Die Deutsche Nation und die Katastrophe

Zu den Grundlagen der bundesrepublikanischen Deutschen Nation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
41 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die Deutsche Nation
2.1.1 Nation
2.1.2 Deutsche Nationalentwicklung
2.2 Die Deutsche Nation und die Katastrophe
2.2.1 Katastrophe oder Befreiung? - Das Kriegsende
2.2.2 Die „Opfernation“
2.2.3 Die Auseinandersetzung mit der „Kollektivschuld“
2.2.4 Ruckbesinnung auf das christliche Abendland und das Christentum
2.2.5 Angst vor „dem Russen“ als identitatsstiftendes Moment
2.3 Die Deutsche Nation und die Alliierten
2.3.1 Die Teilungsplane der Anti - Hitler - Koalition
2.3.2 Die totale Besatzung
2.3.3 BiZone und der Weg zum West-Staat
2.3.4 West-Alliierte Vorstellungen der westdeutschen Nachkriegsordnung
2.3.4.1 Demokratisierung
2.3.4.2 Freie Marktwirtschaft
2.3.4.3 Anti-Kommunismus

3. Schlufibetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ging auch die deutsche Nation zu Grande, erst mit der Grundung der Bundesrepublik bzw. DDR wurde die (geteilte) deutsche Nation wieder hergestellt - so zumindest die populare Annahme, da man gewohnlich davon ausgeht, dass eine Nation staatliche Grenzen benotigt. Doch ist das Konzept einer Nation nicht viel mehr und vor allem abstrakter und komplexer, als es eine durch Staatsgrenzen umschlossene Bevolkerung ware? Diese Arbeit geht davon aus, dass auch unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg eine deutsche Nation bestand, dass eine staatliche Organisation und Gliederung nicht vorhanden waren, bzw. von den alliierten Besatzern abhingen. Die Teilung war durchaus zu erkennen - gesellschaftlich und auch auf alliierter Seite. Da es dieser Arbeit nicht um die Analyse der deutschen Nationen in ihren jeweiligen alliiert orientierten Staaten geht, sondern um den Zustand der vorstaatlichen Nation, ist der Analysezeitraum eng und begrenzt sich auf die Zeit bis Anfang 1948. Denn mit der Wahrungsreform, der Berlinkrise und der anschliefienden Staatsgrundungen hat sich auch die geteilte deutsche Nation verandert.

Im Zentrum dieser Arbeit steht aber nun die Frage nach den Determinanten der (west-) deutschen Nation in der unmittelbaren Nachkriegszeit, inwiefern hier die Grundlagen der Bundesrepublik Deutschland zu finden sind oder ob mit der Grundung der Bundesrepublik eventuelle Abweichungen von den Impulsen der Nachkriegszeit verzeichnet werden konnen. Dementsprechend liegt der Schwerpunkt der Analyse auf West-Deutschland bzw. den Besatzungszonen der West-Alliierten. Es wird zunachst betrachtet werden mussen, was eine Nation ist und wie sie sich in Deutschland entwickelt hat, bevor eine Bestandsaufnahme der (west-) deutschen Nation1 in der unmittelbaren Nachkriegszeit vorgenommen werden kann.

Die Frage nach dem Zustand der (west-) deutschen Nation unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg kann zunachst nicht ohne die Ausmafie des „Weltburgerkrieges,“2 wie er von Roosevelt einmal genannt wurde, fur die deutsche Bevolkerung gedacht werden. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden dann zunachst die verschiedenen nationalrelevanten Determinanten innerhalb der deutschen Bevolkerung analysiert. Da die Souveranitat der (west-) deutschen Nation mit dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft zunachst auch ihr Ende fand, soll anschliefiend der Einfluss der Alliierten auf die Form der (west-) deutschen Nation beschrieben werden. Hierzu ist zunachst zu betrachten, welche Teilungsplane die Alliierten vor und nach dem Krieg hatten und welche Nachkriegskonzeptionen erstellt wurden.

