Das Ziel dieser Arbeit ist, das Phänomen der Geschlechterperspektive als für die Prägung der europäischen Musikgeschichte sozialgeschichtlich relevant darzustellen. Anhand von einigen ausgesuchten Quellen als Beispiel wird abgeleitet, wie und warum Frauen und Männer einen so unterschiedlichen Beitrag zur Gestaltung der Musik im öffentlichen und privaten Raum beitrugen.
Grundlegend ist in diesem Zusammenhang der Begriff des Geschlechtscharakters. Die Sozialgeschichte der Musik des neunzehnten Jahrhunderts wurde durch die verschiedensten gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen und kulturellen Faktoren in ihrer Unverwechselbarkeit geprägt. Um ganz bestimmte Phänomene in Bezug auf die Musik und Musikpraxis dieser Zeit zu verstehen und ansatzweise zu erklären, ist es erforderlich, die ihnen zugrundeliegenden sozialen Verhältnisse zu erforschen und durch Quellen zu belegen. Einer dieser sozialen Faktoren war die Geschlechterperspektive. Es gibt viele Möglichkeiten, diesen sozialen Faktor darzustellen, diese Arbeit erlaubt dem Leser, einige Beispiele zu erforschen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Geschlechterperspektive
2.1 Das Bürgertum und sein Selbstverständnis
2.1.1 Der Geschlechtscharakter
2.1.2 Das Genie
2.2 Musikinstrument und Geschlecht
2.2.1 „Savoyards of Fashion “– eine Karikatur
2.2.2 „Vom Kostüm des Frauenzimmer Spielens“
2.3 Musikausbildung, Professionalisierung und Geschlecht
2.4 Raumkonzepte und Geschlecht
3 Kein starres System – Bruch und Wandel
3.1 Veränderungen von Normen und Wahrnehmungen
3.1.1 Aufbrechen geschlechtsspezifischer „Raumgestaltung“
3.1.2 Veränderungen gesellschaftlicher Rahmenbedingungen
3.1.3 Die Konzertagentur Wolff, Berlin
3.2 Außergewöhnliche Frauen
3.2.1 Clara Schumann-Wieck
3.2.2 Lise Cristiani
4 Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie die Geschlechterperspektive das Musikleben des 19. Jahrhunderts prägte und welche sozialen und ökonomischen Faktoren maßgeblich zur Gestaltung privater wie öffentlicher Musikpraxis beitrugen. Sie fragt insbesondere danach, wie Frauen innerhalb restriktiver bürgerlicher Moralvorstellungen ihre Rolle als Musikerinnen neu definierten.
- Der Einfluss des bürgerlichen "Geschlechtscharakters" auf Musikästhetik und Institutionen
- Geschlechtsspezifische Restriktionen bei der Instrumentenwahl und Berufsausübung
- Die Spannung zwischen gesellschaftlicher Konvention und dem Wirken virtuoser Musikerinnen
- Wandel von Raumkonzepten durch institutionelle und individuelle Initiativen
Auszug aus dem Buch
2.2 Musikinstrument und Geschlecht
Auch Musikinstrumente wurden an die Geschlechtercharaktere gebunden indem ihnen aufgrund ihres Tonumfanges, ihrer Lautstärke oder Aussehens männliche oder weibliche Attribute zugeschrieben wurden. Auch die körperliche Art der Bewegung beim Spielen eines Instrumentes, der nötige Kraftaufwand oder der visuelle Anblick der Musizierenden mit dem Instrument wurden mit männlich und weiblich konnotiert. Das bürgerliche Ideal weiblicher Ästhetik verbot gewisse Formen, Bewegungen und Stimmlagen. Daraus folgte eine Klassifizierung von Musikinstrumenten, nach der diese für Frauen oder Männer zum Musizieren geeignet oder ungeeignet waren. So war das Cello durch das notwendige Halten des Instrumentes mit den Beinen als ein für Frauen besonders unschickliches Instrument klassifiziert. Das weibliche Bein musste durch voluminöse Röcke verborgen werden und so machte die damalige Kleidermode es rein physikalisch schwierig für Frauen, ein Cello mit den Beinen zu halten.
