Die Thermen Helvetiens am Beispiel der Bäder von AVENTICVM und AQVAE HELVETICAE


Seminararbeit, 2010

25 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung
1.1. Römische Thermenarchitektur
1.2. Aufbau und Badevorgang
1.3. Bauweise
1.4. Heizung

2. Die flavischen Thermen „En Perruet“ in Aventicum
2.1. Geschichte
2.2. Lage der Thermen
2.3. Räume

3. Aventicum Insula
3.1. Zur ersten Bauetappe: Tiberische Zeit
3.2. Zur zweiten Bauetappe: 72 n. Chr
3.3. Zur dritten Bauetappe: 135 – 137 n. Chr
3.4. Der grosse Brunnen

4. Thermen Aquae Helveticae (Baden AG)
4.1. Geschichte
4.2. Befunde der letzten Grabungen
4.2.1. Bassin I
4.2.2. Bassin II
4.2.3. Nebenräume
4.2.4. Weitere Bade- und Gebäudeteile
4.3. Thermentypologisierung und Datierung
4.4. Religion und Quellverehrung
4.5. In Baden wird wieder gegraben
4.6. Archäologische Zukunft

5. Schlussfolgerung

6. Bibliografie

1. Einführung

Mit der Welt des Badens und der Thermen steigen wir ein in einen Themenkreis, der sich von der frühesten- bis in die heutige Zeit beinahe nahtlos verfolgen lässt. Eine Entwicklungsgeschichte die historisch, literarisch und archäologisch sehr gut dokumentiert ist.

Gebadet wird seit Menschengedenken. Aus hygienischen, gesundheitlichen, rituellen Gründen – oder einfach zum Zeitvertreib, Erholung und zum Spass.

Bäder, Schwitzbäder, sind bereits aus dem Neolithikum bekannt. Die Griechen haben das Bad domestiziert und eine eigentliche Badekultur entwickelt, diese ins römische Imperium importiert, und dort zu palastähnlichen Anlagen ausgebaut und dekoriert.

Das Baden wurde bei den Römern zu einem Grundbedürfnis und einem bedeutenden Teil des Alltagslebens. Gebadet wurde in den Städten, in öffentlichen oder privaten Bädern, auf dem Lande, praktisch jeder Vicus verfügte über eigene Bäder, und auch in ein Legionslager gehörten Thermen.

Badegewohnheiten geben einzigartige makro- und mikrologische Einblicke in den Alltag einer Bevölkerung. Thermen und Badeanlagen sind das Abbild, eine sichtbare Verdichtung sozialer, ethischer, religiöser, politischer Bedürfnisse und Gewohnheiten eines Ortes, einer Region und eines Volkes. Über den grossen politischen Coup, bis hin zur peinlichsten Intimsphäre, vermag die Architektur und die Ausstattung der Thermen zu berichten.

Mit dem Bau von Thermen war man sich der Gunst des Volkes sicher. Das hatte auch Agrippa um 19 v. Chr. erkannt. Er liess die Agrippa-Thermen in Rom erbauen und befahl den freien Eintritt in die öffentlichen Bäder für das gesamte Reich.

1.1. Römische Thermenarchitektur

Erste, von den Aquädukten versorgte, einfache öffentliche Badehäuser nach hellenistischem Vorbild existierten bereits um 400v.Chr. Die älteste, heute bekannte römische Badeanlage ist ein Sitzwannenbad in den Stabianer Thermen in Pompeji aus dem 3.Jahrhundert. Hypokausten und Reihenbäder mit einer festen Raumfolge sind ab dem 2.vorchristlichen Jahrhundert bezeugt.

Daniel Krencker unterscheidet Thermentypen nach deren Raumfolge:

- Reihentyp
- Ringtyp
- Doppelreihenanlage
- Typ mit Verdoppelung einzelner Abschnitte, vor allem desjenigen der Warmbadräume
- die symmetrische Anlage
- der kleine Kaisertyp
- der grosse Kaisertyp

Aber die römischen Baumeister haben sich keineswegs immer an dieses Schemata gehalten und mussten oft die Architektur den örtlichen Gegebenheiten, dem Gelände, dem Klima oder den Träumen ihrer Auftraggeber anpassen.

