Neue Medien im Fremdsprachenunterricht - Anspruch und Wirklichkeit


Bachelorarbeit, 2009
44 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Neue Medien – Ein Überblick

3. Computer-Assisted Language Learning (CALL)
3.1 Geschichte
3.2 Allgemeine Möglichkeiten der PC-Nutzung im Unterricht
3.3 Auditive und Audiovisuelle Medien im Fremdsprachenunterricht
3.4 Grundlagen des Sprachlernens mit Multimedia
3.5 Differenzierung der CALL Medien

4. Neue Anforderungen für Lehrer und Lerner
4.1 Medienpädagogik
4.2 Medienkompetenz
4.3 Medieninnovation

5. Internet und dessen Einfluss auf den Fremdsprachenunterricht
5.1 Probleme und Gefahren
5.2 Relevanzkriterien und Suchstrategien

6. Evaluierung von Software in Hinblick auf die Brauchbarkeit für den Fremdsprachenunterricht
6.1 Hot Potatoes
6.2 LingoFox

7. Die Kehrseite der Neuen Medien

8. Schlussbemerkung

9. Literaturverzeichnis

10. Selbstständigkeitserklärung

1. Einleitung

„Ausgehend von einem Primat der Didaktik (und nicht der Technik) ist also zu fragen, wie und an welcher Stelle die Möglichkeiten neuer Informationstechnologien sinnvoll in aktuelle Unterrichtskonzepte eingebunden werden können. Denn: "Über den Nutzen des Computers in der Pädagogik nachzudenken, heißt nicht, über Computer nachzudenken, sondern über Pädagogik nachzudenken." (Ellis 1984)[1]

Die neue und komplexe Medienwelt in der wir leben, stellt Anforderungen die auf unsere bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse nicht rückführbar sind. Die neuen Technologien und Interaktionsmöglichkeiten durchdringen unser tägliches Leben und zwingen uns unweigerlich zu einer Auseinandersetzung mit der Materie. Wir leben im 21. Jahrhundert in einem teils virtuellen, audiovisuellen und durch elektronische Medien geprägten Zeitalter, welches gezeichnet ist durch eine rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie. Kinder wachsen daher heutzutage, entgegen ihrer Eltern früher, völlig selbstverständlich mit Computern auf. Für diese Kinder gehört der Einstieg in die Computerwelt zu einem natürlichen Lernprozess, da der Computer dabei, fast schon so selbstverständlich wie TV, Radio oder Telefon, im Haushalt vorhanden ist und vielfältig genutzt wird. Auch wenn viele Betreuer, Lehrer, Erziehende und Eltern oftmals aus Skepsis, Befürchtungen oder Vorurteilen, die Nutzung der Computer durch Kinder ablehnen, ist der Umgang mit den neuen elektronischen Medien ein erforderlicher Bestandteil der Eingliederung in die Gesellschaft. Dabei machen die Neuen Medien auch nicht Halt wenn es um die Beeinflussung des Fremdsprachenunterrichts geht. Die Etablierung der Neuen Medien in der Gesellschaft und der Multimedia-Boom der letzten Jahre reduzierte die Skepsis und kritische Haltung unter Medienpädagogen, Eltern und Lehrern und führte zu einer regelrechten Euphorie. Dies führte aber auch dazu dass wichtige Faktoren die zum Erfolg einer multimedialen Lernplattform bzw. Lernsoftware beitragen, zu wenig beachtet wurden. Zwar wurde viel Geld im Software- und Hardwarebereich investiert, Schulen mit Computern und Internetanschluss ausgestattet, dennoch wurden pädagogisch-didaktische Aspekte hinten angestellt. Lernprogramme werden von Firmen oft nur aus Geldgier übereilt auf den Markt geworfen und bieten weder ausreichend didaktischen Hintergrund noch Nachhaltigkeit und Nutzen. Ein ähnliches Problem herrscht im Bereich der Onlineanwendungen von Lernsoftware. Diese Probleme bedürfen einer genauen Betrachtung und Evaluierung und müssen analysiert und diskutiert werden. Es ist unabdingbar Wirkungen und Aufgaben dieser neuen Kommunikationsformen aufzuzeigen und auch auf Gefahren und Folgen hinzuweisen. In meiner Arbeit werde ich den Bereich der Neuen Medien im Fremdsprachenunterricht unter dem Aspekt „Anspruch und Wirklichkeit“ betrachten. Dabei werde ich mich genauer mit dem computerunterstützten Lernens einer Sprache, welches im anglo-amerikanischen Sprachraum und auch verstärkt weltweit einheitlich als Computer Assisted Language Learning (CALL) bezeichnet wird, beschäftigen. Darunter fallen auch Aspekte wie Veränderungen für Lehrer und Lerner, der Einfluss von Internet auf den Fremdsprachenunterricht sowohl als auch wichtige Aspekte wie Medienkompetenz und Medienpädagogik. Desweiteren werde ich die Änderungen und Unterschiede zum traditionellen Unterricht darlegen und diskutieren. Welche theoretischen Möglichkeiten bietet uns die Nutzung der Neuen Medien im Unterricht? Welche Probleme können auftreten? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein für den richtigen Umgang mit diesen neuen technischen Möglichkeiten?

