Die "Politeia" Zenon von Kitions als Begründung von Herrschaft


Magisterarbeit, 2009
104 Seiten, Note: 1,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Vorgehensweise

2. Ausgangspunkte der Philosophie der frühen Stoa
2.1 Geschichtlicher Ausgangspunkt
2.2 Politischer und ökonomischer Ausgangspunkt
2.3 Philosophischer Ausgangspunkt

3. Die Philosophie der frühen Stoa
3.1 Logik
3.2 Physik
3.3 Ethik

4. Die Politeia Zenon von Kitions und die Philosophie der frühen Stoa
4.1 Fragmente der Politeia Zenons und der Philosophie der frühen Stoa
4.2 Zentrale Begriffe und Gedanken der Politeia Zenon von Kitions
4.2.1 Befreiung von Herrschaft
4.2.2 Bezugspunkte, Verfassung und Recht
4.2.3 Weise, ‚Tüchtige’ und ‚Untüchtige’
4.2.4 Pathos, Apathie und Unbeirrbarkeit
Exkurs: Menschlicher Kannibalismus
4.3 Zentrale Begriffe und Gedanken der Philosophie der frühen Stoa
4.3.1 Logos
4.3.2 Physis
4.3.3 Schlechtigkeit und Arete

5. Begründung von Herrschaft
5.1 Werturteile und Kathekonta
5.2 Menschen, Frauen und Männer
5.3 Gottheit und christliche Theologie

6. Ergebnisse
6.1 Resümee
6.2 Ausblick

7. Verzeichnisse und Tafeln
7.1 Zeittafeln
7.2 Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen
7.3 Literaturverzeichnis
7.4 Nachschlagewerke
7.5 Siglen

Ich bin mir bewusst, dass persönliche Vorbemerkungen in einer Magisterarbeit unüblich sind. Mit dieser Konvention möchte ich an dieser Stelle brechen und mich - in alphabetischer Reihenfolge – bei Christian, Gabi, Gudrun, Hendrik und Sybille für die inhaltlichen Anregungen und Korrekturen sowie die emotionale Begleitung und Unterstützung bedanken. In Dankbarkeit, Monika

1. Einleitung und Vorgehensweise

Wir sollen „nicht mehr nach Städten und Völkern getrennt wohnen, geschieden voneinander durch die verschiedenen Rechte; vielmehr sollen wir alle Menschen als unsere Mitbürger und Landsleute ansehen, und überall soll dieselbe Lebensweise und Ordnung herrschen…“[1] (Zenon von Kition)

Die nachfolgende Untersuchung[2] setzt es sich zum Ziel, die Philosophie des Gründers der Stoa, Zenon von Kition, und der frühen Stoiker als politische Philosophie aufzuzeigen und aufzuweisen, dass die Gedanken der Befreiung von Herrschaft, die in ihr aufscheinen, in der Konsequenz in die Begründung von Herrschaft umschlagen. Die Begründung von Herrschaft – wie sie in der Philosophie der frühen Stoa begegnet - ist in verschiedenen ‚Traditionslinien’ bis heute wirksam, und so fragt die Untersuchung gleichzeitig nach der Erklärung dieser Wirksamkeit.

Das Erscheinen der Politeia Zenon von Kitions fällt mit dem Zeitpunkt der Gründung der Philosophie der Stoa (300 v.u.Z.) zusammen. Sie ist der Ausgangspunkt dieser Philosophie. Die Schriften der frühen Stoiker aus der Zeit zwischen 300-130 v.u.Z. sind – abgesehen von Kleanthes Zeus-Hymnus – verloren. Das Quellenmaterial dieser Untersuchung sind Fragmente, die in sekundärer Überlieferung erhalten sind. Die Beschäftigung mit den Fragmenten Zenon von Kiti-ons ist der Ausgangspunkt und die Voraussetzung für die Auseinandersetzung mit den anderen Textfragmenten.

Die Wirkungen der stoischen Philosophie sind vielfältig und langfristig. Die Philosophie der frühen Stoa hat sich während der Jahrhunderte ihrer Überlieferung weiterentwickelt und gewandelt. Sie hat dabei die Eigenart und Fähigkeit entwickelt, neue Gedanken zu integrieren und vorhandene neu zu akzentuieren. Diese Offenheit und Anpassungsfähigkeit hat zu ihrer Langlebigkeit entscheidend beigetragen. Andererseits gibt es konstante Merkmale, die unverwechselbar in Verbindung zur Philosophie der frühen Stoa stehen. Zu nennen sind hier der Einfluss des stoischen Konzepts des Naturrechts auf die römische Jurisprudenz; des weiteren die stoische Konzeption der Gottheit, die ebenso Eingang in das Denken der christlichen Theologie fand wie die sittliche Forderung nach der Apathie; zu verweisen ist hier auch auf die Ausarbeitungen im Bereich der Logik, vor allem der Aussagenlogik. Die Gesichtspunkte, die innerhalb der stoischen Philosophie ‚Traditionslinien’ der Begründung von Herrschaft etablieren, können zum einen mit den Schlagworten Meritokratie und Androzentrismus benannt werden. Zum anderen begründen die Konsequenzen aus den vorbereitenden Gedanken der stoischen Philosophie im Hinblick auf die christliche Theologie Herrschaft. Darüber hinaus liegen die ‚Traditionslinien’ in den Begründungsstrukturen dieser Philosophie. Durch die Analyse dieser Strukturen erklärt sich zugleich die lange Wirksamkeit der Philosophie der Stoa, für die Zenon von Kition in der Politeia den Weg bereitet hat.

Die Vorgehensweise dieser Untersuchung ist folgende: Um die Voraussetzungen der Politeia Zenon von Kitions und der Philosophie der frühen Stoa aufzuzeigen, werden zunächst die geschichtlichen (Kapitel 2.1), politischen und ökonomischen (Kapitel 2.2) und philosophischen (Kapitel 2.3) Ausgangspunkte ihrer Entstehung skizziert.

Daran schließt sich die Explikation der Logik (Kapitel 3.1), der Physik (3.2) und der Ethik (Kapitel 3.3) an, in der der praktisch-politische Charakter der Philosophie der frühen Stoa deutlich wird. In dieser Explikation sind diejenigen zentralen Begriffe und Gedanken ausgenommen beziehungsweise lediglich überblicksartig dargestellt, die in Kapitel 4 näher analysiert werden.

