Was mag Goethe dazu bewegt haben, wieder den alten klassizistischen Faden aufzunehmen? Setzte er tatsächlich alle Forderungen im französischen Sinne um? Oder passte er diese nicht vielmehr seinen eigenen Vorstellungen und denen seiner Zeitgenossen an? Auf welche Art und Weise geschah das? Dazu muss zunächst einmal untersucht werden, was die Forderungen überhaupt besagten, die vor allem durch die französischen Dramatiker Pierre Corneille und Jean Racine an Bedeutung erfahren haben, aber bereits in Aristoteles‘ "Poetik" ihren Ursprung finden. Bei allen diesen Untersuchungen steht die Thematik der "drei Einheiten" im Vordergrund.
Geradezu einig war man sich jahrelang um die "klassisch-humanistische" Deutung der Iphigenie, deren "Lesart lange unbezweifelt" blieb. Die Komponente der inneren Konflikte der Protagonistin blieben oft im Dunkeln, dabei scheint es fast unmöglich, bei der Analyse der Iphigenie nicht über unschlüssige Muster und Motive zu stolpern. Iphigenie als Heilerin und heilspendende, humanistische Heroine zu deklarieren, simplifiziert ihren vielschichtigen Charakter in allzu euphorischer Manier. In der vorliegenden Arbeit möchte ich anhand der Untersuchung der Kommunikation und des Verhaltens Iphigenies widersprüchliches, konfliktreiches Inneres zum Gegenstand der Interpretation machen. Dabei werde ich mich kritisch mit der Frage auseinandersetzen, wie sich Iphigenie als Mensch, vor allem aber als Frau den Konflikten ihres Daseins und den Konzepten des idealisierten Frauenbildes stellt.
Diese Arbeit wird sich nicht nur ausführlich mit Iphigenies Einfluss auf Orest beschäftigen, sondern im Besonderen mit der Figur des Orest selbst. Das Untersuchungsinteresse liegt auf seinem Wahnsinn, der Heilung des selbigen und dem Einfluss der Heldentradition auf seine Taten und Entscheidungen. In den folgenden Kapiteln wird Orest als eine Figur mit traumatischen Erlebnissen betrachtet und seine Taten werden mit diesem Hintergrund analysiert und im Handlungskontext eingeordnet. Es soll gezeigt werden, dass Orest ein vielschichtiger Charakter ist, der durch Erziehung und Traditionsbewusstsein in seine Lage geriet und am Ende des Stückes als autonome Figur sein Handeln selbst bestimmt.
Inhaltsverzeichnis
Goethes Aufnahme der „drei Einheiten“ in der „Iphigenie“
1. Einleitung
2. Die Lehre von den ‚drei Einheiten‘
3. Die Auseinandersetzung mit der antiken Regelpoetik in der Neuzeit
4. Die Umsetzung der ‚drei Einheiten‘ in Goethes ‚Iphigenie‘
4.1. Die Einheit der Handlung
4.2. Die Einheit des Ortes und der Zeit
5. Schluss
Zwischen ''Des Frauenschicksal ist beklagenswert'' und ''Ich bin so frei geboren als ein Mann''
Iphigenies konfliktreiche Verhaltensentwicklung als Frau in Johann Wolfgang von Goethes Drama
1. Einleitende Bemerkungen
2. Frauenrolle: Historische Kontextuierung
3. Konstitution der Iphigenie
4. Figurenkonstellationen
4.1. Iphigenie und Arkas
4.2. Iphigenie und Thoas
4.3. Iphigenie und Orest
5. Analyse der Haltung Iphigenies
5.1. Iphigenies Dilemma und ihr Umgang mit der Flucht
5.2. Iphigenie und Pylades
5.3. Iphigenie- Egozentrikerin im Humanistenpelz
5.4. Zum Götterglauben Iphigenies
5.5. Geständnis und Bekenntnis
5.6. ,,Ich habe nichts als Worte''
6. Deutung des Endes
7. Anmerkungen
7.1. Iphigenie als weibliche Repräsentantin
7.2. Parallelen zu Goethes Leben
8. Iphigenie die Heilerin? Iphigenie die Hoffnung! Ein Fazit.
9. Literaturverzeichnis
Heroismus und Wahnsinn. Der Orest in Goethes „Iphigenie auf Tauris“
1. Einleitung
2. Die Heilung des Orest
3. Orests Wahnsinn
4. Erkenntnis und Heilung
5. Orests Heroismus
6. Zusammenfassung
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht strukturell die Anwendung der Aristotelischen "drei Einheiten" sowie die psychologische Dynamik von Geschlechterrollen und Heroismus in Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“, mit dem Ziel, die Motivation hinter Goethes Rückgriff auf klassizistische Formen trotz seiner stürmisch-drängenden Anfänge zu klären.
- Die ästhetische und strukturelle Bedeutung der „drei Einheiten“ im Drama.
- Die Kommunikation und Identitätsentwicklung Iphigenies als Frau im Exil.
- Der psychologische Verarbeitungs- und Heilungsprozess von Orest bezüglich seines Wahnsinns.
- Das Spannungsfeld zwischen traditionellen Heldenidealen und individueller Autonomie.
Auszug aus dem Buch
Die Umsetzung der ‚drei Einheiten‘ in Goethes ‚Iphigenie‘
Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts waren die deutschen Dramen sehr stark an die französische Theorie angelehnt. Doch mit Erscheinen der ‚Hamburgischen Dramaturgie‘ Lessings setzte eine radikale Wende ein, die sich auch auf das dichterische Schaffen Goethes auswirkte. Nachdem er in jungen Jahren Corneilles ‚Discours sur la poème dramatique‘ studiert hatte, entstanden frühe Dramen wie ‚Die Laune des Verliebten‘ und ‚Die Mitschuldigen‘, die eng an die französischen Dramen angelegt waren und in denen er vor allem die Lehre von den ‚drei Einheiten‘ sehr genau umzusetzen versuchte. Schließlich aber setzte sich auch in Deutschland das freie Drama Shakespeares durch. Es wurde zum Vorbild Goethes in seiner Sturm-und-Drang-Periode ab 1767, in der von subjektiven Empfindungen und sinnlichem Erleben geprägte Werke (unter anderem: ‚Götz von Berlichingen‘, ‚Die Leiden des jungen Werther‘ und ‚Clavigo‘) entstanden.
Als er jedoch im November 1775 der Einladung des Herzogs Carl August nach Weimar Folge leistete, begann für ihn ein neuer Lebensabschnitt, der das Ende seiner ‚Jugendzeit‘, die Übernahme von Verantwortung und gesellschaftlichen Pflichten bedeutete und sich wesentlich auf Goethes literarische Tätigkeit auswirkte. Für seinen Herzog, mit dem ihm ein freundschaftliches Verhältnis verband und der das französisch-höfische Theater außerordentlich schätzte, schrieb und übersetzte er Dramen nach französischer Manier. Aus diesem Bewusstsein heraus verfasste er 1779 seine „Iphigenie“, die zwar kein ‚Auftragswerk‘ des Carl Augusts war, jedoch offensichtlich anlässlich der Geburt seiner ersten Tochter und somit für die Aufführung am Weimarer Hofe bestimmt war. Als Anlass für die Beschäftigung mit antiken Stoffen, aus denen die Entstehung eines antiken Werkes resultiert, diente höchstwahrscheinlich auch der Zwist mit dem Weimarer Hofdichter Wieland über dessen Singspiel ‚Alceste‘ – eine höfisch-klassische Adaption nach der griechischen Vorlage Euripides‘. Denn Goethe „richtet sich gegen eine Theaterantike, gegen die bloße antikische Pose der Zeit, gegen die Nachahmung der ‚Alten‘ als Spiel des Hofs.“ So entstand Goethes Werk ‚Iphigenie‘ in Prosa in der ersten Fassung und erst 1786, als „es [...] durch die Jahre gedrungen / erscheint es in vollendeter Gestalt“ und leitet die Epoche der Weimarer Klassik ein.
Zusammenfassung der Kapitel
Goethes Aufnahme der „drei Einheiten“ in der „Iphigenie“: Diese Einleitung beleuchtet Goethes Entwicklung vom Sturm und Drang hin zum klassischen Regelwerk und die Motivation, das antike Erbe neu zu adaptieren.
1. Einleitung: Dieses Kapitel verortet die Entstehung der "Iphigenie auf Tauris" in Goethes Biografie und den Weimarer Kontext.