Im Verlauf des 1. Jh. n. Chr. unterscheiden sich die Thermen mehr in ihrer Funktion als in ihrer Gestaltung: es gibt grosse, repräsentative, öffentliche Bäder und daneben existieren nach wie vor unzählige balnea innerhalb der Wohngebiete, am Rande kommerzieller Zentren, sowie an Strassen- und Verkehrsknotenpunkten der grossen, mittleren und kleinen Städten.

Auch Militärs und jedes castrum hatten ihre Thermen. Jedes Legionslager besass wohlausgebaute, umfangreiche Thermen.

Bei den Heilbädern wurde die rituelle Bindung an eine göttliche Schutzmacht beibehalten.

Jede anspruchsvolle Villa, jedes grosse Stadthaus besass seine privaten Bäder. Grossartig waren die Bäder der Paläste, besonders jene des kaiserlichen Hauses und hoher Staatsbeamter.

1.2. Aufbau und Badevorgang

Die Thermen hatten meist die gleiche Raumfolge, die schon bei den hellenistischen Reihenbädern existierte:

Im apodyterium, dem Umkleideraum, entkleidete man sich und verstaute seine Kleidung in den in die Wand eingelassenen Nischen oder hölzernen Regalen, oder man gab sie seinem Sklaven oder dem capsarius zur Aufbewahrung. Während man in Griechenland nackt Sport trieb und badete, trugen in Rom zumindest die Frauen eine Art Bikini.

Männer und Frauen badeten (offiziell) getrennt. Die Männerbäder waren wesentlich grösser und luxuriöser eingerichtet als jene der Frauen.

Als erstes betrat man das caldarium, den durch Hypokausten und Wandheizungen geheizten, meist nach Süden hin gelegenen Heißbaderaum mit Heißwasserbecken. Die Bodentemperatur konnte dort leicht über 50 °C betragen, weshalb man im Bad Holzschuhe trug. Im caldarium gab es meist Apsiden, in denen sich die mit 40 °C heißem Wasser gefüllten Wannenbäder befanden. Während man den Ausblick durch die großen Fenster genoss, konnte man sich von einem Sklaven mit warmen Güssen überschütten lassen.

Darauf folgte das ebenfalls durch Hypokausten beheizte tepidarium mit milder Hitze. Das tepidarium enthielt meist kein Becken. Es isolierte die geheizten Räume von den kalten und erleichterte die Anpassung.

Anschließend kühlte man sich im frigidarium, dem Kaltbaderaum, ab und sprang dort in das Kaltwasserbecken. Das frigidarium war der größte Raum der Thermen und daher vermutlich der Hauptaufenthaltsraum.

Man reinigte sich mit dem strigilis und ließ sich nach dem Bad im aleipterion (lateinisch: unctuarium) einölen und massieren.

Angeschlossen an das frigidarium war die palaestra, der Sportplatz, so dass man sich nach der körperlichen Ertüchtigung gleich im kalten Wasser erfrischen konnte. Große Bäder boten zusätzlich ein richtiges Schwimmbecken, natatio, an, teilweise sogar überdacht.

Schließlich gab es in einigen Bädern – nie in Frauenbädern – noch ein laconicum oder sudatorium, ein Schwitzbad mit trockener Hitze ohne Becken, das durch einen Holzkohleofen beheizt wurde und deshalb viel heißer wurde als das caldarium.

Luxusbäder enthielten zudem Imbisse und Läden, Bibliotheken und Vortragssäle sowie Wandelhallen, Ruhesessel und Gartenanlagen zur seelischen Zerstreuung. Zumindest in den Heilbädern hatten auch Ärzte ihre Praxisräume in Nebenräumen der Thermen.

Latrinen waren fast immer Bestandteil der Thermenanlage.

Der Besuch der großen Thermen dauerte oft mehrere Stunden, meist von der 9. Stunde, also je nach Jahreszeit von den Mittags- oder Nachmittagsstunden an bis in den Abend, und galt als wichtiger Bestandteil des täglichen Lebens. Seneca beschwerte sich über den Lärm in den Thermen, der vergleichbar mit dem heutiger Schwimm- und Spaßbäder gewesen sein dürfte.

1.3. Bauweise

Vitruv gab in seinem Werk De Architectura genaue Anweisungen zum Bau von Thermen.

