Ugarit und das Alte Testament

Hintergründe zur Entstehung des Alten Testaments


Examensarbeit, 2010

55 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ugarit
2.1 Die Stadt Ugarit
2.2 Die Ausgrabungen am Ras Schamra
2.3 Das Alphabet
2.4 Bedeutung der Funde für die Religionswissenschaft

3. Ugarit und die Bibel
3.1 Ugarit und die Entstehung der Bibel
3.2 Poesie und Erzählung
3.3 Die Geburt des Alten Testaments

4. Der ugaritische Polytheismus
4.1 Die Götter Ugarits
4.2 El
4.2.1 El, der Gottvater
4.2.2 El und Jahwe
4.3 Baal
4.3.1 Baal, der beliebte Junggott
4.3.2 Der Baal-Zyklus
4.3.3 Die Thronbesteigung Baals und das Königtum Jahwes
4.3.4 Baal und Jahwe

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Schon seit vielen Jahrzehnten setzt sich die Wissenschaft mit den historischen Aspekten der erzählten Ereignisse des Neuen Testaments auseinander. Bei einigen Geschichtsschreibern aus jener Zeit, wie etwa bei Flavius Josephus oder Publius Cornelius Tacitus, finden sich außerbiblische Angaben von Teilen der Erzählungen um Jesus, wobei andere Abschnitte beispielsweise durch die historisch-kritische Exegese eindeutig als spätere Ergänzungen klassifiziert werden konnten. Einen besonderen Blick auf das Neue Testament entstand durch den Fund der Schriftstücke von Qumran nahe des Toten Meers in der Mitte des vorhergehenden Jahrhunderts. Diese geben Aufschluss über das Leben in der Zeit Jesu Christi.

Ist die Lage bei der Geschichte des Alten Testaments ähnlich? Bis in die ersten Jahrzehnte des vorherigen Jahrhunderts gab es das Problem, dass anders als im Neuen Testament kaum Texte und Zeugnisse aus jener Zeit existierten. Es war also schwierig zu rekonstruieren, in welchen kulturellen Kontexten die alttestamentlichen Schriften entstanden sind und die Frage zu beantworten, ob Erzählungen, wie etwa über den Auszug der Israeliten aus Ägypten in das „Gelobte Land“ Kanaan, überhaupt auf reale Geschehnisse Bezug nehmen.

Im Jahre 1928 gab es dann einen sensationellen Fund an der Nordwestküste Syriens, nahe der Bucht Minet el-Beida. Ein Bauer stieß bei Pflugarbeiten auf eine Gruft und einige Tongefäße, von denen die meisten leider bereits zerstört waren. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten fand eine große Anzahl an Ausgrabungskampagnen am Ras Schamra statt. Eine bedeutende Hafenstadt aus altsyrischer Zeit mit unzähligen Hinterlassenschaften konnte freigelegt werden. Somit gehören die Ausgrabungen heute zu den wichtigsten der biblischen Geschichtsforschung. Ugarit war entdeckt.[1]

Dieser Fund eröffnete der Bibelwissenschaft einen ganz neuen Blick auf die Entstehungsgeschichte und -hintergründe des Alten Testaments.

Die Texte, die in Ugarit gefunden wurden, geben Göttermythen der altkanaanäischen Zeit wieder. Für uns ist das wichtig, weil sich diese Mythen in Bezug auf Jahwe auch ansatzweise in der Bibel wiederzufinden scheinen. Somit wurden für die Wissenschaft grundlegende und existenzielle Texte gefunden, die in Fragmenten letztlich sogar Eingang in die Heilige Schrift fanden. In welchem Umfang dies geschah, soll in dieser Arbeit näher analysiert werden.

Die nachfolgenden Kapitel geben einen Überblick über die Ausgrabungen Ugarits und ihre Bedeutung für die Entstehung der Bibel und beantworten die Fragen, welche Theologie die Bewohner der Stadt und des Umlands verfolgten, welchen Gott bzw. welche Götter sie anbeteten und ob wir noch heute Hinweise auf diese Glaubensstrukturen in der Bibel finden können, ob es sich also in den Texten von Ugarit wirklich um mythische Vorläufer altbiblischer Texte handelt. Mit anderen Worten steht die Frage im Zentrum der vorliegenden Arbeit, welche Beziehung es zwischen Ugarit und dem Alten Testament gibt.

