Flexiquality – Europäische Beschäftigungspolitik und die Qualität von Arbeit


Hausarbeit, 2010

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Flexicurity - Flexibilität und Sicherheit im Arbeitsmarkt

3. Qualität von Arbeit
3.1 Stand der Debatte
3.2 Gute Arbeit
3.3 Der DGB-Index „Gute Arbeit"

4. Flexiquality

5. Ausblick: Vorschläge für eine Post-Lissabon-Strategie

6. Literatur

1. Einleitung

Im Jahre 2 n.LB.[1] zeigt die wirtschaftliche Lage nur mäßige Anzeichen von Entspannung. Zeitgleich evaluiert die Europäische Union die Ergebnisse ihrer strategischen Leitlinien der letzten zehn Jahre und entwickelt neue Ansätze für die nächste Dekade supranationaler Sozial-, Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik. Geprägt von der Rezession und hohen Arbeitslosenzahlen lautet der Tenor: mehr Investitionen, mehr Konjunktur, mehr Konsum, mehr Arbeitsplätze.

Die Idee zu dieser Arbeit entstand im Rahmen des Seminars „Soziale Sicherung im internationalen Vergleich", im Zuge der Diskussion der Lissabon-Strategie und des Flexicurity-Konzepts.

Hierbei wurde deutlich, dass, in der Debatte um das theoretische Verständnis und die Zielsetzung von Flexicurity, in letzter Zeit verstärkt der Ruf nach einer neuen Ausrichtung auf die Frage der Qualität von Erwerbsarbeit laut wird. Diese Arbeit soll ein erster Schritt in diese Richtung sein.

Ich werde daher zu Beginn kurz in das Konzept von Flexicurity einführen und dessen Verortung in der Lissabon-Strategie der Europäischen Union erläutern.

Daran anschließend versuche ich den Stand der Debatte um Qualität von Arbeit und den Begriff „Gute Arbeit" darzustellen und verschiedene Konzepte zu einem einheitlichen Verständnis zu verdichten.

Im dann folgenden Hauptteil werde ich mich bemühen, dass Verhältnis von Flexibility, Security und Quality zueinander zu erkunden und ein Modell aufzustellen, dass aus meiner Sicht die arbeitsmarktpolitischen Herausforderungen der nahen Zukunft wiederspiegelt.

Zum Ende gilt es dann, dieses theoretische Konstrukt mit der politischen Wirklichkeit abzugleichen und zu prüfen, wie und wohin sich die arbeitsmarktpolitische Agenda tatsächlich entwickelt.

Das Thema ist sehr komplex und kann im Umfang einer Seminararbeit nur unzureichend abgehandelt werden. Ich habe daher einzelne, wichtige Aspekte wie beispielsweise die Frage nach einem einheitlichen Arbeitsvertragsgesetz, oder die zukünftige Rolle der Gewerkschaften aus den Überlegungen ausgespart, hierfür bitte ich um Verständnis.

2. Flexicurity - Flexibilität und Sicherheit im Arbeitsmarkt

Am 23. März 2000 trat in Lissabon der Europäische Rat zu einer Sondertagung zusammen, um für die Europäische Union ein neues strategisches Ziel festzulegen, im Hinblick auf Beschäftigung, Wirtschaftsreform und sozialen Zusammenhalt.

Diese „Lissabon-Strategie" sollte die Antwort sein auf die Herausforderungen, die für die Union aus der Globalisierung und der steigenden Bedeutung der Informationstechnologie erwachsen war. Sie hatte und hat nach wie vor zum Ziel, „die Union zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt zu machen - einem Wirtschaftsraum, der fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt zu erzielen." (Europäischer Rat 2000)

Der Aspekt, „mehr und bessere Arbeitsplätze" zu schaffen, wird im Rahmen der Strategie vertieft und konkretisiert. Die Beschäftigungsquote soll demnach „von heute 61% bis 2010 möglichst nah an 70%" herangeführt werden und gezielt die „Beschäftigungsquote der Frauen von heute durchschnittlich 51% bis 2010 auf über 60% angehoben werden" (ebd.). Wie dieses Ziel erfolgreich und sozialverträglich zu erreichen ist, lässt sich der Europäischen Sozialagenda entnehmen, die als Ergänzung der Lissabon-Strategie im Dezember 2000 in Nizza verabschiedet wurde.

