Anarchismus in der Ukraine: Die Machno-Bewegung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
25 Seiten, Note: sehr gut (1,3)
Anonym

Leseprobe

Gliederung

1 Herausragende Beispiele anarchistischer Bewegungen – Spanischer Bürgerkrieg und Machno-Bewegung

2 Anarchismus in der Ukraine: Die Machno-Bewegung
2.1 Der Verlauf der Bewegung
2.1.1 Die Ursprünge der Machno-Bewegung
2.1.2 Exkurs: Der Anführer Nestor Machno
2.1.3 Der Verlauf der Machno-Bewegung: Erste Phase
2.1.4 Der Verlauf der Machno-Bewegung: Zweite Phase
2.1.5 Der Verlauf der Machno-Bewegung: Dritte und letzte Phase
2.2 Die innere Organisation und die Fähigkeiten der Bewegung
2.2.1 Die militärische Organisation und Strategie
2.2.2 Die zivile Organisationsstruktur und der Aufbau eines anarchistischen Gemeinwesens
2.3 Machno-Bewegung und anarchistische Theorie
2.3.1 Die Machno-Bewegung und die anarchistischen Gruppen der Ukraine und Rußlands
2.3.2 Exkurs: Gewalt in der Machno-Bewegung
2.3.3 Die Machnowtschina als bäuerlich-anarchistische Bewegung: Anklänge an Kropotkin und Bakunin

3 Schlußbetrachtung: Die Machnowtschina – eine erfolgreiche anarchistische Bewegung?

Literatur

1 Herausragende Beispiele anarchistischer Bewegungen – Spanischer Bürgerkrieg und Machno-Bewegung

In der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts sind zwei Phasen bekannt, in denen sich anarchistische Bewegungen als besonders einflußreich, wenn nicht gar als gesellschaftlich bestimmend, erwiesen haben. Es handelt sich dabei zum einen um die Anarchisten im spanischen Bürgerkrieg (1936-39), zum anderen um die ukrainische Machno-Bewegung (1917-22).

In Spanien spielten anarchistisch orientierte Bauern und vor allem Arbeiter die wesentliche Rolle im Kampf gegen den Militäraufstand unter General Franco, der im Juli 1936 zum Sturz der im Februar gewählten Linksregierung („Volksfront“) angetreten war. Viele Arbeiter in den Städten, aber auch Bauern auf dem Land erhofften damals eine soziale Revolution, die sie mit Massenstreiks, Enteignungen von Großgrundbesitzern und Kollektivierungen zu erreichen versuchten. Die spanische Wirtschaft, etwa in Barcelona, wurde vorübergehend sozialisiert, Betriebe von den Arbeitern selbst verwaltet, und das Agrarland wurde gemeinschaftlich bewirtschaftet. Die meisten Kollektivierungen fanden unter der Regie der anarcho-syndikalistisch bis libertär-kommunistisch ausgerichteten CNT (Confederaciòn Nacional del Trabajo) statt. Die von vielen erhoffte Revolution, zugleich Widerstand gegen den Faschismus, sah sich jedoch nach und nach einer zunehmenden Bedrohung im Innern des Landes, aber auch von außen, ausgesetzt. Die Auseinandersetzungen entwickelten sich zum Krieg. Schrittweise verloren die zunächst erfolgreichen Revolutionäre Stadt um Stadt an die Nationalisten Francos. Im Januar 1939 fiel Barcelona, im März Madrid. Franco obsiegte.

Noch länger dauerte der harte Kampf (teilweise muß von einem regelrechten Krieg gesprochen werden) der anarchistischen Machno-Bewegung in der Ukraine für eine Selbstbefreiung von Unterdrückung sowie gegen ausbeuterische Großgrundbesitzer, deutsche und österreichische Besatzungstruppen und den Bolschewismus: Auch diese bäuerlich geprägte - und weniger als in Spanien arbeiterorientierte - Bewegung endete jedoch mit einer Niederlage. Gleichwohl konnten einige Bestandteile der anarchistischen Vorstellungen der Machno-Anhänger – wenn auch nur für kurze Zeit – in die Realität umgesetzt werden: Gemeinden, die von keiner Zentralgewalt unterstehenden Räten verwaltet wurden, Neuverteilung des Landes an die arme Bauernschaft nach Enteignung und Vertreibung des Großgrundbesitzes, umfassende und vorher nicht gekannte Freiheitsrechte für die Bevölkerung (wie etwa Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit), oder auch Auflösung der Gefängnisse und Schaffung von selbstverwalteten Bildungseinrichtungen.