Vor diesem Hintergrund kann eine Auseinandersetzung mit den Fragmenten der Politeia Zenon von Kitions und der Philosophie der frühen Stoa (Kapitel 4.1) geführt werden. Zunächst findet eine Auseinandersetzung mit der Politeia Zenon von Kitions statt (Kapitel 4.2). Hierbei werden, nach einer Darstellung der Gedanken der Befreiung von Herrschaft (Kapitel 4.2.1), die Fragmente analysierend betrachtet erstens im Hinblick auf ihre Bezugspunkte der Entstehung der Politeia, zweitens auf die Konzeption der Verfassung und drittens im Hinblick auf die Frage nach der Verbindlichkeit von Recht und Gesetz (Kapitel 4.2.2). Daran schließt sich eine Betrachtung der zentralen Begriffe und Gedanken über die Weisen, die ‚Tüchtigen’ und ‚Untüchtigen’ (Kapitel 4.2.3) sowie über die Leidenschaft, die Apathie und die Unbeirrbarkeit (Kapitel 4.2.4) an. Nachfolgend werden die zentralen Begriffe und Gedanken der Philosophie der frühen Stoa (Kapitel 4.3) vorgestellt und analysiert. Im Einzelnen sind dies die Begriffe des Logos (Kapitel 4.3.1) und der Natur (Kapitel 4.3.2) und der Gedanke des kontradiktorischen Gegensatzes von Schlechtigkeit und Arete (Kapitel 4.3.3). Das Kapitel 4.2 wird durch Gedanken zum Thema Anthropophagie (menschlicher Kannibalismus) ergänzt. Dieses Kapitel weicht in der Darstellung des Themas und seinen inhaltlichen Bezügen zur Philosophie der Stoa von den anderen Kapiteln ab und wird daher in einem Exkurs behandelt. In den Analysen werden erste Strukturen der Begründung von Herrschaft aufgezeigt.

Kapitel 5 erhebt die aufgewiesenen Begründungsstrukturen von Herrschaft vertiefend zum Gegenstand der Betrachtung, führt den Begriff der ‚Traditionslinie’ ein und nähert sich damit der Erklärung der langfristigen Wirksamkeit der Politeia Zenon von Kitions und der Philosophie der frühen Stoa. Dies geschieht anhand der stoischen Lehre über die moralischen Werturteile und die Kathekonta (Kapitel 5.1), der Betrachtung des Geschlechterverhältnisses von Frauen und Männeren (Kapitel 5.2) und vermittels der Parallelen zwischen der stoischen Konzeption der Gottheit und Gedanken der christlichen Theologie (Kapitel 5.3).

Die bis hier herausgearbeiteten Resultate werden im Kapitel 6 zusammengetragen. Das Resümee (Kapitel 6.1) verbindet die Strukturen der Begründung von Herrschaft explizit mit der Erklärung der langen Wirksamkeit der Politeia Zenon von Kitions und der Philosophie der frühen Stoa. Den Abschluss findet diese Untersuchung in einem Ausblick (Kapitel 6.2).

2. Ausgangspunkte der Philosophie der frühen Stoa

Die Untersuchung der Politeia Zenons und der Philosophie der frühen Stoa als politische Philosophie muss sich der Aufgabe stellen, den Kontext der Zeit zu betrachten, in der diese Philosophie entstanden ist. Dies ist die Zeit des Hellenismus. Ein Überblick der geschichtlichen, politischen, ökonomischen und philosophischen Ausgangspunkte dieser Zeit dient dazu, die Bedingungen und Voraussetzungen der Philosophie der Stoa zu skizzieren. Die Bezeichnung Griechenland gibt in dem geschichtlichen Überblick keinen feststehenden räumlichen Zusammenhang mit starren Grenzen an, sondern meint in geographischer Hinsicht den Raum, der in etwa dem heutigen Süden des griechischen Festlandes entspricht. In politischer und ökonomischer Hinsicht umfasst die Bezeichnung Griechenland den Raum des Athener Stadt-Staates, zu dem konstitutiv der vielfältige Kontakt mit anderen Staaten und Reichen gehörte.

2.1 Geschichtlicher Ausgangspunkt

Die Anfänge stoischer Philosophie fallen in die Wende vom vierten zum dritten Jahrhundert v.u.Z.[3] Im Jahre 333/332 v.u.Z. wurde Zenon in Kition, einer kleinen Insel auf Zypern, geboren. Neun Jahre später begann mit dem Tode Alexan-ders (323 v.u.Z.)[4] eine Epoche kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen seinen Feldherren, den Diadochen, die sich in wechselnden Bündnissen in insgesamt sechs Diadochenkriegen bekämpften. Griechenland hatte sich bei der Nachricht von Alexanders Tod erhoben und versucht, unabhängig von Makedonien zu werden. An der Spitze dieser Bestrebungen stand Demosthenes, ein Mitglied der demokratischen Partei. Es kam zum Lamischen Krieg (323 v.u.Z.) gegen die Makedonier, der mit dem Sieg der Makedonier unter Antipater endete (322 v.u.Z.). Infolge der Niederlage erhielt Athen eine oligarchische Verfassung. Die Athener standen Makedonien, wenn auch nicht immer offen feindlich, so doch skeptisch und eher ablehnend gegenüber. Nach dem Tode Antipa-ters (319 v.u.Z.) kam es erneut zu Machtkämpfen. Polyperchon, mit der Unterstützung der demokratischen Partei, und Kassandros, mit der Unterstützung der oligarchischen Partei, kämpften um die Vorherrschaft. Diese Kämpfe wurden sowohl in Griechenland als auch in Makedonien ausgetragen, in ihnen setzte sich Kassandros letztlich durch (317 v.u.Z.). Im asiatischen Teil des Makedonischen Reiches hatte sich Antigonos als Alleinherrscher durchgesetzt und versuchte nun, das ganze Reich unter seine Herrschaft zu bringen. Um das zu verhindern, verbündeten sich die übrigen Satrapen. Ein fast fünfzehnjähriger Krieg (315-301 v.u.Z.) begann, in dem Antigonos im Jahre 301 v.u.Z. schließlich unterlag. In diese Zeit (312/311 v.u.Z.) fällt die Ankunft Zenons in Athen.

Griechenland wurde durch diesen Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen. Hier errang der Sohn von Antigonos, Demetrios Poliorketes, Erfolge gegen Kassan-dros, indem er sich durch die Zusicherung von Rechten die Unterstützung der demokratischen Partei sicherte. So stand Athen ab dem Jahr 307 v.u.Z. unter der Herrschaft von Demetrios und dessen Vater Antigonos, der eine demokratische Regierung einsetzte. Weder der Tod von Antigonos noch der Versuch sich gegen das Abhängigkeitsverhältnis aufzulehnen führten zu einer Veränderung dieser Herrschaft. Demetrios behielt die Herrschaft über Athen. Nach dem Tode Kassandros (297 v.u.Z.) übernahm er auch den Thron Makedoniens (295 v.u.Z.).

Die Gründung der stoischen Philosophie (300 v.u.Z.) fällt in die Zeit der Herrschaft von Demetrios Poliorketes. Das Verhältnis der Stoa zu Demetrios war positiv. Er ließ seinen Sohn in der stoischen Schule ausbilden.

