Lebens- und Werkdaten Caravaggios anhand von Quellen, Urkunden und Viten


Seminararbeit, 2005

36 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

1)Einleitung

Thema dieser Hausarbeit sind die Lebens- und Werkdaten des italienischen Barockmalers Mi- chelangelo Merisi da Caravaggio anhand von Quellen, Urkunden und Viten. Ziel ist es, mit Hilfe von absichtlichen Quellen wie Biographien aus dem 17. Jahrhundert, wovon jene Giovanni Baglione1 und Giovanni Pietro Bellori2 besondere Beachtung finden, und unabsichtlichen Quellen wie Urkunden, Notizen, Polizeiberichten und Zeugenaussagen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, eine Biographie Caravaggios zu erstellen. Um den Rahmen dieser Hausarbeit nicht zu sprengen, wurden die Beschreibungen der Bilder Caravaggios, deren Rezeption durch die Biographen so wie auch eine Charakterisierung und kunsthistorische Einordnung der Malerei des Künstlers nicht einbezogen. Wie der Titel der Hausarbeit zeigt, stehen hier nicht die Bilder sondern die Lebens- und Werkdaten im Mittel- punkt.

Das folgende Kapitel beschäftigt sich kritisch mit den Quellen, die für diese Arbeit zu Rate gezogen wurden. Die Biographie, der Hauptteil dieser Hausarbeit, umfaßt das Leben und Werk Caravaggios von seiner Geburt 1571 bis zu seinem Tod 1610 in Port’Ercole. Dabei wird jedem Ort, an dem sich Caravaggio im Laufe seines Lebens befand, ein Kapitel zugeteilt. Die meisten Dokumente wie Verträge oder Zeugenaussagen sind Friedlaenders „Caravaggio Studies“3 entnommen. Bei diesen Dokumenten wie auch bei den Viten besteht die Schwierig- keit darin, daß sie lediglich im italienischen Original oder in der englischen Übersetzung vor- handen sind. Eine komplette deutsche Übersetzung existiert nicht. Die Quellen wurden von der Verfasserin dieser Hausarbeit deshalb selbst nach bestem Können ins Deutsche übersetzt. Die Zitate sind nicht durch Anführungszeichen kenntlich gemacht, da sie ja nicht direkt über- nommen wurden.

Neben den Biographien und anderen Quellen aus dem 16. und 17. Jahrhundert wurden auch Publikationen neueren Datums verwendet, hauptsächlich die Untersuchungen von Hibbard4, Langdon5 und der Ausstellungskatalog „The Age of Caravaggio“6.

2) Quellenkritik

Es sind weder Briefe noch andere schriftliche Zeugnisse von Caravaggio selbst erhalten, so daß heute nicht bekannt ist, ob der Maler lesen und schreiben konnte. Bei der Erstellung einer Lebensbeschreibung ist man daher auf Viten und erhaltene Dokumente wie zum Beispiel Urkunden angewiesen.

Das Grundgerüst der im Mittelpunkt dieser Hausarbeit stehenden Biographie basiert auf den gesicherten Daten, die durch Dokumente überliefert sind. Würde man sich jedoch allein auf die erhaltenen Dokumenten beschränken, so könnte keine zusammenhängende Biographie entstehen, sondern vielmehr ein zwar wahrheitsgetreuer jedoch ebenso lückenhafter wie tabel- larischer Lebenslauf Caravaggios. Deshalb ist das Heranziehen der Caravaggio- Viten, von höchster Bedeutung. Die Biographien reichen zur Grundlage dieser Hausarbeit jedoch nicht aus, da es ihnen an der nötigen Objektivität fehlt. Hierfür beispielhaft kann die Caravaggio- Vita des römischen Malers und Kunstschriftstellers Giovanni Baglione (1566- 1643) angese- hen werden, die 1642 in dem Werk „Le vite de’ pittori, scultori, et architetti“ erschien. Cara- vaggio war ihm persönlich bekannt, jedoch verband die beiden kein freundschaftliches Ver- hältnis. Baglione hatte wegen der Beleidigungsaffäre von 1603, die in dieser Hausarbeit erläu- tert werden wird, noch 30 Jahre nach dem Tod Caravaggios, Ressentiments gegenüber dem Künstler. Deswegen lese sich Bagliones Caravaggio- Vita heute „… wie eine Abfolge von Sticheleien, Unterstellungen und Verleumdungen.“7

