Gattungen und Formen im Neuen Testament


Hausarbeit, 2010
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Die Gattungen / Formen
2.1 Großformen
2.1.1 Evangelium
2.1.2 Apostelgeschichte
2.1.3 Briefe
2.1.4 Apokalypse
2.2 Kleinformen
2.2.1 Wundergeschichten
2.2.2 Gleichnisse
2.2.3 Metapher, Parabel und Allegorie
2.2.4 Anekdote

3 Zusammenhänge zwischen den Gattungen / Formen
3.1 Die Formen untereinander
3.1.1 Kleinformen zu Kleinform
3.1.2 Großformen zu Großform
3.2 Zusammenhänge zwischen den Gattungen / Formen
3.2.1 Kleinformen zu Großformen
3.2.2 Großformen zum Neuen Testament als Ganzes

4 Kanonische Lesart als Hilfe zum Verständnis des NT
4.1 formaler Bezug von AT und NT
4.2 Inhaltlicher Bezug des NT zum AT
4.3 Inhaltliche Bezüge zwischen den Texten der jeweiligen Formen

5 Ergebnis

6 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Begriff „Neues Testament“ ist ein im Sinne des Wortes merkwürdiger, nämlich zu merkender, des Bemerkens würdiger Name für einen Buch, impliziert der Begriff doch eine Vielzahl von formalen wie inhaltlichen Fragen. Da ist zuerst einmal die Frage nach dem Buch als solches. Ist das Neue Testament überhaupt ein Buch? Was ist ein Buch anderes als Ding, das einen oder eine Mehrzahl je in sich geschlossener Texte zu eben diesem Ding, dem Buch zusammenfasst. Damit ist dann noch nichts über den Zusammenhang der Texte, die in einem Buch zusammengefasst sind, gesagt dann, wenn es sich um mindestens zwei, formal voneinander unabhängige Texte handelt. Dennoch darf ein Zusammenhang erwartet werden, gäbe es doch sonst keinen Grund, zwei voneinander unabhängige Texte in einem Buch zusammen zu führen. Gibt es aber einen Zusammenhang, sind die Texte nicht unabhängig; die Zusammenführung von Texten in einem Buch hebt die Unabhängigkeit der zusammengeführten Texte voneinander auf, ohne das damit schon herausgestellt wäre, worin der Zusammenhang zwischen den Texten eines Buches denn tatsächlich besteht. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis des Neuen Testamentes zeigt: es besteht aus einer Vielzahl von Texten, ein Zusammenhang darf also vorausgesetzt werden. Aber worin besteht dieser Zusammenhang, weist doch der zweite Blick in das Inhaltsverzeichnis auf, dass für Texte eine Reihe von Autoren angegeben sind. Weiter weist der Blick auf, das es sich um verschiedene Typen von Texten handeln muss, denn ein Evangelium ist allein vom Begriff her ein Anderes als ein Brief, beide anderes als eine Geschichte, alle drei anderes als eine Apokalypse. Oder gar doch nicht? Oder sind die verschiedenen Autoren nur scheinbar verschieden; also letztlich doch alles ein einziger, tatsächlich zusammengehörender Text? Viele Fragen.

Warum heißt dieses Buch Testament, da wir Heutigen doch unter dem Begriff Testament sicher eines gerade nicht verstehen; nämlich ein Buch. Können wir aber so ohne Weiteres unseren Begriff von „Testament“ auf die Zeiten übertragen, in denen die Texte des neuen Testamentes verfasst worden sind? Wann sind die Texte überhaupt verfasst worden; sind sie zeitgleich, zumindest annähernd zeitgleich verfasst worden oder liegen so große Zeiträume zwischen den Entstehungszeiten der einzelnen Texte, dass ein einheitlicher Inhalt des Begriffs Testament auch bei den Autoren nicht mehr vorausgesetzt werden darf? Überhaupt: warum „Neues Testament“: gibt es ein „Altes“? Was aber ist mit diesem Alten: bleibt es gültig, wenn es jetzt doch ein Neues gibt? Alle für das Neue Testament gestellten und noch darüber hinaus möglichen Fragen können mit gleichem Recht für das Alte Testament gestellt werden.

