Die rechtliche Lage der Juden in der Spätantike


Seminararbeit, 2002
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Spätantikes Judentum – Leben in der Diaspora
1.2 Gemeinsame Traditionen und Organisationsformen

2. Antijudaismus/Antisemitismus in der Antike
2.0 Zur Terminologie
2.1 Historische Wurzeln in der Überlieferung
2.2 Der christlich-jüdische Antagonismus in der Antike – Voraussetzungen und Folgen

3. Die rechtliche Stellung der Juden im christlichen Imperium Romanum
3.1 Ereignisgeschichtlicher Überblick in Auszügen
3.2 Kaisergesetze
3.3 Auswirkungen der Gesetze auf den Alltag der Juden

4. Zusammenfassung

5. Quellen und Literatur
5.1 Quellen
5.2 Literatur (Auswahlbibliographie)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich am Beispiel kaiserlicher Gesetzgebung mit der Frage, inwieweit von einem „spätantiken Antijudaismus“ gesprochen werden kann. Mit Hilfe bekannter kaiserlicher Gesetze sowie anhand literarischer Darstellungen und Überlieferungen unterschiedlichster Form[1] sollen möglichst viele jener Sichtweisen und Anschauungen, die für den Untersuchungszeitraum relevant sind, näher interpretiert werden.

Im Hinblick auf die eingangs formulierte Frage wird es dabei konkret um folgende Aspekte gehen: Welche historischen Wurzeln kann es für einen möglichen Antijudaismus geben? Wie lässt sich das für die Spätantike besonders relevante Verhältnis des Judentums zum Christentum beschreiben? Gibt es eine bestimmte grundlegende Tendenz in den gesetzlichen Bestimmungen, die das Judentum betreffen? Und inwieweit schlug sich die Gesetzgebung auf den Alltag nieder? Abschließend wird ein kurzer Ausblick gegeben, welche ereignisgeschichtlichen Auswirkungen die spätantiken Entwicklungen auf die sich an den Untersuchungszeitraum anschließende Zeit des frühen Mittelalters hatten.

Die Auswahl des Untersuchungsgegenstandes erklärt sich zum einen aus der günstigen Quellenlage, zum anderen stellt sich der Forschungsstand zu dieser Thematik zwar kontrovers, aber durch eine größere Anzahl von Publikationen jüngeren Datums zugleich besonders günstig dar.[2]

Dank der freundlichen Unterstützung von Frau Prof. Miriam Gillis-Carlebach vom Joseph Carlebach Institut der Bar-Ilan Universität in Ramat-Gan (Israel) hatte ich auch die Möglichkeit, an Material zu gelangen, das in Deutschland nur schwer zugänglich ist.

1.1 Spätantikes Judentum – Leben in der Diaspora

Um die Gesamtthematik zeitlich eingrenzen zu können, seien einige Eckdaten umrissen, die für die Geschichte des Judentums innerhalb der Geschichte des „Christlichen Imperium Romanum“[3] besonders wichtig sind.

Mit Konstantin I. kommt zu Beginn des 4. Jahrhunderts n.Chr. ein Kaiser an die Macht, der sich eindeutig zum Christentum bekennt. Damit beginnt ein Prozess des Aufstieges des Christentums zur Staatsreligion, der zwangsläufig mit einem sich ändernden christlichen Selbstverständnis und sich ebenfalls verändernden Einstellungen zu anderen Religionen respektive Glaubensgemeinschaften einher geht. Einen weiteren Eckpunkt in der Geschichte des spätantiken Judentums bildet die arabische Eroberung Jerusalems im Jahre 638 n. Chr., die in ihrer Folge für Juden und Christen gleichermaßen den Status einer religiösen Minderheit, die zudem rechtlich benachteiligt ist, zur Konsequenz hat.[4] Vieles hat sich innerhalb dieser bewegten Jahrhunderte für die Gemeinschaft der Juden verändert. Eine Konstante jedoch, die ihre Wurzeln bereits im 6. vorchristlichen Jahrhundert hat, zeigt sich auch in der Spätantike: Die jüdische Diaspora. Die Ausbreitung der Juden über die für das Untersuchungsgebiet relevanten Siedlungen in Jerusalem und Palästina hinaus erreicht in der Spätantike einen Höhepunkt.[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karte I:[6] Verbreitung des Judentums im römischen Reich bis zum 6. Jahrhundert n.Chr.

