Selbstmord nach Durkheim


Hausarbeit, 2008

12 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.-Einleitung
1.1 Abgrenzungen des Begriffs „Selbstmord“

2. Ursachen für Selbstmord
2.1Gesellschaftliche Aspekte

3. Selbstmordtypen nach Durkheim
3.1 Egoistischer Selbstmord
3.2 Der altruistische Selbstmord
3.3 Der anomische Selbstmord

4. Soziale Aspekte des Selbstmordes

5. Selbstmord und die Massenmedien

6. Fazit

7. Literaturliste

1.-Einleitung

„Man nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im voraus kannte.“ (vgl. Durkheim, 1973:27)

Die gesellschaftliche Bewertung des Suizids ist eng verknüpft mit der Einstellung zu Leben und Tod im Allgemeinen; sie hat sich im Verlauf der historischen Epochen immer wieder gewandelt. In der griechischen Antike war man dem Suizid gegenüber ambivalent eingestellt. Das römische Reich begegnete dem Suizid, zumindest anfänglich, mit einer gewissen Liberalität. Im Mittelalter wurde der Suizid so deutlich abgelehnt wie in keiner anderen historischen Epoche, und zwar in erster Linie von den damaligen weltlichen und kirchlichen Machthabern. Diese stark ablehnende Haltung blieb bis in die Neuzeit hinein bestehen und lockerte sich erst im Zuge von Aufklärung und Säkularisierung. Innerhalb einer einzelnen Gesellschaft gab es oft unterschiedliche Bewertungen von Suizidhandlungen, je nachdem, wer sie beging. Während der Suizid in der Unterschicht mit aller Härte bestraft wurde, war man bei Angehörigen der oberen Schicht viel toleranter und tendierte sogar dazu, die begangenen Suizide zu idealisieren. Die gesellschaftliche Auseinadersetzung mit dem Suizid hält bis in die heutige Zeit an (vgl. Bieri, 2004/2005:16).

Ich möchte in Hinblick auf diese Arbeit, die verschiedenen Selbstmordtypen nach Durkheim erläutern, sowie die sozialen und gesellschaftlichen Faktoren aufzeigen. Zunächst möchte ich den Begriff “Selbstmord” abgrenzen und den Unterschied zu den Wörtern, wie “Freitod” erläutern.

1.1 Abgrenzungen des Begriffs „Selbstmord“

Der Begriff „Suizid“, aus dem Lateinischen abgeleitet, bedeutet „sich selbst töten“. Es gibt für diesen Begriff viele bedeutungsgleiche Wörter wie zum Beispiel „Selbsttötung“ oder „Freitod“ und „Selbstmord“. Jedoch kann man diesen Begriffen unterschiedliche Wertungen zuschreiben. „Selbstmord“ ist im Gegensatz zu „Selbsttötung“ eher negativ zu bewerten, denn ein Mord ist und bleibt aus der Grundeinstellung des Menschen heraus immer etwas Verwerfliches, das sowohl von der Gesellschaft nicht toleriert, als auch vom juristischen Standpunkt sanktioniert wird. Der Begriff „Freitod“ hingegen ist eher wertneutral, da dieser beinhaltet, dass der Mensch aus freiem Willen seinem Leben ein Ende setzt. Die meisten Menschen tendieren dazu von „Selbstmord“ oder in der Medizin von „Suizid“ zu sprechen, aber der Begriff „Selbsttötung“ ist wohl der sprachlich korrektere und neutralere Ausdruck. (vgl. Dickhaut, 1995:7) Der Selbstmörder, auch Suizident genannt, stirbt an Suizidalität - das ist die Neigung sich selbst das Leben zu nehmen (vgl. Dickhaut, 1995:15).

Doch Durkheim definiert den Begriff “Selbstmord” anders, welches im Folgenden erläutert wird. Der Begriff Selbstmord scheint alltagssprachlich klar definiert und abgegrenzt zu sein. Doch Durkheim begegnet dieser scheinbaren Eindeutigkeit der Alltagssprache allerdings mit Skepsis. Seine Definition erweitert den allgemein gebräuchlichen Selbstmordbegriff, schließt aber auch bewusst Kategorien wie z.B. den tierischen Selbstmord aus. Vor allen Dingen aber nimmt sie spätere Erkenntnisse Durkheims vorweg, sie begreift Selbstmorde als selbstbestimmte und bewusste Handlung des Täters. Durkheim beginnt seine Argumentation mit der Feststellung, dass der Tod des Selbstmörders eine Folge seiner eigenen Handlung ist, wobei Handlung aber auch das simple Unterlassen von lebenserhaltenden Aktionen bedeuten kann.