Wegen derlei in die Wirklichkeit umgesetzter Maßnahmen gelten die spanischen Anarchisten zur Zeit des Bürgerkriegs und die Machno-Anhänger in der Ukraine als wichtige Beispiele für praktizierten Anarchismus, einen Anarchismus, der nicht nur in den Köpfen, auf Konferenzen und am Schreibtisch stattfand, sondern der das alltägliche Leben der Bevölkerung beeinflußte, wenn nicht gar bestimmte. Die Machno-Bewegung kontrollierte über mehr als drei Jahre ein Gebiet von immerhin 70.000 Quadratkilometern, in dem mehr als sieben Millionen Menschen lebten. Da ähnliche Momente starker anarchistischer Realität in der europäischen Geschichte kaum je auch nur im Ansatz eingetreten sind, und da den spanischen und den ukrainischen Anarchisten deshalb besondere Aufmerksamkeit zukommen sollte, wird in der vorliegenden Arbeit eine der beiden Bewegungen, nämlich die Machno-Bewegung, näher vorgestellt. Zunächst wird ihr zeitlicher Verlauf darzustellen sein. Desweiteren sollen besondere Kennzeichen des Machno’schen Anarchismus beschrieben, und die Gründe für die Niederlage seiner Bewegung diskutiert werden. Besonders aber kommt es darauf an, die Bewegung im Hinblick auf ihr anarchistisches Programm zu charakterisieren und zu fragen, inwiefern die Machno-Bewegung wirklich anarchistisch war und ob sie tatsächlich – wie soeben vermutet - als „erfolgreich“ betrachtet werden kann.

Dazwischen wird auch von der Person Nestor Machno, dem wichtigsten Anführer der nach ihm benannten Bewegung, die Rede sein – der Person, die an die ukrainischen Kleinbauern appellierte, um anschließend eine revolutionäre Aufstandsarmee ins Leben zu rufen:

„Vertreibe, o geknechteter Bruder, die Macht in dir selber und dulde nicht, daß sie dich und deinen Bruder beherrscht, oder Menschen, welche nahe und fern von dir leben. Das wirkliche, gesunde und freudige persönliche und gesellschaftliche Leben läßt sich nicht mit Hilfe von Programmen und einer Regierungsgewalt aufbauen, die darauf bedacht ist, die ganze Breite und Tiefe dieses Lebens in künstliche Formeln geschriebener Gesetze hereinzupressen: errichtet wird es durch die Freiheit des Menschen, durch sein Schaffen, durch seine Unabhängigkeit auf dem Wege der Zerstörung und des Aufbauens. Die Freiheit eines jeden einzelnen Menschen gebiert eine freie, in ihrer dezentralisierten Ganzheit vollendete, im allgemeinen Ziel zusammengefaßte, regierungslose Gesellschaft. Das ist der anarchistische Kommunismus!“[1]

2 Anarchismus in der Ukraine: Die Machno-Bewegung

2.1 Der Verlauf der Bewegung

2.1.1 Die Ursprünge der Machno-Bewegung

Die Ursprünge der Machno-Bewegung[2] liegen in der Bauernschaft und sind eingebettet in soziale Gegensätze zwischen armen Bauern und wohlhabenden Grundbesitzern, die schon in den Jahren 1902 und 1905 zu Spannungen und Aufständen führten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Ukraine überwiegend ein Agrarland: 85 Prozent der Bevölkerung lebte auf dem Lande. Die Situation der Bauern – zumindest die der unteren Schicht, die eine überwältigende Mehrheit bildete - war von Armut, Abhängigkeit von Großgrundbesitzern sowie Analphabetismus geprägt. Zwischen Großgrundbesitz und Gutsbesitzern einerseits, und den armen Mittel- und Kleinbauern sowie landlosen Agrararbeitern andererseits, bestand eine tiefe soziale Kluft.

