Verwandtschaft und Großelternschaft - Familienpsychologie


Seminararbeit, 2009
35 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Verwandtschaft und Großelternschaft

1. Evolutionäre Perspektive
1.1 Darwins irrtümliche Annahmen über altruistisches Verhalten
1.2 Ansichten der modernen Soziobiologie
1.2.1 Ziele der Soziobiologie.
1.2.2 Das Prinzip der Verwandtenselektion.
1.2.3 Folge des Prinzips der Verwandtenselektion: direkte und indirekte Fitness.
1.2.4 Problem: Wer hilft wem bei Promiskuität?.
1.2.5 Problem: Vernachlässigung von Stiefkindern.
1.2.6 Beispiel für die Zweckrationalität der Verwandtschaft: Darwinistische Algorithmen.
1.3 Fazit und Reflexion

2. Großelternschaft
2.1 Historischer und sozio-demografischer Hintergrund
2.2 Die Großeltern-Enkelkind-Beziehung
2.2.1 Intergenerationale Kontakte
2.2.2 Funktionen der Großeltern
2.2.3 Großeltern-Enkel-Beziehungsstile
2.2.4 Kulturelle Besonderheiten
2.3 Förderliche Rahmenbedingungen für die Großeltern-Enkelkind-Beziehung
2.3.1 Eltern als Vermittler
2.3.2 Erreichbarkeit der Großeltern
2.3.3 Körperliche und geistige Fitness der Großeltern
2.3.4 Entwicklungsphase der Enkelkinder
2.3.5 Geschlecht
2.4 Der großelterliche Einfluss auf die Entwicklung des Kindes
2.5 Auswirkungen der Betreuungstätigkeit auf die Großeltern
2.6 Urgroßeltern-Enkelkind-Beziehung
2.7 Fazit

3. Geschwisterbeziehungen
3.1 Forschungsstand
3.2 Kulturelle Variabilität und übergreifende Merkmale von Geschwisterbeziehungen
3.3 Prosoziale Entwicklungsaufgaben für Geschwister
3.4 Nähe in Geschwisterbeziehungen
3.4.1 Messung von Nähe und Intimität
3.4.2 Variablen, die Nähe beeinflussen
3.4.3 Nähe und Intimität im Lebenslauf
3.5 Rivalität in Geschwisterbeziehungen
3.5.1 Variablen, die Rivalität in Beziehungen bedingen
3.5.2 Rivalität im Lebenslauf
3.6 Fazit

Literatur

Verwandtschaft und Großelternschaft

Die vorliegende schriftliche Ausarbeitung zu dem Referat Verwandtschaft und Großelternschaft beschäftigt sich zunächst mit der Evolutionsbiologie beziehungsweise Soziobiologie als Beispiel einer theoretischen Annäherung an das Thema Verwandtschaft und im Anschluss mit Forschungsergebnissen zur Großelternschaft sowie zur Gestaltung von Geschwisterbeziehungen. Demnach liegt der Ausarbeitung eine Gliederung zugrunde, die sich vom Allgemeinen zum Besonderen entwickelt in dem Sinne, dass Großeltern und Geschwisterbeziehungen als Subsysteme von Verwandtschaft betrachtet werden.

Die einzelnen Kapitel der Ausarbeitung sind nach bestimmten inhaltlichen Aspekten beziehungsweise Fragestellungen gegliedert, um die breite Vielfalt an Forschungsergebnissen entsprechend zu reduzieren: Zentrale Fragen sind zum Beispiel, wie sich Beziehungen zwischen Großeltern und Enkeln beziehungsweise zwischen Geschwistern über den Lebenslauf hinweg entwickeln, welche Funktion diese haben (zum Beispiel im Hinblick auf bestimmte Entwicklungsaufgaben) und eine Darstellung der jeweils in der Forschung ins Zentrum gerückten Aspekte, zum Beispiel Nähe und Rivalität in Geschwisterbeziehungen. Ferner wird eine Unterscheidung zwischen bestimmten „Arten“ von Großeltern vorgenommen.