Auch bei der Caravaggio- Biographie des römischen Archäologen, Kunstforschers und Kunst- theoretikers Giovanni Pietro Bellori (1615- 1696) kann man nicht von einer objektiven Quelle sprechen. Bellori wurde fünf Jahre nach dem Tod des Malers geboren, demnach kannte er ihn nicht persönlich. Die historische Distanz macht seine Biographie von vornherein zu einer fragwürdigen Quelle. In seinen „Le vite de’ pittori, scultori et architetti moderni“ von 1672 wurden vor allem flämische und französische Maler behandelt, unter anderen auch Poussin, mit dem Bellori befreundet war. Er war Hauptverfechter der klassischen Strömungen des An- nibale Carracci, Domenichino und des schon erwähnten Poussin. „Mit den Vertretern anderer Kunstrichtungen verfuhr er nicht gerade zimperlich, ... Auch Caravaggio paßte nicht in die akademische Richtung, so daß Bellori eine ganze Reihe teils offener, teils verdeckter Maß- nahmen ergriff, um die Malerei Caravaggios abzuwerten“.8 Die Caravaggio- Viten von Bagli- one und Bellori gelten also nicht als absolut glaubwürdige Quellen.

Eine weitere Caravaggio- Vita liefert der Mediziner, Kunstsammler und Physiker am Hof Papst Urbans VIII. Giulio Mancini (1558- 1630). In seinem Traktat „Considerazioni sulla pittura“ von 1617 bis 1621 beschäftigt er sich in einer sehr kurzen Biographie mit Caravaggio. Mancini kannte ihn ebenfalls nicht persönlich und so verarbeitete er in seiner Vita nur Infor- mationen aus zweiter Hand, was den Wahrheitsgehalt seiner Biographie schmälert. Auch der deutsche Maler, Kupferstecher und Kunstschriftsteller Joachim Sandrart (1606- 1688) war nicht persönlich mit Caravaggio bekannt, dennoch beschäftigte er sich in seinem Werk „Joachim Sandrarts Academie der Bau-, Bild- und Mahlerey- Künste von 1675“ mit dem Leben Caravaggios. Genau wie bei Bellori macht die historische Distanz das Werk San- drarts zu einer nur bedingt glaubwürdigen Quelle. Was die Informationen über Caravaggio betreffen, zehrte Sandrart von seinem Besuch im Palazzo Giustiniani von 1629 bis 1635, wo ihm über den Maler berichtet wurde, so daß auch Sandrart letztlich nur Informationen aus zweiter Hand verarbeitete.

Trotz ihres meist geringen Wahrheitsgehalts sind diese Biographien dennoch wichtig, da sie Lebens- und Werkdaten erwähnen, die nicht durch gesicherte Quellen belegt sind. Sie stellen Zusammenhänge zwischen einzelnen Lebens- und Werkdaten her und geben wichtige Infor- mationen zur Rezeption der Bilder Caravaggios und zum Wesen des Künstlers. Um eine weitgehend glaubwürdige Biographie Caravaggios zu erstellen, ist es nötig, die gesi- cherten Daten mit den Aussagen der Biographen zu vergleichen. Hierfür müssen die Viten zunächst daraufhin untersucht werden, inwiefern sie die gesicherten Quellen mit ihren Aussa- gen unterstützen. Es müssen in dieser Biographie aber auch die Lebens- und Werkdaten erläu- tert werden, die nur von den Biographen genannt werden, ohne daß sie durch Dokumente be- legt sind. Bei den Biographien ist auf zwei Dinge zu achten: erstens auf die Voreingenom- menheit Bagliones und zweitens auf die zeitliche Distanz Belloris, Mancinis und Sandrarts zu dem Künstler Caravaggio.

