Schweigen und Schuld

Die Last der Kinder von NS-Tätern


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit

3. Die Nazi-Täter und ihre Kinder

4. Der Umgang mit der NS-Vergangenheit in den Familie und die Auswirkungen auf die zweite Generation
4.1. Die NS-Vergangenheit und der Umgang mit dieser anhand der Fallbeispiele
4.2. Auswirkungen auf das Eltern-Kind-Verhältnis
und die Konsequenzen für die eigene Biografie

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Die mittlerweile unüberschaubare Flut von Veröffentlichungen von Nachkommen der NS-Täter zeigt ein größer werdendes Interesse an den Auswirkungen der NS-Vergangenheit für die nachfolgenden Generationen. In der vorliegenden Arbeit soll dargestellt werden, wie mit der Beteiligung von NS-Täter an nationalsozialistischen Verbrechen und Verfolgung in deren Familien umgegangen wurde und wie sich dieser Umgang auf deren Kinder ausgewirkt hat. Dazu soll zunächst kurz der allgemeinen Umgang mit der Geschichte des Dritten Reiches in der deutschen Nachkriegsgesellschaft dargestellt werden und anhand von einigen Fallbeispiel, welche Rolle in den Familie der Täter die Vergangenheit spielte, bzw. wie die Nachkommen von der Tätigkeit des jeweiligen involvierten Elternteils erfahren haben. Daraus ergibt sich die Frage, wie diesem Wissen von den Kindern bewertet wurde und welche Konsequenzen dies für deren eigenes Leben hatte.

Es wurde sich bewusst auf die zweite Generation beschränkt, da es beim Verarbeitungsstand und Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus und der Beteiligung von Familienangehörigen am Holocaust deutliche Unterschiede zwischen der zweiten und dritten Generation gibt, wie sich aus der verwendeten Literatur ergibt. Darauf näher einzugehen ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich.

Zur Veranschaulichung und Annäherung an dieses Thema wird vor allem auf die Interviews des israelischen Soziologen Dan Bar-On mit Kindern von NS-Tätern zurückgegriffen. Bar-On selbst merkt an, dass die von ihm ausgewählten Interviewpartner sicher nicht repräsentativ für die gesamte Generation der NS-Nachkommen sein können, da es keine konkreten Daten über die Population der Täter gibt.[1] Weiterhin geben Interviews immer nur einen subjektiven Einblick in das Leben der Gesprächspartner. Sie ermöglichen aber einen guten Überblick über die Vielzahl von Betroffenen, vom „kleinen Rädchen“ bis zum „hohen Tier“, aus dem sich einige Schwerpunkte bei der Verarbeitung des Themas herausarbeiten lassen.

Die in der Literatur teilweise verwendeten Decknamen wurden in dieser Arbeit übernommen. Sofern dies möglich ist, werden Rückschlüsse aus den gemachten biografischen Angaben über die wahre Identität der Elternteile gezogen und angemerkt.

2. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit

In den Nachkriegsjahren fand in der deutschen Gesellschaft kaum eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, seinen Verbrechen und deren Folgen statt. In den Interviews mit den Kindern der NS-Täter wurde immer wieder betont, dass in der deutschen Nachkriegsgesellschaft das Thema Nationalsozialismus und Holocaust totgeschwiegen wurde. Exemplarisch dafür kann man die Äußerung „Peters“ sehen: „Die Leute lügen. Sie wußten es alle. Die Holzschuhe der Zwangsarbeiter waren nicht zu überhören, wenn sie morgens früh um fünf durch den Ort gehetzt wurden.“[2]

Die Angst vor der eigenen Schuld und Verantwortung führte zu einem Verdrängen des Themas in der Öffentlichkeit. Das kollektive Schweigen begünstigte wiederum die Verdrängung persönlicher Schuld in den Familien der NS-Täter. Ohne den gesellschaftlichen Druck sich mit den Verbrechen im Dritten Reich auseinander zu setzen, ist es natürlich leichter die eigene Geschichte. zu verdrängen.[3] Vor dem eigenen Gewissen dies zu rechtfertigen schien nicht schwer: „Aber was man nicht weiß, verdrängt man auch nicht. Die Eltern haben nicht mit einem darüber gesprochen, in der Schule wurde es nicht erwähnt. Die Jugend hat nicht davon gewußt. Also was sollst du verdrängen, wenn du nichts weißt?[4] Im Zuge der 68er Studentenbewegung fing die zweite Generation an Fragen zu stellen und anzuklagen. Die direkte Konfrontation der Täter und Mitläufer durch deren Nachkommen, sofern diese statt fand, war keine gesellschaftlich forcierte, sondern zumeist eine private Auseinandersetzung. Trotzdem blieb die öffentliche Auseinandersetzung schwierig und mit vielen Tabus behaftet. Erst in den 80er Jahren begann die Atmosphäre in Deutschland sich zu wandeln und man fing an offener mit dem Thema umzugehen und zu hinterfragen.[5]

