Diese Thesis zielt darauf ab, Moral Distress unter professionell Pflegenden während der Covid-19-Pandemie zu untersuchen und dessen Verbindung zum Coolout-Phänomen, der moralischen Desensibilisierung, aufzuzeigen. Sie erforscht, wie eskalierte Arbeitsbedingungen und die Pandemie Moral Distress verstärken und zu einer moralischen Desensibilisierung führen können.
Die Arbeit basiert auf einer systematischen Literaturrecherche, die sich mit den moralischen Herausforderungen professionell Pflegender während der Covid-19-Pandemie befasst. Sie untersucht den Moral Distress und dessen Korrelation zum Coolout-Phänomen, das als Prozess der moralischen Desensibilisierung beschrieben wird. Die Ergebnisse zeigen deutlich das Vorhandensein von Moral Distress unter Pflegekräften und legen nahe, dass dadurch eine moralische Desensibilisierung stattfinden kann. Die Arbeit diskutiert, ob geplante Entlastungen durch das Bundesgesundheitsministerium diesen Prozess beeinflussen können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zielsetzung
3 Methodik
3.1 Suchstrategie
3.1.1 Suchbegriffe und -terme
3.2 Ein- und Ausschlusskriterien
3.3 Suchprofile der Fachdatenbanken mit Suchtermen
3.3.1 Ebsco Cinahl Complete
3.3.2 SpringerLink
3.4 Andere Quellen
3.4.1 MSH-Bibliothek
3.4.2 Vorliegende Literatur
3.5 Prisma Flow Diagramm zur systematischen Literaturrecherche
3.5.1 Ergebnisse der systematischen Literaturrecherche
3.6 Deskriptive Charakteristik und kritische Beurteilung der Literatur
3.6.1 Moral
3.6.2 Moral Distress
3.6.3 Coolout
3.6.4 Korrelation und Auswirkung von Moralverständnis, Moral Distress und Cooloutansätzen im Pflege- und Gesundheitswesen unter Einfluss der Covid-19-Pandemie
4 Moral
4.1 Moralentwicklung nach Jean Piaget und Lawrence Kohlberg
4.2 Aktuelles Moralverständnis
4.3 Die moralische Identität professionell Pflegender
4.3.1 Die Moral professionell Pflegender im Spannungsfeld der Ökonomie
4.4 Moral Distress
5 Coolout – der Prozess der moralischen Desensibilisierung
5.1 Die Metapher der Kälte
5.2 Die Coolout-Studie nach Karin Kersting
5.2.1 Die Reaktionsmuster und Verdichtungstypen
5.2.2 Die Kälteellipse nach Karin Kersting
6 Wie Moral Distress während einer Pandemie zur moralischen Desensibilisierung der Pflegefachkräfte führt
6.1 Moral Distress bei professionell Pflegenden während der Covid-19-Pandemie
6.1.1 „Erlebnisqualitäten moralischer Belastung professionell Pflegender und die Notwendigkeit des Schutzes der moralischen Integrität – am Beispiel der Covid-19-Pandemie“, Riedel& Lehmeyer, 2021
6.1.2 „Umgang mit psychischer Belastung bei Gesundheitsfachkräften im Rahmen der Covid-19-Pandemie“, Petzold et al., 2020
6.1.3 „Ich stehe jeden Dienst mit mir selbst im Konflikt – „Moral distress bei Altenpflegenden während der Covid-19-Pandemie“, Begerow& Gaidys, 2022
6.1.4 „Pflege in Zeiten von COVID-19: Onlinebefragung von Leitungskräften zu Herausforderungen, Belastungen und Bewältigungsstrategien“, Hower et al., 2020
6.2 Wie durch Moral Distress während der Covid-19-Pandemie die Balance zwischen normativem Anspruch und Systemrationalität aus dem Gleichgewicht gerät
6.3 Professionell Pflegende auf den Schwellen zum Coolout
7 Limitationen
8 Fazit
9 Forschungsausblick
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, die Störung der moralischen Identität von professionell Pflegenden durch pandemiebedingte strukturelle Veränderungen aufzuzeigen und den daraus resultierenden Moral Distress als Auslöser für den Prozess der moralischen Desensibilisierung (Coolout) zu untersuchen. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Interdependenz zwischen eskalierten Arbeitsbedingungen während der Covid-19-Pandemie und der moralischen Integrität der Pflegefachkräfte.