2. Neue Medien – Ein Überblick

Bereits im Jahr 1982 definierte Dietrich Ratzke in seinem „Handbuch der Neuen Medien“ den Begriff als „alle Verfahren und Mittel (Medien), die mit Hilfe neuer oder erneuerter Technologien neuartige, also in dieser Art bisher nicht gebräuchliche Formen von Informationserfassung und Informationsbearbeitung, Informationsspeicherung, Informationsübermittlung und Informationsabruf ermöglichen“[2]. Heute, zwei Jahrzehnte später, ist diese Definition immer noch aktuell, der Begriff der Neuen Medien aber ist unweigerlich komplexer geworden und bedarf einer genaueren Untersuchung. Bereits in den 1970er Jahren bezeichnete der Begriff „Neue Medien“ Massen- und Speichermedien. „Heute steht der Begriff vor allem für digitale und computerbasierte Informations- und Medienkommunikationstechnologien“, so Schädlich.[3] Die Neuen Medien umfassen die Kommunikationsformen, welche auf Daten in digitaler Form zugreifen und oder diese digital übermitteln. Dazu zählen die Bereiche E-Mail, Internet, CD, DVD, Blu-Ray und mp3. Darüber hinaus bieten neue Plattformen wie Multimedia- und Internetrechner z.B. technische Lösungen für neue Formen von Bildungsangeboten im Unterricht und besonders beim Lehren und Lernen von Fremdsprachen. Wie Tschirner[4] feststellt, ist es daher verständlich, dass das öffentliche Interesse, welches den Neuen Medien entgegengebracht wird, sehr groß ist. Genauso groß sind die Hoffnungen und Erwartungen, die mit diesen Neuen Medien im Fremdsprachenunterricht wie im Bildungsbereich insgesamt verknüpft sind, denn diese Neuen Medien besitzen, nicht nur auf Grund der Einfachheit und Zugänglichkeit, doch die besten Voraussetzungen für neue Impulse im Unterricht.[5] Betrachtet man die Anwendungsformen der Neuen Medien genauer, so beinhalten diese größtenteils die Bereiche PC, Sprachlernsoftware, E-Mail-Tandems, CDs, DVDs, Kassetten und Videos. Allein auf Grund der neuen Möglichkeiten im Unterricht, bieten die Neuen Medien Anlass zu einer Neudefinition des Begriffs „Lernen im Fremdsprachenunterricht“. Ein wichtiger Schritt dazu ist die Abkehr von einseitiger Wissensvermittlung und Lehrerzentriertheit hin zu einem interaktiven, lebendigen Lernvorgang.[6] Der Spracherwerb ist dabei nicht aus einer einzigen Perspektive heraus erklärbar, es müssen auch strukturalistische und kognitive Positionen in neue Theorien integriert werden. Der Gebrauch von Neuen Medien wird gefördert durch Konstruktivismus.[7] Lernen ist dabei ein aktiver Konstruktionsprozess von Vorwissen und neuen Daten, so Tschirner. Der Unterricht mit Neuen Medien eröffnet auch die Möglichkeit des selbstbestimmten, erfahrungsgeleiteten und entdeckenden Lernens. Es gibt keine dekontextualisierte Wissensvermittlung und keine extern geplanten Instruktionen.[8] Es ist weiterhin unabdingbar dass pädagogisch versierte Lehrer vorhanden sind, weil sie das Wissen um das Endprodukt und die Fertigkeiten haben, komplexere Lernprozesse in notwendige Zwischenschritte zu gliedern, effektive Übungssequenzen zu erstellen, Feedback zu geben und Lernprozesse zu optimieren. Man spricht dabei vom so genannten Expertenwissen was vorhanden ist. Ein weiterer wichtiger Punkt bei der Betrachtung von Neuen Medien ist der Fakt, dass fremdsprachendidaktische Fragestellungen nach bewussten Sprachanstrengungen und unbewussten Erwerbsprozessen zum Aufbau kommunikativer Handlungskompetenz beitragen.[9] Wenn man Neue Medien im Unterricht analysiert, muss man auch hinterfragen welche Rolle Multimedia und PCs allgemein bei der Unterstützung bei diesen Prozessen spielen. Den Einsatz und das Ausmaß von computergestützten Sprachlernen werde ich im Folgenden genauer diskutieren.

