Die Satire und das Groteske in Hilsenraths "Der Nazi & der Friseur"


Hausarbeit, 2009

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Spannungsfeld Holocaust und Literatur

III. Die Satire und das Groteske in „Der Nazi & der Friseur“
1. Der satirisch analoge Blick
2. Die positive Transformation

IV. Schluss oder literarischer Umweg

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Im Jahr 1971 erscheint „The Nazi & The Barber“ bei Doubleday & Company. In Amerika findet Hilsenraths Roman großen Anklang und er wird daraufhin in Italien, Frankreich und England publiziert. Verlage in Deutschland lehnen eine Veröffentlichung ab. So gelingt Edgar Hilsenrath erst 1977 eine Publikation[1] in Deutschland, nachdem er bereits wieder zwei Jahre in Deutschland lebt, denn:

„So kann und darf man über das Thema Holocaust nicht publizieren!“[2]

Dieser Satz weist bereits auf das Spannungsfeld zwischen Holocaust und Literatur hin, das unüberwindlich, ja unvereinbar scheint, eine Aporie. In der vorliegenden Hausarbeit Die Satire und das Groteske in Hilsenraths „Der Nazi & der Friseur“ soll dieses Spannungsfeld herausgearbeitet werden, um in einem weiteren Schritt zu zeigen, dass das Unvereinbare in den Elementen des Satirischen und des Grotesken vereint werden kann. Es soll gezeigt werden, dass eine Transformation nicht nur wünschenswert, sondern möglich ist, indem eine analoge Sicht zur Transformation und damit zur Vereinbarkeit von Holocaust und Literatur führen. Das Unvereinbare vereinen, dies ist Hilsenrath in seinem Roman gelungen. Die Metaphorik des Romans, die Bilder, so satirisch und grotesk sie sind, durchbrechen die Aporie von realistischem Erzählen und Dokumentation und machen ein Schreiben nach Auschwitz möglich. Es wird gezeigt, dass Adornos These, dass alle Kultur nach Auschwitz Müll ist[3], aufgehoben wird, eben durch die Aufhebung der Aporie im Satirischen und Grotesken. Es soll gezeigt werden, dass Hilsenrath in seinem Roman keinen poetischen oder literarischen Umweg macht, um Unerzählbares erzählbar zu machen. Die Darstellbarkeit oder Erzählbarkeit ist durch die Metaphorik immer gegeben auch wenn die Aporie uns darüber unseren Blick verstellt.

II. Spannungsfeld Holocaust und Literatur

„[…] werden zu Flügeln, schwarzen Flügeln, […]. Und die Flügel packen mich, krallen sich fest, an meinen ausgestreckten Armen. Und der Wind erhebt sich, trägt meine Flügel, und auch mich. Irgendwohin. Dorthin!“[4]

Der industrialisierte Völkermord an den europäischen Juden macht sprachlos, so sprachlos, dass Adornos Feststellung „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“[5] als Darstellungsverbot aufgefasst wird. Der Zivilisationsbruch wird zur Kultur- und Kunstfeindlichkeit, angesichts des zurückliegenden Grauens für das es keine Ausdrucksform zu geben scheint. Das große Leid und das unvorstellbare millionenfache Sterben lassen es nicht zu, sich ein Bild davon machen zu können. Doch entgegen Adornos Zitat, das er Jahre später auch zurücknimmt, ist es gerade die Sprache, die hier gefordert ist. Sprachlosigkeit darf es nicht geben, denn Sprache beinhaltet Vertrauen. Es gilt die Tradition der europäischen Aufklärung in der Sprache wachzuhalten. Alles soll zur Sprache kommen können, Sprache gilt als die versöhnende Macht unter den Mächten dieser Welt. Die Sprache hat Auschwitz überdauert und Adornos Satz widerlegt. In Werken, insbesondere auch der Lyrik von Nelly Sachs und Paul Celan bleibt die Sprache stimmhaft über alles Geschehene hinaus. Die Sprache selbst muss durch das Grauen, durch das Unaussprechliche hindurchgehen, um geläutert und transformiert neu zu entstehen. Die Darstellung von Schmerz, Leid und Trauer muss zum Ausdruck kommen, gerade und besonders durch die, die dieses Leid erlebt, überlebt haben und nicht überleben konnten. Bei ihnen liegt das Recht auf Ausdruck, in ihrer eigenen Sprache.[6]

Die Erinnerung muss wachgehalten werden, um ein Nach-Auschwitz zu gewährleisten. So schreibt Adorno in seiner Abhandlung „Erziehung nach Auschwitz“, dass nur die Reflexion des Einzelnen auf das Geschehene zukünftiges, wiederholtes Geschehen nicht möglich werden lässt. Die Motive der Entstehung des Holocaust müssen bewusst werden. Nur in einem gesellschaftlich aufgeklärten, geistigen und kulturellen Klima, das verantwortungsbewusst mit der Freiheit umgeht, kann eine Vermeidung gelingen. Das einzelne Individuum muss ein Gewissen ausbilden, das sich über alle Normen und Gebote erhebt, sich unabhängig macht. Dieses Gewissen muss alle Bindungen ersetzen, im Sinne von Kants Autonomiegedanke. Im Menschen muss die Kraft heranwachsen zur Reflexion, zur Selbstbestimmung und zum Nicht-Mitmachen. Die Konfrontation mit dem Grauen stellt die Sinnlosigkeit des Grauens heraus und macht deutlich, wie nah sich Kultur und Barbarei sind, wie beide einander bedingen. Kultur bedeutet für Adorno Selbstbestimmtheit. Es ist die Autonomie des Entsagens gegenüber Kollektiven und der Masse, zugunsten des eigenen Gewissens.