Es gibt sicher nicht den Nazi-Täter und kein psychologisches Profil des NS-Täters, auch wenn man in deren Persönlichkeiten nach spezifischen Charakterzügen sucht. Es handelt sich um scheinbar normale Menschen.[6] Die Schuld und das Schweigen wirkten sich jedoch negativ auf deren Nachkommen aus.[7] Lange wurden sie mit ihren Geschichten und Problemen allein gelassen. So berichtet die interviewte „Monika“, dass auch in einer Therapie sie nicht offen über ihre aus der Vergangenheit des Vaters für sie resultierenden Probleme reden konnte.[8] Erst langsam wandelte sich das Klima des Umgangs mit den Kindern der Nazi-Täter. Auch aus dem Bedürfnis heraus, die Schuld der Vergangenheit zu thematisieren, begann man nach Folgen für die nachkommenden Generationen zu fragen.

3. Die Nazi-Täter und ihre Kinder

Zum überwiegenden Teil handelte es sich bei dem im Nationalsozialismus aktiven Elternteil um den Vater. Die Mütter wurden in der Regel als Sympathisanten oder Mitläufer beschrieben. Der Vater spielt in der Entwicklung eines Kindes eine wichtige Rolle. In aller Regel waren die Väter vor allem während ihrer aktiven Zeit im Nationalsozialismus im Familienleben nicht anwesend. Kaum einer der NS-Nachkommen beschreibt seinen Vater als aktiv am Familienleben und der Kindererziehung teilnehmend. Dadurch konnte sich bei vielen Kindern von NS-Tätern keine direkte Beziehung entwickeln. Und auch nach Kriegsende lernten viele Kinder ihre Väter nicht oder spät kennen, da etliche Nazi-Täter zum Tode verurteilt wurden, viele Jahre in Gefangenschaft verbrachten oder sich nach Kriegsende ihrer Verantwortung durch Selbstmord entzogen.

So zum Beispiel der im Mai 1947 geborene Professor für Geschichte „Manfred“, dessen Vater sich umbrachte als er acht Monate alt war.[9] Es könnte sich hierbei um den Sohn des Arztes und Kommandanten von Treblinka Irmfried Eberl handeln.[10] „Bernds“ Vater starb 1945 unter zunächst ungeklärten Umständen. Aufgrund der biografischen Angaben des Sohnes und die Position des Vaters, er war Leiter der Parteikanzlei und Stabsleiter von Rudolf Hess, handelt es sich vermutlich um Martin Bormann und dessen ältesten Sohn Martin Bormann (junior).[11] Erst 1999 konnte der Tod des Vaters endgültig bestätigt werden.[12] Der Vater von „Helmut“ erschoss sich als der Sohn 11 ½ Jahre alt war.[13] „Gerda“ war zum Zeitpunkt des Suizids ihres Vaters bereits 23 Jahre alt. Das von ihr vorgelegte Dokument legt die Vermutung nahe, dass sie die Tochter des Leiters der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley sein könnte.[14] „Monika“ lernte ihren Vater, der in Riga als NS-Täter verurteilt und hingerichtet wurde, nie kennen.[15]

Diejenigen, deren Väter nach dem Krieg oder der anschließenden Kriegsgefangenschaft in die Familien zurückkehrten, nahmen ihre Väter meist erst zu diesem Zeitpunkt wirklich wahr. Oft war dieses Kennenlernen von Konflikten geprägt. „Menachems“ Vater kehrt aus russischer Gefangenschaft heim, als der Junge zehn Jahre alt ist.[16] „Renate“ lernte ihren Vater im Alter von sechs Jahren in einen Flüchtlingslager in Hannover kennen.[17] Ein normales und friedliches Familienleben und eine gesunde Eltern-Kind-Beziehung waren dadurch zumeist nicht möglich.