Der Antrieb zu einer Bauernbewegung ging von den Schichten aus, die sich in ihrer Existenz gefährdet sahen, und die an der um 1905 einsetzenden Entwicklung hin zu einer kapitalistischen, technisierten Agrarwirtschaft nicht teilnehmen konnten und stattdessen weiter althergebrachte Anbaumethoden verfolgten, mit denen sie kein ausreichendes Einkommen erzielten. Die somit ökonomisch und sozial prekäre Lage der ärmeren Menschen auf dem Land gilt als ein „objektives Kriterium“ für die Entstehung der Machno-Bewegung. Als „subjektives“ Kriterium liesse sich ein „aufgrund der historischen Traditionen“ in den Kerngebieten der späteren Bewegung „stark ausgeprägtes Freiheitsempfinden und Unabhängigkeitsstreben“ hinzufügen. Davon spricht u.a. Dittmar Dahlmann in „Land und Freiheit“.[3] Auch Peter Arschinoff, ein der Bewegung nahestehender Schriftsteller und Anarchist, erwähnt einen „freiheitlichen Geist“, der den „ukrainischen Werktätigen gleichsam historisch angeboren“ sei.[4] Dieser habe seine Wurzeln unter anderem in der unabhängigen und selbstregierten Kosakenrepublik der „Zaporozer Sic“ im 18. Jahrhundert.

In den Jahren 1917 bis 1921 kam es in der Ukraine, die damals freilich noch kein unabhängiger Staat war, sondern eine periphere Provinz des russischen Reiches, zu schweren sozialen Erschütterungen und zu einem Bürgerkrieg. Dieser ereignete sich zwischen einer Vielzahl von Partisanengruppen und Armeen, die sich wechselseitig bekämpften und dabei verschiedene Allianzen bildeten (und wieder auflösten). Eine der Kriegsparteien war die bäuerliche Machno-Bewegung. Sie versuchte, sich zwischen den zahlreichen anderen politischen Mächten zu behaupten.

Zu diesen Mächten gehörten sehr verschieden orientierte politischen Kräfte. Zum einen handelte es sich um historisch eher neue, national orientierte Gruppen, die sich in der sogenannten Zentralrada (Zentralrat), einer Art Vorparlament, das sich gegenüber der provisorischen russischen Regierung in der Ukraine zu etablieren versuchte, vereinten. Die Rada verkörperte vor allem das Bestreben, die Ukraine von Großrußland unabhängig zu machen. Daneben vertrat sie liberal-demokratische und sozialistische Zielsetzungen. Anfangs hatte sie eine relativ breite Unterstützung. Die sich radikalisierende Bauernschicht sah in der Rada aber schon bald eine „nationale Bourgeosie“, die ihre Interessen nicht angemessen vertrete.

Neben der Rada spielte das sogenannte „Hetmanat“ eine wichtige Rolle. Ein „Hetman“ ist ursprünglich ein „Führer eines Kosakenheeres“; ein „Hetmanat“ demnach die politische Form des Zusammenlebens der Kosaken, die auf das 17. Jahrhundert zurückgeht. Damals existierte in der Ukraine ein vom russischen Reich unabhängiger Herrschaftsverband der Kosaken. Im Jahr 1918 wurde das Hetmanat unter dem Anführer Skoropadsky wiederbelebt, und zwar als eine Art ukrainischer Marionettenregierung in Abhängigkeit der Besatzungsmächte Österreich und Deutschland. Skoropadsky blieb in der ukrainischen Bevölkerung unpopulär, denn seine Zusammenarbeit mit den Deutschen, von denen die Ukraine als Getreidelieferantin rücksichtslos ausgebeutet wurde, schreckte die Landbevölkerung ab.

Weiterhin existierte damals ein politisches „Direktorium“ unter der Leitung von Vynnycenko, der später vom Truppenanführer Petljura abgelöst wurde. Das Direktorium knüpfte an die Rada an und versuchte, mit einem sozialrevolutionären Programm breite Bevölkerungsschichten zu mobilisieren. Dieses Programm verschob sich jedoch später in Richtung nationaler Ziele, während die sozialrevolutionären Aspekte in den Hintergrund traten.

