Rezeption des Nibelungenliedes in der Neuzeit – Moritz Rinke: „Die Nibelungen“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Der Aufbau der „Nibelungen“

3. Das Gestaltungsmittel der Vorausdeutung
3.1 Kinder
3.2 Die erste Szene
3.3 Theater im Theater
3.4 Etzels Brautwerbung
3.5 Kriemhilds Träume

4. Personengestaltung
4.1 Frauengestalten
4.1.1 Kriemhild
4.1.2 Brünhild
4.2 Frauenwelt
4.2.1 Handlungsorte
4.2.2 Idealismus
4.2.3 Opferrolle
4.3 Männergestalten
4.3.1 Siegfried
4.3.2 Hagen
4.3.3 Giselher
4.4 Männerwelt
4.5 Frauenwelt versus Männerwelt

5. Interpretationsmöglichkeiten

6. Nationalepos Nibelungenlied?

7. Schlussbemerkung

8. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Kriemhild: Hirsche? Ich sprech von der Neuen Welt und du sprichst von Hir- schen?!1

Das im 12. Jahrhundert entstandene Nibelungenlied beschäftigt spätestens seit seiner Wiederentdeckung im 18. Jahrhundert durch Johann Jacob Bodmer die Welt und insbesondere die deutsche Germanistik.2

Losgelöst von interpretatorischen Belastungen, nationalistischer Befrachtung und germanistischen Phrasen hat Moritz Rinke, geboren 1967 in Worpswede, einen neuen Zugang zum Nibelungenlied gesucht - und gefunden. Sein Drama „Die Nibelungen“ (2002) folgt ausschließlich dem Nibelungenlied und lässt andere Aufarbeitungen des Stoffes außer Acht.3

„Die Nibelungen“ wurden im Sommer 2002 im Rahmen der neugegründeten Nibelungenfestspiele auf der Wormser Freilichtbühne vor dem Dom - dem Originalschauplatz - uraufgeführt.4

Thema dieser Hausarbeit ist die Beschäftigung mit Rinkes Drama als Beispiel für die Rezeption des Nibelungenliedes in der Neuzeit. Dabei werde ich nicht auf den Stellen- wert der „Nibelungen“ in der Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes eingehen - dieser wird sich erst in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zeigen können. Auch die Rezeptionsgeschichte im Allgemeinen sowie im Besonderen deren Beurteilung des na- tionalen Charakters des Nibelungenliedes werde ich vernachlässigen und nur im Zu- sammenhang mit Rinkes eigener Beurteilung und seinem immanenten Umgang mit dem Mythos Nationalepos Nibelungenlied in den „Nibelungen“ erwähnen. Stattdessen wird in der Analyse der Vergleich mit dem mittelalterlichen Originaltext im Vordergrund stehen, denn die Intention des Dramatikers ist die folgende gewesen: „ Die Geschichte mit nun mehr Gegenw ä rtigkeit neu und trotzdem treu zu erz ä hlen. “5

Zu Beginn dieser Arbeit wird der Aufbau der „Nibelungen“ dargelegt. Darauf fol- gend werde ich auf das gestalterische Mittel der Vorausdeutung eingehen, das auch im Nibelungenlied eine wichtige Funktion einnimmt. Den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet die Analyse der Personengestaltung. Hierbei werden sowohl einzelne Frauen als auch Männer charakterisiert, so dass im nächsten Schritt die unterschiedliche Gestaltung von Männer- und Frauenwelt in den „Nibelungen“ sowie im Nibelungenlied beurteilt werden kann. Es wird sich zeigen, dass die Frauengestalten im Gegensatz zu ihren männlichen Gegenspielern zwar mehr Individualität und Intellekt besitzen, aber dennoch den männlichen Machenschaften unterlegen sind. Darauf folgend werde ich eine generelle Interpretation des Nibelungenliedes, wie Rinke sie anbietet, wagen - dabei wird zu erkennen sein, welche Interpretationsmöglichkeiten das Drama offen lässt und wie diese im Vergleich zum Nibelungenlied stehen. Den Abschluss bildet Rinkes Beurteilung der national-ideologisch orientierten Rezeption des Nibelungenliedes.

Am Schluss dieses Vorwortes weise ich darauf hin, dass ich mich in dieser Hausar- beit hauptsächlich auf die schriftliche Form des Dramas „Die Nibelungen“6 beziehen werde und die Wormser Aufführungen der Sommer 2002 und 2003 unter der Regie von Dieter Wedel außer Acht lassen werde, insofern dass diese teilweise vom Originaltext differieren. Nach meiner Meinung relativieren einige dieser Änderungen die Interpreta- tionen, die der Text hervorruft. Im Sinne des Rinkeschen Textes werde ich auf die auf- gezeichnete Generalprobe vom Sommer 2002 deshalb nur an Stellen, an denen die Auf- führung die Aussagen des Textes visuell unterstreicht, aufmerksam machen.

2. Der Aufbau der „Nibelungen“

Dieses Kapitel befasst sich mit dem Aufbau des Dramas „Die Nibelungen“ von Moritz Rinke im Vergleich zum Nibelungenlied. In einem zweiten Schritt werden auf einige inhaltliche Änderungen hingewiesen.

Während das Nibelungenlied zweigeteilt gegliedert ist, findet in Rinkes Drama eine Gliederung in drei Akte statt. Der erste Akt besteht aus sechs Szenen, der zweite Akt aus vier Szenen und der Schlussakt aus acht Szenen; das Drama insgesamt konstituiert sich aus insgesamt achtzehn Szenen.

Der Zweiteilung des Nibelungenliedes in 19 bzw. 20 Aventiuren entspricht eine Par- allelität im Aufbau der beiden Teile. „ Beide Handlungsteile bestehen ihrerseits aus zwei durch gleiche Erz ä hlschemata konstituierte[] Phasen. “7 Die Handlung wird je- weils durch die Brautwerbung eingeleitet - im ersten Teil die Werbungen um Kriemhild und Brünhild, im zweiten Teil Etzels Werbung um Kriemhild. Darauf folgt in beiden Teilen eine Einladung mit versteckter Absicht. Während Brünhild ihre Verwandten aus Xanten einlädt, um Siegfrieds Status im Gefüge des Wormser Hofes herauszufinden, enthält Kriemhilds Einladung an die Wormser Verwandten die geheime Absicht, Rache für Siegfrieds Tod zu üben. Zuletzt wird in beiden Teilen das Schema einer festlichen Begegnung mit sich wendenden Geschehensverlauf eingesetzt - es kommt zur Konfron- tation mit tödlichem Ausgang. Im ersten Teil geschieht dieses durch den Streit der bei- den Königinnen und dem Mord an Siegfried; dem gegenüber stehen im zweiten Teil verschiedene provozierende Handlungen seitens Kriemhilds und Hagens sowie der Un- tergang aller am Ende des Nibelungenliedes.8

Bei Rinke konstituieren der erste und zweite Akt mit insgesamt zehn Szenen den ers- ten Teil des Nibelungenliedes. Während im Nibelungenlied die beiden Teile gleich ge- wichtet sind, nimmt dieser erste Teil bei Rinke einen größeren zeitlichen Rahmen ein - formal gesehen zwei Akte und zwei Szenen mehr als der letzte Akt. Dennoch erscheint Rinkes Einteilung in drei Akte als sinnvoll, da jeder Akt einen sowohl räumlich als auch zeitlich und handlungstechnisch abgegrenzten Raum einnimmt. Der erste Akt, der die Aventiuren 1 bis 11 umfasst, spielt in Worms - allerdings fällt bei Betrachtung der Ge- schlossenheit der Handlung, des Raumes und der Zeit die erste Szene dieses Aktes aus dem Rahmen, sie passt in diesen Hinsichten nichts ins Gesamtbild und wird deshalb noch getrennt zu betrachten sein - und nimmt zeitlich einige Wochen oder Monate in Anspruch, eine genaue zeitliche Determinierung ist nicht möglich. Inhaltlich geht es um eine Einleitung in das Geschehen und insbesondere eine Vorstellung der handelnden Personen. Der zweite Akt - er enthält den Inhalt der Aventiuren 12 bis 18 - spielt eben- falls in Worms, allerdings 10 Jahre später, und umfasst zeitlich nur wenige Tage. Ge- genüber dem ersten Akt findet im zweiten Akt eine Steigerung des Geschehens statt. Mit dem blutig endenden Kampf der beiden Cousins deutet sich ein Konflikt an, der im Streit zwischen Kriemhild und Brünhild offen ausgetragen wird und im Mord an Sieg- fried als dem Höhepunkt und Endpunkt des Aktes kulminiert. Mit dem dritten Akt, der die Aventiuren 19 bis 39 des Nibelungenliedes wiedergibt, wechselt der Handlungsort ins Hunnenland an den Hof des Königs Etzel. Hier ist der Einschnitt, der im Nibelun- genlied die beiden Teile von einander trennt. Dieser Akt ist hinsichtlich seiner zeitlichen Ausdehnung nicht genau determinierbar. Nach einer kurzen Einleitung in das zwischen- zeitliche Geschehen kommt es zur konfliktreichen Begegnung zwischen Kriemhild und den Burgundern. Dramaturgisch gesehen hat man es somit mit einer Verzögerung des Handlungsgeschehens zu tun, das schließlich in der Auflösung - der Katastrophe - en- det.

Schon bei dieser Darstellung fällt auf, dass zwischen Rinkes Drama und dem mittel- alterlichen Originaltext einige Änderungen zu finden sind. Einige Inhalte sind vernach- lässigt, verkürzt, verändert oder nur indirekt präsentiert. Besondere Bedeutung hat dabei die erste Szene, die losgelöst vom restlichen Geschehen stehend eine Begegnung zwi- schen Siegfried und Brünhild schildert und kein Äquivalent im Nibelungenlied hat.9 Siegfrieds Aufenthalt am Wormser Hof vor Beginn des Krieges gegen die Dänen und Sachsen ist auf wenige Tage reduziert, so dass Siegfried bereits kurz nach seiner An- kunft von der bevorstehenden Bedrohung erfährt.10 Genauso wie die Fahrt nach I- senstein und die Brautwerbung um Brünhild wird der Krieg nur indirekt durch Botenbe- richte präsentiert.11 Des Weiteren geht aus Rinkes Drama nicht hervor, dass Siegfried und Kriemhild aufgrund einer Einladung mit einer versteckten Absicht Brünhilds nach Worms kommen - weder Grund noch Anlass des Besuches sind genannt.12 Auch der Aufenthalt ist verkürzt, das Geschehen zwischen der Ankunft und dem Mord an Sieg- fried gerafft. Das Mordgeschehen selbst ist völlig verändert. Hagen fügt Siegfried vor den Augen aller die tödliche Verletzung zu, indem die Lüge von der erfundenen Kriegs- erklärung der Sachsen bis zum ersten Kämpfen geführt wird. Giselher erlöst Siegfried schließlich von seinen Todesqualen.13 Ein weiterer Aspekt ist die Brautwerbung Etzels, die schon während der Hochzeitsnacht aufgenommen wird14, so dass nach Siegfrieds Tod keine Werbung stattfindet. Das Kind Ortlieb berichtet von der Hortversenkung und Kriemhild Reise ins Hunnenland aufgrund von Giselhers Rat und dessen Erinnerung an die frühere Werbung Etzels. So ist das Geschehen zwischen Siegfrieds Tod und Kriem- hilds Leben an Etzels Hof stark verkürzt indirekt dargestellt.15 Darüber hinaus wird bei Rinke zwar die Aussendung der Boten von Etzels Hof, aber nicht deren Empfang in Worms sowie die gesamte Reise der Burgunder ins Hunnenland gezeigt. Dafür vermit- telt die zweite Szene des dritten Aktes einen Eindruck dieser Reise, in dem der Bericht über die Voraussage der Meerjungfrauen und deren Wahrheitsbeweis als Begründung für die angebliche Gefährlichkeit des bevorstehenden Besuches bei Kriemhild und Etzel dienen soll.16 Das Geschehen an Etzels Hof ist des Weiteren gekürzt, sowohl zeitlich als auch inhaltlich auf ein paar prägnante Handlungspassagen reduziert und endet nicht mit Kriemhilds sondern bereits mit Hagens Tod.17

3. Das Gestaltungsmittel der Vorausdeutung

Das Element der Vorausdeutung benutzt der allwissende Erzähler des Nibelungenliedes als sein wichtigstes Gestaltungsmittel. Durch die Vorausdeutungen „ werden zeitliche und inhaltliche B ö gen geschlagen, das Geschehen verklammert und deutende Signale gesetzt. “18 Im Nibelungenlied erhalten sie besondere Wichtigkeit im Zusammenhang von Freude und Leid. In positiven Momenten sind vom Erzähler vorausdeutende Be- merkungen eingeflochten, die zeigen, dass es einen negativen Umschwung geben wird; die „ Determination zum Untergang “19 wird unterstrichen. Der Umschlag von Freude und Liebe in Hass und Tod kann als Leitmotiv des gesamten Epos gelten und wird durch den Erzähler immer wieder ins Blickfeld gerückt.20 Liest man das Nibelungen- lied, so hat man von Beginn an die finale Katastrophe im Blick:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten21

Bei Moritz Rinke wird der freie Umgang mit der Zeit und damit auch das Gestaltungs- mittel der Voraus- und Rückdeutung wieder aufgenommen, allerdings in anderen For- men und Zusammenhängen. Dieses ergibt sich vor allem dadurch, dass Rinke nicht mit einem durchgehenden Erzähler arbeitet, der wie im epischen Theater das Geschehen vom Bühnenrand kommentiert. Mir persönlich erscheinen Rinkes Vorausdeutungen eher hintergründig und teilweise nur für den geübten Nibelungenlied-Leser deutlich hervorzutreten. Dabei wird zu demonstrieren sein, dass sie trotzdem auf die finale Ka- tastrophe hindeuten und den Umschwung von „Liebe in Leid“ widerspiegeln. Auf eini- ge dieser voraus- und rückdeutenden Passagen werde ich in diesem Kapitel eingehen.

3.1 Kinder

Wie ich bereits erwähnt habe, fehlt in den „Nibelungen“ ein Erzähler. An Stelle eines solchen hat Rinke an zwei Stellen die - zum erzählten Geschehen noch nicht geborenen - Kinder der Hauptpersonen verwendet. Interessant ist dabei, dass den Kindern im Ni- belungenlied selbst keine bedeutende Rolle zukommt; ihre Existenz wird jeweils nur kurz erwähnt und Kriemhilds zweiter Sohn Ortlieb erhält seine Wichtigkeit nur durch seine Ermordung durch Hagen.22 Die Erzählungen der Kinder gliedern das Geschehen in zwei Teile. Zu Beginn der Haupthandlung geben die beiden Kinder Siegfried und Gunther einen Überblick über die Personen des Wormser Hofes und das beginnende Geschehen.23 Parallel dazu gibt auch der kleine Ortlieb nach dem Ortswechsel der Handlung einen Überblick über das Geschehen der Zwischenzeit.24 Dadurch dass die Kinder zum Zeitpunkt des erzählten Geschehens noch nicht geboren sind, deuten sie einerseits auf ihre eigene spätere Existenz hin, andererseits gliedern sie das Drama in zwei Teile - die Geschichte um Siegfrieds Tod mit dem Handlungsort Worms und den Untergang der Burgunder im Hunnenland. Dieser Aufbau weist auf die Vorlage des Dramas hin, denn das Nibelungenlied selbst gibt - wie ich bereits beschrieben habe - genau diese Zweiteilung vor.

Die Kinder haben noch an einer anderen Stelle einen Sinn als Vorausdeutung; diese zeigt sich im Kampf der beiden Jungen, bei dem Siegfried schwer verletzt wird.25 Mir erscheint dieses als ein Vorgriff auf das Geschehen, insofern als dass der namensgleiche Onkel Siegfried durch den Untergebenen König Gunthers - nämlich Hagen - sterben wird, so wie der namensgleiche Neffe Gunther seinen Cousin schwer verletzt. Gleich- zeitig sehe ich diese Szene aber auch als Rückdeutung. Der Sohn Siegfrieds kämpft bei seiner ersten Ankunft in Worms und gewinnt; damit führt er den Kampf, auf den Sieg- fried aus Höflichkeit verzichtet hat, um den Burgunder stattdessen im Krieg zu helfen. Dass der Sohn Siegfrieds dem Sohn Gunthers überlegen ist, ist als Symbol für die Un- terlegenheit der Burgundern im eigentlichen Kampf zu interpretieren. Wie sich zeigt, bleibt ihnen nur täuschendes Verhalten, um einen „Held“ wie Siegfried zu töten.

3.2 Die erste Szene

Eine Besonderheit des Dramas stellt die erste Szene dar.26 Diese steht losgelöst vom restlichen Geschehen - sowohl zeitlich, räumlich als auch inhaltlich -, gibt aber entscheidende Hinweise auf sowohl den Fortlauf des Dramas als auch auf eine mögliche Deutung des weiteren Geschehen.

Der Zuschauer wird Zeuge einer Begegnung zwischen Siegfried und Brünhild, von der im gesamten Nibelungenlied nicht die Rede ist, obwohl diese Begegnung glaubhaft erscheint - insbesondere dadurch, dass Siegfried so genaue Auskunft über Brünhild geben kann27 und auch Brünhild über Siegfried Bescheid weiß.28 Aber es gibt keinerlei Hinweise, wie eine frühere Zusammenkunft der beiden hätte aussehen können - und da auch Hagen genaue Kenntnis über Siegfried hat, obwohl er diesem - wie er betont - bisher niemals begegnet ist, bleibt offen, ob jemals eine Begegnung stattgefunden haben könnte.29 Ähnlich interpretiert auch Müller dieses Wissen Siegfrieds:

„ Dass Siegfried ‘ Bescheid weiß’ über Brünhild und Isenstein, heißt nicht, dass er dort gewesen sein muß , sondern ergibt sich aus der Rolle, die ihm zugewachsen ist: Hagen als ü berlegenen Ratgeber und Helfer des Königs zu ersetzen. ‘ Wissen ’ ist Teil der Helferrolle im Schema ‘ gefährlicher Brautwerbung ’ . “30

Die hier vorgeführte Episode entspringt Rinkes Phantasie. Glaubwürdig erscheint diese Begegnung jedoch dadurch, dass es eine gewisse Verbindung zwischen den beiden Personen gibt, insofern dass sie beide archaische Tendenzen besitzen. Sie umgibt etwas Geheimnisvolles und beide gehören nicht vollständig in die höfische Welt.

Nimmt man diese erste Szene als Deutung des gesamten Geschehens, so mag man glauben, dass der Mord an Siegfried durch Brünhilds Eifersucht auf Kriemhild motiviert ist. Hier wird gezeigt, dass Siegfried nicht an Brünhild interessiert ist - er „ wollte nur mal sehen “31 , denn er will weiter - „ An den Rhein. Zu den Deutschen “32, zu seiner spä- teren Gemahlin Kriemhild. So betont auch Ursula Schulze, dass aus einer solchen Be- gegnung psychologisierende Begründungen für die weitere Handlung ableitbar wären.33

Doch wirklich glaubhaft erscheint diese Deutung selbst im Zusammenhang von Rinkes „Nibelungen“ nicht, da Brünhild zwar an der Diskussion um Siegfrieds Mord teilnimmt, aber nicht selbst Stellung bezieht.34

Festzuhalten bleibt in jedem Fall, dass diese Szene eine problematische Beziehung zwischen Brünhild und Siegfried andeutet. Der Konflikt wird von Hagen früh erkannt und wieder aufgenommen. Noch bevor Brünhild am Wormser Hof erscheint, weiß er: „ Eine Frau zu viel und ein Mann zu wenig “35 - ein Satz, den auch Gernot bei Brünhilds Ankunft wiederholt. Man kann also erkennen, dass mit diesem Motiv gespielt und auf die erste Szene hingewiesen wird.

Korrespondierend zu dieser Szene erscheinen die letzten Momente des zweiten Ak- tes. Hier wird das Motiv des Feuerkreises wieder aufgenommen, was ich als Rückdeu- tung auf die erste Szene des Dramas sehe. Der Zuschauer wird daran erinnert, dass Sieg- fried vor seiner Werbung um Kriemhild schon ein Treffen mit Brünhild hatte - eine Begegnung, die außer einem Kuss, Siegfrieds Desinteresse und Brünhilds Erstaunen keine Konsequenzen hatte. Der Feuerkreis ist ein Zeichen Brünhilds und an dieser Stelle vereinnahmt sie Siegfried für sich - eine Handlung, die ihr während Siegfrieds Lebzei- ten nicht möglich war.