3) Caravaggios Lebens- und Werkdaten

3.1)Die Bestimmung von Geburtsort und Geburtsdatum

Schon die Bestimmung des Geburtsorts und des Geburtsdatums Caravaggios bereiten Prob- leme. Es sind keine Quellen erhalten, die Auskunft darüber geben, wo und wann er geboren wurde. Obwohl sich die Biographen Mancini, Baglione, Bellori und Sandrart mit seiner Kind- heit befassen, nennen sie kein Geburtsdatum. Sie äußern sich lediglich zum Geburtsort und zur Familie des Künstlers. Mancini, Baglione und Sandrart berichten, der Maler sei in Cara- vaggio geboren worden und stamme von erwürdigen Bürgern ab.9 Sein Vater sei Architekt und majordomo des Marchese von Caravaggio Francesco Sforza gewesen.10 Bellori sagt nicht explizit, daß Michelangelo in Caravaggio geboren sei, daß er aber mit seiner Geburt den Ruhm des Ortes verdoppelt habe.11 Die Aussagen der Biographen reichen allerdings nicht aus, um den Ort Caravaggio etwa 25 Meilen östlich von Mailand als Geburtsort zu bestätigen. Fest steht nur, daß Michelangelos Eltern, Fermo di Bernardino Merisi und Lucia Aratori, am 14. Januar 1571 in Caravaggio heirateten. Der Marchese Francesco Colonna war als Zeuge bei dieser Hochzeit anwesend.12 Nach ihrer Hochzeit verließen die Eltern Caravaggio und gingen nach Mailand, wo sie in der Gemeinde S. Maria della Passerella wohnten.13 Da Fermo Archi- tekt des Marchese war und dieser sich hauptsächlich in Mailand aufhielt, ist es möglich, daß Michelangelo auch dort zu Welt kam. Jedoch gibt es keinen Taufbericht der Gemeinde S. Ma- ria della Passerella, der dies bestätigt. Roberto Ziglioli spricht sich in seinem Aufsatz für Ca- ravaggio als Geburtsort aus.14 In der Urkunde, in der der Künstler im Jahre 1608 zum Ritter des Malteserordens ernannt wurde, steht: „Cumque Magnificus Michael Angelus Carraca op- pido vulgo de Caravaggio in Longobardis natus, …“15. Ziglioli ignoriert jedoch, daß Michel- angelos Eltern nach ihrer Hochzeit 1571 in Caravaggio nach Mailand gingen. Vielleicht be- zeichnet Caravaggio in der Urkunde nicht den Geburtsort, sondern nur den Heimatort des Künstlers, da ja seine Familie aus dem Ort stammte und er, wie sich später zeigen wird, einen Teil seiner Kindheit dort verbrachte. Zigliolis Argument trägt wenig zur Klärung des Prob- lems bei.

Die Bestimmung des Geburtsdatums Caravaggios ist ebenso problematisch. Eines der beiden Epitaphe zum Tod des Künstlers von Marzio Milesi, einem Freund Michelangelos, lautet ü- bersetzt: Michelangelo Merisi- Ritter Jerusalems- berühmter Nacheiferer beziehungsweise Nachbilder der Natur- lebte 36 Jahre, 9 Monate und 20 Tage- starb am 18. Juli 1610.16 Aus diesem Epitaph erhält man den 28. September 1573 als Geburtsdatum. Dieses Datum hatte bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts Gültigkeit. Im Laufe der Vorbereitungen zu Mi- chelangelos 400. Geburtstag im Jahre 1973 kamen aber Zweifel hieran auf. Zwar taucht der Name Michelangelos in den Taufunterlagen der Mailänder Gemeinde S. Maria della Passerel- la nicht auf, jedoch entdeckte man in diesen Dokumenten zwischen 1570 und 1571 eine Lü- cke. Ab dem 21. Oktober 1571 wurden die Dokumente wieder weitergeführt. So setzt unter anderen Mia Cinotti das Geburtsdatum des Malers in diese Lücke und behauptet, er sei ungefähr Mitte Oktober 1571 geboren worden.17 Maurizio Calvesi hat ebenso eine wohlbegründete These. Er glaubt, Caravaggio habe am 29. September 1571, dem Tag des Erzengels Michael, das Licht der Welt erblickt.18 Ein ebenso wichtiger Anhaltspunkt für die Namensgebung und das Geburtsdatum ist die politische Situation, in der sich Italien Anfang der siebziger Jahre des 16. Jahrhunderts befand. Am 29. September des Jahres 1571 versammelte sich die Marine der Heiligen Liga bei Lepanto im östlichen Mittelmeer. Am 7. Oktober 1571 gewann sie die Seeschlacht gegen die Türken und beendete somit deren Mittelmeerherrschaft. Die päpstliche Flotte wurde angeführt von Marcantonio Colonna dem Vater der Constanza Colonna. Sie war die Marchesa von Caravaggio und Ehefrau des Marchese Francesco Sforza, bei dem Michel- angelos Vater als Architekt arbeitete. Somit besteht eine direkte Verbindung zwischen dieser Seeschlacht, dem Ort Caravaggio und dem Namen Michelangelo, da sich die Heilige Liga am 29. September, dem Tag des Erzengels Michael, bei Lepanto versammelte.19 All dies sind je- doch keine Beweise dafür, daß der Maler am 29. September zur Welt kam, lediglich nachvoll- ziehbare Spekulationen. Mehr als eine Vermutung ist allerdings ein Dokument vom 25. Sep- tember 1589, in dem Caravaggio schwört 18 Jahre alt zu sein. Rechnet man zurück, so erhält man das Jahr 1571 als Geburtsjahr.20 Es ist also nicht auszuschließen, daß Marzio Milesi ein Fehler unterlaufen war, als er das Epitaph verfaßte und das Jahr 1573 als Geburtsjahr Cara- vaggios nannte.

