Die Gründung des ZDF am 6. Juni 1961 durch die Unterzeichnung des Staatsvertrags über die Errichtung der Anstalt öffentlichen Rechts „Zweites Deutsches Fernsehen“ durch die Ministerpräsidenten der Bundesländer stellt in rundfunkpolitischer Hinsicht in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte eine bedeutende Zäsur insofern dar, als mit ihrem Aufbau die ,Gründungsepoche‘ des Rundfunks der Nachkriegszeit in Deutschland ihren Abschluss fand.
Die vorliegende Arbeit analysiert die Gründung der zweiten öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt in der Bundesrepublik Deutschland nach der ARD vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung des Rundfunks in Deutschland seit 1949 und unter besonderer Berücksichtigung der Geschichtsvermittlung im Fernsehen. Die Arbeit ist dazu in zwei Abschnitte gegliedert.
Der erste Abschnitt behandelt den institutionellen Aufbau des ZDF von 1963 bis 1966 unter der zentralen Fragestellung, inwieweit die Gründung des ZDF ein Produkt der rundfunkpolitischen Debatte der 50er und 60er Jahre ist im Hinblick auf die Auseinandersetzung der Regierung Adenauer mit den Ministerpräsidenten der Länder und Intendanten der Landesrundfunkanstalten über ein „Staatsfernsehen“ bzw. eine föderalistisch betriebene zweite Rundfunkanstalt, und in welcher Hinsicht diese Debatte Konsequenzen für den Aufbau und die weitere Entwicklung des ZDF gehabt hat.
Die im ZDF-Staatsvertrag von 1961 formulierten Programmrichtlinien verpflichteten das ZDF neben der Vermittlung von Information und Unterhaltung zu einem Bildungsauftrag der Anstalt gegenüber ihrem Fernsehpublikum. Ein Teil dieses Bildungsauftrages bestand in der Vermittlung von Geschichtskenntnissen. Der zweite Abschnitt dieser Arbeit untersucht in einer Analyse der Programmrichtlinien des ZDF aus diesem Zeitraum, inwieweit die Anstalt diesem 1961 niedergelegten Programmauftrag in ihrer Aufbauphase von 1963 bis 1966 gerecht wurde. Konkret ergeben sich dabei Fragen nach dem Anteil von Geschichtssendungen am Gesamtprogramm des ZDF, nach den versendeten Themen und Epochen, und nach den damals bevorzugten Darstellungsformen von Geschichtsstoffen im Fernsehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Historischer Hintergrund und Fragestellung der Arbeit
1.2 Quellenlage und Forschungsstand
2. Die Ziele der Alliierten beim Aufbau der Rundfunkorganisation in Deutschland nach 1945
3. Ansätze zur Neuordnung der Rundfunkorganisation zwischen 1949 und 1961
3.1 Die erste Amtsperiode Adenauers: ein erster Versuch der Regierung zur Umgestaltung der Rundfunkverhältnisse
3.2 Adenauers zweite Amtsperiode (1953-1957): der Versuch einer Annäherung der Regierung an die Position der Länder
3.3 Der offene Konflikt bahnt sich an: die rundfunkpolitische Entwicklung in der Bundesrepublik in der dritten Legislaturperiode
