DIGITAL RADIO in Deutschland - Entwicklungsstand und Perspektiven


Diplomarbeit, 2003
79 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

1 DAB - Das System hinter DIGITAL RADIO
1.1 Die Entwicklung
1.2 Das System
1.2.1 PAD und NPAD Datendienste
1.2.2 Das Datenreduktionsverfahren MUSICAM
1.2.3 Das Übertragungsverfahren COFDM
1.2.4 Programmverbreitung über Gleichwellennetze
1.3 Zusammenfassender Vergleich von UKW und DAB

2 Die Einführung von DIGITAL RADIO in Deutschland
2.1 DAB-Frequenzen im Band III und L-Band
2.2 Pilotprojekte in Deutschland
2.2.1 Zielsetzung
2.2.2 Ergebnisse
2.3 Die unterschiedlichen Interessengruppen bei der
Markteinführung
2.4 Die „Initiative Digitaler Rundfunk“

3 Der Entwicklungsstand von DIGITAL RADIO in Deutschland
3.1 Netzausbau und Frequenzsituation
3.2 Hörerzahlen
3.3 Marketingmaßnahmen
3.4 Kostenentwicklung und Finanzierung
3.5 Medienpolitischer Entwicklungsstand
3.6 Einschätzung der aktuellen Situation

4 Die Perspektiven für DIGITAL RADIO in Deutschland
4.1 DIGITAL RADIO im Ausland
4.2 Gibt es Alternativen zu DAB?
4.2.1 DVB-T
4.2.2 IBOC
4.2.3 DRM
4.3 Ergebnis und Prognose

Fazit

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Radio ist das Massenmedium mit der größten Verbreitung weltweit. In Deutschland erfolgt die Nutzung des Mediums Radio zum überwiegenden Teil über den terrestrischen[1] Empfang von Hörfunkprogrammen. Rund 85 Prozent aller Radiogeräte sind somit nicht an eine feste Kabel- oder Satellitenversorgung angeschlossen. Das ist in erster Linie dadurch begründet, weil das Radio als Begleitmedium genutzt und überall über eine Vielzahl verschiedenster Gerätetypen empfangen wird. Die wichtigste Rolle spielt dabei mit mehr als 95 Prozent der Nutzung das analoge Übertragungssystem UKW (Ultrakurzwelle).[2]

Nach 50 Jahren intensiven Ausbaus ist das UKW-System heute jedoch „ausgereizt“ und am Ende seiner Entwicklungsmöglichkeiten angelangt. Die zur Verfügung stehenden Frequenzressourcen sind im Zuge der Einführung privater Programmanbieter bis an die Grenze des technisch machbaren belegt worden. Es ist abzusehen, dass das vorhandene UKW-Frequenzspektrum zukünftig nicht mehr in der Lage ist, eine qualitativ hochwertige Erweiterung des Hörfunkangebotes zu ermöglichen. Schon jetzt ist eine Verschlechterung von neu hinzukommenden Frequenzen gegenüber im Betrieb befindlichen UKW-Frequenzen festzustellen. Diese Entwicklung nimmt seit Jahren immer stärker zu.[3]

Um diesen Engpass zu beseitigen, soll auch der Hörfunk in Deutschland digitalisiert werden. Die Digitalisierung hat sich bereits in anderen Bereichen der Telekommunikation als ökonomisch überzeugender Weg zur besseren Nutzung der Ressourcen erwiesen. Neben der effizienteren Ausnutzung der Frequenzkapazitäten werden mit einer Digitalisierung der Hörfunkübertragung die folgenden Ziele verfolgt:

- Eine bessere Klang- und Empfangsqualität
- Die Senkung der Verbreitungskosten
- Die Übertragung von Zusatzdiensten
- Die Integration in andere digitale Kommunikationsangebote[4]

In Deutschland wird hierzu gegenwärtig mit DIGITAL RADIO ein neues System zur digitalen terrestrischen Übertragung von Radioprogrammen eingeführt. Nach Plänen der Bundesregierung soll DIGITAL RADIO
den analogen UKW-Hörfunk bis zum Jahr 2015 vollständig ablösen.[5] Da beide Systeme jedoch nicht kompatibel zueinander sind, müssen sowohl neue Sendernetze aufgebaut als auch die vorhandenen UKW-Radios durch neue Empfangsgeräte ersetzt werden. Eine Markteinführung von DIGITAL RADIO gestaltet sich aus diesem Grund als kompliziert und teuer.[6]

