Ein philosophisches Projekt unserer Zeit, welches positiv an die Errungenschaften der Kantischen Transzendentalphilosophie anknüpfen möchte, setzt sich bereits, indem es diesen Anspruch formuliert, der massiven Kritik aller gegenwärtig dominanten Positionen aus. Für die durch den linguistic turn sprachkritisch reformierten Strömungen scheint sich der Rückgriff auf traditionelle (transzendental-)philosophische Bewußtseins- bzw. Subjektivitätskonzeptionen offenbar von vornherein zu verbieten - vielmehr erheben wirkmächtige Autoren der Gegenwart die "de-transzendentalization" (Richard Rorty) sogar explizit zum Programm. - Eine Ausnahme von diesen Tendenzen, die sich ganz im Horizont von Relativismus und Fallibilismus entfalten, nimmt die seit über 30 Jahren von Karl-Otto Apel (*1922) entwickelte Transzendentalpragmatik ein. Für Apel stellt das von Immanuel Kant (1724 - 1804) in seiner "Kritik der reinen Vernunft" (1781) verfolgte Projekt einer umfassenden, restriktiven Selbstprüfung und Selbstrechtfertigung der erfahrungsunabhängigen Vernunft trotz seiner historischen Distanz einen unverändert gültigen Ausgangspunkt für eine Erkenntniskritik in postmoderner Zeit dar. Entsprechend läßt sich die kommunikationsreflexive Sinnkritik der Apelschen Transzendentalpragmatik bzw. ihre Weiterentwicklung in der Berliner Diskurspragmatik auch als Rekonstruktion der bewußtseinstheoretischen Vernunftkritik Kants unter gegenwärtigen, sprachpragmatisch gewendeten Diskussionsverhältnissen verstehen. - Diese produktive Aneignung und Neufassung Kantischer Motive für eine aktuelle erkenntnistheoretische Konzeption, welche auf eine transzendentale Dimension nicht verzichten will, soll in der vorliegenden Untersuchung dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung: Eine „Rose der Vernunft in postmoderner Dürftigkeit“ – Transzendentalphilosophie in Zeiten des Relativismus?
- Abgeblendete Vernunft: Die Irreflexivität der Erkenntnis bei Kant
- Intransparenz des transzendentalen „cogito“
- Konsequenzen I: Szientistische Verkürzung des Erfahrungsbegriffs
- Konsequenzen II: Metakritik der Vernunftkritik? – Aporien einer „radikalen Erkenntniskritik“
- Selbstreflexion und Letztbegründung: Die transzendentalpragmatische Verwandlung der Kantischen Erkenntniskritik
- Erfahrung als Kommunikationsreflexion
- „Reflexion im Diskurs auf den Diskurs“: Aktuelle Dialogreflexion als metakommunikativer Geltungsdialog
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die vorliegende Untersuchung befasst sich mit der transzendentalpragmatischen Verwandlung der Kantischen Erkenntniskritik. Ziel ist es, die problematischen Aspekte des Kantischen Modells durch eine sprachpragmatisch reformierte Neufassung zu verbessern und für die aktuelle philosophische Diskussion fruchtbar zu machen.
- Die Irreflexivität der Kantischen Vernunftkonzeption
- Die Transformation des eindimensionalen Erfahrungsbegriffs in ein mehrdimensionales, sprachlich-intersubjektives Erfahrungskonzept
- Die Rekonstruktion der Kantischen Vernunftkritik als kommunikationsreflexive Sinnkritik
- Die epistemologische Forderung nach einer selbsteinholenden Letztbegründung von Erkenntnisansprüchen
- Die transzendentalpragmatische Rezeption der Kantischen Philosophie im Kontext des Relativismus
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1 befasst sich mit den Elementen der theoretischen Philosophie Kants, an welche die Transzendentalpragmatik kritisch anknüpft. Hierbei wird Kants Begriff von Erfahrung und sein Verständnis vom Vernunftsubjekt sowie der Anspruch einer „radikalen“ (d.h. letztbegründenden) Erkenntniskritik beleuchtet.
Kapitel 2 zeigt auf, inwiefern die Transzendentalpragmatik die problematischen Aspekte des Kantischen Modells durch eine sprachpragmatisch reformierte Neufassung auszubessern und für die aktuelle philosophische Diskussion fruchtbar zu machen sucht. Hierbei wird die Transformation des eindimensionalen Erfahrungsbegriffs der Kantischen Transzendentalphilosophie in ein mehrdimensionales, sprachlich-intersubjektives und somit selbstreflexives Erfahrungskonzept referiert.
Schlüsselwörter
Die wichtigsten Schlüsselwörter des Textes sind: Transzendentalpragmatik, Kant, Erkenntniskritik, Vernunft, Erfahrung, Kommunikation, Diskurs, Relativismus, Selbstreflexion, Letztbegründung, „cogito“, Sprachkritik.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Kern der Transzendentalpragmatik von Karl-Otto Apel?
Sie ist eine Rekonstruktion von Kants Vernunftkritik unter sprachpragmatischen Bedingungen, die auf eine Letztbegründung von Erkenntnisansprüchen durch Kommunikation zielt.
Warum kritisiert Apel Kants Begriff der Erfahrung?
Apel sieht bei Kant eine "Irreflexivität" und wandelt dessen eindimensionalen Erfahrungsbegriff in ein mehrdimensionales, sprachlich-intersubjektives Konzept um.
Was bedeutet "De-transzendentalisierung" bei Richard Rorty?
Rorty fordert die Abkehr von traditionellen Subjektivitätskonzeptionen, während Apel explizit an der transzendentalen Dimension der Vernunft festhalten möchte.
Welche Rolle spielt der "Diskurs" in dieser Untersuchung?
Der Diskurs wird als metakommunikativer Geltungsdialog verstanden, in dem sich die Vernunft selbst prüft und rechtfertigt ("Reflexion im Diskurs auf den Diskurs").
Wie verhält sich die Transzendentalpragmatik zum Relativismus?
Sie stellt eine Ausnahme zu postmodernen Tendenzen dar, indem sie trotz Relativismus und Fallibilismus nach allgemeingültigen Ausgangspunkten für die Erkenntniskritik sucht.
- Arbeit zitieren
- M.A. Björn David Herzig (Autor:in), 2005, Diskursive Vernunft und radikale Sinnkritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141827