In der vorliegenden Arbeit wird die komplexe und oft erschütternde Geschichte des Lebensborn e. V. und der von ihm betroffenen Kinder beleuchtet. Der Verein Lebensborn wurde 1935 von Heinrich Himmler gegründet und diente der Umsetzung rassenideologischer und bevölkerungspolitischer Ziele der Nationalsozialisten. Dabei sollten „rassisch und erbbiologisch wertvolle“ Mütter unterstützt und deren Kinder betreut werden. Zudem wurden Kinder aus besetzten Gebieten geraubt und in Lebensborn-Heimen zur Adoption freigegeben. Diese Kinder wuchsen oft in dem Glauben auf, ihre Pflegeeltern seien ihre biologischen Eltern, bis diese Lüge aufgedeckt wurde. Die Arbeit zeigt, wie diese Enthüllung viele Betroffene, darunter Gisela Heidenreich, dazu veranlasste, nach ihren wahren Wurzeln zu suchen. Die Untersuchung gibt einen tiefen Einblick in die Schicksale der sogenannten „Wunschkinder der SS“ und die grausamen Selektionskriterien, nach denen sie ausgewählt wurden – basierend auf „arischem“ Aussehen und „Erbgesundheit“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsüberblick und Quellengrundlage
3. Die Organisation Lebensborn e.V.
3.1 Betreuung der Mütter in den Heimen
3.2 Nationalsozialistische Rassenhygiene
4. Zwangsgermanisierte und geraubte Kinder
5. Lebensborn in besetzten Gebieten (Norwegen, Niederlande, Polen)
5.1 Der „nordische“ Mensch
5.2 Die niederländischen „Moffenkinder“
6. Die mühevolle Spurensuche nach dem Zweiten Weltkrieg
6.1 Lebensgeschichten von Zeitzeugen
6.2 Porträt von Klaus B. (geboren als Cseslaus in Polen)
6.3 Porträt von Alexander Litau (geboren als Folker Heinecke auf der Krim)
6.4 Porträt von Wolfgang S.
6.5 Ein Leben zwischen Normalität und der Suche nach Identität
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Geschichte der Organisation Lebensborn e.V., wobei der Fokus nicht auf einer bloßen Darstellung aller Aspekte liegt, sondern darauf, den Betroffenen eine Stimme zu geben, ihre Lebenswege in den historischen Kontext einzuordnen und verbreitete Mythen zu widerlegen.
- Die Tätigkeiten des Vereins Lebensborn in den besetzten Gebieten (Polen, Norwegen, Niederlande).
- Die Auswirkungen der rassenideologischen Politik auf die betroffenen "Lebensborn-Kinder".
- Die Zwangsgermanisierung und die Praxis des Kinderraubs im Nationalsozialismus.
- Die langfristigen Folgen und die schwierige Identitätssuche der Betroffenen nach 1945.
- Die Rekonstruktion von Einzelschicksalen anhand von Zeitzeugenberichten.
Auszug aus dem Buch
6.1 Lebensgeschichten von Zeitzeugen
Als Dorothee Schmitz-Köster mich fragte, ob ich Lebensborn-Kinder für einen Porträtband fotografieren wollte, war ich sofort begeistert. Der Umgang mit Menschen, ihren Geschichten, ihren Erlebnissen war schon immer Triebfeder für meine Arbeit. Den Spuren eines Lebens in den Gesichtern und Momenten der Begegnung nachzugehen ist für mich ein großer Reiz – auch Neugier genannt. Auf das, was mich jedoch erwartete, war ich nicht vorbereitet. Bei jeder Porträtsitzung öffnete sich vor mir eine Lebensgeschichte, deren Wucht ich erst einmal verarbeiten musste – auch weil ich selbst eine Tochter und zwei Söhne habe. Was diesen Lebensborn-Kindern an Verlogenheit, Verlassen sein und Geheimniskrämerei zugemutet wurde, ist für mich nach wie vor unvorstellbar.
In diesem Kapitel werden exemplarisch Lebensgeschichten Betroffener dargestellt, es wird versucht, ihre Geschichte zu rekonstruieren. Das vorliegende Zitat stammt von dem Fotografen Tristan Vankann, der für eine Porträtreihe mehrere Lebensbornkinder interviewt hat, von denen ein Porträt im weiteren Verlauf der Arbeit vorgestellt wird. Dabei führen die Betroffenen eindrücklich die lebenslangen Folgen und Auswirkungen der effektiven Verschleierung der eigenen Identität durch die Nationalsozialisten vor Augen. Im Folgenden werden von drei Lebensborn-Kindern die Lebenswege, sowie die Verarbeitungsprozesse im späteren Leben vorgestellt. Jedes Kind hat dabei völlig Verschiedenes erlebt, aus diesem Grund ist es wichtig zu verstehen, dass man die Kinder und deren Geschichten nicht miteinander vergleichen kann, sondern jedes Kind und jede Geschichte individuell betrachten muss.
