Unterrichtsstunde: Existiert Gott?

Die Frage nach Gott in der gymnasialen Oberstufe


Unterrichtsentwurf, 2009

17 Seiten, Note: 2,5

Julia Wiedmann (Autor:in)


Leseprobe

Vorbemerkung

Mein Unterrichtsentwurf bezieht sich auf die Kursstufe, die evangelische Religionslehre zweistündig belegt hat.

Im folgenden soll die Einstiegsstunde (45 Minuten) zur Themeneinheit Gott entworfen werden. Hierzu werden zunächst die äußeren Faktoren und Voraussetzungen bedacht, dann wird ein Überblick über die gesamte Unterrichtseinheit gegeben, um den Zusammenhang und die Bedeutung der Stunde zu verdeutlichen. Schließlich werden die Überlegungen zur Stunde selbst vorgestellt, die die Schüler mit der Frage nach Gott konfrontieren möchte.

I. Didaktisches Bedingungsfeld

I.1 Allgemeine Analyse der situativen Bedingungen sowie Einschätzung der

entwicklungspsychologischen Voraussetzungen der Altersgruppe

Die Schüler der Stufe 12 und 13 haben einen vollen Stundenplan, verbringen viel Zeit in der Schule und müssen neben den gewöhnlichen Hausaufgaben Referate, umfangreiche Lernleistungen oder Projekte bewerkstelligen. Dazu kommt die Fokussierung auf das Abitur und die Beschäftigung mit der Zukunftsfrage. Aus Schülersicht ist es also durchaus nachvollziehbar, dass die zweistündigen Pflichtfächer Ethik oder Religion im Wichtigkeitsempfinden eher Randfächer darstellen, was sich dann auch unter Umständen in dementsprechender Aufmerksamkeit und Mitarbeit äußern kann. Diese Einschätzung wird auch durch Beobachtungen der Entwicklungspsychologie gestützt: In der Adoleszenz- Entwicklung wird der Jugendliche selektiver, er richtet sich mehr an seinen eigenen Interessen aus. „Diese Differenzierung richtet sich auf Lehrpersonen und Lerninhalte.“[1] Damit einher geht, dass oft versucht wird, sich lern- und arbeitsintensiven Aufgaben zu entziehen (vgl. bei I.2 die Beobachtung der konkreten Lerngruppe hinsichtlich Textarbeit und Hausaufgabe).[2]

Außerdem zeigt die Erfahrung, dass man nicht annehmen darf, dass durch die

Wahlmöglichkeit zwischen Ethik und Religion im Religionsunterricht nur die Schüler sitzen, die ernsthaft an Gott glauben. Manche besuchen eben schon immer den Religionsunterricht und sehen keinen Grund, an dieser Gewohnheit etwas zu ändern, auch wenn sie sich selbst gar nicht als gläubig oder religiös bezeichnen würden. Andere machen die Entscheidung Ethik oder Religion weniger von inhaltlichen oder eigenen Standpunkten abhängig als vielmehr von äußeren Aspekten, zum Beispiel davon, wo die beste Freundin hingeht[3] oder ob man den Religionslehrer sympathischer findet als den Ethiklehrer. Denn typisch für die Entwicklung in der Adoleszenz ist eine verstärkte Orientierung an der Altersgruppe[4], außerdem die Erfahrung, dass Lernmotivation zu einem großen Teil von der Lehrerperson abhängig ist[5].

