Adel im Spätmittelalter - Sozialer Abstieg aus dem Adel


Hausarbeit, 2008

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gesellschaftlich-ökonomische Rahmenbedingungen

3. Reaktionen und Kompensationsversuche
3.1 Wirtschaftliche Vorgehensweisen
3.2 Dienste im Militär und zu Hofe
3.3 Geistliche Karrieren
3.4 Heiratspolitik
3.5 Von Gewalttaten, Fehden und Raubrittertum

4. Fazit

5. Bibliograpie

1. Einleitung

Das subjektiv sinnhafte Handeln des einzelnen Individuums, welches aus einem jeweiligen subjektiven Sinn erzeugt wird, kann als Kern alles Sozialen betrachtet werden. Es bildet sozusagen auch die Basis der vakanten, soziologisch amorphen, instabilen und so dynamischen und flüchtigen Faktoren Macht und Herrschaft, welche dazu neigen, zeitlich begrenzt stabil zu erscheinen, also sich zu zentrieren und sich darauf wieder umzuverteilen.[1]

Aus solchen dynamischen Umverteilungsprozessen sozialer und finanziell-materieller Komponenten und aus agilen politischen Rahmenbedingungen erwuchs im Laufe des Spätmittelalters eine zunehmende Krise des feudalistischen Systems, die vielmehr auf die adligen Anpassungsschwierigkeiten an die sich wandelnden Strukturen zurückzuführen ist als auf die reine Degeneration des feudalisitisch-adligen Gefüges.[2] Im dynamischen Prozess der „sozialen Mobilität“ äußerte sich diese Anpassungskrise des Adels sowohl in horizontalen als auch vertikalen Bewegungen innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie.[3]

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit sollen solche Mobilitätsphänomene der äußerst heterogenen und stark ausdifferenzierten Adelsschicht und deren Reaktions- und Kompensationsversuche auf die sich wandelnden Gegebenheiten des Spätmittelalters näher untersucht werden. Der Autor ist sich dabei der Tatsache bewusst, dass im Rahmen einer Arbeit von dieser Kürze das Thema keinesfalls erschöpfend behandelt werden kann, hofft aber einen guten Einblick in das behandelte Feld zu geben.

2. Gesellschaftlich-ökonomische Rahmenbedingungen

War eine Neustratifizierung des Adels bereits um 1300 auszumachen, zog sich dieser regional unterschiedliche, in vielen Formen auftretende und alle Adelsschichten umfassende Prozess bis in die Neuzeit fort. Über gesellschaftlichen Auf- oder Abstieg entschieden meist Reaktion und Anpassungsfähigkeit auf die neuen Verhältnisse,[4] wobei viele Adelsgeschlechter die Krise nicht überstanden, gesellschaftlich abstiegen, ausstarben und beispielsweise durch neue aufstrebende Geschlechter aus der Dienstmannschaft des Landesfürsten ersetzt wurden.[5]

Aus zunehmend rückläufigen Einkünften aus den Grundherrschaften erwuchsen für die Adligen ab dem späten 14. Jahrhunderts ökonomische Probleme, die unter anderem auf fallende Getreidepreise, Münzverschlechterungen, demographische Rückgänge durch Krankheiten wie die Pest, Wüstungsperioden oder Migrationsbewegungen vom ländlichen in den städtischen Bereich zurückzuführen waren.[6]

Da die Abgabepflichten in spätmittelalterlicher Zeit überwiegend festgelegt waren, entfiel die Möglichkeit die entfallenen Einnahmen durch zusätzliche, den Untertanen aufgebürdete Taxen zu kompensieren.[7] Der Arbeitskräftemangel äußerte sich in erhöhten Löhnen, wodurch die finanziellen Gesamtkosten von grundherrlichen Produktionsbetriebswegen verteuert wurden und damit zu einer verstärkten Belastung des Adligen Finanzhaushalts führten. Zudem unterlagen auch Handelswaren für finanzintensive adlige Repräsentationsformen,[8] wie standesgemäße Waffen, Rüstung und Kleidung einer verstärkten Preissteigerung.[9] Dadurch konnte sich etwa die Beschädigung oder der Verlust des Harnisches oder des Pferdes zu einer Existenzgefahr ausweiten. Auch die finanzintensive Reparatur beschädigter Wohnstruktur, beispielsweise durch eine Fehde, konnte zum wirtschaftlichen Ruin und damit endgültig zum sozialen Abstieg des betroffenen Adligen führen.[10]

