Wissenschaft in fiktionalen TV-Formaten - Analyse und Vergleich der Darstellung von Wissenschaft in den Fernsehserien "Akte X" und "Eureka"

Unter dem Aspekt der Realitätsnähe


Diplomarbeit, 2010

101 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Ziel dieser Arbeit

1 Science Fiction-/Mysteryserien und die Wissenschaft
1.1 Darstellung von Wissenschaft im non-fiktionalen und fiktionalen Bereich
1.2 Die Serien
1.2.1 Geschichte der Science Fiction-/Mysteryserien
1.2.2 Format der Serien Akte X und Eureka
1.2.3 Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI
1.2.4 Eureka – Die geheime Stadt
1.2.5 Genredefinitionen
Erläuterung der Vorgehensweise bei der Analyse

2 Analyse der Darstellung von Wissenschaft in Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI
2.1 Die Serie
2.2 Medientechnische Analyse der Folge Blut (unter dem Aspekt der Darstellung von Wissenschaft)
2.2.1 Einordnung in die Serie
2.2.2 Episodenrollen
2.2.3 Handlung
2.2.4 Szenenprotokoll
2.2.5 Darstellung von Wissenschaft in der Folge
2.3 Inhaltliche Analyse der Darstellung von Wissenschaft in Akte X: Blut
2.3.1 Dargestellte Phänomene
2.3.2 Hintergrund der Folgengeschichte und der dargestellten Wissenschaft
2.3.3 Realitätsnähe der wissenschaftlichen Erklärungen

3 Analyse der Darstellung von Wissenschaft in Eureka – Die geheime Stadt
3.1 Die Serie
3.2 Medientechnische Analyse der Folge Urinstinkte (unter dem Aspekt der Darstellung von Wissenschaft)
3.2.1 Einordnung in die Serie
3.2.2 Nebencharaktere
3.2.3 Handlung
3.2.4 Szenenprotokoll
3.2.5 Darstellung von Wissenschaft in der Folge
3.3 Inhaltliche Analyse der Darstellung von Wissenschaft in Eureka: Urinstinkte
3.3.1 Dargestellte Phänomene
3.3.2 Hintergrund der Folgengeschichte und der dargestellten Wissenschaft
3.3.3 Realitätsnähe der wissenschaftlichen Erklärungen

4 Vergleich der Wissenschaftsdarstellung in Fernsehserien
4.1 Vergleich der Darstellung von Wissenschaft in den untersuchten Serien
4.2 Wissenschaft in einem anderen Fernsehseriengenre am Beispiel 24
4.3 Fazit

Literaturverzeichnis

Ziel dieser Arbeit

Das Übernatürliche, das Geheimnisvolle und technische Zukunftsvisionen haben sich als fester Bestandteil der Fernsehserienlandschaft etabliert. Vampirjägerin Buffy kämpft in der gleichnamigen Serie gegen untote Wesen; in Heroes entdecken die Hauptcharaktere ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten; Lost lässt nach einem Flugzeugabsturz auf einer Insel Rätselhaftes geschehen; 4400 in den letzten 50 Jahren verschwundene Menschen kehren plötzlich in einer Lichtkugel zurück und sind plötzlich zu Übermenschlichem in der Lage. Die Fans der Serien sind fasziniert und begeistert.

Die Serien arbeiten oft mit Phänomenen, die sich nicht mit dem bisherigen Stand der Wissenschaft decken und sich somit auch nicht immer vollständig erklären lassen. Einen realen wissenschaftlichen Beweis für die beschriebenen Phänomene bleiben sie als fiktionale Fernsehformate schuldig. Doch sie liefern – je nach Serie mehr oder weniger stark ausgeprägte – (Teil-)Erklärungen, die wissenschaftlich inspiriert wirken und die der Zuschauer als Laie für glaubwürdig halten kann.

Ziel dieser Diplomarbeit ist es, diese Darstellungen der Wissenschaft in den zwei Beispielserien Akte X und Eureka zu analysieren, herauszufinden, wie viel Realität in den wissenschaftlichen Erklärungen und Erklärungsversuchen enthalten ist und an welchen Stellen die reine Fiktion beginnt.

1 Science Fiction-/Mysteryserien und die Wissenschaft

1.1 Darstellung von Wissenschaft im non-fiktionalen und fiktionalen Bereich

Wissenschaft findet im Fernsehen in zwei verschiedenen Bereichen statt: Die Wissensmagazine im deutschen Fernsehen wie z.B. Quarks und Co., nano, Galileo oder Welt der Wunder gehören zum non-fiktionalen Bereich. Ihr Anspruch ist es, die Realität abzubilden. Auf der anderen Seite stehen die Filme und Serien, die zwar realitätsnah gestaltet sein können, aber immer eine erfundene Geschichte erzählen – der fiktionale Bereich. In beiden Bereichen kommt es darauf an, dem Zuschauer die Inhalte so zu vermitteln, dass er sich nicht langweilt. Im fiktionalen wie im non-fiktionalen Bereich gilt es, ihm eine Geschichte zu erzählen – in Letzterem allerdings, ohne dabei etwas zu erfinden.

Eine Geschichte über Wissenschaft ist für den Zuschauer am interessantesten, wenn nicht sie selbst im Vordergrund steht, denn „man kann nicht davon ausgehen, dass die Zuschauer grundsätzlich bereit sind, Informationen aus der Wissenschaftswelt interessant zu finden.“1 Journalisten können das Interesse aber mit einer spannenden Geschichte wecken, in der das Wissenschaftsthema eine Rolle spielt. Dazu müssen sie die Emotionen des Zuschauers ansprechen. Das erreichen sie, indem sie in den Beiträgen über Menschen und Aktionen berichten, dem Thema einen aktuellen Bezug geben und eine Relevanz für den Zuschauer herstellen. Solche „Geschichten, die sich in der Filmdramaturgie wieder finden, helfen auch bei so genannten ‚schwierigen’ Themen, den Zuschauer zu unterhalten.“2

Die Themen dürfen allerdings nicht zu schwierig sein: In einer Geschichte enthaltene Wissenschaftsaspekte sind nur so lange interessant für den Zuschauer, wie die Wissenschaft verständlich bleibt. Das führt aber – insbesondere im flüchtigen Medium Fernsehen – dazu, dass die Informationen, die er bekommt, häufig nicht vollständig und exakt sein können. Das kann der Journalismus aufgrund seiner notwendigen Vereinfachungen nicht leisten.