Die Ausarbeitung verfolgt das Ziel, einen Überblick über die wichtigsten Forschungsfragen zu geben sowie eine beispielhafte Vertiefung einer theoretischen Perspektive, nämlich der der Soziobiologie. Die Soziobiologie beschäftigt sich zum Beispiel mit der Frage, wie altruistisches Verhalten zwischen Verwandten entsteht und welchem evolutionären Zweck dieses Verhalten dient.

1. Evolutionäre Perspektive

1.1 Darwins irrtümliche Annahmen über altruistisches Verhalten

Eine zentrale Frage, die sich Evolutionsbiologen immer wieder gestellt haben, ist die nach Sinn und Zweck altruistischen Verhaltens (Paul & Voland, 1998). Darwin verstand damals noch nicht, warum Evolution nicht konsequent gegen Altruismus vorgeht: nach seiner Theorie ist der Konkurrenzkampf „erbarmungslos amoralisch“ (Paul & Voland, 1998, S. 36), das heißt ausschließlich Durchsetzungsfähige werden innerhalb des Selektionsprozesses bevorzugt. in dem Sinne, dass primär der Reproduktionserfolg des Individuums ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, Aspekte von Verwandtschaft hingegen wurden von Darwin nicht berücksichtigt.

Es gibt viele Beispiele für altruistisches Verhalten im Tierreich. Nach Paul und Voland (1998) sind zum Beispiel Warnrufe sehr riskant und sie lenken die Aufmerksamkeit des Raubtiers auf den Rufer Ein weiteres, von Paul und Voland (1998) dargestelltes Beispiel für altruistisches Verhalten ist gemeinsame Jungenfürsorge zum Beispiel unter Vögeln, seltener auch unter Säugetieren. Es beschäftigen sich auch andere Mitglieder der Lebensgemeinschaft mit dem Fortpflanzungsgeschäft, übernehmen Babysitterfunktionen, besorgen Nahrung usw.

Paul und Voland (1998) nennen das Beispiel der gemeinen Vampire (Desmodus rotundus), die in Gruppen von 8-12 erwachsenen Weibchen und ihrem abhängigen Nachwuchs leben - nachts saugen sie an Rindern und Pferden Blut, aber 1/3 der Jüngeren und 7 % der erfahrenen Vampire treten mit leerem Magen zurück und würden verhungern, wenn sie nicht von anderen Artgenossen versorgt würden. Als weitere Beispiele sei die Bildung von Koalitionen und Allianzen erwähnt.

Die Evolutionsbiologie war lange im „Paradigma der Arterhaltung gefangen“ (Paul & Voland, 1998, S. 37), welches vielfach einfach unreflektiert hingenommen wurde: Gemeint ist die „Vorstellung von der Arterhaltung als ultima ratio biologischer Anpassungsprozesse“ (Paul & Voland, 1998, S. 37). Altruistisches Verhalten wurde mit dem biologischen Ziel der Erhaltung der eigenen Art erklärt. Eine Position, die diese Auffassung aufgreift, ist zum Beispiel der Sozialdarwinismus, nach dem altruistisches Verhalten der Erhaltung eines Kollektivs wie Rasse, Art, Volk erklärt wird – diese Position wurde im Nationalsozialismus ideologisiert und zur Entwicklung der Eugenik der Nationalsozialisten herangezogen. Daran erkennt man, welche problematischen politischen und sozialen Konsequenzen bestimmte theoretische Auffassungen haben können. Ausführungen zum Sozialdarwinismus und dessen politischer Entwicklung findet man zum Beispiel bei Zmarzlik (1963).

Die Problematik der Auffassung, dass „sozial Durchsetzungsfähige“ grundsätzlich im Selektionsprozess bevorzugt werden und Altruismus der Erhaltung einer Art dient, liegt in der Vernachlässigung genealogischer Verwandtschaft.