,,Damit der Begriff Selbstmord zutrifft, genügt es, wenn die Handlung, die notwendigerweise den Tod zur Folge hat, von dem Opfer in voller Kenntnis vorgenommen wird.“ (vgl. Durkheim,1973:255)

Durkheim versteht Selbstmord deswegen nicht als den Willen zum Tod, eben weil dieser Wille von außen nicht oder kaum erkennbar ist. Statt dessen definiert er ihn als Verzicht auf das Leben und verlagert dadurch den Schwerpunkt der Beobachtung vom Motiv auf das Handeln des Opfers, weil bei dieser Kategorisierung die wichtige Eigenschaft des Selbstmords erhalten bleibt. Der Selbstmörder kennt also die mögliche Folge seines Handelns, dabei ist es zweitrangig, ob er trotz oder wegen dieser Konsequenz so agiert.

2. Ursachen für Selbstmord

2.1Gesellschaftliche Aspekte

Somit möchte ich auch im Folgenden, die Ursachen für Selbstmord, Anschluss an Durkheim finden. Durkheim geht davon aus, dass beim Selbstmord die äußerlichen Faktoren nur Nebensache sind, wie z.B. Familienkummer, die Eigenliebe wird verletzt, Armut, Krankheit, oder wenn sie sich etwas moralisches vorwerfen müssen. Das seien alles Faktoren, die die soziale Selbstmordrate nicht erklären können. Die verschiedenen Kombinationen der äußeren Umstände stellen zwar den unmittelbaren Anlass für die einzelnen Selbstmorde dar, aber sie sind nicht die bestimmende Ursache.

“Es steht nämlich fest, dass menschliche Überlegungen, wie sie das reflektierte Bewusstsein vollzieht, nur reine Denkformen sind und darauf abzielen, einen im Unterbewusstsein bereits gefassten Entschluss zu bestätigen.” (Durkheim 1973:343)

Die Zahl der Umstände, von denen angenommen wird, dass sie den Selbstmord verursacht haben sollen, sind sehr hoch. Der eine ist arm, wenn er stirbt, der andere hoch verschuldet, ein anderer führte eine unglückliche Ehe und lies sich scheiden. Diese Liste ließe sich noch weiter und länger ausführen. Durkheim vertritt die Meinung, dass die verschiedenen Ereignisse im Leben als Vorwand für den Selbstmord dienen können. Somit sind diese Ereignisse als keine spezifischen Ursachen anzusehen Die Behauptung nach Durkheim, dass jede menschliche Gesellschaft eine mehr oder weniger betonte Neigung zum Selbstmord hat, ist keine Metapher, sondern in der Natur der Dinge begründet. Jede soziale Gruppe hat tatsächlich einen Grad der Kollektivanfälligkeit für diesen Akt, der einen ihrer Charakterzüge bildet und die individuellen Neigungen leiten sich davon ab. Die Elemente dieser Neigung sind in der jeweiligen Gesellschaft:

- Egoismus
- Altruismus
- Anomie

Die Kollektivneigungen sind es, die den einzelnen zum Selbstmord bestimmen. Die Vorgänge im Privatleben eines Menschen, die man im Allgemeinen als unmittelbaren Anlass des Selbstmordes annimmt. Das Individuum gibt seiner engsten Umgebung an allem die Schuld, um vor sich selbst eine Erklärung zu finden, warum es auf sein weiteres Leben verzichten will. Es findet das Leben traurig, weil es traurig ist. Im gewissen Maße kommt diese Traurigkeit von außen, aber sie kommt nicht aus diesem oder jenem Vorfall in seinem Leben, sondern aus der Gruppe, der es angehört. Daher kommt es, dass alles und jedes gelegentlich Ursache für den Selbstmord sein kann. Es hängt eben alles davon ab, mit welcher Intensität die den Selbstmord fördernden Momente auf den einzelnen eingewirkt haben.