Faktenfehler und fehlerhafte Vereinfachungen

Unter Wissenschaftlern ist die Meinung weit verbreitet, die Darstellung von Wissenschaft in den Medien sei „oberflächlich, irrelevant oder gar falsch, kurz: (...) defizitär.“3 Der freie Autor und Redakteur Markus Lehmkuhl legt jedoch dar, dass es im Wissenschaftsjournalismus nicht so leicht ist, ein Urteil über Defizite zu fällen. Er unterscheidet Fehler in zwei verschiedene Typen. Zunächst gibt es den Faktenfehler, der eindeutig als Defizit gewertet werden muss (in jeder Form des Journalismus). Faktenfehler sind Irrtümer wie z.B. Rechenfehler oder Verwechslungen aufgrund von Ungenauigkeit („Nierenfellkrebs“ statt „Nierenzellkrebs“). Charakteristisch für diese Fehler ist, dass sie vermeidbar gewesen wären.4

Der zweite Fehlertyp sind die „fehlerhaften Vereinfachungen“5. Darunter versteht Lehmkuhl Fehler, die nicht aufgrund des Irrtums eines einzelnen Redakteurs entstehen, sondern sich aus dem „Geflecht redaktioneller Zwänge“ ergeben. Als Beispiel führt er den Satz „Klonen ist die Produktion völlig identischer Lebewesen“ an, der aus wissenschaftlicher Perspektive deshalb falsch ist, weil eine Identität einmalig ist und lediglich die genetischen Anlagen kopiert werden können. Der korrekte Begriff wäre deshalb nicht „identisch“, sondern „nahezu erbgleich“, der in einem Tageszeitungsartikel aber erklärungsbedürftig und somit unnötig kompliziert wäre. Journalistische Sprache muss so verständlich wie möglich sein und verträgt sich deshalb nicht mit den wissenschaftlichen Anforderungen an Genauigkeit und Exaktheit.

Probleme mit Genauigkeit und Exaktheit

Um Wissenschaft in journalistischen Produkten verständlich zu halten, ist es erforderlich, das recherchierte Material in eine „medien- und formatgerechte Form“6 zu bringen. Dazu würde nach Möglichkeit gehören, komplizierte Zusammenhänge alltagstauglich zu übersetzen, doch der Umgangssprache fehlen die Begriffe, um diese Zusammenhänge exakt beschreiben zu können. Das Publikum kann nur zu dem Grad am Wissen teilnehmen, zu dem es selbst Wissenschaftler ist7, ein für die breite Masse also eher geringer Grad.

Infolgedessen muss der Journalist komplizierte wissenschaftliche Zusammenhänge vereinfachen. Die genaue wissenschaftliche Wahrheit geht dabei schon mal verloren. Ob das vertretbar ist, ist umstritten:

„Diese Fehler und Bedeutungsveränderungen lassen sich als journalistische Defizite bei der Behandlung wissenschaftlicher Themen auffassen, aber auch als Nebenfolgen notwendiger Anpassungen der wissenschaftlichen Inhalte an die Erfordernisse öffentlicher Kommunikation.“8

Wissenschaft im fiktionalen Bereich

Auf den ersten Blick hat es der Drehbuchautor im fiktionalen Bereich leichter als der Wissenschaftsjournalist: Seine Geschichte kann völlig frei erfunden sein, der Film oder die Serie muss nicht den Anspruch haben, die Realität abzubilden. Doch sie ist die ursprüngliche Quelle der Inspiration des Autors, der – genau wie der Journalist – vor dem Schreiben des Manuskriptes recherchieren muss. Fernsehautor und -produzent Georg Feil formuliert:

„Das sich Umsehen, das Sehen, das in der Erinnerung Kramen, das Aufspüren von Realität, das einfach Zuhören und Zusehen – das ist der Stoff, aus dem später die Träume konstruiert werden können.“9

Eine Film- oder Serienhandlung basiert also, so abwegig und realitätsfremd sie später vielleicht erscheinen mag, zunächst auf der bekannten Wirklichkeit. Die Realität sollte auch deshalb inspirieren, weil „die Authentizität (...) jeder Geschichte im Detail liegt. Und: Authentisch zu erzählen verlangt die Achtung vor dem Zuschauer.“ Als weiteren Grund führt Feil die Tatsache an, dass der Autor wissen muss, was er erzählen will in Bezug auf Gegend, Leute und Thema, damit schließlich die Erzählschritte an Realität und Recherche gemessen werden können.10

Auch das Drehbuchschreiben funktioniert also nicht ohne Recherche in der Realität. Der Autor im fiktionalen Bereich ist natürlich freier darin als der Wissenschaftsjournalist, die Rechercheergebnisse abzuwandeln, der Geschichte anzupassen und auch, sie zu verfälschen. So kann der im Journalismus unbeabsichtigte Faktenfehler im fiktionalen Bereich gewollt sein. Die Wissenschaft kann hier anders dargestellt werden als in der Realität, z.B. mit erfundenen Erklärungen oder technischen Innovationen, die nach dem aktuellen Erkenntnisstand unmöglich erscheinen.

Fiktionale Formate haben selten das Ziel, dem Zuschauer mit Hilfe der Geschichte wissenschaftliche Sachverhalte zu vermitteln. Trotzdem sind nicht alle Erklärungen in diesem Bereich frei erfunden. Hat der Drehbuchautor sie in der Realität recherchiert, muss er sie für den Film oder die Serie aber noch stärker vereinfachen als der Journalist seine Rechercheergebnisse, sodass es auch hier fehlerhafte Vereinfachungen geben kann. Das liegt an den unterschiedlichen Zielen: Während der Journalist in erster Linie die wissenschaftlichen Zusammenhänge vermitteln will und sie dazu in seine Geschichte verpackt, erzählt der Autor in erster Linie seine Geschichte und kann diese mit wissenschaftlichen Aspekten ergänzen.

1.2 Die Serien

1.2.1 Geschichte der Science Fiction-/Mysteryserien

Science Fiction

Die ersten Erfolge hatten Science Fiction-Fernsehserien Anfang der sechziger Jahre. 1963 begann bei der BBC die längste Serie überhaupt (695 Folgen in Großbritannien), Dr. Who 11. Die Folgen der Serie, die RTL in Deutschland ausstrahlte, stammten jedoch alle aus dem Produktionszeitraum zwischen 1983 und 1989. Der außerirdische Titelheld reist mit einer Zeitmaschine durch die Zeit und erlebt verschiedene Abenteuer. Der Name der Zeitmaschine ist TARDIS, sie ist gleichzeitig Wohnort von Dr. Who und ähnelt stark einer Telefonzelle. Nach 1989 begann eine längere Pause, 2005 startete eine Neuauflage.

Auch der Ursprung der weltweit erfolgreichsten Science Fiction-Serie (Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert) stammt aus dieser Zeit: Die Originalserie Raumschiff Enterprise konnte bei der Erstausstrahlung in den USA 1966 bis 1969 zwar nicht überzeugen, fand aber dann durch Wiederholungen in den 70er Jahren zu einer großen Fangemeinde. Die Crew des Raumschiffs hat die Aufgabe, den Weltraum zu erforschen und fremde Zivilisationen zu entdecken. Der Unterschied zu vielen dunklen Science Fiction-Visionen bestand darin, dass die Serie hauptsächlich die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Weltraumvölker thematisierte und weniger die Konflikte – und „aufzeigte, dass Fortschritte in Wissenschaft und Technik zu einer besseren Welt führen können“12. Zu diesen Fortschritten gehörte die Erfindung des Beamens (sofortiger Transport des menschlichen Körpers vom Start-zum Zielpunkt), auf die Autor Gene Roddenberry angewiesen war, weil die Spezialeffekte für die Landung des Raumschiffs zu teuer gewesen wären. Die Serie (Original: Star Trek) hatte mehrere Nachfolger: Die Enterprise (Zeichentrickversion, 1973-1974), Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert, 1987-1994), Star Trek: Deep Space Nine (1992-1999), Star Trek: Voyager (1995-2001), Star Trek: Enterprise (2001-2005) sowie elf Kinofilme.

Weniger langlebig war die deutsche Serie Raumpatrouille (Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion) 1966, von der es sieben Folgen gibt. Hier begegnet die Crew den außerirdischen „Frogs“, die aussehen „wie glitzernde, glibbrige Silhouetten und die Vernichtung der Erde im Sinn“13 haben. Obwohl Haushaltsgegenstände als futuristische Requisiten eingesetzt wurden, war die Serie zu ihrer Zeit die bislang teuerste. Deshalb wurde sie trotz Erfolges beim Publikum nicht fortgesetzt.

Der große Erfolg der Star Trek - und Star Wars - (vgl. 1.2.5) Universen führte zu etlichen weiteren Filmen und Serien, deren Schauplatz der Weltraum und ferne Galaxien waren. Diese machen einen Großteil der Science Fiction aus, dennoch gibt es auch Fernsehserien, die wie Akte X und Eureka auf der Erde spielen: 1989 lief Alien Nation an, eine Serie, die von der Ankunft von Außerirdischen des Planetens Tecton im Jahr 1995 erzählte. Diese „sehen den Menschen zwar ähnlich, haben aber alle gefleckte Haut, längliche Schädel und Glatzen. Ferner sind sie klüger als die Erdenbewohner.“14 Einer von ihnen wird neuer Partner eines Polizisten. Eine ähnliche Geschichte erzählt 1999 bis 2002 die Serie Roswell: 1947 sind in Roswell Außerirdische abgestürzt, deren Nachkommen nun unter den Menschen leben und versuchen, herauszufinden, wo sie her- und wie sie wieder dorthin zurück kommen. Sie haben keine äußerlichen Merkmale, durch die sie als Außerirdische dargestellt werden, sondern besitzen besondere Kräfte.

Diese Serien setzten die beschriebenen Zustände, wie zum Beispiel die Existenz von menschenähnlichen, außerirdischen Lebensformen, für ihre Charaktere einfach voraus. Zeitreisen in einer Telefonzelle oder das Beamen funktionierten, was in der Geschichte völlig normal war. Daniel Hagedorn von der physikalisch-technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig hat es für den Film Star Wars so beschrieben: „Technik ist allgegenwärtig, funktioniert und wird nicht lange erklärt“.15 Das trifft auch auf die hier beschriebenen Science Fiction-Serien zu.

In der Welt der Mysteryserien dagegen waren die Phänomene nicht nur für den Zuschauer, sondern auch für die Charaktere rätselhaft.

Mystery

Die ursprünglichen Mysteryserien setzten nicht auf ein festes Team, sondern erzählten in jeder Folge eine andere Geschichte, jeweils mit neuen Darstellern und Charakteren. Von 1959 bis 1964 liefen in Amerika 159 Folgen von The Twilight Zone 16, ein Teil davon zwischen 1961 und 1992 bei verschiedenen deutschen Sendern unter den Titeln Unwahrscheinliche Geschichten (ARD/ZDF/Pro Sieben), Geschichten, die nicht zu erklären sind (Bayerischer Rundfunk) und Twilight Zone (RTL2). Serienschöpfer Rod Serling moderierte 25-minütige Geschichten über unerklärliche Phänomene an, die auch am Ende der Folge unerklärlich blieben. 1985 und 2002 gab es Neuauflagen der Serie.

The Twilight Zone war Vorbild für die 1963 bis 1965 ausgestrahlte, 49-teilige Serie Outer Limits, die auch darauf setzte, in jeder Folge eine neue Geschichte mit anderen Charakteren zu erzählen. Thema waren ebenfalls übernatürliche Phänomene und außerirdische Lebensformen17; der Science Fiction-Anteil war größer als in The Twilight Zone, da ein Großteil der Episoden auf wissenschaftlichen Konzepten wie zum Beispiel virtueller Realität basierte. Die Originalserie lief nur in den USA, doch auch von Outer Limits gab es eine weitere Auflage mit 154 Episoden, in den Jahren 1995 bis 2002. Diese zeigten in Deutschland Pro Sieben und Kabel 1.

Nachdem die Originale dieser beiden Serien 1965 beendet waren, gab es erst 1990 wieder eine populäre Mysteryserie: Das Geheimnis von Twin Peaks. Darin erhält ein FBI-Agent den Auftrag, zusammen mit dem Sheriff des Städtchens Twin Peaks den Mord an einer Schülerin aufzuklären.18 Diese Handlung erstreckt sich über die ersten 16 Folgen, dann stellt sich heraus, dass der Vater der Schülerin von einem bösen Geist besessen ist und sich oft in eine andere, verrückte Person verwandelt. In den restlichen 14 Folgen sind es dann „andere Merkwürdigkeiten, die in der Stadt vorgehen, in der niemand ist, was er zu sein scheint, und nicht einmal das ist, was er gerade noch war“, mit denen der FBI-Agent sich beschäftigt. Er geht davon aus, dass der Mord zu mehreren Verbrechen gehört, mit denen sich ein ehemaliger Kollege an ihm rächen will. Die Serie lebte von „Komplexität, Vieldeutigkeit und bewusster Verwirrung der Zuschauer“, und auch am Ende der Serie war nicht alles aufgeklärt. Der nachfolgende Fernsehfilm Twin Peaks – Der Film (Twin Peaks: Fire Walk With Me) beantwortete die offenen Fragen auch nicht, da er die Vorgeschichte zur Serie erzählte. In den USA startete Twin Peaks mit großem Erfolg, der aber schnell nachließ; in Deutschland kaufte und zeigte RTL nur 21 Folgen. Die Serie gilt als Vorläufer von Akte X. David Duchovny, kurz darauf Hauptdarsteller bei Akte X, trat hier in einer Nebenrolle auf.

Trotz dieser vereinzelten Vorläufer beginnt die Erfolgsgeschichte der Mysteryserie erst mit Akte X. Die dauerhaft hohen Einschaltquoten führten bis heute zu einer ganzen Reihe von neuen derartigen Serien wie z.B. der genannten Neuauflage von Outer Limits (1995-2002), Millenium (1996, vom Akte X -Erfinder Chris Carter), der auch bei den Science Fiction-Serien genannten Serie Roswell (1999), Lost (2004) oder Fringe (2008).

1.2.2 Format der Serien Akte X und Eureka

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Fernsehformate, die sich unter dem Oberbegriff „Serie“ zusammenfassen lassen. Typisch für alle diese ist nur, dass es sich dabei um keine einmalige Ausstrahlung handelt, sondern um Sendungen mit mehreren, aufeinander folgenden Teilen. Georg Feil hat die in Deutschland gebräuchlichen Begriffe für verschiedene Unterkategorien zusammengestellt19: „Mehrteiler“, „Reihe“ und „Klassische Serie“. Mehrteiler und Reihen lassen sich aber auch der Kategorie „Spielfilm“ zuordnen und sind deshalb hier nicht von Bedeutung. Die zu untersuchenden Serien lassen sich am ehesten bei den „Klassischen Serien“ einordnen, in der weiteren Unterkategorie „Auf Unendlichkeit geplant“, denn „Diese fortlaufenden Serien, in denen die Protagonisten immer in der gleichen Hierarchie vorhanden sind, wechseln nur die Gastrollen (beim Krimi die Täter und Opfer), so dass jede Folge in sich abgeschlossen ist.“20

Allerdings finden sich in beiden Serien auch Elemente einer anderen Unterkategorie der klassischen Serie, des „fortgesetzten Mehrteilers“. Dieser kann „zur Serie werden, wenn das Ende der jeweiligen Folge offen gestaltet ist, und erst die nächste Folge die Handlung wieder aufnimmt“.21 Keine der beiden Serien fällt hauptsächlich in diese Kategorie, allerdings gibt es folgenübergreifende Handlungsstränge.

Die Einteilung als „auf Unendlichkeit geplante klassische Serie“ (mit Elementen eines fortgesetzten Mehrteilers) beschreibt jedoch nur die äußere Form der Serien. Die Form des Inhalts beschreiben die Genres. Um sie einordnen zu können, folgt ein kurzer Überblick über den Inhalt.

1.2.3 Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI

Themen und Stoffe der Serie

Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI (Originaltitel: The X-Files) erzählt in neun Staffeln und zwei Kinofilmen von den Ermittlungen der FBI-Agenten Fox Mulder und Dana Scully. Die Abteilung, in der sie arbeiten, nennt sich „X-Akten“. Unter dem Buchstaben X legt das FBI in der Serie mysteriöse Fälle ab, bei denen Übernatürliches im Spiel zu sein scheint.

Schöpfer, Autor und Produzent Chris Carter und die Akte X -Fangemeinde im Internet teilen die Folgen der Serie in zwei Kategorien ein. Zum einen die sogenannten „Monster of the week“ (MOTW)-Folgen22, in denen Akte X Phänomene wie „Killer-Mutanten, denkende Computer, bösartige Klone, Psychokiller und Poltergeister“23 behandelt. Diese Fälle sind in sich abgeschlossen und haben keinen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Serie.

Die zweite Folgenkategorie wird als die „Mythologie“24 bezeichnet. Thema dieser Folgen ist nicht nur die Existenz außerirdischen Lebens, sondern auch eine Verschwörung innerhalb der amerikanischen Regierung, die Beweise dafür vertuscht und den Hauptcharakteren bei ihren Ermittlungen oft im Weg steht. Zu Beginn der zweiten Staffel verursacht diese Verschwörung, dass die X-Akten geschlossen werden. Die Handlungsstränge werden im Verlauf der Serie immer undurchsichtiger, nur vereinzelt werden aufgeworfene Fragen auch beantwortet. In der Mythologie ermitteln die Agenten nicht nur, sie sind auch persönlich von den Geschichten betroffen: Dana Scully wird zum Beispiel am Anfang der zweiten Staffel von Außerirdischen entführt, Fox Mulder hat in seiner Kindheit die Entführung seiner Schwester beobachtet und zieht daraus die Motivation, sich mit dem Paranormalen zu beschäftigen.

Hauptcharaktere

Fox Mulder (genannt „Mulder“, Darsteller: David Duchovny)

Nachdem Mulder in Oxford Psychologie studiert hat, geht er an die FBI-Akademie in Quantico. 1988 wird er der Abteilung Gewaltverbrechen zugeteilt und dort schnell zu einem der besten Agenten, der ausgezeichnete Täterprofile erstellen und einige Serienmörder überführen kann. Im Juni 1989 lässt er sich hypnotisieren, um seine Vergangenheit aufzuarbeiten. So kommt er zu dem Glauben, dass seine 1973 verschwundene Schwester von Außerirdischen entführt wurde. Daraufhin lässt er sich zu den X-Akten versetzen. 1992 will das FBI sicherstellen, dass er seine Arbeit vorschriftsmäßig verrichtet und versetzt die Wissenschaftlerin Dana Scully zu ihm. Sie soll Mulder kontrollieren und möglichst herausfinden, dass die Abteilung überflüssig ist. Da das aber nicht passiert, erreichen die Verantwortlichen auch nicht das erhoffte Ziel, die X-Akten zu schließen.

Nach sieben Jahren gemeinsamer Ermittlungen wird Mulder selbst von Außerirdischen entführt, kehrt später in der achten Staffel zurück – um in der neunten Staffel bis zur letzten Folge unterzutauchen. Darin wird er des Mordes an einem eigentlich unverwundbaren, außerirdischen „Supersoldaten“ angeklagt, für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Er flieht aber mit Hilfe von Nebencharakteren gemeinsam mit Scully. Die Vorwürfe gegen ihn werden im zweiten Kinofilm fallen gelassen, weil er dem FBI bei einem Fall helfen kann.

Dana Scully (genannt „Scully“, Darstellerin: Gillian Anderson)

Scully hat in Maryland Physik und Medizin studiert und 1986 den Abschluss in Medizin erreicht, auf dem Fachgebiet Gerichtsmedizin. Auch sie geht nach Quantico zur FBI-Akademie, wo sie 1990 bis 1992 bereits lehrt. Dann wird sie den X-Akten zugeteilt, um die Arbeit von Fox Mulder zu beobachten und zu überwachen. Ihre Sicht der Dinge ist stark wissenschaftlich geprägt und bildet damit den Gegenpol zu Mulders strittigen Ansichten. In den folgenden Jahren erlebt sie mehrfach Paranormales und kann deshalb die Hoffnung des FBI, dass sie Mulders Arbeit als Unsinn entlarvt, nicht erfüllen.

In der achten Staffel sieht sie sich plötzlich in Mulders Rolle, als dieser verschwunden ist und sie den neuen Partner John Doggett bekommt, der ein Skeptiker ist wie sie in ihren Anfangsjahren. In dieser Zeit stellt sie fest, dass sie schwanger ist – was nur eine Folge ihrer Entführung in der zweiten Staffel sein kann. Als Mulder wieder zurück ist, einigen sich die beiden darauf, dass er der Vater ist. Sie benennt ihren Sohn nach ihrem und Mulders Vater, die beide William hießen. Da die Außerirdischen und die Verschwörer auf der Erde ein Interesse an William haben, muss sie den Jungen zur Adoption freigeben, um ihn in Sicherheit zu bringen. Unterstützt von Nebencharakteren flieht Scully in der letzten Folge mit Mulder.

1.2.4 Eureka – Die geheime Stadt

Themen und Stoffe der Serie

Die Ausgangssituation von Eureka – Die geheime Stadt (Original: A town called Eureka) ist eine Fahrt des US-Marshals Jack Carter, der seine ausgerissene, sechzehnjährige Tochter Zoé zurück nach Los Angeles bringen will. Dabei verfährt er sich und landet in einer Stadt, in der merkwürdige Ereignisse an der Tagesordnung zu sein scheinen. Weil er damit droht, Vorfälle, die er beobachtet hat, seiner Behörde zu berichten, erfährt er von den Einwohnern, wo er ist: In Eureka, einer Kleinstadt, die Präsident Truman in den 40er Jahren auf Anraten von Albert Einstein gegründet hat, um dort die klügsten Wissenschaftler Amerikas an Erfindungen arbeiten zu lassen. In der Pilotfolge ist eine davon die Ursache für seltsame Phänomene, wie zum Beispiel die Strudelbildung an verschiedenen Orten der Stadt. Ein solcher Strudel taucht im Haus des bisherigen Sheriffs der Stadt auf, er wird dort hinein gesogen und verletzt sich dabei schwer.

Auch wenn er nicht so intelligent ist wie die Menschen in der Stadt, hat Jack Carter die richtigen Ideen, wie die Ursache für die Ereignisse zu finden und die Probleme zu lösen sind. Nachdem er zunächst nur als Vertretung für den bisherigen Sheriff von Eureka eingesprungen ist, erfährt er nach seiner Rückkehr nach Los Angeles, dass er befördert wurde und dessen Position von nun an übernimmt. Jetzt wird er regelmäßig mit den Errungenschaften der Wissenschaftler in Eureka konfrontiert, die selten ungefährlich sind. Das wissenschaftliche Zentrum von Eureka ist der Konzern „Global Dynamics“, wo die meisten Erfindungen entwickelt werden. Dazu gehören zum Beispiel Jack Carters vollautomatisches Haus, ein Erinnerungslöscher, ein Unsichtbarkeitsmittel und eine Wettermaschine. Seine Tochter Zoé hält es nicht lange bei ihrer Mutter in Los Angeles aus und zieht zu ihm.

Auf dem amerikanischen Sender Syfy (vor dem 7. Juli 2009 Sci Fi Channel) liefen bisher drei volle Staffeln, der zweite Teil der dritten Staffel lief von Juli bis September 2009. Pro Sieben zeigte in Deutschland zuletzt die ersten sechs Folgen der dritten Staffel im Juli und August 2009. Eine vierte Staffel hat Syfy für 2010 in Auftrag gegeben.

Hauptcharaktere

Jack Carter (genannt: „Carter“, Darsteller: Colin Ferguson)

Carter ist der Sheriff von Eureka und in der Stadt der einzige mit einem durchschnittlichen Intelligenzquotienten. Er entdeckt deshalb oft die einfachen Problemlösungen, auf die die hochintelligenten Wissenschaftler nicht mehr kommen. Seine Tochter Zoé lebt mit ihm in Eureka.

Allison Blake (genannt: „Allison“, Darstellerin: Salli Richardson-Whitfield)

Bevor Allison die Leitung von „Global Dynamics“ von Nathan Stark übernimmt, überwacht sie die Ereignisse in der Stadt im Auftrag des Pentagon. Sie ist mit Stark verheiratet, will sich aber scheiden lassen, und hat einen autistischen Sohn, Kevin. Nach Carters Ankunft in der Stadt wird eine Romanze zwischen den beiden immer wieder angedeutet, aber nie zu Ende erzählt. Stark und Carter sind deshalb nicht gut aufeinander zu sprechen.

Henry Deacon (genannt: „Henry“, Darsteller: Joe Morton)

Henry ist der Inhaber der Autowerkstatt von Eureka, tritt aber eher selten in dieser Funktion auf. Auch er gehört zu den besten Wissenschaftlern der Stadt und widmet sich gerne der Forschung und privaten Erfindungen. Weil sein Rat bei gefährlichen Situationen fast immer gefragt ist, arbeitet er viel mit Carter zusammen und es entwickelt sich eine gute Freundschaft zwischen den beiden. Seine große Liebe Kim kommt bei einem Unfall im Labor ums Leben, woraufhin er in der zweiten Staffel ihre Forschungen bei Global Dynamics fortführt.

Zoé Carter (genannt: „Zoé“, Darstellerin: Jordan Hinson)

Zoé ist die Tochter des Sheriffs und laut einem IQ-Test deutlich intelligenter als er, was sie ihm jedoch verheimlicht. Das Niveau der anderen in der Stadt erreicht sie jedoch nicht ganz. Sie ist ein rebellischer Teenager und bricht gelegentlich das Gesetz, worüber ihr Vater nicht glücklich ist. Zoé ist offen für die unterschiedlichsten Projekte.

Nathan Stark (genannt: „Nathan“ oder „Stark“, Darsteller: Ed Quinn)

Stark ist der Leiter von Global Dynamics und mit Allison Blake verheiratet. Weil er insgeheim nicht glücklich mit der geplanten Scheidung von ihr ist, ist er von ihrer Annäherung mit Carter nicht begeistert und mag ihn deshalb nicht. Er ist einer der intelligentesten und ehrgeizigsten Wissenschaftler in Eureka – und besessen von Machtphantasien. Da er für den Laborunfall, bei dem Henrys Freundin Kim ums Leben kommt, verantwortlich gemacht wird, verliert er seine Position an Allison.

1.2.5 Genredefinitionen

Akte X wurde von 1994 bis 2003 bei Pro Sieben ausgestrahlt, davon lange zusammen mit anderen Serien unter dem Label „Mystery Montag“. 2008 liefen die beiden ersten Staffeln von Eureka – Die geheime Stadt ebenfalls montags, unter dem gleichen Label, 2009 die ersten sechs Folgen der dritten Staffel. Das Programm des amerikanischen Senders Syfy sind Science Fiction-Filme und -Serien.

Schon daraus folgt, dass Genres selten eindeutig zu definieren sind. Sie lassen sich als „Strukturkonventionen beschreiben: also als Vereinbarungen darüber, wie ein Genrefilm in bestimmten motivischen, ikonografischen, strukturell-inhaltlichen und formalen Positionen gestaltet ist. Wenn in diesem Zusammenhang von Konventionen die Rede ist, ist damit sogleich ausgesagt, dass diese Strukturen nicht den Status einer zwingend einzuhaltenden Vorschrift tragen, sondern eine implizite Übereinkunft darstellen; fernerhin besitzen diese Strukturkonventionen eine historische Variabilität.“25

Außerdem lassen sich Filme und Serien oft nicht nur einem Genre zuordnen. So ist der gängige Begriff für das Genre von Akte X mittlerweile zwar „Mystery“, die ersten Kritiken bezeichneten die Serie jedoch schnell als „Science Fiction“. Serienerfinder Chris Carter gefiel diese Einordnung nicht, weil ihm das zu sehr an die UFO-Thematik gekoppelt war, die in der Serie zwar stattfindet, aber eben nur einen Teil ausmacht. Der amerikanische Sender Fox stellte die Serie als „Horror“ dar, was Carter begrüßte. Ein weiteres Genre brachte eine Werbeagentur ins Spiel, die die Serie ein „Crime-Drama“ nannte.26

In Eureka sind im Vergleich zu anderen Science Fiction-Serien zahlreiche komische und vereinzelte dramatische Elemente vorhanden, sodass die Serie auf einigen Internetseiten auch in die Genres „Comedy“ (myfanbase.de)27 oder „Dramedy“ (Wikipedia) 28 eingeordnet wird. Das Hauptgenre aber ist „Science Fiction“.29

Genredefinition „Science Fiction“

An den drei Filmbeispielen Krieg der Sterne, Blade Runner und 2001 – Odyssee im Weltraum stellen Borstnar/Pabst/Wulff dar, dass „sich Science Fiction nicht narrativ, sondern bestenfalls motivorientiert definieren“30 lässt. Sie stellen folgende Gemeinsamkeiten der Filme dar:

„Die Handlungen aller drei Filme sind in der Zukunft angesiedelt (...); in allen Handlungen werden bestimmte Technologien funktionalisiert, die zum Zeitpunkt der Filmproduktion den aktuellen Erkenntnis- und Entwicklungsstand übersteigen, wenn nicht sogar gegen grundsätzliche Axiome der Naturwissenschaft verstoßen.“31

Abgesehen davon sehen sie aber keine Gemeinsamkeiten und kommen zu dem Schluss, dass „Science Fiction demnach ein mehr oder minder äußerlicher Motivkomplex zu sein erscheint, der unabhängig von narrativen Strukturen und Handlungsmodellen ist.“

Technologien, die nach heutigem Stand unmöglich erscheinen, sind Inhalt jeder einzelnen Folge von Eureka und Phänomene, die gegen die Naturwissenschaft verstoßen, Thema vieler Akte X -Folgen. Doch keine der beiden Serien siedelt ihre Handlung in der Zukunft an. Daniel Hagedorn von der physikalisch-technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig hat für sciencefiction.de eine Definition von Science Fiction verfasst:

„In der Literatur ist es üblich, die Handlung in die Gegenwart oder in die Vergangenheit zu verlegen. Wird die Handlung aber in die Zukunft verlegt, so spricht man von ‚Science Fiction’. Werden Geschichten aus einer fiktiven Vergangenheit oder Gegenwart erzählt, so spricht man von Fantasy oder Mystery.“32

Demnach wären die beiden Serien Fantasy oder Mystery, aber nicht Science Fiction, weil die Handlung nicht in die Zukunft verlegt ist. Als Zukunftsprognose ist Science Fiction nach Hagedorn aber ohnehin nicht brauchbar:

„Auch wenn viele die Science Fiction-Literatur für eine Voraussage halten, was technisch oder sozial kommen wird, so hat die Vergangenheit gezeigt, wie ungenau und wie falsch (fast) alle Prognosen doch waren und bleiben werden. (...) Science Fiction soll also nicht die Zukunft beschreiben, sondern eine eigene (fiktive) Zukunft erschaffen. In dieser Zukunft sollen dann die Menschen (Wesen) agieren, als wäre sie Realität. Nicht die Frage: ‘Was wird sein...?’, sondern ‘Was würde sein, wenn...?’ ist von Interesse.“

Die Handlung von Akte X und Eureka siedelt sich selbst (bis auf Ausnahmen: Folgen, die von Zeitreisen handeln o.ä.) in der Gegenwart des Ausstrahlungstermins an, zum Beispiel durch das Zeigen von Kalendern. Würde dem Zuschauer jedoch nicht vermittelt, dass die Charaktere sich in der gleichen Zeit befinden wie er, wäre es ebenso möglich, die Geschichten als Zukunftsvorstellung zu verstehen. Insbesondere bei Eureka, da die Serie zum größten Teil in einer eigenen, in sich abgeschlossenen Welt spielt, die sich von der uns bekannten unterscheidet. Für die grundsätzliche Handlung der Serien hat es keine Bedeutung, zwischen fiktiver Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft zu unterscheiden, und doch sind sie beide „Science Fiction“.

Diesen Begriff hat der amerikanische Verleger und Autor Hugo Gernsback 1926 in der ersten Ausgabe der Zeitschrift „Amazing Stories“ geprägt. Er verstand darunter „eine reizvolle Phantasieerzählung mit wissenschaftlichen Tatsachen und prophetischem Weitblick vermischt.“33 Prophetischer Weitblick kann sich erst herausstellen, wenn eine Voraussage wirklich eingetroffen ist – das ist Hagedorn zufolge rückblickend sehr selten passiert.

John W. Campbell jr., Schriftsteller und von 1938 bis zu seinem Tod 1971 Herausgeber des Science Fiction-Magazins „Astounding“, schlug vor,

Science Fiction als „literarische Form in Verwandtschaft zu den Wissenschaften zu sehen.“33 Die Gemeinsamkeit bestehe in der Methode, bekannten Phänomenen nicht zu widersprechen, aber neue, bisher unbekannte Phänomene voraussagen zu dürfen. Die Science Fiction beschreibe deren Auswirkungen nicht nur auf die Technik, sondern auch auf die menschliche Gesellschaft.

Science Fiction bezieht sich jedoch nicht immer auf die menschliche Gesellschaft. 1977 kam der erste Teil von Star Wars ins Kino, Krieg der Sterne. Wie in vielen anderen Science Fiction-Filmen spielt die Handlung im Weltraum, dem Text zu Beginn zufolge in einer anderen Galaxie („Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis...“). Das weist nicht auf eine fiktive Zukunft hin, sondern auf die Vergangenheit. Im Film gibt eine Vielzahl verschiedener Weltraumvölker, darunter auch Menschen, die aber nie eindeutig als solche bezeichnet werden. Um die Auswirkungen unbekannter Phänomene auf diese oder die Menschen geht es in den Filmen nicht.

Mit Star Wars rückte die Technik in Science Fiction-Filmen in den Hintergrund.

„Seit diesem Film steht nicht mehr die Technik im Vordergrund, sondern die Handlung und die Charaktere. Technik ist allgegenwärtig, funktioniert und wird nicht lange erklärt. Dies ist eine Art Normalisierung der Science Fiction, denn ein Telefon wird dem Zuschauer ja auch nicht erklärt. Abgesehen von der Tatsache, daß sich so bessere Stories erzählen lassen, kann man auch mehr verdienen. Seit ‚Star Wars’ werden Science Fiction-Geschichten vor allem im Kino anders erzählt.“34

Doch auch im Fernsehen tauchte daraufhin eine Reihe von Serien auf, darunter z.B. Kampfstern Galactica (1978-1980) und später Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert (1987-1994).

Im Unterschied zu diesen Serien spielen Akte X und Eureka auf der Erde. Viele Folgen von Akte X beschäftigen sich mit der Frage nach außerirdischem Leben und zeigen damit zusammenhängende, bisher unbekannte Phänomene – würden an dieser Stelle also zu Campbells Definition von Science Fiction passen. Allerdings setzt die Serie auch gelegentlich Naturgesetze außer Kraft und widerspricht somit den bekannten Phänomenen.

Eureka stellt zwar die Handlung und die Charaktere in den Mittelpunkt, verzichtet dabei aber nicht darauf, dem Zuschauer die innovativen und fiktiven dargestellten Technologien zu erklären.

Eine klare Definition des Genres Science Fiction gibt es nicht, Elemente der hier wiedergegebenen Definitionen finden sich aber sowohl in Akte X als auch in Eureka. Im Vergleich spielen Technik und Wissenschaft bei Akte X jedoch die kleinere Rolle. Das Hauptgenre dieser Serie ist ein anderes – „Mystery“.

Genredefinition „Mystery“

Im Englischen steht der Begriff „Mystery“ für eine gewöhnliche Kriminalgeschichte, in der ein Fall aufgeklärt wird. In Deutschland beschreibt der Begriff Geschichten, die sich mit dem Unbekannten, Unerklärbaren und Übernatürlichen beschäftigen und grenzt sich somit von den reinen Kriminalgeschichten ab:

„Allerdings sind Krimis gegenüber Mysterys gezielter ausgerichtet und lassen den Leser besser erkennen, wie das Rätsel der Geschichte zu lösen ist. (...) Das ‚gotische’ Element in vielen solcher Geschichten schlägt als Begründung bzw. als Lösung einer rätselhaften Situation unerklärliche Kräfte oder das Unvermögen einfacher Kausalbeziehungen vor.“35

Im Unterschied zur Science Fiction stellt Mystery selten dar, welche technischen Möglichkeiten der Autor sich für die Zukunft vorstellen kann. Es geht um das Geheimnisvolle und Erklärungen dafür, die nicht immer wissenschaftlich sind. Die Fälle, mit denen sich die Akte X -Charaktere beschäftigen, bleiben auf der rein rationalen Ebene deshalb meist ungelöst.

