Der Panegyricus auf Trajan – Dankesrede zwischen Ideologie, literarischer Freiheit und Wirklichkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehungskontext und Präsentation
2. 1 Literarische Vorbilder und Gattungsfragen
2. 2 Das Verhältnis des jüngeren Plinius zu Kaiser Trajan

3. Der Panegyricus als historische Quelle
3. 1 Die offizielle Herrscherideologie Trajans und ihre Entsprechung im Panegyricus
3. 2 Die Selbstdarstellung Kaiser Trajans

4. Schlussbemerkung

5. Auswahlbibliographie
5. 1 Quellen (Texte und Übersetzungen)
5. 2 Literatur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich anhand ausgewählter Textpassagen des Panegyricus auf Trajan mit Wesen, Entstehungs- und Wirkungsintention sowie mit der politischen und literarischen Bedeutung der Dankesrede Plinius’ des Jüngeren. In Anbetracht des begrenzten Rahmens dieser Arbeit wird auf eine ausführliche Darstellung biografischer Fakten des jüngeren Plinius verzichtet, lediglich die für den Gegenstand der Betrachtung relevanten Aspekte werden an geeigneter Stelle Erwähnung finden.

Im Hinblick auf die Frage, inwieweit der Panegyricus auf Trajan ein Abbild der offiziellen Herrscherideologie seiner Zeit war, soll es konkret um folgende Aspekte gehen: Welche inneren und äußeren Beweggründe veranlassten Plinius d. J. dazu, eine solche Lobeshymne auf den römischen Kaiser Trajan zu verfassen? Wie ist der Panegyricus von Zeitgenossen aufgenommen worden und welche Rückschlüsse lassen sich daraus ziehen? Und: Wie ist der Wert des Panegyricus als historische Quelle für die trajanische Ära innerhalb der römischen Kaiserzeit unter Beachtung aller quellenkritischen Aspekte insgesamt zu beurteilen?

Die Auswahl des Untersuchungsgegenstandes erklärt sich zum einen aus der günstigen Quellenlage, zum anderen stellt sich der Forschungsstand zu dieser Thematik zwar kontrovers, aber durch eine größere Anzahl von Publikationen jüngeren Datums zugleich besonders günstig dar.[1]

2. Entstehungskontext und Präsentation

Aus Anlass seines Amtsantritts als Suffektkonsul am 1. September 100 hielt der jüngere Plinius vor dem Senat und unter Anwesenheit Kaiser Trajans eine Dankesrede, den Panegyricus auf Trajan.[2]

Der genaue Umfang, den diese Rede hatte, ist indes unklar, denn da für einen rhetorisch angemessenen Vortrag der uns heute vorliegenden schriftlichen Fassung des Panegyricus in etwa fünf Stunden angesetzt werden müssten[3], scheint es wahrscheinlich, dass die von Plinus selbst verschriftlichte Fassung einige Erweiterungen erfahren hat. Plinius geht auf diese Erweiterungen in einem seiner Briefe ein, macht jedoch keinerlei Angaben zum Umfang seiner Überarbeitungen. Allerdings erläutert er die Beweggründe, die ihn zu einer schriftlichen Fassung des Panegyricus veranlasst haben:

„Officium consulatus iniunxit mihi, ut rei publicae nomine principi gratias agerem. quod ego in senatu cum ad rationem et loci et temporis ex more fecissem, bono civi convenientissimum credidi eadem illa spatiosius et uberius volumine amplecti,primum ut imperatori nostro virtutes suae veris laudibus commendarentur, deinde ut futuri principes non quasi a magistro, sed tamen sub exemplo praemonerentur, qua potissimum via possent ad eandem gloriam niti.“[4]

Schon an dieser Stelle wird die große Bewunderung deutlich, die Plinius Trajan entgegenbringt. Er stilisiert ihn zum ‚Idealtypus’ eines Kaisers und damit zum Vorbild für alle, die ihm in seinem Amt folgen sollten. Dies ist ein Topos, der sich nicht nur durch den Panegyricus zieht, sondern auch an unterschiedlichsten Stellen in den Briefen des jüngeren Plinius inhaltlich und durch die Wortwahl zum Ausdruck kommt.[5]