Im Folgenden sollen einige dieser Fragen aufgegriffen werden. Da ist zum ersten die Frage nach den im neuen Testament zu findenden Textformen (Abschnitt 2.). Da ist zum zweiten die Frage danach, ob die gefundenen Textformen einen Zusammenhang bilden, wie welche Textformen zusammenhängen und warum. In den Vordergrund rücken dabei die formale Betrachtungsweise, analog zu den formal zu bestimmenden Textformen. (Abschnitt 3). Schließlich soll dann noch ein Blick auf die Inhalte geworfen werden; konkret: können die Formen für sich gelesen werden oder dürfen, müssen sie gar zusammen gelesen werden, um ihren eigentlichen Sinn dem Leser frei zu geben? (Abschnitt 4) Abschließend sei in (Abschnitt 5) versucht, ein Ergebnis zu formulieren, bevor in (Abschnitt 6) die Ausführungen kurz zusammengefasst werden sollen.

2 Die Gattungen / Formen

Vorab ist ein Wort zur Terminologie der >Gattung< notwendig. Der Begriff >Gattung< wird, wie hier, in der Analyse von Textformen gebraucht wie er in der Biologie und in der philosophisch orientierten Erkenntnistheorie gebraucht wird. Immer ist der Begriff ein formaler Begriff, der nichts über den Inhalt dessen sagt, was jeweils unter dem Begriff der Gattung gefasst wird. Allerdings ist die formale Definition des Begriffs Gattung in der Biologie eine andere als in der Erkenntnistheorie; beide unterscheiden sich wiederum von der hier zugrunde gelegten Definition des Begriffs der >Gattung<. Um diese Unterscheidung deutlich zu machen, bevorzugt es Reiser[1], von Formen zu sprechen, eine Begriffsbildung, die auch im Folgenden Verwendung finden soll.

2.1 Großformen

2.1.1 Evangelium

Die literarische Form des Evangeliums ist eine ureigentliche „Erfindung“ der christlichen Autoren. Zwar gab es den Begriff auch vor seiner literarischen Verwendung als Ausdruck einer mündlich überbrachten >frohen Botschaft<, vor allem wohl bezogen auf das jeweils regierende Kaiserhaus in Rom. Markus greift diesen Begriff auf, leitet er doch sein Evangelium eben mit diesem Begriff ein. Ob bereits Markus mit dem Begriff eine literarische Form, gar Großform meinte, ist nicht beweisbar[2]. Die Verwendung des Begriffs des Evangeliums stellt in jedem Fall eine Spitze gegen das – im römischen Kultus als göttlich angesehene – Kaisertum in Rom dar, als frohe Botschaften nun nicht mehr vor allem von ihm ausgehen, sondern auch von einem, der mit dem Kaisertum sehr wenig gemein hat. Mit diesem >Einem< können zwei Personen gemeint sein: einmal derjenige, der die „frohe Botschaft“ bringt, zum anderen derjenige, der über diesen Boten und seine Botschaft berichtet. Evangelium ist im Kern beides gleichzeitig und in einem: es ist „in sich geschlossene Jesusgeschichte“[3], die von einem Autor, der sich als Zeuge sieht und später von der entstehenden Kirche als Zeuge bestätigt wird, aus seiner Sicht erzählt wird. Evangelium ist biographische Erzählung; Evangelium ist Memoirenliteratur[4]. Evangelien können als Memoiren des Autors gesehen werden, in denen der Hauptperson, eben des Boten des frohen Botschaft, des Jesus und seines Handelns memoriert wird. Im Text des Evangeliums tritt der Autor selbst folglich so wenig auf wie der Adressat der frohen Botschaft (mit wenigen Ausnahmen, z.B. Mk 13,14).[5] Autor und Adressat sind dennoch immer in entscheidender Position gegenwärtig, als der Autor nicht für sich schreibt, sondern für einen Leser- und Hörerkreis, andererseits als der Autor nicht historisch berichtet, sondern als er seine eigenen, ganz persönlichen >Memoiren< beschreibt.[6]

2.1.2 Apostelgeschichte

Die Apostelgeschichte ist als Form im Neuen Testament singulär. Vieles deutet auf die Autorenschaft des Autors hin, dem das Lukas-Evangelium zugeschrieben wird. Die Apostelgeschichte schließt sich insofern der Form des Evangeliums an – Niebuhr subsumiert die Apostelgeschichte unter die Evangelien[7] - ohne doch ein Evangelium zu sein, hat sie doch nicht mehr den in den Evangelien memorierten Jesus als Fixpunkt, sondern seine Wirkung in den Jahrzehnten nach dessen Verherrlichung. Der Name sagt es: sie ist Geschichte der dem Jesus nachfolgenden Apostel, die selbst aber nicht im Mittelpunkt steht, sondern Mittel zum Zweck ist, nämlich der Darstellung der Wirkungen dieses Jesus. Apostelgeschichte ist daher mehr um eine wirkliche Historiographie im damals üblichen Begriffsinhalt bemüht als die Evangelien, ohne jedoch den Anspruch einer chronologischen Darstellung zu erheben, gar im heutigen Sinne zu erfüllen. Die Darstellung in der Apostelgeschichte verbreitert sich gegenüber dem Evangelium des Lukas als anfangs viele Apostel des Jesus in die Erzählung einbezogen werden, um sich dann aber Apg 15 nur noch auf den Paulus zu konzentrieren, der im Gegensatz zu den Aposteln den Evangelien völlig unbekannt ist: alle anderen Apostel sind >vergessen<, im Sinne des Lukas ohne Rolle. Apostelgeschichte ist insofern Gründungsgeschichte der Institution Kirche: von Jerusalem nach Rom, von Jesus nach Paulus[8].