3. Computer-Assisted Language Learning (CALL)

Der Begriff „CALL“ beschreibt im Allgemeinen die Nutzung von computergestützten Lernprogrammen, welche einzelnen Lernern oder Lerngruppen Aufgaben zur Verfügung stellen und präsentieren, anschließend deren Lösungsvorschläge analysieren und korrigieren und das Programm abhängig vom jeweiligen Vorschlag weiterführen.[10] Wenn man den Bereich CALL allgemein betrachtet, geht man von drei unterschiedlichen Typologien aus. Bei „Behavioristisches CALL“ dient der Computer nur als Tutor, welcher auf die Abarbeitung automatisierter Routinen abzielt. Dabei ist Lernen ein sich stets wiederholender Vorgang.[11] Das „Kommunikative CALL“ dagegen geht von einem Ansatz aus, so Hess, welcher eine Kommunikation zwischen Maschine und Lerner herstellen soll. Dabei kann der Computer als Werkzeug als auch als Stimulus für den Lerner dienen. Eine dritte Form des CALL sieht Hess als „Integratives CALL“. Diese Typologie muss der Lerner sich, auf Grund der Komplexität der Bereiche Multimedia und Internet, stärker integrieren, Kompetenzen erlangen und sein Lernen systematisch steuern.[12] Diesen vielschichtigen und verzweigten Bereich werde ich in meiner Arbeit genauer analysieren und diskutieren.

3.1 Geschichte

Betrachtet man die historische Entwicklung des CALL, so steht diese in direktem Zusammenhang mit der ständigen Weiterentwicklung der Computertechnik und dessen Entwicklung zum Massenkonsumgut. Computer werden immer leistungsfähiger und die technischen Möglichkeiten gestatteten es bereits vor Jahren, nicht nur Texte sondern auch Audio- und Videodateien in Lernprogramme einzubauen. Jörg Salzmann[13] unterscheidet drei Phasen in der Geschichte des Computer Assisted Language Learnings . Die erste Phase bezieht sich auf die Jahre 1960 bis 1975 und war gekennzeichnet von der Tatsache, dass versucht wurde verschiedene Bildungsprobleme mit Hilfe neuer technologischer Möglichkeiten zu lösen. Die Lernprogramme dieser Zeit waren oft nur Sprachlernprogramme, die aus sich immer wiederholenden Übungen („drill and practice“) bestanden, z.B. PLATO, welches Sprachkurse zum Erwerb der russischen Sprache anbot.[14] Die zweite Phase des CALL von Mitte der 1970er bis Ende der 1980er Jahre beendete die Ära der Großrechneranlagen und war vor allem geprägt durch das Aufkommen von massenproduzierten Heim-Computern, wie dem C64 und den standardisierten IBM-PCs. Der Markt für Lernprogramme vergrößerte sich erheblich in diesem Zeitraum. Das Problem bestand aber darin, dass Programmierer oft keine ausreichenden didaktischen Kenntnisse hatten und daher nicht wussten, wie man ein interessantes Lernprogramm schreiben muss, welches auch wirklich dauerhaft benutzt wird. Im Gegensatz zum behavioristischen Ansatz der Programme in den 1970er Jahren, war diese zweite Phase durch einen kommunikativen Ansatz geprägt, welche auf Basis realer Alltagskommunikation eine authentische Kommunikation des Lernenden möglich machen sollte und wesentlich mehr Vielseitigkeit bieten wollte, so Salzmann.[15] Die bis heute andauernde dritte Phase steht für die stetige Optimierung der Rechner. Ein wichtiger Punkt dabei ist die Ausstattung mit CD –und DVD-Laufwerken, welche Multimedia-Anwendungen möglich machte. Überdies hinaus steht die dritte Phase des CALL für die unzähligen Möglichkeiten welche das Internet bietet. Diese Phase ist geprägt durch einen integrativen Ansatz des CALL, bei dem versucht wird, die technischen Möglichkeiten und das Internet zusammen in einem gemeinsamen Konzept im Rahmen des Sprachlernens zu integrieren.[16] Die sogenannte „Computer Mediated Communciation (CMC)“ bot zum ersten Mal eine kostengünstige und unkomplizierte Kommunikationsmöglichkeit zwischen Partnern, sowohl asynchron (E-Mail) als auch synchron (Chat Programme).[17] Die Sprachlernmedien können hier so realitätsnah wie möglich gestaltet werden. Dabei müssen die Lernenden stets vom Lehrer im Umgang mit den Lernmedien eingewiesen werden, jedoch zeigt sich, dass Schüler und Studenten bereits sehr oft ein großes Wissen haben im Umgang mit Computern welches oft größer ist als das des Dozenten. Diese Aspekte werde ich später noch genauer erläutern.

