In der Cusanischen Spätschrift »Vom Nichtanderen« (1462/63) geht es um Wesen, Seinsart sowie Erkennbarkeit Gottes. Es handelt sich um eine spekulative Theologie mit methodisch-philosophischem Anspruch. Gott wird hierbei durch das Nichtandere definiert, welches als das Wesenswas der Definition gilt, da es sich selbst und alles andere definiert. Die Definition des Nichtanderen lautet: »[D]as ›Nichtandere‹ ist nichts anderes als eben das ›Nichtandere‹.« (non aliud est non aliud quam non aliud). Der Grund, warum das Nichtandere das Wesenswas der Definition ist, warum es also alles andere und sich selbst definiert, ist die Tatsache, dass alles, was ist, eben nichts anderes ist, als das, was es ist.
Der vorliegende Essay befasst sich mit dem fünften Kapitel der Schrift über das Nichtandere. Es soll beleuchtet werden, wie »der Dreifaltige und Eine Gott durch das ›Nichtandere‹ bezeichnet […] [werden kann], obwohl doch das ›Nichtandere‹ jeder Zahl vorausgeht« . Als Basis für das Verständnis des Nichtanderen als Ausdruck der göttlichen Trinität wird allerdings in einem ersten Schritt noch einmal das Nichtandere als Gottesbegriff in einer knappen Form beleuchtet, bevor daraufhin der Argumentationsgang des fünften Kapitels nachvollzogen sowie durch Sekundärliteratur und weiterführende Gedanken ergänzt wird.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Das Nichtandere als Gottesbegriff
Das Nichtandere als Ausdruck der Dreieinigkeit
Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die spekulative Theologie von Nikolaus von Kues in seiner Spätschrift "Vom Nichtanderen" und untersucht insbesondere, wie das Konzept des "Nichtanderen" als methodischer Ansatz zur Beschreibung der göttlichen Trinität dient.
- Methodische Definition des "Nichtanderen" als Ausgangspunkt der Cusanischen Theologie
- Verständnis Gottes durch das Enigma des Nichtanderen
- Darstellung der Trinität als Prinzip der Einheit, Gleichheit und Verbindung
- Kritische Würdigung der trinitarischen Argumentation im fünften Kapitel
- Diskurs über die Grenzen menschlichen Begreifens und die Rolle der "docta ignorantia"
Auszug aus dem Buch
Das Nichtandere als Ausdruck der Dreieinigkeit
Es ist Ferdinand, der Cusanus im Dialogverlauf nach einer möglichen Darstellung des dreieinen Gottes durch das Nichtandere befragt. Er möchte sich vergewissern, ob das Nichtandere in theologischer Hinsicht dem Offenbarungsinhalt über den göttlichen Ursprung entspricht, und so sagt er, dass der Wissbegierige vor allem frage, wo der Grund dafür hergenommen werde, dass der dreifaltige und eine Gott durch das Nichtandere bezeichnet werde, obwohl das Nichtandere doch jeder Zahl vorausgehe.
Um das Nichtandere als Allegorie des trinitarischen Gottesglaubens aufzudecken, verweist Cusanus auf die Definition des Nichtanderen, nach der das Nichtandere eben nichts anderes als das Nichtandere ist, und weist auf die dreifache Wiederholung des Gleichen hin, welche die Definition des Ersten ist. Das Nichtandere expliziert sich in seiner Selbstbestimmung zweifach, so dass es dreifach unverändert vorkommt, da das als erstes gesetzte Nichtandere in seiner zweiten und dritten Bestimmung in keiner Weise eine Abänderung seines Wesens hinnimmt. Die Selbstdefinition des Nichtanderen zeigt sich nach G. Schneider »als eine in sich geschlossene, vollkommene (gleichsam kreisförmig vollendete) Bewegung; denn das Nichtandere geht von sich selbst aus […] und kehrt in sich selbst zurück, schließt sich in sich […].«
Aus diesem Grund nämlich, weil es sich selbst definiert, ist das Nichtandere selbst dreieinig. Aus der Vollkommenheit des Nichtanderen ergibt sich die Dreiheit. Dreiheit steht hierbei allerdings nicht für einen Zahlcharakter, da man sie vor allem anderen erkennt. Dreiheit ist nach Cusanus nichts anderes als Einheit und Einheit nichts anderes als Dreiheit, da Dreiheit und Einheit nichts anderes sind als das durch das Nichtandere bezeichnete Prinzip. Es handelt sich bei der Dreiheit also nicht um eine Zahl. Vielmehr könnte man von einer »abzählbaren Unzahl« sprechen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Cusanische Spätschrift ein, erläutert die methodische Definition Gottes als das "Nichtandere" und benennt den Fokus auf das fünfte Kapitel zur trinitarischen Theologie.
