AIDS in Afrika und Pest in Europa – Krankheit als soziales Phänomen

Voraussetzungen für und Auswirkungen von Epidemien im historischen Vergleich


Hausarbeit, 2007
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. Pest und AIDS – zwei Epidemien im Vergleich
2.1. Infektionskrankheiten, Epidemien und Pandemien - Definition und Begriffsklärung
2.2. Die Pest in Europa
2.2.1. Voraussetzungen und Verlauf der europäischen Pestepidemien
2.2.1.1. Die Pest in der Antike und vor christlicher Zeitrechnung
2.2.1.2. Mittelalter – die Hochzeit der Pest
2.2.1.3. Die Pest in der Neuzeit
2.2.1.4. Mikrobiologische Ära
2.2.2. Lehren aus zwei Jahrtausenden Pest
2.3. HIV/AIDS in Afrika südlich der Sahara
2.3.1. Biologische Erklärung, Übertragung und Symptome von AIDS
2.3.2. Voraussetzungen für den Verlauf und die Eindämmung
der afrikanischen AIDS-Epidemie
2.3.2.1. Urbanisierung
2.3.2.2. Armut
2.3.2.3. Migration
2.3.2.4. Einfluss von Strukturen zur Seuchenprophylaxe
2.3.3. Zusammenfassende Betrachtungen zu HIV/AIDS

3. Fazit

4. Anhang – Verzeichnis der wichtigen Pestereignisse 7000 v. Chr. bis heute

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Nicht nur in der medialen Darstellung, sondern auch in der wissenschaftlichen Diskussion des afrikanischen Kontinents spielt ein Thema eine vorherrschende Rolle: Das A cquired Immuno Deficiency Syndrom, kurz AIDS[1], verursacht durch das HI-Virus, kostet weltweit täglich 8 000 Menschen das Leben und lässt unzählige mehr als Waisen, Witwer und Witwen, als trauernde Eltern und Geschwister zurück.[2] Auch wenn sich die Verbreitung des Virus’ keineswegs auf Afrika beschränkt, so wird doch kein Kontinent im selben Maße von der AIDS- Pandemie heimgesucht. In Afrika südlich der Sahara leben circa 10 % der Weltbevölkerung, aber mehr als 60% der HIV-Infizierten weltweit. Allein dort tragen 25,4 Millionen Menschen das HI-Virus in sich und werden in den kommenden Jahren an AIDS sterben. (UNAIDS 2005)

Diese erschreckenden Zahlen, die beim Laien im besten Fall Mitgefühl hervorrufen, erwecken bei Historikern, Medizinern und Sozialwissenschaftlern, die sich mit Epidemien beschäftigen, noch andere Assoziationen. In historischer Perspektive drängt sich der Verdacht auf, dass epidemisch auftretende Infektionskrankheiten zu allen Zeiten ein prägender Bestandteil der Menschheitsgeschichte waren. Häufig wird AIDS deshalb in die Erbfolge der großen Seuchen eingereiht und in Anlehnung an antike, mittelalterliche und neuzeitliche Zeugnisse in einem Atemzug mit Pest, Cholera, Grippe und Pocken als weitere ‚Geißel der Menschheit’ genannt.

Doch trotz oder gerade wegen der menschlichen Verwüstung, die die Krankheit anrichtet und deren Bilder uns in Nachrichten, Dokumentationen und Spendenaufrufen begegnen und erschüttern, muss sich die Wissenschaft von emotionaler Bestürzung freimachen. Mit nüchternem Blick stellen wir fest, dass sich HIV/AIDS weder in seiner Ausbreitung, noch in der Zahl seiner Opfer signifikant von bisherigen Epidemien unterscheidet. Vielmehr bietet sich in den vergangenen zwei Jahrtausenden die Gelegenheit zu lernen, dass nicht Kriege und Eroberungen, politische Umstürze oder charismatische Persönlichkeiten, sondern die großen Epidemien die Menschheitsgeschichte von Grund auf verändert und geprägt haben. Die vergleichende Betrachtung zweier Seuchen globalen Ausmaßes unter besonderer Berücksichtigung ihrer sozialen Dimension sind Ziel der vorliegenden Arbeit. Zwar lehrt uns die Geschichte, dass wir auch unter Aufbietung aller organisatorischen Fähigkeiten hinter unserem ärgsten Feind – den Mikroben – immer einen Schritt hinterherhinken. Doch historische Zeugnisse früherer Epidemien bieten Gelegenheit zu lernen. Nur so können wir Regelmäßigkeiten erkennen und ihnen Rechnung tragen, um Fehler zu vermeiden. Denn beim Vergleich der großen Epidemien fällt auf, dass bestimmte Faktoren zu allen Zeiten den Ausbruch von Massenerkrankungen begünstigt haben, so wie bestimmte Maßnahmen zu ihrer Eindämmung sich in unterschiedlichen Fällen als rettend erwiesen haben. Diese Gesetzmäßigkeiten, die „epidemic rules“[3] aufzuzeigen, ist Ziel des hier angestellten Vergleiches. In einem weiteren Schritt wird eine Einschätzung abgegeben, in wieweit die historisch bewährten Strukturen und Maßnahmen auch im Fall von HIV/AIDS sinnvoll anwendbar sind.