1.2 Ansichten der modernen Soziobiologie

1.2.1 Ziele der Soziobiologie.

Die moderne Soziobiologe fragt nach Paul und Voland (1998) zum einen nach der Zweckrationalität von Verhalten, nach proximaten Ursachen, und nach dem funktionellen Hintergrund von Kausalzusammenhängen, nach ultimaten Gründen. Bei ersteren handelt es sich um den Warum-Aspekt, zum Beispiel die Frage, warum Menschen überhaupt verwandt sind: Dafür können zum Beispiel physiologische Ursachen herangezogen werden, man kann Verwandtschaft unter anderem durch die Teilung der Keimzellen erklären etc. Hier geht es darum, durch welche Mechanismen z. B. Verhalten konkret entsteht.

Von ultimaten Gründen des Verhaltens spricht man hingegen, wenn es um den Wozu-Aspekt geht, zum Beispiel die Frage, warum es diesen Zellteilungsmechanismus überhaupt gibt, warum pflanzen sich Menschen nicht völlig anders fort und ähnliche Fragestellungen.

Nach der Soziobiologie verfolgen Menschen als evolvierte biologische Lebewesen reproduktive Interessen und bestimmte Regulationsmechanismen haben sich als wirkungsvoll dafür bewährt, um diese Interessen zu vermitteln: welche dies sind, ist eine Frage, die den Wozu-Aspekt des Verhaltens berührt .

1.2.2 Das Prinzip der Verwandtenselektion.

Von Darwin wurde nicht beachtet, dass altruistisches Verhalten systematisch erfolgt, und zwar zugunsten von den am nächsten Verwandten. Paul und Voland (1998) nennen das Beispiel der Pilgerväter im Jahr 1620, die mit der Mayflower den Atlantik überquerten. Von 103 Passagieren überleben nur 50 das erste Jahr, andere starben an Mangelernährung und Klimawechsel, an Tuberkulose, Lungenentzündungen usw.

Nach Paul und Voland (1998) belegen empirische Studien, dass die Verteilung der Solidarität in der Gemeinschaft zugunsten von Verwandten erfolgt, sprich, von 15 Kindern, um deren Wohlergehen sich ein Elternteil kümmerte, starb keines, während von 16 Waisenkindern acht starben. Daran ist zu erkennen, dass die am nächsten Verwandten, nämlich die eigenen Kinder, in Bezug auf Hilfeleistungen bevorzugt wurden. Für diese „Vetternwirtschaft“ (Nepotismus) gibt es zahlreiche empirische Belege. Paul und Voland (1998) nennen zum Beispiel Untersuchungen mit gemeinen Vampiren.

Das Prinzip der Verwandtenselektion wurde theoretisch ausformuliert, und zwar in der Hamilton-Ungleichung aus dem Jahr 1964, die Paul und Voland (1998) wie folgt zusammenfassen: [Die genetische Basis eines Verhaltensmerkmals breitet sich in einer Population aus,]

… wenn die Kosten (K) dieses Verhaltens geringer sind als der Nutzen (N) dieses Verhaltens für den Vorteilsnehmer und K kleiner r mal N, sprich wenn die Kosten (K) des Verhaltens kleiner als dessen Nutzen (N) sind, und zwar gewichtet mit dem Verwandtschaftsquotienten … (S. 38)

Der Verwandtschaftsquotient bezeichnet den Anteil der durch „gemeinsame Abstammung identischen Gene (Allele) zweier Individuen“ (Paul & Voland, 1998, S. 38). Er kann Werte zwischen 1 (eineiige Zwillinge) und 0 (nicht verwandt) annehmen und nimmt mit jeder Generation um die Hälfte ab, zum Beispiel beträgt er bei Eltern und Kindern 0.5, bei Großeltern und Enkeln 0.25, bei Urgroßeltern und Urenkel 0.125.

