Intentionen im Sport als Möglichkeit der Flucht in den eigenen Körper zur Selbstverwirklichung

Gesellschaft unter der Haut


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
19 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Mensch und Sport - eine Zweckgemeinschaft ?

2. Der Mensch in der Fitness
2.1 Das Individuum und seine Intension Sport zu treiben
2.2 Fitness als Flucht aus dem Alltag

3. Der Nutzen des Sports für das Individuum und für das Kollektiv

4. Von der Leistungsgesellschaft zum Paradies Fitness

5. Literaturvezeichnis

1. Mensch und Sport - eine Zweckgemeinschaft ?

Schon der Kriegsheld Winston Churchill antwortete auf die ironische Frage eines Journalisten nach seiner jugendlichen Frische und seiner Fitness bei dem Genuss seiner Zigarre und einem Schluck Schnaps[1] mit zwei Wörtern: „No sports“ (http://dikigoros.tripod.com/england.htm.Stand 24.09.2005). Aufgrund seiner verschiedenen Leiden, wie Syphilis, Lungenkrebs, Herzverfettung und Leberzirrhose stellt sich mir die Frage, ob seine Verweigerung dem Sport gegenüber nun zu seinem verfrühten Tod beigetragen hat, oder ob ausschließlich seine sehr ungesunde Lebensweise den Ausschlag gab. Von einer ungesunden Lebensweise kann man ausgehen. Die Herzverfettung geht auf eine Adiposität zurück, die auf keine gesunde Ernährung schließen lässt. Dieser ungesunde Lebensstil ist leider auch in der breiten Bevölkerung zu finden.

Laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 2003, leiden 49% der Deutschen über 18 Jahre an Übergewicht[2]. Dass die Ausübung sportlicher Tätigkeit in Kombination mit einer gesunden Ernährungsweise diesem Zustand entgegen wirken könnte, ist in über 7000 wissenschaftlichen Ausarbeitungen in den letzten zwanzig Jahren bestätigt worden[3]. Aber kann man nur mit dieser disziplinierten Lebensweise ein erfolgreiches und glückliches Leben führen? Durch das gestiegene Angebot in Fitnessstudios im Bereich der Rückenschule und der Entspannung „geht das Image der Fitnessstudios immer stärker in Richtung Gesundheitstraining (Herz- und Kreislauftraing) bzw. Gesundheitsprävention und - rehabilitation [...]“ (SCHUSTER 2004: 167). Diesen Trend kann man auch an der Tatsache festmachen, dass eine erhöhte Zusammenarbeit zwischen Ärztinnen, Krankenkassen und Fitnessstudios stattfindet.

Der Sport hat aber nicht nur eine gesundheitsfördernde Wirkung, wie ich im Verlauf meiner Arbeit darlegen werde, sondern trägt auch zu einer Erholung, einem Ausgleich und einer Veränderbarkeit des Körpers bei.

„Außerdem haben die Individuen durch Fitness den Eindruck, etwas für sich zu tun, in ihrem Körper zu sein und flüchten zu können: durch körperliche Leistung aus derLeistungsgesellschaft in das Paradies Fitness. Auf die Weise wird aus dem gesellschaftlichen Leistungsanspruch, den an die einzelnen gestellt wird, ein individuelles Bedürfnis, das darin besteht mit Fitness dem eigenen Körper und damit sich selbst etwas Gutes zu tun.“ (SCHUSTER 2004: 175)

Auf den Inhalt dieser Aussage von Schuster möchte ich in meiner Arbeit eingehen und dies kritisch betrachten. Ich werde die Leitmotive, warum Menschen Sport treiben näher darlegen und daraus die Flucht aus dem (Berufs-)Alltag betrachten. Die zentrale Fragestellung bezieht sich auf die Annahme, dass Sport einen Nutzen hat.

„Sind die Motive Sport zu treiben individuell gegeben oder gesellschaftlich bestimmt?“ und „Stellt die körperliche Ertüchtigung einen individuellen Nutzen oder einen kollektiven Vorteil dar?“

Im Rahmen des Seminars „Gesellschaft unter der Haut“ habe ich mich versucht mit dieser Fragestellung auseinander zu setzen und die Thematik von Sport als Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität beleuchtet.

2. Der Mensch in der Fitness

Um eine Nähe zum eigenen Körper zu schaffen, sind viele Menschen sportlich aktiv, möchten neue Entspannungstechniken kennen lernen, versuchen sich gesund zu ernähren und treiben Kraft- und Ausdauertraining. In diesem Punkt möchte ich auf die Intentionen eingehen, die dieses Interesse an den oben genannten Bereichen erklären können.

Unsere Welt wird immer bequemer, sei es in der Berufswelt oder in der Freizeit. Diese Bewegung - weg vom Körper und der Natur - geht auf die immer fortschreitendere Technisierung zurück. Der Mensch wird zunehmend von Maschinen ersetzt und kann mehr körperlich oder geistig gefordert werden. Es ist aber auch zu sehen, dass die körperliche Fitness eine immer größer werdende Beachtung erlangt und die Gesundheit in den Vordergrund rückt. Auf diese Entwicklung möchte ich im Folgenden eingehen.