Themenschwerpunkt sollen dabei die Beziehungen zwischen den ugaritischen und den biblischen Göttern sowie zwischen den uns bekannten alttestamentlichen Bibeltexten und den alten Mythen Ugarits sein.

Nach einem Überblick über die Ausgrabungen am Ras Schamra und einer historisch-theologischen Einordnung wird sich die Arbeit kurz mit dem Fund des ältesten und am besten erhaltenen Alphabets sowie mit der Bedeutung der Textfunde für die Religionswissenschaft und für die Entstehung des Alten Testaments befassen. Den größten Teil nimmt die Beschreibung der Hauptgötter El und Baal und deren Bezug zum israelitisch biblischen Gott Jahwe ein. Gerade die Beziehung unter den Göttern vermute ich als einen der Schlüsselaspekte im Vergleich biblischer und vorbiblischer Texte. Ein abschließendes Resümee soll die Bedeutung der Funde am Ras Schamra für die Bibelwissenschaft zusammenfassen.

Auch wenn der Forschungsstand des Alten Testaments vermutlich nicht so gut ist wie der des Neuen Testaments, so erwarte ich doch im Hinblick auf diese Arbeit viele neue Erkenntnisse über die Entstehung der Bibel und speziell des Alten Testaments zu erlangen.

Als grundlegende Literatur habe ich zunächst die Bücher „Ugarit und seine Welt“ von Sibylle von Reden, sowie „Ugarit und die Bibel“ von Oswald Loretz verwendet, die aufgrund ihres komplexen Inhalts und mit vielen Textbeispielen aus den Ugarit-Texten einen guten Überblick über die zahlreichen Themen geben können, die im Zusammenhang mit der Ugarit-Forschung stehen. Auf Oswald Loretz, einen der führenden Ugarit-Forscher, stieß ich auch in anderer Literatur, die ich neben weiteren Texten zur vertiefenden Recherche benutzt und im Literaturverzeichnis aufgeführt habe.

Die angegebenen Bibelstellen beziehen sich, sofern nicht anders vermerkt, auf die Einheitsübersetzung.

2. Ugarit

2.1 Die Stadt Ugarit

Die im siebten Jahrtausend vor Christus (v. Chr.) gegründete Metropole Ugarit war zu jener Zeit eine der bedeutendsten Hafenstädte im Nahen Osten und die Hauptstadt eines der Königreiche, die das altkanaanäische Reich aufgliederten. Doch nicht nur zu jener Zeit kam ihr eine herausragende Bedeutung zu, sondern auch für die heutige Bibelforschung stellen die Funde Ugarits ein wichtiges Puzzleteil in der Rekonstruktion der alttestamentlichen Texthintergründe dar. Diese stützt sich auf die im vorherigen Jahrhundert zufällig entdeckten Grabkammern, Gefäße und Tontafeln in dem Gebiet am Ras Schamra. Ein syrischer Bauer stieß im März 1928 beim Pflügen seines Ackers auf ein Jahrtausende altes Grabgewölbe, fand jedoch nur Tonscherben und einige erhaltene Tongefäße, die später auf das 14./13. Jahrhundert v. Chr. datiert wurden. Welchen wichtigen Fund der Bauer aber wirklich gemacht hatte, sollte sich erst in den nachfolgenden Ausgrabungsexpeditionen zeigen.[2]

Der heute verwendete Name „Ras Schamra“ („Fenchel-Hügel“) ist von einem Hügel nahe Ugarit abgeleitet, auf dem Fenchelstauden wachsen und der im Laufe vieler Jahrhunderte durch eine Aufschichtung von Schutt alter Siedlungen entstand. Ras Schamra liegt nur etwa einen Kilometer von der Küstenbucht Minet el-Beida („weißer Hafen“) entfernt, die sich wiederum nur wenige Kilometer nördlich von Latakia im nordsyrischen Gebiet befindet.[3]