2. Pest und AIDS – zwei Epidemien im Vergleich

In der hier vorliegenden Arbeit werde ich zwei der verheerendsten Seuchen vergleichen, die die Menschheit erlebt hat und heute noch erlebt: Die Pest, die vor allem im 14. Jahrhundert Europa entvölkerte und AIDS, das seit den 1980er Jahren Sinnbild einer Bedrohung ist, der auch die moderne Medizin nur wenig entgegenzusetzen hat. Den Hauptteil stellt die Beschreibung und fokussierte Untersuchung der beiden Krankheiten dar. Dabei ist es unerlässlich, zuerst die medizinische Funktionsweise der Krankheiten zu verstehen, um die damit verbundenen spezifischen Voraussetzungen für die Verbreitung des Erregers zu kennen. Wichtiger als medizinische Fakten aber ist der soziale Kontext der Seuchen. Im folgenden Abschnitt werde ich daher zuerst anhand der Pest und in einem zweiten Teil anhand von HIV/AIDS aufzeigen, welche sozialen, demographischen und ökonomischen Bedingungen Ausbruch und Verbreitung der Seuchen begünstigt haben. Dabei sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Epidemien betrachtet werden. In einem dritten Teil wird erläutert, welche der Maßnahmen, die zur Eindämmung der Pest geführt haben, auf AIDS anwendbar sind und welche Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden können.

2.1. Infektionskrankheiten, Epidemien und Pandemien - Definition und Begriffsklärung

Der Begriff Epidemie wurde vor mehr als 2500 Jahren vom griechischen Arzt und Gelehrten Hippokrates geprägt (vgl. Hunter: 114). Zusammengesetzt aus den Worten „epi meaning upon, and demos meaning people“ (ebd.) bezeichnet er eine Krankheit, die über ein Volk hereinbricht. Als Epidemie bezeichnet Spencker „ein gehäuftes und in ursächlichem Zusammenhang stehendes Auftreten einer übertragbaren Krankheit“ (1999: 109). Bei den übertragbaren oder ansteckenden Krankheiten handelt es sich im Gegensatz zu anderen Infektionen um Krankheiten die „mittelbar oder unmittelbar auf den Menschen oder von Mensch zu Mensch übertragen werden“ (ebd.). Zu ersteren Krankheiten gehört die Pest, zu letzteren AIDS.

Vor allem im Zusammenhang mit AIDS wird oft der Begriff Pandemie verwendet, laut Hunter eine Erweiterung des Begriffes Epidemie: „An epidemic that has spread to more than one country is called a pandemic, pan meaning all in Greek“ (2003: 144). Da wir den Begriff Pandemie aber auch auf Europa zu einer Zeit anwenden, da die Entstehung von ‚countries’ im Sinne der heutigen Nationalstaaten noch in ferner Zukunft lag, erscheint es mir sinnvoller, nur „bei kontinentaler oder weltweiter Ausbreitung einer Krankheit“ (Spencker: 109) von einer Pandemie zu sprechen.

Wie im Folgenden gezeigt wird, wohnen diesen Epidemien und Pandemien bestimmte Regelmäßigkeiten und Gemeinsamkeiten inne, die trotz Unterschieden der Übertragung, Inkubationszeit und Sterblichkeit der Erkrankten eine vergleichende Betrachtung rechtfertigen. Eine der schwerwiegendesten Pandemien, die in mehreren Wellen Asien, Europa und Nordafrika heimsuchte, war die Pest, auf die ich im folgenden Abschnitt näher eingehe.

2.2. Die Pest in Europa

Die Pest (plague, peste) ist eine bakterielle Infektionskrankheit. Ihr Erreger Yersinia pestis ist ein Stäbchenbakterium, das nach seinem Entdecker Alexandre Yersin benannt ist (vgl. Spencker: 111). Man unterscheidet zwei Typen der Pest, die Beulenpest und die hoch infektiöse Lungenpest (vgl. Winkle 2005).[4] Neben den allgemeinen grippeähnlichen Symptomen sind die ‚Pestbeulen’ charakteristisch für erstere. Dabei handelt es sich um Schwellungen der Lymphknoten, die im fortgeschrittenen Stadium aufbrechen. Gelangt der Erreger ins Blut, entsteht die so genannte ‚Pestsepsis’.