Die Hamilton-Ungleichung drückt entsprechend aus, dass altruistisches Verhalten allein nach einem pragmatischen Kalkül erfolgt und nicht zum Beispiel aufgrund von Empathie mit anderen. Ein Beispiel für dieses Kalkül wäre, dass es sich nach der Hamilton-Ungleichung „lohnt“, mehr als zwei Geschwistern mit einem Verwandtschaftsgrad von 0,5 zu helfen, bei drei Halbgeschwistern hingegen würde sich das Investment nicht lohnen, denn sie sind nur jeweils um 0.25 verwandt.

Natürlich impliziert die Hamilton-Ungleichung keinen Determinismus und es handelt sich lediglich um eine Wahrscheinlichkeit, die für eine bestimmte Population gilt, dennoch ist das Grundprinzip reiner genetischer Eigennutz und Selbstlosigkeit im Sinne zum Beispiel von altruistischen Ethikentwürfen (wie zum Beispiel der Mitleidsethik von Schopenhauer) gibt es nach diesem Prinzip gar nicht.

Ferner ist einzuräumen, dass eng miteinander Verwandte gegenüber einander nicht völlig selbstlos sind. Paul und Voland (1998) räumen ein, dass die Ungleichung nur unter Voraussetzung der sozialen Reziprozitätsnorm gilt, sprich, es gibt Verwandtenbeziehungen, in denen gar keine Hilfeleistungen gezeigt werden und welche, in denen die Hilfe besonders unausgeglichen ist. Insgesamt ist aber davon auszugehen, dass Beziehungen, in denen die Hilfe reziprok ist, am stabilsten sind.

1.2.3 Folge des Prinzips der Verwandtenselektion: direkte und indirekte Fitness.

Kosten und Nutzen werden in der Hamilton-Ungleichung mit der genetischen Fitness gemessen. Im Rahmen der Verwandtenselektion hat der Organismus zwei Wege, um „dem biologischem Imperativ zu gehorchen“ (Paul & Voland, 1998, S. 39), zum einen die eigene Fortpflanzung (direkte Fitness) und zum anderen die Verwandtenunterstützung (indirekte Fitness). Die Summe ergibt die Gesamtfitness, die der Organismus von Natur aus zu vergrößern bestrebt ist.

Dabei ist nach Paul und Voland (1998) aber auf die große Variabilität des Verhaltens insbesondere von Menschen hinzuweisen: Lebenslagen sind sehr unterschiedlich und deshalb spielen von Situation zu Situation diese beiden Komponenten der Fitness andere Rollen. Wichtig sind vor allem ökologische, genetische, kulturelle und historische Rahmenbedingungen und eine Kombination dieser. Ein Beispiel ist, dass sich in einer hypothetischen Gesellschaft, in der es eine ausgeprägte altruistische Ethik gibt, auch altruistisches Verhalten gegenüber Nicht-Verwandten lohnen würde, weil es die eigene Fitness insofern erhöht, als dass Helfen ein Mittel zu sozialem Status und sozialer Anerkennung wäre. Wichtig ist also, wie sich die beiden Größen – direktes und indirektes Investment – in einer spezifischen Umwelt maximieren lassen.

1.2.4 Problem: Wer hilft wem bei Promiskuität?.

Das zuvor Dargestellte berechtigt nach Paul und Voland (1998) zu der vertiefenden Frage, wie die Unterstützung zwischen Verwandten aussieht, wenn die Verwandtschaftsverhältnisse ungeklärt sind, so zum Beispiel bei sexuell freizügigen Ethnien wie den südindische Nayar, bei denen Frauen mehrere Liebhaber haben.

Hier ließen sich erhebliche Konflikte erwarten, da nicht transparent ist, wann die eigene Hilfeleistung zur Maximierung der eigenen Fitness führt.

Auch hier werden zweckrationale und sinnvolle „Lösungen“ gefunden, die darin besteht, dass es einen Zusammenhang zwischen Verwandtschaftsgrad (gemeinsame Gene in Prozent) und Vaterschaftswahrscheinlichkeit gibt: Für Mutter und Kind besteht immer eine Verwandtschaft von 0.5, bei Vätern hingehen kann die Vaterwahrscheinlichkeit sogar auf 0 sinken, wenn derjenige kein Vater ist. Die genetische Verwandtschaft zwischen Geschwistern beträgt 0.5 oder 0.25 (Halbschwester).

