Arbeitszeitmanagement - Entgrenzung von Arbeit und Leben


Seminararbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entgrenzung- Arbeit, Leben und Werte im Wandel
2.1 Die Revolution der Lebenszeit
2.2 Soziokulturelle Revolution
2.3 Strukturwandel der Arbeit

3. Die Balance zwischen Arbeit und Leben
3.1 Work-Life-Balance in der betriebswirtschaftlichen Praxis
3.2 Ökonomische Effekte

4. Chancen und Risiken neuer Konstellationen von Arbeit und Leben

5. Schlussbetrachtung

6. Literatur

1. Einleitung

In einem Interview der ZEIT aus dem Jahre 2006 antwortete Jürgen Klinsmann auf die Frage, ob er noch deutscher Nationaltrainer wäre, wenn es denkbar gewesen wäre, sein Familienleben und seine Tätigkeit als Trainer unter einen Hut zu bekommen, mit: „Natürlich, dann hätte ich sofort weitergemacht [...].“1

Jürgen Klinsmann, der zur WM 2006 die deutsche Nationalelf auf den dritten Platz führte, wurde in diesem Jahr zum Liebling der Nation. Umso größer war die Enttäuschung aller als er bekannt gab, dass er zurück zu seiner Familie in die USA geht. Die Aussage Klinsmanns am Anfang meiner Seminararbeit soll verdeutlichen, dass es heutzutage immer wichtiger wird, erfolgreiche Berufstätige in ihrem Bestre- ben, Karriere und (Familien-)Leben in Einklang zu bringen, zu unterstützen und ent- sprechende Maßnahmen zu ergreifen, um dies zu gewährleisten. Ein deutlicher Trend in der Gesellschaft lässt erkennen, dass nicht mehr nur Frauen darum bemüht sind eine Balance zwischen den Bereichen Arbeit und Leben herzustellen, sondern dass es sich um eine geschlechterunspezifische Entwicklung handelt.

Als Einstieg in die Themenbereiche der Work-Life-Balance (WLB) und der zeit- lichen Entgrenzung in Verbindung mit Arbeitszeitpolitik gibt diese Arbeit einen Über- blick über Entwicklungstrends und Deregulierungen in drei Kernbereichen: Soziokul- turelle Rahmenbedingungen, Wertewandel mit Schwerpunkt auf der Kategorie Gen- der und Strukturwandel der Arbeitswelt. Diese Bereiche sind allerdings nicht immer eindeutig voneinander abzugrenzen, da die Übergänge zum Teil fließend sind. Ent- scheidend hierbei ist aus diesem scheinbaren „Fass ohne Boden“ die wichtigsten Thesen und Befunde herauszuarbeiten, sie kritisch zu durchleuchten und stets den Zusammenhang zum arbeitsorganisatorischen Oberbegriff herzustellen.

Im Folgenden beschäftige ich mich mit der Frage, wie mit der zeitlichen Ent- grenzung und den damit erwachsenen Herausforderungen umgegangen wird und aus Sicht der Individuen sowie wie im Bereich der Organisation von Arbeit darauf reagiert wird. Stellen WLB-Maßnahmen ein entsprechendes Mittel dar, um resultie- rende Chancen sinnvoll zu nutzen und Risiken hingegen zu minimieren? Ergeben sich aus Sicht der Unternehmen durch eine erfolgreiche Implementierung eines WLB-Konzeptes messbare positive Effekte, die entsprechende Maßnahmen auch aus ökonomischer Sicht attraktiv werden lassen? Am Ende der Seminararbeit folgt eine Zusammenfassung von Chancen und Risiken und eine Schlussbetrachtung der Thematik.

