Die Erfindung der neuen Mitte

Versuch einer Stellungnahme zur Theorie des politischen Kompromisses in Aristoteles Politik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Teil 1. Begriffsklärung
1.1 Polis
1.2 Politeia
1.3 Bürger
1.4 Gerechtigkeit
1.5 Freundschaft
1.6 Summierungstheorie

Teil 2: Die beste Polis in der Politik
2.1 Die beste Polis

Teil 3: Diskussion
3.1 Kompromiss und Ideenwelt

Bibliographie

Einleitung

„Nach allen Seiten muß ich wehren, schützen, droh´n,

und wie ein Wolf, den Hunde hetzen, wandt´ ich mich.“

Solon

In seinem Werk Politik, das der aktuellen Forschung nach über einen Zeitraum von 20 Jahren (ca. 345 – 325) entstanden sein soll, verschränkt und fokussiert Aristoteles seine bisherigen Erkenntnisse und Überzeugungen zu einer politischen Theorie, die man als „ Theorie des politischen Kompromisses “ bezeichnen kann. Dasselbe geschieht, jedoch nur teilweise, bereits sogar in der Nikomachischen Ethik, die von der Forschung zeitlich noch vor die Politik datiert wird; aber nur teilweise, weil die Ethik viel stärker von philosophischen Annahmen und Überlegungen geprägt ist. In der Politik geht Aristoteles, nicht nur politikbegrifflich, sondern überhaupt in dem, was hier als Entwurf der „ Theorie des politischen Kompromisses “ ansehen wird und in „ politischen Belangen “ – sowohl begrifflich, analytisch, als auch inhaltlich – einen wesentlichen Schritt weiter als in der Ethik; seine Analyse erfolgt in erster Linie deduktiv, folgt aber einer universellen Erkenntnis der Gesamtheit allen Seins. Aristoteles verkleinert, definiert, unterscheidet, klassifiziert und unterscheidet innerhalb seines politischen Ordnungsentwurfs von der naturgegebenen Polis bis hin zum philopolitschen Ideal, der besten Polis, wenngleich sein Werk im achten Buch genau an der Stelle, worin er eben diese beste Polis beschreibt und die dafür nötigen Erziehungsvorschläge formuliert, merkwürdigerweise abbricht. Die Politik ist eine minutiös erscheinende Beobachtung der historischen und gegenwärtigen Details und gleichzeitig eine philopolitische Erfassung eben dieser kleinsten Dinge durch Aristoteles. Sie mündet in einer Organisation des analysierten Gegenstandes: Der Theorie des politischen Kompromisses.

Die Politik offenbart sich insgesamt, trotz der bekannten, inhaltlichen Inkohärenz, als das reife und zusammenfassende Ergebnis eines erkenntnisreichen Lebens, dem Werke wie das Organon, Topik, Physis, die Metaphysik usw. voraus gehen bzw. die man vorschlagen darf, mit der Entwicklung der Politik inhaltlich eng verknüpft zu sehen. An unzähligen Werkstellen gewahrt man Aussagen gleich Knotenpunkten, die methodisch und inhaltlich, begrifflich und praktisch den Leser, über eben jene Knoten, auf die (Er)Kenntnis der vorangegangenen Arbeit, wie auf gleichzeitig im Raum befindliche Parallelen und Ergänzung, aufmerksam machen – als geleiten sie still die Politik.

In der Nikomachischen Ethik im Speziellen, spitzt sich die philopolitische Substanz dessen, was Aristoteles unter der Polis bzw. der besten Polis versteht, von Begriffen wie Gerechtigkeit und Freundschaft herkommend, in jeder Hinsicht ideal zu. Hier spricht Aristoteles, wie sonst nur insgesamt in der Politik, über die ideale Polis, deren Bürger und deren Politeia, die für ihn wesentlichsten Bestandteile einer Polisgemeinschaft, die auf das gemeinsame höchste Gut, das gute Leben, die Eudämonie zustrebt.