Während also die Verwandtschaft mit den Kindern der Brüder auf 0 sinken kann (man weiß nicht, wer genau wessen Vater ist), ist die Mutterschaft klar: „Männer sind mit ihren Schwestern immer zu einem bestimmten Prozentsatz verwandt, da sie sicher sein können, zumindest die selbe Mutter zu haben“ (Paul & Voland, 1998, S. 45) – und mit den Kindern ihrer Schwester zu 0.125 oder 0.25

Aus diesem Grund geht die Erbschaft der Männer an die Kinder der Schwestern und die Vaterschaft für ihre eigenen Kinder wird von Vornerein verweigert, sprich, je ungeklärter die Verhältnisse, desto eher werden die Schwestern beerbt.

Zu diesem Zusammenhang passt das Ergebnis, dass Verwandtschaft generell eher über die weibliche Deszendenz als über die männliche verknüpft ist, was die von Paul und Voland (1998) erwähnte Untersuchung von Littlefield und Rushton (1986) bestätigt, die das Ausmaß der Intensität, mit der Großeltern den Tod des Enkelkinds betrauern gemessen haben. Am meisten trauert die mütterliche Großmutter, gefolgt vom mütterlichen Großvater, der väterlichen Großmutter und dem väterlichen Großvater an letzter Stelle.

Auch hier wird deutlich erkennbar, wie rational und am eigenen genetischen Nutzen altruistisches Verhalten in einer Population „verteilt“ ist und dass letztendlich genetischer Eigennutz das einzige Motiv ist, das zu Hilfeleistungen veranlasst selbst in Gesellschaften, die promiskuitiv sind.

1.2.5 Problem: Vernachlässigung von Stiefkindern.

Eine weitere, problematische Folge des Prinzips, dass die Bereitschaft zu helfen bei genetischer Verwandtschaft größer ist als gegenüber anderen, ist nach Paul und Voland (1998) das Verhältnis zwischen Stiefeltern und Stiefkindern. Bei Stiefeltern dient das gegenüber dem Kind gezeigte Verhalten nicht der Reproduktion der eigenen Gene.

Dies sorgt laut Paul und Voland (1998) nicht dafür, dass Stiefeltern per se schlechtere Eltern sein müssen als leibliche, dennoch sprechen sie von einem latenten Konfliktpotential, das dadurch entsteht, dass Stiefeltern mehr psychische Anstrengung bei der Unterstützung ihrer Kinder investieren müssen als leibliche Eltern, weil sie eben nicht mit ihnen durch das „genetische Band“ verbunden sind. Diese Bedingungen können eine destabilisierende Wirkung auf die Gestaltung der Beziehungen zwischen Stiefkindern und –eltern haben.

1.2.6 Beispiel für die Zweckrationalität der Verwandtschaft: Darwinistische Algorithmen.

So genannte Darwinistische Algorithmen stellen nach Paul und Voland (1998) ein weiteres Beispiel dafür da, dass Verwandtschaft im Sinne der Soziobiologie Hilfeleistungen nach einem rein genetischen Kalkül organisiert und auch andere psychologische Verhaltensweisen der Fitnessmaximierung dienen.

Menschliches Verhalten wird nicht direkt von Genen gesteuert, vielmehr wird der Zusammenhang zwischen Erbinformation und dem gezeigten Verhalten laut Paul und Voland, (1998) durch psychologische Mechanismen vermittelt, durch proximate genetische Mechanismen (im Gegensatz zu ultimaten; proximate bringen Verhalten direkt hervor, während ultimate Gründe von Verhalten auf einer „höheren“ Abstraktionsebene angesiedelt sind, siehe 1.2.1).

Darwinistische Algorithmen sind „Regelmechanismen, die den biologischen Imperativ in adaptives Verhalten umsetzen“ (Paul & Voland, 1998, S.48), allerdings unter Einbeziehung soziologischer, ökologischer und biographischer Grenzen. Damit ist gemeint, dass diese postulierten Mechanismen auch psychologisches Verhalten so regulieren beziehungsweise steuern, dass es die Fitness maximiert, wobei Verhalten aber in einem bestimmten individuellen Lebenskontext gesehen wird.

Dafür werden von Paul und Voland (1998) mehrere Beispiele genannt – zum einen wird (wie gezeigt) reguliert, wer gegenüber wem Hilfe leistet. Zum anderen regulieren Darwinistische Algorithmen normenopportunistisches Verhalten. Ob gesellschaftliche Normen befolgt werden oder nicht, ist abhängig davon, inwiefern sie dem biologischen Imperativ dienen: dies bietet auch eine Erklärung für z. B. nonkonformes politisches Verhalten, das bis hin zu revolutionären Umwälzungen führen kann: Wenn die Lebensumstände zum Beispiel zu repressiv sind, um ein angemessenes (Familien-)Leben zu ermöglichen (Reproduktion der Gene), dann werden sie verändert und nonkonformes Verhalten „lohnt“ sich. Die menschliche Psyche sorgt dabei für unübertroffene Verhaltensflexibiblität und – plastizität und viele verschiedene Verhaltensoptionen.

Ein weiteres, von Paul und Voland (1998) genanntes Beispiel für Darwinistische Algorithmen stellen Verwandtenerkennungsmechanismen dar: In manchen Arten ist eine kategoriale Erkennung im Sinne von „verwandt“ vs. „nicht verwandt“ ausreichend, bei Primaten hingegen sind die Mechanismen weit komplexer. Wichtig sind Verwandtenerkennungsmechanismen besonders dann, wenn das Ziel darin besteht, elterliche Fehlinvestitionen zu vermeiden, weniger wichtig sind diese Mechanismen bei Tieren, die ohnehin eine feste ökologische Nische nutzen und ihre Jungtiere nicht verwechseln können (z. B. felsenbrütende Vögel).

Indikator für die gemeinsame Abstammung ist zum einen Vertrautheit sowie Ähnlichkeitsvergleiche, sprich, von den Eltern wird ein Vergleichsmaßstab übernommen und von diesem Maßstab kaum abweichende Individuen gelten als verwandt (phenotypic matching). Im Tierreich erfolgt die Wiedererkennung oft anhand optischer oder geruchlicher Merkmale.

Neben der Verwandtenwiedererkennung wird nach Paul und Voland (1998) von Darwinistischen Algorithmen reguliert, inwiefern Verwandtschaftsbeziehungen bzw. der Familienstammbaum mental repräsentiert werden: Menschen sind dazu in der Lage, ein komplexes Beziehungsgeflecht mental abzuspeichern. Paul und Voland (1998) erwähnen Studien, in denen belegt wurde, dass eine Stammbaumtiefe von fünf Generationen ausreicht, um eine Verwandtschaftsgruppe von 150 lebenden Personen aufzubauen.

Erwähnenswert sind ferner, in von Paul und Voland (1998) erwähnten Studien, gezeigte Geschlechtsunterschiede, die sich bei der mentalen Repräsentation von Verwandtschaft ergeben: Kinder werden oft nach Vätern benannt und es werden oft Stammväter genannt und weibliche Beteiligte ausgelassen (zum Beispiel spricht man oft von „Familie Gerd Maier“ usw.). Dennoch sind Verwandtschaftsnetze unter Frauen engmaschiger: sie sehen sich häufiger, telefonieren öfter usw. und pflegen mehr ihre Beziehungen. Dieser Unterschied liegt an unterschiedlicher genealogischer Intelligenz, allerdings bleibt unklar, woher diese Unterschiede kommen.

Zentral ist hier der Aspekt, dass die mentale Repräsentation von Verwandtschaft durch Darwinistische Algorithmen reguliert werden, die so ermöglichen, dass es zu einer Steigerung der Fitness zum Beispiel durch ein passendes soziales Netzwerk usw. kommt.

1.3 Fazit und Reflexion

Als Ergebnis insbesondere der Auseinandersetzung mit Verwandtschaft in der Soziobiologie, so wie sie von Paul und Voland (1998) dargestellt wird, ist festzuhalten, dass altruistisches Verhalten zwischen Verwandten nach dem Prinzip abgestufter Verwandtenunterstützung erfolgt, welche so wie auch andere (psychologische) Verhaltensweisen des Menschen wie die Widersetzung gegen Normen, die Wiedererkennung von Verwandten etc. durch Darwinistische Regelmechanismen gesteuert wird. Diese haben eine „Scharnierstellung“ zwischen der Erbinformation, dem biologischen Imperativ, sich zu reproduzieren und dem tatsächlich gezeigten Verhalten.

Aus dem Prinzip der Verwandtenselektion folgt, dass man das Fitnesskonzept aufspalten muss in direkte und indirekte Fitness, wobei es das Ziel des Organismus ist, die gesamte Fitness zu steigern. Wenn direktes Investment schwer ist (zum Beispiel aufgrund ungeklärter Verwandtschaftsverhältnisse), dann erfolgt indirektes Investment.

2. Großelternschaft

2.1 Historischer und sozio-demografischer Hintergrund

Erst ab dem 18. Jahrhundert, mit der Etablierung einer gesellschaftlich definierten Kindheit, entstanden die heutigen Idealbilder der Großmutter und des Großvaters (Höpflinger, Hummel & Hugentobler, 2006). Dabei symbolisierten ältere Familienangehörige ihre Rolle darin, indem sie ihre Enkelkinder pflegten, ohne dass sie ihre erwachsenen Kinder weiterhin erzogen (Höpflinger et al., 2006). Waren vorher bewährte soziale Verhaltensmuster wie Großmütterlichkeit oder Großväterlichkeit kaum verbreitet, so galten z.B. Großväter nun als altväterlich wie auch altehrwürdig. Die heutigen Vorstellungen über Großelternschaft hängen eng mit der Entwicklung der bürgerlichen Familienideale zusammen mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen (Höpflinger et al., 2006). Hinter den post-modernen Werten einer aktiven Großelternschaft verbirgt sich häufig ein traditionelles bürgerliches Ideal, das über die Realität der Großeltern-Enkel-Beziehung allerdings wenig aussagt (Höpflinger et al., 2006).

Weiterhin hat in den letzten Jahrzehnten die angestiegene Lebenserwartung erhebliche Auswirkungen auf intergenerationale Familienstrukturen. Immer mehr Generationen leben immer länger miteinander zusammen. So sind heutzutage Dreigenerationen- bzw. Viergenerationenfamilien keine Seltenheit mehr. Auch die gemeinsam verbrachte Lebenszeit von Großeltern und Enkelkindern verlängert sich kontinuierlich. Laut Lange und Lauterbach (1998, zitiert nach Schmidt-Denter, 2005) hatten Anfang der 90er Jahre noch 19 % der Kinder im Alter von 10 Jahren bis 14 Jahren keine Großeltern mehr. In einer weiteren Studie im Jahr 2004 wurde festgestellt, dass der Anteil der großelternlosen 12- bis 16-jährigen nur noch bei 4% liegt (Höpflinger et al., 2006).

[...]

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Verwandtschaft und Großelternschaft - Familienpsychologie
Hochschule
Universität zu Köln  (Department Psychologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
35
Katalognummer
V148478
ISBN (eBook)
9783640591312
ISBN (Buch)
9783640591053
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verwandtschaft, Großelternschaft, Familienpsychologie
Arbeit zitieren
Sören Lüdeke (Autor), 2009, Verwandtschaft und Großelternschaft - Familienpsychologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148478

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