Das Verhältnis von Theorie und Praxis bei Friedrich Schleiermacher


Hausarbeit, 2009
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung der Methode Exkurs: Sprachphilosophische Kritik an der Methode

3. Quantitative Analyse der Begriffe „Theorie“ und „Praxis“

4. Inhaltliche Analyse des Begriffs „Praxis“
4.1 Praxis der Erziehung ist
4.2 Äquivalente Begriffe

5. Inhaltliche Analyse des Begriffs „Theorie“
5.1 Theorie der Erziehung ist
5.2 Äquivalente Begriffe

6. Formale Analyse

7. Versuch der Definitionsbildung der Begriffe „Theorie“ und „Praxis“
7.1 Versuch einer Definition von „Praxis“
7.2 Versuch einer Definition von „Theorie“

8. Schluss

Literaturverzeichnis

Textmaterial

1. Einleitung

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher war Pädagoge und Theologe, Theoretiker und Praktiker, Pfarrer und Professor. Sein Werk spiegelt diese Vielseitigkeit der Person wieder. Es enthält unter anderem Schriften über die Religion, Vorlesungen über Pä­dagogik und Kirchengeschichte, Übersetzungen von Platons Schriften, sowie Prosa und romantische Fragmente. In der Erziehungswissenschaft besteht allgemeiner Konsens, dass Friedrich Schleiermacher (zusammen mit Herbart) als der „neuzeitli­che Begründer der Pädagogik als Wissenschaft“[1] [2] [3] [4] gilt.

Die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis in der Pädagogik ist ein spe­zifisches Problem der heutigen Erziehungswissenschaft. Dies lässt sich an den Auf­sätzen von Badry (1999) und Heid (2001) aufzeigen . Von Theorie und Praxis redet allerdings auch schon Schleiermacher in seiner Erziehungsvorlesung von 1826. Er bringt hier das Verhältnis von Theorie und Praxis in seinem berühmten Satz von der „Dignität der Praxis“[5] scheinbar auf den Punkt. Johanna Hopfner hat dieser einen Aussage Schleiermachers einen ganzen Aufsatz gewidmet.[6] Die vorliegende Arbeit wählt die entgegengesetzte Vorgehensweise: Sie sucht nicht die konzentrierte Ausei­nandersetzung mit einem einzelnen Satz, sondern unterwirft das gesamte Vorkom­men der Begriffe „Theorie“ und „Praxis“, in einem begrenzten Textabschnitt, einer inhaltlichen und formalen Analyse. Der zu untersuchende Textausschnitt soll die Einleitung zu Schleiermachers Erziehungsvorlesung von 1826 sein.

Die in der vorliegenden Arbeit zu diskutierende These ist folgende:

Das Aufstellen einer Theorie ist der Versuch, die Wirklichkeit in Form von Sprache handhabbar zu machen. Dabei müssen sowohl Form, als auch Inhalt der Sprache, der Komplexität der Wirklichkeit entsprechen. Praxis ist nicht mit Wirklichkeit gleichzu­setzen. Sie kann als durch Theorie bewusstgewordene Wirklichkeit verstanden wer­den. Dennoch behält die Praxis ihren von der Theorie unabhängigen Wert.

2. Darstellung der Methode

In diesem Kapitel soll die Methode der Arbeit erläutert werden. Ausgangspunkt für die Wahl der Methode, ist die Frage: Was versteht Schleiermacher unter „Theorie“ und „Praxis“? Es handelt sich also um eine, im weitesten Sinne, hermeneutische Fra­ge. Nach Werner Jung ist „die Aufgabe der Hermeneutik“ „das ,kunstmäßige Ver­stehen’“[7] [8] des Textes. Jung bezeichnet es als Schleiermachers Verdienst, dass er „der Reflexion von Sprache und Sprachstrukturen als dem gleichsam materialen Substrat aller Verstehensakte eine erhebliche Bedeutung zugemessen hat“ . Diesen Weg will die vorliegende Arbeit beschreiten. Es soll die „Sprache“ Schleiermachers dem „Ver­stehensakt“ (der Arbeit), als „materiales Substrat“, zugrunde gelegt werden. Dabei kommt es zunächst darauf an, das Material der Untersuchung näher zu bestimmen. Wichtig ist, dass das Textmaterial nicht zu umfangreich, aber auch nicht zu singulär gewählt wird. Genauer gesagt: Der gesamte Text der Erziehungsvorlesung von 1826 wäre zu umfangreich. Ein einziger Satz wie in der Untersuchung von Hopfner würde als Grundlage für die Untersuchung nicht ausreichen. Schleiermachers Denken be­wegt sich aber genau zwischen diesen beiden Extremen: Dem einzelnen Satz und dem ausführlichen Text. Michael Winkler bringt dies folgendermaßen auf den Punkt:

Schleiermachers Denken bewegt sich also in einem Zusammenspiel von sprachli­cher Kleinform einerseits und theoretischem Entwurf andererseits, mithin zwischen einem einzelnen Satz, der ein großer Entwurf sein will und einem System, das je­doch keines ist und noch weniger eines werden soll.[9]

Deshalb wurde für diese Arbeit ein Mittelweg eingeschlagen. Es werden mit Hilfe des Registers der „Texte zur Pädagogik“ alle Stellen, in denen die Begriffe „prak­tisch“, „Praxis“ sowie „Theorie“, „theoretisch“[10] vorkommen, ausgewertet. Damit das Textmaterial nicht zu umfangreich wird, beschränkt sich die Auswahl auf die Einleitung zur Erziehungsvorlesung von 1826.

Exkurs: Sprachphilosophische Kritik an der Methode

Eigentlich ist Schleiermachers Sprache zu sperrig, um sie mit starrer Methode be­zwingen zu können. Andererseits muss auch Rechenschaft abgelegt werden können, wie zu den Arbeitsergebnissen gelangt wurde. Das Problem ist, dass Schleiermacher an keiner Stelle eine Definition seiner Begriffe aufstellt. Das könnte daran liegen, dass sein Denken „in Bewegung“[11] bleiben soll. In Bezug auf die „kleinen Denkfor­men“ schreibt Winkler:

Die erkenntnistheoretische Schwierigkeit besteht also darin, ob und inwieweit die Denkmittel, vorzugsweise die Sprache, in der Lage sind, eine komplexe und dyna­mische Wirklichkeit abzubilden.[12] [13]

Das Problem, exakte Begriffsdefinitionen bei Schleiermacher auszumachen, hängt also unmittelbar damit zusammen, die Wirklichkeit in ihrer Komplexität und Dyna­mik abzubilden.

Die Begriffe „Theorie“ und „Praxis“ sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Von einer einheitlichen Definition ist gar nicht zu reden. Eine Definition im Sinne einer ma­thematischen Formel, die besagt „Theorie ist gleich...“, ist für die Erziehungswissen­schaft weder möglich noch erstrebenswert. Dies wird in folgendem Satz Schleierma­chers deutlich: „Unsere Theorie ist auf jeden Fall eine solche, die nicht anders als durch die Sprache mitgeteilt werden kann, nicht durch mathematische Zeichen.“ Die Erziehungswissenschaft hat also die Sprache als Grundproblem bei jeder Theo­riefindung aufgegeben. Sprache ist nie etwas Festgelegtes. Sie befindet sich stets in Veränderung.[14]

Die Frage, wie das Verhältnis von Theorie und Praxis bei Schleiermacher zu bestimmen ist, muss modifiziert werden, weil das Sprachproblem in den Blick ge­rückt ist. Was aber ist überhaupt das Sprachproblem? Das Sprachproblem lässt sich folgendermaßen formulieren: Die Erziehungswissenschaft hat keine andere Mög­lichkeit, als die Praxis, mit der sie es zu tun hat, sprachlich zu erfassen. Man könnte es auch allgemeiner ausdrücken: Der Mensch kann sich die Wirklichkeit nur über Sprache erschließen. Sprache kann Wirklichkeit aber nur defizitär abbilden.[15] Das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit ist analog zu dem von Theorie und Praxis. Die Praxis ist die der Theorie zugrunde liegende Wirklichkeit. Die Theorie bedient sich der Sprache, um die Praxis zu reflektieren. Denn: Theorie besteht aus Sprache.

Und: Praxis ist ein Teil der Wirklichkeit. Deshalb kann gesagt werden: Das Problem der Erziehungswissenschaft, das Verhältnis von Theorie und Praxis zu bestimmen, ist analog zu dem sprachphilosophischen Problem, das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit zu bestimmen.

3. Quantitative Analyse der Begriffe „Theorie“ und „Praxis“

Nach diesem sprachphilosophischen Diskurs, soll sich nun wieder dem zu untersu­chenden Textmaterial zugewendet werden.

