Durch Verwendung von Schriftsprache fehlt es dem Chatten an bestimmten Voraussetzungen der Interaktion, zu denen Blicke, Gestik, Mimik, unmittelbare Reziprozität und Prosodie gehören. Gerade letztere ist ein sehr relevantes linguistisches Signalisierungsmittel. Daraus ergeben sich die Fragen: Welche Strategien werden von Nutzer*innen in Chats verwendet, um sich den fehlenden Voraussetzungen der Prosodie anzupassen? Welche Konventionen lassen sich bei der Nutzung von Anpassungsstrategien erkennen?
Um diese Fragen im Folgenden zu beantworten, soll die Kommunikation im Chat zunächst in die Dimensionen von Mündlichkeit und Schriftlichkeit eingeordnet werden. Darauffolgend wird auf die Bedeutung und Funktion von Prosodie eingegangen und erörtert, welche Möglichkeiten sich ergeben könnten, diese auch in der Chat-Kommunikation umzusetzen. Anhand der beschriebenen Anpassungsstrategien werden Beispiele aus dem MoCoDa 2 Korpus kategorisiert. Die Beispiele des Korpus werden analysiert, um auf die Funktionen der einzelnen Strategien zu schließen. Dabei stammen die zu untersuchenden Beispiele aus Paarinteraktionen in der Altersgruppe der 10- bis 25-jährigen. Diese sind als „Digital Natives“ im Digitalzeitalter aufgewachsen und mit der Nutzung von sozialen Netzwerken und Chatfunktionen und ihren Konventionen vertraut. Die private Kommunikation in Chats gehört zu ihrem Alltag. Somit kann Untersuchung von Beispielchats dieser Altersgruppe die konkrete Anwendung von Anpassungsstrategien und deren Wirkung aufzeigen. Im Anschluss wird eine Auswertung erfolgen und zusammengefasst, wie sich Chat-Kommunikation einordnen lässt und wie Anpassungsstrategien in Hinblick auf die fehlenden Voraussetzungen für Prosodie angewendet werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Chat-Kommunikation zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit
2.1 Chat-Kommunikation als Kommunikationsform
2.2 Mündlichkeit und Schriftlichkeit
2.3 Einordnung der Chat-Kommunikation
3 Prosodie
3.1. Funktion und Bedeutung prosodischer Elemente für die Kommunikation
3.2 Mögliche Anpassungsstrategien für fehlende prosodische Elemente
4 Untersuchung von Anpassungsstrategien im Korpus
4.1 MoCoDa 2 Korpus
4.2 Beispiele für Anpassungsstrategien im Korpus
4.2.1 Abkürzungen
4.2.2 Iteration von Buchstaben
4.2.3 Großschreibung
4.2.4 Interpunktion
4.2.5 Emojis
4.3 Auswertung
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Nutzer in der privaten Chat-Kommunikation das Fehlen prosodischer Signale, wie sie in der gesprochenen Sprache existieren, durch spezifische schriftliche Anpassungsstrategien kompensieren. Ziel ist es, auf Basis des MoCoDa 2 Korpus aufzuzeigen, wie Konventionen der elektronischen Kommunikation genutzt werden, um emotionale und kontextuelle Nuancen in den Chat zu übertragen.
- Einordnung der Chat-Kommunikation im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit.
- Bedeutung prosodischer Elemente als Signalisierungsressource in der Interaktion.
- Kategorisierung von Anpassungsstrategien (Abkürzungen, Iterationen, Großschreibung, Interpunktion, Emojis).
- Empirische Untersuchung der Strategien an Beispielen aus dem MoCoDa 2 Korpus.
- Analyse der Wirkung dieser Strategien auf Kontextualisierung und Emotionalisierung.
Auszug aus dem Buch
3.2 Mögliche Anpassungsstrategien für fehlende prosodische Elemente
Prosodische Merkmale sind bei der Chat-Kommunikation dadurch, dass diese auf medial schriftlicher Ebene stattfinden, nicht realisierbar. Gleichzeitig sind sie mit ihren verschiedenen Funktionen ein relevantes Signalisierungsmittel in der Interaktion und damit auch für das konzeptionell mündliche Chatten wichtig. Um die Funktionen prosodischer Elemente auch auf medial schriftlicher Ebene verwirklichen zu können, verwenden die Kommunikationspartner*innen verschiedene Anpassungsstrategien, die sich auf schriftlicher Ebene realisieren lassen. Auch Balnat (2012: 10) weist darauf hin, dass Teilnehmer*inneren das Fehlen para- und nonverbaler Handlungen durch andere Mittel kompensieren.