In diesem Dokument fordert der Europäische Rat einen „gemeinschaftsweiten Austausch von Erfahrungen und Neuerungen im Bereich der Arbeitsbeziehungen, welche die Sicherheit für die Arbeitnehmer und die Flexibilität für die Unternehmen miteinander in Einklang bringen" (Europäischer Rat 2001:16). Das meistdiskutierte Konzept im Rahmen dieses gemeinschaftsweiten Austauschs war, und ist, das der Flexicurity.

Es basiert auf der Theorie des sogenannten „flexibility-security-nexus" (Wilthagen 2002:4), also einem Zusammenhang zwischen Flexibilität (des Arbeitsmarktes) und Sicherheit (der Arbeitnehmer). Dem liegt die Annahme zugrunde, dass Flexibilität eine Grundvoraussetzung für Wirtschaftswachstum und mehr Arbeitsplätze ist, da die Dynamik einer globalisierten Wirtschaft zwingend voraussetzt, dass ein Unternehmen das Portfolio seiner Arbeitnehmer an die ständig wechselnden Herausforderungen anpassen muss, um am Markt erfolgreich zu sein.

Gleichzeitig, so die Theorie, muss in einer sozialen Marktwirtschaft dafür Sorge getragen werden, dass Arbeitnehmer einen gewissen Grad an Sicherheit (z.B. Einkommenssicherheit) benötigen, um ein gelingendes Leben zu führen. Dies gilt insbesondere für Gruppen von Arbeitnehmern, die mit schwierigeren Eintrittsbedingungen in den Arbeitsmarkt zu rechnen haben (z.B. Kranke, ältere Menschen, u.U. Frauen). (ebd.)

Flexicurity stellt demnach eine Politik-Strategie dar, die zum Ziel hat, sowohl die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes (also eine Deregulierung, dementsprechend eine Anpassung des bestehenden Arbeitsrechts) voranzutreiben, als auch gleichzeitig die Sicherheit aller Arbeitnehmer (auch der potentiellen) zu gewährleisten. Dies erscheint auf den ersten Blick als Widerspruch, da Flexibilisierung in diesem Kontext beinhaltet, Arbeitnehmer schneller zu entlassen, zu versetzen, Löhne zu variieren u.Ä., was dem Sicherheitsbedürfnis derselben gegenübersteht.

Es lassen sich jedoch verschiedene Aspekte von Flexibilisierung und Sicherheit betrachten, die in bestimmter Kombination eine widerspruchsfreie Vereinbarung ermöglichen. Diesem Zweck dient die „Flexicurity-Matrix" (vgl. z.B. Wilthagen 2004:4).

Sie unterscheidet zwischen vier verschiedenen Typen von Arbeitnehmer-Sicherheit:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Idee dahinter ist, dass bestimmte Sicherheiten u.U. austauschbar oder gleichwertig sind. So könnte z.B. die Sicherheit bei Verlust zügig einen neuen, gleichwertigen Arbeitsplatz zu bekommen, die Sicherheit den eigenen Arbeitsplatz zu behalten teilweise ablösen.

Auf der anderen Seite existieren vier Dimensionen von Flexibilität, die in der Matrix den Sicherheiten gegenüber gestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(siehe hierzu Schief 2007:5)

Diese Dimensionen bilden verschiedene Bereiche ab, in denen bestehende Regulierungen flexibilisiert werden könnten, um Unternehmen wirtschaftliche Vorteile zu ermöglichen.

Nun lassen sich einzelne Flexibility-Dimensionen mit Security-Dimensionen verbinden und Möglichkeiten aufzeigen, wie eine Kombination der jeweiligen Interessen widerspruchsfrei möglich ist. So kann z.B. die Reduktion der Wochenarbeitszeit Kosten sparen und gleichzeitig die „combination security" des Arbeitnehmers erhöhen, während die anderen Sicherheiten stabil bleiben. Es wäre dabei lediglich darauf zu achten, bei verringertem Einkommen die „income security" nicht zu gefährden. Solcherlei Synergie-Effekte stehen dem klassischen Konzept des „trade-offs" gegenüber, demzufolge ein „mehr" an Flexibilität immer ein „weniger" an Sicherheit zur Folge hat und vice versa (vgl. Gazier 2007:101). Diese Ambivalenz ist Kern der Flexicurity-Debatte und prägt die Auseinandersetzung.

