In dieser Arbeit soll eine Untersuchung ausgewählter Stellen in Platons Politeia erfolgen, um daran seine proleptische, d.h. vorwegnehmende Vorgehensweise zu erläutern. Ausgehend von dem Gespräch zwischen Sokrates und Thrasymachos am Ende des ersten Buches sollen Ungereimtheiten aufgezeigt werden, welche sich ergeben, wenn man die Stelle ohne Kenntnisnahme der weiteren Ausführung durch Sokrates in folgenden Büchern der Politeia liest. Ergänzt werden viele dieser oft unschlüssigen Stellen durch ein Komplement aus anschließenden Büchern, in denen die Thematik, ohne dass ein expliziter Rückverweis erfolgt, nochmals aufgegriffen und Thesen und Beweise fortgeführt oder spezifiziert werden.
Ich will im Folgenden einige dieser Argumentationsgänge des platonischen Sokrates erläutern, an denen Sokrates nicht schlüssige, nicht ausreichend begründete und auf den ersten Blick falsche Thesen in seinen Dialog in Buch I einbindet und aufzeigen, wie er diese unzulänglichen Beweise im weiteren Gesprächsverlauf nochmals aufgreift und was sich mit diesem späteren Wissen für die Schlüssigkeit der vorangegangenen Stelle ergibt.
Inhaltsverzeichnis
1.) EINLEITUNG
2.) ANALYSE VON POLITEIA 352B – 354C ALS VOM KONTEXT ISOLIERT BETRACHTETE STELLE
2.1.) DIE DIEBESBANDE
2.2.) DIE TUGEND EINES JEDEN DINGES
2.3.) VIER AUFGABEN DER SEELE
2.4.) DIE GERECHTIGKEIT ALS SPEZIFISCHE TUGEND DER SEELE
2.5.) GUT LEBEN UND GLÜCKLICH LEBEN
3.) SPÄTERE BESTIMMUNG DER GERECHTIGKEIT 433A, B
4.) SPÄTERE BESTIMMUNG DER GERECHTIGKEIT 443B – 444A
5.) POLITEIA II 368C – 369A - EINE PETITIO PRINCIPII?
6.) ENTWÜRFE MÖGLICHER GRÜNDE FÜR DAS FESTGESTELLTE VERFAHREN
7.) SCHLUSSBEMERKUNG
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht ausgewählte Passagen in Platons Politeia, um dessen proleptische, also vorwegnehmende Vorgehensweise zu erörtern. Das Hauptziel besteht darin, aufzuzeigen, wie scheinbar unschlüssige oder unzureichend begründete Thesen aus dem ersten Buch in späteren Büchern durch implizite Rückverweise und eine systematische Fortführung spezifiziert und in ihrer Schlüssigkeit bestätigt werden.
- Untersuchung der proleptischen Argumentationsstruktur in Platons Politeia
- Analyse der Argumente im ersten Buch im Kontext der Gesamtdarstellung
- Aufzeigen logischer Inkonsistenzen und deren spätere Auflösung durch die Seelenteillehre
- Kritische Würdigung der Analogie zwischen der Polis und dem Individuum
- Evaluation verschiedener Erklärungsansätze für Platons methodisches Vorgehen
Auszug aus dem Buch
2.1.) Die Diebesbande
In einer Gesprächsrunde über das Wesen der Gerechtigkeit treffen Sokrates und Thrasymachos aufeinander. Während sich die Diskussionsteilnehmer weitestgehend darüber einig sind, dass die Gerechtigkeit etwas Gutes und Nützliches sei, stößt Thrasymachos mit der provokanten These zu dem Kreis, dass es dem Gerechten immer schlechter ginge als dem Ungerechten. So werde zum Beispiel der gerechte Geschäftsmann am Ende eines Tages niemals mehr Geld verdient haben als der ungerechte, sondern gar weniger (343d).
Dass das gerechte Leben trotz scheinbarer Nachteiligkeit für den Gerechten die vorzuziehende Lebensweise sei, versucht Sokrates im Folgenden auszuführen und damit des Thrasymachos Sichtweise zu widerlegen. Die Verteidigung der Gerechtigkeit erfolgt durch Sokrates am anschaulichen Beispiel einer Diebesbande.