Im Jahre 288 v.u.Z. verlor Demetrios den makedonischen Thron an Lysimachos, bei dem Versuch seinen asiatischen Besitz zurückzuerobern starb Demetrios (283 v.u.Z.). In den darauf folgenden Kämpfen siegte Seleukos über seine Gegner. Er sah die Möglichkeit, das Reich Alexanders noch einmal zu einen. Doch bevor er nach Makedonien zurückkehren konnte, wurde er von Ptolemaios

Keraunos ermordet (280 v.u.Z.), der sich nun in den Besitz der Herrschaft setzte. Er fiel jedoch kurze Zeit später im Kampf gegen die Galater (279 v.u.Z.). Nach deren Abzug errang Antigonos Gonatas den Thron Makedoniens (278 v.u.Z.), der von nun an in den Händen der Antigoniden blieb. Fünfundvierzig Jahre nach dem Tode Alexanders war das Reich nun in drei Königreiche geteilt: Makedonien und Griechenland unter den Antigoniden, Asien unter den Seleukiden und Ägypten unter den Ptolemären.

2.2 Politischer und ökonomischer Ausgangspunkt

Die Veränderungen der ökonomischen Situation der Bevölkerung ab dem fünften Jahrhundert v.u.Z. wurden durch die immer wieder aufflammenden Kriege bestimmt. Sie führten zu einer Rechtsunsicherheit in den ländlichen Gebieten. Die Bevölkerung konzentrierte sich in den Städten. Die Verwüstungen des Landes und die Unsicherheit der Seewege lähmten den Handel und führten mehrfach zu Hungersnöten. Der Handwerkerstand ging zugunsten kleiner Manufakturen zurück, die zum Teil für den Export produzierten. Im Zusammenhang mit dem sich entwickelnden Seehandel spezialisierten sich einige Orte auf bestimmte Produkte. Infolge der Kriege litt die griechische Wirtschaft unter erheblichen Schwierigkeiten. So konnten oftmals benötigte Rohstoffe nicht eingeführt und Produkte nicht mehr ausgeführt werden. Dies betraf auch die Landwirtschaft, die nicht mehr nur für den Eigenbedarf produzierte. War das vierte Jahrhundert v.u.Z. gekennzeichnet durch verstärkte wirtschaftliche Schwierigkeiten, bedeuteten die Feldzüge Alexanders (336-323 v.u.Z.) für Griechenland eine wirtschaftliche Erholung. Weite Gebiete wurden dem griechischen Handel zugänglich gemacht.[5] Mit den Diadochenkriegen kam es erneut zu Gefährdungen der Verkehrswege, zu Verwüstungen des Landes und zu Ungewissheiten der politischen Lage durch häufig wechselnde Herrscher. Neu hinzu kam die wirtschaftliche Entwicklung der Diadochenreiche und damit das Entstehen neuer großer Handelsstädte in Asien und Ägypten, wie zum Beispiel: Alexandria, Antiochia und Seleukia.

Die Veränderung der politischen Situation wurde durch die mangelnde außenpolitische Durchsetzungskraft Athens ausgelöst und ging mit krisenhaften Erscheinungen im Inneren einher. Athen erlebt eine Zuspitzung der sozialen Differenz von Verarmung auf der einen und Konzentration des Reichtums auf der anderen Seite. Aufgrund dieser neuen Spaltung verlor die Aufteilung in Demos und Aristokratie an Bedeutung. Die Metöken wurden stärker in das Leben der Polis einbezogen[6] und einige Sklaven wurden zu bestimmten Geschäften zugelassen, um sich dann selbst aus der Sklaverei freikaufen zu können. Die persönliche Freiheit der Menschen war im dritten Jahrhundert v.u.Z. in Griechenland in keiner Weise gesichert. Niemand konnte sicher sein, nicht selbst irgendwann verkauft und damit versklavt zu werden. Politisch erlebte Athen einen Rückgang der Bedeutung des Rates (βουλή, boule) und eine Zunahme der Bedeutung öffentlicher Redner (δημαγωγοί, demagogoi), die kein Amt bekleideten und somit nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnten.[7] Der Kampf um politischen Einfluss wurde hauptsächlich auf dem Gebiet der politischen Redekunst, der Rhetorik ausgetragen.

Ein Aspekt des politischen und kulturellen Selbstverständnisses ist die Diskussion um den Panhellenismus, die Vorstellung einer über den einzelnen griechischen Staaten stehenden Gemeinschaft aller Griechen. Bei den führenden ‚politischen Köpfen’ Athens bestand das Bewusstsein der Differenz zwischen den kulturell überlegenen Hellenen und den rückständigen ‚Barbaren’, das von dem Gedanken der Unvermeidlichkeit ihrer Feindschaft geprägt war. Im Athen des vierten Jahrhunderts v.u.Z. gab es in dieser Hinsicht zwei neue politische Ideen. Erstens, dass die Hellenen aufgrund ihrer gemeinsamen Identität auch gemeinsam handeln müssen und zweitens, dass zu den Hellenen auch die Makedonen gehören. Freilich vertraten nicht alle die Ansicht, dass zu den Hellenen auch die Makedonen gehören, und nichts lässt darauf schließen, dass die promakedonische Partei in Athen jemals mehrheitlich wurde. Interessant und charakteristisch an der Auseinadersetzung um den Panhellenismus ist, dass beide Lager auf der Idee von der Überlegenheit der griechischen Poliswelt wegen ihrer politischen Freiheit als Begründung ihres Standpunktes insistierten.

Im Hinblick auf den Ausgangspunkt der politischen Philosophie Zenons ist das Selbstverständnis der Philosophen in Bezug auf das Verhältnis von Theorie und Praxis bedeutsam. Platon fuhr drei Mal nach Sizilien, zu Dionys, dem Tyrann von Syrakus, um den Inhalt der Politeia in praktische Politik umzusetzen. Und Aristoteles war Erzieher von Alexander und dem jungen Kassandros. Diesen Tätigkeiten liegt die Annahme zugrunde, >dass die theoretische Arbeit Anspruch auf Veränderung der Praxis erheben kann und muss<.[8]

Die Folge der inneren Krisen und äußeren Kriege war ein Fraglichwerden der bestehenden Werte und Ideale. Auf der Suche nach Auswegen aus dieser Krise gingen die Philosophieschulen unterschiedliche Wege. Die Situation begünstigte das Entstehen neuer philosophischer Re-flexionen über die Möglichkeiten der indivi-duellen[9] Lebensausrichtung. Dies vermag den gleichzeitigen Bestand der vier bedeutendsten Philosophieschulen Athens in so unmittelbarer räumlicher Nähe zu erklären. Es ging ihnen allen um die Frage, wie Menschen zur Eudämonie (εύδαιμονία, Glückseligkeit) ge-langen und in menschlicher Gemeinschaft leben können. Das Ziel war ihnen gemeinsam, jedoch über den Weg gingen die Auffassungen Abbildung. 1: Die philosophischen Schulen [10] auseinander.