3.4 Das Scheitern des „Bundesgesetzes über den Rundfunk“
4. Adenauers rundfunkpolitischer Alleingang
4.1 Die Gründung der „Deutschland-Fernsehen GmbH“ (DFG) als Auslöser des Verfassungsstreits
4.2 Die Reaktionen der Öffentlichkeit und Länder auf die DFG-Gründung und der Weg zum Bundesverfassungsgericht
5. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts
5.1 Die Bedeutung des Bundesverfassungsgerichtsurteils
5.2 Folgen des Urteils
6. Gründung und Aufbau des ZDF
6.1 Die Entscheidung der Ministerpräsidenten für eine zentral organisierte, überregionale Anstalt
6.2 Der Staatsvertrag über die Errichtung der Anstalt des öffentlichen Rechts „Zweites Deutsches Fernsehen“
7. Der Staatsvertrag als Produkt der rundfunkpolitischen Debatte der 50-er und 60-er Jahre
7.1 Der Typus „öffentlich-rechtliche Anstalt“ als Rechtsform zur Reduzierung staatlichen Einflusses
7.2 Der Versuch der Reduktion von staatlichem Einfluss in den Organen des Zweiten Deutschen Fernsehens
7.3 Versuch einer Schaffung von gesellschaftlicher Pluralität in den Organen des ZDF
7.4 Die wirtschaftliche Grundlage des ZDF nach dem Staatsvertrag
7.5 Der Staatsvertrag – ein Kompromisswerk?
8. Die Aufbauphase des Zweiten Deutschen Fernsehens 1962-1966
8.1 Die wirtschaftliche Entwicklung des ZDF im Spiegel der Haushaltspläne von 1962-1966.
8.2 Die ZDF-Unterfinanzierung und ihre Ursachen
8.2.1 Technische Ursachen der Unterfinanzierung des ZDF
8.2.2 Rundfunkpolitische Ursachen der Unterfinanzierung
8.2.2.1 Die Forderung der Landesrundfunkanstalten nach Ausstrahlung eines Fensterprogramms
8.2.2.2 Die Weigerung des Bayrischen Rundfunks zur Abführung seiner Rundfunkgebühren an das ZDF
8.2.3 Imagebedingte Einnahmeminderungen
9. Die Folgen der ZDF-Unterfinanzierung
9.1 Der Vorschlag des Bundes Deutscher Zeitungsverleger zur Übernahme des ZDF
9.2 Das ZDF-Finanzmemorandum an die Ministerpräsidenten
9.3 Das Binder-Gutachten und die Sanierungsmaßnahmen der Ministerpräsidenten
10. Der Steuerstreit zwischen dem ZDF und dem Finanzamt Mainz: Ein über 1966 hinaus ungelöstes Finanzproblem der Anstalt
11. ZDF und ARD im Spannungsfeld von Konkurrenz, Kooperation und Kontrast
11.1 Die Gründung des ZDF als Grundlage zur Schaffung von Wettbewerb im Sehfunk
11.2 Zwischen Konkurrenz und Kooperation: Programmkoordination von ZDF und ARD
11.3 ZDF-/ARD-Kooperation auf programmgestaltender Ebene
11.4 ZDF und ARD im Spannungsfeld des koordinierten Kontrastes
12. Geschichtsvermittlung im ZDF
12.1 Einleitung, Problemstellung, Quellenlage
12.2 Ansatz, Methode und Datenbasis der Programmanalyse
12.2.1 Parameter der Programmanalyse
12.2.2 Zur Definition des Untersuchungsobjektes: Was ist eine „Geschichtssendung“?
12.2.3 Darstellung der Ergebnisse der quantitativen Programmanalyse
12.2.4 Auswertung und Interpretation der Ergebnisse der quantitativen Programmanalyse
12.3 Zeitgeschichte im ZDF
12.3.1 Wie Historiker und Fernsehjournalisten Zeitgeschichte definieren
12.3.2 Kriterien für historische Sendungen: Die Programmrichtlinien der ZDF-Redaktion „Zeitgeschichte“
12.3.3 Zeitgeschichte im Fernsehen: die ideale Verbindung von programmplanerischer Theorie und Praxis?
12.4 Das ZDF-Dokumentarspiel von 1963 bis 1966: Entwicklung und Stellenwert eines Genres
12.4.1 Herkunft, Definition und Einordnung der Gattung „Dokumentarspiel“
12.4.1.1 Die historische Entwicklung des Dokumentarspiels
12.4.1.2 Die Klassifikation des Dokumentarspiels nach geschichtswissenschaftlichen Kriterien
12.5 Zur Definition und Entstehung eines Dokumentarspiels im ZDF
12.6 Stoff und Form des ZDF-Dokumentarspiels
12.7 Funktion und Intention des ZDF-Dokumentarspiels
12.7.1 Zur Funktion der Personalisierung im ZDF-Dokumentarspiel
12.8 Das ZDF als Förderer des historischen Dokumentarspiels: Gründe, Ziele, Erfolge
13. Zusammenfassung und Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gründung und den institutionellen Aufbau des ZDF im Zeitraum von 1963 bis 1966 sowie die Bedeutung der Geschichtsvermittlung innerhalb des Programms in der Aufbauphase der Anstalt. Dabei wird analysiert, inwieweit die Gründung als Ergebnis der rundfunkpolitischen Debatten der 1950er und 1960er Jahre zu verstehen ist und welche Konsequenzen diese Debatten für die Trägerschaft und wirtschaftliche Lage des ZDF hatten.