Schon um 1300 kam es zu der zunehmenden Tendenz, dass eine wachsende Zahl von erfolgreichen finanzpotenten Nichtadligen aus bürgerlichem und großbäuerlichem Milieu einer wachsenden Nummer von Adligen gegenüberstanden, die gefährdet waren den sozialen und finanziellen Anschluss zu verlieren.[11] Mitglieder des niederen Adels lebten hinsichtlich ihres Standesverständnisses in oft äußerst dürftigen Verhältnissen. Deren Burgen und Ansitze setzten sich dadurch vergleichsweise nur mehr bedingt über bürgerlich-städtische Wohnverhältnisse.

Auf ökonomische Misserfolge ritterlicher und kleinadliger Schichten verschiedenster Art folgte vermehrt ein sozialer Abstieg. Wie in Niederösterreich, Kärnten oder der Steiermark aufgezeichnet, konnte sich die Krise etwa in einem Übergang zur territorialen Selbstbewirtschaftung und damit in einer zunehmenden bäuerlich-landwirtschaftlichen Assimilation des Adels äußern. Adelige, „die vormittags zu Acker gehen und nachmittags im Turniere reiten“[12] liefen dadurch Gefahr ihren Adelsstatus endgültig zu verlieren.[13]

Die Krise des Adels spiegelte sich auch in der Intention wieder ein Hindernis in Form einer adligen Standesschranke gegen Emporkömmlinge aus dem bürgerlichen oder bäuerlichen Milieu zu bilden. Durch zahlreiche Neuaufsteiger wie Akademiker, Beamte, Söldner, Händler oder erfolgreiche Großbauern, die etwa durch so genannte Adelsbriefe den Adelsstatus erlangten, war der alteingesessene und stetig rückläufige Adel in starke Bedrängnis geraten.[14] Dieser versuchte sich mit der so genannten Ahnenprobe gegen die als nicht gleichwertig betrachteten neuen Adeligen abzugrenzen, wodurch der „Nachweis über eine bestimmte Zahl (4, 8, 16 oder gar 32) geburtadeliger Vorfahren“[15] erbracht werden musste, um etwa einen exklusiven Anspruch auf Domkapitel- oder Stiftsplätze zu erlangen.[16] Die Ahnenprobe musste auch für die dadurch exklusive Teilnahme am Turnierwesen[17] oder für die Mitgliedschaft bei geburtsadeligen Zirkeln erbracht werden.[18]

Durch die sich wandelnde wirtschaftliche Situation wurden Gebiete der oft kleinflächigen Territorien des niederen Adels, dem es meist an Mitteln fehlte, um auf die neuen Verhältnisse effizient zu reagieren, von wirtschaftlich potenteren und großgrundbesitzenden Vertretern des Herrenstandes erfolgreich übernommen und an deren Territorium angegliedert. Ökonomische Engpässe konnten auch versucht werden durch den Verkauf von Herrschaftsrechten zu überbrücken.[19]

Hinsichtlich Machterhalt, Aufstieg oder Abstieg spielten neben den regionalpolitischen Begebenheiten die jeweiligen Beziehungen zum Landesfürsten eine wichtige Rolle. Die anschwellende Verdrängungspolitik des jeweiligen Landesherren, der nach einer Konsolidierung seines Territoriums strebte, wurde zu einer harten Bewährungs- und Überlebensprobe für viele betroffene regionale Adelsgeschlechter, welche vom Territorialherren aus ihren autonomen Protektions-, Gewalt- und Gerichtsfunktionen zusehends verdrängt wurden. Parallel dazu versuchte der Landesherr die Adligen durch Positionen in seinem direkten Umfeld in administrativer, höfischer oder militärischer Funktion an sich zu binden und damit die wachsende Domestikation des Landesadels einzuleiten. Dem regionalen Adel gelang es dabei durch mangelnde finanzielle, militärische und rechtliche Potenz insgesamt nicht einen ausreichenden Gegenpol zu den landesfürstlichen Vereinnahmungstendenzen zu bilden.[20]

So kam es beispielsweise in Tirol zu einem längeren Kräftemessen zwischen Herzog Friedrich IV. und oppositionellen Regionaladelsgeschlechtern, unter anderem die Herren von Starkenberg oder Oswald von Wolkenstein. Nachdem der Herzog seine Bestrebungen durchsetzen konnte, kam es in der Folge zum Niedergang der oppositionellen Herrengeschlechter Starkenberg und Rottenburg. Oswald von Wolkenstein geriet im Zuge der Niederlage in ein verstärkt landesfürstliches Abhängigkeitsverhältnis.