Das Grünbuch der EU-Kommission „Ein modernes Arbeitsrecht für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts" bringt das volkswirtschaftliche Dilemma auf den Punkt: „allzu sehr auf Schutz ausgerichtete Bedingungen können Arbeitgeber in Phasen des Wirtschaftsaufschwungs davon abhalten, Leute einzustellen" (KOM 2006:6) und formuliert daraus einen arbeitsmarktpolitischen Anspruch: „Im Kontext der Globalisierung, der laufenden Umstrukturierung und des Übergangs zu einer wissensbasierten Wirtschaft müssen die europäischen Arbeitsmärkte sowohl integrativer werden als auch besser auf Innovation und Wandel reagieren." (KOM 2006:10)

Der wohlfahrtsstaatliche Charakter der einzelnen Mitgliedsstaaten ergänzt diesen Anspruch um die Aspekte des Schutzes bestehender Arbeitsverhältnisse und der individuellen Einkommenssicherheit. Erlinghagen (2005:47) warnt dabei jedoch davor, diesem Schutzbedürfnis eine zu hohe Priorität einzuräumen: „Flexicurity darf eben nicht zu einem rein defensiven Begriff werden, mit dem versucht wird, aufgrund der scheinbar unvermeidlichen Konvergenz von Wirtschafts- und Sozialsystemen in einer globalisierten und individualisierten Welt einen letzten Rest von Sozialstaatlichkeit zu bewahren." Stattdessen lohnt es sich, das Augenmerk auf die Chancen zur Gestaltung und Verbesserung der Arbeitsmarktpolitik und des Arbeitsrechts zu richten und konstruktiv an möglicherweise noch unbearbeitete Felder heranzugehen. So lässt sich die Aufmerksamkeit von wirtschafts- und beschäftigungspolitischen Teilgebieten auf ein übergeordnetes Verständnis lenken. Zwar finden sich in OECD-Ländern mit hoher numerischer Flexibilität auch hoch performante Arbeitsmärkte, also hohe Beschäftigungsquoten und niedrige Arbeitslosigkeit, aber: „when enlarging the subject to efficiency / equity issues, two other dimensions have to be considered: productivity and the quality and security of employment." (Auer 2007:68).

Während sich Produktivität anhand volkswirtschaftlicher Kennzahlen messen lässt und Beschäftigungssicherheit sich größtenteils über individualarbeitsrechtliche Faktoren definiert (Kündigungsschutz u.Ä.), lässt sich die Qualität von Erwerbsarbeit nicht auf den ersten Blick bestimmen. Hier zeigt sich ein großes Defizit in der Debatte um zukünftige Arbeitsmarktpolitik, dabei betrifft es jeden Arbeitnehmer in hohem Maße, von welcher Qualität seine Beschäftigung und ihre Umstände sind. Ich will daher im Folgenden versuchen, eine annäherungsweise Bestimmung solcher Qualitätskriterien durchzuführen, um sie anschließend in das theoretische Modell der Flexicurity einzubinden.

[...]


[1] „Nach Lehman Brothers"

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Flexiquality – Europäische Beschäftigungspolitik und die Qualität von Arbeit
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Fakultät Bildungswissenschaften)
Veranstaltung
Soziale Sicherung im internationalen Vergleich
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V150278
ISBN (eBook)
9783640614769
ISBN (Buch)
9783640615315
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flexiquality, Flexicurity, Gute Arbeit, Europa 2020, Lissabon-Strategie, Arbeitsmarktpolitik, Arbeitsrecht
Arbeit zitieren
Dipl.-Soz.arb./Soz.päd. (FH) Florian Sondermann (Autor), 2010, Flexiquality – Europäische Beschäftigungspolitik und die Qualität von Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150278

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