- Historische Entwicklung der Rundfunkorganisation in Deutschland seit 1949
- Rolle des Bundesverfassungsgerichts bei der ZDF-Gründung
- Wirtschaftliche Aufbauphase und Finanzierungsprobleme des Senders
- Konkurrenz- und Kooperationsverhältnis zwischen ZDF und ARD
- Methoden und Schwerpunkte der Geschichtsvermittlung im ZDF-Programm
Auszug aus dem Buch
1.1 Historischer Hintergrund und Fragestellung der Arbeit
Die vorliegende Examensarbeit beschreibt die Gründung und den Aufbau der zweiten öffent lich-rechtlichen Fernsehanstalt in der Bundesrepublik Deutschland, des ZDF, vor dem Hinter grund der politischen Entwicklung des Rundfunks in Deutschland seit 1949 und unter besonde rer Berücksichtigung der Geschichtsvermittlung im Fernsehen. Die Arbeit ist in zwei Ab schnitte gegliedert. Der erste Abschnitt behandelt den institutionellen Aufbau des ZDF von 1963 bis 1966. Im zweiten Teil der Arbeit soll untersucht werden, welche Bedeutung das ZDF der Vermittlung von Geschichte innerhalb seines Programms in der Aufbauphase der Anstalt zumaß.
Gründung und Aufbau des ZDF stellen in rundfunkpolitischer Hinsicht in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte eine bedeutende Zäsur dar: „Mit dem Aufbau des ZDF war die ,Gründungsepoche‘ des Rundfunks der Nachkriegszeit […] abgeschlossen.“
Gegründet wurde das ZDF am 6. Juni 1961 durch die Unterzeichnung des Staatsvertrags über die Errichtung der Anstalt öffentlichen Rechts „Zweites Deutsches Fernsehen“ durch die Mi nisterpräsidenten der Bundesländer. Die rechtlichen und politischen Voraussetzungen für diese Gründung hatte am 28. Februar 1961 das Bundesverfassungsgericht geschaffen, indem das Ge richt den rundfunkpolitischen Plänen von Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) zur gesetz lichen Neuordnung des Rundfunks und zum Aufbau einer regierungsnahen Fernsehanstalt in der Bundesrepublik ein Ende bereitet hatte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die institutionelle Gründungsgeschichte des ZDF ein und beschreibt das Forschungsziel, die Rolle der Geschichtsvermittlung innerhalb des Programms zu untersuchen.
2. Die Ziele der Alliierten beim Aufbau der Rundfunkorganisation in Deutschland nach 1945: Das Kapitel erläutert die Besatzungspolitik und die Intention, demokratische, föderal organisierte Rundfunkanstalten zu etablieren, um staatliche Einflussnahme zu verhindern.
3. Ansätze zur Neuordnung der Rundfunkorganisation zwischen 1949 und 1961: Hier wird der langjährige politische Streit zwischen Bund und Ländern um die Kompetenzen im Rundfunkwesen dargestellt, der Adenauers Rundfunkpolitik prägte.
4. Adenauers rundfunkpolitischer Alleingang: Das Kapitel beschreibt den umstrittenen Versuch Adenauers, durch die Gründung der „Deutschland-Fernsehen GmbH“ Fakten zu schaffen, was zum Verfassungsstreit führte.
5. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts: Analyse des wegweisenden Urteils von 1961, das die Rundfunkhoheit den Ländern zusprach und das private Fernsehanstalten-Modell des Bundes für verfassungswidrig erklärte.