- Moralische Entwicklung und Identität professionell Pflegender
- Moral Distress in der Pflegepraxis unter Pandemieeinfluss
- Prozess der moralischen Desensibilisierung (Coolout-Konzept nach Karin Kersting)
- Spannungsfeld zwischen pflegerischem Anspruch und Systemrationalität
- Auswirkung ökonomischer Rahmenbedingungen auf das pflegerische Handeln
Auszug aus dem Buch
Die Moral professionell Pflegender im Spannungsfeld der Ökonomie
Alle professionell Pflegenden befinden sich in ihrer beruflichen Realität in einem Spannungsfeld zwischen der Normerfüllung, welche durch die gesetzlich verankerten Vorgaben gegeben und in der moralischen Identität inkludiert ist, und den strukturellen Vorgaben der effizienten Organisation Krankenhaus, an welche sie gebunden sind. Die Pflegepraxis besteht einerseits aus den professionell Pflegenden, welche aus in- und extrinsischer Motivation ihren pflegerischen Anspruch verwirklichen möchten und andererseits aus strukturellen ökonomischen Vorgaben, die dieses Vorhaben streng limitieren. „Anspruch und Wirklichkeit des beruflichen Alltags klaffen in jedem Beruf auseinander. Jeder Beruf hat in der alltäglichen Praxis seine Unzulänglichkeiten. Es war zu vermuten, dass dies auch auf die Pflege als Inbegriff des helfenden Berufs zutrifft“ (Kersting, 2019, S.11).
Den die persönlichen Moralentwicklung prägenden Gerechtigkeitsgedanken, welcher mit fortschreitender Reife immer weiter abstrahiert wird, findet man ebenso im ökonomischen Moralverständnis wieder, jedoch weitaus weniger emotional tingiert, sondern rein rational: „Aus ökonomischer Sicht ist Moral eine Verhaltensweise, die in einer Welt der Knappheit und Konflikte bestimmte Koordinationsaufgaben erfüllen soll und dementsprechend zu fassen ist“ (Weise, 2022, S.210).
Zwar ist ein Krankenhaus nicht offenkundig ein betriebswirtschaftlicher Konzern, da sie per Erwartungshaltung der Gesellschaft eine primär humane Einrichtung ist (Kersting, 2019), dennoch wird hier unter der Prämisse der ökonomischen Moral agiert, was weitreichende Konsequenzen für die professionell Pflegenden und die daraus generierte Pflegepraxis hat. Es ist offensichtlich, dass das Moralverständnis professionell Pflegender und jenes Ökonomie fokussierte des Krankenhauses nicht kongruent sind und sein können: „Das Krankenhaus stellt eine Einrichtung dar, in der Krankenpflege auch „Massenpflege“ ist“ (Kersting, 2019, S.34). Es entsteht eine Diskrepanz im sogenannten „Sein und Sollen“ in der Pflege, welche laut Kersting metaphorisch gesprochen zwei Seiten einer Medaille bildet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die prekäre Situation professionell Pflegender während der Covid-19-Pandemie und führt in die zentralen Begriffe Moral Distress und Coolout ein.
2 Zielsetzung: In diesem Kapitel wird das Vorhaben erläutert, die Störung der moralischen Identität durch pandemiebedingte Strukturveränderungen und den resultierenden Prozess der moralischen Desensibilisierung zu untersuchen.
3 Methodik: Es wird die systematische Literaturrecherche detailliert beschrieben, inklusive Suchstrategien, Datenbanknutzung und Kriterien zur Auswahl der evidenzbasierten Quellen.
4 Moral: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Moralentwicklung nach Piaget und Kohlberg dargelegt und in den berufsethischen Kontext sowie das Spannungsfeld der Ökonomie übersetzt.
5 Coolout – der Prozess der moralischen Desensibilisierung: Dieses Kapitel erläutert das Coolout-Konzept nach Karin Kersting, inklusive der „Metapher der Kälte“ und der empirischen Reaktionsmuster.
6 Wie Moral Distress während einer Pandemie zur moralischen Desensibilisierung der Pflegefachkräfte führt: Hier werden die spezifischen Pandemie-Belastungsfaktoren analysiert und deren Korrelation mit moralischem Distress und zunehmender moralischer Desensibilisierung aufgezeigt.