Besonders interessant macht Ugarit das Faktum, dass es sich um eine alte Hafenstadt und somit um einen wichtigen internationalen Umschlagplatz für Waren handelte, der von vielen Schiffen und Händlern unterschiedlicher Herkunftsländer angesteuert wurde und einen Kreuzpunkt relevanter Handelsrouten des Mittelmeerraums, Kleinasiens und Ägyptens bot. Daher muss es auch in der Stadt ein multikulturelles Zusammenleben gegeben haben. Es war also davon auszugehen, dass auch die Funde diese Vielschichtigkeit widerspiegeln würden und womöglich einen komplexeren Überblick über die Geschehnisse im damaligen Mittelmeerraum und im Vorderen Orient geben würden, als es nach vorherigen Ausgrabungen möglich war. Die Forscher fanden außerdem Hinweise auf eine ausgeprägte Sprachenvielfalt und somit einen hohen Bildungsstand der Bevölkerung oder zumindest der Schreiber. Eine allgemeine Volksbildung gab es in Ugarit nicht.[4] In dieser kulturreichen und finanziell gut gestellten Region konnten Schreiber häufig Texte in bis zu sieben Sprachen übersetzen.[5]

Die starke Ähnlichkeit der Kanaanäer und Ugariter bezüglich ihrer Riten und ihrer Sprache lassen darauf schließen, dass sich beide zumindest sehr nahe standen. Zudem galt Ugarit auch als Hauptstadt eines zu Kanaan gehörigen Königreichs und somit als kanaanäische Stadt.

Um das Jahr 1200 v. Chr. verließen die Bewohner Ugarits plötzlich ihre Heimat.[6] Stelen und Tontafeln, die noch unfertig im Brennofen lagen, scheinen dies zu beweisen. Als Grund ist ein Einfall von brandraubenden Seevölkern wahrscheinlich, dem schon zuvor soziale Unruhen und Hungersnöte vorangegangen sein könnten.[7]

Durch die sensationellen Schriftfunde von Ugarit war es möglich, die Aussagen der Bibelverfasser zu prüfen und den altisraelitischen und altjüdischen Mythen ihre Monopolstellung in der Bibelexegese zu nehmen, indem jetzt auch kanaanäische Texte zu Rate gezogen wurden.[8] Besonders die enge Beziehung zwischen biblischen und ugaritischen Texten scheint beachtlich und lässt daher vermuten, dass die Entstehungszeit der alttestamentlichen Texte größtenteils noch weiter zurückliegt, als zunächst vermutet wurde. Diese Annahme verweist darauf, dass bibelverwandte Elemente schon in ugaritischen Texten zu finden sind. Es liegt nahe, dass die Verfasser des Alten Testaments die bereits existierenden Texte und Erzählungen über Götter und das Volk aufgegriffen und in einen neuen, passenden Zusammenhang übertragen haben. Somit wurde der Gott El, der damals im Zentrum ugaritischer und israelitischer Religionsausübung stand, immer mehr von Jahwe abgelöst. Mark S. Smith sagt hierzu:

„At the center of the religious world view, known at Ugarit and perceptible in a number of relatively early Israelite traditions, was El and his divine family.

This world view was historically superseded by the god that emerged as Israel´s national divine patron, Yahweh.“[9]

Der Bibelstoff greift zwar auf die alten Mythen der Götter El und Baal zurück, wird aber erst zu einer Zeit in die Bibel aufgenommen, als Jahwe der Hauptgott der Israeliten und daher der Verfasser war und somit Jahwe auch im Mittelpunkt der alttestamentlichen Erzählungen steht.

2.2 Die Ausgrabungen am Ras Schamra

Bereits ein Jahr nachdem der syrische Bauer auf die antiken Hinterlassenschaften gestoßen war, begannen die Ausgrabungen am Minet el Beida durch die französischen Archäologen Claude Schaeffer und Georges Chenet. Diese fanden zunächst viele große, fürstliche Gräber, die sie einer kretisch-mykenischen Kolonie zuordneten, da sie Verbindungen zu Totenhäusern Kretas zeigten. In einem Grab entdeckten sie Gold, Silber und zerbrochene Keramik. Aufgrund der Symbolik, mit der das Grab geschmückt war, schlossen die Forscher auf den Fund des Totenhauses der kretisch-mykenischen „Potnia Theron“ (Herrin der Tiere).[10]