Dem Kaiser hat auch die abschließend verschriftlichte Form der Dankesrede vorgelegen.[6]

Unter den Zeitgenossen des jüngeren Plinius ist der Panegyricus auf große Zustimmung gestoßen.[7] Plinius selbst berichtet davon, dass er Freunden an drei aufeinander folgenden Tagen aus dem Panegyricus vorgetragen hat, wobei er die von ihm beschriebene Begeisterung seiner Zuhörer weniger auf seine literarischen und rhetorischen Fähigkeiten zurückführt, sondern vielmehr darauf, dass ein aufrichtiges Lob des Kaisers unter der Herrschaft Trajans mehr Wohlgefallen fände als dies unter anderen Herrschern der Fall gewesen sei.[8] Daher liegt der Schluss nahe, dass Plinius eine zumindest in Senatskreisen relativ weit verbreitete Haltung gegenüber Trajan repräsentiert.

2. 1 Literarische Vorbilder und Gattungsfragen

Der Panegyricus auf Trajan beinhaltet sowohl Elemente des aus dem griechischen Bereich stammenden Panegyricos, einer vor einer πανήγυρις gehaltenen Rede, als auch Elemente der römischen gratiarum actio. Beide Redeformen mussten genau definierten Gattungsgesetzen genügen.[9]

Durch die Verbindung beider Formen, die letztlich eine eindeutige Gattungszuordnung unmöglich macht, beschreitet Plinius neue Wege, indem er anstelle längst etablierter Traditionen etwas völlig Neues schafft, das zum Vorbild für zahlreiche Panegyrici der Folgezeit werden sollte. Die bis heute überlieferten 12 lateinischen Prosapanegyrici (Panegyrici Latini) der Kaiserzeit beginnen daher in der Zählung mit dem Panegyricus auf Trajan aus dem Jahre 100 n. Chr. und enden mit dem Panegyricus des Pacatus auf Theodosius 389.[10] Hierbei wird allerdings auch deutlich, dass vermutlich nur ein Bruchteil der in der Antike tatsächlich gehaltenen oder verschriftlichten Panegyrici tatsächlich überliefert ist, dass unser heutiges Bild über die lateinische Panegyric aber maßgeblich durch diesen Bruchteil bestimmt wird.

Als einziges direktes Vorbild bezüglich ausführlicheren Herrscherlobes fand Plinius Ciceros Pro Marcello vor und nutzte dieses Werk als Model.[11] Neben den Neuerungen, die Plinius der Jüngere in sein Werk einfließen lässt, hält er auch an bewährten stilistischen Vorgaben fest.

Vor allem die von Cicero geprägten Richtlinien für einen Redner dürften für ihn bindend gewesen sein. So formuliert Cicero über die Ausführung einer Rede:

„Audieram etiam quae de orationis ipsius ornamentis traderentur, in qua praecipitur primum, ut pure et Latine loquamur, deinde ut plane et dilucide, tu mut ornate, post ad rerum dignitatem apte et quasi decore; singularumque rerum praecepta cognoram.“[12]

Lassen diese Ausführungen auch einen großen Auslegungsspielraum für den Redenden deutlich werden, so wird doch auch ersichtlich, welchen Bewertungskriterien eine solche Rede – zumindest unter den Augen geübter Rhetoriker, an denen es im Senat zweifellos nicht mangelte – zu genügen hatte.

Weitere grundsätzliche rhetorische und literarische Richtlinien für das Gesamtwerk des jüngeren Plinius und insbesondere für seinen Panegyricus sollten auch bei dessen langjährigem Lehrer Marcus Fabius Quintilianus (Quintilian) zu finden sein. Auf der Suche nach Gestaltungsgrundsätzen wird man auch in dessen Werk schnell fündig. Doch auch hier kommt eine enorme Auslegungsbreite zum Ausdruck, die zumindest für den heutigen Leser häufig in Ermangelung repräsentativer zeitgenössischer Reden und Schriften, anhand derer die genaue Bedeutung dieser Regeln analysiert werden könnte, mehr Fragen als Antworten bieten. So schreibt Quintilian:

„Nobis prima sit virtus perspicuitas, propria verba, rectus ordo, non in longum dilata conclusio, nihil neque desit neque superfluat: ita sermo et doctis probilis et planus inperitis erit. haec eloquendi observatio: nam rerum perspicuitas quo modo praestanda sit, diximus in praeceptis narrationis, similis autem ratio est in omnibus.“[13]

Mag man Durchsichtigkeit, Gebrauch und sinnvolle Anordnung von Wörtern bei Plinius noch scheinbar mühelos wieder finden, so ist es um die von Quintilian angemessene Länge und das Aussparen des Überflüssigen schon anders bestellt. Nur zu leicht ist man bei der Rezeption des Panegyricus geneigt zu behaupten, hier habe sich der Schüler Plinius von seinem Lehrer Quintilian um einiges entfernt, reihen sich doch inhaltliche Wiederholungen und der Gebrauch ähnlich konnotierter Floskeln und Metaphern unaufhörlich aneinander. Ist aber dies ein beabsichtigter oder unbeabsichtigter Widerspruch zu Quintilians Forderungen, oder sind diese Wiederholungen nicht nur stilistisch vertretbar, sondern gar der Behandlung eines solchen Themas zur Zeit des jüngeren Plinius völlig angemessen, wenn nicht sogar erforderlich?

Eine Antwort auf diese Frage ist sicherlich nicht ausschließlich auf philologischer Basis zu klären. Vielmehr spielt hier neben der Persönlichkeit des Plinius auch und insbesondere dessen Verhältnis zu dem von ihm überschwänglich und immer aufs Neue gelobten Kaiser Trajan eine Rolle.

2. 2 Das Verhältnis des jüngeren Plinius zu Kaiser Trajan

Die Person des Plinius ist innerhalb der Forschung stets kontrovers beurteilt worden. Dabei reichen die Extreme der unterschiedlichen Positionen von der Behauptung, dass er naiv, eitel, begriffsstutzig und selbstvergessen gewesen sei[14] bis hin zu der Annahme, er sei für Trajan zu einer Art Demagoge geworden, der stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht gewesen sei.[15] Für die Beurteilung der Schriften des jüngeren Plinius ist es indes von großer Bedeutung, ob man in ihm einen kritiklosen Zeitgenossen sieht, der lediglich auf seinen eigenen Vorteil bedacht war, oder ob man ihm unterstellt, zu manipulieren, zu beschönigen, wo es um Trajan geht, und zu verurteilen, wo von dessen Amtsvorgängern die Rede ist und damit ganz bewusst ein verfälschtes Bild der trajanischen Herrschaft zu zeichnen.

Beide Behauptungen bleiben in Ermangelung tatsächlicher Beweise für die eine oder andere Interpretation und vor allem durch das Fehlen zeitgenössischer Fremdbeurteilungen des jüngeren Plinius als Möglichkeit bestehen. Doch ist die Annahme, es handele sich bei dem Panegyricus auf Trajan um eine aufrichtige Dankesrede, die den rednerischen Gepflogenheiten und dem Zeitgeist der trajanischen Ära entsprochen habe, für mich plausibler als die Unterstellung der absichtlichen und gesteuerten Wiedergabe trajanischer Programmatik mit der Absicht für den Kaiser Propaganda zu betreiben, zumal nicht außer acht gelassen werden sollte, dass die gehaltenen Reden – auch bei anschließender Verschriftlichung – nur einem Bruchteil der Bevölkerung zugänglich waren.[16]

Tatsache bleibt, dass Plinius bereits unter Domitian seine politische Karriere beginnt, sie aber erst unter Trajan ihren Höhepunkt findet. Es zeugt von dessen Gunst, dass Plinius den cursus honorum in recht kurzer Zeit absolviert und bereits sieben Jahre nach seiner Praetur zum Suffektkonsul ernannt wird.[17] Zahlreich sind auch die persönlichen Begegnungen des jüngeren Plinius mit dem Kaiser, die dem Literaten und Politiker Plinius Gelegenheit gaben, Bitten unterschiedlichster Art für Freunde und Bekannte anzutragen.[18]

Dieser verhältnismäßig enge Kontakt und die Art der Äußerungen über Trajan lassen auf eine aufrichtige Ergebenheit des jüngeren Plinius dem Kaiser gegenüber schließen, die lebenslang andauern sollte.[19]

[...]