Das einzige Resultat, das man aus diesen Überlegungen erhält ist, daß er mit höchster Wahrscheinlichkeit im Herbst des Jahres 1571 in Mailand zur Welt kam. Den genauen Ort und das genaue Datum wird man wohl nie feststellen können.

3.2) Mailand und Caravaggio

Bis zum Jahre 1576 ist nichts Weiteres über Caravaggio bekannt, bis auf die Geburten seiner Geschwister. Am 21. November 1572 wurde sein Bruder Giovan Battista geboren und am 12. November 1574 seine Schwester Catarina.21 Caravaggio hatte auch einen Bruder Giovan Pietro, dessen Name zum ersten Mal 1578 auftaucht.22

Als 1576 die Pest Mailand heimsuchte, wurde er mit seiner Schwester Catarina und einem seiner Brüder, es muß wohl Giovan Pietro gewesen sein, in den Heimatort der Eltern, nach Caravaggio, zurückgeschickt. Es wurde lediglich von den Eltern, Margarita23 und Giovan Battista berichtet, daß sie in Mailand in den Zimmern eines Giacomo Rossi wohnten. Der Name Caravaggios, der seiner Schwester Catarina und seines Bruders Giovan Pietro hingegen tauch- ten in Mailand zu dieser Zeit nicht mehr auf. In Caravaggio sollten sie bei Verwandten gelebt haben. Die Eltern, Giovan Battista und Margarita folgten ihnen erst einige Monate später nach in den Heimatort,24 denn der Tod des Vaters Fermo wurde dort am 20. Oktober 1577 doku- mentiert.25

Bis 1584 verraten weder die Biographen noch andere Quellen, wie es dem Künstler erging. Laut Baglione, entschied er sich, der Malerei nachzugehen, und da es in Caravaggio niemanden gab, der kompetent genug war, um Michelangelo die Malerei beizubringen, zog es ihn nach Mailand, um dort eine Lehre als Maler zu beginnen.26

Bei wem Caravaggio in die Lehre ging, erfahren wir von den Biographen nicht. Jedoch steht eine viel bessere Informationsquelle zur Verfügung: der Lehrvertrag, der am 6. April 1584 zwischen ihm und dem 1540 in Bergamo geborenen Maler Simone Peterzano abgeschlossen wurde. In diesem Vertrag wurde festgehalten, daß Caravaggio für 4 Jahre bei Peterzano leben und lernen sollte.27 Über diese Jahre ist nichts bekannt. Es sind auch keine Gemälde Caravaggios aus dieser Zeit identifiziert. Bellori erwähnt lediglich, daß sich der Künstler während seiner Lehre vor allem mit der Porträtmalerei beschäftigt habe.28

Die Lehre bei Peterzano dauerte laut Bellori 4 bis 5 Jahre und laut Mancini 4 bis 6 Jahre.29 Da nichts über eine vorzeitige Beendigung bekannt ist, kann man davon ausgehen, daß Caravag- gio die Lehre wie im Vertrag vorgeschrieben abschloß. Bellori berichtet aber auch, daß er auf- grund von gewissen Streitigkeiten aus Mailand habe fliehen müssen.30 Worum es sich bei die- sen Streitigkeiten handelte, ist wie so vieles nicht bekannt. Der Biograph verzeichnet am Rand von Caravaggios Biographie seiner Kopie von Bagliones Viten, daß der Maler einen Kamera- den getötet habe.31 So schreibt auch Mancini, Caravaggio habe in Mailand fleißig studiert, obgleich er aufgrund seiner feurigen beziehungsweise hitzigen Natur und seiner gehobenen Stimmung einige abscheuliche Dinge getan habe.32 In einer Notiz zu seinen „Considerazioni“ erwähnt Mancini zusätzlich, daß Caravaggio einen Polizisten verwundet habe und infolge dessen für ein Jahr in ein Mailänder Gefängnis gebracht worden sei.33 Auch Sandrart nennt Caravaggios zänkisches Gemüt und betont, daß der Maler „… gerne Raufhändel suchte.“34 Wann Caravaggio Mailand letztendlich verließ, weiß man nicht. Bellori erfand, wie sich später herausstellte, eine Reise nach Venedig, die Caravaggio nach seinem Weggang aus Mailand angetreten haben sollte. Laut Bellori, habe er sich dort an den Farben des Giorgione erfreut, die er von diesem Zeitpunkt an imitiert habe.35 Mit Sicherheit kann man heute sagen, daß Caravaggio nie in Venedig war. Eventuell fügte Bellori die Venedigreise in die Biographie ein, um sich die Farbigkeit der Frühwerke Caravaggios zu erklären.36