Die meisten Gräber, die die Entdecker vorfanden, waren bereits von Grabräubern in sehr früher Zeit geplündert worden. In der so genannten „sakralen Zone“ legte man jedoch eine Unmenge religiöser Dinge wie etwa Altäre, Opfertische und kleine Kapellen frei, die von einer hohen Abhängigkeit vom Götterglauben zeugen. Nachdem die Ausgrabungen im Tal nahe des Minet el-Beida abgeschlossen waren, wurden sie auf den „Fenchel-Hügel“ und in das umliegende Gebiet verlegt, wo ebenfalls Grabräuber bereits wertvolle Gegenstände entwendet haben mussten und Tongefäße und andere Dinge zerstört hatten. Auf vielen der übrigen Gegenstände wurden ägyptische Hieroglyphen gefunden, was die Multikulturalitätsthese bezüglich dieses Gebiets weiter stützt. Neben den Hieroglyphen und einer Stele des ägyptischen Gottes Seth von Dapuna, der mit dem syrischen Wettergott Baal gleichzusetzen war, fand man auch Tafeln mit einer im Vorderen Orient verbreiteten Keilschrift. Entgegen früherer Entdeckungen waren auf diesen Tafeln jedoch weitaus weniger Zeichen vermerkt.[11] Diese Funde waren eine Sensation, weil sie die frühsten gefundenen Hinweise auf ein uns ähnliches Alphabet sind. Sie werden im folgenden Kapitel noch näher betrachtet.

Im Mai 1932 wurde eine 1,42 m große Stele des Gottes Baal entdeckt. Baal, der Gott des Wetters und der Fruchtbarkeit, war zusammen mit dem Gottvater El der bedeutendste Gott in Ugarit und der syrisch-palästinischen Umgebung. Aus religiösen Inschriften an der in Ugarit entdeckten Akropolis ist bekannt, dass – trotz der Vormachtstellung des Göttervaters El – Baal in dieser Gegend vermutlich populärer war und daher sehr häufig verehrt wurde. Die Stele war, wie auch andere Objekte in diesem Gebiet, von ägyptischer Kunst beeinflusst und zeigt den jungen dynamischen Baal in einer Kampfpose.[12] Die überall erkennbare Prägung durch die ägyptische Kunst und deren Hieroglyphen zeugt von einer starken Bindung Ugarits an Ägypten. Die Stele gehörte zu einem ugaritischen Baal-Tempel, der dem Junggott geweiht war. Nicht weit von diesem entfernt fand sich ein zweiter Tempel, der dem altsemitischen Gott Dagon geweiht war. Dagon bzw. Dagan war der Vater Baals wie es KTU 1.10 III 13-14 bezeugt: „Baal setzte sich auf den Thron [seines Königtums,] der Dagan-Sohn auf den Stuhl [seiner Herrschaft!].“[13] In einem ehemaligen Arbeiterviertel der Hafenstadt fand sich eine Stele des obersten Gottes El. Dass diese noch unfertig war, lässt darauf schließen, dass Ugarit mit ziemlicher Sicherheit plötzlich verlassen wurde und im Zusammenhang mit dem Einfall anderer Völker um das Jahr 1200 v. Chr. unterging.

Auch in den folgenden Jahren fanden unentwegt Ausgrabungen statt, die vielerlei antike Gegenstände hervorbrachten. In den 1960er Jahren wurde unter anderem eine Tafel, auf denen mindestens fünfzig Götternamen verzeichnet waren, entdeckt, von denen einige unlesbar und viele andere unbekannt waren. Dieser Fund zeugte erneut von der stark polytheistischen Prägung Ugarits und des Landes Kanaan, die in der Bibel von den scheinbar monotheistisch geprägten Israeliten stark kritisiert wird, wie es beispielsweise das Kapitel 28 des Buchs Deuteronomium zeigt.[14]

Bis zum Jahre 1988 fanden am Ras Schamra nicht weniger als 48 Grabungskampagnen statt, die bis 1971 von C. Schaeffer und später von H. de Contenson, J. Margueron und M. Yon geleitet wurden.[15]

Bis 1970 wurden dabei allein 1341 Tontafeln freigelegt, auf denen sich 767 Wirtschaftstexte, 161 mythologische und religiöse und viele weitere Texte unterschiedlicher Themen befanden. Viele der Tafeln stammten nicht aus Ugarit selbst, sondern waren sumerischer Herkunft. Aufgrund der Vielzahl der Funde wurden die Textfragmente Ugarits nummeriert und mit der Bezeichnung „KTU“ versehen. „KTU“ ist die Abkürzung für „Keilalphabetische Texte aus Ugarit“. Dieser Abkürzung folgt die jeweilige Fragment-Nummer. Einige dieser Texte sollen später noch, speziell im Hinblick auf den Baal-Zyklus, näher betrachtet werden (Kapitel 4.2.1).[16]