Eine Diebesbande ist laut Sokrates unfähig eine ungerechte oder irgendeine andere Handlung zu vollbringen, wenn in ihr nicht zumindest ein wenig Gerechtigkeit herrsche, da die Diebe vor lauter Ungerechtigkeit nicht nur auf das ungerechte Ziel losgehen würden, sondern eben diese Ungerechtigkeit auch innerhalb ihrer Gemeinschaft herrschen würde und Zwietracht und Streit unter ihnen entstehen ließe. Dieses Gesetz, der handlungsunfähig machenden Ungerechtigkeit in einer Gemeinschaft, wird von Platon nun zunächst auf die Beziehung zwischen zwei Menschen und dann auf ein Individuum übertragen. Auch ein Einzelner sei demzufolge zu jeglicher Handlung unfähig, wenn ihm nicht zumindest ein wenig Gerechtigkeit anteilig wäre.
Zusammenfassung der Kapitel
1.) EINLEITUNG: Einführung in die proleptische Argumentation und Erläuterung der methodischen Zielsetzung der Arbeit.
2.) ANALYSE VON POLITEIA 352B – 354C ALS VOM KONTEXT ISOLIERT BETRACHTETE STELLE: Kritische Untersuchung der unschlüssigen Argumente aus Buch I hinsichtlich Tugend und Seele.
3.) SPÄTERE BESTIMMUNG DER GERECHTIGKEIT 433A, B: Erläuterung, wie die Arbeitsteilung in den späteren Büchern als Fundament für die zuvor ungestützte Behauptung zur Gerechtigkeit dient.
4.) SPÄTERE BESTIMMUNG DER GERECHTIGKEIT 443B – 444A: Darstellung der inneren Seelenordnung als wahre Form der Gerechtigkeit im Gegensatz zum Schattenbild der äußeren Arbeitsteilung.
5.) POLITEIA II 368C – 369A - EINE PETITIO PRINCIPII?: Analyse der Analogie zwischen Polis und Individuum unter dem Aspekt der logischen Beweisführung.
6.) ENTWÜRFE MÖGLICHER GRÜNDE FÜR DAS FESTGESTELLTE VERFAHREN: Diskussion von Thesen zur bewussten oder unbewussten Anwendung methodischer Schwächen durch Platon.
7.) SCHLUSSBEMERKUNG: Tabellarische Zusammenfassung der problematischen Stellen und deren jeweilige Auflösung.
Schlüsselwörter
Platon, Politeia, proleptische Argumentation, Gerechtigkeit, Seele, Tugend, Seelenteile, Polis, Sokrates, Thrasymachos, Argumentationsanalyse, Äquivokation, Petitio Principii, Philosophie der Antike, Methodik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der proleptischen, also vorwegnehmenden Argumentationsweise Platons in der Politeia, insbesondere wie er scheinbar lückenhafte Beweise in späteren Kapiteln auflöst.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen das Wesen der Gerechtigkeit, die Funktionsweise der menschlichen Seele, die Analogie von Staat und Individuum sowie die formale Logik platonischer Dialoge.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die systematische Komposition der Politeia nachzuweisen und zu zeigen, dass Unschlüssigkeiten im ersten Buch methodisch intendierte Vorbereitungen auf spätere philosophische Ausführungen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine textimmanente Analyse der Politeia, die durch den Vergleich mit Forschungsliteratur (insbesondere Blößner und Manuwald) sowie die Anwendung logischer Überprüfungsmethoden methodisch gestützt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert kleinschrittig die Argumente zu den Aufgaben der Seele, die Definition der Gerechtigkeit als spezifische Tugend sowie die problematische Analogie zwischen der Gerechtigkeit in der Polis und im Individuum.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie proleptische Argumentation, Politeia, Seelenteile, Tugendlehre und methodische Analyse beschreiben.
Inwiefern ist das Beispiel der Diebesbande für die Argumentation zentral?
Es dient als Ausgangspunkt für die Behauptung, dass Gerechtigkeit notwendige Bedingung für jegliche Handlungsfähigkeit ist, eine These, die Platon später auf die Struktur der Seele ausweitet.
Wie bewertet die Autorin Platons Umgang mit den logischen Fehlern?
Die Autorin schließt sich der Ansicht an, dass Platon sich der methodischen Schwierigkeiten bewusst war und diese als didaktisches Mittel nutzt, um den Leser zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der Materie anzuregen.
- Quote paper
- Ellen Günyil (Author), 2009, 'Proleptische Argumentation' in Platons "Politeia", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148856