Verschiedene Probleme, diese Arbeit betreffend, sind damit indirekt angesprochen. Um den in der Überschrift gegebenen Rahmen nicht zu sprengen, verlegt sich diese Untersuchung auf die, im Verhältnis zu Aristoteles Gesamtwerk, mikroskopisch erscheinende Untersuchung der Nikomachischen Ethik und der Politik und beschränkt sich hierbei außerdem auf die Analyse der dafür wichtigsten Bücher und Kapitel beider Werke. Dadurch fehlt der Untersuchung zwar eine Übersicht über die Struktur und den Inhalt der acht Bücher der Politik, für die Nikomachische Ethik scheint eine ähnliche Übersicht an dieser Stelle aber von vornherein unnötig; die wichtigsten Teile der Ethik können, ohne das den zehn Büchern hiermit Gewalt angetan würde, mit den Entsprechungen in der Politik sinnbringend verknüpft werden[1]. Aus Platzgründen jedenfalls könnte eine Übersicht über die Politik nur sehr grob und bestenfalls blitzlichtartig erfolgen, stattdessen soll hier ersatzweise versucht werden, nämlich im Teil der Begriffsdefinition die für die Diskussion wichtigsten Begriffe aus der Politik und der Ethik so sinnvoll als möglich zu rekonstruieren. Die Analyse der für uns maßgeblichen Begriffe und deren Definition, die hieraus gewonnene Erkenntnis der Analyse des Aristoteles – also der relativ besten Polis und der besten Polis im Vergleich, ist demnach in Bezug auf die These ein entsprechendes Gewicht zugedacht, mit dem eine fehlende Gesamtübersicht über die Politik hoffentlich wettgemacht werden kann. Ziel ist es also, in Bezug auf die These, so vorzugehen: Möglichst knapp, ohne zu knapp und möglichst informativ, ohne überinformativ zu sein; und damit die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit nicht nur der Untersuchung, sondern auch der Konklusion zu gewährleisten.

Der geschilderten Untersuchung folgt dann abschließend eine Diskussion und Verschränkung der wichtigsten Erkenntnisse und der Versuch einer daran anknüpfenden, aktuellen Stellungnahme, wobei mit aktuell gemeint ist, dass der Versuch unternommen wird, die oben postulierte „ Theorie des politischen Kompromisses “ des Aristoteles in seinen Auswirkungen auf Theorie und Praxis, gleichwohl unter Zuhilfenahmen gegenwärtiger Vorstellungen, angemessen zu beleuchten. Wir untersuchen also letztendlich kritisch die Konstruktion und die Motive der aristotelischen Politik in Gestalt seiner Polis-Taxonomie, soweit der gesteckte Rahmen das erlaubt.

Was die folgende Reihen der zu klärenden Begriffe und deren Definition angeht, habt sich der Untersuchende zugegebenermaßen etwas gequält, eine überschaubare Gliederung zu (er)finden, hofft aber, dass diese Qual nicht allzu deutlich nach außen tritt. Im Grunde müsste man nämlich in einem Zeitpunkt (und Raum) alle Begriffe gleichzeitig erklären können, damit nicht hier oder dort zuviel, oder zuwenig von einer Sache besprochen ist. So greift die Untersuchung an einigen Stellen vor, von denen es aber nicht zu viele sein sollten, was trotzdem nicht zu einem Übermaß an Verwirrung führen sollte. Der Untersuchung erscheint im Nachhinein eine netzförmigere Gliederung der folgenden Definition vorteilhafter, wie sie in Ansätzen aber bereits hier erkennbar sein dürfte.

An dieser Stelle möchten wir ergänzend anmerken, wozu ein solches Unternehmen dienen soll, denn diese bzw. ähnliche Arbeit ist von vielen Kommentatoren und Historikern und Philosophen über Jahrhunderte und in gewissen Teilen vielleicht sogar erschöpfend, bereits geleistet worden. Hier rechtfertigt sich der Anfänger, ebenfalls der interessanten Herausforderung der Untersuchung und Interpretation der aristotelischen Werke nachgehen zu dürfen. Des Weiteren behaupten wir den Anspruch, dass sich die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Schöpfer[2] der politischen Begrifflichkeit, vor allem in Hinsicht auf die von uns postulierte These, durchaus lohnt und sich außerdem gar in Anbetracht der gegenwärtigen politischen Lage nichts weniger als nur lohnen kann, wo ein Großteil dessen, was man als angewandte politischen Vorstellungen und praktische, politische Disziplinen bezeichnen kann, auf eben jenen Politik-Philosophen zurückgeht; in welcher gegenwärtig gebrauchten Form und Praxis auch immer.