3.2 Allgemeine Möglichkeiten der PC-Nutzung im Unterricht

Ein essentieller Bestandteil des CALL ist der Computer, deswegen möchte ich kurz auf die allgemeinen Möglichkeiten der Nutzung eingehen. Betrachtet man die wesentlichen Grundfunktionen eines Computers, so stellt man fest dass unerlässliche Faktoren vorhanden sind welche im Fremdsprachenunterricht genutzt werden können. Löschmann geht dabei auf diverse Funktionen genauer ein. Die Möglichkeit der Textverarbeitung bietet den Lernern und Lehrern die Möglichkeit dass Texte als „Muster für Sprachproduktion, Rezeptionsvorlage und Sprechanlass“[18] bereitgestellt werden können. Dabei kann das Schreiben allein oder in Kleingruppen funktionieren. Das Schreiben am PC hat den Vorteil dass Hilfsmittel wie Rechtschreibprüfung, Thesauri oder virtuelle Wörterbücher verwendet werden können. Eine Datenverwaltungsfunktion ermöglicht es der Lehrkraft Daten zu gruppieren und Arbeiten der Schüler zu speichern.[19] Darüber hinaus bieten Computer im Fremdsprachenunterricht die Möglichkeit der Datenaufbereitung, z.B. mit Konkordanzprogrammen, welche ein induktives Lernen ermöglichen.[20] Die Datenübermittlungsfunktion bieten ebenfalls nützliche und interessante Möglichkeiten für den Unterricht, da dieser Bereich Kommunikationsformen wie E-Mail und Chatprogramme erst ermöglicht. Die Lernorganisierende Funktion, so Löschmann, dient dem Lerner zum finden und dokumentieren seines Lernweges mit Hilfe von Programmen im multimedialen Verbund[21]. Dagegen dient die Spielfunktion eines Computers der Motivation, Interaktion und Kreativität. Dennoch stellt Löschmann, trotz der vielen Förderlichkeiten und Vereinfachungen welche die Verwendung von Computern bietet, fest dass die Sprachprogramme letzlich nur auf „algorithmischen und algorithmisierten Prozessen“[22] beruhen, die sprachliche Kommunikation dagegen nach „logischen Regeln“ funktioniert.Löschmann stellt abschließend fest: „Die Kontextabhängigkeit sprachlicher Äußerungen, ihre soziokulturelle Bedingtheit, die Rolle von Mimik und Gestik in der Kommunikation weisen über das Sprachsystem hinaus."[23] Zum Bereich Neue Medien zählen neben dem Gebiet „CALL Software“ auch „Multimediale CD-ROM“ und „Internetangebote“. Die Kriterien welche im Bereich Multimedia eine Rolle spielen werde ich im nachfolgenden Bereich erläutern und dabei auf Vor- und Nachteile dieser Art von Unterricht eingehen.