Ziel der vorliegenden Diplomarbeit ist es daher, den bisherigen Markt-einführungsprozess von DIGITAL RADIO in Deutschland zu analysieren, den aktuellen Entwicklungsstand aufzuzeigen und auf dieser Grundlage die weiteren Perspektiven für das System auf dem deutschen Markt zu bewerten. Zudem soll die folgende Fragestellung im Mittelpunkt der Betrachtung stehen:

Kann DIGITAL RADIO den UKW-Hörfunk in Deutschland ablösen?

Eine nähere Auseinandersetzung mit dem System DIGITAL RADIO unter technischen, wirtschaftlichen und medienpolitischen Gesichtspunkten soll im Verlauf der Arbeit zur Klärung dieser Frage führen.

1 DAB - Das System hinter DIGITAL RADIO

DAB steht für Digital Audio Broadcasting und ist das technische Übertragungssystem, das sich hinter der Bezeichnung DIGITAL RADIO verbirgt. DIGITAL RADIO wurde als weltweit gültiger Markenname für die Hörfunkübertragung nach dem DAB-Verfahren eingeführt.[7] Neben der Marke DIGITAL RADIO wird jedoch DAB als Bezeichnung für das technische System weiter genutzt.[8] Die Begriffe DIGITAL RADIO und DAB werden daher im weiteren Verlauf dieser Arbeit synonym verwendet.
Im nachfolgenden Kapitel wird die technische Funktionsweise von DAB erläutert und die wichtigsten Unterschiede zum analogen UKW-System herausgearbeitet.

1.1 Die Entwicklung

Bereits 1980 wurden durch das Münchener Institut für Rundfunktechnik (IRT) erste Vorüberlegungen und Untersuchungen zur Frage einer digitalen terrestrischen Radioausstrahlung unternommen. Im Jahr 1985 beschlossen die ARD (Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands) und das IRT daraufhin, ein gemeinsames, möglichst europäisches Forschungsprojekt zur Entwicklung eines digitalen Radio-systems zu initiieren. Ergebnis dieser Bemühungen war 1986 die Gründung der Forschungsinitiative „EUREKA 147“. [9] Dieses Konsortium, bestehend aus europäischen Rundfunkanstalten, Industrieunternehmen und Forschungseinrichtungen, hatte sich die Aufgabe gestellt, einen einheitlichen Standard für DAB zu erarbeiten und in ganz Europa
zu etablieren. Nach umfangreichen Forschungsarbeiten konnte 1995
der endgültige DAB-Standard durch die „EUREKA 147“ verabschiedet werden. Auf der internationalen Funkausstellung 1997 in Berlin wurde das System DAB erstmals unter dem neuen Markennamen DIGITAL RADIO vorgestellt.[10]

1.2 Das System

Bei Betrachtung der jeweiligen Sendetechnik zeigen sich grundlegende Unterschiede zwischen der Hörfunkausstrahlung über UKW und der durch DAB. Der Hauptunterschied zum herkömmlichen Radio besteht in der Art der Datenübertragung. Wurden bisher die Daten vom Sender zum Empfänger analog übertragen, werden diese bei DAB digital gesendet und empfangen. Digital bedeutet, dass das zu übertragende Signal nicht in Form von Schwingungen dargestellt, sondern in einen Datenstrom, bestehend aus den digitalen Informationseinheiten ‚0’ und ‚1’ (sog. „Bits“) umgewandelt wird.[11] Der so erzeugte Datenstrom ist sehr unempfindlich gegenüber Störungen. Analoge Schwingungen hingegen können bei der Übertragung durch äußere Einflüsse, beispielsweise Reflexionen, vielfältig gestört und verändert werden.[12]

Ein weiterer Unterschied zwischen beiden Übertragungssystemen liegt darin, wie die ausgestrahlten Radioprogramme zum Empfänger gelangen. Während bei der UKW-Signalübertragung jedes Hörfunkprogramm eine eigene Frequenz benötigt, werden bei DAB mehrere Programme zu einem Sendeblock zusammengefasst (vgl. Abbildung 1) und auf der gleichen Frequenz ausgestrahlt. Diese Sendeblöcke werden als „Ensemble“ bzw. „Multiplex“ bezeichnet.[13]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Programmübertragung bei UKW und DAB

(Quelle: Grundig AG (Hrsg.) „DAB. Das digitale Rundfunksystem der Zukunft“ Fürth 1999, S. 10)

In einem solchen Ensemble finden bis zu sechs Hörfunkprogramme in bester Qualität oder bis zu zwanzig Programme in einfacher Monoqualität Platz. Das entspricht einer nutzbaren Datenrate[14] von 1,5 Mbit/s je Ensemble.[15] Beste Qualität bedeutet in diesem Zusammenhang die Ausstrahlung eines Programms mit einer Bitrate von 192 Kbit/s. Die erreichbare Klangqualität entspricht somit subjektiv der einer CD. Reine Sprachsendungen hingegen können mit einer geringeren Datenrate übertragen werden, beispielsweise mit 160 Kbit/s oder 96 Kbit/s. Die so eingesparte Kapazität kann zu Gunsten eines anderen Programms im Ensemble genutzt werden.[16]

1.2.1 PAD und NPAD Datendienste

Da in einen digitalen Datenstrom prinzipiell alle Arten von Informationen integriert werden können, erlaubt DAB nicht nur die Ausstrahlung von Hörfunkprogrammen. Darüber hinaus ist die Übertragung sogenannter „Datendienste“ möglich. Dabei wird zwischen programmbegleitenden und programmunabhängigen Diensten unterschieden. Programmbegleitende Datendienste (Program Associated Data, PAD) werden in der Regel von einer Radiostation ausgestrahlt und liefern zusätzliche Informationen zum gerade gehörten Programm. Die Anzeige von Titel und Interpret des laufenden Musikstücks oder aktueller Nachrichten sind typische Beispiele dafür. Programmunabhängige Datendienste (Non Program Associated Data, NPAD) hingegen werden durch eigenständige Anbieter bereitgestellt und können zu jedem beliebigen Radioprogramm zugeschaltet werden. Mögliche Angebote sind hierbei die Anzeige von Veranstaltungshinweisen, Verkehrsdiensten oder Wetterprognosen.[17]

Für die Übermittlung der Datendienste haben sich Industrie und Dienste-anbieter auf das MOT-Protokoll (Multimedia Object Transfer) geeinigt. Über das MOT-Protkoll lassen sich beliebige Dateiformate übertragen, beispielsweise Text- oder Bilddateien.[18]

Auch UKW erlaubt die Übertragung digitaler Zusatzdienste. Mit RDS (Radio Data System) und TMC (Traffic Message Channel) seien an dieser Stelle die zwei wichtigsten Anwendungen genannt. Allerdings liegt dabei die nutzbare Datenrate mit 730 Bit/s deutlich unter der von DAB. Hier werden die Datendienste mit einer Bitrate von 64 Kbit/s gesendet.[19]

1.2.2 Das Datenreduktionsverfahren MUSICAM

Bei der Umwandlung analoger Toninformationen in digitale Daten- ströme entstehen sehr große Datenmengen, die unbearbeitet nur mit aufwendigen und teuren Verfahren gesendet und empfangen werden könnten.[20] Zudem machen es die beschränkt zur Verfügung stehenden Frequenzressourcen im Rundfunkbereich notwendig, die Programme so platzsparend wie möglich zu übertragen. Aus diesem Grund verfügt DAB über das Datenreduktionsverfahren MUSICAM (Masking Pattern Universal Subband Integrated Coding and Multiplexing), mit dem die Klangdaten vor der Übertragung komprimiert werden.[21]

Das MUSICAM-Verfahren basiert auf Effekten der Psychoakustik. Dabei nutzt es im wesentlichen zwei Eigenschaften des menschlichen Gehörs. Zum einen werden Töne, die unterhalb einer bestimmten Mindest-lautstärke liegen, vom menschlichen Ohr nicht mehr wahrgenommen. Diese Mindestlautstärke wird als „Ruhehörschwelle“ bezeichnet. Alle Töne, die unterhalb der Ruhehörschwelle liegen, müssen deshalb nicht mit übertragen werden. Zum anderen werden in einem Tonsignal die leiseren Anteile von den lauteren überlagert. Bei dem sich hieraus ergebenen Grenzwert spricht man von der „Mithörschwelle“ (vgl. Abbildung 2). Auch diese Toninformationen können herausgefiltert werden, da sie vom menschlichen Gehör nicht erfasst werden. Beide Effekte führen zu einer deutlichen Reduktion des zu übertragenden Datenstroms.[22]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Ruhe- und Mithörschwelle beim menschlichen Gehör

(Quelle: o.V. „Die Technik des DAB“, <http://www.ras.bz.it/dab/Technik.htm>, verfügbar am 07.11.2002)

Durch die Komprimierung mit MUSICAM kann das ursprüngliche Signal um bis zu 80 Prozent verkleinert werden, ohne dass dabei ein hörbarer Qualitätsverlust entsteht. Dieser Vorgang der Datenreduktion wird als „Quellencodierung“ bezeichnet.[23]

1.2.3 Das Übertragungsverfahren COFDM

Zusätzlich zur Quellencodierung erfolgt bei DAB eine „Kanalcodierung“, um eine störungsfreie Funkübertragung des digitalen Sendesignals zu gewährleisten.[24] Das entsprechende Verfahren hierfür heißt COFDM (Coded Orthogonal Frequency Division Multiplex). Dabei wird das zu übertragende DAB-Ensemble nach dem Zufallsprinzip auf 1.536 einzelne Trägerfrequenzen in einem 1,5 MHz breiten Frequenzband aufgeteilt und ausgestrahlt. Die Streuung der Daten auf ein breites Frequenzspektrum stellt einen wirkungsvollen Fehlerschutz dar, weil im Fall einer gestörten Funkübertragung nur einzelne Trägerfrequenzen jedoch nicht die gesamte Information verloren geht. Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit kann so
das ursprüngliche Signal durch Fehlerkorrekturverfahren rekonstruiert werden und die Störung für den Radiohörer unbemerkt bleiben. Beim herkömmlichen UKW-Rundfunk hingegen wird die gesamte Information auf eine einzige Trägerfrequenz aufmoduliert. Tritt eine Störung auf, wird so das gesamte Programm gestört.[25]

Darüber hinaus wird jede Trägerinformation mit einem sogenannten „Schutzintervall“ versehen. Dadurch ist es dem DAB-Empfänger möglich, Signalreflexionen, die zusätzlich zum ursprünglichen Signal eintreffen, eindeutig zu erkennen und auszuwerten. Ein solcher „Mehrwegeempfang“ tritt immer dann auf, wenn das Sendesignal an Gebäuden oder natürlichen Hindernissen reflektiert wird und mit zeitlicher Verzögerung auf mehreren Wegen zum Empfänger gelangt (vgl. Abbildung 3). Alle Signalanteile, die innerhalb des Schutzintervalls eintreffen, werden in einem Zwischen-speicher gesammelt und zu einer Gesamtinformation zusammengefügt. Die Signalreflexionen stellen somit eine zusätzliche Informationsquelle dar, auf die im Fall einer Störung des Direktsignals zurückgegriffen werden kann. Während der Mehrwegeempfang bei analogen Systemen wie UKW zu hörbaren Störgeräuschen führt, kann er bei DAB zu einer Verbesserung der Empfangsqualität beitragen.[26]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Mehrwegeempfang

(Quelle: Forschungsverbund Medientechnik Südwest „Digital Audio Broadcasting“, <http://www.foyer.de/fms/projekte/p_ii/p_ii_3/pii3_2/dig2.htm>, verfügbar am 29.11.2002)

1.2.4 Programmverbreitung über Gleichwellennetze

Durch die Unempfindlichkeit gegen Mehrwegeempfang ist es möglich, DAB über ein sogenanntes „Gleichwellennetz“ (Single Frequency Network, SFN) zu verbreiten. In einem solchen Netz strahlen alle Sendestationen ein DAB-Ensemble im selben Frequenzbereich aus. Dadurch kann ein Programm innerhalb seines Verbreitungsgebietes, beispielsweise in einem Bundesland, immer auf der gleichen Frequenz empfangen werden. Im UKW-Sendernetz ist das nicht möglich, weil sich benachbarte Sender gleicher Frequenz überlagern und somit stören würden.[27]

Die Ausstrahlung von Hörfunkprogrammen über ein Gleichwellennetz bringt sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich. Vorteile ergeben sich hierbei vor allem für den mobilen Empfang, weil der manuelle Frequenzwechsel während der Fahrt entfällt. Zudem wirkt sich der Gleichwellenbetrieb positiv auf die Stabilität des Radioempfangs aus.

Da im DAB-Empfänger nicht nur solche Daten ausgewertet werden,

die vom nächstliegenden Sender eintreffen, sondern auch die Signale benachbarter Sendestationen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines störungsfreien Empfangs.[28] Darüber hinaus ist das bestehende Sender-netz jederzeit durch zusätzliche Füllsender (sog. „Repeater“) erweiterbar, da auch sie auf der gleichen Frequenz ausstrahlen. Dadurch können Gebiete mit schlechtem Empfang nachträglich versorgt werden. Beim analogen UKW-Rundfunk mussten aufgrund gegenseitiger Störungen viele Frequenzen ungenutzt bleiben. Weil diese Störungen in einem Gleichwellennetz nicht mehr auftreten, sind die vorhandenen Frequenz-ressourcen effizienter nutzbar. Zudem genügt für den sicheren DAB-Empfang im Vergleich zu UKW eine wesentlich geringere Sendeleistung. Dadurch können langfristig nicht nur die Verbreitungskosten gesenkt, sondern auch die Belastung der Umwelt durch elektromagnetische Strahlung reduziert werden. Von Nachteil ist jedoch, dass es in einem Gleichwellennetz keine individuellen Sendegebiete mehr geben kann.

Alle Programme eines DAB-Ensembles werden in das selbe Versor-gungsgebiet ausgestrahlt. Da immer ein ganzes Sendernetz im voraus geplant werden muss, ist die nachträgliche Frequenzvergabe an einzelne Radiostationen nicht mehr möglich.[29]

1.3 Zusammenfassender Vergleich von UKW und DAB

In der Tabelle 1 werden nochmals die wichtigsten Unterschiede und damit verbundenen Vor- und Nachteile von UKW und DAB gegenübergestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile von UKW und DAB

(Quelle: Eigene Darstellung)

Der direkte Vergleich beider Übertragungssysteme macht deutlich, dass DIGITAL RADIO dem analogen UKW-Hörfunk in vielen Punkten technisch überlegen ist. Neben der besseren Klangqualität betrifft das vor allem den störungsfreien Empfang, die höhere Frequenzökonomie und den kosten- günstigeren Sendebetrieb.

Allerdings weist auch DIGITAL RADIO einige recht schwerwiegende Nachteile auf. Insbesondere die durch den Gleichwellenbetrieb bedingte unflexible Sendegebietsplanung wird meines Erachtens langfristig zu einer Veränderung des Hörfunkmarktes und der Hörgewohnheiten führen. Da alle Programme eines DAB-Ensembles das identische Verbreitungsgebiet besitzen, kann es bei DIGITAL RADIO im Gegensatz zu UKW keine individuellen Wechselwirkungen zwischen Sendegebiet, Senderstandort und Hörer geben. Auch das Einbetten lokaler Radioprogramme (sog. „Fensterprogramme“) ist im Gleichwellenbetrieb nicht mehr möglich. Zudem weisen die einzelnen DAB-Sendegebiete aufgrund der geringeren Sendeleistung kaum Überreichweiten auf. Das hat zur Folge, dass Hörer in Ballungsräumen oder in der Nähe von Landesgrenzen, die gegenwärtig eine Vielzahl von Radioprogrammen empfangen können, bei DIGITAL RADIO darauf verzichten müssen.[30]

Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass sich das System DIGITAL RADIO in technischer Hinsicht zwar eignet, den UKW-Hörfunk

in Deutschland abzulösen, jedoch hierdurch eine Veränderung der beste-henden Hörfunklandschaft zu erwarten ist.

2 Die Einführung von DIGITAL RADIO in Deutschland

Im Oktober 1997 beschlossen die Ministerpräsidenten der Bundesländer,

DAB als digitales Nachfolgesystem für den Hörfunk in Deutschland einzuführen.[31] Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt waren daraufhin die ersten Bundesländer, die 1999 den sogenannten „Regel-betrieb“ von DIGITAL RADIO aufnahmen. Ausgangspunkt für den regulären Sendebetrieb waren hier wie auch in anderen Bundesländern Pilotprojekte, in denen DAB seit 1995 erprobt wurde.[32] Im folgenden Kapitel sind sowohl die Pilotprojekte als auch die an der DAB-Einführung beteiligten Interessengruppen Gegenstand der Betrachtung. Zuvor werden jedoch die frequenztechnischen Voraussetzungen für die Einführung von DIGITAL RADIO in Deutschland dargestellt.

2.1 DAB - Frequenzen im Band III und L-Band

Weil die Ressourcen im UKW-Frequenzband[33] weitestgehend erschöpft sind, mussten für die Einführung von DIGITAL RADIO andere Frequenzen gefunden werden. DIGITAL RADIO wird deshalb in Deutschland über ungenutzte Frequenzen im Fernsehband III (174 - 230 MHz) und das

L-Band (1452 - 1492 MHz) verbreitet.[34] Grundlage hierfür ist der 1995 verabschiedete „Wiesbadener Plan“, der die europaweite Ausstrahlung von DAB in diesen Frequenzbändern vorsieht. Damit stehen jedem Bundesland derzeit die Frequenzen für den Aufbau von zwei DAB-Versorgungsnetzen (sog. „Bedeckungen“) zur Verfügung. Eine erste Bedeckung im Band III dient dabei zur landesweiten Ausstrahlung von Hörfunkprogrammen und eine weitere Bedeckung im L-Band zur regionalen und lokalen DAB-Versorgung.[35] Zu diesem Zweck wurden die TV-Kanäle (5 - 12) im Band III in jeweils vier Frequenzblöcke (A, B, C, D) aufgeteilt. Daraus ergeben sich Bezeichnungen wie beispielsweise 8C oder 12D. Um gegenseitige Störungen auszuschließen, ist jedem Bundes-land ein fester Frequenzblock zugewiesen (vgl. Abbildung 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: DAB-Blockbelegung für Deutschland im Band III

(Quelle: Lehari, V. „DAB - Hörfunk in CD-Qualität“, <http://www.lehari.ch/reports/ data_rep/reports/SAE/fachar.htm>, verfügbar am 29.12.2002)

Die Zuteilung der Frequenzblöcke erfolgte so, dass Bundesländer mit der selben Frequenz ausreichend weit auseinander liegen.[36] Auch das L-Band wird für die Ausstrahlung von DIGITAL RADIO in einzelne Frequenzblöcke unterteilt. Hierbei wurde der gesamte Frequenzbereich in insgesamt neun DAB-Blöcke (LA, LB, LC, LD, LE, LF, LG, LH, LI) aufgeteilt und bestimmten Regionen zugewiesen (vgl. Abbildung 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: DAB-Blockbelegung für Deutschland im L-Band

(Quelle: Lehari, V. „DAB - Hörfunk in CD-Qualität“, <http://www.lehari.ch/reports/ data_rep/reports/SAE/fachar.htm>, verfügbar am 29.12.2002)

Die Versorgungsgebiete im L-Band sind im Gegensatz zum Band III deutlich kleiner bemessen und so ausgerichtet, dass sie jeweils einzelne Städte oder Ballungsgebiete mitsamt ihrem Umland abdecken.[37] Über jeden Frequenzblock im Band III bzw. L-Band lässt sich im Gleich-

wellenbetrieb ein DAB-Ensemble ausstrahlen. Dadurch sind je Region theoretisch 12 - 14 digitale Radioprogramme empfangbar.[38]

In Deutschland werden die DAB-Frequenzblöcke durch die RegTP (Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post) vergeben. Weil

der Rundfunk nach dem deutschen Verfassungsrecht unter der Hoheit

der Länder steht, ist der Ausgangspunkt für die Frequenzvergabe ein entsprechender Versorgungswunsch und die Bedarfsanmeldung eines Bundeslandes.[39] Die Ausschreibung der Frequenzen und die Vergabe von DAB-Sendelizenzen an Programmveranstalter erfolgt durch die jeweilige Landesmedienanstalt.

2.2 Pilotprojekte in Deutschland

Zwischen 1995 und 1999 wurden in zehn deutschen Bundesländern

DAB-Pilotprojekte durchgeführt. Der Schwerpunkt lag dabei mit Bayern und Baden-Württemberg im Süden Deutschlands. Weitere Pilotprojekte gab es in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Brandenburg, Hessen, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg und Bremen verzichteten dagegen auf einen DAB-Probebetrieb. Die norddeutschen Bundesländer waren ursprünglich skeptisch in Bezug auf DAB und favorisierten das System DVB-T[40] (Digital Video Broadcasting-Terrestrial) zur digitalen Übertragung von Hörfunkprogrammen. Die Medienanstalten aller Bundes-länder einigten sich jedoch im Oktober 1999 darauf, DAB für den Hörfunkbereich einzuführen.[41]

2.2.1 Zielsetzung

Zentrales Ziel der Pilotprojekte war die Erprobung der Sende- und Empfangstechnik sowie die Erkundung des Publikumsinteresses an DIGITAL RADIO. Zu diesem Zweck fanden bei allen Pilotprojekten begleitende Akzeptanzuntersuchungen statt. Um die neue Technik erproben zu können, wurden insgesamt ca. 120 Radioprogramme über DAB ausgestrahlt. Dabei handelte es sich zumeist um Programme, die bereits über UKW zu empfangen sind. Nur etwa ein Drittel waren neue Programme, die ausschließlich über DAB gehört werden konnten. Darüber hinaus war die Erprobung von Datendiensten Gegenstand der Pilotprojekte. Träger dieser Projekte waren die Deutsche Telekom, die Landesmedienanstalten und die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der ARD.[42]

[...]


[1] terrestrisch = erdgebundene Übertragung von Rundfunkprogrammen und deren Empfang über Antenne

[2] vgl. Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) (Hrsg.) „Digitalisierung der Terrestrik“ Stuttgart 2001, S. 16 f.

[3] vgl. Initiative Digitaler Rundfunk (IDR) - Arbeitsgruppe Digital Radio (Hrsg.) „Sachstandsbericht Digital Radio in Deutschland“ München 2002, S. 3

[4] vgl. ebd., S. 4

[5] vgl. Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation e.V. (VPRT) (Hrsg.) „Digital Radio in Deutschland - Facts and Figures“ Berlin 2002, S. 3

[6] vgl. Heinrich, J. „Medienökonomie“ (Band 2: Hörfunk und Fernsehen) Wiesbaden 1999, S. 74

[7] vgl. DAB-Glossar, <http://www.digitalradio-info.de/background/glossar.php>,

verfügbar am 05.11.2002

[8] vgl. Grundig AG (Hrsg.) „DAB. Das digitale Rundfunksystem der Zukunft“ Fürth 1999, S. 8

[9] vgl. Deutsche TV-Plattform e.V. (Hrsg.) „Fernsehen Heute und Morgen“ (Band 1) Frankfurt 2000, Register 9 - S. 2

[10] vgl. Grundig AG (Hrsg.) „DAB. Das digitale Rundfunksystem der Zukunft“ Fürth 1999, S. 5

[11] vgl. DAB-Technik, <http://www.digitalradio-info.de/background/technik.php>,

verfügbar am 05.11.2002

[12] vgl. Gründel, N. „Digital-Radio“ in: Gongolsky, M. (Hrsg.) „Hörfunk der Zukunft“ Bonn 2002,

S. 43

[13] vgl. ebd.

[14] Datenrate = Anzahl der übertragenden Bits je Sekunde; Die Datenrate wird auch als Bit- bzw. Übertragungsrate bezeichnet.

[15] vgl. Gongolsky, M. „Hörfunk auf neuen Wegen - Antenne“ in: Gongolsky, M. (Hrsg.) „Hörfunk der Zukunft“ Bonn 2002, S. 85 - 88

[16] vgl. Lauer, B. „Freie Fahrt für Digital Radio” in: Digital Radio spezial 01/2002, S. 12

[17] vgl. Grundig AG (Hrsg.) „DAB. Das digitale Rundfunksystem der Zukunft“ Fürth 1999, S. 11

[18] vgl. DAB-Glossar, <http://www.bmt-online.de/dab/glossar.html>, verfügbar am 05.11.2002

[19] vgl. Lauer, B. „Freie Fahrt für Digital Radio” in: Digital Radio spezial 01/2002, S. 11 f.

[20] vgl. Gründel, N. „Digital-Radio“ in: Gongolsky, M. (Hrsg.) „Hörfunk der Zukunft“ Bonn 2002,

S. 43

[21] vgl. Grundig AG (Hrsg.) „DAB. Das digitale Rundfunksystem der Zukunft“ Fürth 1999, S. 8

[22] vgl. DAB-Technik, <http://www.digitalradio-info.de/background/technik.php>,

verfügbar am 05.11.2002

[23] vgl. Gongolsky, M. „Hörfunk auf neuen Wegen - Antenne“ in: Gongolsky, M. (Hrsg.) „Hörfunk der Zukunft“ Bonn 2002, S. 87

[24] vgl. ebd.

[25] vgl. o.V. „Die Technik des DAB“, <http://www.ras.bz.it/dab/Technik.htm>, verfügbar am 07.11.2002

[26] vgl. Grundig AG (Hrsg.) „DAB. Das digitale Rundfunksystem der Zukunft“ Fürth 1999, S. 10

[27] vgl. Risse, D. „Digital Radio - Hintergrund und Technik (2)“ in: rfe 12/2002, S. 41

[28] vgl. Grundig AG (Hrsg.) „DAB. Das digitale Rundfunksystem der Zukunft“ Fürth 1999, S. 10

[29] vgl. Rein, S. „Das Ende von UKW? - DAB und die Folgen“, <http://www.querfunk.de/ dab/dab.html>, verfügbar am 07.08.2002

[30] vgl. Rein, S. „Das Ende von UKW? - DAB und die Folgen“, <http://www.querfunk.de/ dab/dab.html>, verfügbar am 07.08.2002

[31] vgl. Initiative Digitaler Rundfunk (IDR) - Arbeitsgruppe Digital Radio (Hrsg.) „Sachstandsbericht Digital Radio in Deutschland“ München 2002, S. 1

[32] vgl. Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation e.V. (VPRT) (Hrsg.) „Digital Radio in Deutschland - Facts and Figures“ Berlin 2002, S. 9 ff. / S. 29

[33] UKW verwendet das Band II mit einem Frequenzbereich von 87,5 - 108 MHz.

[34] vgl. Lauer, B. „Freie Fahrt für Digital Radio” in: Digital Radio spezial 01/2002, S. 7

[35] vgl. Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) (Hrsg.) „Atlas Digital Radio Deutschland 2001“ Ludwigshafen 2001, S. A-1

[36] vgl. DAB-Glossar, <http://www.bmt-online.de/dab/glossar.html#Band_III>,

verfügbar am 05.11.2002

[37] vgl. DAB-Glossar, <http://www.bmt-online.de/dab/glossar.html#L-Band>,

verfügbar am 05.11.2002

[38] vgl. Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) (Hrsg.) „Atlas Digital Radio Deutschland 2001“ Ludwigshafen 2001, S. A-1

[39] vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) (Hrsg.) „Startszenario 2000“ (Dokumentation Nr. 481) Berlin 2000, S. 35

[40] Im Kapitel 4.2.1 wird auf das System DVB-T unter dem Gesichtspunkt einer digitalen Hörfunkausstrahlung noch genauer eingegangen.

[41] vgl. Rein, S. „Das Ende von UKW? - DAB und die Folgen“, <http://www.querfunk.de/dab/ dab.html>, verfügbar am 07.08.2002

[42] vgl. Schröder, H.-D. „Digital Radio (DAB) - Kurzer Überblick über den Stand des terrestrischen digitalen Hörfunks“ Hamburg 1999, S. 5 ff.

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
DIGITAL RADIO in Deutschland - Entwicklungsstand und Perspektiven
Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)  (Fachbereich Medien)
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
79
Katalognummer
V14744
ISBN (eBook)
9783638200592
Dateigröße
2004 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DIGITAL, RADIO, Deutschland, Entwicklungsstand, Perspektiven
Arbeit zitieren
Mike Schliekau (Autor), 2003, DIGITAL RADIO in Deutschland - Entwicklungsstand und Perspektiven, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14744

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