Der Prozess der Entnazifizierung und die Diskussion uber deren Sinn und Zweck sind nicht Teil der Arbeit. Zum einen sprengt dieses Thema den gegebenen Rahmen, zum anderen ist m. E. die Dialektik von Schuld und Wiedergutmachung keine nationaldefinierende Determinante, der in dieser Arbeit Aufmerksamkeit geschenkt werden muss, sondern vielmehr der Motor fur die tatsachliche Umorientierung und Neugestaltung der Bundesrepublik.

Nationalgefuhl und Nationalismus waren in der unmittelbaren Nachkriegszeit ungebrochen, wie Jorg Echternkamp in seinem Aufsatz „Verwirrung im Vaterlandischen?“3 aufzeigt. Anknupfend an diesen Aufsatz soll diese Arbeit nun den zeithistorischen Umstanden der Konstruktion politischer westdeutscher Nationsvorstellungen nachgehen.

Methodisch ist neben der bereits angefuhrten Gliederung zu erwahnen, dass ein vermittelnder Ansatz verfolgt werden soll, also der Versuch den vermeintlichen Gegensatz von Akteuren und Strukturen zu uberwinden.4

Die Literaturlage fur diese Arbeit ist ausgezeichnet. Das Thema Nation ist mehrfach untersucht worden und theoretisch sehr gut erfasst. Zu nennen sind an dieser Stelle die Studien von Bernhard Giesen, die fur diese Arbeit essentiell sind. Uber die Entwicklung der Deutschen Nation bis heute gibt es eine schier unubersehbare Zahl von Darstellungen, Meinungen und Studien. Diese Arbeit bezieht sich diesbezuglich vor allem auf die Werke von Otto Dann5 und Dieter Langewiesche,6 ebenso auf die Studie von Ernst-Wolfgang Bockenforde.7 Die Literatur zur Nachkriegszeit ist ebenfalls zahlreich, man kann sich hier vor allem auf die Arbeit von Jorg Echternkamp berufen, der in zahlreichen Artikeln und Buchern die Nachkriegszeit bis zur Grundung der Bundesrepublik analysiert hat.8

Die Literaturlage bezuglich der Alliierten und der Deutschen Nation gestaltet sich ungleich schwieriger. Die alliierten Vorstellungen der Nachkriegsordnung und die Teilungsplane waren zu diffus, um eine klare Linie erkennen zu lassen, ihre Wirkung muss aber in die Betrachtung miteinbezogen werden. Dennoch ist die Literaturlage an dieser Stelle nicht befriedigend. Ein weiteres Problem ist in diesem Zusammenhang, dass sich viele Informationen in Ubersichtsdarstellungen finden, die wiederum selbst eigene Akzente und Schwerpunkte setzen. Gerade im Bereich Anti-Kommunismus, Demokratisierung und Marktwirtschaft gibt es so gut wie keine ideologiefreie Darstellung, die den Effekt der Besatzung wissenschaftlich untersucht. Ausnahme ist hier zum Beispiel die Arbeit von Gesine Schwan „Antikommunismus und Antiamerikanismus in Deutschland. “9

2. Hauptteil

2.1 Die Deutsche Nation

Seit ich auf deutsche Erde trat,

Durchstromen mich Zaubersafte - Der Riese hat wieder die Mutter beruhrt, Und es wuchsen ihm neu die Krafte. 10