3.3 Auditive und Audiovisuelle Medien im Fremdsprachenunterricht

Wie Studien zeigen, gibt es Unterschiede in der Aufnahmefähigkeit von auditiven und audiovisuellen Medien beim Lerner. Beim Zuhören wird 20%, Sehen 30%, Hören + Sehen 50% des Materials behalten[24]. Diesen Vorteil des audiovisuellen Wahrnehmens untermauern die Neuen Medien, da hier die Rahmenbedingungen besser geschaffen sind als dies mit traditionellen Lehrwerken möglich ist. „Je mehr Sinneskanäle beteiligt sind, desto grösser ist der Lernerfolg“, so Aufenanger.[25] Die Nutzung von auditiven und audiovisuellen Medien hat im Fremdsprachenunterricht viele entscheidende Vorteile. Sie sind oft die einzige Möglichkeit authentische Muttersprachler zu hören, seien es Hörkassetten oder Videos. Durch diese Möglichkeit der Übung und Verständigung wird das Lernen authentischer und auch verständlicher. Ein gewisser landeskundlicher Informationswert wird ebenfalls vermittelt, welcher hilft bei der Semantisierung und situativen Einbettung eines Textes. Auch bieten derartige Medien eine höhere Motivation und Abwechslung, was beim Lernen einer neuen Sprache im Vordergrund stehen sollte. Auditive und Audiovisuelle Medien dienen der Individualisierung, Differenzierung und Intensivierung des Lernprozesses. Durch das Erhöhen der Selbständigkeit der Lernenden und das Ansprechen unterschiedlicher Lerntypen bietet das Lernen mit neuen Medien auch die Möglichkeit des selbständigen Weiterlernens außerhalb des Unterrichts. Auf Grund dieser Aspekte ist es wichtig, den Begriff „Multimedia“ zu definieren und näher zu betrachten.