Balnat (2012: 11) beschreibt dabei beispielsweise Abkürzungen als Kontextualisierungshinweise. Als Beispiele werden hier „JK (< just kidding), rofl (< rolling on [the] floor laughing) sowie lol und seine Varianten (loool, löööl, löle, oberlol)“ (Balnat 2012: 11) genannt. Diese können als Ironiemarker wirken und Gesprächssituationen entschärfen.
Auch auf graphematischer Ebene sind Verfahren zu nennen, die die versuchen fehlende Prosodie und Intonation zu kompensieren. Balnat beschreibt hierzu: „Die prosodische Hervorhebung erfolgt zunächst durch Iteration von Buchstaben, vorwiegend von Vokalen. Je intensiver ein Gefühl, umso mehr wird vervielfacht (durch ein umso längeres Drücken der jeweiligen Taste) […] Die Hervorhebung mittels Schriftzeichen wird manchmal anders markiert als in der gesprochenen Sprache“ (2012: 13).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz von Chat-Kommunikation ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Kompensation fehlender Prosodie durch Anpassungsstrategien.
2 Chat-Kommunikation zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit: Das Kapitel verortet das Chatten im Mündlichkeits-/Schriftlichkeitsmodell und diskutiert Ansätze zur Definition als medial schriftliche, aber konzeptionell mündliche Kommunikationsform.
3 Prosodie: Es werden die Funktionen prosodischer Merkmale in der gesprochenen Sprache erläutert und die Notwendigkeit aufgezeigt, diese Funktionen im schriftlichen Chat durch alternative Strategien zu ersetzen.
4 Untersuchung von Anpassungsstrategien im Korpus: In diesem Hauptteil werden fünf spezifische Strategien anhand von Daten aus dem MoCoDa 2 Korpus analysiert und ihre kommunikative Wirkung interpretiert.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Anpassungsstrategien essenzielle Ressourcen der Chat-Interaktion darstellen, die zur Strukturierung, Kontextualisierung und Emotionalisierung dienen.
Schlüsselwörter
Chat-Kommunikation, Prosodie, Anpassungsstrategien, MoCoDa 2, Mündlichkeit, Schriftlichkeit, Kontextualisierung, Emotionalisierung, Abkürzungen, Iteration, Großschreibung, Emojis, Interpunktion, Digitale Kommunikation, Sprachtheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Menschen in der computervermittelten Kommunikation (Chats) prosodische Elemente wie Tonfall oder Betonung ersetzen, die beim Tippen verloren gehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Thematisiert werden die Linguistik der Chat-Kommunikation, der Gegensatz von Mündlichkeit und Schriftlichkeit sowie die Analyse von Korpusdaten zur Identifizierung sprachlicher Muster.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Identifizierung und Kategorisierung konkreter Anpassungsstrategien (z.B. Emojis oder Zeichenwiederholungen), mit denen Internetnutzer emotionale Inhalte in Textnachrichten vermitteln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine korpuslinguistische Untersuchung durchgeführt, bei der reale Chat-Sequenzen aus dem MoCoDa 2 Korpus qualitativ und explorativ analysiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden fünf Strategien – Abkürzungen, Iteration von Buchstaben, Großschreibung, Interpunktion und Emojis – anhand von authentischen Beispielen detailliert untersucht und in ihren kommunikativen Funktionen besprochen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Chat-Kommunikation, Prosodie, Kontextualisierung, Emotionalisierung, Zeicheniteration und digitale Kommunikation.
Warum spielt das MoCoDa 2 Korpus eine so wichtige Rolle für die Analyse?
Es dient als empirische Datenbasis für genuine, private Chat-Verläufe, die authentische Einblicke in die Kommunikation von sogenannten „Digital Natives“ der Altersgruppe 10 bis 25 Jahre ermöglichen.
Wie beeinflusst die Wahl der Emojis die Deutung von Sarkasmus?
Die Untersuchung zeigt, dass Emojis, die in bewusstem Kontrast zum geschriebenen Inhalt stehen (z. B. ein gähnendes Gesicht bei einer Party-Beschreibung), als Marker für Sarkasmus fungieren.
Ist der beitragsfinale Punkt in Chats immer nur ein Satzzeichen?
Nein, die Arbeit stellt heraus, dass der Punkt am Ende einer Nachricht in Chats oft redundant ist und je nach Kontext eher der Markierung von Abgeschlossenheit oder der Simulation einer ablehnenden Haltung dient.
- Arbeit zitieren
- Paula Surkau (Autor:in), 2023, Anpassungsstrategien für fehlende prosodische Elemente in der Chat-Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1435817