„[Ä]ußere Zeichen dieser bakteriellen ‚Blutvergiftung’ [...] sind die von Zeitgenossen oft mit Erschrecken beschriebenen blauschwarzen Hautflecken, die durch Einblutungen ins Untergewebe entstehen und von denen sich die späteren Bezeichnungen ‚schwarze Pest’ und ‚Schwarzer Tod’ herleiten“ (Riha 1999: 11).

Diese Form der Pest wird durch Flöhe von infizierten Nagetieren auf den Menschen übertragen. Die Lungenpest birgt das eigentliche Risiko einer weitreichenden Epidemie, da sie direkt von Mensch zu Mensch überspringt. „Primary pneumonic plague [...] can be transmitted from human to human without involvement of fleas or animals“ (WHO: 2005). Die typischen Symptome dieser Form, heftiger Husten mit blutig-schaumigem Auswurf, begünstigen die Tröpfcheninfektion (Riha: 11).

Die Pest hat normalerweise eine Inkubationszeit von 3-7 Tagen, die Sterblichkeitsrate liegt ohne Behandlung bei 30% bis 60 %. (WHO 2005)

2.2.1. Voraussetzungen und Verlauf der europäischen Pestepidemien

Die Verbreitung der Pest über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrtausenden detailliert zu betrachten, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Daher werde ich mich auf den Verlauf der Epidemie in Europa konzentrieren und anhand ausgewählter Beispiele die charakteristischen Voraussetzungen für das Entstehen einer Epidemie hervorheben. Eine Synopse der großen Pestereignisse findet sich im Anhang. Der besseren Übersichtlichkeit halber behalte ich auch hier eine chronologische Ordnung der Ereignisse bei.

2.2.1.1. Die Pest in der Antike und vor christlicher Zeitrechnung

Die ersten Erwähnungen der Pest finden sich im Alten Testament. Die Bücher Jeremia und Deuteronomium, nachträglich auf das 7. Jahrhundert v. Chr. datiert, erwähnen große Epidemien mit möglichen Pestsymptomen.[5] Auffällig ist dabei einerseits die Verbindung mit anderen gesellschaftlichen Großereignissen wie Hunger und Krieg und andererseits die Wahrnehmung von Krankheit als göttliche Strafe. „So erwähnt der Prophet Jeremias immer wieder die Pest, doch nie allein, sondern immer mit zwei weiteren Gottesstrafen in der Reihenfolge: Krieg, Hunger und Pest“ (Winkle: 429).

[...]


[1] Im Folgenden wird für „Acquried Immuno Deficiency Syndrome“ das Akronym „AIDS“ verwendet. Dies dient der besseren Lesbarkeit des Textes, die Begriffe sind inhaltlich gleichbedeutend.

[2] UNAIDS gibt für das Jahr 2006 ca. 2,9 Mio. AIDS-Tote an, die Schätzungen variieren aber zwischen 2,5 und 3,5 Mio. (UNAIDS/WHO 2006: 1) Ein ausführliches Verzeichnis der verwendeten Quellen findet sich auf S. 20

[3] „Epidemic rules“ ist der Titel zweier Kapitel aus Susan Hunters Buch „Who cares? AIDS in Africa“ (2003). Auf ihre These von der Regelmäßigkeit von Epidemien stützt sich die Argumentation der vorliegenden Arbeit in weiten Teilen.

[4] Das „Factsheet Plague“ der World Health Organisation (2005) erwähnt noch eine dritte Form der Pest. Neben Beulen- und Lungenpest, „bubonic form“ und „pneumonic form“ existiert eine „septicaemic form of plague“, ein Zustand innerlicher Blutvergiftung. Diese kann auch ohne Auftreten der charakteristischen Beulen vorliegen und verläuft tödlich.

[5] “Der Herr wird dich schlagen mit den Drüsen Ägyptens” bzw. „Der Herr schlägt dich mit dem ägyptischen Geschwür, mit Beulen, Krätze und Grind, und keiner kann dich heilen.“ Dtn 28, 27 (Lutherübersetzung zit. in Winkle: 424 bzw. Einheitsübersetzung 1980)

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
AIDS in Afrika und Pest in Europa – Krankheit als soziales Phänomen
Untertitel
Voraussetzungen für und Auswirkungen von Epidemien im historischen Vergleich
Hochschule
Universität Bayreuth  (Entwicklungssoziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V142962
ISBN (eBook)
9783640519699
ISBN (Buch)
9783640521210
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Historisch vergleichende Hausarbeit zum Thema Epidemiologie mit ausführlichem tabellarischem Anhang zu den historischen Ereignissen in Verbindung mit Pestepidemien
Schlagworte
Afrika, AIDS, Pest, Epidemie, Epidemiologie, Krankheit, HIV
Arbeit zitieren
Johanna Sarre (Autor), 2007, AIDS in Afrika und Pest in Europa – Krankheit als soziales Phänomen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/142962

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