2.1.1 Nation

Seit der franzosischen Revolution ist die Nation ein Grundbegriff unserer politischen Sprache.11 Trotz einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Begriff Nation in der Offentlichkeit12 als auch in der Wissenschaft gibt es keinen Konsens uber seine Bedeutung.13 Die Forschung geht davon aus, dass Nationen nichts naturwuchsiges,14 sondern das Produkt menschlicher Konstruktion sind15 bzw. nach Anderson „imaginierte Gemeinschaften.“16 Eine Nation ist vielmehr „geistiges Prinzip“17, ein „gesellschaftlich umfassender Kommunikationsprozefi“18 zur Hervorbringung eines gemeinschaftlichen Ordnungsprinzips und der normativen Idee der „gerechten Gesellschaftsordnung“19, die den Rahmen fur ein Zugehorigkeitsgefuhl stellt und stellen soll.20 Damit einher geht hierbei die Vorstellung der bewussten Vergemeinschaftung,21 der „politisch orientierten Bewufitseinsgesamtheit,“22 so dass eine Nation als „Willens-, Bekenntnisgemeinschaft“23 aber auch als „Emotionsgemeinschaft“24 verstanden wird25 und werden soll. Angeknupft an diese Voranstellungen ergibt sich konsequenterweise die Notwendigkeit des Konsenses als Basis einer Nation. So bezeichnet Ursula Besser eine Nation als einen „Willensakt, keine Verordnung und keine eigenstandige Institution, sondern ein[en] standige[n] Bekenntnisvorgang“26 und greift dabei Renans Idee der Nation als standiges Plebiszit auf. Auch Ernest Gellner schliefit sich dieser Idee an,27 ebenso wie Otto Dann28 und Ernst- Wolfgang Bockenforde.29 Die Nation muss also von der Masse getragen werden und verliert dadurch ihren rein konstruierten, abstrakten Charakter. Denn obwohl es sich bei der Nation um eine „imaginierte, auf gemeinsamen Vorstellungen beruhende Einheit“30 handelt, ist sie dennoch real und wirkmachtig.31

So liegt das Erkenntnisinteresse der Forschung nicht mehr im Beweis einer unveranderlichen Nation, orientiert an wechselnd zugeschriebenen Merkmalen wie Sprache, Geschichte und Religion, sondern im Verstehen der Prozesse, die zur Zuschreibung von diesen Merkmalen fuhren.32 Als „wichtigster konzeptioneller Rahmen“33 der modernen Nationenbildung dient, wie die Begrifflichkeit es schon andeutet, die Moderne. An dieser Stelle offenbart sich auch eine gewisse Uneinigkeit in der Forschung. Wahrend die Nation als „historisches Subjekt“34 und historisches Faktum nur im Kontext der Moderne verstanden werden kann und somit ein „Phanomen der Moderne“35 ist, weisen verschiedene Wissenschaftler darauf hin, dass es sich bei der Nation nicht nur um ein Produkt der Moderne handelt, sondern um ein gesellschaftliches Ordnungsprinzip,36 dem durch die Moderne seine spezifischen Parameter zugewiesen wird, denn „das menschliche Gattungsleben zeugt im Laufe der Jahrtausende aus seinem Schofie die mannigfaltigsten Formen der Gemeinschaft.“37

Was nun die Nation, diese moderne Form der Gemeinschaft, zu Beginn des 19. Jahrhunderts auszeichnet, ist zunachst ein emanzipatorisch-freiheitliches, ja anti-feudales38 Moment. Die Idee zur „Kampfansage an die uberlieferte Standegesellschaft mit ihrem dichten Geflecht an Privilegien und Ausgrenzungen.^39 Das Konzept der Nation war somit ein Gegenentwurf zum Gottesgnadentum.40 Anstelle des Monarchen trat nun die Idee der Volkssouveranitat, und damit einhergehend die Idee der Menschen- und Burgerrechte, was sich auch im Krieg als „Waffe“ bewahrte, wie die Napoleonischen Kriege deutlich zeigten.41 Auch fallt der Aufstieg der nationalen Idee mit dem Machtzerfall der Kirche42 zusammen, wie unter anderem in der These von Dieter Langewiesche deutlich wird; namlich dass es sich bei der modernen Nation um einen Religionsersatz bzw. eine Sakularreligion handelt.43 So wird dem oben bereits angefuhrten Phanomen der Bindungslosigkeit in der Moderne das ubergreifende Konzept der Nation - freilich unbewusst - entgegengestellt, unter deren Dach sich die verschiedensten sozialen Differenzen einebnen lassen.44