Die Textfunde stammten vermehrt aus den letzten Jahren der Existenz Ugarits. Es konnten aber auch ältere Schriftstücke in großer Anzahl freigelegt werden, deren gute Erhaltung der Verwendung von Tontafeln zu verdanken ist, auf denen die Schrift eingeritzt und die dann im Ofen gebrannt wurden. Wären die Texte auf dem schneller vergänglichen Papyrus notiert worden, wären heute kaum noch entzifferbare Vermächtnisse der damaligen Zeit erhalten.

Die Expeditionen von Ugarit lassen sich in fünf Grabungsstufen unterteilen.[17]

Die fünfte und unterste Schicht entstand in den Jahren 6500-5250 v. Chr. und zeigt die ersten dörflichen Siedlungsansätze mit Hütten, die später durch Steinhäuschen ersetzt wurden. In dieser Schicht fanden sich weibliche Statuen aus Lehm und Stein sowie auch jüngere aus Gips und Keramik. Die Einwohner des Dorfes lebten von Jagd, Viehzucht und Fischfang.

In der vierten Schicht aus den Jahren 5250-4300 v. Chr. wurden Hinweise auf eine kleine Siedlung mit Wall und mehrräumigen Steinhäusern gefunden. Die Archäologen legten in dieser Schicht Steingeräte und bemalte Keramik frei.

In der darauf befindlichen dritten Schicht, die auf die frühgeschichtliche Epoche von 4300 bis 2000 v. Chr. datiert werden kann, spiegelte sich das Wachstum Ugarits zu einer kleinen Stadt wider, die ebenfalls noch von einem Wall umgeben war. Eine besondere Wertschätzung musste in jener Zeit dem Kupfer gegolten haben, da sich von Kupfermetallen bis zu Waffen mit Kupferelementen vielerlei Funde dieses Materials machen ließen. Ein Kupferreichtum der Region in jener Zeit ist also annehmbar. Um 2200 v. Chr. wurde Ugarit erstmalig zerstört und blieb 200 Jahre unbewohnt.

Die zweite Schicht wird der altsyrischen Periode in der Mittelbronzezeit, also den Jahren 2000-1600 v. Chr., zugeordnet. Nach der vorherigen Zerstörung gründeten Nomaden eine neue umwallte Stadt. Die Funde eines Baal- und eines Dagon-Tempels und viele Hieroglyphenfragmente lassen auf eine enge Bindung an Ägypten schließen.

Die oberste gefundene und damit zuerst freigelegte Schicht aus der mittelsyrischen Periode in der Spätbronzezeit, also den Jahren 1600-1200 v. Chr., gibt Hinweise darauf, dass Ugarit zu jener Zeit ein bedeutendes Seehandelszentrum war. Große Gebäude, ein Königspalast und Familiengruften unter den Wohnungen zeugen von einem großen Reichtum der Handelsmetropole. Bedeutend für diese Zeit ist auch die erstmalige Verwendung eines Alphabets im 14./15. Jahrhundert, das wahrscheinlich die Grundlage für alle nachfolgenden Alphabete war und daher eine Besonderheit bei den Ausgrabungen darstellte. In dieser Zeit entstanden auch Archive und Bibliotheken mit vielen Texten, die heute dafür nützlich sind, die Entstehung der Bibel nachvollziehen zu können. Eine Vertiefung der Entstehungsgeschichte des Alphabets findet sich im folgenden Kapitel.

Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. wurde Ugarit erneut stark zerstört. Die genaue Ursache ist unklar. Der letztendliche Untergang um das Jahr 1200 v. Chr. ist womöglich auf Überfälle von räuberischen Seevölkern zurückzuführen.

Die nachfolgenden Betrachtungen beziehen sich weitgehend auf die beiden zuletzt genannten Ausgrabungsschichten, die die altsyrische Periode und die mittelsyrische Periode, also die Mittel- und Spätbronzezeit umfassen. Aus dieser Zeit stammen nämlich viele der Tontafeln mit gut erhaltenen Textfragmenten über Leben und Glauben der ugaritischen Bevölkerung sowie der angrenzenden Völker und Handelspartner.