3.4 Grundlagen des Sprachlernens mit Multimedia

Betrachtet man die letzten Jahre, so kann eine deutliche Entwicklung von Multimediasoftware und deren Einsatz im Fremdsprachenunterricht beobachtet werden. Nicht nur deswegen bietet es sich an verschiedene Definitionen von Multimedia zu hinterfragen, denn bisher gibt es keine eindeutige Begriffsbestimmung. Eine Erste, welche zu nennen ist, ist die Auslegung von Helmert, welcher argumentiert: „Multimedia ist die Integration von verschiedenartigen Medien. Voraussetzung dabei ist, dass die Medien einen inhaltlichen Bezug zueinander haben, der didaktisch begründbar ist.“[26] Laut Plass wird der Begriff „Multimedia“ grob definiert als computer-basierte Präsentation von Informationen in Form von Text, Bildern, Video, Animationen und Sound[27] wobei aber mindestens eine zeitbasierte Konstante wie Video oder Sound enthalten sein muss. Einen anderen interessanten Definitionsansatz findet man dagegen bei Hoeren. Multimedia ist „eine Synthese und ganzheitliche Nutzung verschiedener Medien. Bild (Film und Photographie), Ton und Text sind nicht mehr getrennte Werkgrößen, sondern können dank der Digitalisierung zu einer neuen Einheit verknüpft werden“. [28] Wie man feststellt, lässt sich das Ausmaß von Multimedia breitgefächert gliedern, dennoch kann man die wesentlichen Punkte herausfiltern. Der Begriff Multimedia zeichnet sich insbesondere durch digitale Inhalte aus, welche natürlich dem Unterricht zugute kommen können. Um Multimedia in den Bereich des Fremdsprachenlernens einzubetten, ist es wichtig, erst die theoretischen Grundlagen zu besprechen. Die besonderen Merkmale des Lernens mit Multimedia zeigen sich vor allem in den Möglichkeiten der Präsentation von Informationen. Dazu zählen Präsentationsformen wie Text, Bild, Ton, Video und Animation. Laut Plass werfen diese Möglichkeiten Fragen auf „die sich auf das Lernen mit diesen Informationen beziehen“[29] und auch „kognitive Prozesse durchlaufen welche die Lernenden beim Verarbeiten dieser Informationen durchlaufen“.[30] Als wichtigstes Potential der Lernwirksamkeit von Multimedia ist das Erlangen von Aufmerksamkeit und Motivation zu nennen. Diese beiden Faktoren sind zwar unabdingbar für das Auswählen relevanter Informationen, „sie sind jedoch nicht die alleinigen Faktoren, die Einfluss auf die beim Lernen ablaufenden kognitiven Prozesse haben“[31], so Plass. Weitere Faktoren sind die Verständlichkeit der Materialien und ihre Relevanz für den Lernenden. Beim Betrachten dieser Faktoren zeichnet sich ein weiterer wichtiger Vorteil vom Einsatz von Multimedia beim Sprachlernen ab, nämlich „die Möglichkeit der Gestaltung konstruktivistischer Lernumgebungen.“[32] Lerner sind hierbei aktiv an der Konstruktion von Wissen beteiligt und nicht nur bloße „Empfänger“ von Informationen[33]. Es ist aber auch anzumerken, dass die Präsentation von Informationen im Bereich Multimedia unter gewissen Umständen das Lernen beeinträchtigen kann. Die Benutzung von Multimedia im Fremdsprachenunterricht hat daher selbstverständlich neben den Vorteilen auch Nachteile. Die wesentlichen Vorzüge kann man in zwei Bereiche einteilen. Zum einen bieten sich kognitive/ lerntheoretische Vorteile. Authentisches (Sprach)Material ist leicht in den Unterricht einzubringen z.B. durch authentische Kommunikation in E-Mail Projekten. Es existiert eine Steigerung der Abrufbereitschaft von Informationen im Gehirn durch multimediale Präsentation. Anwendung in unterschiedlichsten Bereichen ist möglich, z.B. Textverstehen, Spracherkennung, etc. Die Lerner können sich bei vorhandenem Angebot zwischen den einzelnen Übungsformen entscheiden (Lernertypen: z. B. Hörverständnis vs. Leseverständnis). Des Weiteren gibt es natürlich auch technische Vorteile. Die Integration der unterschiedlichen Medien in Anwendungsprogrammen ist wichtig, außerdem gibt es fast beliebige Kombinationsmöglichkeiten der Medien. Es ist eine schnelle und platzsparende Speicherung und Organisation von verschiedenen Medien möglich und durch das Internet und Speichermedien gibt es eine schnelle und sichere Übermittlung von Daten der unterschiedlichsten Formate über beliebige Entfernungen hinweg. Auch Sprachaus- und eingabe ist technisch möglich. Eine Einschränkung im Bereich von Multimedia ist aber, dass der Lerner eine gewisse Medienkompetenz besitzen muss und auch der Einsatz von Computern gerechtfertigt sein muss. Des Weiteren muss auch das verwendete Programm der derzeitigen Unterrichtssituation und den didaktischen Ansprüchen gerecht werden. Es ist sehr wichtig, dass die verwendeten Medien sinnvoll eingesetzt werden. Grundsätzlich kann man sagen dass die Multimediamaterialen den für den Spracherwerb wichtigen authentischen Input liefern und diese Materialien es ermöglichen auf vielfältige Weise den mündlichen Input steuerbar zu machen. Multimediamaterialien ermöglichen neue Qualitäten des Lehrens und Lernens im Fremdsprachenunterricht. Besonders wichtig sind die Neuen Medien für die Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten. Dazu zählt z.B. Spracherwerb im Unterricht bzw. im Selbststudium. Dabei können gut durchdachte und gut in den Unterricht integrierte Multimediamaterialien einen wichtigen Beitrag leisten.[34] Multimediamaterialien ermöglichen auf vielfältige Weise, mündlichen Input steuerbar zu machen, ihn zu verlangsamen, zu wiederholen, unterschiedliche Merkmale des Inputs hervorzuheben u.a. und erlauben dadurch die Wahrnehmung und Verarbeitung sprachlicher Merkmale, die anderweitig nicht oder nur unter sehr großem Zeitaufwand wahrnehmbar gemacht werden könnten.[35] „Da bei (authentischen) Videofilmen viele Informationen gleichzeitig im Arbeitsgedächtnis verarbeitet werden müssen, ist die Gefahr groß, sich durch das visuelle Angebot zum größten Teil mit top-down Prozessen zu begnügen.“[36] Deshalb ist es gerade hier wichtig, den Input steuerbar und damit seine phonologischen, syntaktischen, semantischen und pragmatischen Strukturen auf vielfältige Art und Weise wahrnehmbar zu machen. Des Weiteren weisen Rechnergesteuerte Multimediamaterialien allgemein-didaktisch gesehen eine Reihe von Vorteilen gegenüber printbasierten Lehrwerken auf. Sie bieten, wie Filme, vielfältige Wahrnehmungsreize, ermöglichen mehrkanalige Informationsentnahme und sie aktivieren gleichzeitig emotionale und kognitive Wahrnehmungsebenen und binden damit die Aufmerksamkeit der Nutzer.[37] Wie Computerprogramme beziehen sie die Nutzer aktiv in den Handlungsablauf ein und regen durch Bewegungsangebote (z.B. ziehen und fallen lassen) das motorische Zentrum der Nutzer an. Durch ihr Angebot an sinnlich unterschiedlich fassbaren Informationsquellen und durch ihr Ansprechen sowohl der kognitiven als auch emotionalen Teile der menschlichen Psyche lassen sich unterschiedliche Lernertypen berücksichtigen.[38] Neben diesen allgemeinen Vorteilen gibt es eine Reihe spezifisch fremdsprachlicher Lernaufgaben, die sich durch Multimediamaterialien fördern lassen. Multimediamaterialien liefern den für den Spracherwerb wichtigen authentischen Input. Der Vorteil gegenüber Filmen ist die Steuerbarkeit des Inputs, seine Wiederholung und Verlangsamung und die Konzentration auf wesentliche Merkmale, die das Kurzzeitgedächtnis nicht überlastet und damit fremdsprachliches Lernen fördert. Multimediamaterialien machen sprachliche Strukturen in Handlungszusammenhängen hörbar und sichtbar und ermöglichen die Hervorhebung aller wesentlichen verbalen, paraverbalen und situativen Elemente.[39] Dies macht diese Elemente sowohl in ihren ganzheitlichen Zusammenhängen als auch einzeln - und damit leichter - wahrnehmbar und lernbar.