Das Nichtandere als Gottesbegriff: Dieses Kapitel erörtert das Nichtandere als notwendiges, aber unzureichendes Gottesbild, das als "vorzügliches Aenigma" fungiert und die absolute Ursprünglichkeit Gottes betont.
Das Nichtandere als Ausdruck der Dreieinigkeit: Der Hauptteil analysiert, wie Cusanus die Trinität durch die dreifache Selbstdefinition des Nichtanderen zu begründen versucht, ohne dabei in eine arithmetische Dreiheit zu verfallen.
Schluss: Das Fazit fasst Cusanus' Bemühen um eine präzise trinitarische Terminologie zusammen und reflektiert kritische Einwände hinsichtlich der Unterscheidbarkeit der göttlichen Personen.
Schlüsselwörter
Nikolaus von Kues, Vom Nichtanderen, De li non aliud, spekulative Theologie, Trinität, Dreieinigkeit, Gottesbegriff, Nichtandersheit, Docta ignorantia, Selbstdefinition, Metaphysik, Ferdinand Matim, christlicher Neuplatonismus, Einheit, Unzahl.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das philosophisch-theologische Konzept des "Nichtanderen" (non aliud) bei Nikolaus von Kues, insbesondere wie er dieses zur Beschreibung von Gottes Wesen und der Trinität einsetzt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Themenfelder umfassen die cusanische Erkenntnistheorie, das Verhältnis von Einheit und Dreiheit sowie die Problematik der sprachlichen Erfassbarkeit des göttlichen Wesens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Nachvollziehung des Argumentationsgangs im fünften Kapitel der Schrift, um zu verstehen, wie Cusanus den "dreifaltigen und einen Gott" durch das jeder Zahl vorausgehende Prinzip des Nichtanderen begründet.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-theologische Analyse, ergänzt durch die Auseinandersetzung mit historischer Sekundärliteratur und den Vergleich mit klassischen Denkern wie Augustinus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Trinitätslehre, der Deutung der Selbstdefinition des Nichtanderen als kreisförmige Bewegung und der symbolischen Veranschaulichung der göttlichen Einheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind neben der "Nichtandersheit" die "docta ignorantia", die "Trinität" und der cusanische Anspruch der spekulativen Theologie.
Inwiefern ist das Nichtandere als "Name" für Gott zu verstehen?
Cusanus versteht es nicht als einen eigentlichen Namen, der das Wesen Gottes vollständig erfasst, sondern als ein "vorzügliches Aenigma", das den menschlichen Geist zur Schau Gottes anleitet.
Warum übt die Sekundärliteratur Kritik an Cusanus' trinitarischer Argumentation?
Die Kritik entzündet sich daran, wie Cusanus die absolute Nichtandersheit Gottes mit der realen Unterscheidbarkeit der göttlichen Personen (Vater, Sohn, Heiliger Geist) logisch in Einklang bringen kann.
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- Nadine Heinkel (Author), 2010, Über Nikolaus von Kues: »Vom Nichtanderen« (»De li non aliud«), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145091