Ich muss also die Voraussetzungen beachten, dass der Religionsunterricht von dem ein oder anderen eher als unnütz oder lästig empfunden wird und deshalb versucht wird, ihn möglichst teilnahmslos „abzusitzen“.Vor allem aber gilt es zu bedenken, dass viele gerade im Zusammenhang mit dem Erwachsenwerden der Frage nach Gott eher kritisch gegenüberstehen, manche ihn für ihr Leben vielleicht sogar ablehnen. Für diese Einschätzung hilft auch die Heranziehung der Ergebnisse aus der Shell- Studie 2006. Daraus geht hervor, dass nur 30 Prozent an einen persönlichen Gott glauben, 19 Prozent an eine nicht weiter spezifizierte überirdische Macht, 23 Prozent sind glaubensunsicher, 28 Prozent der Jugendlichen gaben an, weder an einen persönlichen Gott noch an eine höhere Macht zu glauben. Als Grundtendenz geht aus der Studie hervor, dass eine Absage an die Religion mit dem Alter zunimmt, ebenso aber auch der Glaube an eine unkonventionelle höhere Macht.[6] Nimmt man die Werte aus der Studie zusammen, sind es aber immerhin 49 Prozent, die an etwas Ultimates glauben, nennen sie es nun 'Gott' oder unspezifisch eine 'höhere Macht'. Religionspädagogisch von Bedeutung ist nun, wie sich dieser Glaube darstellt, wie er erfahren wird, wie die Beziehung zu diesem Objekt des Glaubens aussieht. Für eine Einschätzung hilft hier das Modell des religiösen Urteils nach Fritz Oser. Für die Kursstufe rückt hier vor allem die Altersstufe 17- 18 in den Fokus. Für diese Altersstufen lassen sich vor allem die Stufen 3 und 4 nachweisen. Während die Stufe 3 das Verhältnis zwischen Mensch und Gott bzw. Ultimatem als ein unabhängiges beschreibt, besteht auf der Entwicklungsstufe 4 eine korrelative Beziehung zwischen Mensch und Ultimatem.[7] Ebenfalls mit der Frage nach der religiösen Entwicklung im Lebenslauf beschäftigt sich das Modell von James W. Fowler. Fowler fragt in seinem Konzept, welche Stufen der Glaubensentwicklung sich einteilen lassen, wobei Glaube nicht einen bestimmten Inhalt meint, sondern eine bestimmte Herangehensweise, das Leben zu erkennen und mit Sinn zu erfüllen.[8] Für die Altersgruppe 13- 20[9] bewegt sich das Hauptfeld auf der Stufe 3, dem so genannten synthetisch- konventionellen Glauben. In diesem Entwicklungsstadium geht es vor allem um die Orientierung am Umfeld, einzelne Inhalte und Überzeugungen werden von anderen übernommen, ein eigenständiges kritisches Hinterfragen bleibt aus. Für ein Drittel dieser Altersgruppe lässt sich bereits ein Übergang zur Stufe 4, dem individuierend- reflektierenden Glauben, erkennen. Diese Stufe steht nun für ein hohes Maß an Selbstreflexion und für ein traditionskritisches Bewusstsein.[10] Analog dazu können die Stufen des moralischen Urteils nach Lawrence Kohlberg herangezogen werden.[11] Stufe 3 hat ebenfalls die Perspektive auf andere gerichtet, allerdings nur aus der persönlichen Sicht. Man möchte sich durch richtiges Verhalten der Wertschätzung seiner Mitmenschen vergewissern. Auf der nächsten Entwicklungsstufe hat man dann bereits das große Ganze im Blick und richtet sein Verhalten auf das Funktionieren einer Institution, einer Gesellschaft, eines Systems aus.[12]

Ich erwähne diese Stufenmodelle aus der Entwicklungspsychologie nur kurz, denn sie können nicht wie ein Raster eins zu eins auf eine Altersstufe angelegt werden. Die sture Anwendung eines Stufenmodells birgt die Gefahr einer Engführung, feinere Differenzierungen können so eventuell übergegangen werden. Außerdem vermittelt die Stufeneinteilung eine vereinfachte Schritt-für-Schritt- Entwicklung, das Wahrnehmen von Entwicklung als einem ständigen Prozess mit vielen Übergangsstadien wird bei einer bloßen Reduzierung auf Stufen zu wenig berücksichtigt.

Allerdings bieten sie doch eine Orientierung, wie die Kinder und Jugendlichen sich selbst, ihre Beziehung und ihr Verhalten zu anderen, ihre Vorstellungen und ihren Glauben konstruieren und entwicklungsbedingt verändern. Durch die Ergebnisse der Entwicklungspsychologie hat man ein Instrument, die Voraussetzungen in der jeweiligen Klassenstufe einzuschätzen und dies bei der Aufbereitung des Unterrichtsstoffes zu berücksichtigen, hier kommt auch die Frage nach der generellen kognitiven Voraussetzung in den Blick, die Piaget entwickelt hat und die quasi die Grundlage aller Modellen bildet.[13] Diese erste Einschätzung muss aber an der konkreten Schülergruppe bzw. dem Einzelschüler gemessen werden und der tatsächliche Entwicklungsstand muss dann aus den konkreten Reaktionen und Äußerungen der Schüler abgeleitet werden.

I.2 Beschreibung der konkreten Situation: Klassenverhältnis, Stadtmilieu, religiöse

Sozialisationsvoraussetzungen, Voreinstellungen zum Thema, Gender- Differenzen,

Klassenatmosphäre, Arbeitsklima

Der Kurs besteht insgesamt aus zwölf Teilnehmern, acht Mädchen und vier Jungen. Das

allgemeinbildende Gymnasium, das in seinem Schulcurriculum sehr viel Wert auf die soziale Erziehung der Schüler legt, befindet sich in einer kleinen Kreisstadt mit sehr ländlichem Charakter, neben fünf Großfirmen gibt es eine Vielzahl mittelständischer Unternehmen, die Arbeitslosigkeit ist sehr gering. Die meisten Schüler kommen aus den umliegenden, ländlichen Stadtteilen und Dörfern. Die Mentalität der Gegend ist generell als konservativ und traditionsbewusst zu beschreiben. Wenn auch ein regelmäßiger Gottesdienstbesuch den meisten Schülern eher fern liegt, so haben doch fast alle schon an kirchlich getragenen Freizeitangeboten wie Jungschar oder Ferien- Freizeit teilgenommen. Auch das Interesse an der Konfirmation würde ich als hoch einschätzen.[14] Alle Schüler des Kurses sind getauft und konfirmiert. Gemessen an diesen Indikatoren kann man von einer doch relativ umfassenden religiösen Sozialisation[15] der Schülergruppe sprechen. Insgesamt ist das religiöse Interesse in diesem ländlichen Raum sicherlich höher einzuschätzen als in einer Großstadt. Das belegt auch die Statistik, die besagt, dass Religiosität auf dem Land in einem doppelt so hohen Maße praktiziert wird.[16]