4. Der Umgang mit der NS-Vergangenheit in den Familie und die Auswirkungen auf die zweite Generation

Durch die Niederlage, den Verlust der im Dritten Reich innegehabten Position und das Ausmaßes der bekannt werdenden Kriegsverbrechen wurde das Selbstgefühl der Eltern schwer erschüttert. Dies traf auch für die nicht direkt beteiligten Elternteile zu, wenn diese von der Beteiligung des Partners erfuhren, bzw. sich dieser bewusst wurden. Die Eltern verschanzten sich hinter einer künstlichen Stärke gegen die eigenen Schuld- und Schamgefühle, was sie selbstgerecht und unlebendig machte.[18] Unbewusst haben die Kinder vieles zunächst nicht hinterfragt, um das Eltern-Kind-Verhältnis und die elterliche Zuwendung nicht zu gefährden, was sie zu „Komplizen der Verleugnung der Eltern.“[19] Werden ließ. Dadurch entstand etwas, was Bar-On das Phänomen der „doppelten Mauer“ nennt und welches auch bei den Holocaust-Überlebenden und deren Nachkommen zu finden ist. „Die erste Generation […] hat eine Art Mauer zwischen ihren Erlebnissen der Vergangenheit und ihrem Leben nach dem Krieg errichtet. Da ihre Nachkommen über ein feines Gespür für jene Hemmungen der Eltern sowie deren Verteidigungsmechanismen verfügten, errichteten sie ihrerseits eine Mauer. Sobald eine Seite die Bereitschaft zeigte, ein `Fenster´ in ihrer Mauer zu öffnen und ansetzte, etwas zu sagen oder eine Frage zu stellen, traf sie im Normalfall nur auf die `Mauer´ der anderen Seite.“[20]

[...]


[1] Bar-On, Dan: Furcht und Hoffnung. Von den Überlebenden zu den Enkeln – Drei Generationen des Holocaust; Hamburg 1997, S. 469

[2] Bar-On, Dan / Schmidt, Christop J. (Hg.): Die Last des Schweigens. Gespräche mit den Kindern von Nazi-Tätern; Frankfurt a. M. 1993, S. 57

[3] Westernhagen, , Dörte: Die Kinder der Täter: Das Dritte Reich und die Generation danach, (2. Auflage); München 1988, S. 102

[4] Bar-On / Schmidt 1993, S. 54

[5] vgl. ebd., S. 27 f

[6] ebd., S. 22 ff

[7] Westernhagen 1988, S. 99

[8] Bar-On / Schmidt 1993, S. 241

[9] ebd., S. 58 f

[10] ebd., S. 65 f und S. 69 f; vgl. Westernhagen 1988, S. 145 ff; vgl. Grabher, Michael: Irmfried Eberl. „Euthanasie“-Arzt und Kommandant von Treblinka; Frankfurt a. M. 2006

[11] Bar-On / Schmidt 1993, S.167 ff; vgl. Lebert, Norbert / Lebert, Stephan: Denn du trägst meinen Namen. Das schwere Erbe der prominenten Nazi-Kinder, (5. Aufl.); München 2000;

[12] Lebert, N. / Lebert, S. 2000, S. 10

[13] Bar-On / Schmidt 1993, S. 86

[14] Bar-On / Schmidt 1993, S. 120 ff

[15] ebd. , S. 225

[16] ebd., S. 149

[17] ebd., S. 204

[18] Westernhagen 1988, S. 101 f

[19] ebd. , S. 114

[20] Bar-On, Dan: Wie lassen sich deutsche und israelische Jugendliche zum Thema Holocaust ansprechen?; in: Bar-On, Dan / Brendler, Konrad / Hare, A. Paul (Hg .): Da ist etwas kaputtgegangen an den Wurzeln… . Identitätsformation deutscher und israelischer Jugendlicher im Schatten des Holocaust; Frankfurt a. M. 1997, S. 10

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Schweigen und Schuld
Untertitel
Die Last der Kinder von NS-Tätern
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Die Last der Vergangenheit: Nachgeborene und ihre NS-Eltern
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V147203
ISBN (eBook)
9783640579761
ISBN (Buch)
9783640580422
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
NS-Täter, Nachkommen, Holocaust, Dan Bar'On, Vergangenheitsbewältigung
Arbeit zitieren
Ulrike Wanderer (Autor:in), 2007, Schweigen und Schuld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147203

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