Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud - ein Vergleich aus moralanthropologischer Sicht


Seminararbeit, 2010

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

I.) „Die Moral und die Kultur“: Vorstellung der Positionen Freuds und Nietzsches
1.) Sigmund Freud: „Das Unbehagen in der Kultur“
2.) Friedrich Nietzsche: „Zur Genealogie der Moral“ (ohne dritte Abhandlung)

II.) Analyse von Ähnlichkeiten und Unterschiede beider Texte anhand verschiedener Aspekte
1.) Die Entstehung von Kultur: Triebunterdrückung für Sicherheit – ein fairer Tausch?
2.) Der Umgang des Menschen mit der Kultur
a) Triebe vs. Gewissen: das psychoanalytische Modell Sigmund Freuds
b) Entstehung von Schuldbewusstsein und Gewissen bei Friedrich Nietzsche
3.) Moral – eine positive Errungenschaft der Kultur?
a) Kultur-Über-Ich und Religion bei Freud
b) Nietzsche: Ursprung der Moral im Christentum

III.) Schlussresümee – sind die Theorien Freuds und Nietzsches plausibel?

I.) „Die Moral und die Kultur“: Vorstellung der Positionen Freuds und Nietzsches

1.) Sigmund Freud: „Das Unbehagen in der Kultur“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[2]

Das Zitat Sigmund Freuds aus seinem Aufsatz: „ Das Unbehagen in der Kultur“ -und ebenso dessen Überschrift- zeigt bereits, in welche Richtung das Freudsche Konzept abzielt: Die Kulturerrungenschaften scheinen nicht nur positive Aspekte, sondern auch negative Auswirkungen für den Menschen zu beinhalten. Zusammengefasst versucht Freud also in seinem Aufsatz herauszufinden, was Kultur für den Menschen bedeutet und welche Bedingungen damit verbunden sind. Zu diesem Zweck teilt sich die Schrift in 8 Kapitel, in denen er Schritt für Schritt die Beschaffenheit des Menschen außerhalb und innerhalb der Kultur untersucht.

Im 1. Kapitel untersucht Freud den Menschen an sich und stellt dabei anhand der Psychoanalyse fest, dass der Mensch über verschiedene innere Instanzen verfügt, welche sich alle aus einer primären Quelle im Kindesalter herausgebildet haben: einer Art primärem Ich-Gefühls, welches heute seiner Ansicht nach die Grundlage für Religiösität darstellt. Erst durch Lust- und Unlusterfahrungen lernt der Mensch mit dem Älterwerden, eine Außenwelt von der Innenwelt abzusondern.

Nach dieser Feststellung geht er über zu Kapitel 2, in dem er den Sinn des Daseins im Individuum untersucht. Er stellt fest, dass der Mensch vom Streben nach Glück geleitet wird, welches sich durch das Lustprinzip definieren lässt. Hier zeigt sich bereits eine erste Problematik: maximale, andauernde Lust lässt sich weder erzeugen noch könnten wir sie dann noch als solche empfinden.

Dagegen drohen aus mehreren Quellen Unlust: die größte Gefahr besteht hier in der sozialen Leidensquelle, wie Freud in Kapitel 3 feststellt. Unser Wunsch nach sozialen Beziehungen beinhaltet aber gleichzeitig größte Lust- UND Unlusterfahrungen, was also zu Problemen führen muss! Mit dem Streben nach sozialen Beziehungen geht auch das Vorantreiben einer Kultur einher – die Kultur enthält also ebenfalls einen ambivalenten Charakter. Freud untersucht nun diese Zweischneidigkeit der Kultur und stellt fest, dass uns die Kultur einerseits viele Vorteile bringt (Nutzen, Schutz vor der Natur, Regelung der sozialen Beziehungen, etc.), aber genauso auch Nachteile beinhaltet. Der größte Nachteil liegt in der Triebsublimierung.

Im 4. Kapitel macht sich Freud Gedanken über den möglichen Ursprung der Kultur und findet ihn in der Macht der Liebe und der Arbeitsteilung. Durch die Kultur entstehen Pflichten und Einschränkungen (keine uneingeschränkte Ausübung des Sexualtriebes mehr!) für das Liebespaar oder die Familie, welche diese aber nicht erfüllen wollen – es kommt zum Widerspruch.

Warum aber ist der Mensch in der Kultur überhaupt auf zielgehemmte Liebesbeziehungen wie Freundschaft etc. angewiesen? Freud gibt die Antwort hierfür in Kapitel 5 mit der Einführung des Aggressionstriebes. Aufgrund von Kultur werden also die zwei wichtigsten Triebe gehemmt: der Aggressionstrieb UND der Sexualtrieb.