Die Stoa wurde zur richtungweisenden Philosophie >und Zenon erlebte noch, dass seine Lehre zur offiziellen Staatsphilosophie Makedoniens wurde<.[11] Warum die Stoa diejenige Philosophie war, die fast 500 Jahre[12] eine tragende Rolle in der Auseinandersetzung um Lebenskonzepte spielen konnte, ist eine der spannenden Fragen, die an diese Philosophie herangetragen werden kann.

2.3 Philosophischer Ausgangspunkt

Die Philosophie der Stoa entstand in Anlehnung und Abgrenzung zu den bestehenden Philosophien. Der philosophische Ausgangspunkt bezieht sich daher zum einen auf die Philosophen, von denen wir wissen, dass Zenon bei ihnen gehört hat beziehungsweise deren Schüler er war. Dies waren: Die Akademiker Xenokrates von Calkedon und Polemon aus Athen, die Peripatetiker, die Megariker Diodoros Kronos und Stilpon aus Megara und der Kyniker Krates von

Theben, sein Lehrer. Zum andern werden exemplarisch Anknüpfungspunkte der stoischen Philosophie aufgewiesen. Damit kann gezeigt werden, dass Zenon sich mit den bestehenden philosophischen Gedanken auseinandergesetzt hat. Dies ist insofern geboten, da einzelne Untersuchungen über Zenon die Vorstellung vermitteln, dass er bestimmte Lehren nicht verstanden habe, dass sie für ihn einfach >zu hoch<[13] waren. Bei Max Pohlenz[14] entsteht der Eindruck, dass die Stoa die Platonische und Aristotelische Philosophie ignoriert und sich auf die Philosophien der Vorsokratiker zurückgezogen hat.[15]

Zunächst zu den Akademikern. Xenokrates wurde 339 v.u.Z. Schuloberhaupt der Akademie. Er gilt als der Urheber der Dreiteilung der Gebiete der Philosophie: Er etablierte neben der Ethik und der Physik die Logik als dritten Teil. Zenon hat diese Einteilung übernommen, mit ihr jedoch eine andere Bedeutung zum Ausdruck gebracht. Sie entspricht bei ihm der unmittelbaren Verbindung von Sprachanalyse, Wahrheit und Praxis (Kapitel 3.1 bis 3.3). Xenokrates führte in der Diskussion darüber, wie sittlicher Fortschritt gedacht werden kann, den Begriff des nicht guten ein. Seine Gedanken hierüber sind im Zusammenhang des kontradiktorischen Gegensatzes von Schlechtigkeit und Arete[16] (αρετή, Tugend) innerhalb der stoischen Philosophie bedeutsam (Kapitel 4.3.3). Polemon war ab 315 v.u.Z. Nachfolger von Xenokrates in der Leitung der Akademie. Er hat eine umfangreiche Lehre der ersten Naturtriebe ausgearbeitet. Möglicherweise ist hier der Ursprung von Zenons Bestimmung des Selbsterhaltungstriebes als dem ersten Trieb der Menschen zu sehen (Kapitel 3.3).

In Bezug auf die Peripatetiker heißt es in der Literatur lediglich, dass Zenon auch die Peripatetiker gehört habe. Eine wesentliche Abgrenzung zu den Peripatetikern besteht darin, dass das Mittlere für die Stoiker selbst keinen sittlichen Wert hat (Kapitel 3.3 und 4.3.3).

Diodoros war ein Dialektiker der Megarischen Schule. Er gilt als Mitbegründer der Aussagenlogik. Seine Ansätze wurden von Chrysipp von Solio[17] weiterentwickelt. Die Stoiker haben als erste eine methodische Tempuslehre entwickelt und damit eine systematische Sprachlehre geschaffen. Innerhalb der Logik hat Zenon die Lehre der Deklination geschaffen und in der Form ausgebaut, wie sie im Ganzen noch heute besteht. Stilpon war ein vom Kynismus[18] beeinflusster Vertreter der Megarischen Schule. Von ihm wird berichtet, er habe der eristischen Dialektik zu ihrer Verbreitung verholfen. Es scheint, dass Stilpon sich intensiv mit Fragen der Ethik beschäftigt hat und hier eine Lehre vertrat, die der der Philosophie der Stoa ähnlich war. So soll er im Umgang mit Leid eine philosophische Apathie empfohlen haben (Kapitel 4.2.4). Eine Anekdote besagt, dass er sein Haus und seine Angehörigen verloren habe und als er gefragt wurde, ob er darüber nicht verzweifelt sei, antwortete er, dass er

„…von seinem Eigentum nichts verloren [habe]; denn niemand habe ihm seine Bildung entführt, sein Verstand und sein Wissen seien ihm geblieben.“[19] (D.L.)

Erheblichen Einfluss auf Zenons Philosophie hatte der Kynismus und sein Lehrer Krates, ein Schüler von Diogenes von Sinope. Zenon schrieb seine Politeia in der Zeit, als er Schüler von Krates war. Daher sagten

„…einige scherzend, er habe sie auf dem Schwanz des Hundes geschrieben.“[20] (D.L.)[21]

Für die Kyniker führt der Weg zur Eudämonie über die Beschränkung der Bedürfnisse auf das unabdingbare Minimum und über die Befreiung von jedweder Art von Zwängen. Angestrebt wird damit eine größtmögliche Autarkie. Krates vertrat inhaltlich die gleichen Prinzipien wie Diogenes, doch tat er dies in weniger provokanter Form. In der Sache war er jedoch nicht weniger radikal als Diogenes. Bei der Darbietung seiner Lehre bediente sich Krates immer wieder der Parodie.[22] Er formte jedermensch bekannte Verse berühmter Gedichte in der Weise um, dass er darin die Prinzipien der kynischen Philosophie und Lebensweise darlegte. So zum Beispiel die kynische Forderung des Kosmopolitismus. Aus den Versen:

„Argiver oder Thebaner [bin ich]; denn ich rühme mich nicht, aus einem Land zu stammen; jede Festung der Griechen ist mein Vaterland,“[23] dichtete Krates die Verse:

„…nicht eine Festung ist mein Vaterland, nicht ein Dach, sondern auf der ganzen Erde steht jede Stadt und jedes Haus mir zum Wohnen zur Verfügung.“[24]

Die Philosophie der frühen Stoa ist meines Erachtens ohne den Kynismus nicht zu denken. Die Implikationen und die expliziten Verknüpfungen des Kynismus in und mit der stoischen Philosophie stellen das dar, was ich als kynisches Erbe bezeichnen möchte.