Christiane Erhardt vertritt in ihrem Film „Ruhelos. Kinder aus dem Lebensborn“ die These, „Wir sind die Opfer einer Ideologie, der wir unser Leben verdanken“. Da es nicht „das Lebensbornkind“ oder „das Lebensbornschicksal“ gibt, kann es somit auch nicht „das Lebensbornopfer“ geben. Dies bestätigen die folgenden Porträts.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Identitätssuche von Lebensborn-Kindern und ordnet das Thema in den Kontext der nationalsozialistischen Rassenpolitik ein.
2. Forschungsüberblick und Quellengrundlage: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die wissenschaftliche Literatur und die Forschungslage zum Themenkomplex Lebensborn.
3. Die Organisation Lebensborn e.V.: Der Abschnitt erläutert die Gründung, die institutionelle Anbindung an die SS sowie die rassenhygienischen Ziele des Vereins.
4. Zwangsgermanisierte und geraubte Kinder: Hier wird der Prozess der Verschleppung und Zwangsgermanisierung von Kindern, insbesondere aus Polen, sowie die Adoption durch deutsches Pflegepersonal beschrieben.
5. Lebensborn in besetzten Gebieten (Norwegen, Niederlande, Polen): Das Kapitel behandelt die Ausbreitung der Lebensborn-Strukturen in besetzte Länder und die spezifischen Bedingungen vor Ort.
6. Die mühevolle Spurensuche nach dem Zweiten Weltkrieg: Es werden die persönlichen Schicksale und Schwierigkeiten bei der Suche nach der eigenen Herkunft nach Kriegsende anhand von Beispielen dargelegt.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, diskutiert das Ausmaß der Verschleierung und betont die Notwendigkeit weiterer Forschung zum Schicksal der Kinder.
Schlüsselwörter
Lebensborn, Nationalsozialismus, Rassenhygiene, Zwangsgermanisierung, Kinderraub, Identitätssuche, Zeitzeugen, SS, Zweiter Weltkrieg, Besatzungspolitik, Rasse- und Siedlungshauptamt, Lebensborn-Kinder, Biografien, Aufarbeitung, NS-Ideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Organisation Lebensborn e.V. und den tragischen Schicksalen der Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs unter rassenideologischen Gesichtspunkten in deren Heimen betreut oder aus besetzten Gebieten geraubt wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf der rassenhygienischen Ideologie des Nationalsozialismus, der praktischen Umsetzung der Zwangsgermanisierung, dem Schicksal geraubter Kinder sowie den langwierigen Identitätskrisen der Betroffenen nach Kriegsende.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Opfern eine Stimme zu geben, ihre individuelle Geschichte über die ideologische Einordnung hinaus zu beleuchten und weit verbreitete Mythen über die Organisation zu widerlegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Auswertung bestehender historiographischer Literatur, Primärquellen sowie der Analyse von biographischen Zeitzeugenberichten, um die Lebenswege der Betroffenen zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Grundstrukturen des Vereins, die Analyse der rassenpolitischen Grundlagen, die Situation in den besetzten Gebieten sowie die detaillierte Betrachtung spezifischer Lebensgeschichten von ehemaligen Lebensborn-Kindern.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere "Lebensborn", "Zwangsgermanisierung", "Rassenhygiene", "Identitätssuche" und die spezifischen Porträts der Zeitzeugen.
Welche große Hürde ergab sich für die betroffenen Kinder bei der Suche nach ihrer Herkunft?
Eine massive Hürde war die systematische Vernichtung von Dokumenten und Akten durch die Nationalsozialisten zum Ende des Krieges, wodurch die biologische Herkunft der Kinder in vielen Fällen auf Dauer verborgen blieb.
Warum war für viele Lebensborn-Kinder die Identitätssuche emotional besonders schwer?
Viele der Betroffenen kämpften mit der psychischen Belastung, in einem System gezeugt worden zu sein, das auf rassistischer Unterdrückung basierte, und litten unter der Ungewissheit, ob ihre biologischen Eltern Opfer oder Täter waren.
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- Malin Helbing (Author), 2021, Die geraubten und vergessenen Kinder der Organisation "Lebensborn e.V.", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1493208