Das Eingeständnis des Menschen muss zurückkehren zur Erkenntnis dessen, dass Angst Bestandteil unseres Lebens ist und nicht durch Strenge und Härte überwunden werden kann. Härte und Strenge machen uns zu abgehärteten, emotions- und empathielosen Wesen. Ein gesundes Maß an Angst dem Leben gegenüber und Reflexionsvermögen sind bestimmend für die Autonomie des Menschen und verhindern ein verdinglichtes Bewusstsein. Menschen sind nicht den Dingen gleich, so populär der Gedanke gerade auch sein mag. In diesem Zusammenhang arbeitet Adorno heraus, das auch unser Verständnis für die Technik zu überprüfen ist. Der Mensch ist kein technologischer Mensch, der Mensch ist ein menschlicher Mensch, dem die Technik dient. Die Kälte innerhalb der Gesellschaft der Menschen ist vielen Göttern verfallen, die keine Götter sind, sondern lediglich Hilfsgeister. Die Zivilisation zeigt so ihre Doppeldeutigkeit, denn Zivilisation bringt diesen Glauben erst hervor und ist doch auch Voraussetzung für Kultur selbst. Der Mensch muss sich nicht abwenden. Er soll kritisch hinterfragen und sich der Dialektik des menschlichen Zusammenlebens und seines selbstgeschaffenen Umfeldes bewusst sein. Die Wärme und Menschlichkeit unter den Menschen ist immer noch eine Utopie. Es gilt immer noch, dass eine menschenwürdige Gesellschaft erst hergestellt werden muss. Liebe und Verständnis zu predigen setzt die Erkenntnis dessen bereits voraus und markiert und setzt die Kälte. „Erziehung nach Auschwitz“ bedeutet für Adorno das sich bewusst-sein, dass es Wärme nicht ohne Kälte und „nach Auschwitz“ nur mit Auschwitz geben kann. Humanität gründet letztendlich in der Bereitschaft zur Autonomie und zur ständigen kritischen Reflexion, innerhalb einer Menschheit, deren Zivilisation und Kultur immer auch ihre Bedingtheit erkennen lässt. Die Würde des Menschen bedingt die Würde zu allererst sich selbst gegenüber.[7]

Einst, wie heute, beherrscht der Mythos die Welt und mit ihm das Leiden. Hier bildet sich die Ohnmacht aus und mit ihr, die Erkenntnis, die sich der Ohnmacht widersetzt. Die Idee des Leidens, als Teil des Ganzen der Idee der Wahrheit entspricht dem Glückverlangen des Menschen. So wird Sprache zum erkennenden und schöpferischen Namen der Idee. Innerhalb der Gesellschaft hat Sprache dem Glück verpflichtet zu bleiben. Das Leiden ist konstitutiv an Sinn gekoppelt. Ohne Sinn ist auch das Leiden nicht denkbar. In einer ökonomischen Welt wird zwangsläufig die Sprache des Leidens verbannt. Die Reproduktion macht Subjektivität dem Warencharakter verpflichtet und führt so zur Entfremdung und der Nichtdurchdringung in der Reflexion. Der Mensch erkennt sich selbst nicht mehr in dem, was er tut und was er erschafft. Die Welt verschließt sich dem Menschen und entfremdet sich ihm in seiner Totalität. In diesem Kalkül wird die Vernichtung der Millionen Juden und Nicht-Juden real. Die Realität dieser Erfahrung wird zur geistigen Haltung derer, die diese Maschinerie betrieben, wird zum Weltbild des Leidens. Dies sind untrügliche Spuren einer Kälte im Menschsein, die dem Leiden eine neue Dimension geben.[8]

„Kunstwerk – Ideologie – Sprache, in diesen Kreisen bewegt sich der bewußte Mensch. Wechselseitig durchdringen sich Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft, im Zentrum steht der noch nirgendwo verwirklichte Mensch, seine transitorische Existenz alterniert zwischen Scheitern und Erfüllung.“[9]

[...]


[1] Hilsenrath, Edgar: Der Nazi & der Friseur. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2006, S. 471-473

[2] Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur, S. 472

[3] Köppen, Manuel (Hrsg.): Kunst und Literatur nach Ausschwitz. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1993, S. 7-9

[4] Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur, S. 465

[5] Laermann, Klaus: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“. Überlegungen zu einem Darstellungsverbot. In: Köppen, Manuel (Hrsg.): Kunst und Literatur nach Auschwitz. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1993, S. 11

[6] Laermann: „Nach Auschwitz ein Gedicht schreiben, ist barbarisch“, S. 11-15

[7] Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz. In: Der.: Stichworte. Kritische Modelle 2, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 1969, S.85-101

[8] Luther, Andreas: ‚Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.’ Überlegungen zu einem Darstellungsverbot. Frankfurt a. M. 1987, S. 5-12

[9] Luther: ‚Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.’, S. 19

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Satire und das Groteske in Hilsenraths "Der Nazi & der Friseur"
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Neuere deutsche und europäische Literatur)
Veranstaltung
Literatur als kulturelles Gedächtnis
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V143937
ISBN (eBook)
9783640525652
ISBN (Buch)
9783640525171
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Satire, Groteske, Holocaust, Shoah, Hilsenrath, Nazi+Friseur, Auschwitz, Adorno, kulturelles Gedächtnis, Nazi, Friseur, Identität, Vergangenheit, Vergangenheitsbewältigung
Arbeit zitieren
Silvia Schmitz-Görtler (Autor), 2009, Die Satire und das Groteske in Hilsenraths "Der Nazi & der Friseur", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143937

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