Die nächsten Nachrichten von Caravaggio stammen vom 25. September 1589. Ein erhaltenes Schriftstück dokumentiert den Verkauf von Ländereien, die der Künstler zusammen mit sei- nem Bruder Giovan Battista geerbt hatte. In dem Dokument bestätigte der Maler als „habitans Caravagii“ 18 Jahre alt zu sein.37 Es ist also anzunehmen, daß er zu dieser Zeit in Caravaggio weilte. Als seine Mutter am 29. November 1590 starb, befand sich die Familie Merisi in fi- nanziellen Schwierigkeiten, so daß sich Caravaggio und Giovan Battista gezwungen sahen, ihre Ländereien zu verkaufen, um die Schulden auszugleichen. Weitere Ländereien wurden zwischen 1590 und 1591 verkauft, was ebenfalls durch Dokumente belegt ist. Der letzte Ver- kauf der Ländereien fand am 11. Mai 1592 statt.38 Bis zum Mai 1592 verbrachte der Maler demnach die meiste Zeit in Caravaggio.

3.3) Rom

3.3.1) Die ersten Jahre in Rom, 1592- 1594/95

Es wird allgemein angenommen, daß der Künstler 1592 nach Rom reiste.39 Mancini schreibt, Caravaggio sei im Alter von 20 und ohne Geld nach Rom gekommen.40 Daß Mancini seine Armut hervorhebt, ist nicht verwunderlich, denn der Biograph hat ja schon zu Beginn der Künstlerbiographie Caravaggios hitziges Wesen betont. Bellori unterstreicht ebenso, daß er nach seiner Ankunft in Rom zunächst ohne Obdach und Gehälter beziehungsweise Geld habe leben müssen.41 Bagliones Lebensbeschreibung kann man entnehmen, daß Caravaggio direkt nach seinem Aufenthalt in Mailand mit dem Verlangen nach Rom gekommen sei, die begehrenswerte Disziplin der Malerei fleißig zu lernen.42

Laut Mancini, arbeitete und wohnte er nach seiner Ankunft in Rom bei einem gewissen Pan- dolfo Pucci aus Recanati.43 Monsignore Pucci war ein erfolgreicher Kirchenmann und stand im Dienst von Camilla Peretti, der Schwester Papst Sixtus V. (1585- 1590). Pucci stellte Künstler nur an, damit diese Andachtsbilder für ihn malten, die dann wiederum in seine Hei- mat Recanati verschickt wurden. Als Gegenleistung für die Unterkunft, habe Caravaggio für den Monsignore, wie Mancini es nennt, unangenehme Arbeit verrichten sollen, wobei es sich wohl um das Malen beziehungsweise das Kopieren von Andachtsbildern handelte.44 Wie der Biograph darlegt, habe Caravaggio bei Monsignore Pucci nur Salat zu essen bekommen, wes- halb ihm Caravaggio den Spitznamen „Monsignor Insalata“ verliehen habe. Und Mancini be- richtet weiter: In der Zwischenzeit [bei Pucci] wurde er von einer Krankheit befallen und, …, mußte in das Hospital della Consolazione gehen, wo er während seiner Genesung viele Bilder für den Prior malte, die dieser dann in seine Heimatstadt Sevilla brachte.45 Anders beschreibt Baglione Caravaggios Anfangszeit in Rom. Baglione war ungefähr genau- so alt, hatte sich aber als Maler in Rom schon einen Namen gemacht. Mit einem abwertenden Unterton erklärt er: Zu Beginn ließ er sich bei einem sizilianischen Maler nieder, der eine Werkstatt voll mit groben (primitiven) Arbeiten hatte.46 In einer Notiz am Rande seiner Ba- glione- Viten merkt Bellori an, der Maler habe Lorenzo geheißen und Caravaggio, sehr arm und ohne Kleidung, habe für sehr wenig Geld drei Köpfe pro Tag gemalt.47 Somit schien die Karriere Caravaggios nicht gerade mit Erfolg zu beginnen, so drücken es zumindest Baglione und Bellori aus. Weiter heißt es in der Randnotiz Belloris, daß Caravaggio danach bei Anti- veduto Grammatica (1570- 1626), hauptsächlich bekannt als Porträtmaler, eine Unmenge an Halbfiguren gemalt habe.48