2. Die Lehre von den ‚drei Einheiten‘: Eine theoretische Herleitung der Aristotelischen Einheiten von Ort, Zeit und Handlung und deren historische Entwicklung.
3. Die Auseinandersetzung mit der antiken Regelpoetik in der Neuzeit: Analyse der Rezeption dieser Regeln durch die französische Klassik und die kritische Distanznahme durch Gotthold Ephraim Lessing.
4. Die Umsetzung der ‚drei Einheiten‘ in Goethes ‚Iphigenie‘: Untersuchung der konkreten Anwendung der Einheiten in Goethes Drama als notwendiges Mittel zur Verdeutlichung innerer Konflikte.
4.1. Die Einheit der Handlung: Erläuterung der symmetrischen Komposition und der geschlossenen Struktur des Dramas entlang der fünf Akte.
4.2. Die Einheit des Ortes und der Zeit: Darstellung, wie die äußere Begrenzung den Fokus auf das innere Seelendrama Iphigenies fokussiert.
5. Schluss: Zusammenfassendes Resultat über die Notwendigkeit und Symbolkraft der gewählten Gattungsform.
Zwischen ''Des Frauenschicksal ist beklagenswert'' und ''Ich bin so frei geboren als ein Mann'': Diese Sektion hinterfragt die traditionelle "humanistische" Lesart der Figur Iphigenie im Kontext ihrer Marginalisierung als Frau.
Schlüsselwörter
Iphigenie auf Tauris, Johann Wolfgang von Goethe, drei Einheiten, Aristoteles, Klassik, Orest, Frauenrolle, Humanität, Regelpoetik, Dramentheorie, Schuld und Sühne, Autonomie, Heroismus, Wahnsinn, Seelendrama.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in den vorliegenden literaturwissenschaftlichen Untersuchungen grundlegend?
Die Arbeit analysiert kritisch Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“ hinsichtlich seiner Einhaltung klassizistischer Regeln, der Emanzipationsversuche der Protagonistin und der psychologischen Verfassung des Orest.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der dramaturgischen Form, der geschlechtsspezifischen Rollenverteilung, dem Konzept des Heldentums sowie der psychologischen Deutung von Schuld und Wahnsinn.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Iphigenie nicht bloß als eindimensionale "Humanitätsfigur" zu sehen, sondern ihren inneren Kampf, ihre Taktiken zur Selbstbehauptung und die strukturelle Notwendigkeit der gewählten dramatischen Form herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es erfolgt eine textnahe Analyse unter Einbeziehung literaturwissenschaftlicher Sekundärliteratur, psychoanalytischer Ansätze (Neurose-Modelle) sowie einer Untersuchung dramentechnischer Aspekte (Aristoteles, Lessing).
Was wird im Hauptteil der Untersuchung primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die formale Untersuchung der "drei Einheiten", die Analyse von Iphigenies Verhalten als Frau und die psychologische Aufarbeitung von Orests Wahnsinn vor dem Hintergrund der Heldentradition.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Publikation?
Zentrale Begriffe sind neben der Dramentheorie vor allem die Ambivalenz der Frauenbilder, der symbolische Geschlechtertausch, die psychologische Sühne und die Transformation von Heteronomie zu Autonomie.
Wie wird das Verhältnis zwischen Iphigenie und Thoas in diesem Dokument bewertet?
Es wird als ein rhetorisch-taktisches Abhängigkeitsverhältnis interpretiert, in dem Iphigenie den Götterglauben teilweise instrumentalisiert, um ihr eigenes Handeln zu legitimieren und Thoas entgegenzutreten.
Welche Bedeutung kommt dem Wahnsinn des Orest in dieser Analyse zu?
Der Wahnsinn wird weitgehend als innerer, durch Schuldgefühle induzierter psychologischer Zustand betrachtet, wobei das Eingreifen Iphigenies primär als katalytischer Prozess für Orests notwendige Selbstvergebung verstanden wird.
- Arbeit zitieren
- Jana Kirchhübel (Autor:in), Hannah Grünewald (Autor:in), Vanessa van Stipriaan (Autor:in), GRIN Verlag (Hrsg.) (Herausgeber:in), 2024, Goethes Bühnenstück "Iphigenie auf Tauris". Interpretationsansätze und Motivik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1442452