Ein weiteres Indiz, das die These von der Nation als Gottesersatz stutzt, ist das ihr inharent immanente Erlosungsmotiv.45 Dem Diesseits wird eine ideelle Ordnungsebene ubergestulpt,46 die Nation wird zur Utopie. Einen konkreten Inhalt hat das Konzept der Nation nicht, denn erst durch den hohen Abstraktionsgrad wird das Konzept der Nation fur die Masse zuganglich. Ahnlich dem Gottesbegriff hat das Nationenkonzept einen subjektiv-flexiblen Charakter: Dem Einzelnen bleibt es uberlassen, das Konzept mit seinen subjektiven Vorstellungen zu fullen.47

2.1.2 Deutsche Nationalentwicklung

Trotz des Versuchs, eine allgemeine Formel fur die Begriffe Nation zu finden, steht das Gebot Bockenfordes, dass Nationen individuell historisch untersucht werden mussen,48 denn „es sind jeweils die konkreten Entstehungsbedingungen nationaler Selbstfindung und kollektiver Bewusstseinsbildung, die zur Verschiedenheit der Nationbegriffe und der nationalen Identitaten fuhren und gefuhrt haben.“49 So unterscheidet die Wissenschaft grundlegend zwischen subjektiv- politischer Nation und objektiv-kultureller Nation.50 Wahrend die franzosische Nation sich im Rahmen eines vorgegebenen, auf subjektiven Merkmalen basierendes, Staatsgebilde herauskristallisierte und somit eine subjektiv-politische bzw. politisch voluntative Nation par excellence ist, ist die Deutsche Nation eine auf vermeintlich objektiven und kulturellen Merkmalen basierende Nation. So sehen die Franzosen bspw. ihren Staat als Grundlage fur die Nation, wahrend die Deutschen die Nation als Grundlage fur den Staat betrachten.51

Obwohl schon im Mittelalter Hinweise auf eine „deutsche Nation“ zu finden sind,52 gelten doch die Napoleonischen Kriege als Katalysator fur die Entstehung einer deutschen Nationalbewegung.53 Nicht zuletzt durch den napoleonischen Reformdruck war das Heilige Romische Reich Deutscher Nation 1806 zerfallen54 und eine Besinnung auf das deutsche Volkstum induziert worden.55 Hierbei formte sich die Deutsche Nation zunachst in der Auseinandersetzung mit Frankreich aus, so dass Winkler vom Deutschen Nationalismus auch als „Abwehrideologie“56 zunachst gegen die Franzosen ausgeht. Die Fremdbestimmung durch die Franzosen war ein einschneidendes Erlebnis fur die Deutschen und veranderte ihre nationale Wahrnehmung grundlegend.57 Die im 18. Jahrhundert entstandene burgerliche Bildungsgesellschaft verstand sich als Kulturnation, die sich dem Oktroi der franzosischen Kultur entziehen wollte.58

Die „Erwecker der Nation [knupften] an Kriterien an, die fur die Kulturnation als die Eigenart des Volkes ausmachend hervorgehoben und bewufit gemacht worden waren, an Sprache, Geschichte und Kultur,“59 denn es stand kein staatliches Gebilde zur Verfugung und so wurden die, die Kulturnation definierenden, Merkmale „ins Politische gewendet, d.h. sie wurden - der politischen Zielrichtung entsprechend - zu bestimmenden Merkmalen einer potentiellen Staatsnation gemacht, die auf eine eigene staatlich-politische Ordnung als Form der Freiheit orientiert war.“60

