In der folgenden Arbeit soll die Scherfleingabe der armen Witwe in Mk 12,41-44 exegetisch untersucht werden.
Die Perikope folgt im Anschluss an einige Streit- und Schulgespräche, in denen der markinische Jesus zu zentralen theologischen Themen vor der jüdischen Obrigkeit Stellung bezieht. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Ereignissen wirkt die Gabe der armen Witwe fast unscheinbar, weshalb die Stelle für mich herausgestochen ist: Jesus beobachtet die Gabe der Witwe in der Schatzkammerhalle still und alleine und ruft anschließend nur seine Jünger zu sich, wobei von der Menschenmenge und Gesetzeslehrern keine Rede mehr ist. Markus beschreibt im vorangegangenen Erzählstoff eine als vordergründig geschilderte Frömmigkeit der Schriftgelehrten und kontrastiert dazu die echte Gebebereitschaft der armen Witwe, welche ein Exempel für die Nachfolger Christi darstellt. Daher hat die Scherfleingabe der Witwe aus meiner Sicht einen besonderen Stellenwert. Der markinische Jesus weist der geringeren Gabe der armen Witwe einen höheren Wert zu, als den vergleichsweise höheren materiellen Gaben der übrigen Menschen. Im Folgenden möchte ich mit wissenschaftlich-exegetischer Methodik zum einen die Bedeutung der Textstelle hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Jesus und Menschen der sozialen Unterschicht untersuchen. Zum anderen erhoffe ich mir, mit exegetischem Vorgehen die Stellung und Relevanz der Perikope im Kontext des Evangeliums nach Markus zu erforschen. Da das Erlernen der griechischen Sprache kein Inhalt des Studiums der evangelischen Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule ist, werde ich zur Textsicherung mit einer deutschen Interlinearübersetzung des Novum Testamentum Graece und einem Wörterbuch arbeiten, um die Texte verschiedener deutscher Übersetzungen (LUT, ELB, ZB, GNB) besser vergleichen und beurteilen zu können. Im synchronen Arbeitsschritt werde ich die Perikope in der syntaktischen und semantischen Analyse zunächst sprachlich untersuchen, die Gattung des Textes bestimmen sowie die Absicht des Textes (Pragmatik) beschreiben. Anschließend wird die Perikope im Markusevangelium verortet und mögliche innerbiblische Verweise werden analysiert. Im Diachronen Methodenschritt werden mögliche Veränderungen durch Markus als Redaktor mithilfe der Literar- und Redaktionskritik untersucht, um im anschließend Schritt den historischen Kontext zu skizzieren. [...]
Inhaltsübersicht
1. Einleitung: hermeneutische Vorüberlegungen
2. Einleitungsfragen
3. Textsicherung
3.1. Textkritische Rückfrage
3.2. Übersetzungsvergleich
3.3. Textabgrenzung
4. Synchrone Methodenschritte
4.1. Syntaktische Analyse
4.2. Semantische Analyse
4.3. Gattungsbestimmungen
4.4. Pragmatische Analyse
4.5. Kontextanalyse
4.6. Intertextualität
5. Diachrone Methodenschritte
5.1. Literarkritischer Arbeitsschritt
5.2. Redaktionskritischer Arbeitsschritt
5.3. Historische Kontextualisierung
6. Schluss: hermeneutische Reflexion
7. Anhang
7.1. Übersetzungsvergleich
7.2. Syntax
7.3. Semantik
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht exegetisch die Perikope der Scherfleingabe der armen Witwe in Markus 12,41-44. Ziel ist es, unter Anwendung wissenschaftlich-exegetischer Methoden die Bedeutung der Textstelle im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Jesus und Menschen der sozialen Unterschicht zu beleuchten sowie die Relevanz der Perikope innerhalb des Markusevangeliums zu erforschen.
- Wissenschaftlich-exegetische Textanalyse unter Berücksichtigung von Syntax, Semantik und Pragmatik.
- Einordnung der Perikope in das theologische und literarische Gefüge des Markusevangeliums.
- Untersuchung des sozio-ökonomischen Kontextes von Armut und Tempelkult zur Zeit des Neuen Testaments.
- Kontrastierung der echten Gebebereitschaft der Witwe mit der vordergründigen Frömmigkeit der jüdischen Obrigkeit.
- Anwendung diachroner Methoden (Literar- und Redaktionskritik) zur Analyse der Entstehungsgeschichte.
Auszug aus dem Buch
4.1. Syntaktische Analyse
Der Satzbau der Perikope ist vornehmlich parataktisch geprägt und besteht ausschließlich aus Aussagen, Imperativ- oder Fragesätze sind nicht vorhanden. Die verschiedenen Hauptsätze werden in der ZB häufig (sechsmal in vier Versen) mit der Konjunktion „und“ eingeleitet bzw. verbunden, in der LUT sogar siebenmal. Dabei sind in der ganzen Perikope lediglich drei Relativsätze (ZB) vorhanden. Der Text kann unterteilt werden in eine Rahmenerzählung, in der die Situation beschrieben wird und in eine Rede Jesu, bestehend aus einem Schulgespräch sowie einer Erläuterung. Die Rahmenerzählung schließt den Ortswechsel Jesu und seiner Jünger in den Vorhof des Tempels, der auch für Frauen zugänglich ist, in V.41a, sowie die Erzählung der Scherfleingabe bis V.43a, ein. Die Rede Jesu beginnt in V.43b. mit der Formel „Amen ich sage euch“ (ZB) und zieht sich in direkter Rede bis zum Ende der Perikope. Der Satzbau ist, für Markus typisch, relativ einfach gehalten, bestehend aus vielen Hauptsätzen mit Subjekt, Objekt und Prädikat. Der Modus der Verben ist stets der Indikativ, wobei in der ZB, wie auch in den anderen deutschen Übersetzungen, außerdem fortwährend ein aktives Genus vorherrscht.
