Drogenkriminalität in Lateinamerika: Der richtige Weg aus der Armut?


Hausarbeit, 2010

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Kokainindustrie in Kolumbien

2. Transitland Mexiko

3. Der Drogenmarkt in den Favelas von Rio de Janeiro

4. Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Armut in der Welt hat viele Gesichter. Allen von ihr betroffenen Menschen ist jedoch gemein, dass sie versuchen, dieser zu entkommen, um ihre Lebensumstände zu bessern. In vielen Staaten Lateinamerikas existiert eine Schattenwirtschaft, die auf dem Drogenhandel basiert, deren Ausprägung und AusmaB in den einzelnen Ländern unterschiedlich ist. Die im Drogenhandel tätigen Organisationen und die ihr Angehörigen erwirtschaften Gewinne, die mit einem Beruf in der regulären Wirtschaft undenkbar wären. Zudem sind die Chancen auf eine reguläre Arbeit wegen der schlechten Bildungsmöglichkeiten vielerorts gering. In der lokalen Drogenkriminalität sehen daher viele Menschen eine Möglichkeit, ihrer Armut zu entfliehen, und nehmen eine illegale Beschäftigung auf. Dabei sind insbesondere drei lateinamerikanische Staaten zu nennen, in denen eine hohe Armutsrate in Verbindung mit einer weit entwickelten Drogenwirtschaft in Erscheinung tritt:

Kolumbien bekleidet den Status des weltgröBten Produzenten von Kokain1, „rund 90 Prozent des in den USA von Suchtigen konsumierten Kokains kommt fiber Mexiko ins Land"2, und in den Favelas von Rio de Janeiro in Brasilien kontrollieren Drogenbarone den lokalen Markt fir Rauschgift. Diese drei Schauplätze werden in dieser Arbeit exemplarisch aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit bezuglich der lateinamerikanischen Drogenwirtschaft als Fallstudien herangezogen, da sie das weite Spektrum dieser abdecken: vom Anbau, fiber den Transit, hin zum Konsum. Zudem leben in den genannten Ländern groBe Teile der Bevölkerung in Armut.3

Im Rahmen dieser Arbeit soll analysiert werden, ob der Drogenhandel fir die in Armut lebende Bevölkerung Kolumbiens, Mexikos und Rio de Janeiros ein sinnvoller Ausweg aus der Armut ist. Zur Messung und Beurteilung, ob sich die Lebensumstände der Menschen verbessert oder verschlechtert haben, die mit dem Einstieg in die Drogenkriminalität ihrer Armut entfliehen wollen, wird vor allem auf den daraus resultierenden Lebenswandel Bezug genommen, sowohl auf individueller als auch gesellschaftlicher Ebene. Dabei wird zur Messung der sich verändernden Lebenssituation bewusst auf Armutsindikatoren wie die der Weltbank verzichtet, deren Berechnung und Aussagekraft in der Wissenschaft ohnehin stark umstritten sind. Die Veränderungen der Armut in den drei Gesellschaften werden hier nicht von starren, undurchschaubaren Prozentsatzen abgeleitet, sondern direkt anhand der realen, sich verbessernden oder verschlechternden Lebensumstande der beteiligten Personen.

Es wird der Frage nachgegangen, ob die Partizipation am Drogenhandel bei den Beteiligten zu einer Verbesserung ihrer Einkiinfte und Lebensverhaltnisse fiihrt, oder ob trotz eines steigenden Verdienstes mit einer Verschlechterung der Lebensumstande zu rechnen ist, die auf einer veranderten Lebensfiihrung in der Drogenwirtschaft fuBt. Können die in Armut lebenden Bevölkerungsschichten iiberhaupt von ihrer Beteiligung im Milieu profitieren, oder werden die Gewinne auf oberer Leitungsebene abgeschöpft? Gelingt die Flucht aus der Armut mithilfe einer Beschaftigung in der Drogenkriminalitat, ohne gleichzeitig gravierende Nachteile in der persönlichen Lebensfiihrung in Kauf nehmen zu miissen? Die Leitfrage lautet daher: Ist die Drogenkriminalitat der richtige Weg aus der Armut?

1. Die Kokainindustrie in Kolumbien

Als weltgröBter Produzent von Kokain leben und arbeiten in Kolumbien unterschiedliche Organisationen und Menschen in der Drogenwirtschaft. Das Spektrum reicht hier von Kokabauern, der Guerilla, iiber Paramilitars, Drogenkartelle, hin zu korrupten Staatsdienern. Dabei zeichnen sich bei den verschiedenen Parteien eine ganz unterschiedliche Motivation und Ausgangslage ab, die zu ihrer Beteiligung in der Drogenkriminalitat fiihren.

Bauern, die in den landlichen Regionen Kolumbiens leben, die entweder von der Guerilla oder den Paramilitars kontrolliert werden, sehen sich aufgrund mangelnder Alternativen dazu gezwungen, auf ihren Ackern teilweise oder ausschlieBlich Koka anzupflanzen. Neben der Armut sind es im Wesentlichen die in der Region operierenden Organisationen, die das Gewaltmonopol des Staates untergraben, und die Bauern oftmals dazu drangen, Koka zu kultivieren. Ob sie gezwungen werden oder nicht, ist fiir die sie betreffenden Auswirkungen jedoch irrelevant. Die getrocknete Kokapaste, die aus der Kokapflanze gewonnen wird, garantiert den Bauern ihr Einkommen. Sie wird entweder als direktes Zahlungsmittel in der Region akzeptiert, oder von Unterhandlern aufgekauft, die ihrerseits eine Steuer von zirka 30% an Guerilla oder Paramilitars zu entrichten haben.4 Die Kokapflanze sichert den Bauern somit ein Grundeinkommen, das mit dem Anbau von legalen Nutzpflanzen, wie Weizen, nicht zu erwirtschaften ware, da die Erlöse aus dem Verkauf nicht zum Uberleben reichen wiirden. Zudem ist Koka auBerst resistent gegen Umwelteinfliisse und Pestizide, so dass eine reiche Ernte wahrscheinlicher ist. Zwar ermöglicht der Kokaanbau den Bauern ihr Uberleben, eine Flucht aus der Armut kann damit jedoch nicht erreicht werden. Die Kokabauern sehen sich zudem mit weiteren negativen Auswirkungen ihrer Verstrickung in die Drogenkriminalität konfrontiert:

Das BesprUhen von Kokaplantagen im Rahmen des Plan Colombia fiihrt so auch zu Ernteverlusten von legal angebauten Nutzpflanzen, und Gesundheitsschädigungen bei den Bauern und ihren Familien5, wobei dies umstritten ist.6 Die Bauern geraten zudem zwischen die Fronten der sich bekämpfenden Organisationen und des Staates, und sehen sich der Willkiir der jeweils herrschenden Partei ausgesetzt. So ist beispielsweise das einstige Ziel der FARC, die Bauern gerecht zu entlohnen, reinem Profitstreben gewichen.7 Dies zeigt sich darin, dass die Bauern an den hohen Gewinnen, die mit dem Drogenhandel erzielt werden können8, nicht beteiligt werden. Als unterstes und schwächstes Glied der Verwertungskette von Kokain sind ihre Handlungsmöglichkeiten begrenzt, und eine Flucht aus der Armut ist fir sie kaum möglich.

Anders gestaltet sich die Situation bei der Guerilla und den Paramilitärs. Auch sie bedienen sich der gleichen Einnahmequelle, dem Drogengeschäft. In den ländlichen Gebieten Kolumbiens, wo die Armut stark ausgeprägt ist, und die Organisationen ein Gewaltmonopol innehaben, treten ihnen besonders häufig junge Menschen bei. Ahnlich der staatlichen Wehrpflicht, ist der militärische Dienst fir die Guerillaorganisation FARC in deren Gebiet fir junge Menschen verpflichtend, und kann nur unter bestimmten Bedingungen umgangen werden. Dabei werden die Guerilla und Paramilitärs in der Bevölkerung nicht als Terrororganisation und deren Praktiken nicht als Freiheitsberaubung wahrgenommen, sondern auch als eine Möglichkeit gesehen, der eigenen Armut zu entfliehen und Geld zu verdienen. Der kolumbianische Staat ist in diesen Regionen dazu nicht im Stande. Welchen Effekt hat eine Mitgliedschaft auf die beteiligten Individuen und die gesellschaftlichen und sozialen Strukturen in der Region?

Zu den positiven Errungenschaften der Guerilla und Paramilitärs in den ländlichen Regionen zählen die Ubernahme von Leistungen, die der Staat zu erbringen hätte, dies jedoch nicht schafft. Mit den Einnahmen aus dem Drogenhandel werden Waffen zur Aufrechterhaltung des Gewaltmonopols erworben, auch um selbst erlassene Gesetze durchzusetzen. In den kontrollierten Gebieten werden so selektiv die Grundrechte der Menschen gewahrt, und Personen bestraft, die sich nicht an die Gesetze halten. So ist der Drogenkonsum in den von den FARC kontrollierten Gebieten streng verboten. Zuwiderhandlungen werden mit Zwangsarbeit bestraft, die fir soziale Projekte zu leisten ist, wie den Briickenbau in unzugänglichen Gebieten. Dies entbehrt zwar nicht einer Willkür in der Rechtsprechung, verhindert jedoch das Abgleiten der Gesellschaft ins Chaos, und kann die Gemeinschaft stärken.