Die Hauptakteure der deutschen Nationalbewegung waren zunachst vor allem Schriftsteller, Journalisten, Theologen und Lehrer, wie z. B. Turnvater Jahn, Ernst Moritz Arndt oder Johann Gottlieb Fichte, die predigten, dass die Liebe zum Vaterland die grofite Religion sei und dass die Deutschen edle, reine Geister seien. Sie stifteten so ein Bild des deutschen Volkes, das nur wenig mit der echten Geschichte zu tun hatte. Dieses Bild der deutschen Nation war „ein konstruiertes Weltbild, zusammengesetzt aus Geschichtslegenden, Erwahltheitsglauben und der Vorstellung einer deutschen Mission. “61 Die Zeit des so genannten Vormarzes war der „Durchbruch einer gesamtdeutschen Nationalbewegung.“62

Die „nationalpolitische Aufbruchstimmung“63 machte sich uberall bemerkbar, auch in Form offentlicher Feste und so kam es schliefilich in Kombination mit zunehmenden politischen und sozialen Problemen zur „gescheiterten Revolution“64 von 1848/1849.65 Doch auch wenn die Nationalbewegung ihre Bewahrungsprobe nicht bestehen konnte, wie Dieter Langewiesche es ausdruckt,66 da die staatlichen Ziele nicht verwirklicht werden konnten, wurde dennoch ein Demokratisierungsprozess eingeleitet67 und schliefilich die Basis fur die Staatsgrundung 1871 gelegt, denn erst mit der gescheiterten Revolution wurden die „Deutschen in den Staaten des Deutschen Bundes endgultig zu einer Nation.“68 Diese Nation stiefi nun sozusagen auf die machtpolitischen Uberlegungen Bismarcks, denn „aus der Nation, die die Nationalbewegung getragen hatte, [war] eine Staatsnation geworden.“69

Diese Staatsnation war ein Kompromiss. Bismarck, uberzeugter Preufie, betrachtete die Nationalbewegungen mit Skepsis, aber auch als Mittel zum Zweck seiner machtpolitischen Uberlegungen zur Erweiterung Preufiens.70 Obwohl er die „vollkommen freistehende[n], souverane[n] suddeutsche[n] Staaten“71 Hessen-Darmstadt, Baden, Bayern und Wurttemberg in die Reichsgrundung mit einbezog, gestand er ihnen viele Freiheiten zu.72 So ging er auf den Wunsch der Nationalbewegungen nach einem „Gesamtdeutschland“ ein, verhinderte aber deren Ziel, „Deutschland zur fuhrenden und herrschenden Macht Europas zu machen.“73 Der Preis fur die nationalstaatliche Einheit war die Aufgabe der revolutionaren Ziele.74 Aufierdem blieben die alten Strukturen erhalten, was dazu fuhrte, dass die „Nation ihren neuen Staat nicht politisch gestalten konnte.“75 Zunehmend verlagerte sich der Nationalstolz auf den Nationalstaat und nicht mehr auf die vorherigen Ideale der Nationalbewegung.76 Die Erorterung von Grunden fur diese Veranderung des Begriffs Nation fuhrt an dieser Stelle zu weit, und so soll nur festgehalten werden, dass, was bisher „national“ sein bedeutet hatte, also das Eintreten fur Freiheit und Fortschritt, „fortan in erster Linie antiinternational und sehr haufig auch bereits antisemitisch“77 bedeutete.