Wie oben angesprochen, stellen die sich Untersuchung die beiden Werke Politik und die Nikomachische Ethik als die wesentlich gegenseitig ergänzende (Haupt-) Werke vor; als den Zusammenfluss der wichtigsten Erkenntnisse in Bezug auf die politische Philosophie des Aristoteles, weshalb wir auch meinen, derart verkürzt verfahren zu dürfen und beginnen mit der Frage: „Was ist die Polis?“[3] – überhaupt, denn…

Teil 1. Begriffsklärung

„Sehen wir ihm beim Arbeiten zu: Von seinem Vorhaben angespornt, ist sein erster praktischer Schritt dennoch retrospektiv:““

Claude Lèvi-Strauss

1.1 Polis

die „bloßen Mauern“ derselben können es nicht sein[4]. Aristoteles beantwortet die oben gestellte Frage in seinem dritten Buch in der Politik umfassend. Nachdem er im ersten Buch die Polis als naturgegeben definiert, folgert er im dritten aus seiner systematischen Untersuchung der Polis, dass Polis, Politeia und Bürgergemeinschaft qua definitione nahezu gleichbedeutend sind[5]. Die empirische Ausbeute lautet: Die Polis ist die koinonia politon politeias, die Gemeinschaft der politischen Bürger einer Verfassung. Spahn verweist, was ergänzend angeführt sein möchte, auf das historische Wachstum der vorgenannten Begriffe, womit er den engen semantischen und paradigmatischen Zusammenhang von Polis (den er mit „Staat“ angibt), Polites (Bürger) und Politeia (Verfassung) verdeutlichen will. Spahn bemerkt, dass, aufgrund der hohen semantischen Übereinstimmung, die Worte „ im Deutschen nicht adäquat “ ausgedrückt werden können[6]. Wir bleiben daher vorerst im Weitern aufgrund der vorgenannten Schwierigkeit und der hohen semantischen und paradigmatischen Nähe der Begriffe beim Wortgebrauch von „Polis“ in vorgestellter Bedeutung: Als koinonia politon politeias. Wir schließen uns der Verwendung des Wortes „Staat“ nicht an und verweisen darüber hinaus auf den interessanten und umfassenden begrifflichen Definitionsversuch in Bezug auf die Politik des Aristoteles, wie ihn Kamp unternimmt[7]. In der abschließenden Diskussion versuchen wir außerdem den Begriff, auf unsere These bezogen, noch anderweitig vervollständigend zu erschließen.

1.2 Politeia

Unter Politeia verstehen wir die Verfassung bzw. Verfasstheit der Bürger (ob es sich also um eine Form von Demokratie, oder Aristokratie usf. handelt). Zur groben Darstellung, Erläuterung und Ergänzung dessen, was wir unter den verschiedenen Verfassungen bzw. Verfasstheiten mit Aristoteles verstehen, hier in schematischer Darstellung sein grobes Sechser-Schema[8]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Welche der hier vorgeschlagenen Verfassungen ist die beste bzw. nach einer schrittweisen Auffassung die relativ beste Politeia? Zu Verwunderung sieht man: Einmal die Demokratie[9], oder an anderer Stelle die Politie[10]. Um den scheinbar willkürlichen Begriffseintopf halbwegs zu klären und ohne die Begriffe Gerechtigkeit und Freundschaft bislang besprochen zu haben, erlaubt sich die Untersuchung, an dieser Stelle vorzugreifen: Die Frage, welche Politeia die beste ist, muss nun einmal bei Aristoteles zu diesem Zeitpunkt zwangsläufig unterschiedlich ausfallen. Sowie sich Verfassungen voneinander unterscheiden, kann einmal die, einmal die andere als die Beste gelten. Warum auch nicht! Einerseits, weil sie alle in Bezug auf die beste Polis sowieso nur Kompromisscharakter haben. Andererseits: Die Demokratie, Politie, Oligarchie, Aristokratie sind de facto die jeweils besten Verfassungen. Aber Vorsicht: Je nachdem, was der jeweiligen koinonia als Beste eignet[11] !