Welche Anknüpfungspunkte bestehen zwischen dem Kynismus und der Philosophie der Stoa? Als Begründer des Kynismus gilt Diogenes von Sinope. Er war Schüler des Antisthenes von Athen[25]. Diogenes sieht in der Befreiung von Zwängen und der praktizierten Bedürfnislosigkeit[26] den Weg zur Autarkie. Er stellte seine Bedürfnislosigkeit öffentlichen als Provokation zur Schau. >Their behaviour was designed to shock, but there was a pedagogical intent to it. The aim, in part at least, was force people to realize that conventions have nothing to do with morality<.[27] Diogenes kennzeichnet sein Philosophieren mit den Worten, er

„…habe die Münze umgeprägt.“[28] (D.L.) Beziehungsweise „…er habe das nomisma umgeprägt…“[29] (D.L.)

Das war zum einen eine Anspielung auf seine Herkunft,[30] zum anderen bezieht er sich hier auf die doppelte Bedeutung des Wortes Nomisma. Es bedeutet sowohl Münze als auch Brauch. Die Politeia Diogenes` ist als eine systematische Anwendung des Grundsatzes der Umprägung der Münze auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zu lesen. In ihr hat Diogenes radikale Thesen und Forderungen aufgestellt. Eine dieser Thesen ist, dass gegen das Essen von Menschenfleisch und den Verzehr des Fleisches Verstorbener nichts einzuwenden sei. Ebenso dürften Kinder ihre Eltern als Opfer schlachten und verspeisen. Dioge-

nes begründet seine Auffassung damit, dass diese Praktiken bei anderen Völkern allgemein üblich seien. Daraus folgert er, dass Praktiken, die andernorts üblich sind, nicht wider die Natur der Menschen sein können. Eine weitere Forderung ist, dass sexuelle Beziehungen zu Müttern, Schwestern, Brüdern und Söhnen erlaubt sein sollten. Dies ergibt sich konsequent aus der Forderung nach einer Frauen- und Kindergemeinschaft. Diogenes bezeichnet es als legitim einen Tempelraub zu begehen. Er charakterisiert viele Lehrfächer als nutzlos und nicht notwendig, so zum Beispiel: Musik, Geometrie und Astronomie. Einen Wert hat nur das, was zur Eudämonie beiträgt, so betrachtet er beispielsweise hohe Geburt und Ruhm als wertlos.

Der Grundgedanke seiner Aussagen bezieht sich immer wieder auf die Entgegensetzung von Physis (φύσις, Natur) und Nomos (νόμος, Sitte, Brauch). Dioge-nes postulierte eine Lebensweise, die der Natur gemäß sei. Es kam ihm darauf an, zu zeigen, dass Bräuche, Sitten und Gesetze ein Potential von Zwängen bilden.

„Dem Schicksal, sagte er, stelle ich den Mut, dem Gesetz die Natur, der Leidenschaft die Vernunft entgegen.“[31] (D.L.)

Durch Zwänge werden die Menschen daran gehindert zur Autarkie und damit zur Eudämonie zu gelangen. Allein maßgeblich sind die für alle Menschen gleichen Forderungen der Natur. Wenn das so ist, dann sind alle Bräuche und Gesetze nichtig. Um zur Eudämonie zu gelangen gilt es deshalb sich über alle Zwänge und Gesetze hinwegzusetzen. Damit ist in der Konsequenz sämtlicher staatlicher Ordnung (πολιτικòν νόμισμα, politikon nomisma) der Boden entzogen. Eine Forderung von Diogenes in der Politeia lautet, dass die üblichen Staatsordnungen allesamt abzuschaffen seien, da „…die einzige wahre Staatsordnung die Ordnung des Kosmos sei.“[32] (D.L.)

Er bezeichnete sich selbst als Kosmopoliten. Für Diogenes stellte die kynische Philosophie die Grundlage dar, um ‚richtig’ zu leben. Auf die Frage, welchen Gewinn ihm die Philosophie bringe, sagte er:„…wenn auch sonst nichts, so doch jedenfalls dies, auf jede Schicksalswendung gefasst zu sein.“[33] (D.L.)

Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem Kynismus und der Philosophie der frühen Stoa, die sich auch in den philosophischen Diskussionen spiegelt. Bei Diogenes Laertius wird den Stoikern in allgemeiner Weise die Auffassung beigelegt, dass

„…der Weise unter Umständen auch Menschenfleisch zu sich nehmen wird.“[34] (D.L.) Spätestens seit Panaitios lehnen die Stoiker diese Auffassung grundsätzlich ab.[35] Von den Stoikern wurde diskutiert, ob

„…der Weise wie ein Kyniker leben (kynizein) werde.“[36] (Cicero)

Und weiter heißt es bei Cicero: „Was die Lebensweise der Kyniker betrifft, so sagen die einen [unter den Stoikern], sie komme für den Weisen in Frage, falls zufällig ein derartiger Fall eintrete, dass er so handeln müsse, die anderen hingegen lassen sie in keinem Fall zu.“[37] (Cicero)

Deutlich wird durch das Zitat, dass sich die Beantwortung der Frage nach einer kynischen Lebensweise für den stoischen Weisen (σπουδαϊοι, spoudaioi) im Laufe der Zeit verändert hat. Apollodoros, der vom Stoizismus beeinflusst war, aber nicht unmittelbar der stoischen Schule angehörte, wird die Ansicht zugeschrieben, dass „…der Weise wie ein Kyniker leben werde, denn der Kynismus sei ein abgekürzter Weg zur Tugend.“[38] (Apollodoros)

Und ebenfalls bei Apollodoros heißt es, dass der Stoiker, wenn er ein Weiser sei, jedoch nicht mit dem Kynismus beginnen werde. Neben dem Weg über die Lehren der stoischen Philosophie wird die Lebensweise der Kyniker hier als alternative Möglichkeit zur Arete zu gelangen, anerkannt.

Kyniker wie Stoiker verfolgten das Ziel sich von den gängigen Sitten und Gesetzen und den durch sie hervorgerufenen Zwängen zu befreien und dadurch zu einem der Natur gemäßen ‚richtigen’ Leben und zur Eudämonie zu gelangen. Sie strebten dies auf verschiedenen Wegen an. Die Kyniker dadurch, dass sie sich durch praktisches, systematisches geistiges und körperliches Training gegen alle nicht notwendigen Bedürfnisse abhärteten. Dass sie sich von äußeren Zwängen durch Normen und Konventionen unabhängig machten, um so ein Leben uneingeschränkter Freiheit in Autarkie führen zu können. Entscheidend war für sie nicht was die Menschen wissen oder sagen, sondern wie sie leben. Die Stoiker strebten diesen Weg dadurch an, dass sie durch grundlegendes philosophisches Wissen – das in der Logik, der Physik und der Ethik expliziert ist – zur Einsicht in den wahren Wert der Dinge gelangen. Dass sie durch theoretische Ausbildung eine gefestigte Erkenntnis erreichen, mit der sie handelnd aktiv am Leben des Gemeinwesens teilnehmen.