An der Phase des so genannten Hochimperialismus kann die fundamentale Veranderung der Bedeutung des Begriffs „national“ aufgezeigt werden. So verband sich die Idee des Nationalismus mit der Idee des Imperialismus, obwohl beide Ideen eigentlich Antagonismen sind, wie Sebastian Haffner passend bemerkt: „Nein, der wahre Gegensatz zu Nationalismus heifit Imperialismus. Die Alternative zu einer Welt der souveranen Nationen ist das universale Imperium.“78 Die Gleichheit der Nationen, bisher dem Nationalprinzip inharent, wich einem uberzogenen „entliberalisierten, militarisierten, antisemitisch und somit entburgerlichtem Radikalnationalismus,“79 auch integraler Nationalismus genannt, mit rassistischem Ansatz, so dass der Erste Weltkrieg ein Krieg der „nationalen Konkurrenz [... war], ein grofies Kraftemessen zwischen den fuhrenden Staaten, das die kleinen in Mitleidenschaft zog.“80 Waren die Deutschen noch mit Begeisterung in den Ersten Weltkrieg gezogen, so war die Ernuchterung uber den Versailler Vertrag in den Zwischenkriegsjahren pragend fur die deutsche Nation. Doch kann dem Vertrag von Versailles nicht die Schuld fur das Scheitern der Weimarer Republik gegeben werden, denn wesentlich fur den nationalsozialistischen Aufstieg war im Endeffekt die Tatsache, dass „sowohl die deutsche Verantwortung fur die Auslosung des Krieges, als auch die Politik Deutschlands wahrend des Krieges nicht kritisch aufgearbeitet, sondern aus dem Bewufitsein verdrangt wurde. Diese kollektive Verdrangung bildete den Nahrboden fur das rasche Erstarken einer militanten Revanchestimmung.“81

Und so entwickelte sich der Nationalismus entgegen seinem ursprunglichen Anspruch zu einem „Kampfmittel gegen die Weimarer Republik. “82 Aufierdem hatte Hitler mit der Aufwertung der Nation „zugleich einen Beitrag zur Hebung des kollektiven Selbstgefuhls“83 geleistet und konnte so die von Statusangsten gepragte Mittelschicht fur sein „germanisch- deutsches“ Reich gewinnen, das mit den nationalstaatlichen Hoffnungen des 19. Jahrhunderts nichts mehr gemeinsam hatte.84

[...]


1 Die westdeutsche Publizistik neigte stets dazu, den westdeutschen Teil der Bevolkerung als die eigentliche deutsche Nation zu betrachten. Dies ist wissenschaftlich nicht haltbar und deswegen wird in dieser Arbeit fortlaufend diese Schreibweise benutzt, um schliefilich das Selbstverstandnis Westdeutschlands zu reflektieren.

2 Zitiert nach: Hermann Graml, Vom Kriegsende bis zur doppelten Staatsgrundung 1945-1949, S. 38.

3 Jorg Echternkamp, Verwirrung im Vaterlandischen? Nationalismus in der deutschen Nachkriegsgesellschaft 1945— 1960, in: Oliver Muller u.a. (Hrsg.), Die Politik der Nation. Deutscher Nationalismus in Krieg und Krisen 1760­1960, Munchen 2002, S. 219-246.

4 Vgl. Jorg Echternkamp, Von Opfern, Helden und Verbrechern, S. 302.

5 Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, Munchen 1993.

6 Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, Munchen 2000.

7 Ernst-Wolfgang Bockenforde, Staat - Nation - Europa. Studien zur Staatslehre, Verfassungstheorie und Rechtsphilosophie, Frankfurt 1999.

8 z.B. Jorg Echternkamp, Nach dem Krieg. Alltagsnot, Neuorientierung und die Last der Vergangenheit 1945-1949, Zurich 2003.

9 Gesine Schwan, Antikommunismus und Antiamerikanismus in Deutschland. Kontinuitat und Wandel seit 1945, Baden-Baden 1999.

10 Heinrich Heine, Deutschland, S. 14.

11 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 12.