[...]


[1] Bohnenkamp, Albrecht : Computereinsatz in der Grundschule. Neue Medien und Öffnung von Unterricht. In: Huber, Kegel, Speck-Hamdan (Hg.): Schriftspracherwerb: Neue Medien - Neues Lernen!? Braunschweig 1999, S. 28.

[2] Ratzke, Dietrich: Handbuch der Neuen Medien: Information und Kommunikation, Fernsehen und Hörfunk, Presse und Audiovision, heute und morgen. Deutsche Verlags-Anstalt 1982, S. 13.

[3] Schädlich, Katy; Anne Link, Markus Schubert: Computernutzung und Medienkompetenz – Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen im Umgang mit Computer und Internet. Leipzig: KONTUR 21, 2008, S.10.

[4] Tschirner, Erwin: Deutsch als Fremdsprache im Medienzeitalter. - In: Fremdsprache Deutsch, Sondernummer II/1997: Trends 2000, S. 55-58.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd.

[9] Tschirner, Erwin: Deutsch als Fremdsprache im Medienzeitalter. - In: Fremdsprache Deutsch, Sondernummer II/1997: Trends 2000, S. 55-58.

[10] Vgl. Rüschoff, Bernd: Elektronische Medien. - In: Bausch, Karl-Richard; Christ, Herbert; Krumm, Hans-Jürgen: Handbuch Fremdsprachenunterricht, 3. überarb. und erw. Auflage.- Tübingen, Basel: Francke, 1995; S. 320-323.

[11] Vgl . Hess, Hans Werner: DaF-Software in der Anwendung - "Alter Quark noch breiter"? - In: Info DaF, 1, 1998, S. 54-71.

[12] Vgl. Hess 1998, S. 60

[13] Salzmann, Jörg: Möglichkeiten des computergestützten Sprachlernens. <http://angli02.kgw.tu-berlin.de/call/Salzmann/article/Stexartk.htm> (03.09.09)

[14] Vgl. ebd.

[15] Salzmann, Jörg. Möglichkeiten des computergestützten Sprachlernens. <http://angli02.kgw.tu-berlin.de/call/Salzmann/article/Stexartk.htm> (03.09.09)

[16] Salzmann, Jörg. Möglichkeiten des computergestützten Sprachlernens. <http://angli02.kgw.tu-berlin.de/call/Salzmann/article/Stexartk.htm> (03.09.09)

[17] Vgl. ebd.