[1] Bennet, J.: Trajan – Optimus Princeps, London 1997; Catagna, L.; Lefèvre, E. (Hrsg.): Plinius der Jüngere und seine Zeit, München, Leipzig 2003 (Beiträge zur Altertumskunde; Bd. 187); Fein, S.: Die Beziehungen der Kaiser Trajan und Hadrian zu den literati, Stuttgart 1994 (Beiträge zur Altertumskunde; Bd. 26); Fell, M.: Optimus Princeps? Anspruch und Wirklichkeit der imperialen Programmatik Kaiser Traians, München 1992 (Quellen und Forschungen zur Antiken Welt, Bd.7); Kuhoff, W.: Felicior Augusto melior Traiano: Aspekte der Selbstdarstellung der römischen Kaiser während der Prinzipatszeit, Frankfurt a. M. 1993; Mause, M.: Die Darstellung des Kaisers in der lateinischen Panegyrik, Stuttgart 1994 (Palingenesia; Bd. 50); Nixon, C. E. V.; Rogers, B. S. (Hrsg.): In Praise of later Roman emperors: the Panegyrici Latini, Berkeley, Los Angeles, Oxford 1994; Showalter, D. N.: The relationship between the emperor and the gods: images from Pliny´s Panegyricus and other sources from the time of Trajan, Diss. Harvard Univ. 1989.

[2] Fell, M.: Optimus Princeps? Anspruch und Wirklichkeit der imperialen Programmatik Kaiser Traians, München 1992 (Quellen und Forschungen zur Antiken Welt, Bd.7), S. 13.

[3] Kühn, W. (Hrsg.): Plinius der Jüngere – Panegyricus, Darmstadt 1985, Vorwort, S. 1.

[4] Plin, ep. 3,18,1-2.

[5] An dieser Stelle sei vor allem auf das 10. Buch, das seinen offiziellen Briefwechsel als Statthalter von Bithynien mit Kaiser Trajan enthält, verwiesen, aber auch in Briefen an Freunde und Bekannte äußert er sich immer wieder positiv über Trajan und hebt ihn von seinen Vorgängern ab, vgl. z.B. 3, 18; 8;14,2; 6, 31.

[6] Kühn, Vorwort S. 4

[7] Vgl. dazu: Kühn, Vorwort S. 3.

[8] Vgl. dazu: Plin., ep. 3,18,6.

[9] Fell, S. 16.

[10] Mause, M.: Die Darstellung des Kaisers in der lateinischen Panegyrik, Stuttgart 1994 (Palingenesia; Bd. 50), S. 9ff.

[11] Bennet, J.: Trajan – Optimus Princeps, London 1997, S. 64.

[12] Cic., de orat. I, 144.

[13] Quint., inst. VIII, 2, 22

[14] Vgl. dazu: Fell, S. 9f.

[15] Strobel, zit. nach: Fell, S. 12.

[16] Mause, S. 12.

[17] Fein, S.: Die Beziehungen der Kaiser Trajan und Hadrian zu den literati, Stuttgart 1994 (Beiträge zur Altertumskunde; Bd. 26), S. 147.

[18] Vgl. dazu u.a.: Plin., ep. 10, 94, 3; 2, 9; 8, 23.

[19] Kühn, Vorwort S. 5

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Panegyricus auf Trajan – Dankesrede zwischen Ideologie, literarischer Freiheit und Wirklichkeit
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Altertumswissenschaften)
Veranstaltung
Plinius der Jüngere. Zwischen politischer Pflicht und literarischen Neigungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V146055
ISBN (eBook)
9783640571161
ISBN (Buch)
9783640570881
Dateigröße
851 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Panegyricus, Lobrede, Trajan, Plinius d. J., Römische Geschichte, Alte Geschichte, Römische Kaiser
Arbeit zitieren
Anke Zimmermann (Autor), 2003, Der Panegyricus auf Trajan – Dankesrede zwischen Ideologie, literarischer Freiheit und Wirklichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146055

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