Die Wände bestanden meist aus Backstein oder mit Mörtel verbundenen Bruchsteinen. Für die Füllung wurde hauptsächlich opus caementitium verwendet, das die Tragfähigkeit von Mauern und Gewölben erheblich erhöhte. Sogar eine Art Leichtbeton war bereits bekannt. Damit die Feuchtigkeit nicht die hölzerne Dachkonstruktion angreift, schlägt Vitruv vor, das Gewölbe doppelt zu bauen, damit der Wasserdampf dazwischen abziehen kann. Die Beleuchtung sollte von oben in die Badebecken fallen.

Die Böden waren häufig mit Mosaiken ausgelegt, die Wände gegen die Feuchtigkeit verputzt und mit Fresken verziert, oder wie die Becken mit Marmor ausgelegt. Große Fenster und Gewölbe mit Glasluken ließen Licht und Wärme einfallen.

Zur Überwölbung der großen Innenräume wurde von römischen Baumeistern seit den Agrippa-Thermen bevorzugt die Kuppeltechnik eingesetzt. Die Thermenkuppeln gehörten zu den größten im ganzen Römischen Reich.

Besonders die Kaiserthermen waren zudem mit zahlreichen Skulpturen ausgestattet, in Nischen oder auch freistehend. In der Renaissance wurden die Kaiserthermen von der Oberschicht Italiens geschleift. Als bekanntestes Beispiel gilt die Familie der Farnese, welche zum Bau ihrer Prunkpaläste Baumaterial, Marmor und zahlreiche Skulpturen den Caracala-Thermen entwendeten[1]. Diese Skulpturen können heute teilweise im Museo Archeologico, Neapel, besichtigt werden.

1.4. Heizung

Die Römer verwendeten in ihren Thermalbädern sowohl Fußboden- als auch Wandheizungen mit Heißluft (Hypokaustum). Beide Techniken wurden zunächst für die Thermen entwickelt und angewendet.

Die beheizten Räume konnten je nach Größe und Art des Bades sehr unterschiedlich aussehen. Gemeinsam war ihnen, dass sie meist nach Süden ausgerichtet waren, um die Wärme der Sonne mit zu nutzen.

Damit sich die Wärme der Fußbodenheizung besser ausbreitete, sollte der Boden des Hypokaustums nach Vitruvs Empfehlung eine leichte Neigung aufweisen. Die Wände bestanden oft aus Hohlziegeln, durch die ebenfalls heiße Luft geleitet wurde.

In den Caracalla-Thermen war das caldarium (Heißbad) rund und von einer großen Kuppel überdacht.

Das caldarium der Trajansthermen war von gewölbten unterirdischen Durchgängen flankiert, die oft nur 2 Meter breit und 2,5 Meter hoch waren und durch rechteckige Löcher in der Decke beleuchtet wurden.

Von solchen Gängen unter den eigentlichen Baderäumen aus bedienten Sklaven die Wand- und Bodenheizung. Die Arbeitsbedingungen in diesen Gängen müssen entsetzlich gewesen sein, da der Rauch nur allmählich durch die Deckenlöcher entwich. Die Heizkammern (praefurnia) wurden von den Sklaven regelmäßig mit Holzkohle, oder möglichst trockenem Holz beschickt. Die heiße Luft stieg durch die Hohlräume nach oben und erhitzte Böden und Wände. Die Heizung musste Tag und Nacht in Betrieb gehalten werden. Durch Lüftungsklappen im Dach konnte die Temperatur variiert werden.

Die Hitze der römischen Bäder war fast immer Dampfhitze, mit Ausnahme des mitunter vorhandenen laconicum, in dem eine trockene Hitze herrschte. In diesem Raum konnte es, ähnlich wie in einer Sauna, viel heißer als in dem traditionell beheizten caldarium sein, weswegen die Verweildauer hier geringer war.

2. Die flavischen Thermen „En Perruet“

in Aventicum

In Avenches wird bereits seit mindestens 1783 gegraben. Teilweise waren diese Grabungen offiziell und wurden dokumentiert, viele „Grabungskampagnen“ erfolgten jedoch auf privater Basis und aus manchem Fund wurde auch Kapital geschlagen. Die ersten systematischen Grabungen stammen aus den Jahren 1953-1960.