[18] Löschmann, Martin: Zur Weiterentwicklung der Lehr- und Lernmitteltheorie für den Fremdsprachenunterricht durch en Einsatz von Computern. In: Fechner, Jürgen (Hrsg.): Neue Wege im computergestützten Fremdsprachenunterricht. Berlin, München, Leipzig u.a.: Langenscheidt 1994, S. 21-36.

[19] Vgl. ed.

[20] Vgl. Rautenhaus, Heike. Authentische Texte und Konkordanzprogramme im Englischunterricht. <http://www.bis.uni-oldenburg.de/zpbpubl/rauaut96/rauaut96.pdf> (11.09.09)

[21] Vgl. Löschmann 1994 S. 28ff

[22] Vgl. ebd.

[23] Löschmann 1994 S. 33

[24] Vgl. Aufenanger, Stefan: Lernen mit neuen Medien – Was bringt es wirklich? Erstpublikation in: Medien praktisch. Zeitschrift für Medienpädagogik, 23,1999, Heft 4, S.4-8

[25] Aufenanger 1999, S. 4

[26] Helmert, U .: Multimedia-Vision und Wirklichkeit, in: Multimedia und Computeranwendungen in der Lehre,

Dette, K.; Haupt, D.; Polze, C. (Hrsg.), Berlin, Springer-Verlag, 1992.

[27] Vgl. Plass, Jan: Lernpsychologische Grundlagen der Verwendung von Multimedia in der

Fremdsprachenausbildung. In Tschirner, Erwin: Neue Medien im Fremdsprachenunterricht. 1999, S.14.

[28] Hoeren, Thomas; Sieber, Ulrich: Handbuch Multimedia-Recht - Rechtsfragen des elektronischen Geschäftsverkehrs. 22. Auflage, Verlag C.H. Beck, 2009.

[29] Plass, Jan 1999, S.14.

[30] Ebd.

[31] Ebd.

[32] Plass, Jan: Lernpsychologische Grundlagen der Verwendung von Multimedia in der

Fremdsprachenausbildung. In Tschirner, Erwin: Neue Medien im Fremdsprachenunterricht. 1999, S.14.

[33] Plass, Jan 1999, S.18.

[34] Vgl. Tschirner, Erwin: Neue Qualitäten des Lehrens und Lernens: Thesen zum Einsatz von Multimedia im Fremdsprachenunterricht. In K.-R. Bausch, H. Christ, F. Königs, & H.-J. Krumm (Hrsg.), Die Erforschung von Lehr- und Lernmaterialien im Kontext des Lernens und Lehrens fremder Sprachen. Arbeitspapiere der 19. Frühjahrstagung zur Erforschung des Fremdsprachenunterrichts. Tübingen, Narr. 1999.

[35] Vgl. ebd.

[36] Tschirner, Erwin: Neue Qualitäten des Lehrens und Lernens: Thesen zum Einsatz von Multimedia im Fremdsprachenunterricht. In K.-R. Bausch, H. Christ, F. Königs, & H.-J. Krumm (Hrsg.), Die Erforschung von Lehr- und Lernmaterialien im Kontext des Lernens und Lehrens fremder Sprachen. Arbeitspapiere der 19. Frühjahrstagung zur Erforschung des Fremdsprachenunterrichts. Tübingen, Narr. 1999.

[37] Vgl. Schwerdtfeger, Inge C., Duxa, Susanne; Hu, Adelheid; Schmenk, Barbara: Grenzen überschreiten: Menschen, Sprachen, Kulturen : Festschrift für Inge Christine Schwerdtfeger zum 60. Geburtstag. Gunter Narr Verlag, 2005

[38] Vgl. ebd.

[39] Vgl. Tschirner 1999.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Neue Medien im Fremdsprachenunterricht - Anspruch und Wirklichkeit
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
44
Katalognummer
V147512
ISBN (eBook)
9783640584499
ISBN (Buch)
9783640584673
Dateigröße
858 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DaF, Neue Medien, Fremdsprachenunterricht, Deutsch als Fremdsprache, Anspruch, Wirklichkeit
Arbeit zitieren
Dan Reppe (Autor), 2009, Neue Medien im Fremdsprachenunterricht - Anspruch und Wirklichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147512

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