12 Vgl. Hagen Schulze sieht das Entstehen einer modernen Offentlichkeit als Folge „der Bevolkerungsexplosion, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts den [europaischen] Kontinent ergriff, [...] der Umwalzung von Wirtschaft und Gesellschaft, [...] der Modernisierung der Verkehrs- und Postverbindungen, [...] der Verbreitung von Lese- und Schreibfahigkeit, der eine ungeheure Ausweitung der Buch- und Zeitschriftenliteratur entsprach.“ Hagen Schulze, Das Europa der Nationen, S. 69. AuBerdem BuBhoff, Zu einer Theorie der politischen Identitat: „Offentlichkeit bezeichnet den mehr oder weniger klar bestimmten und institutionalisierten Rahmen, in dem etwas offentlichen Charakter gewinnt oder annimmt.“ S. 27.

13 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 11; Jorg Echternkamp, Politik der Nation, S. 7.

14 Wolfgang Mommsen, Nation und Geschichte, S. 8.

15 Vgl. Bernhard Giesen, Nationale und kulturelle Identitat, S. 13, Klaus von Beyme, Deutsche Identitat zwischen Nationalismus und Verfassungspatriotismus, S. 89.

16 Benedict Anderson, Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, London 2002.

17 Ernest Renan, Was ist eine Nation, S. 34.

18 Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 33.

19 Tilman Mayer, Prinzip Nation, S. 17.

20 Uber Zugehorigkeit: Vgl. Ernst-Wolfgang Bockenforde, Staat - Nation - Europa, S. 38; Bernhard Giesen, nationale und kulturelle Identitat, S. 14; Jorg Echternkamp, Verwirrung im Vaterlandischen?, S. 245; Bernd Estel, Das Prinzip Nation in modernen Gesellschaften, S. 15.

21 Vgl. Tilman Mayer, Prinzip Nation, S. 23.

22 Ernst-Wolfgang Bockenforde, Staat - Nation - Europa, S. 38.

23 Ernst-Wolfgang Bockenforde, Staat - Nation - Europa, S. 34.

24 Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 33.

25 Vgl. ahnliche Ansatze bei Werner Conze, Die Deutsche Nation, S. 9; Volker Kronenberg, Patriotismus in Deutschland, S. 36; Shmuel Noah Eisenstadt, Theorie und Moderne, S. 207; Bernhard Giesen, Nationale und kulturelle Identitat, S. 13; Jorg Echternkamp, Die Politik der Nation, S. 6, Ernst-Wolfgang Bockenforde, Staat - Nation - Europa, S. 37.

26 Ursula Besser, Die Rolle der Nation in der deutschen Gegenwart, S. 233.

27 Vgl. Ernest Gellner, Nationalismus und Moderne, S. 84.

28 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 13.

29 Vgl. Ernst-Woflgang Bockenforde, Staat - Nation - Europa, S. 43.

30 Volker Kronenberg, Patriotismus in Deutschland, S. 47.

31 Vgl. Volker Kronenberg, Patriotismus in Deutschland, S. 48.

32 Vgl. Jorg Echternkamp, Perspektiven einer politik- und kulturgeschichtlichen Nationalismusforschung, S. 6.

33 Volker Kronenberg, Patriotismus in Deutschland, S. 46.

34 Tilman Mayer, Prinzip Nation, S. 144.

35 Shmuel Eisenstadt, Moderne und Theorie, S. 207.

36 Vgl. Tilman Mayer, Prinzip Nation, S. 44.

37 Karl Renner, Die Nation, S. 17.

38 Vgl. Volker Kronenberg, Patriotismus in Deutschland, S. 145.

39 Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 192.

40 Vgl. Volker Kronenberg, Patriotismus in Deutschland, S. 47.

41 Vgl. Hagen Schulze, Das Europa der Nationen, S. 70.

42 Vgl. Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 33.

43 Vgl. Ebd., S. 34.

44 Vgl. Bernhard Giesen, Vom Patriotismus zum Nationalismus, S. 260.

45 Vgl. Ebd., S. 303.

46 Vgl. Ebd., S. 259.

47 Vgl. Jorg Echternkamp, Perspektiven einer politik- und kulturgeschichtlichen Nationalismusforschung, S. 8.

48 Vgl. Ernst-Wolfgang Bockenforde, Staat - Nation - Europa, S. 42.

49 Ernst-Wolfgang Bockenforde, Staat - Nation - Europa, S. 44.

50 Vgl. Hagen Schulze, Das Europa der Nationen, S. 73; Bockenforde nennt diese beiden Pole „politisch-voluntativ“ und „ethnisch-kulturell“, S. 34, Jurgen Steinle, Nationales Selbstverstandnis nach dem Nationalsozialismus, S. 12.