Kapitel 6 behandelt das Verhältnis Aggressionstrieb – Sexualtrieb genauer und zeigt auf, dass beide Triebe wie eine Art Naturprinzip auftreten und als Thanatos und Eros gegeneinander arbeiten. In der Kultur äußert sich der Todestrieb einerseits durch den Aggressionstrieb nach außen und andrerseits durch Sublimierung gegen das eigene Ich. Kulturentwicklung lässt sich dadurch als „ Lebenskampf der Menschenart“[3] bezeichnen!

In Kapitel 7 betrachtet Freud nun die Auswirkungen des Aggressionstriebes im Individuum und stellt fest, dass die Aggressionen gegen das eigene Ich sich als Über-Ich im Menschen festsetzen. Das Über-Ich macht sich durch das Gewissen bemerkbar, welches wiederum zu Schuldbewusstsein, Strafbedürnis und Schuldgefühl führt. Es findet erst durch diese Vermögen die Unterscheidung zwischen Gut und Böse statt, welche wir aus Angst vor dem Liebesverlust befolgen.

Das letzte Kapitel 8 stellt nun eine Art zusammenfassende Schlußfolgerung aus den anderen Kapiteln dar: Der Mensch kann aufgrund des Über-Ichs und der damit verbundenen Schuldgefühle nicht mehr glücklich werden, da er seine Triebe nicht mehr frei ausleben darf. Ebenso wie das individuelle Über-Ich gibt es auch ein Kultur-Über-Ich, welches analog zum individuellen funktioniert und die Ethik geschaffen hat. Der Mensch kann aber in seiner triebhaften Veranlagung diese Gebote nie ganz befolgen, weshalb Ethik insgesamt nicht anthropologisch ist! Freud bringt in diesem Zusammenhang auch die Religion ins Spiel und argumentiert ähnlich. Wichtig zu erwähnen ist abschließend noch, dass sich Freud von einer klaren Antihaltung gegen die Kultur distanziert und sich selbst als unparteilich betitelt.[4]

Während sich Sigmund Freud also auf der Ebene der Psychoanalyse dem Thema der Moral in der Kultur nähert, schlägt Friedrich Nietzsche einen ganz anderen Weg ein. Im Folgenden möchte ich deswegen nun seinen Aufsatz zur Moral darstellen.

2.) Friedrich Nietzsche: „Zur Genealogie der Moral“ (ohne dritte Abhandlung)

[5] Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[6]

Dieses Zitat stammt aus der Vorrede des Aufsatzes „ Zur Genealogie der Moral “. Friedrich Nietzsche macht somit schon zu Beginn klar, um was es ihm in seinem Aufsatz geht: er betitelt ihn als „Streitschrift[7] gegen die herrschenden „moralischen Vorurtheile“[8] mit dem eigenen Ziel, die Herkunft von Werten und deren Wert an sich zu prüfen, anstatt diese einfach nur als gegeben und richtig hinzunehmen. Sein Aufsatz unterteilt sich neben der Vorrede in 3 Abhandlungen, wobei ich hier nur die ersten beiden (wie im Seminar) behandeln möchte.

Die erste Abhandlung trägt den Titel: „Gut und Böse“, „Gut und Schlecht“. Wie der Titel schon vermuten lässt, beginnt Nietzsche mit der Suche nach der Wahrheit bei dem Ursprung der moralischen Werte. Er kritisiert die bisherige Genese der Worte und findet stattdessen den Ursprung unserer heutigen Moral im puren und wertfreien Ausdruck eines Herrschaftssystems. Das Wort „Gut“ rührt also nicht von nützlichen, „gütigen“ Handlungen her, sondern von „ Vornehm, stark etc.“. Das Gegenstück dazu ist folglich nicht „Schlecht“ sondern „ Schlicht “ im Sinne von Einfach, Schwach etc. Er versucht seine These durch eine etymologische Beweisführung zu stärken, bei der er unterschiedliche Wortstämme untersucht und Gemeinsamkeiten aufzeigt. Durch die machtimplizierte Färbung des Wortes „Gut“ folgert Nietzsche weiter, dass sich das Wort außerständisch weiterentwickelt hat und dann als Titel für einen bestimmten Charakterzug diente. Die eigentliche Schuld an der heutigen moralischen Umwertung trägt die Kirche, die nachträglich die sittliche Komponente hinzugefügt hat, um an Macht zu gelangen. Nietzsche nennt das den „ Sklavenaufstand der Moral“[9]. Am deutlichsten wird dieser Vorgang anhand der Raubvögel- Lämmer- Metapher im 13. Abschnitt[10]: Die Lämmer stehen hierbei für die schlichten, schwachen Menschen, die (aufgewiegelt durch die Kirche) sich selbst als „gut“ bezeichnen um auch an Macht zu gelangen, die sie anderweitig nicht bekommen können. Die Raubvögel dagegen, die nur das machen was sie nun einmal ausmacht (ebenso wie die eigentlich Starken, Vornehmen, etc.), erfahren nun eine Umwertung ins Schlechte, obwohl ihre Eigenschaften ursprünglich nur positiv sind. Für Nietzsche steht damit das Fortschreiten der Kultur in direktem Zusammenhang mit dem Rückgang der Menschlichkeit und bezeichnet das Sklaventum als „ Werkzeuge der Cultur“[11]. Er beendet die Abhandlung mit dem Aufzeigen von historischen Kämpfen Sklaven- vs. Herrentum und der Frage, warum nicht wieder einmal so ein Aufbegehren stattfinden sollte.

