständlich.

Kt.: Der Gottesdienst wurde ja ansonsten nur in Latein abgehalten.

Pf. E.: Ja, nur in Latein, und für das Deutsche waren dann die Vorbeter da. Die übersetzten dann ins Deutsche. Das Einzige, was der Priester in Deutsch beitrug, war die kurze Betrachtung.

Kt.: Und natürlich die Predigt.

Pf. E.: Ja, aber werktags gab es natürlich keine Predigt. Sehen Sie, und da hat er das dann so ausgeglichen, dass er aus dem Buch vorlas. Das muss man schon hoch anerkennen. Er hat also wirklich gefühlt, dass in der üblichen Messliturgie etwas fehlte. Der Wortgottesdienst war damals tatsächlich noch völlig unbedeutend. Das ging bis in die Moraltheologie hinein! Man sagte, dass man die Pflicht zur sonntäglichen Teilnahme am Gottesdienst erfülle, wenn man nach der Predigt komme und nach der Kommunion aus der Kirche rausgehe. Der Wortgottesdienst war eben die „Vormesse“. Das war ja der offizielle Ausdruck. So nannte man das doch. Das ist doch sicher auch für Sie noch ein altbekannter Begriff. Für uns heute ist das unvorstellbar, nicht wahr? Gott sei Dank ist in diesem Punkt durch das Konzil doch ein deutlicher Bewusstseinswandel herbeigeführt worden.

Kt.: Auch die Hinwendung des Priesters zum Volk während der Messfeier kam ja erst damals wieder. Vorher zeigte der Priester der Gemeinde doch den Rücken.

Pf. E. : Richtig, der Gedanke der Gemeinschaftsfeier, die Verteilung der Rollen während des Gottesdienstes bis hin dazu - und das war wirklich das Entscheidende - dass der Priester nicht mehr alles, jedes Wort, für sich lateinisch beten musste, während ein anderer - der Vorbeter - das in Deutsch machte. Heute ist es so, dass der Priester zuhört, während die Lesung vom Vorbeter verkündigt wird. Er hört zu! Er verfolgt nicht, ob das alles richtig ist (was der Vorbeter vorliest). Diese echte Aufgabenverteilung im Gottesdienst ist der Fortschritt. Und gut, der Ansatz dafür war natürlich in der Übergangszeit, dass junge Leute - auch Frauen - die Vorbeterrolle übernommen haben, bis hin zur (Liturgie in der) Osternacht. Dann wurden die Lesungen eben auf Deutsch verkündigt. Und dass am Karfreitag die Passion mit verteilten Rollen - allerdings von der Orgelempore herunter - auf Deutsch vorgelesen wurde, das waren die ersten Versuche (der Reform). Da - das muss ich nochmals sagen - war Pastor Krieter von sich aus zwar nicht die Triebfeder, aber doch so großzügig eingestellt, dass er sagte: „Macht das! Es ist gut!“

Kt.: Würden Sie also sagen, dass Pastor Krieter sich Freiheiten gegenüber den alten Ordnungen herausgenommen hat, wenn er der Meinung war, dass Neues erforderlich war? Das kann man ja auch als Ungehorsam einstufen.

Pf.E.: Ja, gut, schon richtig, er ist ja total noch so erzogen und ausgebildet worden. Sogar bei uns war es ja noch so, dass wir uns einfach an die vorgegebenen Formen gehalten haben, obwohl wir gemerkt haben, dass eine Reform nötig war. Und einige Priester waren dann eben so weit wie Krieter, dass sie selbständig das gemacht haben, was eines Tages ja doch kommen würde. Ungehorsam würde ich das nicht nennen.

Kt.: Eine Frage zu den polnischen Gottesdiensten. Die waren doch einige Zeit lang verboten.

Pf. E.: Ja, durch die Nazis, ja!

Kt: Diese Gottesdienste lebten also nach 1945 wieder auf. Sie waren auch von vielen alten Leuten erwünscht. Ich selbst habe in diesen Gottesdiensten bei einem polnischen Geistlichen Messe gedient. Ich weiß aber dessen Namen nicht. Er predigte polnisch. Hat sich Pastor Krieter in Bezug auf diese Gottesdienste besonders engagiert?

Pf.E: Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich lief das so im Zuge der allgemeinen Wiedergutmachung gegen politisch Unterdrückte.

Kt.: Ob die Gemeinde für die Zeit der Gottesdienste in der „Filmburg“ Miete zahlen musste, wissen Sie das?

Pf.E.: Da bin ich überfragt.

Kt: Ich könnte mir vorstellen, dass Pastor Krieter da wieder einige Kontakte hatte, um die Gottesdienste in der Filmburg kostengünstig einzurichten.