- = literarische, epigraphische oder archäologische Nachweise für Juden bzw. jüdische Gemeinden

1.2 Gemeinsame Traditionen und Organisationsformen

Die Schwerpunkte der jüdischen Geschichte verlagern sich immer weiter weg von ihrem Ursprungsgebiet. Seit der Zeitenwende lassen sich insgesamt drei Hauptgebiete der Ausbreitung im Mittelmeerraum beobachten, die verschiedensten politischen und religiösen Einflüssen ausgesetzt sind: Zum einen gibt es aus der babylonischen Gefangenschaft Zurückgekehrte, die in Jerusalem eine Zukunft suchen, zum anderen jüdische Kolonisten in Ägypten, deren Zentrum Alexandria ist, und zusätzlich die sogenannte jüdische Handelsdiaspora, deren Niederlassungen sich in fast allen großen römischen Handelshäfen finden, aber auch in Rom selbst. Die Gemeinsamkeiten, die diese Hauptgebiete verbindet, sind unter anderem der Besitz der Thora (die fünf Bücher Moses) und weiterer alttestamentlicher Schriften, die Synagoge, der Gottesdienst, die Pflicht zur Beschneidung, zur Einhaltung des Sabbats und das Festhalten an bestimmten Speise- und Reinheitsvorschriften.[7]

Zudem entsteht in den ersten fünf Jahrhunderten n. Chr. in den Lehrhäusern von Babylonien und Judäa der Talmud: eine Auslegung der Bibel mit Bestimmungen für alle Lebenslagen, ein Schatz an oft gegensätzlichen Lehrmeinungen, Erzählungen, Legenden und Lebensweisheiten. Bibel und Talmud werden so zum Rüstzeug für das Überleben des jüdischen Volkes. Mit diesem „tragbaren Staat“ religiöser Ideen sind die Lebendigkeit der Thora (Lehre), ihr Ausbau und ihre Weiterentwicklung gewährleistet, zumal die meisten Juden – oftmals ganz im Gegensatz zu ihrer Umwelt – des Lesens und Schreibens kundig sind. In Palästina entstehen eine bedeutsame hebräisch-liturgische Poesie, sowie neue Tendenzen zur Rehebraisierung.[8]

Als weiteres verbindendes Element der Diaspora-Gemeinden ist ab dem 4. Jahrhundert der Patriarch (Nassi) nachweisbar. Er besitzt das Kalendermonopol, ist somit allein für die Berechnung und Verkündung der jüdischen Feiertage des Jahres verantwortlich und bindet auf diese Weise die jüdischen Gemeinden bis zur ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts, in der der jüdische Patriarchat wieder ausstirbt, an sich.[9]

2. Antijudaismus/Antisemitismus in der Antike?

2.0 Zur Terminologie

Bei der Beschäftigung mit der Thematik fällt auf, dass in der Sekundärliteratur die verschiedensten Synonyme für das Phänomen judenfeindlicher Aktionen verwendet werden. Bezeichnend ist aber vor allem die Beobachtung, dass der überwiegende Teil der von mir herangezogenen Literatur aus dem englischen Sprachraum weitestgehend auf die Bezeichnung „Antisemitismus“ verzichtet, durch andere Bezeichnungen oder Umschreibungen ersetzt bzw. ihn zumindest mit Anführungszeichen versieht. Die deutschsprachige Sekundärliteratur hingegen benutzt den erst 1879 durch Wilhelm Marr geprägten Begriff wesentlich häufiger. Dies suggeriert dem Leser eine Stringenz innerhalb antijüdischer Tendenzen von der Antike bis in die Neuzeit und konstruiert damit eine historische Kontinuität bis hin zu den jüngsten Kapiteln deutscher Geschichte. Unterstützt wird diese diskussionswürdige Herangehensweise auch noch durch die eindeutige Suche nach Parallelen in Argumentationsweisen und staatlicher Gesetzgebung. So vergleicht beispielsweise Kurt Schubert Auszüge aus den Schriften von Tacitus mit Argumentationen von Anhängern der berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ (Schubert, Jüdische Geschichte, S. 28), und Karl Leo Noethlichs untersucht spätrömische Kaisererlasse, Konzilsbestimmungen und NS-Judengesetzgebung im strukturellen Bereich hinsichtlich der Typologie staatlicher Minderheitenbehandlung (Noethlichs, Das Judentum, S. 125ff.). In Anbetracht der Tatsache, dass sich die Antisemitismusforschung heute weitgehend einig darüber ist, dass es „trotz einer scheinbaren räumlichen und zeitlichen Universalität der Judenfeindschaft seit hellenistischer Zeit keine Kontinuität eines ewigen Antisemitismus gibt“ (Rürup, R.: Emanzipation und Antisemitismus. Göttingen 1975, S. 74.), halte ich diese Herangehensweisen für außerordentlich bedenklich.