2.1.3 Briefe

Der Brief ist eine sowohl im hellenistischen Raum als auch im hebräisch-jüdischem Raum weit verbreitete und die nach der direkten Kommunikation wichtigste Form der Verständigung. Briefe ermöglichen es, sowohl Räume als auch Zeiten zu überbrücken, allerdings um den Preis, dass der Redner zum Schreiber wird und als solcher die unmittelbare Wirkung seiner Worte nicht wahrzunehmen vermag; der Hörer aber zum Leser und so von der unmittelbaren Reaktionsmöglichkeit an den Mitteilenden abgeschnitten ist. Damit stellt sich für jeden Briefschreiber das Problem der Authentizität: wie kann er sicherstellen, dass sein Brief als von ihm kommend akzeptiert wird. Die Lösung bestand oft darin, sich auf einen bekannten Namen zu beziehen oder sogar den Brief in dessen Namen abzufassen. Noch heute steht jeder, der sich mit Briefliteratur auseinandersetzt und damit gerade alle die, die Neues Testament lesen, vor diesem Problem: stammt ein Text, hier Brief, tatsächlich von dem, der als Absender angegeben ist?

Briefe wurden in einem festgelegten Formular gehalten, mit Präskript, wiederum aufzuteilen in Absenderteil – adscriptio - und Grußteil – salutatio -, Korpus und Postskript, in dem wiederum im Epilog noch einmal der Adressat gegrüßt wird, im eigentlichen Postskript dann noch ergänzende Mitteilungen, oft organisatorischer Art angehängt werden. Dem Korpus kann noch ein Proömium vorausgehen. Dieses Formular ist nicht streng vorgeschrieben, so dass jeweils Teile ausgelassen werden können. Gerade die Auslassung des Grußes konnte allerdings als Strafe eingesetzt werden und wurde vom Adressaten auch so verstanden. Paulus nutzt dieses Mittel im Galaterbrief.

Briefe wurden in drei Funktionen geschrieben: als Herrschaftsbrief, als Privatbrief, als „Lehrbrief“. Die Briefe des Paulus als wichtigstem Briefschreiber innerhalb des NT sind gekennzeichnet durch die Schwierigkeit, dass sie Elemente aller dieser Funktionen haben – und somit keiner dieser Funktion eindeutig zugeordnet werden können; eine Ausnahme könnte hier der Philemonbrief bilden, in dem Paulus als Bittsteller für einen Sklaven auftritt[9].

2.1.4 Apokalypse

Als literarische Großform >Apokalypse< ist die Offenbarung des Johannes im Neuen Testament singulär, ohne das der Charakter des apokalyptischen Textes im Neuen Testament als einzig in der johanneischen Offenbarung vorkommend festgestellt werden kann noch gar als nur im Neuen Testament vorkommend angenommen werden darf. Sowohl das Alte Testament kennt apokalyptische Texte (Daniel) wie das Neue Testament (Mk 13) wie auch die außerbiblische hellenistische und hebräisch-jüdische und apokryphe Literatur (Buch Henoch; Buch Baruch. 4. Buch Esra). Apokalypse ist Offenbarungsliteratur, die auf das Ende der Zeiten bezogen ist. Charakteristisch ist ihr Dualismus, hergestellt zwischen einem bösen Jetzigem und einem guten Kommenden; ein Dualismus, der sich meist nach Kampf und Schrecken mit dem Sieg des Guten und dem Ende, der Vernichtung des Bösen nach einem oft spektakulär geschilderten Gerichtsszenario auflöst. Apokalypse beschreibt ein gewaltiges Ereignis, dessen Ablauf dennoch nur spekulativ zu fassen ist. Sie ist daher auf Metapher und Allegorie angewiesen mit oft gewaltiger Bildkraft.