Auch die individuelle Bereicherung spielt beim Eintritt in eine Drogenorganisation eine Rolle. Die Söldner beziehen ein wesentlich höheres Gehalt als die durchschnittliche Landbevölkerung, doch profitieren auch sie nur marginal von den Gewinnen aus dem Drogengeschäft.9 Das erhöhte Einkommen kann jedoch kaum fir einen besseren Lebensstandard ausgegeben werden, oder fir die Entfaltung persönlicher Interessen. Die Gesetze der FARC sind äuBerst restriktiv, da sie den Zusammenhalt der Gesellschaft sicherstellen sollen, und damit ihre Machtbasis. Fur die Söldner sind die Regeln noch strenger. Sie unterwerfen sich einem Verhaltenskodex, der ihr Leben in der Organisation regelt, und ihre Lebensf?hrung maBgeblich einschränkt.10 Sie geben ein Stück ihrer Freiheit auf, um der Armut zu entfliehen. Als bewaffnete Drogenmilizen sind die Söldner auch in militärische Kämpfe mit verfeindeten Organisationen und dem kolumbianischen Militär verwickelt. Die aus Gefechten davon getragenen Verletzungen können aufgrund des Mangels an qualifizierten Sanitätern und medizinischen Einrichtungen nicht ausreichend behandelt werden. Die militärische Unterlegenheit der Drogenorganisationen schlägt sich auch in der Zahl der Todesfälle nieder. Das Leben als Mitglied der Guerilla oder des Paramilitärs unterliegt Zwängen und ist lebensbedrohlich: ein Leben in der Illegalität, das zu zahlreichen Entbehrungen fiihrt.

Die Drogenkartelle wiederum agieren auf unterschiedlichem Terrain, und haben mit dem Anbau von Koka nur indirekt zu tun. Nach der Zerschlagung der marktbeherrschenden Drogenkartelle Kolumbiens, dem Medellin-Kartell und dem Cali-Kartell, in den 90er Jahren, übernahmen mexikanische Kartelle den GroBteil des Drogenhandels, und organisierten fortan den Schmuggel von Kolumbien in die USA. Dies fiihrte in den letzten Jahren zu einer konstanten Steigerung der auf mexikanischem Boden umgeschlagenen Drogen. Als wichtigste Zwischenstation fir Drogeneinfuhren in die USA hat Mexiko auch einen Wandel der lokalen Drogenkriminalität erlebt. Eines der gröBten politischen Probleme des Transitlandes Mexiko sind die mächtigen Drogenkartelle im Land, und die in Armut lebenden Menschen, die bei diesen anheuern.

[...]


1 vgl. UNODC 2009, S. 64.

2 vgl. FRIEDERICHS 2009.

3 Bevölkerungsanteil, der unterhalb der Armutsgrenze lebt: 49,2% in Kolumbien (vgl. CIA 2009b), 40% in Mexiko (vgl. CIA 2009c), 31% in Brasilien (vgl. CIA 2009a).

4 vgl. HOLLIS 2007, S. 23.

5 vgl. ARNOLD 2005, S. 116.

6 vgl. CICAD 2005.

7 vgl. ARNOLD 2005, S. 119.

8 vgl. MARES 2006, S. 97.

9 vgl. JAGER et al. 2007, S. 80.

10 vgl. VILLALON 2004, S. 65 ff.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Drogenkriminalität in Lateinamerika: Der richtige Weg aus der Armut?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Lateinamerika-Institut)
Veranstaltung
Kriminalität und Entwicklung
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V144366
ISBN (eBook)
9783640541898
ISBN (Buch)
9783640542024
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lateinamerika, Südamerika, Mittelamerika, Zentralamerika, Mexiko, Rio de Janeiro, Rio, Sao Paulo, Brasilien, Drogen, Drogenwirtschaft, Drogenhandel, Drogenökonomie, Armut, Armutsforschung, Drogenkriminalität, Globalisierung, Friedensforschung, Favela, Favelas, Ghetto, Slum, Kokain, Koks, Coke, Cocaine, Kokainindustrie, Kokainhandel, Drogenschmuggel, Kokainschmuggel, USA, Guerilla, Paramilitär, Paramilitärs, FARC, AUC, ELN, Plan Colombia, Medellin, Cali, Sinaloa, Pablo Escobar, Mara, Maras, Mara 18, Plata O Plomo, Policia Militar, BOPE, Korruption, Drogenkartell
Arbeit zitieren
Jakob Weber (Autor), 2010, Drogenkriminalität in Lateinamerika: Der richtige Weg aus der Armut?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144366

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