Um der Fragestellung der Arbeit, inwieweit sich die Toynbee Hall und das Hull House unterscheiden und ähneln, nachzugehen, wird sich im Kapitel 2.1 zunächst mit der Definition der Gemeinwesenarbeit beschäftigt. Anschließend wird die Settlementbewegung dargestellt. Danach wird Bezug zu den Settlements Toynbee Hall und Hull House genommen, deren jeweiligen Unterkapitel gleich strukturiert sind. Zunächst wird die damalige Situation in England beziehungsweise Amerika beschrieben, bevor zu den Anfängen der Gründungen übergegangen werden soll. Im nächsten Schritt wird die Hilfegestaltung beleuchtet und abschließend Bezug zur heutigen Lage der Settlements genommen. In Kapitel 5 werden schließlich die Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet, welche sich aus den vorherigen Kapiteln erschließen. Darüber hinaus werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die in der wissenschaftlichen Literatur aufgezeigt wurden, zur Ergänzung herangezogen. Zum Schluss werden die Ergebnisse nochmal kurz zusammengefasst und ein Ausblick formuliert.
Während des 19. Jahrhunderts waren Kinderarbeit, Massenverelendung, Hungersnot oder miserable Arbeitsbedingungen an der Tagesordnung, mitunter in England und Amerika. In Deutschland findet man heutzutage keiner der genannten Umstände mehr in der Realität, zumindest nicht in einem solchen Ausmaß wie zur damaligen Zeit. Es gibt Gesetze, die die Kinderarbeit verbieten und welche, die einen Standard für Arbeitsbedingungen regeln, wie beispielsweise eine Arbeitszeitbegrenzung. Damals mussten die Menschen allerdings unter den beschriebenen Aspekten leiden, welche auch verheerende Folgen der Industrialisierung waren. Um den sozialen Problemen entgegenzuwirken, entstand die Praxis der englischen Toynbee Hall und des amerikanischen Hull Houses. Die Settlements beziehungsweise die Nachbarschaftshäuser Toynbee Hall und Hull House wollten Armenfürsorge im Lebensraum der Menschen einbringen.
Wie sah das Vorgehen der Settlements aus? Weisen sie Ähnlichkeiten auf oder sind sie unterschiedlicher denn je in der Gestaltung ihrer Arbeit? Schließlich befanden sie sich auf zwei unterschiedlichen Kontinenten, Europa und Amerika. Es stellt sich also die Frage "Inwieweit sich die Toynbee Hall und das Hull House unterscheiden und ähneln?". Mit der Gründung des englischen Settlements, der Toynbee Hall begann auch die Settlementbewegung, welche heutzutage als historischer Ursprung der Gemeinwesenarbeit angesehen wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Gemeinwesenarbeit und Settlementbewegung
2.1 Definition Gemeinwesenarbeit
2.2 Settlementbewegung als historische Grundlage der Gemeinwesenarbeit
3 Toynbee Hall
3.1 Situation in England
3.2 Gründung des Settlements
3.3 Hilfegestaltung
3.4 Toynbee Hall heute
4 Hull House
4.1 Situation in Amerika
4.2 Gründung des Settlements
4.3 Hilfegestaltung
4.4 Hull House heute
5 Gemeinsamkeiten und Unterschiede
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Seminararbeit untersucht vergleichend die historische Entwicklung und Arbeitsweise der Settlement-Einrichtungen Toynbee Hall in London und Hull House in Chicago, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrer Konzeption und sozialen Praxis herauszuarbeiten.
- Historische Einordnung der Settlementbewegung
- Struktureller Vergleich der Gründungsbedingungen
- Analyse der Hilfegestaltung und Ansätze der Gemeinwesenarbeit
- Untersuchung der politischen Aktivitäten und sozialen Zielsetzungen
- Gegenüberstellung der Entwicklung zur heutigen Bedeutung
Auszug aus dem Buch
3.2 Gründung des Settlements
Das Ehepaar Barnett, Angehörige aus gut betuchtem Hause (vgl. MÜLLER 1988, S. 41), lernten sich aufgrund ihrer gemeinsamen Tätigkeit bei der ‚örtlichen Liga der Wohlfahrtsverbände‘ kennen und lieben. Samuel Barnett engagierte sich dort ehrenamtlich, hauptberuflich war er zu jener Zeit als Diakon in Bristol tätig. Henrietta Barnett war als ‚friendly visitor‘ bei der Liga der Wohlfahrtsverbände angestellt. Im Januar des Jahres 1873 fand die Hochzeit der beiden statt, zwei Monate später zogen sie nach Whitechapel, da Samuel Barnett eine Arbeit als Gemeindepfarrer angeboten bekam. Bereits zehn Jahre waren die Barnetts im Pfarrhaus des Elendsviertel Whitechapel tätig, er als Pfarrer, sie als Pfarrfrau (vgl. ebd. S. 26-27), bis sie von sozial engagierten Studierenden zur Gründung der Toynbee Hall inspiriert wurden.