Aristoteles schlägt in einem nächsten Schritt vor, das Beste aus der oligarchischen und der demokratischen Verfassung auszuwählen und zu verbinden. Was Aristoteles hier anbietet, ist: Die rechte Mitte zu finden, denn diese ist sprichwörtlich, wie weiter unten erhellt, die Gerechtigkeit und natürlich. Andererseits entspricht sein Vorschlag der Vorstellung, dass die mittlere Verfassung, er schlägt die Politie dafür vor, insofern die gerechteste und (relativ) beste sei, weil sie für die meisten Bürger und die Einzelnen einer koinonia eben praktisch realisierbar und damit überhaut eine erreichbare wäre[12]. Was für die Bürger gilt, gilt dementsprechend für die Polis. Daraus erschließt sich ein einleuchtendes Prinzip der Mitte, des Mitteleren-Standes der Meisten (des tugendhaften Bürgers), zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zwischen Oligarchie (Reichtum) und Demokratie (Armut) durch Tugend und Vernunft[13]. Eine solche Polis wäre, und hier offenbart sich wiederum ein Grundanliegen Aristoteles, gleichfalls relativ stasisfrei[14].

Die obigen Verfassungen sind also insgesamt politische Kompromissvorschläge, theoretische Handreichungen für die politische Praxis. In diesen Verfassungskompromissen liegt bereits erkennbar ein verborgener, wenn man so sagen darf, höherer Verfassungs-Leib, das theoretische Ideal der besten Polis. Wenn die vorliegende Untersuchung von der Politie spricht, spricht sie daher von einem dieser Kompromissvorschläge, aber der relativ besten Verfassung, die im Vergleich zur Besten jedoch bloß ein Schatten eines solchen Leibes, wie er Aristoteles als Ideal vorschwebt, betrachtet werden kann[15]. Die relativ beste Verfassung, die Politie, ist bereits ein sehr weit angelegter Kompromiß, der sich mit viel gegensätzlicher Macht- und Politikauffassung anlegt, doch hält sie Aristoteles für realisierbar[16]. Bleibt die Frage, wie sich Aristoteles vorstellte, dass die freiwillige Zustimmung zu diesem Kompromiss zustande kommen sollte. Er beantwortet sie letztlich nicht.

[...]


[1]

[2] Vgl. Henning Ottmann: Geschichte des politischen Denkens, Bd. 1; Andreas Kamp: Aristoteles Theorie der Polis - Voraussetzungen und Zentralthemen; Dolf Sternberger: Das Wort Politik und der Begriff des Politischen

[3] Pol. 3, 1274b 33

[4] Pol. III, 3, 1276a26f.

[5] Pol. II,3, 1276b2; vgl. Spahn, S. 415; Ottmann, S189

[6] Spahn, S. 415

[7] Kamp, S. 87f.

[8] Pol. II, 6-8; Pol. IV-VI; NE VIII, 12

[9] Pol. III, 15, 1286b3f.

[10] Pol. IV, 8-9, 11-13

[11] Pol. IV, 8, 1294a18f.

[12] Pol. IV, 9, 1294b2; Pol. IV, 11, 1295a29-30; NE, II, 5, 1106a31-b5

[13] Pol. IV, 4, 6; VI, 4-5; Pol. IV, 5; VI, 6-8; Pol. IV 11, 1296a7; Pol. IV, 12, 1295b1f.

[14] Pol. IV, 11, 1296a7

[15] Spahn, S. 427f.

[16] Pol. IV, 8, 1294a37 – b20

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Erfindung der neuen Mitte
Untertitel
Versuch einer Stellungnahme zur Theorie des politischen Kompromisses in Aristoteles Politik
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Fakultät I - Geschichte)
Veranstaltung
Aristoteles Politik als historische Quelle
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V145686
ISBN (eBook)
9783640562176
ISBN (Buch)
9783640561964
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Das Werk analysiert und interpretiert Aristotels politischen Standpunkt in der Politik im Zusammenhang mit der Nikomachischen Ethik. Die Arbeit beinhaltet eine hilfreiche Übersicht über den Inhalt der Politik.
Schlagworte
Aristoteles, Politik, Nikomachische Ethik, Philosophie, Politikgeschichte, Polis, Summierungstheorie, Platon, Sokrates
Arbeit zitieren
Michael Bolz (Autor:in), 2010, Die Erfindung der neuen Mitte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145686

Kommentare

  • Michael Bolz am 18.2.2010

    Es fehlten bei Abgabe die Seitenangaben der Aufsätze in Sammelbänden, das wurde jedoch im vorliegenden Text nachgeholt.

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