Für die Religiosität meiner konkreten Lerngruppe ergibt sich ein heterogenes Bild. Aus zahlreichen Unterrichtsgesprächen konnte ich als Ergebnis mitnehmen, dass zwei Mädchen ihre Religiosität mit regelmäßigem Kirchgang, Ausrichtung am Kirchenjahr und persönlichem Gebet praktizieren. Inwieweit dies allerdings auf einer reflektierten Ebene, wie es die Stufe des individuell-reflektierenden Glaubens (Fowler) beschreibt, geschieht, ist schwer einzuschätzen.

Alle übrigen Mädchen und einer der Jungen waren recht einheitlich in ihren Äußerungen, aus denen hervorging, dass sie an Gott glauben und als Kinder auch Spaß an Kinderkirche oder sonstigen spielerischen Formen, in denen Glaubensinhalte vermittelt wurden, hatten, dass sie vor allem im Bereich der Jugendarbeit viel Kontakt mit kirchlichen Mitarbeitern haben und sich zum Teil auch selber dort ehrenamtlich engagieren. Einen extra gestalteten Jugendgottesdienst besuchen sie gerne, den regelmäßigen sonntäglichen Kirchgang lehnen sie allerdings ab[17], sie empfinden es als „spießig“ und vermuten unter einem Großteil der Gottesdienstbesucher Leute, die nur in die Kirche gehen, um gesehen zu werden und denen es mit dem Glauben gar nicht ernst ist.

[...]


[1] Fend, Entwicklungspsychologie des Jugendalters, S. 350.

[2] Vgl. aaO., S. 351.

[3] Vgl. Baumann, Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe - eine Lebensphase im postmodernen Kontext, S. 126.

[4] Vgl. Fend, Entwicklungspsychologie des Jugendalters, S. 351.

[5] Vgl. Fend, Entwicklungspsychologie des Jugendalters, S. 359.

[6] Vgl. http://www- static.shell.com/static/deu/downloads/aboutshell/our_commitment/shell_youth_study/2006/youth_study_200 6_exposee.pdf, Stand: 27.07.09.

[7] Vgl. zusammenfassende Darstellung bei Kuld, Wie hast du's mit der Religion? Die Gretchenfrage bei Kindern und Jugendlichen, S. 63- 64.

[8] Vgl. zusammenfassende Darstellung bei Kuld, Wie hast du's mit der Religion? Die Gretchenfrage bei Kindern und Jugendlichen, S. 65- 71.

[9] Alters- und Stufentabelle siehe Fowler, Stufen des Glaubens, S. 340.

[10] Vgl. zusammenfassende Darstellung bei Schweitzer, Lebensgeschichte und Religion, S. 144- 153.

[11] Vgl. tabellarischen Vergleich der Stufen bei Schweitzer, Lebensgeschichte und Religion, S. 142- 143.

[12] Vgl. zusammenfassende Darstellung bei Schweitzer, Lebensgeschichte und Religion, S. 112- 121.

[13] Vgl. zusammenfassende Darstellung bei Schweitzer, Lebensgeschichte und Religion, S. 106- 112.

[14] Vgl. generelle Tendenz dargestellt bei Schröder, Die Religion der Schülerinnen und Schüler - Jugendkultur und Religionsunterricht, S. 152 + 153

[15] Zum Begriff der religiösen Sozialisation vgl. Überblick bei Schweitzer, Religionspädagogik, S. 101- 106.

[16] Fend, Entwicklungspsychologie des Jugendalters, S. 386.

[17] Vgl. generelle Tendenz dargestellt bei Schröder, Die Religion der Schülerinnen und Schüler - Jugendkultur und Religionsunterricht, S. 154.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Unterrichtsstunde: Existiert Gott?
Untertitel
Die Frage nach Gott in der gymnasialen Oberstufe
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Veranstaltung
Hauptseminar Religionspädagogik
Note
2,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V141881
ISBN (eBook)
9783640532162
ISBN (Buch)
9783640532377
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unterrichtsstunde, Existiert, Gott, Frage, Gott, Oberstufe
Arbeit zitieren
Julia Wiedmann (Autor:in), 2009, Unterrichtsstunde: Existiert Gott?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/141881

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