2.3 Das Alphabet

Einer der wichtigsten Funde überhaupt wurde 1929 in Ugarit gemacht. Bei den Ausgrabungen am Ras Schamra fanden die Archäologen in der obersten Grabungsschicht gut zwanzig Tontafeln in einer zwar teilweise bekannten, aber nur wenige Zeichen umfassenden Keilschrift.[18] Der Fundort ließ sich als mögliche Bibliothek mit angeschlossener Schreibschule rekonstruieren, was erneut einen Hinweis auf die hohe Kultiviertheit und den enormen Bildungsstand gibt.[19] Anders als es beispielsweise aus der ägyptischen Kultur bekannt war, handelte es sich bei der Schrift nicht um ein umfangreiches logographisches System, sondern um eine Zusammenstellung einzelner Buchstaben zu Silben und Wörtern. Das hieße, dass der Fund auf ein Alphabet beruhte, das älter als die bisher gefundenen war. Und wahrhaftig handelte es sich bei dieser besonderen Entdeckung um die wohl älteste Alphabetschrift der Welt. Das zugrunde liegende Alphabet ist dem modernen Alphabet sehr ähnlich und entstammt den letzten Jahren Ugarits.[20] Zwar war die eigentliche Keilschrift keine Neuerung, da diese bereits zuvor im Zweistromland bekannt war und auch verwendet wurde. Diese bekannte Keilschrift bestand allerdings aus ca. 600 Silbenzeichen.[21] Die ursprünglich vermutlich aus Ägypten stammenden und dadurch bekannten Silbenzeichen sind Silben und Wörter ausdrückende Hieroglyphen. Die semitische Sprache „Ugaritisch“ reduziert die Anzahl der Zeichen drastisch auf dreißig, um so durch Zusammenfügen einzelner „Buchstaben“ Silben und Wörter bilden zu können.

Weitere Tafeln mit Wörterverzeichnissen und Übersetzungen in andere Sprachen, wie sie auch in heutigen Wörterbüchern zu finden sind, konnten ebenfalls ausgegraben werden. Diese waren aufgrund der Kulturenvielfalt Ugarits notwendig, um die neben dem Ugaritischen gesprochene sumerische, akkadische und hurritische Sprache verstehen zu können. Das eigentliche Alphabet bestand aus dreißig Buchstaben, die von links nach rechts gelesen werden mussten. Die Entzifferung von Wörtern bzw. die Transkription in das uns heute bekannte Alphabet war jedoch äußerst mühsam. Dennoch konnte Hans Bauer diese Arbeit bis zum Ende des Jahres 1930 weitgehend abschließen. Allerdings gab es einige Buchstaben, die nur sehr schwer gedeutet und übertragen werden konnten, sodass das gesamte Alphabet erst am Ende des Zweiten Weltkriegs entziffert war. Die ugaritische Sprache schien dem Hebräischen sehr nahe zu stehen und gilt daher heute als ihr Vorläufer.[22] Wörter, Sätze und ganze Psalmen in hebräischer Sprache, die zuvor noch nicht vollends gedeutet werden konnten und deren Verständnis somit noch unklar war, konnten nun mit Hilfe des ugaritischen Alphabets erschlossen werden. Das Ugaritische war zwar eine eigenständige Sprache, wurde jedoch wesentlich durch das Kanaanäische beeinflusst, auch wenn einige Forscher dagegen Einspruch erheben, die Ugariter politisch zu den Kanaanäern zu zählen.[23]

Eine Expedition in den 1960er Jahren fand eine weitere Bibliothek, die womöglich zur „Kenntnis der religiösen Literatur und der Glaubensvorstellungen der Ugariter“[24] beigetragen hat. Die Tontafeln waren wieder weitgehend in ugaritischer Sprache verfasst, wiesen aber auch akkadische[25] und hurritische[26] Passagen auf.

Wie gebildet und fortgeschritten die Frühmenschen am heutigen Minet el-Beida waren, zeigen auch die Freilegungen anatomischer Modelle mit Funktionsbeschreibung, beispielsweise eines Lungenflügels oder der Leber.