3. Die Philosophie der frühen Stoa

Die Philosophie der frühen Stoa umfasst ungefähr den Zeitraum von 300 bis 130 v.u.Z.[39] Der Stoizismus wurde benannt nach der Stoa poikile, der bemalten Athener Säulenmarkthalle unterhalb der Akropolis, die die Stadt Zenon zur Verfügung stellte und in der er lehrte.[40]

Zenon gliedert die Philosophie in drei Teile. Für das Verhältnis der drei Teile zueinander sind bildliche Vorstellungen überliefert. Es sind erstens die Vorstellung der Philosophie als lebendes Wesen, wobei die Logik den Knochen und Sehnen entspricht, die Physik den fleischigen Teilen und die Ethik der Seele; zweitens die Vorstellung der Philosophie als Ei, wobei die Logik das Äußere (die Schale) ist, die Physik das darauf folgende (das Eiweiß) und die Ethik das Innerste (das Dotter) ist; drittens die Vorstellung der Philosophie als Fruchtgarten, wobei die Logik die Mauer ist, die Physik die Bäume sind und die Ethik den Früchten entspricht.[41] Der Dreiteilung liegt der Gedanke einer Einheit der Teile zugrunde, die keine Gleichheit der Teile impliziert. Die Bilder verdeutlichen, dass für die Philosophie der frühen Stoa die Ethik der Seele, dem Innerstes und der Frucht der Philosophie entspricht, während die Logik und die Physik Voraussetzungen und Begrenzungen darstellen. Der Stellenwert der Ethik lässt den Schluss zu, dass es den Stoikern vor allem um das ‚richtige’ praktische Handeln geht.

3.1 Logik

Bedeutung erfährt die Logik in der Philosophie der frühen Stoa, da sie die Mittel zur Erkenntnis der Wahrheit bereitstellt und durch sie die Urteilsfähigkeit ausgebildet wird. Die Logik ist insofern grundlegend und von hoher praktischer Relevanz. Zenon zählt neben der Dialektik auch die Rhetorik als wissenschaftliches Gebiet zur Logik, damit grenzt er sich von Platon und Aristoteles ab. Die Rhetorik hat für Platon keinen Wissenschaftsstatus, da sie nicht zur Wahrheitsfindung beiträgt. Sie ist für Platon nur eine Methode der Dialektik und der Sophisten, denen es nicht um Wahrheitsfindung, sondern um Überredung und Wirkung geht. Für Aristoteles ist Dialektik eine methodische Argumentationsanleitung, eine Deduktion, deren Prämissen sich auf anerkannte Meinungen (ενδοζα, endoxa) beziehen,[42] sie ist eine Hilfswissenschaft. Die Rhetorik ist für Aristoteles kein wissenschaftliches Beweisverfahren, sondern eine Argumentationstechnik, eine Theorie des Meinungswissens, die es mit wahrscheinlichen Schlüssen zu tun hat. Dieser Betrachtung folgen die Stoiker[43] nicht. Für Zenon ist Dialektik die Wissenschaft von dem, was wahr und was falsch und was keines von beiden ist. Rhetorik ist die Wissenschaft der Wohlredenheit bei zusammenhängenden, einheitlichen Vorträgen, sie soll in fortlaufender Rede dasselbe Ziel erreichen wie die Dialektik. Sie hat es erstens zu tun mit Beratung, zweitens mit Rechtsprechung und drittens mit Lobpreisungen.[44] Die Dialektik fasst die Gedanken straff zusammen, während die Rhetorik die Gedanken in der Rede entwickelt. Die Dialektik umfasst zwei Gebiete: Zum einen das des Bezeichneten, zu ihm gehören die Lehren von den anschaulichen Vorstellungen, von den Sätzen, Aussagen, Geschlechtern, Arten, Tropen, Schlüssen und die Lehre von den Worten. Das zweite Gebiet ist das des Ausdrucks oder des Wortes. Die Dialektik ist für die Stoiker unentbehrlich und eine Arete.

Weitere Gebiete der Logik sind die Definitionskunde, die Lehre von den Regeln (κανόνες) und dem Kriterium (κριτήριον) der Wahrheit, die Lehre von der Phantasia (φαντασία, Vorstellung), der Aisthesis (αίσθησις, Wahrnehmung), dem Denken (νόησις, noesis) und die Lehre von den Urteilen (άξιώματα, axiomata). Die Definitionskunde unterstützt die Erkenntnis der Wahrheit, denn für die Stoiker werden die Dinge durch die Begriffe erfasst. Die Lehre von den Regeln und den Kriterien dient der Urteilsfindung in Bezug auf Wahrheit und Falschheit. In der Lehre vom Denken unterscheiden die Stoiker neun Anregungen dessen, was durch Denken erkannt werden kann. Die Anregung kann bestehen in zufälligen Umständen, in der Ähnlichkeit, in der Analogie, in der Versetzung, in der Zusammensetzung, in der Entgegensetzung, in der Regel des Übergangs, in den natürlichen Gesetzen und in der Verneinung. Mit dem Urteil wird etwas kundgetan, was entweder wahr oder falsch ist oder eine vollständige Sache, die, wie Chrysipp in seinen dialektischen Definitionen sagt, an sich entweder bejaht oder verneint werden kann.[45] Die Stoiker unterscheiden zwischen möglichen, unmöglichen, notwendigen, nicht notwendigen und wahrscheinlichen Urteilen. Die wohlbegründeten und die überzeugenden Urteile veranlassen den Logos (λόγος, Vernunft) zur Zustimmung.

Ein Zeugnis dessen, was für Zenon ein Kriterium der Wahrheit ist, ist nicht überliefert. Bei Diogenes Laertius ist von frühen Stoikern die Rede, die den Orthos Logos (òρθός λόγος) als Kriterium der Wahrheit betrachten. Aristoteles versteht unter Orthos Logos die das Sittliche treffende Vernunft.[46] Die Stoiker verstehen darunter die rechte Vernunft[47] ein angeborenes sittliches Vermögen, das die Außenwelt interpretiert[48] und Verbots- und Gebotsnormen vermittelt.[49] In welcher Form Zenon von einem Kriterium der Wahrheit sprechen kann, lässt sich anhand dessen, wie die Stoiker den Erkenntnisprozess denken, darstellen. Die Stoiker unterscheiden grundlegend zwischen Wahrheit (αλήθεια, aletheia) und wahr (άληθές, alethes). Wahrheit gilt ihnen als Körper. Auch die Seele betrachten sie als Körper, und Wahrheit oder auch Arete sind Körper, mit denen die Seele eine Mischung eingeht. Die Seele ist das >Zentralorgan in einer bestimmten Verfassung (ήγεμονικόν πως έχον, hegemonikon pos echon)<.[50] Der Ausdruck wahr hingegen meint eine bestimmte Eigenschaft von Urteilen, also eine Qualität von etwas Unkörperlichem, das selbst unkörperlich ist. Innerhalb des Erkenntnisprozesses gibt es zwei Bestandteile, die zur Erkenntnis der Wahrheit beitragen. Erstens die Phantasia kataleptike (φαντασία καταληπτική, begriffsbildende, ‚ergreifende’ Vorstellung), als Wahrheitsbedingung, der zugestimmt werden kann. Sie hat eine Beziehung zu einem real existierenden Objekt und besagt lediglich: „Ich sehe, dass p“. Und zweitens die Katalepsis, als bereits erfüllte Wahrheitsbedingung. >Die Katalepsis besagt formal: „Ja, es ist der Fall, dass p“<.[51] Die Katalepsis ist eine Phantasia, die durch das Objekt bestimmt ist und ihr entspricht, sie ist die Erfassung eines Objektes durch das erkennende Subjekt. Die Phantasia wird von den Stoikern als ein wirklicher Eindruck in der Seele gedacht.