Pf.E. Ja, das war wohl so. Es ging dann ja sogar noch so weit, dass wieder polnischer Unterricht in den Räumen der katholischen Schule eingerichtet wurde, nachmittags. Wie lange dieses Unterrichtsangebot gedauert hat, weiß ich allerdings nicht. Der polnische Teil der Gemeinde ist damals wirklich wieder aufgelebt. Die waren ja sehr verwöhnt. Bevor polnische Gottesdienste durch die Nazis verboten wurden, nahmen die Polen für ihre Messe, die Kaplan Wosnitza hielt, die beste Zeit am Sonntag in Anspruch! Der Kaplan Wosnitza war in der Gemeinde auch deswegen so wahnsinnig beliebt (weil er die polnische Sprache beherrschte). Als der verabschiedet wurde, war im alten Gemeindehaus ein Riesenauflauf von Menschen, die ihm alle möglichen Geschenke für seine neue Stelle mitgaben. Es war einfach so, dass diese polnischen Gemeindemitglieder erleben konnten, dass sie eine eigene Gruppe waren, seelsorgerlich auch so betreut.

Kt.: Welchen Kontakt hatten sie - vor dem Krieg - zu den Jugendgruppen der Gemeinde?

Pf.E.: Wir bildeten mit Heinz Pachowiak eine ND-Gruppe. (ND=Bund Neudeutschland; eine 1919 in Köln gegründete Vereinigung von Schülern höherer Lehranstalten, seit 1923 Teil der Katholischen Jugendbewegung; unter den Nationalsozialisten verboten; nach 1945 wieder aufgelebt.) Er hatte die Gruppe gegründet. Als Pachowiak dann im Kriege (1940, zum Priester) geweiht wurde, hat Paul Botta die Gruppe übernommen.

Zuerst haben wir uns in einem kleinen Häuschen getroffen, das die Kolpingbrüder vor dem alten Gemeindehaus gebaut hatten. (Es ist nicht das Kolpingheim gemeint, das die Kolpingbrüder 1948 in Eigenhilfe erbaut haben! Es kann nur „das Häuschen“ gewesen sein, das die „Sturmschar“ im Jahre 1935 abgerissen hat, um das Material beim Bau des Holzhauses auf der „Höpenwiese zu verwenden.) Als das zu gefährlich wurde, sind wir im privaten Zimmer (in der elterlichen Wohnung) eines der Gruppenmitglieder zusammen gekommen.

Kt: Hatten Sie Kontakt zur Kolpinggruppe?

Pf.E.: Nein, gar keinen Kontakt. Auch zur „Sturmschar“, die damals ja das zweite große Standbein in der Jugend war, hatte ich keinen Kontakt. Es war so, dass diese Gruppen nebeneinander herliefen. Nach dem Krieg wurde dann ja versucht, die katholische Jugend zu bündeln.

Kt: Ist Ihnen das Grundstück der Gemeinde „Höpen“ ein Begriff? (Ein Grundstück im Besitz der St. Bonifatiusgemeinde im Bereich Sinstorf-Meckelfeld / Fleestedt)

Pf.E: Doch, da sind wir ein paar Mal mit der Gruppe gewesen. Wir sind zu Fuß dahin gegangen und haben dann dort ein paar Tage gelebt. Einmal war auch noch Heinz Pachowiak dabei. Das hat uns sehr gefallen, dass wir da ein Areal hatten, wo wir auch übernachten konnten und wirklich unter uns waren. Das Grundstück war landschaftlich auch sehr schön, gelegen mit Wald drum herum. Zunächst waren wir erstaunt. Das Grundstück hatte Pastor Krieter ja wohl gekauft.

Kt: Nein, das Grundstück ist 1932 unter Pastor Schmidts gekauft worden. Aber den Aufbau der Übernachtungsmöglichkeit und überhaupt die Nutzung des Grundstückes hat Krieter ermöglicht.

Pf.E.: Ach so.

Kt: Hatten Sie im ND eine einheitliche „Kluft“?

Pf.E.: Nein, das wurde wohl `mal versucht, aber das scheiterte.

Kt: Die „Lioba-Gruppe“ der Mädchen hatte allerdings eine „Kluft“.

Pf.E.: Ja, ich glaube, dass sie grüne Blusen trugen. Aber genau weiß ich das nicht mehr.

Kt.: Das Tragen einheitlicher Kleidung war für kirchliche Gruppen während der Nazizeit bekanntlich verboten. Eigentlich hätte Pastor Krieter also gegen die Lioba-Aktivitäten einschreiten müssen.

Pf.E: Ja wissen Sie, das war wie bei der Liturgie. Er hat nicht „dazwischen gepfuscht“! Es kam keine Anregung von ihm aus, auch nach dem Krieg nicht, als wir mit Karla Pachowiak neu anfingen, aber er hat die Aktivitäten toleriert. Er hat immer gesagt: „Ihr macht das schon. Ihr macht das schon!“

Kt.: Pastor Krieter hatte also Vertrauen, dass seine Kapläne und sonstigen Mitarbeiter das schon richtig machen würden.

Pf.E.: Ja, ein sehr großes Vertrauen, auch einfach aus der Notwendigkeit heraus. Er konnte das alles einfach nicht allein packen. Das Dekanat war ja riesenhaft, Gottesdienste mussten weit entfernt gefeiert werden - bis nach Buchholz hin!

Kt.: Lassen Sie mich bitte einmal zusammenfassen, was wir bisher besprochen haben, damit ich keine Fragen, die ich stellen wollte, vergesse. Ich schaue einmal auf die Stichwörter, die Sie mir für unser Gespräch schriftlich gegeben haben. Sie waren also von dem Gemälde, das 1938 / 1939 hinter dem Hochaltar gemalt worden ist, sehr angetan?

Pf.E.: Ja, das war eine gelungene Sache!

Kt.: Den Religionsunterricht in den Privaträumen, den Pastor Krieter den Gymnasiasten erteilt hat, haben wir angesprochen. Dazu noch eine Frage. Meinen Sie nicht, dass das Lesenlassen in dem Buch des Jesuiten vielleicht doch eine bewusste Methode war? Ich weiß, dass Pastor Krieter einem „Kommunionunterricht-Nachzügler“ ebenfalls privat Unterricht erteilt hat, wobei auch das Lesen im Vordergrund stand. Dieser Junge musste auch erst selbständig in der Bibel lesen und anschließend wurde das Gelesene besprochen. Der fand diesen Unterricht schön! Es war allerdings Einzelunterricht.

Pf.E.: Ja, also besprochen oder diskutiert oder Fragen gestellt wurde bei uns nicht! Überhaupt nicht! Ich war damit unzufrieden, und der Walburga Rohde ging es ähnlich. Die war auch froh, dass ein äußerer Anlass dazu führte, dass dieser Religionsunterricht aufhörte. Also da ist nichts an Impulsen ausgegangen. Genauso war es, als ich aus dem Kriege nach Hause kam. Da hat er mich zwar sofort für die Gemeinde angestellt und hat mir - das war vor der Währungsreform - 20 Mark im Monat gegeben für das Führen einer Jugendgruppe und die Mitarbeit in der Bücherei und für andere Dinge. Da war auch schon klar, dass ich Theologie studieren wollte. Aber für meine Entscheidung zum Priesterberuf oder als Hilfe bei meinem Suchprozess nach der richtigen Entscheidung, dazu hat er persönlich nichts beigetragen. Es sei denn insoweit, als er mich immer wieder zu dem Gedanken geführt hat: Mein Gott, also wenn ich Priester bin, dann möchte ich Liturgie und Predigt doch besser machen! Das ist ja in jungen Jahren so. Man denkt, dass man selbst Wunderbares leisten wird. Aber ehrlich gesagt, das war das Einzige, was mich so begleitet hat.

Kt.: Gut, das gilt für Sie persönlich. Wie sehen Sie die Tatsache, dass während der Zeit, die Krieter in St. Franz-Josef Pastor war, der Gemeinde dort zwei Primizianten erwuchsen (Johannes Hellmold und Pater Hasselberg) und dass während seiner Zeit in Wilhelmsburg immerhin 5 junge Männer Priester geworden sind? Hat er daran keinerlei Verdienst? Karla Pachowiak hat übrigens behauptet, dass ihr Bruder Heinrich den entscheidenden Anstoß zum Ergreifen des Priesterberufes in einem Gespräch mit Pastor Krieter gesehen habe. Zumindest kann Krieter der Berufung dieser sieben jungen Männer ja nicht im Wege gestanden haben.

Pf. E. : Das sicher nicht! Aber - was mich betrifft - theologische Gespräche haben wir beide nicht gehabt. Auch kein Gespräch zur Abklärung der Berufung! Allerdings war das ja auch die Zeit, in der wir Jugendliche sehr stark nach Hildesheim orientiert waren und auch nach Hamburg. In Hamburg gab es einen Pastor, der, glaube ich, Pohlmann hieß. Der arrangierte Sommerlager und so etwas. Und dann zog es uns zu Dechant Winter in Hildesheim. Das waren für mich die Anlaufstellen in der Zeit des Suchens, außerhalb, nicht zu Hause in der Gemeinde. Bei mir hat Pastor Krieter die Entscheidung für den Priesterberuf wahrscheinlich vorausgesetzt. Ich erinnere mich im Zusammenhang mit meinem Priesterberuf nur an eine Äußerung von ihm: „Mensch, wenn du als Pastor selbständig bist, dann nimmst du (deine Schwester) Adelheid zu dir. Die hat die Missio (Missio canonica = kirchliche Berechtigung, katholischen Religionsunterricht zu erteilen). Und die kann dir den Haushalt führen!“ Ja, das war das, was er mir auf den Weg gab.

Kt.: Da zeigt sich wieder, dass Krieter eher praktisch orientiert war.

Pf.E.: Ja, ja, bis hin zum Bauen, zum Planen und Arrangieren, das war sein Element.

Kt. : Nehmen wir das nächste Stichwort. Wie ist es gemeint, wenn Sie sagen, dass Pastor Krieter sich den Nazivorschriften gebeugt habe?

Pf.E: Das ist nicht negativ gemeint. Das ließ sich gar nicht anders machen. Er hat die Vorschriften akzeptiert. Er ist nicht als kämpferischer Geist dagegen angegangen, sondern die Vorschrift wurde der Gemeinde als Selbstverständlichkeit mitgeteilt und die Gemeinde hat es angenommen, genau wie er auch.

Kt.: Sie wissen, dass Pastor Krieter den Kaplan Bernard Bank hatte. Der war wohl etwas kämpferischer (als Krieter). Er hat zum Beispiel Jugendlichen einen Charlie-Chaplin-Film vorgeführt, verbunden mit dem Hinweis, dass dieser Film eigentlich von den Nazis verboten war.

Pf.E.: Ja, das lag so in der ganzen „Bank-Dynastie“ drin. (Es gab mehrere Geistliche der Familie „Bank“. Sie waren Brüder) An Kaplan Bank habe ich nur eine einzige genaue Erinnerung. Das war in einer Feier der Osternacht. Da war am Sonntagmorgen um 6 Uhr das Auferstehungsamt. Ich kann mich erinnern, wie Kaplan Bank da gepredigt hat und wie er das Kreuz gehalten hat. Auch wie er in der Kar-Woche zum Thema gepredigt hat, dass die Apostel einer nach dem anderen Christus verlassen haben. Dabei hat Bank - als Symbolik - Kerzen nacheinander ausgelöscht. Ja, das hat sich eingeprägt. Das sind so die Erinnerungen an Bank, aber ansonsten habe ich eigentlich gar keine Vorstellung von ihm. An Wosnitza dagegen erinnere ich mich gut. Der hat sich auch ein bisschen um die ND-Gruppe gekümmert, mal herein gesehen und so. Er hat uns aber nicht geleitet oder irgendwie inspiriert. Die ND-Gruppe existierte vollkommen für sich, stand so zu sagen „in ihrem eigenen Saft“. Wir wohnten zusammen, wir trafen uns, aber darüber hinaus war nichts. Es gab auch keine Verbindung nach Hildesheim oder nach Hamburg. Die ND-Gruppe war in der Gemeinde toleriert und gern gesehen, aber sonst für die Gemeinde nicht von Bedeutung. Dann war da auch noch Kaplan Holling. Der war für uns immer so ein bisschen extravagant.

[...]


[1] In der „Gemeinschaftsmesse“ bildeten Priester und Gemeinde insofern eine „Gemeinschaft“, als die Gläubigen die liturgischen Gebete, die der Priester lateinisch sprach, nun auf Deutsch mitbeten und verstehen konnten.

Ende der Leseprobe aus 346 Seiten

Details

Titel
Die St. Bonifatius-Gemeinde in Hamburg-Wilhelmsburg zur Zeit des Pfarrers Krieter. 35 Zeitzeugen berichten
Untertitel
Die Jahre 1934 bis 1963
Autor
Jahr
2009
Seiten
346
Katalognummer
V141241
ISBN (eBook)
9783640484966
ISBN (Buch)
9783640484942
Dateigröße
34016 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Berichte von 35 Zeitzeugen aus den Jahren 1934 bis 1963, neue Beiträge zur Ortsgeschichte von Hamburg-Wilhelmsburg
Arbeit zitieren
Ulrich Krieter (Autor), 2009, Die St. Bonifatius-Gemeinde in Hamburg-Wilhelmsburg zur Zeit des Pfarrers Krieter. 35 Zeitzeugen berichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141241

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