[...]


1 Baglione, 1642/ 1995.

2 Bellori, 1672.

3 Friedlaender, 1955.

4 Hibbard, 1983.

5 Langdon, 1998.

6 The Age of Caravaggio, 1985.

7 Raabe, 1996, S. 9.

8 ebd., S. 12.

9 Mancini, in: Hibbard, 1983, S. 346- 347; Baglione ,1642/ 1995, S. 136; Sandrart, 1675/ 1925, S.275.

10 Mancini, in: Hibbard, 1983, S. 346- 347; Baglione ,1642/ 1995, S. 136.

11 Bellori bezieht sich hier auf den Renaissancemaler Polidoro da Caravaggio, der, wie sein Name zeigt, aus Caravaggio stammt, in: Bellori, 1672, S. 247.

12 Hibbard, 1983, S. 1; Langdon, 1998, S. 12- 13; Spike, 2001, S. 16.

13 Cinotti, 1991, S. 3; Hibbard, 1983, S.1.

14 Ziglioli, 1995, S. 63-66.

15 Übersetzung: Da nun der großartige Michael Angelus ein Einheimischer von Carraca in der Lombardei, das die Leute Caravaggio nennen …, in: Friedlaender, 1955, S. 288.

16 Original: “Mich. Angel. Merisius de Caravaggio- eques Hierosoliminatus- naturae aemulator eximius- vix. Ann. XXXVI. M. IX D XX- moritur XVIII Julis MDCX”, in: ebd., S. 293.

17 Cinotti, 1991, S. 4.

18 Calvesi, 1990, S. 112.

19 Spike, 2001, S. 16.

20 Hibbard, 1983, S. 1.

21 ebd.

22 Cinotti, 1991, S. 4; Langdon, 1998, S. 19.

23 Margarita war Fermos Tochter aus erster Ehe.

24 Langdon, 1998, S. 19.

25 Hibbard, 1983, S. 2.

26 Baglione, 1642/ 1995, S. 136.

27 Friedlaender, 1955, S. 267- 268.

28 Bellori, 1672, S. 248.

29 ebd.; Mancini, in : Hibbard, 1983, S. 347.

30 Bellori, 1672, S. 248.

31 Hibbard, 1983, S. 5; Spike, 2001, S. 22.

32 Mancini, in: Hibbard, 1983, S. 347.

33 Hibbard, 1983, S. 5.

34 Sandrart, 1675/ 1925, S. 275.

35 Bellori, 1672, S. 248.

36 Hibbard, 1983, S. 5-6.

37 ebd., S. 1.

38 ebd., S. 5.

39 unter anderen: Hibbard, 1983, S. 6.; Spike, 2001, S. 27

40 Mancini, in: Hibbard, 1983, S. 347.

41 Bellori, 1672, S. 248.

42 Baglione, 1642/ 1995, S. 136.

43 Mancini, in Hibbard, 1983, S. 347.

44 ebd.

45 ebd.

46 Baglione, 1642/ 1995, S. 136.

47 Hibbard, 1983, S. 8.

48 ebd., S. 9.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Lebens- und Werkdaten Caravaggios anhand von Quellen, Urkunden und Viten
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Caravaggio und die Caravaggisten
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
36
Katalognummer
V143540
ISBN (eBook)
9783640527977
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit enthält keine Abbildungen.
Schlagworte
Lebens-, Werkdaten, Caravaggios, Quellen, Urkunden, Viten
Arbeit zitieren
Magistra Artium Silvia Katzenmaier (Autor), 2005, Lebens- und Werkdaten Caravaggios anhand von Quellen, Urkunden und Viten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143540

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Lebens- und Werkdaten Caravaggios anhand von Quellen, Urkunden und Viten



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden