Der Äthiopienkrieg 1935/36

Letzter Kolonialkrieg oder Totaler Krieg?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Einordnung
1.1. Faschismus als ideologische Basis?

2. Propaganda

3. Exkurs: das Kaiserreich Äthiopien am Vorabend der Invasion

4. Kriegsvorbereitungen

5. Gaseinsatz

6. Völkerbundreaktionen

7. „Kontersanktionen“ und Heimatfront

8. Ausblick: Besatzung und Herrschaft

Schluss

Literatur

Einleitung

"Wir pfeifen auf alle Neger der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft und deren eventuelle Verteidiger", rief Mussolini seinen Soldaten am 6. Juli 1935 in Eboli zu, kurz vor deren Abfahrt in die italienischen Kolonien am Horn von Afrika, den Aufmarschgebieten für den baldigen Angriff auf das christliche Kaiserreich Äthiopien. Dieser Ausspruch kann als programmatisch gelten für das Selbstverständnis der italienischen Truppen in diesem kommenden Konflikt, der sich am Scheidepunkt zwischen „letztem Kolonialkrieg“ und totalem Krieg verorten läßt.

Die zentrale Fragestellung dieser Arbeit soll sein, ob wir es beim Äthiopien- oder auch Abessinienkrieg überhaupt noch mit einem „Kolonialkrieg“ im Sinne der im Kolonialismus-Seminar herausgearbeiteten Definitionen zu tun haben, oder ob es hier nicht um eine andere, beziehungsweise neue Kategorie der Kriegführung geht, wovon – soviel sei an dieser Stelle schon einmal vorweggenommen - ein Großteil der von mir gesichteten Autoren ausgeht. In diesem Zusammenhang soll auch der Frage nach der „Logik“ nachgegangen werden, in die sich die angewandten Mittel und die daraus resultierenden Kriegsverbrechen der italienischen Besatzungsmacht gegen die äthiopische Bevölkerung einfügen. Wie konnte es zu einer solchen „Entgrenzung der Gewalt“ in diesem Konflikt kommen und welche Rolle spielte die faschistische Ideologie dabei?

1. Einordnung

Als am 3.10.1935 italienische Truppen ohne formale Kriegserklärung das Kaiserreich Äthiopien (und damit den neben Liberia letzten souveränen Staat Afrikas) von den italienischen Kolonien Eritrea und Somalia aus angriffen, begann damit schon in der Wahrnehmung vieler Zeitgenossen nicht etwa ein letztes, eigentlich anachronistisches Kolonialunternehmen in der langen Geschichte der europäischen Expansion, sondern „ein mit ausgeklügelter Logistik, immensem Aufwand und modernster Technologie geführter Angriffs- und Eroberungskrieg, der das Tor zu neuen Dimensionen kriegerischer Gewalt aufstieß“[1]. So nennt denn schon ein deutscher Militärbeobachter den Krieg in seinem Bericht von 1937 „den ersten neuzeitlichen Vernichtungskrieg auf kolonialem Boden“[2] und sieht beispielsweise Aram Mattioli darin „eines der Schlüsselereignisse in der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts“, das „in manchem bereits die Zerstörungskräfte des Zweiten Weltkrieges vorwegnahm.“[3]. Auch in dem im Rahmen des Kolonialismus-Seminars schon frühzeitig besprochenen Aufsatz von Dierk Walter betrachtet dieser den Äthiopienkrieg wegen des umfassenden materiellen und personellen Mobilisierungsgrades Italiens als einen Konflikt, auf den „der Begriff Kolonialkrieg nur mehr mit Mühe paßt“[4].

Zwar hält demgegenüber Giulia Brogini Künzi terminologisch an der Bezeichnung „Kolonialkrieg“ fest, aber auch sie läßt keinen Zweifel am qualitativ neuartigen, tendenziell totalen Charakter des Äthiopienkrieges aufkommen, bei dem die Aggressoren den Unterschied zwischen Kombattanten und Zivilisten systematisch missachteten. Ebenso betont sie die ideologische Prägung des Feldzuges, der vor allem im bemerkenswert hohen Anteil faschistischer Milizionäre an den italienischen Streitkräften greifbar wurde[5].

1.1. Faschismus als Basis

Das ideologische Gerüst des Faschismus mit seiner im Futurismus wurzelnden Sublimierung und Ästhetisierung der Gewalt zwischen Mystik und Gewaltverherrlichung und der Stilisierung des Krieges als zentralem Lebensinhalt (Mussolini: „Was der Frau die Mutterschaft, ist dem Mann der Krieg.“), förderte nach Ansicht vieler Forscher die Tendenz zur Totalisierung der Kriegführung. Darüberhinaus hatte es aber auch seine Rückwirkungen auf die Metropole selbst, wo es zum Instrument einer forcierten Transformation der Gesellschaft, der Wirtschaft und des Militärs des „monarchisch-klerikal-faschistischen“[6] italienischen Staates wurde.

Brogini Künzi arbeitet heraus, daß es vor allem Giulio Douhets in den 1920er-Jahren entwickeltes und durchaus in futuristischer Tradition wurzelndes Konzept der „guerra integrale“ gewesen sei, das die theoretische Grundlage für Mussolinis Äthiopien-Intervention geliefert habe – nicht zufällig eine Militärtheorie, deren Kern darin lag, mittels des massiven Einsatzes der Luftwaffe „dem Kriegsgegner ungeachtet der internationalen Konventionen in kürzester Zeit den größtmöglichen Schaden zuzufügen“[7]. Damit paßte Douhets Doktrin nicht nur zum moralisch enthemmten Radikalimperialismus der faschistischen Führung in einem Krieg gegen einen vorab als minderwertig definierten Gegner, sondern auch zu den begrenzten Möglichkeiten eines so ressourcen- und devisenschwachen Landes wie Italien.

Noch interessanter für eine Gesamtinterpretation des italienischen Faschismus als Kriegsregime ist die von Brogini Künzi auf der Basis einer Auswertung von 24 Militär-, Kolonial-, Partei- und Kulturzeitschriften aufgedeckte, in entsprechenden Kreisen schon in den 1920er-Jahren offenbar weit verbreitete Überzeugung, der Krieg in den Kolonien diene der „Rassenverbesserung“ und sei vor allem die beste Vorbereitung aller beteiligten Kräfte auf den nächsten europäischen Krieg. „In normalen Zeiten, wenn Janus die Türen in Europa verriegelt hält, bietet die Kolonie die beste, vielleicht die einzige Möglichkeit zur Charakterschulung und zur Förderung der Unternehmungslust“, zitiert die Autorin ein Mitglied des Kolonialoffizierskorps. Und weiter: „Ein Offizier, welcher in der Kolonie eine Führungsfunktion inne hatte, wird [...] besser als ein beliebiger anderer für die Bewältigung zukünftiger Aufgaben im Krieg in Europa gerüstet sein.“[8] Der eigentliche Nutzen des Krieges lag damit weniger in erhofften materiellen Gewinnen wie Rohstoffen und Siedlungsgebieten, sondern in der „umfassende[n] Kriegsvorbereitung der Nation“[9]. Dazu passt, dass Mussolini die befehlshabenden Generäle im Frühjahr 1936 mit der Anweisung in Verlegenheit brachte, dafür zu sorgen, daß alle italienischen Kombattanten wenigstens einmal die Front erlebten, „wenn nötig auch in einem Turnus-System“[10]. Den Äthiopienkrieg kann man somit auch als Inbegriff des faschistischen Ideals vom „kontinuierlichen Krieg“ werten, in dem der Krieg „nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern ein Zweck an sich geworden [ist]“[11].

Des weiteren trug die faschistische Rassenpolitik und Propaganda, die den Gegner von vornherein als „rassisch minderwertig“ definierte und ihm oftmals menschliche Züge absprach, indem sie zum Beispiel den äthiopischen Soldaten eine „primitive“ und „barbarische“ Mentalität unterstellte[12], wesentlich zur Entgrenzung der Gewalt bei und wurde somit zu einer Art Freibrief für alle Arten von Übergriffen, wie sie beispielsweise ihren Ausdruck in der aerochemischen Kriegsführung, dem ausdrücklichen Befehl, möglichst wenige Gefangene zu machen und dem rücksichtslosen Umgang mit der Zivilbevölkerung fanden. Die Zivilbevölkerung wurde dabei nicht nur zufällig in die Kampfhandlungen hineingezogen, sondern als Teil einer bewußten Strategie gezielt gedemütigt, vertrieben, interniert und getötet.

2. Propaganda

Eine wesentliche Rolle bei der ideologischen Vorbereitung des Feldzuges spielte das im Juni 1935 extra zu diesem Zweck aus anderen vorhergehenden Ministerien zusammengelegte und nach dem deutschen Vorbild geschaffene „Ministerium für Presse und Propaganda“, das in indoktrinärer Art und Weise für eine Mobilisierung der Heimatfront sorgte, wie sie bei vorangegangenen europäischen Kolonialunternehmen ihresgleichen sucht. Presse, Rundfunk und die staatliche Film-und Bildagentur LUCE arbeiteten intensiv sowohl im Vorfeld, als auch während des Krieges, um den italienischen Massen das nahezu Eldorado-hafte Bild eines enorm rohstoffreichen und idealisierten Äthiopien zu zeichnen, daß nur auf die italienische Befreiung und Herrschaft zu warten schien[13].

Dem Überfall voraus ging ein Paradigmenwechsel in der offiziellen Darstellung Haile Selassies und Äthiopiens generell in den italienischen Medien vom „Fremdbild Äthiopien“ hin zum „Feindbild Äthiopien“[14]. War in den 1920ern das italienisch-äthiopische Verhältnis noch erstaunlich gut gewesen, wovon neben dem Freundschafts – und Beistandspakt von 1928 auch intensive wirtschaftliche Beziehungen zeugen, so erfolgte spätestens ab 1931 eine fortschreitende Demontierung des vorherigen Bildes vom zwar exotischen und rückständigen, aber doch unter Haile Selassie „entwicklungsfähigen und sich rasch modernisierenden Äthiopien“[15]. In der nun beginnenden massiven Propagandakampagne Italiens wurde mehr und mehr das Bild einer verfallenden und reformunfähigen Staatsgewalt gezeichnet, eines degenerierten Staates[16] (wenn überhaupt von „Staat“ im herkömmlichen Sinne die Rede sein könne), in dem die herrschende „Rasse“ der Amhara alle anderen Völker unterjoche und versklave. Besonders die Sklavereiproblematik wurde dabei als Legitimationskonzept für einen italienischen Befreiungs- und Zivilisierungsauftrag in Äthiopien herangezogen[17].

Parallel zur Antisklavereikampagne, bei der sich italienische Diplomaten vor dem Völkerbund als überzeugte Abolitionisten gerierten, erfolgte eine Mobilisierung der Heimatfront durch eine „Rache-für-Adua-Kampagne“ und durch die Wiederbelebung der Legende vom „verstümmelten Sieg“, wonach Italien am Ende des ersten Weltkrieges von den anderen Siegermächten um die Früchte seines Sieges betrogen worden sei. Die Eroberung Äthioipiens sollte diese Scharten auswetzen, international Prestige erringen, Italien einen „Platz an der Sonne“ sichern und mit der Schaffung eines zusammenhängenden ostafrikanischen Kolonialreiches den Grundstein legen für die Auferstehung eines neuen „römischen Imperiums“[18]. So verwundert es denn auch nicht weiter, wenn der Krieg selbst dann „in allen Schichten der Gesellschaft eine Welle des Enthusiasmus, des Patriotismus und des Nationalismus“ auslöste, eine regelrechte Masseneuphorie[19].

[...]


[1] Mattioli 2003: 313.

[2] Zitiert nach:Mattioli 2003: 313, Anm. 10.

[3] Mattioli 2003: 312.

[4] Walter: 37.

[5] Brogini Künzi 2006b: 25.

[6] Mantelli: 3.

[7] Brogini Künzi 2006b: 343.

[8] Brogini Künzi 2006b: 155.

[9] Brogini Künzi 2006b: 183.

[10] Brogini Künzi 2006b: 293.

[11] Brogini Künzi 2006a: 279.

[12] Einen willkommenen Beleg dafür bildete unter anderem die Enthauptung zweier gefangener italienischer Piloten Ende 1935, die propagandistisch massiv ausgeschlachtet und von Italien dazu verwendet wurde, Äthiopien seinerseits vor dem Völkerbund der Mißachtung internationaler Verträge zu bezichtigen (Brogini Künzi 2006b: 234).

[13] Terhoeven: 45ff.

[14] Brogini Künzi 2006b: 164.

[15] Brogini Künzi 2006b: 141.

[16] Eine Einschätzung, die vor allem vom Ethnologen und Rassentheoretiker Lidio Cipriani in einem populären Aufsatz von 1932 propagiert wurde. (dazu Schneider: 92ff.)

[17] Brogini Künzi 2006b: 165f.

[18] Brogini Künzi 2006b: 169.

[19] Brogini Künzi 2006b: 17.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Äthiopienkrieg 1935/36
Untertitel
Letzter Kolonialkrieg oder Totaler Krieg?
Hochschule
Universität Leipzig  (Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur)
Veranstaltung
Kolonialgewalt - Geschichte, Konzepte, Konstellationen
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V148078
ISBN (eBook)
9783640580699
ISBN (Buch)
9783640580811
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Letzter, Kolonialkrieg, Totaler, Krieg
Arbeit zitieren
Kay Ramminger (Autor), 2010, Der Äthiopienkrieg 1935/36, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148078

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