7 Limitationen: Es wird darauf hingewiesen, dass zum Erhebungszeitpunkt die Pandemie noch andauerte und weiterführende Studien zur abschließenden Verifizierung nötig sind.
8 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, wonach pandemiebedingte Arbeitsbedingungen Moral Distress massiv fördern und damit den Coolout-Prozess forcieren.
9 Forschungsausblick: Es wird vorgeschlagen, das theoretische Modell durch leitfadengestützte Interviews mit Pflegekräften empirisch zu validieren und Auswirkungen politischer Entlastungen zu evaluieren.
Schlüsselwörter
Moral Distress, Coolout, moralische Desensibilisierung, Covid-19-Pandemie, Pflegefachkräfte, moralische Identität, Ethik, Systemrationalität, Arbeitsbedingungen, Patientenversorgung, psychische Belastung, normative Ansprüche, Krankenhausmanagement, Moralentwicklung, Pflegedidaktik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie die erschwerten Arbeitsbedingungen während der Covid-19-Pandemie bei professionell Pflegenden zu moralischen Konflikten (Moral Distress) führen und einen Prozess der moralischen Abstumpfung (Coolout) auslösen können.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die moralische Entwicklung des Menschen, die moralische Identität im Pflegeberuf, das Konzept des Moral Distress und den Coolout-Prozess nach der Theorie von Karin Kersting.
Was ist das primäre Ziel oder die Kernforschungsfrage?
Das Ziel ist der Nachweis, dass der pandemiebedingte Moral Distress professionell Pflegende in eine moralische Desensibilisierung (Coolout) treibt, um den immanenten Widerspruch zwischen ihrem professionellen Anspruch und den strukturellen Systemvorgaben auszuhalten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Bachelorthesis basiert auf einer systematischen Literaturrecherche, bei der evidenzbasierte Quellen zu den Themen Moral, Moral Distress und Coolout in einem pandemiebezogenen Kontext analysiert und kritisch bewertet wurden.
Welche Inhalte dominieren den Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen der Moralentwicklung und des Pflegeverständnisses, die detaillierte Darstellung des Coolout-Prozesses sowie die empirische Analyse von Belastungsfaktoren während der Covid-19-Pandemie.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Besonders prägend sind die Fachbegriffe Moral Distress, Coolout-Phänomen, moralische Desensibilisierung und das Spannungsfeld zwischen Systemrationalität und normativem Anspruch in der Pflege.
Warum wird das Modell von Karin Kersting als zentraler theoretischer Bezugspunkt verwendet?
Kerstings Coolout-Studien liefern das fundierte Gerüst, um den „Perspektivwechsel“ von der positiven Moral hin zum Anpassungsmechanismus der „Kälte“ bei Pflegenden nachvollziehbar zu machen und in Reaktionsmustern abzubilden.
Inwiefern hat die Covid-19-Pandemie den Stress in der Pflege verschärft?
Die Pandemie fungierte als Katalysator, indem sie einerseits den Personalmangel und Ressourcenknappheit verstärkte und andererseits die Diskrepanz zwischen moralisch notwendigem Handeln (z.B. hochwertige Pflege) und politisch-ökonomischen Zwängen (z.B. begrenzte Schutzausrüstung) massiv zuspitzte.
Welche Rolle spielt die „Metapher der Kälte“ in dieser Analyse?
Sie dient zur Illustration, wie professionell Pflegende sich psychologisch schützen, indem sie gewissermaßen „erkalten“, um in einem als unauflösbar empfundenen Widerspruch zwischen Sollen (ethischer Anspruch) und Sein (pandemischer Arbeitsalltag) überhaupt noch funktionsfähig zu bleiben.
Wird im Fazit eine Möglichkeit zur Besserung der Situation genannt?
Ja, die Autorin sieht in der Erkenntnis der Reversibilität dieses Prozesses einen Ansatzpunkt. Durch strukturelle Entlastungen und eine aktive Resensibilisierung der professionell Pflegenden könnte ein Ausweg aus dem Coolout-Prozess gefunden werden.
- Arbeit zitieren
- Johanna-Julia Schlawin (Autor:in), 2023, Moral Distress und Coolout-Phänomen unter Pflegekräften während der Covid-19-Pandemie. Eine Analyse der moralischen Herausforderungen und Desensibilisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1436911