2. Entgrenzung- Arbeit, Leben und Werte im Wandel

Seit den achtziger Jahren erlebt die Bundesrepublik Deutschland einen Zerfall von Normalitätsmustern der abhängigen Erwerbsarbeit. Allgemeiner ausgedrückt: Deutschland „entgrenzt“ sich. Entgrenzung drückt sich in einer zunehmenden Ver- schiedenartigkeit von Beschäftigungsformen und einer Entstandardisierung der Er- werbsbiografien aus. Die Auflösung von Strukturen in der Arbeitswelt wird als „Erosi- on des Normalarbeitsverhältnisses“ bezeichnet.2Nachfolgend werden drei revolutio- näre Tendenzen aus den Bereichen Lebenskultur, gesellschaftliche Werte und Ar- beitswelt als mögliche Ursachen untersucht und herausgestellt wie sich dieser Wan- del in den arbeitsorganisatorischen Zusammenhang bringen lässt.

Spätestens seit Mitte der neunziger Jahre wird der Erosionsprozess auch im soziologischen Kontext vielseitig diskutiert. Unter dem Stichwort „Entgrenzung“ wer- den in der deutschen Soziologie die Ursprünge der möglichen Degeneration und die Folgen der Grenzauflösung thematisiert. Im Zuge der Globalisierung und der damit verbundenen Internationalisierung des Handels aber auch der Politik (im Rahmen der Europäischen Union) verloren (und verlieren nach wie vor) nationalstaatliche Grenzen an Bedeutung. Die Verkleinerung nationaler Handlungsspielräume geht zwangsläufig einher. Mit der Erkenntnis über allgemeine Erosionsprozesse lassen sich folgenschwerere Erscheinungen erklären. „Entgrenzung“ kristallisiert sich als Kennwort heraus, mit dem bedeutende „ [...] Wandlungstendenzen westlicher Ge- sellschaften für vielfältige soziale Erscheinungen und in [...] unterschiedlichen Teil- gebieten der Sozialwissenschaften angesprochen werden können.“3

Themen wie Dezentralisierung, Modernisierung der Gesellschaft und deren Werte, Deregulierung der Erwerbsarbeit, Auflösung und Ausfransung von normali- sierten Grenzen und Prozesse des sozialen Wandels sind derzeit in „Mode“ und Aus- löser für die erwähnte Entgrenzungsdebatte. Was genau unter diesem Themengebiet zu verstehen ist und welche Aspekte sich darunter subsumieren lassen, soll nun im Folgenden betrachtet werden. Im Vordergrund steht hierbei die zeitliche Entgrenzung von Arbeit und Leben, basierend auf fundamentalen Entwicklungstrends. „Verände- rungen des Verhältnisses zwischen den Lebensbereichen entstehen [...] durch ver- änderte Prioritäten und Gewichtungen der einzelnen Personen.“4Wesentliche Folge daraus ist der Wunsch nach der Flexibilisierung von Arbeitszeiten und der damit ein- hergehende Prozess des Aufhebens bisher existierender Zeitgrenzen zwischen Ar- beit und Leben.