51 Vgl. Ernst-Wolfgang Bockenforde, Staat - Nation - Europa, S. 56.

52 Vgl. Tilmann Mayer, Prinzip Nation, S. 42; Werner Conze, „Deutschland“ und „deutsche Nation“ als historische Begriffe, S. 22.

53 Vgl. Walter Hofer, Die Frage der deutschen Einheit in auslandischer Sicht, S. 68.

54 Vgl. Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 192.

55 Vgl. Ernst-Wolfgang Bockenforde, Staat - Nation - Europa, S. 40.

56 Heinrich August Winkler, Nationalismus und nationale Frage in Deutschland seit 1945, S. 12.

57 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 302.

58 Vgl. Ernst-Wolfgang Bockenforde, Staat - Nation - Europa, S. 47.

59 Ebd., S. 49.

60

61 Klaus Wiegrefe, Die Erfindung der Deutschen, S. 17/18.

62 Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 102.

63 Ebd., S. 126.

64 Ebd., S. 302.

65 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 112.

66 Vgl. Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 200.

67 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 129.

68 Ebd., S. 130. Dann betont, dass es niemals eine zentrale Bewegung gab. Die Nationalbewegung hatte in jeder Region ein anderes Gesicht.

69 Ebd., S. 165.

70 Vgl. Klaus von Beyme, Die deutsche Identitat zwischen Nationalismus und Verfassungspatriotismus, S. 83.

71 Sebastian Haffner, Von Bismarck zu Hitler, S. 40.

72 Vgl. Ebd., S. 46.

73 Ebd., S. 47.

74 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 174.

75 Ebd., S. 157.

76 Vgl. Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 166.

77 Heinrich August Winkler, Nationalismus, Nationalstaat und nationale Frage in Deutschland seit 1945, S. 13.

78 Sebastian Haffner, Nationalismus ist auch anders, S. 169.

79 Dieter Langewieschen, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 211.

80 Otto Dann, Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990, S. 208.

81 Heinrich August Winkler, Nationalismus, Nationalstaat und nationale Frage in Deutschland seit 1945, S. 14.

82 Dieter Langewieschen, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 213.

83 Heinrich August Winkler, Nationalismus, Nationalstaat und nationale Frage in Deutschland seit 1945, S. 14.

84 Vgl. Dieter Langewieschen, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, S. 215.

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Details

Titel
Die Deutsche Nation und die Katastrophe
Untertitel
Zu den Grundlagen der bundesrepublikanischen Deutschen Nation
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie)
Veranstaltung
60 Jahre Bundesrepublik Deutschland: Außenpolitik und Politische Kultur zwischen Wandel und Kontinuität
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
41
Katalognummer
V149517
ISBN (Buch)
9783640600380
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Politikwissenschaftliche Forschungsreihe
Schlagworte
Bundesrepublik Deutschland, Nation, Nachkriegszeit, Nationales Verständnis, Gründungsmythos, Soziologie, Politikwissenschaft, Allierte, Besatzungszonen, Westdeutschland, Westalliierte, USA, Frankreich, Großbritannien, Demokratie, Demokratisierung, Marktwirtschaft, Antikommunismus, Europäische Integration, Trizonesien, Katastrophe, Stunde Null
Arbeit zitieren
Julia Schramm (Autor), 2009, Die Deutsche Nation und die Katastrophe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149517

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