Im Gegensatz dazu findet man in der Interlinearübersetzung für das Griechisch typische, häufige Passivformen. Die eher geringe Anzahl an Proformen unterstützt den einfacheren Satzbau. Die Verben in der Rahmenerzählung stehen ausnahmslos im Präteritum und unterstreichen den Charakter eines Berichts. Eine Ausnahme findet sich in V.42b, wobei der Autor im Präsens den Wert der zwei Münzen erklärt. Mit V.43b beginnt die direkte Rede Jesu, welche mit einem Satz im Präsens beginnt. Markus lässt Jesus seine Rede selbst einleiten durch eine Eingangsformel sowie einen Doppelpunkt. Die komplette Rede Jesu ist bis zum Ende der Perikope im Perfekt verfasst. Die einzige Ausnahme bildet hierbei die nähere Beschreibung „hatte“ in V.44b, wobei das Verb im Präteritum gebildet wird. Sind in V.43a die Jünger noch als Akkusativobjekt vom Autor in der dritten Person Plural („ihnen“) aufgeführt, spricht Jesus sie in V.43b in der 2. Person Plural („euch“) an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: hermeneutische Vorüberlegungen: Einführung in das Thema der Scherfleingabe der armen Witwe und Darlegung der methodischen Vorgehensweise.
2. Einleitungsfragen: Einordnung der Perikope in das Markusevangelium unter Klärung von Autorschaft, Datierung und theologischen Schwerpunkten.
3. Textsicherung: Analyse textkritischer Aspekte, Vergleich verschiedener deutscher Bibelübersetzungen und Bestimmung der Abgrenzung der Perikope.
4. Synchrone Methodenschritte: Sprachliche Untersuchung mittels syntaktischer und semantischer Analyse sowie Bestimmung von Gattung, Pragmatik und Kontext.
5. Diachrone Methodenschritte: Analyse der Entstehungsgeschichte durch Literar- und Redaktionskritik sowie historische Kontextualisierung der Bibelstelle.
6. Schluss: hermeneutische Reflexion: Zusammenfassende Auswertung der Bedeutung der Perikope als Spiegelbild der Verkündigung Jesu und ihrer Relevanz für die Gegenwart.
7. Anhang: Detaillierte tabellarische Gegenüberstellungen der verschiedenen Bibelübersetzungen sowie grafische Darstellung der syntaktischen und semantischen Befunde.
Schlüsselwörter
Markusevangelium, Scherfleingabe, arme Witwe, Exegese, Tempel, Opfergabe, Gebebereitschaft, Frömmigkeit, Soziale Unterschicht, Reich Gottes, Methodik, Hermeneutik, Textanalyse, Markinische Gemeinde, Jesusworte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Proseminararbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer exegetischen Untersuchung der biblischen Perikope der Scherfleingabe der armen Witwe, die im Markusevangelium (Mk 12,41-44) überliefert ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen das Gebeverhalten der armen Witwe im Kontrast zur jüdischen Obrigkeit, das Verständnis des Reiches Gottes bei Markus sowie die sozio-ökonomische Situation von armen Bevölkerungsschichten zur Zeit Jesu.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Bedeutung dieser Textstelle hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Jesus und Menschen der sozialen Unterschicht zu analysieren und die Rolle der Perikope innerhalb des Markusevangeliums zu ergründen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit nutzt sowohl synchrone Methoden (syntaktische, semantische und pragmatische Analyse) als auch diachrone Zugänge (Literar- und Redaktionskritik sowie historische Kontextualisierung).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte textliche Sicherung, die synchrone und diachrone methodische Untersuchung der Perikope sowie eine Kontextanalyse innerhalb des Großevangeliums.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist insbesondere durch Begriffe wie Scherfleingabe, arme Witwe, Markusevangelium, Gebebereitschaft, Tempelkult und Exegese geprägt.
Warum erfolgt ein detaillierter Vergleich mehrerer deutscher Bibelübersetzungen?
Da der Autor das Griechische nicht als Hauptstudieninhalt belegt hat, dient der Vergleich zwischen Übersetzungen wie LUT, ELB, ZB und GNB der Absicherung der Textbasis und der Begründung für die Wahl einer Arbeitsgrundlage.
Welche besondere Bedeutung kommt der Zürcher Bibel (ZB) in dieser Untersuchung zu?
Aufgrund ihrer im Vergleich zum griechischen Urtext präziseren Wortwahl und der differenzierten Berücksichtigung von Begriffen wie „Schatzkammer“ und „Opferstock“ wählt der Verfasser die Zürcher Bibel als Übersetzungsgrundlage für den weiteren Verlauf der Arbeit.
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- Samuel Haug (Autor), 2021, Exegese zu Markus 12, 41-44. Die Scherfleingabe der armen Witwe, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1438209