2.1 Die Revolution der Lebenszeit

Ein demografischer Wandel hat laut Statistischem Bundesamt längst begonnen und stellt zugleich den wohl signifikantesten Umbruch der Lebenszeit dar. Die Zu- nahme der Lebenserwartung der Bevölkerung ergibt völlig neue Strukturen für die Lebenszeit der Menschen. Zudem reicht seit über 30 Jahren die Anzahl der neuge- borenen Kinder nicht mehr aus um die Elterngeneration zu ersetzen.5Entsprechend einer Bevölkerungsvorausberechnung wird im Jahre 2050 nur noch die Hälfte der Allgemeinheit im erwerbsfähigen Alter sein.6Der Anspruch der Produktivität an die Erwerbsbevölkerung wird zunehmend größer. Es ändern sich auch die Wünsche und Erwartungen der Erwerbstätigen an die Zeit unter diesen Voraussetzungen. „Eltern- Kind-Beziehungen dauern heute ein Leben lang und stellen neben den Generatio- nenbeziehungen ein Kernelement der sozialen Bindungen von Individuen dar.“7Folg- lich verändern sich auch die Lebensentwürfe der Menschen, die zunehmend fokus- siert auf die Qualität der Zeitverwendung sind. Man kann in dem Kontext der Zeit- knappheit von einer zunehmenden Ablösung materieller Werte sprechen. Dement- sprechend wird der familieninternen Zeit, der Freizeit und der Zeit der Beziehungen zwischen den Generationen ein größerer Stellenwert beigemessen. Dass die Be- schäftigten eine höhere Zeitsouveränität einfordern, ist somit unausweichlich. Parallel dazu müssen auch Unternehmen an ihrer Zeitsouveränität arbeiten - denn souverän ist, wer einer besonderen Lage oder einer Aufgabe jederzeit gewachsen oder über- legen ist. In der abhängigen Beschäftigung der betrieblichen Alltagspraxis kann diese zwar nur eingeschränkt existieren, dennoch sollte man bestenfalls darunter verste- hen, die Zeit „[...]uneingeschränkt von Vorgaben anderer Personen und Institutionen gestalten zu können.“8Hier setzt die Arbeitsorganisation mit ihren flexiblen Arbeitsmodellen an. Doch nicht nur von Seiten der Arbeitnehmer stellt der demografische Strukturwandel Handlungsbedarf dar, sondern auch von Seiten der Unternehmen. Tendenziell herrscht in Deutschland schon jetzt ein Fachkräftemangel und die Prognosen versprechen keine Besserung. Im Jahre 2050 werden über 30% der Bevölkerung 65 Jahre oder älter sein und rund 15% unter 20 Jahren.9

2.2 Soziokulturelle Revolution

Neue Rahmenbedingungen und Gestaltungsforderungen bezüglich der Organi- sation von Arbeit ergeben sich aber nicht nur aus der Veränderung der demografi- schen Strukturen. Hinzu kommen individuelle Bedürfnisse und Ansprüche, die Ar- beitnehmer an die Erwerbsarbeit herantragen. Dies wird ausgelöst durch eine zu- nehmende Subjektivierung und Erosion traditioneller Werte. Das Vertrauen in den wohlfahrtsstaatlichen Schutz sinkt und Maxime wie Selbstvorsorge, Eigenverantwor- tung und Vermarktlichung der eigenen Arbeitskraft treten in den Vordergrund.10

Das starre Haushaltsregime bröckelt und die klassische Rollenverteilung hat sich bereits nachhaltig verändert. Endtraditionalisierungsprozesse werfen vermehrt Probleme der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben auf. Das althergebrachte Bild des Ehemannes, der arbeiten geht, um die Familie zu ernähren und der Ehefrau und Mutter, die sich ausschließlich um Haushalt und Kinder kümmert oder bestenfalls einen Zuverdienst beisteuert, verflüssigt sich.11

An dessen Stelle treten diverse Formen von Lebensentwürfen. Immer mehr Eheleute bekommen keine Kinder, zugleich wachsen vermehrt Kinder in so genann- ten Patchwork-Familien auf oder in nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Allein erziehende Mütter und Väter sind längst keine Seltenheit mehr. Die Zahl der Allein- erziehenden im Jahr 2006 ist im Vergleich zum Jahr 1996 um 24% gestiegen. Insge- samt gab es im Jahr 2006 2,7 Millionen Alleinerziehende von denen 61% minderjäh- rige Kinder hatten.12Gerade dieser Teil der Erwerbstätigen stellt besonders hohe Ansprüche an die zeitliche Flexibilität ihrer Arbeit, da sie allein verantwortlich für die Erziehung eines Kindes sind und sie auf keine Entlastung durch einen Partner zu- rückgreifen können. Aber auch der Wunsch nach einer Balance zwischen der Ar- beitswelt und dem Privatleben wird anhand dieser Lebensbiografie deutlich. Alleiner- ziehende sind in höherem Maße zur Absicherung ihrer finanziellen Existenz von ihrer Erwerbsarbeit abhängig. Zudem besteht ein starkes Bedürfnis zur qualitativen Freizeitverwendung, um kostbare Zeit mit dem Kind zu verbringen oder um Erholung von der Doppelbelastung zu finden. Dem entgegen steht der Lebensentwurf des „Doppelkarrierepaares“ als ein Ergebnis moderner Geschlechterverhältnisse. Es stellt Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen vor neue Herausforderungen. Doppelkarrierepaare sind ein „[...] partnerschaftliches Arrangement, in dem die Entgrenzung von Beruf und Familie in einem hohem Maße realisiert ist [...].“13Beide Ehepartner gehen hierbei einer regelmäßigen Erwerbsarbeit nach. Kennzeichnend für diese Konstellation ist, dass die Ausübung des Berufs für beide Partner nicht nur der finanziellen Absicherung dient, sondern von beiden Seiten überwiegend als wesentliche Quelle individueller Erfüllung gesehen wird.14