2.1. Geschichte

Aufgrund von Auffüllungen im Frigidarium, der frühesten Bauphase der Therme, und diverser architektonischer Regeln aus dem 1. Jh. n. Chr., lässt sich die Erbauungszeit der Thermen auf die Flavische Zeit, resp. auf die Koloniengründung um 74 n. Chr. festlegen. Auch die vermutete Anlage der ersten Bauphase, lässt mit Caldarium, Tepidarium, Frigidarium und ev. Sudatorium auf die Badekultur des 1. Jh. schliessen. Typisch auch ist die Orientierung des Caldariums nach dem Licht der Nachmittags-Sonne und auch die Seitenverhältnisse 2:3.

Es sind keine datierbaren Spuren einer Zerstörung der Thermen nachzuweisen. Die stilistische Einordnung des Marcunus Mosaiks lässt sich als Zeugnis für die Weiterbenützung der Thermen bis zum Anfang des 3. Jahrhunderts anführen.

Es wird vermutet, dass die Therme im Laufe dieser ca. 3 Jahrhunderte einmal schlagartig und massiv, räumlich und funktionell umgebaut wurde. Dazu kam dann auch der spätere Badesaal.

2.2. Lage der Thermen

Die Flavierthermen schliessen nordöstlich an das Forum von Avenches an. Die Anlage misst eine Fläche von rund von 71 x 105,5 m. Die Thermen dürften durch eine monumentale Eingangshalle verbunden gewesen sein, was jedoch noch nicht schlüssig erforscht werden konnte.

2.3. Räume

Es wird vermutet, dass die Therme über eine Plästra verfügte, welche bekiest war und über die man in die Therme eintrat.

Beim Caldarium befanden sich vermutlich die Latrinen, was man aufgrund diverser Kanäle mit unterschiedlicher Bauweise schloss. Wasserzufuhrkanäle wurden mit wasserdichtem Ziegelmörtel ausgestrichen. Abwasserkanäle sind an ihrer Sohle oft nicht sonderlich abgedichtet.

Das Frigidarium hat in seinem Grundriss drei überwölbte, halbkreisförmige Nischen in der Nordwand. In die mittlere Nische wurde nachträglich ein Bassin eingebracht. Die seitlichen Nischen enthielten Reste eines labrum (Waschbecken) mit der entsprechenden Wasserzufuhr.

Das Tepidarium war im Gegensatz zum Frigidarium mit einer Hypokaustheizung beheizt. Mittels zwei Durchlässen liess sich von hier aus auch das Caldarium beheizen.

Das Caldarium war mit Tonplatten verkleidet, was man aufgrund der stärkeren Rötung der Kalksteine vermutet. Der Raum ist quergelegt, in der Aussenwand befinden sich drei Nischen, welche in ihrem Ausmass jenen des Frigidariums entsprechen. Die Mittelnische verfügte über ein eigenes Heizsystem – sog. testudo alvei. Die Südwand des Caldariums besitzt eine sechsfache Pfeilerstellung und war somit in Gewölbebogen gegliedert.

Ein Heizgang zieht sich rings um das Caldarium und einen Teil des Tepidariums. Der Gang ist rund 1.20 m tiefer in Kalkstein gefasst. Südlich der Aussenmauer ist der Heizgang auffällig massiv, was eventuell darauf schliessen lässt, dass sich dort der Heizkessel aus Bronze befand, der zur Erhitzung des Warmwassers diente.

Im Warmwasserkanal wurden an die 20 Haarnadeln gefunden. Ein Hinweis, dass die Bäder auch von Frauen benutzt wurden.

Im Sudatorim wurde vermutlich das lakonische Heizsystem (ursprünglich aus Sparta) verwendet. Vitruv beschreibt dieses als regulierbares Heizsystem, das die Hitze herauf- und herab lässt, daher auch der Name. Das erfolgte mit Kohlebecken die im Raum aufgestellt wurden oder an der Decke befestigt waren.

[...]


[1] Alessandro Farnese/Papst Paul III, ab 1534

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Thermen Helvetiens am Beispiel der Bäder von AVENTICVM und AQVAE HELVETICAE
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V150246
ISBN (eBook)
9783640618033
ISBN (Buch)
9783640617876
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thermen, Helvetien, Aquae Helveticae, Avenches, Baden (CH), Aventicum, Hypocaust, Insula 19, en Perruet, römisch, Schweiz
Arbeit zitieren
Dominique Oppler (Autor), 2010, Die Thermen Helvetiens am Beispiel der Bäder von AVENTICVM und AQVAE HELVETICAE, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150246

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