2.1 Historische Wurzeln in der Überlieferung

Gerade das strenge Befolgen religiöser Vorschriften und das Festhalten an Traditionen, die das Judentum innerlich zusammenhalten, führen zu Argwohn innerhalb der nichtjüdischen Umgebung. Die Treue des jüdischen Volkes zu Gott trifft besonders bei den Heiden[10] auf Spott.

So heißt es beispielsweise bei Juvenal, Satire 14, 96f:[11]

„Quidam sortiti metuentem sabbata patrem

nil praeter nubes et caeli numen adorant,

nec distare putant humana carne suillam,

qua pater abstinuit, mox et praeputia ponunt.

Romanas autem soliti contemnere leges

Iudaicum ediscunt et servant ac metuunt ius,

tradidit arcano quodcumque volumine Moyses[…]“

Auch hier wird die Verachtung gegenüber jüdischen Gewohnheiten und Verhaltensweisen, gegenüber Beschneidung und strikter Befolgung der von Moses übergebenen Gesetze deutlich. Für Nichtjuden ist es unverständlich, dass der jüdische Gott JHWH, von dem kein Standbild errichtet werden darf, und von dem folglich auch keinerlei Abbild existiert, mächtiger sein soll, als die Götter, deren Darstellungen sich allenthalben in Gold und Marmor wiederfinden. Daher herrscht unter den Nichtjuden häufig die Überzeugung, dass die Juden einen guten Grund haben müssen, um ihren Gott vor Fremden zu verbergen.[12] Selbst Tacitus bedient sich im 5. Buch seiner Historien bei der Beschreibung der Juden und ihrer Bräuche und Gewohnheiten eindeutig antijüdischer Polemik, die auf alexandrinische Pamphletliteratur zurückgeht. Die Septuaginta[13] und das Werk des Josephus Flavius, Schriften also, die einen anderen Grundtenor beinhaltet beziehungsweise und als Quellen authentischeren Charakter gehabt hätten, lässt er außer acht, was die Vermutung nahe legt, dass er die antijüdischen Vorurteile seiner Zeit teilt.[14]

Auch die religiöse Moral der Juden, die eine Aussetzung von Neugeborenen zur Geburtenregelung strengstens untersagt, wurde von Tacitus als Versuch der Juden gedeutet, die übrige Bevölkerung zu majorisieren. So heißt es im 5. Buch seiner Historien im fünften Kapitel:

„[...] augendae tamen multitudini consulitur; nam et necare quemquam ex agnatis nefas, animosque proelio aut suppliciis peremptorum aeternos putant: hinc generandi amor et moriendi contemptus [...]“

Hinter einer Vielzahl von Anfeindungen steht vor allem das Unverständnis für die Absonderung der Juden vom heidnischen Gesellschaftsleben und dessen Götterverehrung - ein Unverständnis, das sehr bald in Hass umschlägt.

[...]


[1] Herangezogene Quellen sind: Codex Theodosianus. Pars posterior. Mommsen, Theodor (Hrsg.), Hildesheim 1990. Codex Justinianus. Härtel, Gottfried; Kaufmann, Frank-Michael (Hrsg.), Leipzig 1991. Tacitus, P. Cornelius: Historiae. Borst, Joseph (Hrsg.), lat.-dt., 5., durchgesehene Auflage, München, Zürich 1984 (Sammlung Tusculum). Plinius Secundus d.Ä., C.: Naturalis Historiae. König, Roederich (Hrsg.), lat.-dt., Kempten 1977.