Wir haben viele Möglichkeiten, dem Drang Sport zu treiben, nachzugeben: Vereinssport, Fitnesstraining[4], Volkshochschule, etc.. Ich möchte mich auf das Fitnessstudio beschränken, da es die flexibelste Organisationsform ist und eine breite Masse anspricht. Das individuelle Konzept ist meiner Meinung nach für eine Vielzahl von Menschen geeignet. Auch die soziale Mischung ist breit gefächerter als im Verein o.Ä.. Ich beziehe mich hierbei auf eine Studie von Mrazek. Eine Befragung von 1041 Sportlern ergab, dass das Fitnessstudio von 52,7% der männlichen Befragten bevorzugt wird. Die meisten Besucher waren Angestellte, Lehrlinge und Arbeiter. Hingegen ergab sich im Vereinssport eine andere Verteilung. Die aktiven männlichen Sportler waren mit 53,6% nahezu gleich vertreten. 67,5% besaßen die Hochschulreife und waren hauptsächlich Studenten, Angestellte und Schüler. Nur 4,2% der Befragten waren Arbeiter. Weiterhin beurteilten die Probanden, dass der Verein eine fachgerechte Anleitung bietet, der monatliche Beitrag nicht hoch ist und eine Verpflichtung gegenüber der Organisation besteht. Das Fitnessstudio empfinden die Studienteilnehmer als eine moderne Organisation, welche teuer ist, aber wenig bindet und individuelle Wünsche berücksichtigt. Mrazek weißt darauf hin, dass diese Studie zwar nicht repräsentativ für Gesamtdeutschland angesehen werden kann, aber doch Aussagekraft besitzt[5]. Anhand dieser Studie kann man die subjektive Wirkung der verschiedenen Organisationsformen erkennen. Auch die Abweichung hinsichtlich des Bildungsgrades lässt darauf schließen, dass hauptsächlich Personen mit niedrigerem Bildungsniveau das Fitnessstudio bevorzugen. Das Fitnessstudio bietet noch einen weiteren Vorteil. Mancher Mensch ist Teil einer Masse, erledigt körperlich monotone Belastung bei der Ausübung seiner Erwerbstätigkeit. Er fällt nicht auf, kann sich nicht herausheben und ist unter Umständen im Zuge der fortwährenden Technisierung bald durch eine Maschine ersetzbar. Diese Unterforderung lässt sich in der Arbeiterschicht oftmals beobachten. Die Studie in Fitnessstudios von Mrazek ergibt einen Schwerpunkt der Mitgliederzahlen aus dieser Schicht. Das Bedürfnis nach Individualisierung wird in der Erwerbstätigkeit nicht gestillt, daher versuchen sie im Fitnessstudio durch gezieltes körperliches Training eine eigene Identität aufzubauen. Hier lässt sich ein Unterschied bei beiden Organisationsformen erkennen. Der Vereinssport geht mehr auf den Wunsch nach

Ausgleich in Form von spielerischen Trainingsformen in einer Gemeinschaft ein und das Fitnessstudio befriedigt eher die Herstellung einer eigenen Identität, die durch körperliche Definitionen in eigener Regie erreicht wird.

„Die Frage, ob eine einzige Organisationsform in einer Zeit zunehmender Individualisierung und Spezialisierung überhaupt in der Lage sein kann, allein individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden, muß aber bezweifelt werden.“ (MRAZEK 1995: 216)

Es gibt sowohl ein Klientel für Fitnessstudios und Vereine, da die Form des Sports aus den bereits genannten Gründen unterschiedliche Bedürfnisse befriedigt. Besonders Frauen sind mittlerweile sportlich aktiver, als noch vor einigen Jahrzehnten. 1950 war das Verhältnis Frau:Mann noch 1:8, heute ergeben Statistiken, dass das Verhältnis sich zu 1:3 verändert hat. Wenn man noch andere Organisationsformen wie z.B. Volkshochschulen oder Fitnessstudios hinzuzieht, sind die Frauen gleichgezogen[6].

Da Sportstudios zeitlich und individuell unabhängig sind und ihre Kurse auch zeitlich auf ihre Zielgruppe abstimmen, bleibt für den Verein, der keine individuelle Flexibilität aufweist und eine sehr große Verpflichtung für das Mitglied darstellt, kaum Platz. Für mich ergibt sich daher der Eindruck, dass für eine Vielzahl von Menschen das zeitlich flexiblere und unabhängige Fitnessstudio attraktiver ist als der Verein[7]. Die Kurszeiten sind auf bestimmte Zielgruppen ausgerichtet. Die Rückenschule wird vormittags verstärkt für die Hausfrauen und Rentner angeboten, wenn die Kinder in der Schule sind, ebenso wie ein klassischer „Bauch-Beine-Po“- und Yogakurs. Am frühen Abend werden dann die Spinningkurse zum „Auspowern“ für die Erwerbstätigen angeboten. Aber auch für die berufstätige Frau ist das Angebot speziell. Hatha-Yoga um 18 Uhr zum Entspannen und Step-Aerobic um 19 Uhr. Ich möchte allerdings klarstellen, dass eine Vermischung des Klientels durchaus möglich und in unseren heutigen Zeit auch wünschenswert ist. Die Hausfrau kann in den Spinning-Kurs um 20 Uhr gehen, genauso wie der Manager sich im Bauchintensiv­Kurs um 19 Uhr modellieren kann. Meine Aussagen stützen sich auf die Marketingbegründungen zum Aufbau des Kursplans in einigen Fitnessstudios.