Nun werde ich im Folgenden auf die Selbstmordtypen nach Durkheim kurz eingehen.

3. Selbstmordtypen nach Durkheim

3.1 Egoistischer Selbstmord

Der egoistische Selbstmord ist weit verbreitet in modernen, tendenziell individualistischen Gesellschaften. Durkheim zieht einen Vergleich zwischen den Protestanten und den Katholiken. Durkheim schreibt in seinem Werk, dass die Protestanten häufiger Selbstmord begehen, als andere Anhänger anderer Glaubensrichtungen.

„So stellen also überall ohne jede Ausnahme die Protestanten mehr Selbstmörder als die Gläubigen anderer Religionen.“ (vgl. Durkheim, 1973:165)

Bei den Juden ist die Neigung zum Selbstmord geringer als bei den Protestanten, sowie auch bei den Katholiken (vgl. Durkheim, 1973:166). Durkheim erklärt es damit, dass die Juden häufiger als die anderen konfessionellen Gruppen in Städten leben und Angehörige intellektueller Berufe sind. Juden und Katholiken, die in der Minderzahl sind, könnte man die Seltenheit des Selbstmordes bei der Religion begründet sehen. Durkheim nimmt an, dass die weniger stark vertretenen Konfessionen in ihrem Kampf gegen die feindliche Umgebung zu ihrer Erhaltung gezwungen sind, strenge Selbstkontrolle zu üben und sich einer besonderen Disziplin zu unterwerfen. Im egoistischen Suizid wird angenommen, das schwache Bindungen zu Gruppen herrschen, wie z.B.: im Protestantismus, und werfen das Individuum auf sich selbst zurück und lassen den Schutz der Gemeinschaft wegfallen. Es wird vom exzessivem Individualismus ausgegangen, der als die Ursache für den egoistischen Selbstmord angesehen wird. Das bedeutet, wenn die innere Verbundenheit eines Individuums zu einer Gruppe aufhört, dann entfremdet er sich auch dem Gemeinschaftsleben. Das Kollektiv verliert an Wert und die persönlichen Ziele gewinnen Vorrang. Wenn sich ein Individuum der Gesellschaft entzieht und die geforderte Unterordnung nicht mehr als legitim ansieht, so kann die Gesellschaft auch keine Herrschaft auf das einzelne Individuum ausüben.

3.2 Der altruistische Selbstmord

Eine weitere Selbstmordart, die Durkheim beschreibt, zeichnet sich dadurch aus, dass sich ein Mensch nicht das Recht herausnimmt sich zu töten, sondern dass er durch gegebene Umstände dazu verpflichtet wird. Durkheim ordnet diese Art des Selbstmordes besonders den „primitiven“ Völkern zu. Es scheint, dass in diesen Gesellschaften der egoistische Selbstmord selten vorkommt (vgl. Durkheim, 1973:242 ). Dafür besitzen diese Völker einen für sich eigenen Selbstmordtypus. Als Beispiel nennt er die alten dänischen Krieger, die anstatt aufgrund von Alterserscheinungen oder Krankheit im Bett zu liegen, Selbstmord verübten, um der Schande zu entgehen. Sie verherrlichen den Freitod und glauben daran, mit dem Selbstmord in den Himmel zu gelangen. Auch heute findet sich in Indien ein solcher Brauch. Dieser nach Durkheim barbarische (vgl. 1973:244 ) Brauch, ist im Kodex der Hindus verankert und verpflichtet die verwitwete Frau, sich unmittelbar nach dem Tod ihres Mannes zu verbrennen. Dieser Selbstmord kommt relativ häufig vor, besitzt aber im Vergleich zum egoistischen Selbstmord andere Merkmale. Sie lassen sich in drei Kategorien ordnen:

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Selbstmord nach Durkheim
Hochschule
Universität Kassel
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
12
Katalognummer
V146354
ISBN (eBook)
9783640571215
ISBN (Buch)
9783640570935
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstmord, Durkheim, egoistischer Selbstmord
Arbeit zitieren
Feryal Kor (Autor), 2008, Selbstmord nach Durkheim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146354

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