Die Rolle der Religion im nationalsozialistischen Argumentationsstrang


Essay, 2009
9 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Über 60 Jahre nach Beendigung des zweiten Weltkrieges ist das Thema Nationalsozialismus noch immer hochaktuell. Schon in der politischen Diskussion um die Sperrung von Internetseiten, bei Reden an Gedenktagen des Holocaust und nicht zuletzt im Lehrplan aller geisteswissenschaftlichen Fächer in den Schulen Nordrhein-Westfalens wird auf den Nationalsozialismus verwiesen. Oft schwingt bei der Thematisierung des Dritten Reichs mit bzw. erweckt zumindest den Eindruck, dass in unserer heutigen Gesellschaft so etwas nicht mehr geschehen könnte, weil wir aus den Fehlern der Geschichte gelernt hätten. Hier ist anzuführen, dass sich selbst einige hochintellektuelle, aufgeklärte Menschen voller Enthusiasmus mit dem Nationalsozialismus identifizieren konnten. In Anbetracht der regelrechten Vernichtung von Millionen von Menschen wirft dies selbstverständlich die Frage auf, auf welche Weise dies zu legitimieren war.

Der Rechtsextremismus war stark von Religiosität geprägt. Hitler verstand sich selbst – jedenfalls in Gegenwart der Öffentlichkeit – als Christ. Im Rahmen dieses Essay wird nun also zu klären sein, wie der Faschismus theologisch untermauert wurde und auf welcher argumentativen Basis dieser beruhte.

2. Hauptteil

In der westlichen Gesellschaft wurde im frühen 20. Jahrhundert deutlich, dass der Glaube an die Nützlichkeit von Vernunft und Fortschritt zumindest in Zeiten der Krise in ungewollte Richtungen gehen kann. Der erste Weltkrieg und die wirtschaftlichen Probleme im Finanzwesen führten dazu, dass sich Intellektuelle die Frage danach stellen mussten, ob das Streben nach immer weiterer wirtschaftlicher Macht und technischer Fähigkeit der richtige Weg sein konnten. Der Glaube an die Vernunft ist nun also selbst Mittelpunkt der Krise.

Als im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert innerhalb der Theologie noch die Erforschung des Leben Jesu in Reaktion auf die Aufklärung eine Hauptaufgabe der Theologie war, wurde vor allem durch die Diskussion über die Wunder Jesu deutlich, dass die biblische Darstellung nicht zwingend der Wahrheit entsprechen konnte. Dies ebnete den Weg dahin, eine andere Wahrheit in Betracht zu ziehen.

Die NS-Ideologie sieht alle Nicht-Arier, insbesondere die Juden, als Feind des deutschen Volkes. Um sich als Herrenrasse auszuweisen, muss nun also philosophisch und theologisch gegen Feinde der christlichen Wahrheit argumentiert werden. Damit ein Heil der deutschen Seelen möglich sei, interpretiert Heidegger „den deskriptiven Satz vom Krieg bei Heraklit (polemos pater panton = Der Krieg ist der Vater von allem) als metaphysisches Gesetz“[1]. Hieraus lassen sich schon auf metaphysischer Grundlage die Nürnberger Gesetze insofern rechtfertigen als dass ein hartes Durchgreifen zum Wohl des Volkes geschehen muss. Selbstverständlich wird hierdurch jegliche moralische Richtlinie, die das Recht auf Leben versichert, außer Kraft gesetzt.

Um sich theologisch zu rechtfertigen begründen die Nationalsozialisten ihre Ideologie auf dem Fundament der Lehre vom Kampf der Rassen. Diese Rassenlehre wurde bereits von Paul de Lagarde und Houston Stewart Chamberlain im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert aufgebaut. Der biologische Begriff Darwins survival of the fittest, also der Kampf ums Dasein, wird interpretiert als Recht des Stärkeren über die Schwachen zu herrschen. Die Vermischung von Stärkeren und Schwächeren wird als Entartung verstanden und sei demnach zu bestrafen. Auf die Schrift übertragen sei Jesus Christus Träger des Evangeliums – der Jude Paulus aber habe Jesus Lehren zerstört. So sei also die jüdische Rasse eine Störung der christlichen Welt, ein fremdes und feindliches Volk, das schon das Blut der Indoeuropäer infizierte. Der Nationalsozialismus begreift den Zusammenhang von Volkstum und Religion also als naturwissenschaftliche Sozialwissenschaft. Von diesem Weltbild ausgehend ist es für die Faschisten ein Leichtes, das arische Volk als erwählte Nation darzustellen. Der Gedanke, eine Nation sei erwählt, zieht sich durch sämtliche alte Völker; auch durch das Judentum. Die NS-Ideologie greift nun diesen Erwählungsanspruch auf und vermengt ihn mit dem Christentum. Jesus habe nämlich gegen das Judentum argumentiert und dessen Lehre teilweise negiert, sodass deutlich werden kann, dass das Himmelreich in arischen Menschen bereits vorhanden sei.

Um die arische Rasse endgültig zu legitimieren, übernimmt der Nationalsozialismus den Mythos vom Herrenmenschen. Die religiösen Wurzeln dieses Mythos sind unbestritten. Schon Jesus wurde von den frühen Christen als Kyrios besungen – einem Herrschaftstitel der dem römischen Imperator zustand. Christus ist durch als Messias an die Stelle der alten Herren und Herrscher in die Welt gelangt. Nun wird dieses Bild vom Herrenmenschen durch Hitler auf das arische Volk übertragen. Die moralischen Werte des Christentums zerfallen und werden durch Macht, Herrschaft und Stolz ersetzt.

Auf Basis dieser Überlegungen müsse nun ein neuer Menschentyp erschaffen werden, der frei von Mischungen mit unwürdigen, nicht-arischen Menschen sei.

Wie hat nun die katholische Kirche auf diese Weltanschauung reagiert? Der zentrale Antisemitismus der Nationalsozialisten kann sich schon von der Sache her nicht mit der Nächstenliebe des Christentums decken. Hier bietet es sich an, katholische Quellen zu befragen, die sich mit dem Phänomen des Antisemitismus beschäftigt haben.

Um 1900, also nachdem die biologisch fundierte Rassenlehre Eingang in die theologische Diskussion fand, beziehen die Katholiken offziell Stellung. Im 1907 veröffentlichten Vorläufer des LThK, dem „Kirchlichen Handlexikon“ wird zwischen einem zwei Arten von Antisemitismus unterschieden. Der eine bekämpft das Judentum als Rasse mitsamt allem, was damit zusammenhängt; der andere verlangt nur besondere Gesetze zum Schutz der christlichen Bevölkerung gegenüber dem schädlichen Einfluss des Judentums. Der biologisch-rassistisch begründete Antisemitismus ist abzulehnen, der liberalistisch-kapitalistische jedoch nicht. Für den zweiten Fall also ist es mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren, dass beispielsweise Christen nur bei Christen und nicht bei Juden kaufen.

[...]


[1] Grabner-Haider, Anton; Strasser, Peter: Hitlers mythische Religion. Theologische Denklinien und NS-Ideologie. Seite 120.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Religion im nationalsozialistischen Argumentationsstrang
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Katholisch-Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Kirchliche Zeitgeschichte: Zeit des Nationalsozialismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
9
Katalognummer
V150356
ISBN (eBook)
9783640615124
ISBN (Buch)
9783640615414
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kirche, Nationalsozialismus, Nationalsozialistische Theologie, Religion im Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Stefan Rohde (Autor), 2009, Die Rolle der Religion im nationalsozialistischen Argumentationsstrang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150356

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