Iuvenalis, Decimus Iunius: Satirae. Adamietz, Joachim (Hrsg.), lat.-dt., München, Zürich 1993 (Sammlung Tusculum). Aurelius Augustinus: De civitate Dei. Dombart, Bernhard; Kalb, Alfons (Hrsg.), Stuttgart 1993.

[2] Grundlegende Studien , auf die sich meine Ausführungen stützen, sind: Braun, Thomas: The Jews in the Late Roman Empire. In: Scripta Classica Israelica 17 (1998), S. 142–171. Lieu Judith; North, John; Rajak, Tessa (Hg.): The Jews among pagans and Christians in the Roman Empire. London 1992. Noethlichs, Karl Leo: Die Juden im christlichen Imperium Romanum (4.-6. Jahrhundert). Berlin2001. Noethlichs, Karl Leo: Das Judentum und der römische Staat. Minderheitenpolitik im antiken Rom. Darmstadt 1996. Rutgers, Leonard Victor: The Jews in late ancient Rome. Evidence of cultural interaction in the Roman diaspora. Leiden, Köln 1995.Schäfer, Peter: Judephobia: attitudes toward the Jews in the Anciant World. Cambridge, Mass. (u.a.) 1997.

[3] Die Bezeichnung meint im Allgemeinen innerhalb der römischen Geschichte den Zeitraum ab Konstantin, d.h. es wird in der Arbeit konkret um die Zeit des 4.-6. Jahrhunderts gehen.

[4] Noethlichs, Karl Leo: Die Juden im christlichen Imperium Romanum (4.-6. Jahrhundert). Berlin2001, S. 28.

[5] Ebd., S. 57.

[6] Ebd., S. 245 (Karte des Verf.).

[7] Dahlheim, Werner: Die griechisch-römische Antike. Bd. 2: Stadt und Imperium. Die Geschichte Roms und seines Weltreiches. 3. Auflage, Paderborn, 1997 (UTB für Wissenschaft; Uni-Taschenbücher, 1647), S. 298f.

[8] Schubert, Kurt: Jüdische Geschichte. München 1995 (Beck’sche Reihe, Bd. 2018), S. 31f.

[9] Noethlichs, Karl Leo: Die Juden im christlichen Imperium Romanum (4.-6. Jahrhundert). Berlin2001, S. 19f.

[10] An dieser Stelle sei auf den Bedeutungsunterschied des Begriffes „Heiden“ in der Antike im Vergleich zum heutigen Gebrauch hingewiesen. Gemeint sind hier die Anhänger der für die vorchristliche Ära typischen polytheistischen Götterkulte.

[11] Iuvenalis, Decimus Iunius: Satirae. Adamietz, Joachim (Hrsg.), lat.-dt., München, Zürich 1993 (Sammlung Tusculum), S. 282.

12 Schubert, Kurt: Jüdische Geschichte. München 1995 (Beck’sche Reihe, Bd. 2018), S. 26f.

13 Griechische Übersetzung der Thora vom Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr.

14 Schubert, Kurt: Jüdische Geschichte. München 1995 (Beck’sche Reihe, Bd. 2018), S. 27.

15 Alle im weiteren Verlauf folgenden Bibelzitate stammen aus folgender Bibelausgabe: Die Bibel. Luther-Bibel mit Apokryphen. Stuttgart 1996.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die rechtliche Lage der Juden in der Spätantike
Hochschule
Universität Rostock  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Italien in der Spätantike. Wirtschaft-Alltagsleben-Religionen
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V146056
ISBN (eBook)
9783640564712
ISBN (Buch)
9783640564781
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spätantike, Alte Geschichte, Juden, Codex Theodosianus, Judengesetzgebung, Antijudaismus
Arbeit zitieren
Anke Zimmermann (Autor), 2002, Die rechtliche Lage der Juden in der Spätantike, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146056

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