Eine weitere wichtige Gruppe bildeten die Bolschewiki (oder: „Bolschewisten“). Ihr Instrument im Bürgerkrieg war vor allem die rote Armee, die den Streitkräften aller anderen Gruppierungen überlegen war. Die Bolschewiki stützten sich auf große Teile der russischen und jüdischen Stadtbevölkerung in der Ukraine, sowie auf Industriearbeiter, die einer möglichen Unabhängigkeit der Ukraine, wie sie die nationalistischen Kräfte forderten, nichts abgewinnen konnten. Die Bolschewiki erstrebten eine direkte Herrschaft über die Ukraine und deren Verbleib in Rußland, auch weil sie der Überzeugung waren, dass die Ressourcen und die geostrategische Lage des Landes für den sich abzeichnenden sowjetischen Staat von großer Bedeutung sein würde. Daher wurde in den Gebieten, in denen sich die Bolschewiki durchsetzen konnten, der Boden verstaatlicht, Kommunen und Kolchosen zwangsweise eingerichtet, Ernten gewaltsam requiriert. Die ukrainischen Bauern wandten sich in ihrer Mehrheit – zumindest anfangs - gegen diese Politik.

Gegen die Bolschewisten wiederum richtete sich die russische Oberschicht in der Ukraine. Sie setzte ihre Hoffnung auf die antibolschewistischen, „weißen“ Truppen General Denikins (später Baron Wrangels). Dieser vertrat monarchistische und großrussische Interessen. Denikin wurde zeitweise auch von ausländischen Mächten unterstützt. So etwa von der französischen Armee, die sich eine Wiederherstellung des Ancien Régime, einen Sturz der bolschewistischen Macht und damit die Etablierung einer Gegenmacht zu Deutschland erhoffte.[5]

Die letzte der zu nennenden Einflußgruppen in den stürmischen Jahren, die die Ukraine zum Ende des Ersten Weltkrieges erlebte, sind die bereits erwähnten Bauern. Während einige Gruppen von Bauern mit den Bolschewisten sympathisierten, und andere wiederum Hoffnungen in die Versprechen der Petljura-Anhänger setzten, waren mindestens so viele jedoch unzufrieden mit beiden der Parteien, litten unter der aktuellen Entwicklung in ihrem Land, oder sahen sich sogar extremer materieller Not ausgesetzt. Sie wandten sich gegen die staatskommunistischen Kollektivierungsversuche der Bolschewiki, gegen den ausbeuterischen Hetman, der die Plünderung des Landes durch die Deutschen unterstützte, und auch gegen Petjlura, in dem sie einen versteckten Bourgeois vermuteten. Was diese Bauern wollten, war Unabhängigkeit von den dominanten Großgrundbesitzern und eine Neuverteilung des Landes. In Gulai-Pole, einer Kleinstadt von damals etwa 25.000 Einwohnern, dem späteren Kern- und Ausgangspunkt der Machno-Bewegung, und anderswo, begannen ab 1917 revolutionäre Bauernaufstände mit diesem Ziel.

Der Landarbeiter und Anarchist Nestor Machno gründete in Gulai-Pole eine Art Bauerngewerkschaft, deren Vorsitzender er selbst wurde. Diese Gewerkschaft machte sich gewaltsam daran, den lokalen Großgrundbesitzern ihr Land wegzunehmen und es unter den mittellosen Bauern neu aufzuteilen. Die organisierten Bauern Gulai-Poles ignorierten damit auch systematisch Weisungen der Bolschewiki, die im Widerstreit mit den wechselnden ukrainischen Machthabern versuchten, die Bauern zu kontrollieren. „Allüberall erhoben sich die Bauern gegen die Gutsbesitzer, brachten sie um oder vertrieben sie, Land und Besitz nahmen sich die Bauern selber.“[6] Aus diesen Bauernaufständen zu Beginn der Kriegsjahre nahm die Machno-Bewegung ihren Ursprung.