Mit der Phantasia beginnt bei den Stoikern der Erkenntnisprozess. Durch sie erfahren die Sinne – vermittels eines Objektes - eine Einwirkung von außen. Nach der Entfernung desselben bleibt davon eine Erinnerung (μυήμη, myeme) zurück. Aus vielen gleichartigen Erinnerungen bildet sich die Erfahrung (έμπειρία, empeiria). Aus der Phantasia geht durch den Fortgang zum Allgemeinen der Begriff (έννοια, ennoia) hervor, und zwar teils von selbst, teils durch eine absichtliche und methodische Denktätigkeit.[52] Die Phantasia, die sowohl die Vorstellung im Sinne einer Repräsentation von etwas ist, als auch dasjenige, was den Vorstellungsinhalt ausmacht, ist ebenso wie die Aistesis eine Affektion, ein Erleiden. Der erfasste Vorstellungsinhalt ist keine Erkenntnis, sondern Phantasia kataleptike. Zur tatsächlichen Erfassung und damit zur Erkenntnis einer Sache kommt es nur durch die Zustimmung des Logos. Diese Zustimmung erfolgt durch die Synkatathesis. Die Synkatathesis knüpft an die Phantasia kataleptike an und ist die aktive Zustimmung oder Ablehnung und logische Prüfung der Phantasia kataleptike. Sie hängt vom Urteilswillen ab, denn nur wenn der Logos den Vorstellungsinhalt, der in Form eines Urteils artikuliert werden kann, durch die Synkatathesis anerkennt oder ablehnt, wird die Phantasia kataleptike zur Katalepsis und damit für das Erkennen und Handeln wirksam. Für die Zustimmung oder Ablehnung muss der Vorstellungsinhalt ergreifbar und die Phantasia evident sein. Aus dem Gesagten folgt, dass, wenn von einem Kriterium der Wahrheit bei Zenon gesprochen werden kann, dieses die Tätigkeit des Urteilens, die Synkatathesis ist. Die Tätigkeit liegt zwischen der Phantasia kataleptika, als Wahrheitsbedingung, der zugestimmt werden kann und der Katalepsis, als bereits erfüllter Wahrheitsbedingung. Der begriffsbildende Vorstellungsinhalt sagt: „Ich sehe, dass p“, dieser Inhalt, der in Form eines Urteils artikuliert werden kann, wird von der Synkatathesis als wahr oder falsch beurteilt und ist dann Katalepsis, die sagt: „Ja, es ist der Fall, dass p“, oder „Nein, es ist nicht der Fall, dass p“. Die Ursache für Irrtümer und Fehldeutungen liegt daher für die Stoiker in einer krankhaften oder schwachen Synkatathesis.

[...]


[1] Zenon von Kition bei Plutarch. In: Arnim, Johann von (Hrsg.): Stoicorum veterum fragmenta. Vol. I, Zeno et Zenonis discipuli, 1938. Fragment 262. Im folgenden zitiert als: SVF I, 262

[2] Technische Vorbemerkungen zur Untersuchung: 1. Ereignisse und Lebensdaten, die vor unserer Zeitrechnung liegen sind entsprechend gekennzeichnet: v.u.Z.; 2. Ereignisse und Lebensdaten, die nach unserer Zeitrechnung liegen sind ohne entsprechende Angabe notiert; 3. Zitate sind mit der vollständigen Angabe von Autor, Titel, Ort, Jahr und Seite in den Fußnoten vermerkt; 4. Bei mehrmaliger Verwendung einer Literatur begrenzen sich die Angaben auf: Autor, Titel und Angabe der zitierten Seite; 5. Die in Kapitel 4.1 zusammengestellten Fragmente sind durch die Angabe der Fragmentnummer kenntlich gemacht. Zum Beispiel: SVF I, 260 = fr. 260

[3] Die Quellenlage vor allem über die Zeit des vierten Jahrhunderts v.u.Z. ist unbefriedigend. Es existieren Materialien zu einzelnen Fakten, eine zusammenhängende Darstellung gibt es jedoch nicht. Darüber hinaus ist die Authentizität der Quellen nicht immer eindeutig. Dies gilt es bei den Ausführungen mitzubedenken.

[4] Eine Übersicht der Jahreszahlen und geschichtlichen Ereignisse ist in der Zeittafel 1: Historischer Überblick zusammengestellt, die sich im Anhang befindet (Seite 87).

[5] An dieser Stelle kann darauf hingewiesen werden, dass die wechselseitige Beeinflussung – im Sinne einer ökonomischen und kulturellen Befruchtung - des Ostens und des Westens ein wesentliches Charakteristikum des Hellenismus darstellt.

[6] Dies geschah durch die Beteiligung der Metöken an der Phalanx (den schwerbewaffneten Streitkräften).

[7] Vgl. Kreißig, Heinz: Geschichte des Hellenismus. Berlin, 1982 S.25

[8] Iliopoulos, Georgios: Ganzes und Teile des Politischen bei Aristoteles. Marburg, 2004. S.59

[9] Die Bedeutung des Begriffs der Individualität der griechischen Antike zu dieser Zeit kann hier nicht erschöpfend dargestellt werden. Die wesentlichen Merkmale sind folgende: Es gab Individualität insofern, als sich Individuen durch besondere Fähigkeiten auszeichnen konnten. Es gab das Recht als institutionalisiertes Recht und damit Verantwortung und Schuld. Das Selbsterkennen war ein Abgleich mit ethischen Regeln, die Sorge um sich selbst war eine Verankerung mit Anderen, um die eigenen Person zu konsolidieren, nicht um sich selbst kennen zu lernen.

[10] Die philosophischen Schulen des hellenistischen Athen. Orte und Entfernungen. In: Long, A.A.; Sedley, D.N.: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare. Stuttgart, 2006. S.4

[11] Simon, Heinrich und Maria: Die alte Stoa und ihr Naturbegriff. Ein Beitrag zur Philosophiegeschichte des Hellenismus. Berlin, 1956. S.26

[12] Von ihrer Gründung durch Zenon von Kition im Jahre 300 v.u.Z. bis zum Tode des letzten bedeutenden Vertreters der späteren Stoa Marc Aurel im Jahre 180.

