DDR in den 70er Jahren - Kirche und Opposition


Examensarbeit, 2009

48 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

1 Einführung in die Thematik
1.1 Die Anfänge der kommunistischen Diktatur
1.2 Forschungsstand
1.3 «Opposition», «Widerstand» und «Politischer Widerspruch»
1.4 Überlegungen zum «Gewaltbegriff»?

2 Politische und gesellschaftliche Entwicklungstendenzen der 70er Jahre

3 Die Kirche als Protektorat oppositioneller Tätigkeiten
3.1 Die politische Wirkungsfähigkeit der Kirche
3.2 Ausgangspunkt kirchlicher Opposition
3.3 Institutionalisierung der DDR-Opposition

4 Die 70er Jahre als Startschuss oppositioneller Gruppierungen

5 Die DDR im letzten Jahrzehnt ihres Bestehens
5.1 80er Jahre: Opposition im Umfeld Kirche
5.2 Frieden, Demokratie und Umwelt

6 Abschließende Gedanken

7 Literaturverzeichnis
7.1 Sekundärliteratur
7.2 Internetquellen

1 Einführung in die Thematik

«In sozialistischen Staaten existiert für Opposition keine objektive soziale und politische Grundlage, denn die Arbeiterklasse – im Bündnis mit allen anderen Werktätigen – ist die machtausübende Klasse und zugleich Hauptproduktivkraft der Gesellschaft, deren Grundinteressen mit denen der anderen Klassen und Schichten prinzipiell übereinstimmen.»[1]

1.1 Die Anfänge der kommunistischen Diktatur

In Folge der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik am 7. Oktober 1949 grenzte sich der Osten Deutschlands durch ein sozialistisches Gesellschaftssystem und einem proklamierten Antifaschismus vom nationalsozialistischen Dritten Reich und der kapitalistisch beeinflussten Bundesrepublik Deutschland ab. Dieser erklärte Antifaschismus als zentrale Stütze SED-staatlicher Legitimation gehörte zu einem der wichtigsten indoktrinativen Elemente der DDR-Diktatur. Während bereits die Bildung des «Antifaschistischen Blocks» im Jahre 1945 einen bedeutenden Schritt signalisierte, so wurden die bedrückenden Ereignisse des 17. Juni 1953 Legenden bildend umgedeutet und zu einem schlichten faschistischen Putsch deklariert und herab gewürdigt. In gleicher Weise verhielt es sich mit dem Bau der Berliner Mauer, welche Zeit ihres Bestehens als «Antifaschistischer Schutzwall» seitens der SED gefeiert wurde.[2]

Während der erklärte Antifaschismus die politische Legitimation und Durchsetzungskraft festigte, war die zunehmende Kopplung der behördlichen Institutionen in der ersten Phase der DDR mit gewaltigen Konflikten und Repressionen gegenüber dem zivilen und sozialdemokratischen Spektrum verbunden.[3] All jene, die sich nicht mit der Stalinisierung Ulbrichts zufrieden geben oder ferner subordinieren wollten, beschritten vielfach den Weg des geringeren Widerstandes und reisten aus. Dabei ist zu beobachten, dass bis zum Mauerbau ungefähr 3,5 Millionen Menschen die DDR verließen.[4] Erst mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 wurde das Schicksal der dort lebenden Menschen in seiner ganzen Groteske für die nächsten 28 Jahre regelrecht einzementiert und ein mögliches Entkommen unter Einsatz seines eigenen Lebens mit der Zeit zunehmend verunmöglicht.[5] Diejenigen, die in der DDR blieben und deren Unmut, deren Empörung und Unzufriedenheit über die Jahre zunehmend anstieg, versuchten vielfach gerade aus dieser zurückgedrängten Situation heraus auf verschiedenste Weise sich Gehör zu verschaffen. Andere wiederum waren darum bemüht, sich möglichst an die gegebenen und unveränderbar erscheinenden Umstände zu gewöhnen und ihr Lebensglück in einer Art symbiotischen, unauffällig erscheinenden Weise anzupassen und ferner zu führen. Eine weitere Möglichkeit des Entkommens aus dieser durch höhere Instanz konstruierten Welt stellte der Freikauf von politischen Häftlingen seitens der Bundesrepublik dar, bei welchem die BRD zwischen 1962 und dem Herbst 1989 schätzungsweise 34000 politisch Inhaftierte Ostdeutsche vor weiteren Strafmaßnahmen bewahrte. Das die dafür bereitgestellten Gelder nicht unerheblich zur finanziellen Subventionierung des im Niedergang begriffenen SED Bollwerks fungierten, wird wie fast immer erst im historischen Rückblick der Geschehnisse mehr als deutlich.

Um ihren Einflussbereich dauerhaft zu sichern, bediente sich die SED-Diktatur vornehmlich bereits bewährten Repressionsmitteln der Verfolgung und Suppression nicht nur Regime kritisierender Oppositioneller, sondern gleichermaßen auch Menschen, welchen eine solche Haltung gegenüber dem Staat schlichtweg unterstellt wurde. Dabei offenbarte sich meist ein dreigliedriges Aktionsschema, dessen Ursprünge bereits unter Stalin vielfach angewandt wurden:

Menschen, die zunächst weder zu der einen, noch zu der anderen Seite tendierten, versuchte man im Zuge einer Neutralisierung, also einer regelrechten Ruhigstellung durch Propagierung einer aussichtsreichen, meist absolut unrealistisch geschönten Zukunft einschließlich einem Mindestmaß an persönlicher Freiheit widerstandslos in das System einzugliedern und von den offensichtlichen Unterdrückungshandlungen der Diktatur abzulenken. Wichtige Grundvoraussetzung für ein solches Vorgehen war ein für die Menschen merkliches Ansteigen der allgemeinen Prosperität, welche besonders in den 80er Jahren, verbunden mit dem wirtschaftlichen Niedergang der DDR, faktisch nicht mehr zu kaschieren war.

Ein weiteres Instrument der Machtsicherung war eine gut durchstrukturierte und breitenwirksame ideologische Indoktrination. Auf der Basis des traditionsbehafteten Marxismus-Leninismus intendierte die SED eine möglichst frühe Integration der heranwachsenden Jugend, welche ihrerseits als überzeugte Kommunisten ein nicht zu unterschätzendes Geheimhaltungswerkzeug ebenso wie eine wirkungsmächtige Apologie der kommunistischen Wertevorstellungen darstellten. Eine deutliche Parallele zu den ideologischen Verbreitungsmechanismen der NS-Zeit ist bei genauer Betrachtung nicht von der Hand zu weisen. Auch dort begann die Lehre von der ideologischen Richtigkeit des programmatischen Denkens bereits im Kindesalter durch Integration einerseits und kontinuierlicher Indoktrination andererseits. Ferner offenbart dieser Umstand eine gewisse groteske Ironie, da der Kommunismus sich von Beginn besonders im Kontext faschistischer und kapitalistischer Vorgehensweisen deutlich distanzieren wollte.[6] Im Frühjahr 1949, also bereits vor der Staatsgründung der Deutschen Demokratischen Republik, konstatierte Bischof Dibelius, ein evangelischer deutscher Theologe und Bischof, eine bemerkenswerte Ähnlichkeit hinsichtlich der Vorgehensweise des Nationalsozialismus und dem des SED-Regimes.[7]

Das letzte, von der SED-Führung bevorzugt eingesetzte Werkzeug der Herrschaftssicherung, bediente sich einer gewissenlosen, unnachgiebigen und perfiden Verfolgung von all denjenigen, die ihrerseits entweder aktiv oder auch nur vermeintlich eine fundamentale Veränderung des Systems erstrebt hatten. Wichtigstes Instrument des Terrors war die Schaffung einer von Angst und Unsicherheit erfüllten Umgebung, die jegliches oppositionelles Gedankengut bereits im Keim ersticken sollte. Mit der Gründung der MfS, dem Ministerium für Staatssicherheit, im Jahre 1950 wurde der Grundstock hin zu einem bestens organisierten Überwachungsstaat gelegt. Auch dieser Terror war, ebenso wie die ideologische Indoktrination, eine allgemeine, historiographisch dokumentierte Vorgehensweise besonders von diktatorischen Regimes linker wie rechter Provenienz.[8]

Im Folgenden fokussiert sich diese wissenschaftliche Arbeit ganz bewusst auf die Herausbildung und die Entwicklung einer DDR Opposition in den 70er Jahren und versucht daran aufzuzeigen, in wieweit dieses Jahrzehnt als Grundlage der friedlichen Revolution vom Herbt 1989 gesehen werden kann. Aufgrund der Tatsache, dass oppositionelles Engagement und kirchliche Protegierung eng mit einander verbunden waren und die Kirche einen nicht unerheblichen Beitrag zur Etablierung einer handlungsorientierten Opposition darstellte, erscheint es unerlässlich, diese ausführlich mit einzubeziehen. Das letzte Kapitel dieser Arbeitet bietet einen fundierten Ausblick hin zu den oppositionellen Gruppierungen der 80er Jahre und deren Kampf um Frieden, Freiheit, Menschrechte und Umweltschutz, gleichsam wie deren Drang, sich seinen eigenen Ideen und Wertvorstellungen allgemeine Akzeptanz zu verschaffen.

1.2 Forschungsstand

Hinsichtlich der Widerstandsforschung in der DDR lässt sich zunächst konstatieren, dass bei einer eingehenden Untersuchung immer auch der Tatsache Rechnung getragen werden muss, aus welcher Perspektive die Quellenkritische Aufarbeitung vollzogen wurde. So waren es beispielsweise vor dem Mauerfall hauptsächlich systemkritische Theologen, Pfarrer und Mitglieder aus dem Umfeld der evangelischen Kirche, welche sich ausführlich dem Phänomen der widerständigen Gruppen gewidmet hatten. Dabei lag deren Augenmerk zunächst auf einer Darstellung aus der Systemperspektive.[9]

Ganz anders präsentiert sich die Situation nach dem Fall der Mauer im Jahre 1989. Dort finden sich erwartungsgemäß vielfach autobiographische Darstellungen aus der direkt involvierten Akteursperspektive.[10] Hubertus Knabe lieferte uns 1988 die erste sozialwissenschaftliche Arbeit, in der versucht wurde den Ansatz der Neuen Sozialen Bewegungen aus der Sozialen Bewegungsforschung heraus auf die politisch alternativen Gruppen in der DDR zu übertragen.[11]

Im Zuge der so genannten Enquete-Kommission «Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland» beschäftigt man sich anhand von Zeitzeugenaussagen und wissenschaftlichen Beiträgen mit dem Themenkomplex des Widerstandes, der Opposition und letztlich der Revolution im Herbst 1989.

Eine erste umfassende Gesamtdarstellung mit dem Titel «Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989» verfasste Erhart Neubert im Jahr 1997. Als Theologe und Mitbegründer des «Demokratischen Aufbruchs» war er direkt an jenen Entwicklungsprozessen beteiligt, die im weiteren Verlauf dieser Arbeit zur Grundlage genommen werden sollen. Bei dessen Monographie arbeitete Neubert hauptsächlich auf der Basis von Archivmaterialien und versuchte diese aus der Perspektive des Akteurs, oder besser gesagt der Rolle des ihm selbst bestens bekannten Insiders darzustellen.[12]

Hubertus Knabe seinerseits distinguiert in dessen Monographie «Politische Opposition in der DDR - Ursprünge, Programmatik, Perspektiven» insgesamt zehn Widerstandstypen im Spektrum zwischen politischer und sozialer Gegnerschaft, Aufstand und aktivem Widerstand auf der einen, und partieller Kritik und Resistenz auf der anderen Seite.[13] Einen recht aktuellen Beitrag zur Widerstandsforschung liefert uns die Dissertation von Annabelle Lutz mit dem Titel «Dissidenten und Bürgerbewegung», in welcher sie einen Vergleich der Opposition zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Tschechoslowakei anhand einer Vielzahl von Zeitzeugeninterviews thematisierte und herausgearbeitet hat.[14] Bei der Untersuchung von historischen Kontinuitäten, ereignisgeschichtlichen Reflexionen und grundsätzlichen Entwicklungsprozessen der gesamten Kirche innerhalb der DDR ist vor allem das Werk von Peter Maser «Die Kirchen in der DDR» zu nennen.[15]

Ausgehend von den Handbüchern zur Geschichte der DDR gibt es noch eine Vielzahl an authentischen Periodika, Pressediensten und Dokumentationen, die eine vertiefte Quellenarbeit ermöglichen.[16] Dazu zählen beispielshalber das «Deutschland Archiv»[17], die ENA[18] (Evangelischer Nachrichtendienst der DDR), die «EPD Dokumentation»[19], die Zeitschrift «Kirche im Sozialismus» oder auch das «Kirchliche Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland»[20].

1.3 «Opposition», «Widerstand» und «Politischer Widerspruch»

Grundsätzlich unterscheidet man in der Forschung zumeist zwischen drei Formen der politischen Meinungsäußerung: «Opposition», «Widerstand» «Politischer Widerspruch».[21] Dass diese Klassifizierung keineswegs Anrecht auf einen allumfassenden Gültigkeitsanspruch hat, zeigen beispielsweise die Ausführungen von Christoph Kleßmann oder auch Ilko-Sascha Kowalczuk. Ersterer differenziert zwischen den beiden Formen «Dissidenz» und «Opposition» und postuliert bei letzterer Begrifflichkeit die zumindest ansatzweise vorhandene organisierte Form der Aberration von einer herrschenden politischen Orientierung. Kowalczuk akzentuiert prinzipiell die Bezeichnungen «Widerstand» und «Opposition» mit dem Verweis darauf, dass damit eine generelle Einstellungen bzw. Hinterfragung zu einem allumfassend auftretenden Gesellschaftssystem angesprochen würde. Diese wiederum unterteilt er in vier Gruppen, deren Signifikanz von gesellschaftlicher Verweigerung, sozialem Protest, politischem Dissens bis hin zu Massenprotest reichen.[22]

Die im Folgenden dargelegten Unterscheidungskriterien orientieren sich hauptsächlich an Ehrhart Neuberts Terminologie, welche durch komplimentierende Aspekte aus Detlefs Pollacks Monographie bereichert werden.

Nach Neubert zeichnet sich oppositionelle Tätigkeit im Besonderen dadurch aus, dass auf der Basis verbindlicher Richtlinien und allgemeingültigen Rechtsgrundlagen dahingehen agiert und argumentiert werden konnte, dass die herrschenden Instanzen sich selbst in gleicher Weise an diese Normen orientieren und richten müssten. Aber nicht nur das Anprangern von Zuwiderhandlungen gehörte in das Betätigungsfeld der Oppositionellen, sondern gleichermaßen auch die aktive Mitarbeit bei der Festsetzung rechtlicher Grundlagen. Allerdings sollte an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass ein Vergleich zu dem in Westdeutschland gebrauchten Oppositionsbegriff nur bedingt zu ziehen ist, da sich dort eine Opposition auf der «Grundlage eines verfassungsmäßig beschriebenen und durch vereinbarte politische Verfahren» etablieren konnte. Innerhalb der DDR war bekanntermaßen eine verbindliche Gesetzlichkeit oder auch ein Anspruch auf bestehendes Recht nur ein bewusst aufrechterhaltener Schein eines Gesellschaftssystems, welches sich seiner hegemonialen Stellung sicher sein wollte. Detlef Pollack verweist hinsichtlich des Oppositionsbegriffs auf Friedens-, Menschenrechts- und Umweltgruppen, welche prinzipiell nicht eine totale Abschaffung des realsozialistischen Systems erstrebten, sondern vielmehr eine Reformierung auf der Basis legaler Vorgehensweisen ersuchten. Aufgrund dieser Tatsache läge ein wichtiges Unterscheidungskriterium zu Grunde, welches den Schwellengrat hin zu widerständigen Gruppen und deren Drang nach konsequenter Abschaffung der SED Herrschaft deutlich absteckt.[23]

Hauptunterschied zwischen «Opposition» und «Widerstand» war zum einen die absente Legalität, welche letztere in ihren Handlungsmöglichkeiten regelmäßig beschnitt und Widerständige Gefahr liefen, den Gewahrsam und die «Gastfreundschaft» der DDR Polizei über sich erdulden zu lassen. Haupterkennungsmerkmal des Widerstandes war der spontane Massenaufstand, welcher sich sowohl am 17. Juni 1953, als auch in der Herbstrevolution von 1989 offenkundig zeigte.[24] Jedoch ist in diesem Vergleich zu unterscheiden, dass letzteres Beispiel nicht nur von einem Aufstand der Massen ausging, sondern vielmehr die Gruppe der widerständigen sich mit einer institutionalisierten DDR Opposition verband, welche ihrerseits in der Lage war, politisches Handeln zu legitimieren und ferner auch zu legalisieren. Hinzu zählt der Widerstand von ehemaligen Parteimitgliedern der Sozialdemokraten, ebenso wie der LDPD und der CDU, die sich mit Gesetzestreue keine Tief greifenden Veränderungsmöglichkeiten versprachen. Die im Laufe dieser wissenschaftlichen Arbeit noch mehrfach Erwähnung findende Form der strikten Wehrdienstverweigerung, sollte an dieser Stelle der Betrachtung hinzugefügt werden. Darüber hinaus gab es auch widerständiges Verhalten ausgehend von einzelnen Personen, welche zumeist mit Gewaltaktionen und Sabotageakten in Verbindung gesetzt werden können. Jedoch sollte ebenfalls betont werden, dass nicht jeder Widerständige diese Gewaltbereitschaft aufwies, sondern dass das Verteilen von Flugblättern gleichsam hinzugezählt werden muss.

Zuletzt wäre noch die Gruppe derer zu nennen, die ihren Unmut durch Flucht und Ausreise kundtaten. Bilanzierend lässt sich jedoch an dieser Stelle konstatieren, dass jede Form widerständigen Verhaltens mit einem hohen persönlichen Risiko für Leib und Leben verbunden war und dass viele widerständige Handlungen schlicht aus einer tiefen Verzweiflung heraus geboren waren.

Häufigstes Erscheinungsmerkmal des «politischen Widerspruchs» innerhalb der DDR waren vor allem die öffentliche und bewusst kritische Meinungsäußerung, welche sowohl in Gestalt provozierender Witze ihren Ausdruck fanden, als auch in emotional aufgeladenen Eruptionen, welche als direkte Konsequenz mit politischen und gesellschaftlichen Übergriffen seitens der SED korrelierten. Diese Form des Widerspruchs war an sich sehr weit entfernt von bereits bekannten Strukturen des organisierten und institutionalisierten oppositionellen Widerstandes. Grundsätzlich lassen sich zu dieser Kategorie all jene hinzu zählen, die ihren Unmut spontan und absolut unorganisiert verbal, schriftlich, künstlerisch oder auch physisch artikulierten.

1.4 Überlegungen zum «Gewaltbegriff»?

Da die im weiteren Verlauf dieser Arbeit vorgeführten Gewalt- und Unterdrückungshandlungen seitens der SED-Diktatur zu einem wesentlichen und konstitutiven Element dieser Ära zählten und ihrerseits zu einer steten Ausdifferenzierung und Weiterentwicklung widerständigen Verhaltens beitrugen, soll es im Folgenden darum gehen, zunächst einen theoretischen Zugang hinsichtlich des Gewaltbegriffs zu erlangen, da ebenso Mannigfaltig wie die DDR-Bewohner selbst eben auch die Erscheinungsformen und die Intensität von Gewaltausübung waren.

Eine erste wichtige Feststellung sollte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass nicht jeder DDR Bürger in gleicher Weise von diesen Nötigungen und Gewalterfahrungen betroffen war. Dies zeigt sich mehr als deutlich in den teils erheblich divergierenden Erinnerungen und der teilweise aufgekommenen so genannten «Ostalgie», welche eine wahrheitsgemäße Einordnung der Ereignisse mit unter erschwert, da eine solche nostalgische Verklärung der Vergangenheit jeden direkten Zugang verbaut.[25] Allerdings darf in einem solchen Kontext nicht vergessen werden, dass viele Zusammenhänge der historischen Ereignisse erst in der nachträglichen wissenschaftlichen Aufarbeitung ihre Verarbeitung und schriftliche Fixierung fanden und immer noch finden. Eine grundsätzliche Klassifizierung des Gewaltbegriffs dient als Einführung in diese Thematik:

In der Forschung unterscheidet man zunächst einmal grundsätzlich zwischen den Aspekten der «Physischen Gewalt» einerseits und denen der «Psychischen Gewalt» andererseits. Ersterer ist eine Begrifflichkeit, die im Laufe der Geschichte einen gewissen Wandlungsprozess durchlaufen hat. Stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts und lange Zeit danach der Aspekt der Nutzung des Körpers durch den Täter und dessen Streben danach, den eigenen Willen durchzusetzen, im Vordergrund, so erhält dieser Begriff in neueren sozialwissenschaftlichen Debatten eine verstärkte Fokussierung auf die körperliche Schädigung des Opfers. «Psychische Gewalt» hingegen verweist in ihrem Kern auf eine Schädigung auf mentaler Ebene, die bereits durch verbale Aggressionen evoziert werden kann und in ihren Auswirkungen für das Opfer niemals unterschätzt werden sollte und ferner natürlich eine graduelle Evaluation erschwert.

Aber auch der Gesichtspunkt der «Schädigung durch Unterlassung» muss im Kontext dieser Differenzierung mit in die Betrachtung aufgenommen werden. Denn nicht nur derjenige, der agiert, schädigt dem potentiellen Opfer am meisten, sondern gleichermaßen derjenige, der schlichtweg solchen Situationen bewusst den Rücken kehrt.[26]

Eine weitere Distinktion erfährt der Gewaltbegriff hinsichtlich der Unterscheidung zwischen «Kultureller Gewalt» einerseits und «Struktureller Gewalt» andererseits. Ersterer referiert das Bestreben einer Kulturgemeinschaft nach Ordnung und klar abgegrenzten Zugehörigkeitsbeschreibungen. Um dieses Ordnungssystem zu bewahren, legitimiert man sich Handlungsmuster, die Gewalt oder, genauer gesagt, Gewalttätigkeit in ihr Repertoire aufnehmen. Alles, was diesem Ordnungsbestreben gegenläufig erscheint, darf beseitigt werden. An ihrem Kulminationspunkt stehen exzessive Gewalthandlungen gegen zuvor determinierte «Feindbilder», wie sie deutlich in genozidalen Ereignissen oder auch in totalitären Herrschaftssystemen zu Tage treten bzw. getreten sind.

«Strukturelle Gewalt» bezieht sich auf Gewaltausübungen, die keinen direkten, agierenden Aggressor kennt, sondern welche, eingebettet in ein normatives Gesellschaftssystem, sich beispielsweise in «ungleichen Machtverhältnissen» äußert. Diese Form der Gewalt liegt auch die Terrorherrschaft der SED und ihrem Machtapparat zugrunde, welche ihre Gewalthandlungen an der Berliner Mauer oder in gänzlich anderer Situation mit dem Verweis auf eine verfassungsrechtliche Legitimation zu rechtfertigen verstanden. Die Zahl derer, die als unliebsame oder mit der Verfassung unkonforme Genossen in DDR Gefängnissen teilweise Jahrzehnte ein oftmals brutales Dasein fristeten, sind repräsentative Zeugnisse dieses Wahnsinns. Aber auch jener Schießbefehl an die DDR-Grenzeinheiten, welcher bereits neun Tage nach dem Beginn des Mauerbaus in die Wege geleitet wurde, kann zu diesem Kontext gerechnet werden. Allerdings scheinen sich in diesem Beispiel Aspekte der «Kulturellen Gewalt» zu überlappen, da wir es mit einem zuvor terminierten Freund-Feind Bild zu tun haben.[27] «Auf Republikflucht stand im schlimmsten Fall die Todesstrafe.»[28]

Bei genauerer Untersuchung und Eingrenzung des Gewaltbegriffs trifft man auf ein Phänomen, welches in der Forschung als so genannte «perspektivische Divergenz» hinsichtlich der Beurteilung von Gewalttaten bezeichnet ist.[29] Während ein Gewaltakteur sein Verhalten in einem speziellen Kontext als angemessen beurteilen würde, evoziert das Handeln des Agierenden beim geschädigten Opfer möglicherweise ein Gefühl der Unangemessenheit, Vermeidbarkeit oder auch Verurteilungswürdigkeit.[30] Somit ist jede Form von physischer oder psychischer Gewalttätigkeit grundsätzlich als ein Gewaltakt zu sehen, ganz gleich ob dieser als Notwehr, legitime Rache o.ä. seine, möglicherweise auch im historischen oder soziokulturellen Kontext, Legitimation bzw. auch Angemessenheit ableitet. Diese Problematik hinsichtlich der Beurteilung von Gewalttaten offenbart sich deutlich bei den Mauerschützenprozessen nach dem Untergang der DDR, bei denen vielfach für einen befohlenen Mord lediglich Bewährungsstrafen erteilt wurden. Ganz gleich von welcher Seite man diese Vorgänge begutachtet und wertet, sollte man sich stets vor Augen führen, dass einem Mauerschützen ebenso die Option blieb, ihr Ziel, also den «Feind», schlichtweg mit dem Gewehr verfehlt zu haben.[31]

[...]


[1] Das Kleine Politische Wörterbuch, Ost-Berlin 1986, S.695.

[2] Neubert (2000), S.317; Wolfrum (2009), S.78-90.

[3] Meuschel, Sigrid: Legitimation und Parteiherrschaft in der DDR, Frankfurt am Main 1992, S.29.

[4] Wendt, Hartmut: Die deutsch-deutschen Wanderungen – Bilanz einer 40jährigen Geschichte von Flucht und Ausreise, in: Deutschland Archiv 24, 1991, H. 4.

[5] Wolfrum (2009), S.11ff.

[6] Mählert (2007), S.21ff.

[7] Maser (2000), S.154.

[8] Meckel (1994), S.19f.

[9] Pollack, Detlef: Die Legitimität der Freiheit - Politisch alternative Gruppen unter dem Dach der Kirche, Frankfurt am Main 1990.

[10] Rüddenklau, Wolfgang: Störenfried - DDR-Opposition 1986-1989. Berlin 1992.

[11] Knabe, Hubertus: Neue Soziale Bewegungen. Zur Genesis alternativer politischer Orientierungen in der DDR, in: KZSS 40, 1988.

[12] Neubert, Erhart: Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989, Berlin 2000.

[13] Knabe, Hubertus: Politische Opposition in der DDR - Ursprünge, Programmatik, Perspektiven, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Bd. 1/2, 1990.

[14] Lutz, Annabelle: Dissidenten und Bürgerbewegungen, Frankfurt am Main 1999.

[15] Maser, Peter: Die Kirchen in der DDR, Bonn 2000; Es sei darauf hingewiesen, dass die bibliographische Auswahl nur ein Auszug dessen darstellt, was die Forschung bis heute hervorgebracht hat.

[16] Bibliographie der Periodika, Pressedienste und Dokumentationen teils angelehnt an Neubert (2000), S.939.

[17] Deutschland Archiv, Zeitschrift für Fragen der DDR und der Deutschland Politik/ Zeitschrift für das vereinigte Deutschland (DA), Jahrgänge 1-29.

[18] ENA, Evangelischer Nachrichtendienst der DDR, 1081-89.

[19] EPD-Dokumentation, Evangelischer Pressedienst (Hrsg.), Frankfurt am Main 1969-90.

[20] Schneider, Johannes/Beckmann, Joachim (Hrsg.), Kirchliches Jahrbuch für die Evangelische Kirche in Deutschland, Bde. 1945-48 und 1949-1989, Gütersloh.

[21] Neubert (2000), S.25ff.

[22] Kleßmann (1991), S.52f.; Kowalczuk (1995), S.90, 97.

[23] Pollack (2000), S.59f.

[24] Wolfrum (2009), S.32f.

[25] Wolfrum 2006, S.487ff.

[26] Heitmeyer (2004), S.21f.; Schwind (1990), S.36; Tillmann (1997), S.16.

[27] Baumann (1995) , S.20,61; Galtung (1975), S.12.

[28] Wolfrum (2009), S.18.

[29] Heitmeyer (2004), S.28.

[30] Otten/Mummendey (1999), S.128.

[31] Wolfrum (2009), S.19.

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
DDR in den 70er Jahren - Kirche und Opposition
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2
Autor
Jahr
2009
Seiten
48
Katalognummer
V148055
ISBN (eBook)
9783640596539
ISBN (Buch)
9783640596928
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DDR, Widerstand, Opposition
Arbeit zitieren
Florian Fromm (Autor), 2009, DDR in den 70er Jahren - Kirche und Opposition, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148055

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