Obwohl Schleiermacher der Praxis vor der Theorie eine eigene Dignität zugesteht, geht es ihm in seiner Vorlesung ganz klar um eine Theorie der Erziehung und nicht um deren Praxis. Das sieht man schon alleine daran, dass der Begriff „Theorie“ in der Einleitung viel häufiger vorkommt, als der Begriff „Praxis“. 85 mal kommen die Begriffe „Theorie“ oder „theoretisch“ vor, 12 mal „Praxis“ oder „praktisch“ Die fol­gende Tabelle zeigt das Vorkommen der Begriffe „Theorie“ und „Praxis“, verteilt auf die Einleitung der Erziehungs-Vorlesung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es fällt auf, dass es zwei ,Knotenpunkte’ gibt, an denen die Begriffe besonders häu­fig gebraucht werden. Dies sind die Seiten 7-14 und 21-31. Auf den Seiten 7-14 kommt „Theorie“ 18-mal, „Praxis“ dagegen nur 5 vor. Auf den Seiten 21-31 findet sich 28-mal „Theorie“, einmal dagegen „Praxis“.

Die ungleiche Häufigkeit der Begriffe ist ein erstes Indiz dafür, dass es Schleierma­cher vorwiegend um Theoriebildung geht. Dennoch ist der Praxisbegriff für Schlei­ermachers Erziehungstheorie enorm wichtig. Dies soll nun im Folgenden auch an der inhaltlichen Verwendung der Begriffe herausgearbeitet werden.

[...]


[1] Fuchs, Rhetorische Dialektik, 49.

[2] Badry, „Theorie“ und „Praxis“, 9: „Wer in die Pädagogik einführen will, muß das Theorie-Praxis­Verhältnis zu klären versuchen. Es ist ein zentrales Grundproblem der Pädagogik.“

[3] Heid, Verhältnis, 1090: „Da die Entfremdung zwischen Theorie und Praxis in der ,Pädagogik’ an­ders als beispielsweise in Medizin, Jurisprudenz oder Theologie - aus hier nicht zu erörternden Grün­den (dazu Herbart 1802/1986, S. 55ff.; Beckmann 1971, S. 184 ff.) -, besonders groß zu sein scheint, dürfte es zweckmäßig sein, besonders Augenmerk auf einige Kategorien und Dimensionen der Zu­sammenhänge von Theorie und Praxis zu legen.“

[4] Auf die gesamte aktuelle Diskussion um das Theorie- und Praxis-Verhältnis in der Pädagogik kann hier allerdings nicht eingegangen werden.

[5] Schleiermacher, Erziehungskunst, 11.

[6] Hopfner, Überlegungen.

[7] Jung, Neuere Hermeneutikkonzepte, 159.

[8] Ebd., 160.

[9] Winkler, Aphorismus und System, 32.

[10] Um das der Arbeit zugrunde liegende Material besser prüfen zu können, wurden sämtliche Stellen abgeschrieben. Sie finden sich im Anhang der Arbeit.

[11] Winkler, Aphorismus und System, 47.

[12] Ebd., 38.

[13] Schleiermacher, Erziehungskunst, 25.

[14] Es wäre zu überlegen, inwieweit sich „mathematische Zeichen“ von „Sprache“ unterscheiden und ob nicht auch „mathematische Zeichen“ Teil einer Sprache sind. Dies würde wohl zu dem Ergebnis führen, dass auch die Wissenschaften, die ihre Theorien in „mathematischen Zeichen“ ausdrücken können, am Sprachproblem nicht vorbei kommen. Diese Überlegung kann aber nicht im Rahmen der vorliegenden Proseminararbeit stattfinden.

[15] Es müsste hier noch allgemeiner nach dem Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit gefragt werden.

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Details

Titel
Das Verhältnis von Theorie und Praxis bei Friedrich Schleiermacher
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Schulpädagogik)
Veranstaltung
Das Verhältnis von Theorie und Praxis in der Pädagogik
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V147226
ISBN (eBook)
9783640571550
ISBN (Buch)
9783640571697
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: Eine sehr schöne Arbeit mit einer komplexen Fragestellung, guter Methode, Umsetzung und Ergebnisformulierung. Die Arbeit enthält viele gute Verweise auf Zusammenhänge zu verwandten Themen. Bewertung: Uneingeschränkt "sehr gut"!
Schlagworte
Schleiermacher, Pädagogik, Hermann, Theorie, Praxis, Verhältnis
Arbeit zitieren
Lutz Hermann (Autor), 2009, Das Verhältnis von Theorie und Praxis bei Friedrich Schleiermacher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147226

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