3.3 Theater im Theater

Nach dem Sieg gegen die Dänen und Sachsen verkündet Gunther wohlgelaunt: „ Ich gebe bekannt: Ab jetzt werden hier jedes Jahr Festspiele stattfinden! Festspiele, sage ich, die unsere Schlacht in Sachsen zum Erg ö tzen in Szene setzen. “36

Der Theater-Begriff erhält in Rinkes Drama eine zentrale Bedeutung mit mehreren Dimensionen. Einerseits plant König Gunther Festspiele, andererseits wird Siegfried mit theaterspielenden Burgundern in eine Falle gelockt, wobei das Theater ein geheimes Theater ist, dessen Spiel Siegfried nicht durchschauen kann. Und zu Letzt ist das gesamte Drama Theater, wie auch Peter von Becker darlegt:

[...]


1 Rinke, Nibelungen, S. 53

2 vgl. Müller, Nibelungenlied, S. 146-147

3 z.B. die Klage oder Lieder der Edda, die Richard Wagner für seinen „Ring“ verwendet hat

4 vgl. http://www.nibelungenfestspiele.de

5 http://www.ndrinfo.de/ndrinfo_pages_std/0,2758,OID130356,00.html

6 Rinke, Moritz: Die Nibelungen., 2. Auflage, Reinbek bei Hamburg 2002

7Schulze, Nibelungenlied, S. 92

8 vgl. Schulze, Nibelungenlied, S. 91-93

9 vgl. Rinke, Nibelungen, S. 13

10 vgl. Rinke, Nibelungen, S. 20-25

11 vgl. Rinke, Nibelungen, S. 25-28, 39-41

12 vgl. Rinke, Nibelungen, S. 59-60

13 vgl. Rinke, Nibelungen, S. 70-74

14 vgl. Rinke, Nibelungen, S. 50-51, hier findet sich eine Vorausdeutung, auf die ich an späterer Stelle noch genauer eingehen werde.

15 vgl. Rinke, Nibelungen, S. 77

16 vgl. Rinke, Nibelungen, S. 80-83

17 vgl. Rinke, Nibelungen, S. 90-102

18 Schulze, Nibelungenlied, S. 120

19 Schulze, Nibelungenlied, S. 121

20 vgl. Schulze, Nibelungenlied, S. 94, 120-131 und Göhler, Nibelungenlied, S. 70-76

21 Nibelungenlied, Strophe 6, vgl. beispielsweise auch Nibelungenlied, Strophe 18-19, 70, 138, 324 7

22 vgl. Rinke, Nibelungen, S. 90, 92 und Nibelungenlied, Strophe 1912-1913, 1961

23 Rinke, Nibelungen, S. 13-15

24 Rinke, Nibelungen, S. 77-78

25 Rinke, Nibelungen, S. 60-61

26 vgl. Rinke, Nibelungen, S. 13

27 vgl. Nibelungenlied, Strophe 330, 382, 393

28 vgl. Nibelungenlied, Strophe 416-419, 86

29 vgl. Schulze, Nibelungenlied, S. 185

30 Müller, Nibelungenlied, S. 156

31 Rinke, Nibelungen, S. 13

32 ebd.

33 vgl. Schulze, Nibelungenlied, S. 185

34 vgl. Rinke, Nibelungen, S. 65-67

35 Rinke, Nibelungen, S. 38, 39

36 Rinke, Nibelungen, S. 30

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Rezeption des Nibelungenliedes in der Neuzeit – Moritz Rinke: „Die Nibelungen“
Hochschule
Universität Osnabrück
Veranstaltung
Seminar: Das Nibelungenlied – Dynamik eines Untergangs
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
32
Katalognummer
V144180
ISBN (eBook)
9783640534142
ISBN (Buch)
9783640534173
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rezeption, Nibelungenliedes, Neuzeit, Moritz, Rinke, Nibelungen“
Arbeit zitieren
M.A. Andrea Frohleiks (Autor), 2004, Rezeption des Nibelungenliedes in der Neuzeit – Moritz Rinke: „Die Nibelungen“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144180

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