2.2 Kleinformen

Es gibt neben den Großformen eine Reihe von Kleinformen, deren Zuordnung zueinander eine Vielzahl von Möglichkeiten eröffnet. Im Folgenden sollen die Kleinformen der Wundergeschichten und der Gleichnisse besprochen werden, denen dann Formen zugeordnet werden, die andere Autoren als selbstständig betrachten.

2.2.1 Wundergeschichten

>Wunder< sind keine Erfindung des Neuen Testamentes, des Christentums oder des Jesus. Wundergeschichten werden in der paganen Literatur aus der Zeit vor der Zeitenwende in vielfältigster Weise von vielen (Epidaurus; Homer)[10] Autoren erzählt. Sie folgen alle so grundsätzlich wie wenig streng dem Grundmuster des „narrativen Dreischritts“[11] Exposition, Ereignis, Schluss. Keine Wundererzählung – auch die neutestamentlichen nicht, erzählt das „Wie“ des Wunders, also den tatsächlichen Hergang des Geschehens: das Geschehen geschieht. Als >Wunder< werden Ereignisse bezeichnet, „in denen der zu erwartende Ablauf der Dinge in unvorhergesehener Weise durchbrochen wird“[12]. Die christlich geprägt Definition hebt sich von dieser allgemeinen, paganen Definition ab dadurch, dass explizit Gott für dieses Durchbrechen verantwortlich gemacht, es also allein auf das Wirken Gottes zurückgeführt wird. Der Bereich, in denen Wunder möglich sind, ist weit gesteckt. Im Neuen Testament bilden die Heilungs- und Naturwunder die Hauptgruppe, die Exorzismen und vor allem die Totenauferweckungen sind ebenfalls markant.

2.2.2 Gleichnisse

Gleichnisse können als den Wundern entgegengesetzt gedeutet werden: während Wunder geschehen, ohne das auch nur der Versuch der Verdeutlichung des >Wie< gemacht wird, sollen Gleichnisse Geschehnisse anschaulicher machen. Gleichnisse sind fiktive Geschichten, die sich in die – meist vorlaufende – Bildhälfte und die Sachhälfte aufteilen. Die Bildhälfte veranschaulicht den in der zweiten Hälfte dargestellten, unanschaulichen oder unverständlichen Sachverhalt, der im Bereich des Neuen Testamentes das Reich Gottes ist und dessen Wirkungen. Gleichnisse sind somit immer auch das Fiktum und die Sache vergleichende, meist sehr kurze Geschichten, deren Handlungsträger meist namenlose Figuren ohne jegliche gezeichnete Persönlichkeit sind, unbestimmt in ihrer Verortung in Raum und Zeit.

[...]


[1] Marius Reiser; Sprache und literarische Formen des Neuen Testamentes; Paderborn, 2001; S. 97

[2] Marius Reiser; Sprache und literarische Formen des Neuen Testamentes; Paderborn, 2001; S. 105

[3] Karl-Wilhelm Niebuhr; Grundinformation Neues Testament; 2. Aufl., Göttingen, 2003; S. 15

[4] Marius Reiser; Sprache und literarische Formen des Neuen Testamentes; Paderborn, 2001; S. 101

[5] So Karl-Wilhelm Niebuhr; Grundinformation Neues Testament; 2. Aufl., Göttingen, 2003; S. 15

[6] So Theologie im Fernkurs; LB 5, Code-Nr. 05.01.14; Wurzburg, 2007; S. 26

[7] Karl-Wilhelm Niebuhr; Grundinformation Neues Testament; 2. Aufl., Göttingen, 2003; S. 15

[8] Marius Reiser; Sprache und literarische Formen des Neuen Testamentes; Paderborn, 2001; S. 111

[9] Karl-Wilhelm Niebuhr; Grundinformation neues Testament; Göttingen 2003; S. 290

[10] Marius Reiser; Sprache und literarische Formen des Neuen Testamentes; Paderborn, 2001; S. 137f

[11] Marius Reiser; Sprache und literarische Formen des Neuen Testamentes; Paderborn, 2001; S. 138

[12]. Theologie im Fernkurs; LB 5, Code-Nr. 05.01.14; Wurzburg, 2007; S. 30

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Gattungen und Formen im Neuen Testament
Hochschule
Katholische Akademie Domschule Würzburg  (Theologie im Fernkurs)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V149832
ISBN (eBook)
9783640607310
ISBN (Buch)
9783640607457
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gattungen, Formen, Neuen, Testament
Arbeit zitieren
dipl.-ing.agr. Paul Klünemann (Autor), 2010, Gattungen und Formen im Neuen Testament, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149832

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