Auch für unsere heutige Bibelforschung sind der Fund und die Transkription des ugaritischen Alphabets von besonderer Wichtigkeit. Ohne ihn hätten wir nicht nur weiterhin Schwierigkeiten bei der Übersetzung hebräischer Schriften, wie zuvor angedeutet wurde, sondern auch im Verständnis dieser wichtigen Schriftfunde aus Ugarit. Die Bedeutung der Funde wäre somit gar nicht klar geworden. Mittels des Alphabets haben die Wissenschaftler nun aber den Schlüssel zum Verständnis der Texte gefunden und können somit erschließen, welche geschichtliche und theologische Bedeutung die Stadt Ugarit mit ihrem Erbe für die Wissenschaft hat.

2.4 Bedeutung der Funde für die Religionswissenschaft

Für die Religionswissenschaft waren die Textfunde Ugarits eine Sensation. Gerade die Fragmente aus den letzten Jahren, etwa der Zeit der Dynastie Niqmaddus I. (um 1100 v. Chr.), sind von besonderer Bedeutung. Zum einen konnten sie aufgrund der großen Ähnlichkeit zwischen der ugaritischen und der hebräischen Schrift zur Entschlüsselung hebräischer Texte beitragen, zum anderen bieten sie einen guten Überblick über die Religion Kanaans im 2. Jh. v. Chr. und können uns somit bei der Entschlüsselung der Entstehungsgeschichte der Bibel helfen.[27]

Bis in die Bibel hinein finden sich noch viele kanaanäische Elemente, die von den Israeliten übernommen und teilweise weiterentwickelt wurden. Diese reichen von einem Vergleich der beiden obersten ugaritischen Gottheiten El und Baal und deren israelitischem Pendant Jahwe über die Aufnahme bestimmter Riten, bis zu den vielen Parallelen in den Mythen Ugarits und der Bibel, hier speziell der fünf Bücher Mose und der Psalmen.

[...]


[1] Vgl. Reden: Ugarit und seine Welt, S. 9.

[2] Vgl. Reden: Ugarit und seine Welt, S. 10-11.

[3] Vgl. Loretz: Ugarit und die Bibel, S. 1-3.

[4] Vgl. Gordon: Geschichtliche Grundlagen des Alten Testaments, S. 91.

[5] Vgl. Reden: Ugarit und seine Welt, S. 11.

[6] Vgl. Loretz: Ugarit und die Bibel, S. 25.

[7] Vgl. Reden: Ugarit und seine Welt, S. 239.

[8] Vgl. Loretz: Ugarit und die Bibel, S. 24-25.

[9] Smith: Recent Study of Israelite Religion, S. 2.M

[10] Vgl. Reden: Ugarit und seine Welt, S. 128-129.

[11] Vgl. Reden: Ugarit und seine Welt., S. 139.M

[12] Vgl. Reden: Ugarit und seine Welt, S. 177.

[13] Loretz: Ugarit-Texte und Thronbesteigungspsalmen, S. 8.

[14] Vgl. Reden: Ugarit und seine Welt, S. 253-254.

[15] Vgl. Loretz: Ugarit und die Bibel, S. 3.

[16] Vgl. Kinet: Ugarit: Geschichten und Kultur, S. 60.

[17] Vgl. Reden: Ugarit und seine Welt, S. 359-362.

[18] Vgl. Reden: Ugarit und seine Welt, S. 139.M

[19] Vgl. Reden: Ugarit und seine Welt, S. 156.

[20] Vgl. Loretz: Ugarit und die Bibel, S. 6.

[21] Vgl. Lang: Jahwe, der biblische Gott, S. 266.

[22] Vgl. Reden: Ugarit und seine Welt, S. 160-162.

[23] Vgl. Loretz: Ugarit und die Bibel, S. 15.

[24] Reden: Ugarit und seine Welt, S. 253.

[25] Akkad = eine mesopotamische Königsstadt

[26] Hurriter = nordmesopotamisches Volk

[27] Vgl. Kinet: Ugarit: Geschichten und Kultur, S. 59.

Ende der Leseprobe aus 55 Seiten

Details

Titel
Ugarit und das Alte Testament
Untertitel
Hintergründe zur Entstehung des Alten Testaments
Hochschule
Universität Paderborn
Note
2,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
55
Katalognummer
V144683
ISBN (eBook)
9783640548712
ISBN (Buch)
9783640551859
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ugarit, Altes Testament, Ausgrabungen, Ras Schamra, Bibel, Baal, El, Manuel Stork, Entstehung, Alphabet
Arbeit zitieren
Manuel Stork (Autor), 2010, Ugarit und das Alte Testament, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144683

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