6. Gründung und Aufbau des ZDF: Dieses Kapitel behandelt die verfassungsrechtliche Neuordnung nach dem Urteil und den Abschluss des Staatsvertrags über das ZDF durch die Ministerpräsidenten.
7. Der Staatsvertrag als Produkt der rundfunkpolitischen Debatte der 50-er und 60-er Jahre: Darstellung der inhaltlichen Ausgestaltung des Staatsvertrags, insbesondere hinsichtlich der Rechtsform, der Gremienbesetzung und der Finanzierung.
8. Die Aufbauphase des Zweiten Deutschen Fernsehens 1962-1966: Untersuchung der ökonomischen Herausforderungen des Senders sowie der technischen und politischen Gründe für die Unterfinanzierung.
9. Die Folgen der ZDF-Unterfinanzierung: Analyse der existentiellen Finanznöte und der Reaktionen von Zeitungsverlegern sowie der Politik darauf.
10. Der Steuerstreit zwischen dem ZDF und dem Finanzamt Mainz: Ein über 1966 hinaus ungelöstes Finanzproblem der Anstalt: Erläuterung des langjährigen Konflikts um die steuerliche Behandlung der Werbeeinnahmen des ZDF.
11. ZDF und ARD im Spannungsfeld von Konkurrenz, Kooperation und Kontrast: Untersuchung der komplexen Beziehung zwischen den beiden öffentlich-rechtlichen Programmen.
12. Geschichtsvermittlung im ZDF: Detaillierte programmanalytische Untersuchung zur Rolle von Zeitgeschichte und historischen Dokumentarspielen in der Anfangsphase des ZDF.
Schlüsselwörter
ZDF, Rundfunkpolitik, Geschichtsvermittlung, Staatsvertrag, Bundesverfassungsgericht, Adenauer, Rundfunkgebühren, Fernsehen, ARD, Dokumentarspiel, Zeitgeschichte, Programmgestaltung, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunkdebatte, Medienpolitik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Gründungsgeschichte und den frühen Aufbau des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) sowie dessen Rolle bei der Vermittlung von Geschichte im Fernsehen zwischen 1963 und 1966.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die rundfunkpolitischen Auseinandersetzungen der 1950er Jahre, der verfassungsrechtliche Streit zwischen Bund und Ländern um die Rundfunkhoheit sowie die wirtschaftliche und programmliche Aufbauphase des ZDF.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu klären, inwieweit das ZDF ein Produkt der langjährigen politischen Rundfunkdebatte war und wie diese Debatte die Ausgestaltung des Staatsvertrags und die inhaltliche Programmierung, besonders im Bereich Zeitgeschichte, beeinflusste.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf intensiven Quellenstudien (Jahrgänge von Rundfunkfachdiensten, Regierungs- und Gerichtsdokumente) sowie einer quantitativen Programmanalyse der „Hörzu“-Jahrgänge von 1963 bis 1966.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Weg zur ZDF-Gründung über das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, die Struktur des Staatsvertrags, die schwierige Finanzlage der Anstalt und die spezifische Ausgestaltung der Geschichtsvermittlung durch das Dokumentarspiel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind vor allem ZDF, Rundfunkpolitik, Staatsvertrag, Bundesverfassungsgericht, Zeitgeschichte und Dokumentarspiel.
Wie beeinflusste der Steuerstreit die Entwicklung des ZDF?
Der Streit mit dem Finanzamt Mainz um die Besteuerung der Werbeeinnahmen belastete die Anstalt über Jahre hinweg existenziell und prägte politische Entscheidungen sowie den Bau des Sendezentrums in Mainz maßgeblich.
Welchen Stellenwert hatte das Dokumentarspiel im Programm?
Das Dokumentarspiel entwickelte sich zu einem der wichtigsten Genres, da es als Mischform aus Information und Unterhaltung diente, um Zeitgeschichte einem breiten Millionenpublikum zu vermitteln, wobei der Unterhaltungsfaktor mit der Zeit an Gewicht gewann.
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- Kristian Seewald (Author), 2001, Gründung und Aufbau des ZDF unter besonderer Berücksichtigung der Geschichtsvermittlung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14870