Alles begann im Sommer des Jahres 1883 mit einem Brief von Student*innen aus Cambridge. In ihrem Schreiben wendeten sie sich an Samuel Barnett, und fragten, was sie selbst gegen das Elend der Armen in den Elendsquartieren tun könnten (vgl. ebd. S. 21). Vom Engagement der jungen Gebildeten inspiriert, unterrichtete Samuel Barnett Studierende und Hochschullehrer*innen in Oxford, wo er selbst auch studierte, von seinem Plan einer Universitäts-Niederlassung im Osten Londons. Zur Linderung des Elends brauche man kein Geld oder Mitleid der Studierenden und Dozierenden, sondern sie selbst als Menschen, so die Idee der Barnetts (vgl. GÖTZE 2005 c, o. S.; MÜLLER 1988, S. 23). Kultivierte und Gebildete sollen in den Elendsvierteln gemeinsam mit den ärmeren Menschen leben, um das Leid zu mindern (vgl. MÜLLER 1988, S. 23). Die Akademiker*innen müssen also ein Stück weit die Lebensumstände der Armen selbst erfahren, so sollte eine wechselseitige Durchdringung der gebildeteren und der ärmeren Schicht erfolgen (vgl. GÖTZE 2005 c, o. S.). Darüber hinaus sei es von Nöten, dass die Gebildeten die Sozialreformen auf der Kommunalebene ankurbeln (vgl. MÜLLER 1988, S. 39).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung benennt die Problematik der Armut und Industrialisierung im 19. Jahrhundert und führt in die Fragestellung zur wissenschaftlichen Vergleichbarkeit von Toynbee Hall und Hull House ein.
2 Gemeinwesenarbeit und Settlementbewegung: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Gemeinwesenarbeit und erläutert die Entstehung der Settlementbewegung als deren historische Wurzel.
3 Toynbee Hall: Es wird die Gründung der ersten Settlement-Einrichtung in London durch das Ehepaar Barnett, deren Arbeitsansätze und die heutige Ausrichtung der Einrichtung dargestellt.
4 Hull House: Der Text analysiert die Entstehung des amerikanischen Pendants in Chicago durch Jane Addams, die spezifischen Herausforderungen durch Einwanderung und die methodische Arbeit des Hull House.
5 Gemeinsamkeiten und Unterschiede: In diesem Kapitel werden die theoretischen und praktischen Aspekte beider Settlements systematisch gegenübergestellt, um die Forschungsfrage präzise zu beantworten.
6 Fazit: Das Fazit fasst die wesentlichen Ergebnisse des Vergleichs zusammen und gibt einen Ausblick auf die Bedeutung der Settlement-Idee für die heutige Soziale Arbeit.
Schlüsselwörter
Gemeinwesenarbeit, Settlementbewegung, Toynbee Hall, Hull House, Soziale Arbeit, Industrialisierung, Armenfürsorge, Sozialraumorientierung, Jane Addams, Samuel Barnett, Nachbarschaftsarbeit, Bildung, Freiwilligenarbeit, Geschichte, Integration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den historischen Anfängen und der konzeptionellen Entwicklung der internationalen Settlementbewegung, exemplarisch dargestellt anhand der Einrichtungen Toynbee Hall und Hull House.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Industriegebiete des 19. Jahrhunderts, die Bedingungen der Armut, die Entwicklung der sozialen Praxis und das ehrenamtliche Engagement gebildeter Schichten im Gemeinwesen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „Inwieweit unterscheiden und ähneln sich die Toynbee Hall und das Hull House?“.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Methode (Vergleichsmethode), um auf Basis wissenschaftlicher Literatur die strukturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Einrichtungen darzustellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl Toynbee Hall als auch Hull House in getrennten Kapiteln hinsichtlich der sozialen Situation vor Ort, der Gründungsgeschichte, der praktischen Hilfeleistungen und der heutigen Bedeutung analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über die Begriffe „Gemeinwesenarbeit“, „Settlementbewegung“, „Sozialraum“ und eine „vergleichende Perspektive“ auf die Soziale Arbeit charakterisieren.
Warum spielt die Kunst eine so zentrale Rolle im Hull House?
Jane Addams und Ellen Gates Starr waren der Auffassung, dass Kunst und Literatur einen essenziellen Beitrag zur Sinnstiftung des täglichen Lebens leisten und somit die Integration fördern können.
Wie unterscheidet sich die politische Arbeit der beiden Settlements?
Während beide politisch aktiv waren, betrieb das Hull House eine explizitere, auf empirischen Studien basierende Sozialpolitik, während Toynbee Hall stärker auf Bildung und allgemeine gesellschaftliche Reformansätze fokussierte.
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- Anonym (Author), 2022, Toynbee Hall und Hull House. Unterschiede und Ähnlichkeiten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1446465