Das Geigenspiel erforderte schnelle körperliche Bewegungen mit dem Streicharm die angeblich für Frauen unschön anzusehen seien und die zusätzlich den Busen in unziemlicher Art betonen würden. Das Unterklemmen der Geige am Kinn sollte für den weiblichen Hals unvorteilhaft sein. Das Spielen von Blasinstrumenten führte angeblich zu einer Verzerrung des „schönen“ weiblichen Gesichtes, und verunstaltete Gerüchten nach die empfindlich weichen Frauenlippen. Es kam sogar vor, dass selbst die Flöte aufgrund ihrer als phallusähnlich empfunden Form als Instrument für Frauen als unpassend empfunden wurde. Auch wurde angenommen, dass das „schwache“ Geschlecht ein kleineres Lungenvolumen hätte und daher gewisse Blasinstrumente nicht spielen könnte oder die Frau gesundheitlichen Schaden davontragen würde. Instrumente die wie Posaunen, Trompeten, Pauken und Trommeln traditionell im militärischen Bereich zum Einsatz kamen, waren Frauen ebenfalls vorenthalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Rolle der Geschlechterperspektive als sozialen Faktor in der Musik des 19. Jahrhunderts und skizziert die methodische Untersuchung bürgerlicher Werte.
2 Die Geschlechterperspektive: Dieses Kapitel analysiert das bürgerliche Selbstverständnis sowie die Konstruktion der Geschlechtscharaktere und deren Auswirkungen auf Musikausbildung und Instrumentenwahl.
3 Kein starres System – Bruch und Wandel: Das Kapitel thematisiert Ausnahmen von der bürgerlichen Norm und zeigt auf, wie durch gesellschaftliche Veränderungen und Pionierleistungen neuer Raum für Musikerinnen entstand.
4 Schlusswort: Das Schlusswort resümiert die starre Trennung von privater und öffentlicher Musiksphäre und setzt diese in den Kontext moderner Ansätze der Geschlechtergleichstellung.
Schlüsselwörter
Geschlechterperspektive, 19. Jahrhundert, Sozialgeschichte der Musik, bürgerliches Selbstverständnis, Geschlechtscharakter, Musikausbildung, Instrumentenwahl, Öffentlicher Raum, Salonmusik, Virtuosität, Clara Schumann, Lise Cristiani, Gender, Konzertagentur, Sozialer Wandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Sozialgeschichte der Musik des 19. Jahrhunderts und untersucht, inwiefern die herrschenden Geschlechtervorstellungen des Bürgertums das Musikleben, die Berufsausübung und die ästhetische Wahrnehmung der Zeit beeinflussten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Feldern zählen die Konstruktion des Geschlechtscharakters, die geschlechtsspezifische Bewertung von Musikinstrumenten, die Beschränkung von Frauen auf den privaten Salonbereich sowie der mühsame Aufbruch in öffentliche, professionelle Musikkreise.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Geschlechterperspektive als relevanten Faktor der europäischen Musikgeschichte herauszuarbeiten und mittels Quellenbeispielen aufzuzeigen, warum und wie Männer und Frauen unterschiedliche Rollen in der Musikpraxis einnahmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine sozialgeschichtlich orientierte Analyse, indem sie zeitgenössische Quellen, Karikaturen und publizistische Texte heranzieht, um die Diskrepanz zwischen bürgerlichem Moralkodex und realer musikalischer Praxis zu belegen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert zunächst theoretische Konzepte wie den "Geschlechtscharakter" und stellt diese der täglichen Praxis (Instrumentenwahl, Musikausbildung) gegenüber, bevor er Brüche im System analysiert, wie etwa die Rolle von Konzertagenturen und das Wirken einzelner Musikerinnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Geschlechterperspektive, bürgerliches Selbstverständnis, Virtuosität, Raumkonzepte, Sozialgeschichte, Instrumentenwahl und die Emanzipationsversuche von Musikerinnen im 19. Jahrhundert.
Inwiefern spielte das Instrument eine Rolle für die Geschlechtszuschreibung?
Musikinstrumente wurden als "männlich" oder "weiblich" konnotiert, basierend auf ihrer Größe, der Körperhaltung beim Spielen, dem Kraftaufwand oder der Lautstärke. Das Cello beispielsweise galt aufgrund der Spielhaltung als unschicklich für Frauen.
Warum war das Wirken der Konzertagentur Wolff für Musikerinnen bedeutsam?
Die Agentur Wolff fungierte als Netzwerk, das Musikerinnen organisatorische und rechtliche Unterstützung bot, wodurch ihnen der Weg in das professionelle Konzertleben geebnet wurde, ohne dass sie ihren Ruf als bürgerliche Frau gefährden mussten.
- Citar trabajo
- Christiane Fendler (Autor), 2023, Die bürgerliche Musikszene des 19. Jahrhunderts aus der Geschlechterperspektive, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1431412