2.1.2 Exkurs: Der Anführer Nestor Machno

Nestor Iwanowitsch Machno wurde am 27. Oktober 1889 geboren und wuchs in Gulai-Pole in der Süd-Ukraine auf. Er stammte aus einer ärmlichen Bauernfamilie. In seiner Kindheit und Jugend arbeitete er bei in der Region ansässigen deutschen Großbauern und auf Gütern verschiedener Großgrundbesitzer. Zwischenzeitlich war er auch als Metallgießer tätig. Im kleinen Kreis seiner dörflichen Umwelt bildeten sich die ersten Ansätze Machnos sozialrevolutionärer Anschauungen heraus.

Später engagiert er sich in der Revolution und in den Bauernaufständen des Jahres 1905. Er schließt sich den Anarcho-Kommunisten an, und wird, wie Peter Arschinoff formuliert, „von diesem Augenblick ab zu einem unermüdlichen Kämpfer für die soziale Revolution.“[7] 1908 wird Machno wegen Zugehörigkeit zu anarchistischen Gruppen und für die Ausführung terroristischer Akte von einem zaristischen Gericht zum Tode verurteilt. Wegen seiner Minderjährigkeit wird das Urteil jedoch in lebenslängliche Zwangsarbeit abgeändert. Diese Strafe verbüßt er im Moskauer „Zentralen Deportationsgefängnis“. Machno bemüht sich, seinen Aufenthalt dort zu seiner Weiterbildung zu nutzen. Er beschäftigt sich mit Mathematik, Literatur, Kulturgeschichte und Ökonomie. Diese in Gefangenschaft erworbenen Kenntnisse dienen im zeitlebens als Grundlage seines Handelns im Sinne des Anarcho-Kommunismus. 1917 kommt er im Zuge der Revolution in Moskau zusammen mit den anderen Gefangenen frei.

Sofort kehrt er in sein Heimatdorf Gulai-Pole zurück, wo ihn die örtlichen Bauern wie einen Helden empfangen. Machno macht sich daran, die Bevölkerung seines Dorfes zu organisieren. Er gründet eine Werktätigen-Kommune und einen lokalen Bauernsowjet. Außerdem wird er Vorsitzender des Bauernverbandes des Rayons[8], des Landkomitees, des Metall- und Holzverarbeiterverbandes und des Gulai-Polsker Bauern- und Arbeiterrates.

Mitte August 1917 unterbreitet Machno den Vorschlag, die Gutsbesitzer und Großbauern des Rayons der „werktätigen Bauernschaft“ gleichzustellen. Der Rayonkongress der Bauern übernimmt Machnos Projekt als förmlichen Beschluß. Ähnliche Beschlüsse werden daraufhin von den Bauernräten fast der ganzen südlichen Ukraine gefaßt.

Als die Ukraine gegen Ende des ersten Weltkrieges von Österreich und Deutschland besetzt wird, stellt Machno Bauern- und Arbeiterbataillone zum Kampf gegen die ausländischen Besatzungstruppen – aber auch gegen die Zentralrada und den Hetman - zusammen. Die ortseingesessene Bourgeosie trachtet ihm nach dem Leben, doch Machno hält sich erfolgreich versteckt. Im Juni 1918 reist er nach Moskau, um mit anderen Anarchisten über das weitere Vorgehen in der Ukraine zu beraten. Diese jedoch geben ihm nicht die geforderte Unterstützung, und Machno kehrt unter größten Schwierigkeiten wieder zurück nach Gulai-Pole. Er plant nunmehr, auch ohne Unterstützung aus Moskau die Bauernschaft als selbständigen Machtfaktor aufzubauen. An die Bauern des Dorfes appelliert er, eine revolutionäre Kriegstruppe zu organisieren und mit dieser gegen den Hetman Skoropadski, sowie gegen Adel und Großgrundbesitz, vorzugehen. Machnos Aufruf verbreitet sich schnell über den Gulai-Polsker Rayon und darüber hinaus und trifft auf breite Zustimmung. Die Truppe wird in kurzer Zeit gebildet. Als ihre Ziele werden festgelegt: Führung einer Propaganda- und Mobilisierungskampagne und harter Freischärlerkampf gegen die „Feinde der Bauernbewegung“. Jeder Gutsbesitzer, der die Freiheit der Bauern mißachtet hatte, jeder Milizionär der ukrainischen Landeswehr sowie jeder Offizier der russischen oder deutschen Armee, sei als „Feind der Bauern“ zu betrachten und umzubringen.[9]

So setzte Nestor Machno, ein „rigider anarchistischer Moralist, dessen einfache Lebensphilosophie den Bauern durch ihre Geradlinigkeit verständlich wurde“[10], wie Horst Stowasser formuliert, den Anfang der nach ihm benannten Bewegung. Seine Truppe zieht kreuz und quer durch den Rayon und enteignet mit Gewalt den Adel und die Großgrundbesitzer. Sie wird zum Schrecken der Bourgeosie, aber auch des deutschen und österreichischen Besatzerkommandos. In den folgenden Abschnitten wird der Verlauf der Machno-Bewegung - stark gekürzt und vereinfacht – wiedergegeben.

2.1.3 Der Verlauf der Machno-Bewegung: Erste Phase

In der Phase des Guerillakriegs der revolutionären Bauern gegen die Bourgeosie tritt Machno nicht nur als Truppenführer auf, sondern auch als Agitator und Propagandist. In zahlreichen Dörfern des Rayons veranstaltet er Versammlungen und hält Vorträge über die von ihm beabsichtigte soziale Revolution und über das zu erreichende Ziel einer keiner Regierung unterstehenden, freien Gemeinschaft der Bauern: „Wir werden aber nicht siegen, um nach dem Beispiel vergangener Jahre unser Schicksal einer neuen Regierung zu überantworten, sondern um es in unseren eigenen Händen (zu) halten und um unser Leben so zu gestalten, wie wir es selber wollen und wie wir es als wahr empfinden.“[11]

Nach einer erfolgreichen Schlacht der Machno-Truppen gegen ein österreichisches Bataillon und eine Abteilung der Gutsbesitzerwehr im Dorf Groß-Michailowka wird Machno von der Bevölkerung zum „Batjko“, dem „Väterchen“ oder „Führer der revolutionären Aufstandschaft“ ernannt.

[...]


[1] Nestor Machno: Das ABC des revolutionären Anarchisten, Berlin o.J., S. 29-30.

[2] zur Begriffsklärung: Statt von „Machno-Bewegung“ wird in der Literatur auch von „Machnovscina“, „Machnowtschina“ oder „Machnotschina“ gesprochen. In der vorliegenden Arbeit wird entweder die Bezeichnung „Machno-Bewegung“ oder „Machnowtschina“ benutzt. Die Teilnehmenden der Bewegung heißen „Machnowzy“.

[3] Dittmar Dahlmann: Land und Freiheit. Machnovscina und Zapatismo als Beispiele agrarrevolutionärer Bewegungen, Stuttgart 1986, S. 83.

[4] Peter Arschinoff: Geschichte der Machno-Bewegung, (Nachdruck der Originalausgabe von 1923), Münster 1998, S. 46.

[5] vgl. dazu: Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine, München 1994, S. 176-180

[6] Arschinoff, S. 50

[7] Arschinoff, S. 54

[8] ein Rayon ist eine ukrainische Verwaltungseinheit.

[9] vgl. dazu: Arschinoff, S. 59

[10] Horst Stowasser: Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft, Frankfurt am Main 1995, S. 263

[11] Zitat aus einem der ersten Aufrufe Machnos; nach Arschinoff, S. 61 f.

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Details

Titel
Anarchismus in der Ukraine: Die Machno-Bewegung
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
HS - Geschichte und Theorie des Anarchismus
Note
sehr gut (1,3)
Jahr
2002
Seiten
25
Katalognummer
V14643
ISBN (eBook)
9783638199865
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit setzt sich mit einer der bedeutendsten anarchistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts, der ukrainischen Machno-Bewegung (1917-22), auseinander. Dichter Text - kleine Schrift.
Schlagworte
Anarchismus, Ukraine, Machno-Bewegung, Geschichte, Theorie
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Anonym, 2002, Anarchismus in der Ukraine: Die Machno-Bewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14643

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