Zum einen ist der Pluralismus an Lebensformen aus arbeitssoziologischer Sicht ursächlich für eine unumgängliche Neugestaltung der Erwerbsarbeit. Zum anderen ist diese Heterogenität eine Konsequenz aus dem Wandel der Geschlechterverhält- nisse und der zunehmenden Individualisierung der Menschen. Angesichts des Aus- einandertretens der Mutter- und Frauenrolle bilden sich vermehrt moderne und modi- fizierte Lebensbiografien heraus. Doch wie bereits einleitend erwähnt, betrifft das Bedürfnis nach einer ausgeglichenen Arbeits-Lebens-Balance nicht mehr nur Frau- en, sondern seit der Entdeckung des „Neuen Mannes“ beide Geschlechter gleicher- maßen.15Zwar stecken die Veränderungstendenzen in den Einstellungen der Män- ner zu Beruf und Familie noch in den Kinderschuhen und die Geschlechterforschung tut sich schwer damit, signifikante Ergebnisse zu präsentieren, die einen endgültigen, weitgreifenden Wandel der männlichen Identität belegen. Dennoch lassen sich Be- funde nennen, die einen Bewusstseinswandel des Mannes aufzeigen. Laut einer Studie aus dem Jahre 1998 mit dem Titel „Männer im Aufbruch“ sehen Männer ihre Familie mittlerweile als den wichtigsten Lebensbereich an. Ihre Erwerbsarbeit folgt auf dem zweiten Platz. Trotz zunehmender Partnerschaftlichkeit und Rücksicht, hal- ten Männer speziell im Bereich der Hausarbeit immer noch verstärkt an der traditio- nellen Rollenverteilung fest.16

[...]


1 Vgl. o.V. (2006a), S. 5, URL siehe Literaturverzeichnis.

2Vgl. Dombois (1999), S. 13.

3 Gottschall/ Voß (2005), S. 11.

4Hildebrandt (2005), S. 3.

5Vgl. o.V. (2007), S. 6.

6Vgl. o.V. (2006b), S. 5.

7 Bertram (1997), S. 10.

8Seifert (2005), S. 58.

9Vgl. o.V. (2006b), S. 5.

10Vgl. Holtrup (2008), S. 10.

11Vgl. Holtrup (2008), S. 11.

12 Vgl. Rübenach/ Weinmann (2008), S. 130f., URL siehe Literaturverzeichnis.

13Behnke/ Meuser (2005), S. 285.

14Vgl. Behnke/ Meuser (2005), S. 286.

15 Vgl. Döge (2006), S. 9.

16 Vgl. Döge (2006), S. 12f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Arbeitszeitmanagement - Entgrenzung von Arbeit und Leben
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V145534
ISBN (eBook)
9783640565443
ISBN (Buch)
9783640565368
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Work Life Balance, Entgrenzung, Arbeitszeitmanagement, Gender, Arbeit und Leben, Organisation, Personalführung, Arbeitszeitmodelle
Arbeit zitieren
B.Sc. Alice von Berg (Autor), 2009, Arbeitszeitmanagement - Entgrenzung von Arbeit und Leben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145534

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