Über Nikolaus von Kues: »Vom Nichtanderen« (»De li non aliud«)


Essay, 2010

6 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Nikolaus von Kues: »Vom Nichtanderen« (»De li non aliud«)

Essay

Einleitung

In der Cusanischen Spätschrift »Vom Nichtanderen«[1] (1462/63) geht es um Wesen, Seinsart sowie Erkennbarkeit Gottes. Es handelt sich um eine spekulative Theologie mit methodisch-philosophischem Anspruch. Gott wird hierbei durch das Nichtandere definiert, welches als das Wesenswas der Definition gilt, da es sich selbst und alles andere definiert.[2] Die Definition des Nichtanderen lautet: »[D]as ›Nichtandere‹ ist nichts anderes als eben das ›Nichtandere‹.«[3] (non aliud est non aliud quam non aliud). Der Grund, warum das Nichtandere das Wesenswas der Definition ist, warum es also alles andere und sich selbst definiert, ist die Tatsache, dass alles, was ist, eben nichts anderes ist, als das, was es ist.

Der vorliegende Essay befasst sich mit dem fünften Kapitel[4] der Schrift über das Nichtandere. Es soll beleuchtet werden, wie »der Dreifaltige und Eine Gott durch das ›Nichtandere‹ bezeichnet […] [werden kann], obwohl doch das ›Nichtandere‹ jeder Zahl vorausgeht«[5]. Als Basis für das Verständnis des Nichtanderen als Ausdruck der göttlichen Trinität wird allerdings in einem ersten Schritt noch einmal das Nichtandere als Gottesbegriff in einer knappen Form beleuchtet, bevor daraufhin der Argumentationsgang des fünften Kapitels nachvollzogen sowie durch Sekundärliteratur und weiterführende Gedanken ergänzt wird.

Das Nichtandere als Gottesbegriff

Nachdem das Nichtandere in den einleitenden Kapiteln der Spätschrift Cusanus’ ausgehend von der Definition als bester Wissensmethode definiert wird, wird es weiterhin als der beste Begriff für Gott unter den Schlechten bestimmt. Das Nichtandere ist, sofern es als Name für Gott verstanden wird, nämlich kein eigentlicher Name, mit dem man das Wesenswas Gottes im Wissen tatsächlich erreichen kann, sondern lediglich

»ein vorzügliches Aenigma, das zur Schau Gottes anleitet. Vor dem Anderen ist nämlich nur eine Schau des Nichtanderen möglich; aber Gott erscheint in ihm keineswegs unverhüllt.«[6]

Kein Bestimmungsmerkmal des Nichtanderen kann in seiner Definition durch ein anderes ersetzt werden und weil das Nichtandere sich selbst bestimmt, also keines Anderen bedarf, um zu sein, ist es der durch sich eigenständige Ursprung, das absolute »Zuvor«. G. Schneider schreibt hierzu:

»Als non aliud ist Gott für jedes Andere vorausgesetzt, denn überall erweist sich das Je-Andere in sich zuvor als ein Nichtanderes zufolge seiner nur ihm eigenen Wesensbestimmtheit. In der Identität mit sich selbst hat das je-andere Was seinen urtümlichen Bestand. Da nämlich das Andere nichts anderes ist als das Andere, setzt es das Nichtandere, ohne das es nicht das Andere wäre, unbedingt voraus.«[7]

Gott ist und bleibt nichts anderes als Gott, so wie Etwas nichts anderes als Etwas ist. Nur ist Gott kein Etwas, welchem man ein anderes Etwas entgegensetzen könnte. Er ist das Nichtandere. Aufgrund der wesenhaften Nichtandersheit, welche Gottes Allmacht vergegenwärtigt, kann man sagen, dass alles von ihm und durch ihn das ist, was es ist.

Das Nichtandere als Ausdruck der Dreieinigkeit

Es ist Ferdinand[8], der Cusanus im Dialogverlauf nach einer möglichen Darstellung des dreieinen Gottes durch das Nichtandere befragt. Er möchte sich vergewissern, ob das Nichtandere in theologischer Hinsicht dem Offenbarungsinhalt über den göttlichen Ursprung entspricht, und so sagt er, dass der Wissbegierige vor allem frage, wo der Grund dafür hergenommen werde, dass der dreifaltige und eine Gott durch das Nichtandere bezeichnet werde, obwohl das Nichtandere doch jeder Zahl vorausgehe.[9]

[...]


[1] Kues, Nikolaus v.: Vom Nichtanderen (De li non aliud). Übersetzt und mit Einführung und Anmerkungen hrsg. v. Paul Wilpert, 2. Aufl., Hamburg 1976 (Philosophische Bibliothek Bd. 232).

[2] Vgl. hierzu auch Platons Exkurs zu den versch. Bewegungsarten im zehnten Buch der »Nomoi«, an dessen Ende Platon eine Unterscheidung zwischen einer Selbstbewegung und einer Bewegung, welche durch eine andere Bewegung verursacht ist, trifft. Erste Bewegung kann nur diejenige sein, welche sich selbst und dadurch auch anderes bewegt, wohingegen fremdverursachte Bewegungen nie ein erster Grund sein können. Platon: Sämtliche Werke. Bd. 4. Timaios, Kritias, Minos, Nomoi. Übersetzt von Hieronymus Müller und Friedrich Schleiermacher, hrsg. v. Ursula Wolf, Hamburg 2006, 893 b – 894 b.

[3] Kues, Nikolaus v.: Vom Nichtanderen, S.3.

[4] Kapitel 5: Das ›Nichtandere‹ als Ausdruck der Dreieinigkeit, siehe ebd., S.13-17.

[5] Ebd., S.15.

[6] Schneider, Gerhard: Gott - das Nichtandere. Untersuchungen zum metaphysischen Grunde bei Nikolaus von Kues, Münster Westfalen 1970, S.122f.

[7] Ebd., S.123.

[8] Es handelt sich hierbei um Ferdinand Matim aus Lissabon, den Leibarzt von Nikolaus von Kues. Er ist Aristoteliker/ Scholastiker und stellt neben Cusanus selbst, dem Sekretär Cusanus’ Johannes Andreas aus Vigevano (Platoniker) und dem mit Cusanus befreundeten Petrus Balbus aus Pisa (ebenfalls Platoniker) einen der Gesprächspartner im Cusanischen Tetralog dar. Bis Kapitel 20 führen Cusanus und sein Arzt in Anwesenheit Petrus’ allerdings lediglich einen Dialog über das Nichtandere.

[9] Vgl. Kues, Nikolaus v.: Vom Nichtanderen, S.15.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Über Nikolaus von Kues: »Vom Nichtanderen« (»De li non aliud«)
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Nikolaus von Kues, Das Nichtandere
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
6
Katalognummer
V145091
ISBN (eBook)
9783640549191
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nikolaus von Kues, Cusanus, Mittelalter, Hauptlehren des Christentum, Christentum, Das Nichtandere, Mystik, Theologie, Trinität, Dreieinigkeit, Dreifaltigkeit, Philosophie des Mittelalters
Arbeit zitieren
Nadine Heinkel (Autor), 2010, Über Nikolaus von Kues: »Vom Nichtanderen« (»De li non aliud«), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145091

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