2.1 Das Individuum und seine Intension Sport zu treiben

„Mit Fitnesstraining wird [...] angestrebt, Bequemlichkeit und Bewegungsmangel etwas entgegenzusetzen [...]. Inzwischen hat sich die Bewegung für mehr Bewegung zu einem medizinisch unterstützten Muskelaufbau- und Konditionstraining gewandelt, wobei der Spaß am Trainieren, wie schon bei der Trimm-Dich-Aktion propagiert, weiterhin an wichtiger Stelle steht [...]. Dieser Spaß ist zum einen mit den Erfolgsaussichten, die mit dem Fitnesstraining verbunden werden, also mit der Wiederherstellung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit verknüpft, d.h. möglicherweise auch mit der Vorstellung der Herstellbarkeit persönlichen Glücks. Zum anderen ist der Spaß am Trainieren mit der Möglichkeit verbunden, dabei soziale Kontakte zu knüpfen, z.B. in Gruppentrainings und im Bar-Bereich des Fitnessstudios. (SCHuStER 2004: 165f.)

Es gibt viele Gründe, wie Schuster zeigt, warum Menschen Sport betreiben. Auf einige möchte ich im Folgenden eingehen.

Die Effizienz der Arbeitsprozesse hat sich seit der Industrialisierung und dem heutigen computerunterstützten Zeitalter immer weiter verbessert und beinhaltet eine Vielzahl von Annehmlichkeiten für den Menschen. Aber mit der Automatisierung ist ein geringerer körperlicher Arbeitseinsatz verbunden. Neuerungen im Bereich der Fortbewegungsmittel und Erfindungen im Kommunikationswesen schaffen eine „Veränderung [des] räumlichen und zeitlichen Denkens“ (SCHUSTER 2004: 164). Heutzutage, wie Schuster in ihrer Abhandlung darlegt, bleibt uns Menschen jeder 'unnötige' Weg erspart - „Arbeitskolleginnen kommunizieren per elektronischem Kontakt, der Einkauf per Internet gewinnt ebenso an Bedeutung wie zum Beispiel elektronisches Banking etc.“ (SCHUSTER 2004: 164). Durch den Einsatz von Computern am Arbeitsplatz „wird der Körper auf Kopf und Hand, und die Sinne auf den Sehsinn reduziert“ (SCHUSTER 2004: 165).

Auch Opper weist auf diese Veränderung hin. Früher verbrachten die Menschen die meiste Zeit des Tages mit körperlicher Betätigung. In unserer Generation entwickelte sich eine Bequemlichkeit, der sich der Organismus anpasst. Die geringere Belastung führt zu Bewegungsmangel, was eine große Bedeutung bei dem Aufkommen der Zivilisationskrankheiten einimmt[8]. Hieraus lässt sich ersehen, dass der verminderte körperliche Einsatz, der im Berufsalltag und in der Freizeitgestaltung einhergeht, laut Schuster eine gesundheitliche Beeinträchtigung darstellen kann. Anhand dieser

[...]


[1] Vgl. (http://dikiaoros.tripod.com/enaland.htm· Stand 24.09.2005

[2] Vgl. http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2004/p1870095.htm· Stand 24.09.2005)

[3] Vgl. OPPER 1998: 162

[4] Unter dem Begriff Fitnesstraining habe ich das Bodybuilding, als extreme Form des Fitnesstrainings an Geräten, die Straffung und Modellierung des Körpers an Geräten im Fitnessstudio und das Joggen zusammengefasst. Alle drei Punkte sind zeitlich flexibel und individuell aufdie eigenen Bedürfnisse abzustimmen. Schuster sieht im Jogging ebenfalls eine individuelle und zeitlich ungebundene „Fitnesssportart“ (SCHUSTER 2004:168)

[5] Vgl. MRAZEK 1995: 204f

[6] Vgl. MRAZEK 1995: 203

[7] Vgl. SCHUSTER 2004: 161

[8] Vgl. OPPER 1998: 62

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Intentionen im Sport als Möglichkeit der Flucht in den eigenen Körper zur Selbstverwirklichung
Untertitel
Gesellschaft unter der Haut
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V143578
ISBN (eBook)
9783640544646
ISBN (Buch)
9783640544974
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Sportsoziologie, Fitnesstudio, Gender, Körper
Arbeit zitieren
Michael Habermann (Autor), 2005, Intentionen im Sport als Möglichkeit der Flucht in den eigenen Körper zur Selbstverwirklichung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143578

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