1.2.6 Die Rolle der Wissenschaft in Science Fiction- und Mysteryserien

Science Fiction-Serien wie Eureka beschäftigen sich mit der Frage, was wissenschaftlich und technisch in Zukunft möglich sein könnte. Der in der jeweiligen Serie dargestellte wissenschaftliche Erkenntnisstand ist fiktiv und wirkt fortgeschrittener als der reale. Zumindest für einen Teil der Charaktere wird dabei vorausgesetzt, dass sie sich auf diesem Erkenntnisstand befinden.

Der in Mysteryserien wie Akte X dargestellte Stand der Wissenschaft kann zwar auch fiktiv sein, wirkt aber nicht fortgeschrittener als der reale. So reichen auch den Charakteren die verfügbaren Mittel nur sehr selten aus, um die auftretenden Phänomene lückenlos zu erklären.

[...]


1 „Wissenschaft im Fernsehen“, Parastar, Anahita in Göpfert, Winfried (Hrsg.): Wissenschaftsjournalismus, S. 201, Econ/Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2006

2 ebenda, S. 188

3 Lehmkuhl, Markus : „Defizite im Wissenschaftsjournalismus“, in Göpfert, Winfried (Hrsg.): Wissenschaftsjournalismus, S. 14, Econ/Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2006

4 ebenda, S. 15/16

5 ebenda, S. 16/17

6 Peters, Hans Peter/ Jung, Alena : „Wissenschaftler und Journalisten – ein Beispiel unwahrscheinlicher Co-Orientierung“, in Göpfert, Winfried (Hrsg.): Wissenschaftsjournalismus, S. 29, Econ/Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2006

7 ebenda, S. 27

8 ebenda, S. 34

9 Feil, Georg: Fortsetzung folgt – Schreiben für die Serie, S. 234, UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2006

10 ebenda, S. 235

11 Reufsteck, Michael/ Niggemeier, Stefan: Das Fernsehlexikon – Alles über 7000 Sendungen von Ally McBeal bis zur ZDF-Hitparade, S. 292, Wilhelm Goldmann Verlag, München 2005

12 ebenda, S. 972

13 ebenda, S. 970

14 ebenda, S. 47

15 Hagedorn, Daniel: „Was ist Science Fiction? – Eine historische Betrachtung in Literatur und Film“ für sciencefiction.de, http://sciencefiction.de/index.php?option=com_phocadownload&view=category&id=1:artikel&download=1:was-ist-science-fiction&Itemid=134

16 Reufsteck, Michael/ Niggemeier Stefan: Das Fernsehlexikon – Alles über 7000 Sendungen von Ally McBeal bis zur ZDF-Hitparade, S. 1276, Wilhelm Goldmann Verlag, München 2005

17 ebenda, S. 893

18 ebenda, S. 445/446

19 Feil, Georg: Fortsetzung folgt – Schreiben für die Serie, S. 242-246, UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2006

20 ebenda, S. 244

21 ebenda, S. 243

22 http://www.txf.net/a-z/m/motw.shtml

23 Lowry, Bryan: Die Wahrheit ist irgendwo dort draussen. Akte X – Das offizielle Kompendium, S. 31, vgs Verlagsgesellschaft, Köln 1996

24 Heep, Roland/ Alberts, Jörg/ Krick, Kai: Space View – Das Sci-Fi-Magazin Special 1: Die X-Akten – Daten, Fakten, Stories, Stars, S.15, Heel Verlag GmbH, Königswinter 1996

25 Borstnar, Nils/ Pabst, Eckhard/ Wulff, Hans Jürgen: Einführung in die Film- und Fernsehwissenschaft, S. 52, UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2002

26 Heep, Roland/ Alberts, Jörg/ Krick, Kai: „Space View – Das Sci-Fi-Magazin Special 1: Die X-Akten – Daten, Fakten, Stories, Stars“, S.16, Heel Verlag GmbH, Königswinter 1996

27 http://www.myfanbase.de/index.php?mid=2525

28 http://de.wikipedia.org/wiki/Eureka_%E2%80%93_Die_geheime_Stadt

29 http://www.fernsehlexikon.de/1728/eureka/

30 Borstnar, Nils/ Pabst, Eckhard/ Wulff, Hans Jürgen: Einführung in die Film- und Fernsehwissenschaft, S. 57, UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2002

31 ebenda, S. 57

32 Hagedorn, Daniel: „Was ist Science Fiction? – Eine historische Betrachtung in Literatur und Film“ für sciencefiction.de, http://sciencefiction.de/index.php?option=com_phocadownload&view=category&id=1:artikel&download=1:was-ist-science-fiction&Itemid=134

33 Stableford, Brian/ Clute, John/ Nicholls, Peter: „Definitions of SF“ in Clute, John/ Nicholls, Peter (Hrsg.): The Encyclopedia of Science Fiction, London: Orbit/Little, Brown and Company 1993, S. 311-314; Übersetzung von Hans Riffel auf http://www.epilog.de/Lexikon/S/Science_Fiction.htm

34 Hagedorn, Daniel: „Was ist Science Fiction? – Eine historische Betrachtung in Literatur und Film“ für sciencefiction.de, http://sciencefiction.de/index.php?option=com_phocadownload&view=category&id=1:artikel&download=1:was-ist-science-fiction&Itemid=134

35 Hüttepohl, Katrin: „Science-Fiction, Fantasy oder Mystery? Oder: Die Auswirkung unterschiedlicher Genreangaben auf die Bewertung einer Fernsehserie durch den Rezipienten am Beispiel der US-Serie Heroes“, Magisterarbeit WWU Münster 2008, Kap. 6.2: http://www.genreforschung.de/Kapitel/62.htm

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Wissenschaft in fiktionalen TV-Formaten - Analyse und Vergleich der Darstellung von Wissenschaft in den Fernsehserien "Akte X" und "Eureka"
Untertitel
Unter dem Aspekt der Realitätsnähe
Hochschule
Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
101
Katalognummer
V147733
ISBN (eBook)
9783640584895
ISBN (Buch)
9783640584703
Dateigröße
1981 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenschaft, TV-Formaten, Analyse, Vergleich, Darstellung, Fernsehserien, Akte, Eureka, Unter, Aspekt, Realitätsnähe
Arbeit zitieren
Tim Schaaf (Autor), 2010, Wissenschaft in fiktionalen TV-Formaten - Analyse und Vergleich der Darstellung von Wissenschaft in den Fernsehserien "Akte X" und "Eureka", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147733

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