Die zweite Abhandlung behandelt die Themen „ Schuld“, „Schlechtes Gewissen“ und Verwandtes. Nietzsche beginnt mit der Einführung des Gewissens, welches sich aus dem Gedächtnis des Menschen herausgebildet hat. Das Gedächtnis hingegen und damit die Vernunft konnte sich nur durch Strafe etablieren, weshalb er sie als unnatürlich verteufelt. In direktem Zusammenhang mit dem Gewissen steht auch das Schuldbewusstsein: wieder bedient sich Nietzsche der etymologischen Begründungsweise und findet das Wort „Schuld“ abgeleitet von „Schulden“. Folglich liegt für ihn der Ursprung des Schuldbewusstseins im Vertragsverhältnis von Gläubiger und Schuldner. Schuld ist dabei immer zurückzahlbar – wenn nicht durch Geld, dann durch Wohlgefallen an der Folter bzw. Strafe, welche für beide Vetragspartner eigentlich eine Art reinigende Kraft darstellte[12]. Heute darf der Mensch jedoch kein Vergnügen mehr an der Grausamkeit empfinden – es findet eine Unterdrückung der natürlichen Affekte statt. Dieses Vertragsverhältnis findet sich auch im Staat zwischen Verbrecher und Gemeinwesen wieder. Nietzsche geht danach über, die Entstehung der Gnade aufzuzeigen: diese steht in direktem Zusammenhang mit dem Machtbewusstsein, weshalb auch nur die Mächtigsten zur Gnade fähig sind. Durch die Umwertung der Werte durch das Sklaventum ist heute auch der Wille zur Macht ins Schlechte moralisiert worden, obwohl hier eigentlich der Sinn des Lebens besteht. Nietzsche behandelt dann noch die Begriffe Freiheit und Angst und fasst bisherige Erkenntnisse nochmals zusammen. Wichtig hierbei ist, dass Nietzsche im schlechten Gewissen die Urquelle des Übels der Kultur sieht. In direktem Zusammenhang damit steht für Nietzsche auch das Christentum, weshalb er den Atheismus als einzigen Ausweg aus der Schuld sieht. Nietzsche schließt seine Abhandlung mit einem Ausblick: der Mensch kann sich heute noch nicht aus eigener Kraft aus seiner Gesellschaft befreien – hierfür bedarf es der Ankunft von „ Zarathustra, dem Gottlosen[13] ; eine Art Übermensch, der die Kriterien Nietzsches an eine neue Menschenart erfüllt.

[...]


[1] Freud, Sigmund (1970): Das Unbehagen in der Kultur. Frankfurt a. M. (S.83)

[2] Karikatur des Unbewussten in Beziehung zum modernen Menschen

(www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22643/22643_3.jpg)

[3] Freud, Sigmund (1970): Das Unbehagen in der Kultur. Frankfurt a. M. (S.110)

[4] Freud, Sigmund (1970): Das Unbehagen in der Kultur. Frankfurt a. M. (S.128)

[5] Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral. München (S.253)

[6] Plakat für den Nietzsche-Kongress in Naumburg 2009

(www.l-iz.de/Leben/Reisen/2009/08/Nietzsche-Kongress-in-Naumburg-Im-Spannungsfeld.htm)

[7] Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral. München (S.248)

[8] Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral. München (S.248)

[9] Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral. München (S.268)

[10] Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral. München (S.278-281)

[11] Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral. München (S. 267/277)

[12] Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral. München (Gläubiger und sein Wohlgefallen an der Strafe: S.299/230; Strafe als Austausch für das Schuldbewusstsein: S.320/321)

[13] Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral. München (S.337)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud - ein Vergleich aus moralanthropologischer Sicht
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Philosophie)
Veranstaltung
Moralische Personen
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V145993
ISBN (eBook)
9783640574704
Dateigröße
786 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nietzsche, freud, moralphilosophie, zur genealogie der moral, das unbehagen in der kultur
Arbeit zitieren
Sandra Straube (Autor), 2010, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud - ein Vergleich aus moralanthropologischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145993

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