[13] Barth, Paul: Die Stoa. Stuttgart, 1908. S.37

[14] Max Pohlenz, dessen Buch Die Stoa. Geschichte einer geistigen Bewegung 1992 in siebenter Auflage erschienen ist (Text unverändert seit 1943), erklärt die Neuerungen der stoischen Philosophie häufig mit der ‚semitischen’ Herkunft Zenons. Die unreflektierte und unkommentierte Verwendung dieser und anderer offen rassistisch verwendeter Begriffe lassen auf eine Gedankenlosigkeit schließen, die meines Erachtens nicht zu tolerieren ist.

[15] Die Frage nach der Beeinflussung von Zenon durch orientalische Vorstellungen ist eine offene. Ich neige einem Verständnis der Philosophie Zenons zu, das Dyroff wie folgt beschreibt: „Der dogmatische Inhalt der stoischen Lehre lässt sich aus dem Vorgange der sokratisch-kynischen, die Form und die Methode aus dem der Aristotelischen Philosophie und aus eigener Denktätigkeit von Zenon verstehen.“ Dyroff, Adolf: Die Ethik der alten Stoa. Berlin, 1897. S.319

[16] Arete (Tüchtigkeit, Vortrefflichkeit, Vollendung des wahren Wesens) bezeichnet die hervorragende Eigenschaft und Tauglichkeit im Sinne eines Qualitätsmerkmals. Auch Dinge können Arete haben. So kann ein Messer Arete besitzen (seine Schärfe). In Bezug auf die Menschen ist Arete die Vollendung des wahren Wesens.

[17] Er soll täglich 500 Zeilen geschrieben und im Ganzen mehr als 705 Bücher verfasst haben.

[18] Er hörte bei Diogenes von Sinope, dem Begründer des Kynismus.

[19] Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Aus dem Griechischen übersetzt von Otto Apelt. Unter Mitarbeit von Hans Günter Zekl neu herausgegeben sowie mit Vorwort, Einleitung und neuen Anmerkungen zu Text und Übersetzung versehen von Klaus Reich. Hamburg, 1990. II, 115. Im folgenden als zitiert als: D.L.

[20] D.L.: VII, 4

[21] Es handelt sich hier vielleicht um ein Wortspiel mit dem Vorgebirge Kynosura, wie man vermutet hat, oder es bezieht sich auf die Tatsache, dass Krates Kyniker war und κύων (kyon) übersetzt der Hund heißt.

[22] Die Kyniker zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie viele neue Literaturformen schufen.

[23] Tragicorum Graecorum Fragmenta, vol.2, adsep.392. Zitiert nach: Döring, Klaus: Die Kyniker. Bamberg, 2006. S.76

[24] Suppl. Hellenist. 364 = fr.15. Zitiert nach: Döring, Klaus: Die Kyniker. S.76

[25] Dieser war seinerseits Schüler des Sokrates.

[26] Als elementare Grundbedürfnisse anerkannte Diogenes von Sinope Essen, Trinken, Bekleidung, Behausung und Befriedigung des Sexualtriebs.

[27] Rist, J.M.: Stoic Philosophy. Cambridge, 1969. S.69

[28] D.L.: VI, 20

[29] D.L.: VI, 29 vgl. D.L. VI, 71

[30] Er kam vermutlich aus der Familie eines Münzbeamten. Möglicherweise ist es auch eine Anspielung auf die Überlieferung, dass sein Vater der Münzfälschung überführt worden ist.

[31] D.L.: VI, 38

[32] D.L.: VI, 63

[33] D.L.: VI, 63

[34] D.L.: VII, 121

[35] Vgl. Cicero, Marcus Tullius: De officiis. Vom pflichtgemäßen Handeln. Lateinisch und deutsch. Übers., kommentiert und hrsg. von Heinz Gunermann. Stuttgart, 1992.

[36] Cicero, Marcus Tullius: De finibus bonorum et malorum. Über das höchste Gut und das größte Übel. Lateinisch – deutsch. Übers. und hrsg. von Harald Merklin. Stuttgart, 1989. 3, 68

[37] Cicero, Marcus Tullius: De finibus bonorum et malorum. 3, 68

[38] D.L.: VII, 121

[39] Siehe hierzu auch die Zeittafel 2: Einteilung der Stoiker in frühe, mittlere und späte Stoiker, die sich im Anhang befindet (Seite 93).

[40] In einiger Literatur wird die Wahl des Ortes mit der finanziellen Situation Zenons begründet. Als möglicher Grund erscheint ebenso die Vermutung, dass Zenon diesen Ort wählte, um zu viele Zuhörer zu vermeiden. Mir scheint es nicht unwahrscheinlich, dass er mit dieser Ortswahl bewusst gegen die Konvention diese Halle zu meiden, handelte. In der Halle wurden zur Zeit der Dreißig Tyrannen über 1.400 Athener Bürger ermordet.

[41] Vgl. D.L.: VII, 40

[42] Vgl.Aristoteles: Organon. Bd.1. Topik. Über die sophistischen Widerlegungsschlüsse. Griechisch – deutsch, hrsg., übers., mit Einl. und Anm. vers. von Hans Günter Zekl. Hamburg, 1997. 1, 100a 18 ff

[43] Wenn im folgenden von den Stoikern die Rede ist, dann ist – soweit nichts anderes vermerkt ist – die Philosophie der frühen Stoiker gemeint.

[44] D.L.: VII, 42

[45] Vgl. D.L.: VII, 65

[46] Aristoteles: Die Nikomachische Ethik. Aus dem Griechischen und mit einer Einführung und Erläuterungen versehen von Olof Gigon. München, 1991. VI 13, 1144b 23, 1103b 32

[47] Hobert, Erhard: Stoische Philosophie. Frankfurt am Main, 1992. S.211

[48] Vgl. Graser, Andreas: Zenon von Kition. Positionen und Probleme. Berlin, 1975. S.132

[49] Vgl. Graser, Andreas: Zenon von Kition. S.134

[50] Graeser, Andreas: Zenon von Kition. S.28

[51] Graeser, Andreas: Zenon von Kition. S.68

[52] Vgl. Uberweg, Friedrich: Grundriß der Geschichte der Philosophie. 1 Die Philosophie des Altertums. Berlin, 1967. S.418

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Die "Politeia" Zenon von Kitions als Begründung von Herrschaft
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Philosophie und Geisteswissenschaften)
Note
1,1
Autor
Jahr
2009
Seiten
104
Katalognummer
V144075
ISBN (eBook)
9783640543533
Dateigröße
1012 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politeia, Zenon, Kitions, Begründung, Herrschaft
Arbeit zitieren
Monika Skolud (Autor), 2009, Die "Politeia" Zenon von Kitions als Begründung von Herrschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144075

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die "Politeia" Zenon von Kitions als Begründung von Herrschaft


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden