Sexuelle Viktimisierung, insbesondere Vergewaltigung, ist ein Thema von großem sozialen und wissenschaftlichen Interesse, das tiefgreifende Auswirkungen auf die Opfer hat und weitreichende gesellschaftliche Diskussionen über Geschlechterrollen, Machtstrukturen und Schamprozesse auslöst. In dieser Arbeit wird die komplexe Dynamik von Schamgefühlen und deren Auswirkungen auf vergewaltigte Frauen im Kontext der #MeToo-Bewegung und der Online-Disclosure untersucht.
Die vorliegende Forschung setzt sich mit der sozialen Konstruktion von Scham und Schuld auseinander und beleuchtet deren Rolle im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt. Dabei werden verschiedene theoretische Ansätze aus der Emotions- und Soziologieforschung herangezogen, um ein tieferes Verständnis für die Entstehung und Auswirkungen von Scham bei vergewaltigten Frauen zu erlangen.
Ein zentraler Fokus liegt auf der Untersuchung der #MeToo-Bewegung und ihrer Rolle als Plattform für Opfer von sexueller Viktimisierung, um ihre Erfahrungen zu teilen und Schamgefühle zu überwinden. Durch die Analyse von Online-Disclosure in sozialen Netzwerken werden Chancen und Risiken für die betroffenen Frauen beleuchtet, insbesondere im Hinblick auf die potenzielle Verstärkung oder Auflösung von Schamgefühlen.
Die Forschungsfragen dieser Arbeit zielen darauf ab, die Möglichkeiten der Auflösung von Scham und das Empowerment von vergewaltigten Frauen durch Online-Disclosure zu untersuchen sowie die potenziellen Risiken sekundärer und tertiärer Viktimisierung durch öffentliche Offenlegung zu analysieren.
Um diesen Fragen gerecht zu werden, werden verschiedene theoretische Perspektiven zusammengeführt und mit empirischen Erkenntnissen aus Studien zur Online-Disclosure im Kontext von #MeToo verknüpft. Ziel ist es, ein differenziertes Bild der komplexen Zusammenhänge zwischen Scham, Online-Aktivismus und der Bewältigung sexueller Viktimisierung zu zeichnen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführende Bemerkungen zur Fragestellung und zur Herangehensweise
2. Soziale Scham und soziales Geschlecht
2.1. Annäherung an das Phänomen der Scham – Intersubjektivität, Genese, Differenzierungen und Funktion
2.2. Scham, Schamangst und Gender
2.3. Scham und Schuld
3. Sexuelle Viktimisierung von Frauen – Grundlagen
3.1. Opfer, Survivor oder…? Begrifflichkeiten und (Selbst-)Zuschreibungen im Kontext sexualisierter Gewalt
3.2. Vergewaltigung oder Sex? Ausdifferenzierung unter besonderer Berücksichtigung des Zustimmungsprinzips
3.3. Kriminologische und strafrechtliche Einordnung
4. Sekundär- und Tertiärviktimisierung nach Vergewaltigungen
4.1. Definitionen, historische Rahmung und (sozialstrukturelle) Bedingungen
4.2. Akteure und Auswirkungen sekundärer Viktimisierung im Kontext des Strafverfahrens
4.3. Akteure und Auswirkungen sekundärer Viktimisierung nach Vergewaltigungen im Kontext des sozialen Umfeldes
5. Synthese: Die Scham(-angst) der vergewaltigten Frau
6. Online-Disclosure und (#MeToo-)Hashtag-Aktivismus vor dem Hintergrund der Digitalisierung und Mediatisierung
7. #MeToo: Zwischen Schamresilienz und sekundärer Beschämung
7.1. #MeToo – Ein Überblick: Verlauf, Auswirkungen, Kritik vor dem Hintergrund der Scham(de)konstruktion
7.2. #MeToo, Sexualität, Sexualstrafrecht: Diskursüberschneidungen und Abgrenzungen
7.3. #MeToo: Ent-oder Beschämung? – Analyse unter Einbezug der Elemente und Bedingungen des Schamerlebens, der Theorie zur Schamresilienz sowie von Opferbedürfnissen
8. Schlussbemerkung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die soziale Konstruktion von Schamgefühlen bei Frauen nach sexueller Viktimisierung, insbesondere Vergewaltigungen, und analysiert, inwiefern die #MeToo-Bewegung und Online-Disclosure Prozesse der Schamdekonstruktion ermöglichen oder zu sekundärer Viktimisierung beitragen können.
- Soziologische und psychologische Grundlagen der Scham (Intersubjektivität, Genderrollen).
- Feministische kriminologische Perspektiven auf sexualisierte Gewalt und das Zustimmungsprinzip.
- Mechanismen sekundärer und tertiärer Viktimisierung im Strafverfahren und sozialen Umfeld.
- Analyse von Online-Disclosure und #MeToo im Kontext von Schamresilienz und Empowerment.
- Einfluss von Machtverhältnissen und Vergewaltigungsmythen auf das Schamerleben.
Auszug aus dem Buch
1. Einführende Bemerkungen zur Fragestellung und zur Herangehensweise
„We tell those who were sexually abused that it is natural to feel dirty. We do this becau se it's true, and we're trying to prepare them so that they don't feel alone when it hap pens. But aren't we also setting them up to be destroyed, to feel dirty and impure? How much are we training ourselves to crumble?“ (Veselka 1998: Abs. 4)
Scham als ein Gefühl, welches an „eine umfassende Minderung des Selbstwertge fühls oder des Selbstrespekts bindet“ (Zahavi 2013: 321), werde vergewaltigten Frauen laut Sanyal (vgl. 2020: 76-88) auch heute noch, Jahrzehnte nach dem Er scheinen von Veselkas Artikel, vor dem Hintergrund stereotyper Opferrollenbilder und im Kontext eingeschränkter Vergewaltigungsnarrative, wie selbstverständlich zugesprochen, somit normalisiert und gesellschaftlich reproduziert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführende Bemerkungen zur Fragestellung und zur Herangehensweise: Führt in die Thematik der Scham bei vergewaltigten Frauen ein und erläutert die Forschungsfragen zur Rolle von #MeToo und Online-Disclosure.
2. Soziale Scham und soziales Geschlecht: Analysiert Scham als intersubjektives, sozial konstruiertes Phänomen unter besonderer Berücksichtigung von Gender und Schuldgefühl.
3. Sexuelle Viktimisierung von Frauen – Grundlagen: Beleuchtet Begriffe wie Opfer/Survivor und analysiert sexualisierte Gewalt kritisch im Kontext von Machtverhältnissen und Konsens.
4. Sekundär- und Tertiärviktimisierung nach Vergewaltigungen: Erläutert die Bedingungen, unter denen Betroffene nach einer Tat durch soziale oder institutionelle Reaktionen erneut viktimisiert werden.
5. Synthese: Die Scham(-angst) der vergewaltigten Frau: Führt die theoretischen Erkenntnisse zusammen, um das spezifische Schamerleben von Vergewaltigungsopfern zu analysieren.
6. Online-Disclosure und (#MeToo-)Hashtag-Aktivismus vor dem Hintergrund der Digitalisierung und Mediatisierung: Beschreibt den Wandel kommunikativer Praktiken durch soziale Netzwerke und deren Bedeutung für die öffentliche Thematisierung sexualisierter Gewalt.
7. #MeToo: Zwischen Schamresilienz und sekundärer Beschämung: Untersucht kritisch die Wirkmechanismen, Ambivalenzen und das Potenzial der #MeToo-Bewegung hinsichtlich Schamdekonstruktion und Beschämung.
8. Schlussbemerkung und Ausblick: Resümiert die Ergebnisse und diskutiert die Möglichkeiten einer zukünftigen, differenzierteren Auseinandersetzung mit Gewalt und Scham.
Schlüsselwörter
Scham, sexualisierte Gewalt, #MeToo, Online-Disclosure, Gender, Sekundärviktimisierung, Empowerment, Vergewaltigungsmythen, Anerkennungsbeziehung, Schuldumkehr, Machtstrukturen, Kriminologie, Diskurs, Resilienz, Victim Blaming.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Zusammenhänge zwischen Schamgefühlen, geschlechtsspezifischen Rollenbildern und dem Erleben sexualisierter Gewalt sowie die Auswirkungen von Online-Offenlegungen (Disclosure) im Rahmen der #MeToo-Bewegung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die soziale Konstruktion von Scham, feministische Viktimologie, sekundäre Viktimisierung durch institutionelle oder soziale Akteure und die Dynamik digitaler Hashtag-Aktivismen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob und wie Online-Disclosure für Betroffene einen Weg zur Schamdekonstruktion und Empowerment bieten kann, oder ob die Plattformen (unbeabsichtigt) sekundäre Viktimisierung verstärken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine tiefgehende literaturtheoretische Aufarbeitung soziologischer, psychologischer und kriminologischer Konzepte sowie die Analyse aktueller Diskurse zum Sexualstrafrecht und zu digitalen Praktiken.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Theorie der Scham, die viktimologische Einordnung sexualisierter Gewalt, die Prozesse der Sekundärviktimisierung und eine detaillierte Analyse der #MeToo-Bewegung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Scham, sexualisierte Gewalt, #MeToo, Online-Disclosure, Gender und Sekundärviktimisierung.
Welche Rolle spielt die "Scham von Täter*innen" in der Arbeit?
Das Werk diskutiert das Konzept des "secondhand shame", bei dem die Scham von Tätern oder anderen schamlosen Akteuren in die Psyche von Zeugen oder Opfern gespiegelt wird, was zur Schamverschiebung beitragen kann.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Strafrechts?
Das Strafrecht wird ambivalent gesehen; während Reformen zur Stärkung der Opferintention begrüßt werden, kritisiert die Autorin die Gefahr einer inflationären "Verstrafrechtlichung" sozialer Probleme, die den Heilungsprozess von Opfern nicht zwangsläufig fördert.
- Arbeit zitieren
- Joy Baruna (Autor:in), 2022, Zur (De-)Konstruktion opferbezogener Scham nach sexueller Viktimisierung. #MeToo und die Macht der Offenlegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1453174