Der Adel war auch in Salzburg landesherrlichen Verdrängungs- und Territorialkonsolidierungstendenzen ausgesetzt. Waren es im Jahre 1494 nur mehr 36 Adelsgeschlechter, die im Rahmen der Salzburger Landtafel genannt wurden, schrumpfte deren Anzahl in den folgenden drei Jahrzehnten auf 20, wobei der höhere Adels schon im Laufe des 13. und 14. Jahrhunderts entmachtet wurde und sich in den niederen Adel eingliederte.[21]

Eine weitere Problematik, mit welcher sich der Adel konfrontiert sah, war seine in Zweifel gezogene Stellung als Wehrstand. Siege von Heeren während des 14. Jahrhunderts, die hauptsächlich auf Fußtruppen basierten, lösten eine grundlegende Reformration im Kriegswesen aus, die waffentechnische und taktische Änderungen, wie etwa das vermehrte Kämpfen berittener Adliger in Verbindung mit geschlossenen Verbänden, mit sich brachte. An die Stelle von kleinen Ritterheeren traten umfangreichere Söldnerarmeen, die effizienter und nicht nach adligem Ehrenkodex kämpften.

[...]


[1] Petra Neuenhaus, Max Weber. Amorphe Macht und Herrschaftsgehäuse. in: Peter Imbusch (Hrsg.), Macht und Herrschaft. Sozialwissenschaftlice Konzeptionen und Theorien, Hemsbach 1998, S. 77-94.

[2] Alois Niederstätter, Das Jahrhundert der Mitte. An der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit (Österreichische Geschichte 1400-1522), Wien 1996, S. 45-48.

[3] Katharina Simon-Muscheid, Sozialer Abstieg im Mittelalter, 15.05.2007, [http://hw.oeaw.ac.at/0xc1aa500d_0x0016149b.pdf], 06.07.2009.

[4] Alois Niederstätter, Die Herrschaft Österreich. Fürst und Land im Spätmittelalter (Österreichische Geschichte 1278-1411), Wien 2001, S. 27.

[5] Ebd., S. 28.

[6] Ebd., S. 33.

[7] Heinz Dopsch, Der österreichische Adel, in: Erich Zöllner (Hrsg.), Österreichs Sozialstrukturen in historischer Sicht (Schriften des Institutes für Österreichkunde 36), Wien 1980, S. 30f.

[8] Niederstätter, Herrschaft, S. 34.

[9] Niederstätter, Mitte, S. 45-48.

[10] Ebd.

[11] Niederstätter, Herrschaft, S. 33.

[12] Ebd., S. 34.

[13] Ebd.

[14] Niederstätter, Mitte, S. 55-60.

[15] Ebd., S. 58.

[16] Ebd., S. 55-60.

[17] Joseph Morsel, Adel Adel in Armut – Armut im Adel? Beobachtungen zur Situation des Adels im Spätmittelalter, in: Otto Gerhard Oexle (Hrsg.), Armut im Mittelalter, Ostfildern 2004, S. 156f.

[18] Rudolf Holbach, Kirchen, Karrieren und soziale Mobilität zwischen Nicht-Adel und Adel, in: Kurt Andermann (Hrsg.), Zwischen Nicht-Adel und Adel, Stuttgart 2001, S. 315.

[19] Niederstätter, Herrschaft, S. 30.

[20] Dopsch, Adel, S. 28f.

[21] Alois Niederstätter, Herrschaft, S. 29.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Adel im Spätmittelalter - Sozialer Abstieg aus dem Adel
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Geschichte und Ethnologie)
Veranstaltung
Adel im Spätmittelalter
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V146076
ISBN (eBook)
9783640565511
ISBN (Buch)
9783640565238
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Abstieg, sozialer Abstieg, Raubrittertum, Fehde, Heiratspolitik, Adel, Mittelalter, Spätmittelalter
Arbeit zitieren
Hubert Feichter (Autor), 2008, Adel im Spätmittelalter - Sozialer Abstieg aus dem Adel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146076

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